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Full text of "Joseph Roth Werke 5"

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Joseph Roth Werke 5 

Romane und Erzahlungen 
1930-1936 



Herausgegeben und mit einem Nachwort 
von Fritz Hackert 



Biichergilde Gutenberg 



Lizenzausgabe fur die Biichergilde Gutenberg, 

Frankfurt am Main und Wien, 

mit freundlicher Genehmigung 

des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Koln 

© 1989 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Koln, 

und Allert de Lange, Amsterdam 

Satz Froitzheim, Bonn 

Druck und Bindearbeiten Pustet, Regensburg 

Printed in Germany 1994 

ISBN 3 7632 2988 4 



INHALT 



Hiob (Roman 1930) 1 

Radetzkymarsch (Roman 1932) 137 

Stationschef Fallmerayer (Novelle 1933) 456 

Tarabas (Roman 1934) 479 

Triumph der Schonheit (Novelle 1935) 629 

Die Biiste des Kaisers (Novelle 1935) 65$ 

Die HundertTage (Roman 1936) 677 

Anhang 849 

Nachwort 889 



HIOB 

Roman eines einfachen Marines 
1930 



ERSTER TEIL 



I 



Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. 
Er war fromm, gottesfurchtig und gewohnlich, ein ganz alltaglicher 
Jude. Er iibte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, 
das nur aus einer geraumigen Kiiche bestand, vermittelte er Kindern 
die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne auf- 
sehnerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt 
und unterrichtet. 

Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht. Ein Vollbart 
von einem gewohnKchen Schwarz umrahmte es ganz. Den Mund ver- 
deckte der Bart. Die Augen waren grofi, schwarz, trage und halb ver- 
hiillt von schweren Lidern. Auf dem Kopf safi eine Miitze aus schwar- 
zem Seidenrips, einem Stoff, aus dem manchmal unmoderne und bil- 
lige Krawatten gemacht werden. Der Korper steckte im halblangen, 
landesublichen jiidischen Kaftan, dessen Schofie flatterten, wenn Men- 
del Singer durch die Gasse eilte, und die mit hartem, regelmaEigem 
Fliigelschlag an die Schafte der hohen Lederstiefel pochten. 
Singer schien wenig Zeit zu haben und lauter dringende Ziele. GewiE 
war sein Leben standig schwer und zuweilen sogar eine Plage. Eine 
Frau und drei Kinder mufite er kleiden und nahren. (Mit einem vierten 
ging sie schwanger.) Gott hatte seinen Lenden Fruchtbarkeit verliehen, 
seinem Herzen Gleichmut und seinen Handen Armut. Sie hatten kein 
Gold zu wagen und keine Banknoten zu zahlen. Dennoch rann sein 
Leben stetig dahin, wie ein kleiner, armer Bach zwischen karglichen 
Ufern. Jeden Morgen dankte Mendel Gott fur den Schlaf, fur das Er- 
wachen und den anbrechenden Tag. Wenn die Sonne unterging, betete 
er noch einmal. Wenn die ersten Sterne aufspriihten, betete er zum 
drittenmal. Und bevor er sich schlafen legte, fliisterte er ein eiliges 
Gebet mit miiden, aber eifrigen Lippen. Sein Schlaf war traumlos. Sein 
Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu be- 
reuen, und nichts gab es, was er begehrt hatte. Er liebte sein Weib und 
ergotzte sich an ihrem Fleische. Mit gesundem Hunger verzehrte er 
schnell seine Mahlzeiten. Seine zwei kleinen Sonne, Jonas und Sche- 



4 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

marjah, priigelte er wegen Ungehorsams. Aber das Jiingste, die Toch- 
ter Mirjam, liebkoste er haufig. Sie hatte sein schwarzes Haar und seine 
schwarzen, tragen und sanften Augen. Ihre Glieder waren zart, ihre 
Gelenke zerbrechlich. Eine junge Gazelle. 

Zwolf sechsjahrige Schiiler unterrichtete er im Lesen und Memorieren 
der Bibel. Jeder von den zwolf brachte ihm an jedem Freitag zwanzig 
Kopeken. Sie waren Mendel Singers einzige Einnahmen. Dreifiig Jahre 
war er erst alt. Aber seine Aussichten, mehr zu verdienen, waren ge- 
ring, vielleicht iiberhaupt nicht vorhanden. Wurden die Schiiler alter, 
kamen sie zu andern, weiseren Lehrern. Das Leben verteuerte sich von 
Jahr zu Jahr. Die Ernten wurden armer und armer. Die Karotten ver- 
ringerten sich, die Eier wurden hohl, die Kartoffeln erfroren, die Sup- 
pen wasserig, die Karpfen schmal und die Hechte kurz, die Enten ma- 
ger, die Ganse hart und die Huhner ein Nichts. 

Also klangen die Klagen Deborahs, der Frau Mendel Singers. Sie war 
ein Weib, manchmal ritt sie der Teufel. Sie schielte nach dem Besitz 
Wohlhabender und neidete Kaufleuten den Gewinn. Viel zu gering 
war Mendel Singer in ihren Augen. Die Kinder warf sie ihm vor, die 
Schwangerschaft, die Teuerung, die niedrigen Honorare und oft sogar 
das schlechte Wetter. Am Freitag scheuerte sie den Fufiboden, bis er 
gelb wurde wie Safran. Ihre breiten Schultern zuckten auf und nieder 
im gleichmafiigen Rhythmus, ihre starken Hande rieben kreuz und 
quer jedes einzelne Brett, und ihre Nagel fuhren in die Sparren und 
Hohlraume zwischen den Brettern und kratzten schwarzen Unrat her- 
vor, den Sturzwellen aus dem Kiibel vollends vernichteten. Wie ein 
breites, gewaltiges und bewegliches Gebirge kroch sie durch das kahle, 
blaugetunchte Zimmer. Draufien, vor der Tiir, liifteten sich die Mobel, 
das braune, holzerne Bett, die Strohsacke, ein blankgehobelter Tisch, 
zwei lange und schmale Banke, horizontale Bretter, festgenagelt auf je 
zwei vertikalen. Sobald die erste Dammerung an das Fenster hauchte, 
ziindete Deborah die Kerzen an, in Leuchtern aus Alpaka, schlug die 
Hande vors Angesicht und betete. Ihr Mann kam nach Hause, in seidi- 
gem Schwarz, der Fufiboden leuchtete ihm entgegen, gelb wie ge- 
schmolzene Sonne, sein Angesicht schimmerte weifier als gewohnlich, 
schwarzer als an Wochentagen dunkelte auch sein Bart. Er setzte sich, 
sang ein Liedchen, dann schlurften die Eltern und die Kinder die heifie 
Suppe, lachelten den Tellern zu und sprachen kein Wort. Warme er- 
hob sich im Zimmer. Sie schwarmte aus den Topfen, den Schusseln, 



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den Leibern. Die billigen Kerzen in den Leuchtern aus Alpaka hielten 
es nicht aus, sie begannen sich zu biegen. Auf das ziegelrote, blauka- 
rierte Tischtuch tropfte Stearin und verkrustete im Nu. Man stiefi das 
Fenster auf, die Kerzen ermannten sich und brannten friedlich ihrem 
Ende zu. Die Kinder legten sich auf die Strohsacke in der Nahe des 
Ofens, die Eltern safien noch und sahen mit bekiimmerter Festlichkeit 
in die letzten blauen Flammchen, die gezackt aus den Hohlungen der 
Leuchter emporschossen und sanft gewellt zuriicksanken, ein Wasser- 
spiel aus Feuer. Das Stearin schwelte, blaue, diinne Faden aus Rauch 
zogen von den verkohlten Dochtresten aufwarts zur Decke. »Ach!« 
seufzte die Frau. »Seufze nicht!« gemahnte Mendel Singer. Sie schwie- 
gen. »Schlafen wir, Deborah !« befahl er. Und sie begannen, ein Nacht- 
gebet zu murmeln. 

Am Ende jeder Woche brach so der Sabbat an, mit Schweigen, Kerzen 
und Gesang. Vierundzwanzig Stunden spater tauchte er unter in der 
Nacht, die den grauen Zug der Wochentage anfiihrte, einen Reigen aus 
Miihsal. An einem heiEen Tag im Hochsommer, um die vierte Stunde 
des Nachmittags, kam Deborah nieder. Ihre ersten Schreie stiefien in 
den Singsang der zwolf lernenden Kinder. Sie gingen alle nach Hause. 
Sieben Tage Ferien begannen. Mendel bekam ein neues Kind, ein vier- 
tes, einen Knaben. Acht Tage spater wurde es beschnitten und Menu- 
chim genannt. 

Menuchim hatte keine Wiege. Er schwebte in einem Korb aus gefloch- 
tenen Weidenruten in der Mine des Zimmers, mit vier Seilen an einem 
Haken im Plafond befestigt wie ein Kronleuchter. Mendel Singer 
tippte von Zeit zu Zeit mit einem leichten, nicht lieblosen Finger an 
den hangenden Korb, der sofort anfing zu schaukeln. Diese Bewegung 
beruhigte den Saugling zuweilen. Manchmal aber half gar nichts gegen 
seine Lust, zu wimmern und zu schreien. Seine Stimme krachzte liber 
den Stimmen der zwolf lernenden Kinder, profane, hafiliche Laute 
iiber den heiligen Satzen der Bibel. Deborah stieg auf einen Schemel 
und holte den Saugling herunter. Weift, geschwellt und kolossal ent- 
quoll ihre Brust der offenen Bluse und zog die Blicke der Knaben 
ubermachtig auf sich. Alle Anwesenden schien Deborah zu saugen. 
Ihre eigenen alteren drei Kinder umstanden sie, eifersuchtig und lii- 
stern. Stille brach ein. Man horte das Schmatzen des Sauglings. 
Die Tage dehnten sich zu Wochen, die Wochen wuchsen sich zu Mo- 
naten aus, zwolf Monate machten ein Jahr. Menuchim trank immer 



6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

noch die Milch seiner Mutter, eine schiittere, klare Milch. Sie konnte 
ihn nicht absetzen. Im dreizehnten Monat seines Lebens begann er, 
Grimassen zu schneiden und wie ein Tier zu stohnen, in jagender Hast 
zu atmen und auf eine noch nie dagewesene Art zu keuchen. Sein gro- 
fier Schadel hing schwer wie ein Kiirbis an seinem dtinnen Hals. Seine 
breite Stirn faltelte und furchte sich kreuz und quer wie ein zerknitter- 
tes Pergament. Seine Beine waren gekrummt und ohne Leben wie zwei 
holzerne Bogen. Seine diirren Armchen zappelten und zuckten. La- 
cherliche Laute stammelte sein Mund. Bekam er einen Anfall, so nahm 
man ihn aus der Wiege und schtittelte ihn ordentlich, bis sein Ange- 
sicht blaulich wurde und der Atem ihm beinah verging. Dann erholte 
er sich langsam. Man legte gebriihten Tee (in mehreren Sackchen) auf 
seine magere Brust und wickelte Huflattich um seinen diinnen Hals. 
»Macht nichts«, sagte sein Vater, »es kommt vom Wachsen!« »S6hne 
geraten nach den Briidern der Mutter. Mein Bruder hat es fiinf Jahre 
gehabt!« sagte die Mutter. »Man wachst sich aus!« sprachen die an- 
dern. Bis eines Tages die Pocken in der Stadt ausbrachen, die Behorden 
Impfungen vorschrieben und die Arzte in die Hauser der Juden dran- 
gen. Manche verbargen sich. Mendel Singer aber, der Gerechte, floh 
vor keiner Strafe Gottes. Auch der Impfung sah er getrost entgegen. 
Es war an einem heifien, sonnigen Vormittag, an dem die Kommission 
durch Mendels Gasse kam. Das letzte in der Reihe der jiidischen Hau- 
ser war Mendels Haus. Mit einem Polizisten, der ein grofies Buch im 
Arm trug, ging der Doktor Soltysiuk mit wehendem, blondem 
Schnurrbart im braunen Angesicht, einen goldgeranderten Kneifer auf 
der geroteten Nase, mit breiten Schritten, in knarrend gelben Lederga- 
maschen und den Rock, der Hitze wegen, iiber die blaue Rubaschka 
lassig gehangt, daft die Armel wie noch ein paar Arme aussahen, die 
ebenfalls bereit schienen, Impfungen vorzunehmen: also kam der 
Doktor Soltysiuk in die Gasse der Juden. Ihm entgegen scholl das 
Wehklagen der Frauen und das Heulen der Kinder, die sich nicht hat- 
ten verbergen konnen. Der Polizist holte Frauen und Kinder aus tiefen 
Kellern und von hohen Dachboden, aus kleinen Kammerchen und 
grofien Strohkorben. Die Sonne bnitete, der Doktor schwitzte. Nicht 
weniger als hundertsechsundsiebzig Juden hatte er zu impfen. Fur je- 
den Geflohenen und Unerreichbaren dankte er Gott im stillen. Als er 
zum vierten der kleinen, blaugetiinchten Hauschen gelangt war, gab er 
dem Polizisten einen Wink, nicht mehr eifrig zu suchen. Immer starker 



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schwoll das Geschrei, je weiter der Doktor ging. Es wehte vor seinen 
Schritten einher. Das Geheul derjenigen, die sich noch fiirchteten, ver- 
band sich mit dem Fluchen der bereits Geimpften. Miide und vollends 
verwirrt liefl er sich in Mendels Stube mit einem schweren Stohnen auf 
die Bank nieder und verlangte ein Glas Wasser. Sein Blick fiel auf den 
kleinen Menuchim, er hob den Kriippel hoch und sagte: »Er wird ein 
Epileptiker.« Angst gofi er in des Vaters Herz. »Alle Kinder haben 
Fraisen«, wandte die Mutter ein. »Das ist es nicht«, bestimmte der 
Doktor. »Aber ich konnte ihn vielleicht gesund machen. Es ist Leben 
in seinen Augen.« 

Gleich wollte er den Kleinen ins Krankenhaus mitnehmen. Schon war 
Deborah bereit. »Man wird ihn umsonst gesund machen«, sagte sie. 
Mendel aber erwiderte: »Sei still, Deborah! Gesund machen kann ihn 
kein Doktor, wenn Gott nicht will. Soil er unter russischen Kindern 
aufwachsen? Kein heiliges Wort horen? Milch und Fleisch essen und 
Huhner auf Butter gebraten, wie man sie im Spital bekommt? Wir sind 
arm, aber Menuchims Seele verkauf ich nicht, nur weil seine Heilung 
umsonst sein kann. Man wird nicht geheilt in fremden Spitalern.« Wie 
ein Held hielt Mendel seinen diirren, weiften Arm zum Impfen hin. 
Menuchim aber gab er nicht fort. Er beschlofi, Gottes Hilfe fur seinen 
Jiingsten zu erflehen und zweimal in der Woche zu fasten, Montag und 
Donnerstag. Deborah nahm sich vor, auf den Friedhof zu pilgern und 
die Gebeine der Ahnen anzurufen um ihre Fiirsprache beim Allmach- 
tigen. Also wiirde Menuchim gesund werden und kein Epileptiker. 
Dennoch hing seit der Stunde der Impfung iiber dem Haus Mendel 
Singers die Furcht wie ein Ungetiim, und der Kummer durchzog die 
Herzen wie ein dauernder heifter und stechender Wind. Deborah 
durfte seufzen, und ihr Mann wies sie nicht zurecht. Langer als sonst 
hielt sie ihr Angesicht in den Handen vergraben, wenn sie betete, als 
schufe sie sich eigene Nachte, die Furcht in ihnen zu begraben, und 
eigene Finsternisse, um zugleich die Gnade in ihnen zu finden. Denn 
sie glaubte, wie es geschrieben stand, daft Gottes Licht in den Dam- 
mernissen aufleuchte und seine Giite das Schwarze erhelle. Menuchims 
Anfalle aber horten nicht auf. Die alteren Kinder wuchsen und wuch- 
sen, ihre Gesundheit larmte wie ein Feind Menuchims, des Kranken, 
bose in den Ohren der Mutter. Es war, als bezogen die gesunden Kin- 
der Kraft von dem Siechen, und Deborah hafite ihr Geschrei, ihre ro- 
ten Wangen, ihre geraden Gliedmaften. Sie pilgerte zum Friedhof 



5 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

durch Regen und Sonne. Sie schlug mit dem Kopf gegen die moosigen 
Sandsteine, die aus den Gebeinen ihrer Vater und Mutter wuchsen. Sie 
beschwor die Toten, deren stumme, trostende Antworten sie zu horen 
vermeinte. Auf dem Heimweg zitterte sie vor Hoffnung, ihren Sohn 
gesund wiederzufinden. Sie versaumte den Dienst am Herd, die Suppe 
lief liber, die tonernen Topfe zerbrachen, die Kasserollen verrosteten, 
die griinlich schimmernden Glaser zersprangen mit hartem Knall, der 
Zylinder der Petroleumlampe verfinsterte sich rufiig, der Docht ver- 
kohlte kummerlich zu einem Zapfchen, der Schmutz vieler Sohlen und 
vieler Wochen uberlagerte die Dielen des Bodens, das Schmalz im 
Topfe zerrann, die Knopfe fielen diirr von den Hemden der Kinder 
wie Laub vor dem Winter. 

Eines Tages, eine Woche vor den hohen Feiertagen (aus dem Sommer 
war Regen geworden, und aus dem Regen wollte Schnee werden), 
packte Deborah den Korb mit ihrem Sohn, legte wollene Decken liber 
ihn, stellte ihn auf die Fuhre des Kutschers Sameschkin und reiste nach 
Kluczysk, wo der Rabbi wohnte. Das Sitzbrett lag locker auf dem 
Stroh und rutschte bei jeder Bewegung des Wagens. Lediglich mit dem 
Gewicht ihres Korpers hielt Deborah es nieder, lebendig war es, hiip- 
fen wollte es. Die schmale, gewundene Strafie bedeckte der silbergraue 
Schlamm, in dem die hohen Stiefel der Vorliberkornrnenden versanken 
und die halben Rader der Fuhre. Der Regen verhullte die Felder, zer- 
staubte den Rauch liber den vereinzelten Hlitten, zermahlte mit 
unendlicher, feiner Geduld alles Feste, auf das er traf, den Kalkstein, 
der hier und dort wie weifter Zahn aus der schwarzen Erde wuchs, die 
zersagten Stamme an den Randern der Strafie, die aufeinanderge- 
schichteten, duftenden Bretter vor dem Eingang zur Sagemuhle, auch 
das Kopftuch Deborahs und die wollenen Decken, unter denen Menu- 
chim begraben lag. Kein Tropfchen sollte ihn benetzen. Deborah be- 
rechnete, dafi sie noch vier Stunden zu fahren hatte; horte der Regen 
nicht auf, mufke sie vor der Herberge halten und die Decken trocknen, 
einen Tee trinken und die mitgenommenen, ebenfalls schon durch- 
weichten Mohnbrezeln verzehren. Das konnte flinf Kopeken kosten, 
fiinf Kopeken, mit denen man nicht leichtsinnig umgehen darf. Gott 
hatte ein Einsehen, es horte zu regnen auf. Uber hastigen Wolkenfet- 
zen bleichte eine zerronnene Sonne, eine Stunde kaum; in einem 
neuen, tieferen Dammer versank sie endgliltig. 
Die schwarze Nacht lagerte in Kluczysk, als Deborah ankam. Viele 



HIOB 9 

ratlose Menschen waren bereits gekommen, den Rabbi zu sehn. Kluc- 
zysk bestand aus ein paar tausend niedrigen, stroh- und schindelge- 
deckten Hausern, einem kilometerweiten Marktpiatz, der wie ein 
trockener See war, umkranzt von Gebauden. Die Fuhrwerke, die in 
ihm herumstanden, erinnerten an steckengebliebene Wracks; ubrigens 
verloren sie sich, winzig und sinnlos, in der kreisrunden Weite. Die 
ausgespannten Pferde wieherten neben den Fuhrwerken und traten mit 
miiden, klatschenden Hufen den klebrigen Schlamm. Einzelne Manner 
irrten mit schwankenden, gelben Laternen durch die runde Nacht, eine 
vergessene Decke zu holen und ein klirrendes Geschirr mit Mundvor- 
rat. Ringsum, in den tausend kleinen Hauschen, waren Ankommlinge 
untergebracht. Sie schliefen auf Pritschen neben den Betten der Einhei- 
mischen, die Siechen, die Krummen, die Lahmen, die Wahnsinnigen, 
die Idiotischen, die Herzschwachen, die Zuckerkranken, die den 
Krebs im Leibe trugen, deren Augen mit Trachom verseucht waren, 
Frauen mit unfruchtbarem Schofi, Miitter mit mifigestalteten Kindern, 
Manner, denen Gefangnis oder Militardienst drohte, Deserteure, die 
um eine gegliickte Fluent baten, von Arzten Aufgegebene, von der 
Menschheit Verstofiene, von der irdischen Gerechtigkeit Mifihandelte, 
Bekiimmerte, Sehnsuchtige, Verhungernde und Satte, Betriiger und 
Ehrliche, alle, alle, alle . . . 

Deborah wohnte bei Kluczysker Verwandten ihres Mannes. Sie schlief 
nicht. Die ganze Nacht kauerte sie neben dem Korb Menuchims in der 
Ecke, neben dem Herd; finster war das Zimmer, finster war ihr Herz. 
Sie wagte nicht mehr, Gott anzurufen, er schien ihr zu hoch, zu grofi, 
zu weit, unendlich hinter unendlichen Himmeln, eine Leiter aus Mil- 
lionen Gebeten hatte sie haben miissen, um einen Zipfel von Gott zu 
erreichen. Sie suchte nach toten Gonnern, rief die Eltern an, den Groft- 
vater Menuchims, nach dem der Kleine hiefi, dann die Erzvater der 
Juden, Abraham, Isaak und Jakob, die Gebeine Mosis und zum Schluft 
die Erzmiitter. Wo immer eine Fiirsprach moglich war, schickte sie 
einen Seufzer vor. Sie pochte an hundert Graber, an hundert Tiiren des 
Paradieses. Vor Angst, dafi sie morgen den Rabbi nicht erreichen 
wiirde, weil zuviel Bittende da waren, betete sie zuerst um das Gliick, 
rechtzeitig vordringen zu konnen, als ware die Gesundung ihres Soh- 
nes dann schon ein Kinderspiel. Endlich sah sie durch die Ritzen der 
schwarzen Fensterladen ein paar fahle Streifen des Morgens. Schnell 
erhob sie sich. Sie ziindete die trockenen Kienspane an, die auf dem 



10 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Herd lagen, suchte und fand einen Topf, holte den Samowar vom 
Tisch, warf die brennenden Spane hinein, schiittete Kohle nach, faftte 
das Gefafi an beiden Henkeln, biickte sich und blies hinein, dafi die 
Funken herausstoben und um ihr Angesicht knisterten. Es war, als 
handelte sie nach einem geheimnisvollen Ritus. Bald siedete das Was- 
ser, bald kochte der Tee, die Familie erhob sich, sie setzten sich vor 
irdene, braune Geschirre und tranken. Da hob Deborah ihren Sohn 
aus dem Korb. Er winselte. Sie kufite ihn schnell und viele Male, mit 
einer rasenden Zartlichkeit, ihre feuchten Lippen knallten auf das 
graue Angesicht, die diirren Handchen, die krummen Schenkel, den 
aufgedunsenen Bauch des Kleinen, es war, als schliige sie das Kind mit 
ihrem Hebenden miitterlichen Mund. Hierauf packte sie ihn ein, 
schnurte einen Strick um das Paket und hangte sich ihren Sohn um den 
Hals, damit ihre Hande frei wiirden. Platz wollte sie sich schaffen im 
Gedrange vor der Tiir des Rabbi. 

Mit scharfem Heulen stiirzte sie sich in die Menge der Wartenden, mit 
grausamen Fausten drangte sie Schwache auseinander, niemand konnte 
sie aufhalten. Wer immer, von ihrer Hand getroffen und weggerlickt, 
sich nach ihr umsah, um sie zuriickzuweisen, war geblendet von dem 
brennenden Schmerz in ihrem Angesicht, ihrem offenen roten Mund, 
aus dem ein sengender Hauch zu stromen schien, von dem kristallenen 
Leuchten der grofien, rollenden Tranen, von den Wangen, die in hell- 
roten Flammen standen, von den dicken blauen Adern am gereckten 
Hals, in denen sich die Schreie sammelten, ehe sie ausbrachen. Wie 
eine Fackel wehte Deborah einher. Mit einem einzigen grellen Schrei, 
hinter dem die grauenhafte Stille einer ganzen gestorbenen Welt ein- 
stiirzte, fiel Deborah vor der endlich erreichten Tiir des Rabbi nieder, 
die Klinke in der gereckten Rechten. Mit der Linken trommelte sie 
gegen das braune Holz. Menuchim schleifte vor ihr her am Boden. 
Jemand machte die Tiir auf. Der Rabbi stand am Fenster, er kehrte ihr 
den Riicken, ein schwarzer, schmaler Strich. Plotzlich wandte er sich 
um. Sie blieb an der Schwelle, auf beiden Armen bot sie ihren Sohn 
dar, wie man ein Opfer bringt. Sie erhaschte einen Schimmer von dem 
bleichen Angesicht des Mannes, das eins zu sein schien mit seinem 
weifien Bart. Sie hatte sich vorgenommen, in die Augen des Heiligen 
zu sehen, um sich zu iiberzeugen, dafi wirklich in ihnen die machtige 
Giite lebe. Aber nun sie hier stand, lag ein See von Tranen vor ihrem 
Blick, und sie sah den Mann hinter einer weifien Welle aus Wasser und 



HIOB II 

Salz. Er hob die Hand, zwei diirre Finger glaubte sie zu erkennen, 
Instrumente des Segens. Aber ganz nah horte sie die Stimme des 
Rabbi, obwohl er nur fliisterte: 

»Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird 
es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die 
Hafilichkeit gutig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine 
Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. 
Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, wer- 
den sie Gutes kiinden. Hab keine Furcht, und geh nach Haus!« 
»Wann, wann, wann wird er gesund werden ?« fliisterte Deborah. 
»Nach langen Jahren«, sagte der Rabbi, »aber frage mich nicht weiter, 
ich habe keine Zeit, und ich weifi nicht mehr. Verlaft deinen Sohn 
nicht, auch wenn er dir eine grofie Last ist, gib ihn nicht weg von dir, 
er kommt aus dir, wie ein gesundes Kind. Und geh!« . . . 
Draufien machte man ihr Platz. Ihre Wangen waren blafi, ihre Augen 
trocken, ihre Lippen leicht geoffnet, als atmeten sie lauter Hoffnung. 
Gnade im Herzen, kehrte sie heim. 



II 

Als Deborah heimkehrte, traf sie ihren Mann am Herd. Unwillig be- 
sorgte er das Feuer, den Topf, die holzernen Loffel. Sein gerader Sinn 
war auf die einfachen, irdischen Dinge gerichtet und vertrug kein 
Wunder im Bereich der Augen. Er lachelte iiber den Glauben seiner 
Frau an den Rabbi. Seine schlichte Frommigkeit bedurfte keiner ver- 
mittelnden Gewalt zwischen Gott und den Menschen. »Menuchim 
wird gesund werden, aber es wird lange dauern!« Mit diesen Worten 
betrat Deborah das Haus. »Es wird lange dauernU wiederholte Men- 
del wie ein boses Echo. Deborah hangte seufzend den Korb wieder an 
den Plafond. Die alteren drei Kinder kamen vom Spiel. Sie fielen iiber 
den Korb her, den sie schon einige Tage vermiftt hatten, und liefien ihn 
heftig pendeln. Mendel Singer ergriff mit beiden Handen seine Sonne, 
Jonas und Schemarjah. Mirjam, das Madchen, fluchtete zur Mutter. 
Mendel kniff seine Sonne in die Ohren. Sie heulten auf. Er schnallte 
den Hosengurt ab und schwang ihn durch die Luft. Als gehorte das 
Leder noch zu seinem Korper, als ware es die natiirliche Fortsetzung 
seiner Hand, fiihlte Mendel Singer jeden klatschenden Schlag, der die 



12 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Riicken seiner Sonne traf. Ein unheimliches Getose brach los in seinem 
Kopf. Die warnenden Schreie seiner Frau fielen in seinen eigenen 
Larm, unbedeutend vergingen sie darin. Es war, als schiittete man Gla- 
ser Wasser in ein aufgeregtes Meer. 

Er fuhlte nicht, wo er stand. Er wirbelte mit dem schwingenden, knal- 
lenden Giirtel umher, traf die Wande, den Tisch, die Banke und wufite 
nicht, ob ihn die verfehlten Schlage mehr freuten oder die gelungenen. 
Endlich klang es drei von der Wanduhr, die Stunde, in der sich die 
Schiiler am Nachmittag versammelten. Mit leerem Magen - denn er 
hatte nichts gegessen-, die wiirgende Aufregung noch in der Kehle, 
begann Mendel, Wort fur Wort, Satz fur Satz aus der Bibel vorzutra- 
gen. Der helle Chor der Kinderstimmen wiederholte Wort fur Wort, 
Satz fur Satz, es war, als wiirde die Bibel von vielen Glocken gelautet. 
Wie Glocken schwangen auch die Oberkorper der Lernenden vor- 
warts und zuriick, indes iiber den Kopfen der Korb Menuchims fast in 
gleichem Rhythmus pendelte. Heute nahmen Mendels Sohne am Un- 
terricht teil. Des Vaters Zorn versprtihte, erkaltete, erlosch, weil sie im 
klingenden Vorsagen den andern voran waren. Um sie zu erproben, 
verliefi er die Stube. Der Chor der Kinder lautete weiter, angefiihrt von 
den Stimmen der Sohne. Er konnte sich auf sie verkssen. 
Jonas, der altere, war stark wie ein Bar, Schemarjah, der jiingere, war 
schlau wie ein Fuchs. Stampfend trottete Jonas einher, mit vorgeneig- 
tem Kopf, mit hangenden Handen, strotzenden Backen, ewigem Hun- 
ger, gekrauseltem Haar, das heftig iiber die Rander der Miitze wu- 
cherte. Sanft und beinahe schleichend, mit spitzem Profil, immer 
wachen, hell en Augen, diinnen Armen, in der Tasche vergrabenen 
Handen, folgte ihm sein Bruder Schemarjah. Niemals brach ein Streit 
zwischen ihnen aus, zu feme waren sie einander, getrennt waren ihre 
Reiche und Besitzttimer, sie hatten ein Bundnis geschlossen. Aus 
Blechdosen, Zundholzschachteln, Scherben, Hornern, Weidenruten 
verfertigte Schemarjah wunderbare Sachen. Jonas hatte sie mit seinem 
starken Atem umblasen und vernichten konnen. Aber er bewunderte 
die zarte Geschicklichkeit seines Bruders. Seine kleinen, schwarzen 
Augen blinkten wie Fiinkchen zwischen seinen Wangen, neugierig und 
heiter. 

Einige Tage nach ihrer Riickkehr erachtete Deborah die Zeit fur ge- 
kommen, Menuchims Korb vom Plafond abzuknopfen. Nicht ohne 
Feierlichkeit iibergab sie den Kleinen den altern Kindern. »Ihr werdet 



HIOB 13 

ihn spazierenfiihren!« sagte Deborah. »Wenn er rnude wird, werdet ihr 
ihn tragen. Lafit ihn Gott behiite nicht fallen! Der heilige Mann hat 
gesagt, er wird gesund. Tut ihm kein Weh.« Von nun an begann die 
Plage der Kinder. 

Sie schleppten Menuchim wie ein Ungliick durch die Stadt, sie liefien 
ihn liegen, sie liefien ihn fallen. Sie ertrugen den Hohn der Altersge- 
nossen schwer, die hinter ihnen herliefen, wenn sie Menuchim spazie- 
renfuhrten. Der Kleine mufite zwischen zweien gehalten werden. Er 
setzte nicht einen Fufi vor den andern wie ein Mensch. Er wackelte mit 
seinen Beinen wie mit zwei zerbrochenen Reifen, er blieb stehen, er 
knickte ein. Schliefilich liefien ihn Jonas und Schemarjah liegen. Sie 
legten ihn in eine Ecke, in einen Sack. Dort spielte er mit Hundekot, 
Pferdeapfeln, Kieselsteinen. Er frafi alles. Er kratzte den Kalk von den 
Wanden und stopfte sich den Mund voll, hustete dann und wurde blau 
im Angesicht. Ein Stuck Dreck, lagerte er im Winkel. Manchmal fing 
er an zu weinen. Die Knaben schickten Mirjam zu ihm, damit sie ihn 
troste. Zart, kokett, mit hiipfenden diinnen Beinen, einen hafilichen 
und hassenden Abscheu im Herzen, naherte sie sich ihrem lacherlichen 
Bruder. Die Zartlichkeit, mit der sie sein aschgraues, verknittertes An- 
gesicht streichelte, hatte etwas Morderisches. Sie sah sich vorsichtig 
um, nach rechts und links, dann kniff sie ihren Bruder in den Schenkel. 
Er heulte auf, Nachbarn sahen aus den Fenstern. Sie verzerrte das An- 
gesicht zur weinerlichen Grimasse. Alle Menschen hatten Mitleid mit 
ihr und fragten sie aus. 

Eines Tages im Sommer, es regnete, schleppten die Kinder Menuchim 
aus dem Haus und steckten ihn in den Bottich, in dem sich Regenwas- 
ser seit einem halben Jahr gesammelt hatte, Wurmer herumschwam- 
men, Obstreste und verschimmelte Brotrinden. Sie hielten ihn an den 
krummen Beinen und stiefien seinen grauen, breiten Kopf ein dut- 
zendmal ins Wasser. Dann zogen sie ihn heraus, mit klopfenden Her- 
zen, roten Wangen, in der freudigen und grausigen Erwartung, einen 
Toten zu halten. Aber Menuchim lebte. Er rochelte, spuckte das Was- 
ser aus, die Wurmer, das verschimmelte Brot, die Obstreste und lebte. 
Nichts geschah ihm. Da trugen ihn die Kinder schweigsam und voller 
Angst ins Haus zuriick. Eine grofte Furcht vor Gottes kleinem Finger, 
der eben ganz leise gewinkt hatte, ergriff die zwei Knaben und das 
Madchen. Den ganzen Tag sprachen sie nicht zueinander. Ihre Zungen 
lagen gefesselt an den Gaumen, ihre Lippen offneten sich, ein Wort zu 



14 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

formen, aber kein Ton bildete sich in ihren Kehlen. Es horte zu regnen 
auf, die Sonne erschien, die Bachlein flossen munter an den Randern 
der Strafien. Es ware an der Zeit gewesen, die Papierschiffchen loszu- 
lassen und zuzusehen, wie sie dem Kanal entgegenschwimmen. Aber 
gar nichts geschah. Die Kinder krochen ins Haus zuriick wie Hunde. 
Den ganzen Nachmittag noch warteten sie auf den Tod Menuchims. 
Menuchim starb nicht. 

Menuchim starb nicht, er blieb arn Leben, ein machtiger Kriippel. Von 
nun an war der Schofi Deborahs trocken und fruchtlos. Menuchim war 
die letzte, mifiratene Frucht ihres Leibes, es war, als weigerte sich ihr 
Schofi, noch mehr Ungliick hervorzubringen. In fluchtigen Sekunden 
umarmte sie ihren Mann. Sie waren kurz wie Blitze, trockene Blitze 
am fernen, sommerlichen Horizont. Lang, grausam und ohne Schlaf 
waren Deborahs Nachte. Eine Wand aus kaltem Glas trennte sie von 
ihrem Mann. Ihre Briiste welkten, ihr Leib schwoll an wie ein Hohn 
auf ihre Unfruchtbarkeit, ihre Schenkel wurden schwer, und Blei hing 
an ihren Fiifien. 

Eines Morgens im Sommer erwachte sie friiher als Mendel. Ein zwit- 
schernder Sperling am Fensterbrett hatte sie geweckt. Noch lag ihr sein 
Pfiff im Ohr, Erinnerung an Getraumtes, Gliickliches, wie die Stimme 
eines Sonnenstrahls. Die friihe, warme Dammerung durchdrang die 
Poren und Ritzen der holzernen Fensterladen, und obwohl die Kanten 
der Mobel noch im Schatten der Nacht verrannen, war Deborahs Auge 
schon klar, ihr Gedanke hart, ihr Herz kuhl. Sie warf einen Blick auf 
den schlafenden Mann und entdeckte die ersten weifien Haare in sei- 
nem schwarzen Bart. Er rausperte sich im Schlaf. Er schnarchte. 
Schnell sprang sie vor den blinden Spiegel. Sie fuhr mit kalten, strah- 
lenden Fingerspitzen durch ihren schiitteren Scheitel, zog eine Strahne 
nach der andern vor die Stirn und suchte nach weiften Haaren. Sie 
glaubte, ein einziges gefunden zu haben, ergriff es mit einer harten 
Zange aus zwei Fingern und rift es aus. Dann offnete sie ihr Hemd vor 
dem Spiegel. Sie sah ihre schlaf fen Briiste, hob sie hoch, liefl sie fallen, 
strich mit der Hand iiber den hohlen und dennoch gewolbten Leib, sah 
die blauen verzweigten Adern an ihren Schenkeln und beschlofi, wie- 
der ins Bett zu gehn. Sie wandte sich um, und ihr Blick stiefi erschrok- 
ken auf das geoffnete Aug' ihres Mannes. »Was schaust du?« rief sie. 
Er antwortete nicht. Es war, als gehorte das offene Auge nicht ihm, 
denn er selbst schlief noch. Unabhangig von ihm hatte es sich geoffnet. 



HIOB 15 

Selbstandig neugierig war es geworden. Das Weifie des Auges schien 
weifier als gewohnlich. Die Pupille war winzig. Das Auge erinnerte 
Deborah an einen vereisten See mit einem schwarzen Punkt darinnen. 
Es konnte kaum eine Minute offen gewesen sein, aber Deborah hielt 
diese Minute fiir ein Jahrzehnt. Mendels Auge schloft sich wieder. Er 
atmete ruhig weiter, er schlief, ohne Zweifel. Ein femes Trillern von 
Millionen Lerchen erhob sich draufien, iiber dem Haus, unter den 
Himmeln. Schon drang die anbrechende Hitze des jungen Tages in den 
morgendlich verdunkelten Raum. Bald mufke die Uhr sechs Schlage 
schlagen, die Stunde, in der Mendel Singer aufzustehen pflegte. Debo- 
rah riihrte sich nicht. Sie blieb stehen, wo sie gestanden war, als sie sich 
wieder dem Bett zugewandt hatte, den Spiegel im Rucken. Nie hatte 
sie so stehend gelauscht, ohne Zweck, ohne Not, ohne Neugier, ohne 
Lust. Sie wartete auf gar nichts. Aber es schien ihr, dafi sie auf etwas 
Besonderes warten mufke. Alle ihre Sinne waren wach wie nie, und 
noch ein paar unbekannte, neue Sinne waren erwacht, zur Unterstut- 
zung der alten. Sie sah, horte, fiihlte tausendfach. Und gar nichts ge- 
schah. Nur ein Sommermorgen brach an, nur Lerchen trillerten in un- 
erreichbarer Feme, nur Sonnenstrahlen zwangten sich mit heifkr Ge- 
walt durch die Ritzen der Laden, und die breiten Schatten an den Ran- 
dern der Mobelstiicke wurden schmaler und schmaler, und die Uhr 
tickte und holte zu sechs Schlagen aus, und der Mann atmete. Lautlos 
lagen die Kinder in der Ecke neben dem Herd, Deborah sichtbar, aber 
weit, wie in einem andern Raum. Gar nichts geschah. Dennoch schien 
Unendliches geschehen zu wollen. Die Uhr schlug wie eine Erlosung. 
Mendel Singer erwachte, setzte sich gerade im Bett auf und starrte ver- 
wundert auf seine Frau. »Warum bist du nicht im Bett?« fragte er und 
rieb sich die Augen. Er hustete und spuckte aus. Gar nichts an seinen 
Worten und an seinem Gehaben verriet, daft sein linkes Auge offen 
gewesen war und selbstandig geschaut hatte. Vielleicht wufke er nichts 
mehr, vielleicht hatte sich Deborah getauscht. 

Seit diesem Tage horte die Lust auf zwischen Mendel Singer und seiner 
Frau. Wie zwei Menschen gleichen Geschlechts gingen sie schlafen, 
durchschliefen sie die Nachte, erwachten sie des Morgens. Sie scham- 
ten sich voreinander und schwiegen wie in den ersten Tagen ihrer Ehe. 
Die Scham stand am Beginn ihrer Lust, und am Ende ihrer Lust stand 
sie auch. 
Dann war auch sie uberwunden. Sie redeten wieder, ihre Augen wi- 



\6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

chen nicht mehr einander aus, im gleichen Rhythmus alterten ihre Ge- 
sichter und ihre Leiber wie Gesichter und Leiber von Zwillingen. Der 
Sommer war trage und schweren Atems und arm an Regen. Tiir und 
Fenster standen offen. Die Kinder waren selten zu Haus. Draufien 
wuchsen sie schnell, von der Sonne befruchtet. 

So gar Menuchim wuchs. Seine Beine blieben zwar gekriimmt, aber sie 
wurden ohne Zweifel 1 anger. Auch sein Oberkorper streckte sich. 
Plotzlich, eines Morgens, stiefi er einen nie gehorten, schrillen Schrei 
aus. Dann blieb er still. Eine Weile spater sagte er, klar und vernehm- 
lich: »Mama.« 

Deborah stiirzte sich auf ihn, und aus ihren Augen, die lange schon 
trocken gewesen waren, flossen die Tranen, heifi, stark, grofi, salzig, 
schmerzlich und siifi. »Sag Mama!« »Mama«, wiederholte der Kleine. 
Ein dutzendmal wiederholte er das Wort. Hundertmal wiederholte es 
Deborah. Nicht vergeblich waren ihre Bitten geblieben. Menuchim 
sprach. Und dieses eine Wort der Miftgeburt war erhaben wie eine 
Offenbarung, machtig wie ein Donner, warm wie die Liebe, gnadig 
wie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie ein Acker, siift wie 
eine sufie Frucht. Es war mehr als die Gesundheit der gesunden Kin- 
der. Es bedeutete, dafi Menuchim stark und groft, weise und giitig wer- 
den sollte, wie die Worte des Segens gelautet hatten. 
Allerdings: Noch andere verstandliche Laute kamen nicht mehr aus 
Menuchims Kehle. Lange Zeit bedeutete dieses eine Wort, das er nach 
so schrecklichem Schweigen zustande gebracht hatte, Essen und Trin- 
ken, Schlafen und Lieben, Lust und Schmerz, Himmel und Erde. Ob- 
wohl er nur dieses Wort bei jeder Gelegenheit sagte, erschien er seiner 
Mutter Deborah beredt wie ein Prediger und reich an Ausdruck wie 
ein Dichter. Sie verstand jedes Wort, das sich in dem einen verbarg. 
Sie vernachlassigte die alteren Kinder. Sie wandte sich von ihnen ab. 
Sie hatte nur einen Sohn, den einzigen Sohn: Menuchim. 



Ill 



Vielleicht brauchen Segen eine langere Zeit zu ihrer Erfiillung als Flii- 
che. Zehn Jahre waren vergangen, seitdem Menuchim sein erstes und 
einziges Wort ausgesprochen hatte. Er konnte immer noch kein ande- 
res sagen. 



HIOB 17 

Manchmalj wenn Deborah mit ihrem kranken Sohn allein im Hause 
war, schob sie den Riegel vor, setzte sich neben Menuchim auf den 
Boden und sah dem Kleinen Starr ins Angesicht. Sie erinnerte sich an 
den fiirchterlichen Tag im Sommer, an dem die Grafin vor der Kirche 
vorgefahren war. Deborah sieht das offene Portal der Kirche. Ein gol- 
dener Glanz von tausend Kerzen, von bunten, lichtumkranzten Bil- 
dern, von drei Geistlichen im Ornat, die tief und fern am Altar stehn, 
mit schwarzen Barten und weiften, schwebenden Handen, dringt in 
den weifi besonnten, staubigen Platz. Deborah ist im dritten Monat. 
Menuchim regt sich in ihrem Leib, die kleine, zarte Mirjam halt sie fest 
an der Hand. Auf einmal erhebt sich Geschrei. Es iibertont den Ge- 
sang der Beter in der Kirche. Man hort das schnalzende Getrappel der 
Pferde, eine Staubwolke wirbelt auf, die dunkelblaue Equipage der 
Grafin halt vor der Kirche. Die Bauernkinder jubeln. Die Bettler und 
Bettlerinnen auf den Stufen humpeln der Kalesche entgegen, um der 
Grafin die Hande zu kiissen. Auf einmal reiftt sich Mirjam los. Im Nu 
ist sie verschwunden. Deborah zittert, sie friert, mitten in der Hitze. 
Wo ist Mirjam? Sie fragt jedes Bauernkind. Die Grafin ist ausgestiegen. 
Deborah tritt ganz nah an die Kalesche. Der Kutscher mit den silber- 
nen Knopfen in der dunkelblauen Livree sitzt so hoch, daft er alles 
iibersehen kann. »Haben Sie die kleine Schwarze laufen gesehen?« 
fragt Deborah, den Kopf emporgereckt, die Augen geblendet vom 
Glanz der Sonne und des Livrierten. Der Kutscher zeigt mit seiner 
weift behandschuhten Linken in die Kirche. Da hinein ist Mirjam ge- 
laufen. 

Deborah iiberlegt einen Augenblick, dann stiirzt sie sich in die Kirche, 
hinein in den goldenen Glanz, in den vollen Gesang, in das Brausen 
der Orgel. Im Eingang steht Mirjam. Deborah ergreift das Kind, 
schleppt es auf den Platz, rennt die heiften, weift gliihenden Stufen 
hinunter, fluchtet wie vor einem Brand. Sie will das Kind schlagen, 
aber sie hat Angst. 

Sie rennt, das Kind hinter sich her ziehend, in eine Gasse. Nun ist sie 
ruhiger. »Du darfst dem Vater nichts davon erzahlen«, keucht sie. 
»H6rst du, Mirjam?« 

Seit diesem Tage weift Deborah, daft ein Ungliick im Anzug ist. Ein 
Ungluck tragt sie im Schoft. Sie weift es und schweigt. Sie schiebt den 
Riegel wieder zuriick, es klopft an der Tiir, Mendel ist da. 
Friih ergraut ist sein Bart. Friih verwelkt waren auch Angesicht, Kor- 



l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

per und Hande Deborahs. Stark und langsam wie ein Bar war der alte- 
ste Sohn Jonas, schlau und hurtig wie ein Fuchs der jiingere Schemar- 
jah, kokett und gedankenlos wie eine Gazelle die Schwester Mirjam. 
So wie sie durch die Gassen huschte, Botengange zu besorgen, schlank 
und schmal, ein schimmernder Schatten, ein braunes Gesicht, ein gro- 
wer roter Mund, ein goldgelber Schal, unter dem Kinn in zwei we- 
hende Fliigel geknotet, und die zwei alten Augen mitten in der brau- 
nen Jugend des Angesichts, so fiel sie in die Blickfelder der Offiziere 
von der Garnison und blieb haften in ihren sorglosen, lustsiichtigen 
Kopfen. Mancher stellte ihr manchmal nach. Nichts anderes nahm sie 
von ihren Jagern zur Kenntnis, als was sie durch die aufieren Tore der 
Sinne gerade nachschicken konnte: ein silbernes Klirren und Rasseln 
von Sporen und Wehr, einen verwehenden Duft von Pomade und Ra- 
sierseife, einen knalligen Schimmer von goldenen Knopfen, silbernen 
Borten und blutroten Riemen aus Juchten. Es war wenig, es war ge- 
nug. Gleich hinter den aufieren Toren ihrer Sinne lauerte die Neugier 
in Mirjam, die Schwester der Jugend, die Kiinderin der Lust. In einer 
sufien und heifien Furcht floh das Madchen vor seinen Verfolgern. 
Nur um den schmerzlichen, erregenden Genufi der Furcht auszu- 
kosten, floh es durch mehr Gassen, viele Minuten langer. Es fliichtete 
auf Umwegen. Nur um wieder fliehen zu konnen, ging Mirjam haufi- 
ger, als notig war, aus dem Haus. An den Strafienecken hielt sie ein 
und warf Blicke zuriick, Lockspeise den Jagern. Es waren Mirjams 
einzige Genusse. Selbst wenn jemand vorhanden gewesen ware, der sie 
verstanden hatte, ihr Mund ware verschlossen geblieben. Denn die Ge- 
nusse sind starker, solange sie geheim bleiben. 

Noch'wufite Mirjam nicht, in welch drohende Beziehung sie zu der 
fremden und schrecklichen Welt des Militars treten sollte und wie 
schwer die Schicksale waren, die sich bereits zu sammeln begannen 
uber den Hauptern Mendel Singers, seiner Frau und seiner Kinder. 
Denn Jonas und Schemarjah waren schon in dem Alter, in dem sie 
nach dem Gesetz zu den Soldaten sollten und nach der Tradition ihrer 
Vater sich vor dem Dienst retten muflten. Andern Jiinglingen hatte ein 
gnadiger und vorsorglicher Gott ein korperliches Gebrechen mitgege- 
ben, das sie wenig behinderte und vor dem Bosen beschiitzte. Manche 
waren einaugig, manche hinkten, der hatte einen Leistenbruch, jener 
zuckte ohne Grund mit den Armen und Beinen, einige hatten schwa- 
che Lungen, andere schwache Herzen, einer horte schlecht und ein 



HIOB 19 

anderer stotterte, und ein dritter hatte ganz einfach eine allgemeine 
Korperschwache. 

In der Familie Mendel Singers aber schien es, als hatte der kleine Me- 
nuchim die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen, 
die sonst vielleicht eine giitige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilt 
hatte. Mendels altere Sohne waren gesund, kein Fehler konnte an ih- 
rem Korper entdeckt werden, und sie mufiten anfangen, sich zu pla- 
gen, zu fasten und schwarzen Kaffee zu trinken und wenigstens auf 
eine voriibergehende Herzschwache hoffen, obwohl der Krieg gegen 
Japan schon beendet war. 

Und also begannen ihre Plagen. Sie aften nicht, sie schliefen nicht, sie 
torkelten schwach und zitternd durch Tage und Nachte. Ihre Augen 
waren gerotet und geschwollen, ihre Halse mager und ihre Kopfe 
schwer. Deborah liebte sie wieder. Fur ihre alteren Sohne zu beten, 
pilgerte sie noch einmal zum Friedhof. Diesmal betete sie um eine 
Krankheit fur Jonas und Schemarjah, wie sie fruher um die Gesundheit 
Menuchims gefleht hatte. Das Militar erhob sich vor ihrem bekiim- 
merten Aug* wie ein schwerer Berg aus glattem Eisen und klirrender 
Marten Leichen sah sie, lauter Leichen. Hoch und schimmernd, die 
gespornten Fiifie im roten Blut, safi der Zar und wartete auf das Opfer 
ihrer Sohne. Sie gingen ins Manover, schon dies allein war ihr der 
groftte Schrecken, an einen neuen Krieg dachte sie nicht einmal. Sie 
ziirnte ihrem Mann. Mendel Singer, was war er? Ein Lehrer, ein dum- 
mer Lehrer dummer Kinder. Sie hatte anderes im Sinn gehabt, als sie 
noch ein Madchen gewesen war. Mendel Singer indessen trug nicht 
leichter am Kummer als seine Frau. Am Sabbat in der Synagoge, wenn 
das gesetzlich vorgeschriebene Gebet fiir den Zaren abgehalten wurde, 
dachte Mendel an die nachste Zukunft seiner Sohne. Schon sah er sie in 
der verhafken Drillichuniform frischer Rekruten. Sie afien Schweine- 
fleisch und wurden von Offizieren mit der Reitpeitsche geschlagen. Sie 
trugen Gewehre und Bajonette. Er seufzte oft ohne erdenklichen 
Grund, mitten im Beten, mitten im Unterricht, mitten im Schweigen. 
Sogar Fremde sahen ihn bekummert an. Nach seinem kranken Sohn 
hatte ihn niemals jemand gefragt, aber nach seinen gesunden Sohnen 
erkundigten sich alle. 

Am sechsundzwanzigsten Marz, endlich, fuhren die beiden Briider 
nach Targi. Sie zogen beide das Los. Beide waren tadellos und gesund. 
Beide wurden genommen. 



20 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Noch einen Sommer durften sie zu Hause verbringen. Im Herbst soil- 
ten sie einriicken. An einem Mittwoch waren sie Soldaten geworden. 
Am Sonntag kehrten sie heim. 

Am Sonntag kehrten sie heim, mit Freikarten des Staates ausgeriistet. 
Schon reisten sie auf Kosten des Zaren. Viele ihresgleichen fuhren mit 
ihnen. Es war ein langsamer Zug. Sie safien auf holzernen Banken un- 
ter Bauern. Die Bauern sangen und waren betrunken. Alle rauchten 
den schwarzen Tabak, in dessen Rauch noch eine feme Erinnerung an 
Schweifi mit duftete. Alle erzahlten einander Geschichten. Jonas und 
Schemarjah trennten sich nicht fiir einen Augenblick. Es war ihre erste 
Reise mit der Eisenbahn. Oft tauschten sie die Platze. Jeder von ihnen 
wollte ein wenig am Fenster sitzen und in die Landschaft sehn. Unge- 
heuer weit erschien Schemarjah die Welt, Flach war sie in Jonas' Au- 
gen, sie langweilte ihn. Der Zug fuhr glatt durch das flache Land wie 
ein Schlitten iiber Schnee. Die Felder lagen in den Fenstern. Die bun- 
ten Bauerinnen winkten. Wo sie in Gruppen auftauchten, antwortete 
ihnen im Waggon ein drohnendes Geheul der Bauern. Schwarz, 
schuchtern und bekiimmert safien die zwei Juden unter ihnen, in die 
Ecke gedrangt vom Ubermut der Trunkenen. 
»Ich mochte ein Bauer sein«, sagte plotzlich Jonas. 
»Ich nicht«, erwiderte Schemarjah. 

»Ich mochte ein Bauer sein«, wiederholte Jonas, »ich mochte betrun- 
ken sein und mit den Madchen da schlafen.« 

»Ich will sein, was ich bin«, sagte Schemarjah, »ein Jude wie mein 
Vater Mendel Singer, kein Soldat und michtern.« 
»Ich freue mich ein bifkhen, dafi ich Soldat werde«, sagte Jonas. 
»Du wirst schon deine Freuden erleben! Ich mochte lieber ein reicher 
Mann sein und das Leben sehn.« 
»Was ist das Leben ?« 

»Das Leben«, erklarte Schemarjah, »ist in grofien Stadten zu sehn. Die 
Bahnen fahren mitten durch die Strafien, alle Laden sind so groft wie 
bei uns die Gendarmerie-Kaserne, und die Schaufenster sind noch gro- 
wer. Ich habe Ansichtskarten gesehen. Man braucht keine Tiir, um in 
ein Geschaft zu treten, die Fenster reichen bis zu den Fiifien.« 
»He, warum seid ihr so betriibt?« rief plotzlich ein Bauer aus der ge- 
geniiberliegenden Ecke. 

Jonas und Schemarjah taten, als horten sie ihn nicht oder als gelte nicht 
ihnen seine Frage. Sich taub stellen, wenn ein Bauer sie anredete, das 



HIOB 21 

hatten sie im Blut. Seit tausend Jahren ging es niemals gut aus, wenn 
em Bauer fragte und ein Jude antwortete. 
»He!« sagte der Bauer und erhob sich. 
Jonas und Schemarjah standen gleichzeitig auf. 

»Ja, zu euch, Juden, hab' ich gesprochen«, sagte der Bauer. »Habt ihr 
noch nichts getrunken?« 
»Haben schon getrunken«, sagte Schemarjah. 
»Ich nicht«, sagte Jonas. 

Der Bauer holte eine Flasche hervor, die er unter der Joppe, an der 
Brust, getragen hatte. Sie war warm und schlupfrig und roch nach dem 
Bauern starker als nach ihrem Inhalt. Jonas setzte sie an den Mund. Er 
entblofke die blutroten, vollen Lippen, man sah zu beiden Seiten der 
braunen Flasche die weiften, starken Zahne. Jonas trank und trank. Er 
spiirte nicht die leichte Hand des Bruders, die ihn mahnend am Armel 
beriihrte. Mit beiden Handen, einem riesigen Saugling ahnlich, hielt er 
die Flasche. An seinen emporgereckten Ellenbogen schimmerte weifi- 
lich das Hemd durch den zerriebenen, diinnen Stoff. Regelmafiig, wie 
ein Kolben an einer Maschine, stieg und sank sein Adamsapfel unter 
der Haut des Halses. Ein leises, ersticktes Gurgeln grollte aus seiner 
Kehle. Alle sahen zu, wie der Jude trank. 

Jonas war fertig. Die leere Flasche fiel ihm aus den Handen und seinem 
Bruder Schemarjah in den SchoE. Er selbst sank ihr nach, als mufke er 
den gleichen Weg nehmen wie sie. Der Bauer streckte die Hand aus 
und erbat stumm die Flasche von Schemarjah wieder. Dann liebkoste 
er mit dem Stiefel ein wenig die breiten Schultern des schlafenden Jo- 
nas. 

Sie erreichten Podworsk, hier mufken sie aussteigen. Bis nach Jurki 
waren es sieben Werst, zu Fuft sollten die Bruder wandern, wer weifl, 
ob sie unterwegs jemand auf den Wagen nehmen wiirde. Alle Reisen- 
den halfen den schweren Jonas aufrichten. Als er drauEen stand, wurde 
er wieder niichtern. 

Sie wanderten. Es war Nacht. Den Mond ahnten sie hinter milchigem 
Gewolk. Auf den Schneefeldern dunkelten einzelne unregelmaftig 
konturierte Erdflecken wie Kratermiinder. Der Friihling schien aus 
dem Wald einherzuwehn. Jonas und Schemarjah gingen schnell auf 
einem schmalen Weg. Sie horten das zarte Knistern der diinnen, spro- 
den Eishiille unter ihren Stiefeln. Ihre weiften, rundlichen Biindel tru- 
gen sie geschultert an Stocken. Einige Male versuchte Schemarjah, ein 



22 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Gesprach mit seinem Bruder anzufangen. Jonas antwortete nicht. Er 
schamte sich, weil er getrunken hatte und hingefallen war wie ein 
Bauer. An den Stellen, an denen der Pfad so schmal war, dafi beide 
Bruder nicht nebeneinandergehen konnten, liefi Jonas dem jiingern 
den Vortritt. Am liebsten hatte er Schemarjah vor sich hergehen lassen. 
Wo der Weg wieder breiter wurde, verlangsamte er den Schritt in der 
Hoffnung, Schemarjah wiirde weitergehen, ohne auf den Bruder zu 
wart en. Aber es war, als fiirchtete der jiingere, den alteren zu verlieren. 
Seitdem er gesehen hatte, dafi Jonas betrunken sein konnte, traute er 
ihm nicht mehr, zweifelte er an des alteren Vernunft, fiihlte er sich fiir 
den alteren verantwortlich. Jonas erriet, was sein Bruder empfand. Ein 
grofier, torichter Zorn kochte in seinem Herzen. Lacherlich ist Sche- 
marjah, dachte Jonas. Wie ein Gespenst ist er diinn, den Stock kann er 
nicht einmal halten, jedesmal schultert er ihn wieder, das Biindel wird 
noch in den Dreck fallen. Bei der Vorstellung, dafi Schemarjahs weifies 
Biindel vom glatten Stock in den schwarzen Dreck der Strafie fallen 
konnte, lachte Jonas laut auf. »Was lachst du?« fragte Schemarjah. 
»Uber dich!« antwortete Jonas. »Ich hatte mehr Recht, uber dich zu 
lachen«, sagte Schemarjah. Wieder schwiegen sie. Schwarz wuchs ih- 
nen der Tannenwald entgegen. Aus ihm, nicht aus ihnen selbst, schien 
die Schweigsamkeit zu kommen. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein Wind 
aus willkurlicher Himmelsrichtung, ein heimatloser Windstoft. Ein 
Weidenbusch regte sich im Schlaf, Zweige knackten diirr, die Wolken 
lief en hell iiber den Himmel. »Jetzt sind wir doch Soldaten!« sagte auf 
einmal Schemarjah. »Ganz richtig«, sagte Jonas, »was waren wir denn 
sonst? Wir haben keinen Beruf. Sollen wir Lehrer werden wie unser 
Vater?« »Besser als Soldat sein!« sagte Schemarjah. »Ich konnte ein 
Kaufmann werden und in die Welt gehen!« »Die Soldaten sind auch 
Welt, und ich kann kein Kaufmann sein«, meinte Jonas. »Du bist be- 
trunken !« »Ich bin niichtern wie du. Ich kann trinken und niichtern 
sein. Ich kann ein Soldat sein und die Welt sehn. Ich mochte ein Bauer 
sein. Das sag' ich dir - und ich bin nicht betrunken . . .« 
Schemarjah zuckte mit den Schultern. Sie gingen weiter. Gegen Mor- 
gen horten sie die Hahne krahn aus entfernten Gehoften. »Das wird 
Jurki sein«, sagte Schemarjah. »Nein, es ist Bytok!« sagte Jonas. »Mei- 
netwegen Bytok«, sagte Schemarjah. 

Eine Fuhre klapperte und rasselte hinter der nachsten Biegung des We- 
ges. Der Morgen war fahl, wie die Nacht gewesen war. Kein Unter- 



HIOB 23 

schied zwischen Mond und Sonne. Schnee fing an zu fallen, weicher, 
warmer Schnee. Raben flogen auf und krachzten. 
»Sieh, die V6gel«, sagte Schemarjah; nur als Vorwand, um den Bruder 
zu versohnen. 

»Raben sind das!« sagte Jonas. »V6gel!« ahmte er hohnisch nach. 
»Meinetwegen!« sagte Schemarjah, »Raben!« 

Es war wirklich Bytok. Noch eine Stunde, sie kamen nach Jurki. Noch 
drei Stunden, und sie waren zu Haus. 

Es schneite dichter und weicher, je weiter der Tag fortschritt, als kame 
der Schnee von der ansteigenden Sonne. Nach einigen Minuten war das 
ganze Land weift. Auch die einzelnen Weiden am Weg und die verstreu- 
ten Birkengruppen zwischen den Feldern weift, weifi, weifi. Nur die 
zwei jungen, schreitenden Juden waren schwarz. Auch sie uberschiit- 
tete der Schnee, aber auf ihren Riicken schien er schneller zu schmelzen. 
Ihre langen, schwarzen Rocke flatterten. Die Schofie pochten mit har- 
tem, regelmafiigem Schlag gegen die Schafte der hohen Lederstiefel. Je 
dichter es schneite, desto schneller gingen sie. Bauern, die ihnen entge- 
genkamen, gingen ganz langsam, mit eingeknickten Knien, sie wurden 
weiE, auf ihren breiten Schultern lag der Schnee wie auf dicken Asten, 
schwer und leicht zugleich, vertraut mit dem Schnee, gingen sie in ihm 
einher wie in einer Heimat. Manchmal blieben sie stehn und sahen sich 
nach den zwei schwarzen Mannern um wie nach ungewohnten Erschei- 
nungen, obwohl ihnen der Anblick von Juden nicht fremd war. Atemlos 
langten die Bruder zu Hause an, schon fing es an zu dammern. Sie 
horten von weitem den Singsang der lernenden Kinder. Er kam ihnen 
entgegen, ein Mutterlaut, ein Vaterwort, ihre ganze Kindheit trug er 
ihnen entgegen, alles bedeutete und enthielt er, was sie seit der Stunde 
der Geburt geschaut, vernommen, gerochen und gefiihlt hatten: der 
Singsang der lernenden Kinder. Er enthielt den Geruch der heifien und 
wiirzigen Speisen, den schwarzweiften Schimmer, der von Bart und 
Angesicht des Vaters ausging, den Widerhall der miitterlichen Seufzer 
und der Wimmertone Menuchims, des betenden Geflusters Mendel 
Singers am Abend, Millionen unnennbarer regelmafiiger und besonde- 
rer Ereignisse. Beide Bruder nahmen also mit den gleichen Regungen 
die Melodie auf, die ihnen durch den Schnee entgegen wehte, wahrend 
sie sich dem vaterlichen Hause naherten. In gleichem Rhythmus schlu- 
gen ihre Herzen. Die Tiir flog.vor ihnen auf, durchs Fenster hatte sie 
ihre Mutter Deborah schon lange kommen sehn. 



24 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Wir sind genommen!« sagte Jonas ohne Grufi. 

Auf einmal stiirzte ein furchtbares Schweigen uber die Stube, in der 
eben noch die Stimmen der Kinder geklungen hatten, ein Schweigen 
ohne Grenzen, um vieles gewaltiger als der Raum, der seine Beute ge- 
worden war, und dennoch geboren aus dem kleinen Wort »genom- 
men«, das Jonas eben ausgesprochen hatte. Mitten im halben Wort, das 
sie memoriert hatten, brachen die Kinder das Lernen ab. Mendel, der 
auf und ab durch die Stube gewandert war, blieb stehn, sah in die Luft, 
erhob die Arme und liefi sie wieder sinken. Die Mutter Deborah setzte 
sich auf einen der zwei Schemel, die immer in der Nahe des Ofens 
standen, als hatten sie schon seit langem auf die Gelegenheit gewartet, 
eine trauernde Mutter aufzunehmen. Mirjam, die Tochter, hatte sich 
riickwarts tastend in die Ecke geschoben, laut pochte ihr Herz, sie 
glaubte, alle miifiten es horen. Die Kinder safien festgenagelt auf ihren 
Platzen. Ihre Beine in wollenen, buntbereiften Striimpfen, die unauf- 
horlich wahrend des Lernens gebaumelt hatten, hingen leblos unter 
dem Tisch. Draufien schneite es unaufhorlich, und das weiche Weift 
der Flocken stromte einen fahlen Schimmer durch das Fenster in die 
Stube und auf die Gesichter der Schweigenden. Ein paarmal horte man 
verkohlte Holzreste im Ofen knistern und ein leises Knattern an den 
Tiirpfosten, wenn der Wind an ihnen nittelte. Die Stocke noch uber 
den Schultern, die weifien Biindel noch an den Stocken, standen die 
Briider an der Tiir, Boten des Ungliicks und seine Kinder. Plotzlich 
schrie Deborah: »Mendel, geh, lauf und frag die Leute um Rat!« 
Mendel Singer fafite nach seinem Bart. Das Schweigen war verbannt, 
die Beine der Kinder fingen an, sachte zu baumeln, die Briider legten 
ihre Biindel und ihre Stocke ab und naherten sich dem Tisch. 
»Was redest du fur Dummheiten?« sagte Mendel Singer. »Wohin soil 
ich gehn? Und wen soil ich um Rat fragen? Wer hilft einem armen 
Lehrer, und womit soil man mir helfen? Weiche Hilfe erwartest du 
von den Menschen, wo Gott uns gestraft hat?« 

Deborah antwortete nicht. Eine Weile safi sie noch ganz still auf dem 
Schemel. Dann erhob sie sich, stiefi ihn mit dem Fufi wie einen Hund, 
dafi er mit Gepolter hintorkelte, ergriff ihren braunen Schal, der wie 
ein Hiigel aus Wolle auf dem Fuflboden gelegen hatte, umwickelte 
Kopf und Hals, kniipfte die Fransen im Nacken zu einem starken 
Knoten, mit einer wiitenden Bewegung, als wollte sie sich erwiirgen, 
wurde rot im Gesicht, stand da, zischend und wie gefiillt von sieden- 



HIOB 25 

dem Wasser, und spuckte plotzlich aus, weifien Speichei feuerte sie wie 
ein giftiges Geschofi vor Mendel Singers Fiifie. Und als hatte sie damit 
allein ihre Verachtung nicht geniigend bewiesen, schickte sie dem Spei- 
chei noch einen Schrei nach, der wie ein Pfui! klang, der aber nicht 
genau verstanden werden konnte. Ehe sich die Verbliifften gefafit hat- 
ten, schlug sie die Tiir auf. Ein boser Windstofi schiittete weifie Flok- 
ken ins Zimmer, blies Mendel Singer ins Gesicht, griff den Kindern an 
die hangenden Beine. Dann knallte die Tiir wieder zu. Deborah war 
fort. 

Sie lief, ohne Ziel, durch die Gassen, immer in der Mine, ein schwarz- 
brauner Kolofi, raste sie durch den weifien Schnee, bis sie in ihm ver- 
sank. Sie verwickelte sich in den Kleidern, stiirzte, erhob sich mit er- 
staunlicher Hurtigkeit, lief weiter, noch wufite sie nicht, wohin, aber 
es war ihr, als liefen die Fiifie schon selbst zu einem Ziel, das ihr Kopf 
noch nicht kannte. Die Dammerung fiel schneller als die Flocken, die 
ersten gelben Lichter erglommen, die sparlichen Menschen, die aus 
den Hausern traten, um die Fensterladen zu schliefien, drehten die 
Kopfe nach Deborah und sahen ihr lange nach, obwohl sie froren. 
Deborah lief in die Richtung des Friedhofs. Als sie das holzerne, kleine 
Gitter erreichte, fiel sie noch einmal nieder. Sie raffte sich auf, die Tiir 
wollte nicht weichen, Schnee hatte sie festgeklemmt. Deborah rannte 
mit den Schultern gegen das Gitter. Jetzt war sie drinnen. Der Wind 
heulte iiber die Graber. Toter als sonst schienen heute die Toten. Aus 
der Dammerung wuchs schnell die Nacht, schwarz, schwarz und 
durchleuchtet vom Schnee. Vor einem der ersten Grabsteine in der 
ersten Reihe liefi sich Deborah nieder. Mit klammen Fausten befreite 
sie ihn vom Schnee, als wollte sie sich vergewissern, dafi ihre Stimme 
leichter zu dem Toten dringen wiirde, wenn die dampfende Schicht 
zwischen ihrem Gebet und dem Ohr des Seligen fortgeraumt ware. 
Und dann brach ein Schrei aus Deborah, der klang wie aus einem 
Horn, in dem ein menschliches Herz eingebaut ist. Diesen Schrei horte 
man im ganzen Stadtchen, aber man vergafi ihn sofort. Denn die Stille, 
die hinter ihm folgte, wurde nicht mehr gehort. Nur ein leises Wim- 
mern stiefi Deborah in kurzen Abstanden hervor, ein leises, mutterli- 
ches Wimmern, das die Nacht verschlang, das der Schnee begrub und 
das nur die Toten vernahmen. 



l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

IV 

Nicht weit von den Kluczysker Verwandten Mendel Singers lebte 
Kapturak, ein Mann ohne Alter, ohne Familie, ohne Freunde, flink 
und vielbeschaftigt und mit den Behorden vertraut. Seine Hilfe zu er- 
reichen, bemiihte sich Deborah. Von den siebzig Rubeln, die Kapturak 
einforderte, ehe er sich mit seinen Klienten in Verbindung setzte, be- 
safi sie erst knapp fiinfundzwanzig, geheim erspart in den langen Jah- 
ren der Miihsal, im haltbaren Lederbeutel aufbewahrt unter einem 
Dielenbrett, das ihr allein vertraut war. Jeden Freitag hob sie es sachte 
auf, wenn sie den Fufiboden scheuerte. Ihrer mutterlichen Hoffnung 
erschien die Differenz von fiinfundvierzig Rubeln geringer als die 
Summe, die sie bereits besafi. Denn zu dieser addierte sie die Jahre, in 
denen sich das Geld angehauft hatte, die Entbehrungen, denen jeder 
halbe Rubel seine Dauer verdankte, und die vielen stiilen und heifien 
Freuden des Nachzahlens. 

Vergeblich versuchte ihr Mendel Singer die Unzuganglichkeit Kaptu- 
raks zu schildern, sein hartes Herz und seinen hungrigen Beutel. »Was 
willst du, Deborah«, sagte Mendel Singer, »die Armen sind ohnmach- 
tig, Gott wirft ihnen keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotte- 
rie gewinnen sie nicht, und ihr Los miissen sie in Ergebenheit tragen. 
Dem einen gibt Er, dem andern nimmt Er. Ich weifi nicht, wofur Er 
uns straft, zuerst mit dem kranken Menuchim und jetzt mit den gesun- 
den Kindern. Ach, dem Armen geht es schlecht, wenn er gesiindigt 
hat, und wenn er krank ist, geht es ihm schlecht. Man soil sein Schick - 
sal tragen! Lafi die Sonne einriicken, sie werden nicht verkommen! 
Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt. >Von ihm don- 
nert es und blitzt es, er wolbt sich iiber die ganze Erde, vor ihm kann 
man nicht davonlaufen< - so steht es geschrieben.« 
Deborah aber antwortete, die Hand in die Hiifte gestemmt iiber den 
Bund rostiger Schlussel: »Der Mensch muE sich zu helfen suchen, und 
Gott wird ihm helfen. So steht es geschrieben, Mendel! Immer weifk 
du die falschen Satze auswendig. Viele tausend Satze sind geschrieben 
worden, die iiberflussigen merkst du dir alle! Du bist so toricht gewor- 
den, weil du Kinder unterrichtest! Du gibst ihnen dein brlkhen Ver- 
stand, und sie lassen bei dir ihre ganze Dummheit. Ein Lehrer bist du, 
Mendel, ein Lehrer!« 
Mendel Singer war nicht eitel auf seinen Verstand und auf seinen Be- 



HIOB 27 

ruf. Dennoch wurmten ihn die Reden Deborahs, ihre Vorwiirfe zernag- 
ten langsam seine Gutmiitigkeit, und in seinem Herzen ziingelten be- 
reits die weifien Stichflammchen der Emporung. Er wandte sich ab, um 
das Angesicht seiner Frau nicht langer anzusehn. Es war ihm, als kannte 
er es schon lange, weit langer als seit der Hochzeit, seit der Kindheit 
vielleicht. Lange Jahre war es ihm gleich erschienen wie am Tage seiner 
Heirat. Er hatte nicht gesehen, wie das Fleisch abbrockelte von den 
Wangen wie schon getunchter Mortel von einer Wand, wie die Haut 
sich um die Nase spannte, um desto lockerer unter dem Kinn zu zerflat- 
tern, wie die Lider sich runzelten zu Netzen iiber den Augen und wie 
deren Schwarze ermattete zu einem kiihlen und niichternen Braun, 
kiihl, verstandig und hoffnungslos. Eines Tages, er erinnerte sich nicht, 
wann es gewesen sein konnte (vielleicht war es auch an jenem Morgen 
geschehen, an dem er selbst geschlafen und nur eines seiner Augen 
Deborah vor dem Spiegel uberrascht hatte), eines Tages also war die 
Erkenntnis iiber ihn gekommen. Es war wie eine zweite, eine wieder- 
holte Ehe, diesmal mit der Hafilichkeit, mit der Bitterkeit, mit dem 
fortschreitenden Alter seiner Frau. Naher empfand er sie zwar, beinahe 
ihm einverleibt, untrennbar und auf ewig, aber unertraglich, qualend 
und ein bifichen auch gehafit. Sie war aus einem Weib, mit dem man sich 
nur in der Finsternis verbindet, gleichsam eine Krankheit geworden, mit 
der man Tag und Nacht verbunden ist, die einem ganz angehort, die 
man nicht mehr mit der Welt zu teilen braucht und an deren treuer 
Feindschaft man zugrunde geht. Gewifi, er war nur ein Lehrer! Auch 
sein Vater war ein Lehrer gewesen, sein Grofivater auch. Er selbst 
konnte eben nichts anderes sein. Man griff also sein Dasein an, wenn 
man seinen Beruf tadelte, man versuchte, ihn auszuloschen aus der Liste 
der Welt. Dagegen wehrte sich Mendel Singer. 

Eigentlich freute er sich, dafi Deborah wegfuhr. Jetzt schon, wahrend 
sie die Vorbereitungen zur Abreise traf, war das Haus leer, Jonas und 
Schemarjah trieben sich in den Gassen herum, Mirjam safi bei den 
Nachbarn oder ging spazieren. Zu Hause, um die Stunde des Mittags, 
bevor die Schiller wiederkamen, blieben nur Mendel und Menuchim. 
Mendel aft eine Graupensuppe, die er selbst gekocht hatte, und lieft in 
seinem irdenen Teller einen erheblichen Rest fur Menuchim ubrig. Er 
schob den Riegel vor, damit der Kleine nicht vor die Tiir krieche, wie es 
seine Art war. Dann ging der Vater in die Ecke, hob das Kind hoch, 
setzte es auf seine Knie und begann, es zu fiittern. 



28 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er liebte diese stillen Stunden. Er blieb gern allein mit seinem Sohn. Ja, 
manchmal iiberlegte er, ob es nicht besser ware, wenn sie uberhaupt 
zusammenblieben, ohne Mutter, ohne Geschwister. Nachdem Menu- 
chim Loffel um Loffel die Graupensuppe verschluckt hatte, setzte ihn 
der Vater auf den Tisch, blieb hart vor ihm sitzen und vertiefte sich mit 
zartlicher Neugier in das breite, blafigelbe Angesicht mit den vielen 
Runzeln auf der Stirn, den vielfach gefaltelten Augenlidern und dem 
schlaffen Doppelkinn. Er bemiihte sich zu erraten, was in diesem brei- 
ten Schadel vorgehn mochte, durch die Augen wie durch Fenster in das 
Gehirn hineinzusehen und durch ein bald leises, bald lautes Sprechen 
dem stumpfen Knaben irgendein Zeichen zu entlocken. Er nannte 
zehnmal hintereinander Menuchims Namen, mit langsamen Lippen 
zeichnete er die Laute in die Luft, damit Menuchim sie erblickte, wenn 
er sie schon nicht horen konnte. Aber Menuchim regte sich nicht. 
Dann ergriff Mendel seinen Loffel, schlug damit gegen ein Teeglas, 
und sofort wendete Menuchim den Kopf, und ein kleines Lichtlein 
flammte in seinen grofSen, grauen, hervorquellenden Augen auf. Men- 
del klingelte weiter, begann, ein Liedchen zu singen und mit dem Lof- 
fel an das Glas den Takt zu lauten, und Menuchim offenbarte eine 
deutliche Unruhe, wendete den groften Kopf mit einiger Miihe und 
baumelte mit den Beinen. »Mama, Mama!« rief er dazwischen. Mendel 
stand auf, holte das schwarze Buch der Bibel, hielt die erste Seite auf- 
geschlagen vor Menuchims Angesicht und intonierte in der Melodie, in 
der er seine Schuler zu unterrichten pflegte, den ersten Satz: »Am An- 
fang schuf Gott Himmel und Erde.« Er wartete einen Augenblick in 
der Hoffnung, dafi Menuchim die Worte nachsprechen wu'rde. Aber 
Menuchim regte sich nicht. Nur in seinen Augen stand noch das lau- 
schende Licht. Da legte Mendel das Buch weg, blickte seinen Sohn 
traurig an und fuhr in dem monotonen Singsang fort: 
»H6r mich, Menuchim, ich bin allein! Deine Briider sind groft und 
fremd geworden, sie gehn zu den Soldaten. Deine Mutter ist ein Weib, 
was kann ich von ihr verlangen? Du bist mein jungster Sohn, meine 
letzte und jiingste Hoffnung habe ich in dich gepflanzt. Warum 
schweigst du, Menuchim? Du bist mein wirklicher Sohn! Sieh her, Me- 
nuchim, und wiederhole die Worte: >Am Anfang schuf Gott Himmel 
und Erde.<« 

Mendel wartete noch einen Augenblick. Menuchim riihrte sich nicht. 
Da klingelte Mendel wieder mit dem Loffel an das Glas. Menuchim 



HIOB 29 

drehte sich urn, und Mendel ergriff wie mit beiden Handen den Mo- 
ment der Wachheit und sang wieder: »H6r mich, Menuchim! Ich bin 
alt, du bleibst mir allein von alien Kindern, Menuchim! Hor zu und 
sprich mir nach: >Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.<« 
Aber Menuchim riihrte sich nicht. 

Da liefi Mendel mit einem schweren Seufzer Menuchim wieder auf den 
Boden. Er schob den Riegel zurlick und trat vor die Tiir, um seine 
Schiiler zu erwarten. Menuchim kroch ihm nach und blieb auf der 
Schwelle hocken. Von der Turmuhr schlug es sieben Schlage, vier tiefe 
und drei helle. Da rief Menuchim: »Mama, Mama!« Und als Mendel 
sich zu ihm umwandte, sah er, dafi der Kleine den Kopf in die Luft 
streckte, als atmete er den nachhallenden Gesang der Glocken ein. 
Wofur bin ich so gestraft? dachte Mendel. Und er durchforschte sein 
Gehirn nach irgendeiner Siinde und fand keine schwere. 
Die Schiiler kamen. Er kehrte mit ihnen ins Haus zuriick, und wah- 
rend er auf und ab durch die Stube wanderte, den und jenen ermahnte, 
den auf die Finger schlug und jenem einen leichten Stoft in die Rippen 
versetzte, dachte er unaufhorlich: Wo ist die Siinde? Wo steckt die 
Siinde? 

Deborah ging indessen zum Fuhrmann Sameschkin und fragte ihn, ob 
er sie in der nachsten Zeit umsonst nach Kluczysk mitnehmen konnte. 
»Ja«, sagte der Kutscher Sameschkin, er saft auf der blanken Ofenbank, 
ohne sich zu riihren, die Fiifle in graugelben Sacken, mit Stricken um- 
wickelt, und er duftete nach selbstgebranntem Schnaps. Deborah roch 
den Branntwein wie einen Feind. Es war der gefahrliche Geruch der 
Bauern, der Vorbote unbegreiflicher Leidenschaften und der Begleiter 
der Pogromstimmungen. »Ja«, sagte Sameschkin, »wenn die Wege bes- 
ser waren!« »Du hast mich einmal auch schon im Herbst mitgenom- 
men, als die Wege noch schlechter waren.« »Ich erinnere mich nicht«, 
sagte Sameschkin, »du irrst dich, es wird ein trockener Sommertag ge- 
wesen sein.« »Keineswegs«, erwiderte Deborah, »es war Herbst, und 
es regnete, und ich fuhr zum Rabbi. « »Siehst du«, sagte Sameschkin, 
und seine beiden Fiifte in den Sacken begannen sachte zu baumeln, 
denn die Ofenbank war ziemlich hoch und Sameschkin ziemlich klein 
von Wuchs, »siehst du«, sagte er, »damals fuhrst du zum Rabbi, es war 
vor euren hohen Feiertagen, und da nahm ich dich eben mit. Heute 
aber fahrst du nicht zum Rabbi !« »Ich fahre in einer wichtigen Angele- 
genheit«, sagte Deborah, »Jonas und Schemarjah sollen niemals Solda- 



30 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ten werdenU »Auch ich war Soldat«, meinte Sameschkin, »sieben 
Jahre, davon saE ich zwei im Zuchthaus, denn ich hatte gestohlen. Eine 
Kleinigkeit iibrigens!« Er brachte Deborah zur Verzweiflung. Seine 
Erzahlungen bewiesen ihr nur, wie fremd er ihr war, ihr und ihren 
Sohnen, die nicht stehlen und auch nicht im Zuchthaus sitzen sollten. 
Also entschlofi sie sich, schnell zu handeln : » Wieviel soil ich dir zah- 
len?« »Gar nichts! - Ich verlange kein Geld, ich will auch nicht fahren! 
Der Schimmel ist alt, der Braune hat gleich auf einmal zwei Hufeisen 
verloren. Ubrigens frifk er den ganzen Tag Hafer, wenn er einmal nur 
zwei Werst gelaufen ist. Ich kann ihn nicht mehr halten, ich will ihn 
verkaufen. Es ist iiberhaupt kein Leben, Fuhrmann sein!« »Jonas wird 
den Braunen selbst zum Schmied fiihren«, sagte beharrlich Deborah, 
»er wird selbst die Hufeisen bezahlen.« »Vielleicht!« erwiderte Sa- 
meschkin. »Wenn Jonas das selbst machen will, dann mufi er aber auch 
ein Rad beschlagen lassen.« »Auch das!« versprach Deborah. »Wir 
fahren also nachste Woche!« 

Also reiste sie nach Kluczysk zu dem unheimlichen Kapturak. Viel 
Heber ware sie eigentlich beim Rabbi eingetreten, denn gewifi war ein 
Wort aus seinem heiligen, diinnen Mund mehr wert als eine Protektion 
Kapturaks. Aber der Rabbi empfing nicht zwischen Ostern und Pfing- 
sten, es sei denn in dringenden Fallen, in denen es sich um Leben und 
Tod handelte. Sie traf Kapturak in der Schenke, wo er, umringt von 
Bauern und Juden, in der Ecke am Fenster saft und schrieb. Seine of- 
fene Miitze, mit dem aufwartsgekehrten Unterfutter, lag auf dem 
Tisch, neben den Papieren, wie eine ausgestreckte Hand, und viele Sil- 
bermiinzen ruhten bereits in der Miitze und zogen die Augen aller 
Umstehenden an. Kapturak kontrollierte sie von Zeit zu Zeit, obwohl 
er wufite, daE niemand wagen wiirde, ihm auch nur eine Kopeke zu 
entwenden. Er schrieb Gesuche, Liebesbriefe und Postanweisungen 
fiir jeden Analphabeten - (aufterdem konnte er Zahne ziehen und 
Haare schneiden). 

»Ich habe mit dir eine wichtige Sache zu besprechen«, sagte Deborah 
liber die Kopfe der Umstehenden hinweg. Kapturak schob mit einem 
Ruck alle Papiere von sich, die Menschen zerstreuten sich, er langte 
nach der Miitze, schiittete das Geld in die hohle Hand und kniipfte es 
in ein Taschentuch. Dann lud er Deborah ein, sich zu setzen. 
Sie sah in seine harten, kleinen Augen wie in starre, helle Knopfchen 
aus Horn. »Meine Sonne miissen einriickenU sagte sie. »Du bist eine 



HIOB 31 

arme Frau«, sagte Kapturak mit einer fernen, singenden Stimme, als 
lase er aus den Karten. »Du hast kein Geld sparen konnen, und kein 
Mensch kann dir helfen.« »Doch, ich habe gespart.« »Wieviel?« »Vier- 
undzwanzig Rubel und siebzig Kopeken. Davon habe ich schon einen 
Rubel ausgegeben, um dich zu sehn.« »Das macht also nur dreiund- 
zwanzig Rubel!« »Dreiundzwanzig Rubel und siebzig Kopeken!« ver- 
besserte Deborah. Kapturak hob die rechte Hand, spreizte Mittel- und 
Zeigefinger und fragte: »Und zwei Sonne ?« »Zwei«, fliisterte Debo- 
rah. »Flinfundzwanzig kostet schon ein einziger!« »Fiir mich?« - 
»Auch fiir dich!« 

Sie handelten eine halbe Stunde. Dann erklarte sich Kapturak mit drei- 
undzwanzig fiir einen zufrieden. Wenigstens einer! dachte Deborah. 
Aber unterwegs, wahrend sie auf der Fuhre Sameschkins saft und die 
Rader durch ihre Eingeweide und ihren armen Kopf holperten, er- 
schien ihr die Lage noch elender als zuvor. Wie konnte sie ihre Sonne 
voneinander unterscheiden? Jonas oder Schemarjah? fragte sie sich un- 
ermiidlich. Besser einer als beide, sagte ihr Verstand, wehklagte ihr 
Herz. 

Als sie nach Hause kam und ihren Sohnen das Urteil Kapturaks zu 
berichten anfing, unterbrach sie Jonas, der altere, mit den Worten: 
»Ich gehe gern zu den Soldaten!« 

Deborah, die Tochter Mirjam, Schemarjah und Mendel Singer warte- 
ten wie Holzer. Endlich, da Jonas nichts weiter sprach, sagte Schemar- 
jah: »Du bist ein Bruder! Ein guter Bruder bist du!« »Nein«, erwiderte 
Jonas, »ich will zu den Soldaten!« 

»Vielleicht kommst du ein halbes Jahr spater frei!« trostete der Vater. 
»Nein«, sagte Jonas, »ich will gar nicht freikommen! Ich bleibe bei den 
Soldaten!« 

Alle murmelten das Nachtgebet. Schweigsam entkleideten sie sich. 
Dann ging Mirjam im Hemd und auf koketten Zehen zur Lampe und 
pustete sie aus. Sie legten sich schlafen. 

Am nachsten Morgen war Jonas verschwunden. Sie suchten nach ihm, 
den ganzen Vormittag. Erst am spaten Abend erblickte ihn Mirjam. Er 
ritt einen Schimmel, trug eine braune Joppe und eine Soldatenmutze. 
»Bist du schon Soldat?« rief Mirjam. 

»Noch nicht «, sagte Jonas und hielt den Schimmel an. »Griift Vater 
und Mutter. Ich bin bei Sameschkin, vorlaufig, bis ich einriicke. Sag, 



32 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ich konnte es nicht bei euch aushalten, aber ich hab' euch alle ganz 

gern!« 

Er liefi daraufhin eine Weidengerte pfeifen, zog an den Zu'geln und ritt 

weiter. 

Von nun an war er Pferdeknecht beim Fuhrmann Sameschkin. Er 

striegelte den Schimmel und den Braunen, schlief bei lhnen im Stall, 

sog mit offenen, geniefienden Nasenlochern lhren beizenden Urinduft 

ein und den sauren Schweift. Er besorgte den Hafer und den Trankei- 

mer, flickte die Koppeln, beschnitt die Schwanze, hangte neue Glock- 

chen an das Joch, fiillte die Troge, wechselte das faule Heu in den zwei 

Fuhren gegen trockenes aus, trank Samogonka mit Sameschkin, war 

betrunken und befruchtete die Magde. 

Man beweinte ihn zu Hause als einen Verlorenen, aber man vergafi ihn 

nicht. Der Sommer brach an, heifi und trocken. Die Abende sanken 

spat und golden tiber das Land. Vor der Hiitte Sameschkins saft Jonas 

und spielte Ziehharmonika. Er war sehr betrunken, und er erkannte 

seinen eigenen Vater nicht, der manchmal zogernd vorbeischlich, ein 

Schatten, der sich vor sich selbst fiirchtete, ein Vater, der nicht auf- 

horte zu staunen, dafi dieser Sohn seinen eigenen Lenden entsprossen 

war. 



Am zwanzigsten August erschien bei Mendel Singer ein Bote Kaptu- 
raks, um Schemarjah abzuholen. Alle hatten den Boten in diesen Tagen 
erwartet. Als er aber leibhaftig vor ihnen stand, waren sie uberrascht 
und erschrocken. Es war ein gewohnlicher Mann von gewohnlichem 
Wuchs und gewohnlichem Aussehn, mit einer blauen Soldatenmiitze 
auf dem Kopf und einer diinnen, gedrehten Zigarette im Mund. Als 
man ihn einlud, sich zu setzen und einen Tee zu trinken, lehnte er ab. 
»Ich will lieber vor dem Haus warten«, sagte er in einer Art, an der 
man erkennen mufite, daft er gewohnt war, drauften zu warten, vor 
den Hausern. Aber gerade dieser Entschluft des Mannes versetzte die 
Familie Mendel Singers in noch hitzigere Aufregung. Immer wieder 
sahen sie den blau bemiitzten Mann wie einen Wachtposten vor dem 
Fenster erscheinen, und immer heftiger wurden ihre Bewegungen. Sie 
packten Schemarjahs Sachen ein, einen Anzug, Gebetriemen, Reise- 



hiob 33 

proviant, ein Brotmesser. Mirjam holte die Gegenstande herbei, immer 
mehr schleppte sie heran. Menuchim, der bereits mit dem Kopf bis 
zum Tisch reichte, reckte neugierig und stupide das Kinn und lallte 
unaufhorlich das eine Wort, das er konnte: »Mama«. Mendel Singer 
stand am Fenster und trommelte gegen die Scheibe. Deborah weinte 
lautlos, eine Trane nach der anderen schickten ihre Augen zu dem ver- 
zogenen Mund. Als Schemarjahs Biindel fertig war, erschien es alien 
viel zu kummerlich, und sie suchten mit hilflosen Augen das Zimmer 
ab, um noch irgendeinen Gegenstand zu entdecken. Bis zu diesem Au- 
genblick hatten sie nichts miteinander gesprochen. Jetzt, da das weifie 
Biindel neben dem Stock auf dem Tisch lag, wandte sich Mendel Singer 
vom Fenster ab und der Stube zu und sagte zu seinem Sohn: »Du wirst 
uns sofort und so schnell, wie es dir moglich ist, Nachricht zukommen 
lassen, vergifi es nicht!« Deborah schluchzte laut auf, breitete die Arme 
aus und umfing ihren Sohn. Lange umklammerten sie sich. Dann loste 
sich Schemarjah gewaltsam los, schritt auf seine Schwester zu und 
kufite sie mit knallenden Lippen auf beide Wangen. Sein Vater breitete 
die Hande segnend iiber ihn und murmelte hastig etwas Unverstandli- 
ches. Furchtsam naherte sich darauf Schemarjah dem glotzenden Me- 
nuchim. Zum erstenmal gait es, das kranke Kind zu umarmen, und es 
war Schemarjah, als hatte er nicht einen Bruder zu kiissen, sondern ein 
Symbol, das keine Antwort gibt. Jeder hatte gerne noch etwas gesagt. 
Aber keiner fand ein Wort. Sie wufken, daft es ein Abschied fur immer 
war. Im besten Fall geriet Schemarjah heil und gesund ins Ausland. Im 
schlimmsten Fall wurde er an der Grenze gefangen, dann hingerichtet 
oder von den Grenzposten an Ort und Stelle erschossen. Was soil man 
einander sagen, wenn man Abschied furs Leben nimmt? 
Schemarjah schulterte das Biindel und stieft die Tur mit dem Fufi auf. 
Er sah sich nicht mehr um. Er versuchte, in dem Augenblick, in dem er 
iiber dk Schwelle trat, das Haus und alle seine Angehorigen zu verges- 
sen. Hinter seinem Rucken ertonte noch einmal ein lauter Schrei De- 
borahs. Die Tur schlofl sich wieder. Mit dem Gefuhl, daft seine Mutter 
ohnmachtig hingesturzt sei, naherte sich Schemarjah seinem Begleiter. 
»Gleich hinter dem Marktplatz«, sagte der Mann mit der blauen 
Miitze, »erwarten uns die Pferde.« Als sie an Sameschkins Hiitte vor- 
beikamen, blieb Schemarjah stehn. Er warf einen Blick in den kleinen 
Garten, dann in den offenen, leeren Stall. Sein Bruder Jonas war nicht 
da. Einen wehmiitigen Gedanken hinterliefi er dem verlorenen Bruder, 



34 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der sich freiwillig geopfert hatte, wie Schemarjah immer noch glaubte. 
Er ist ein Grobian, aber edel und tapfer, dachte er. Dann ging er mit 
gleichmafiigen Schritten an der Seite des Fremden weiter. 
Gleich hinter dem Marktplatz trafen sie die Pferde, wie der Mann ge- 
sagt hatte. Nicht weniger als drei Tage brauchten sie, bis sie zur 
Grenze kamen, denn sie mieden die Eisenbahn. Es erwies sich unter- 
wegs, dafi der Begleiter Schemarjahs genau Bescheid im Lande wufite. 
Er gab es zu erkennen, ohne dafi ihn Schemarjah gefragt hatte. Auf die 
fernen Kirchtiirme deutete er und nannte die Dorfer, zu denen sie ge- 
horten. Er nannte die Gehofte und die Giiter und die Namen der 
Gutsbesitzer. Er zweigte oft von der breiten Strafie ab und fand sich 
auf schmalen Wegen in kiirzerer Zeit zurecht. Es war, als wollte er 
Schemarjah noch schnell mit der Heimat vertraut machen, ehe der 
junge Mann auszog, eine neue zu suchen. Er sate das Heimweh furs 
ganze Leben in das Herz Schemarjahs. 

Eine Stunde vor Mitternacht kamen sie zur Grenzschenke. Es war eine 
stille Nacht. Die Schenke stand in ihr als einziges Haus, ein Haus in 
der Stille der Nacht, stumm, finster, mit abgedichteten Fenstern, hinter 
denen kein Leben zu ahnen war. Millionen Grillen umzirpten es un- 
aufhorlich, der wispernde Chor der Nacht. Sonst storte sie keine 
Stimme. Flach war das Land, der gestirnte Horizont zog einen vollen- 
det runden, tiefblauen Kreis darum, der nur im Nordosten durch einen 
hellen Streifen unterbrochen war, wie ein blauer Ring von einem Stuck 
eingefafken Silber. Man roch die feme Feuchtigkeit der Sumpfe, die 
sich im Westen ausbreiteten, und den langsamen Wind, der sie her- 
ubertrug. »Eine schone, echte Sommernacht!« sagte der Bote Kaptu- 
raks. Und zum erstenmal, seitdem sie zusammen waren, liefi er sich 
herbei, von seinem Geschaft zu sprechen: »Man kann in so stillen 
Nachten nicht immer ohne Schwierigkeiten hiniiber. Fiir unsere Un- 
ternehmungen ist Regen niitzlicher.« Er warf eine kleine Angst in 
Schemarjah. Da die Schenke, vor der sie standen, stumm und geschlos- 
sen war, hatte Schemarjah nicht an ihre Bedeutung gedacht, bis ihn die 
Worte des Begleiters an sein Vorhaben erinnerten. »Gehen wir hin- 
ein!« sagte er wie einer, der die Gefahr nicht langer aufschieben will. 
»Brauchst dich nicht zu eilen, wir werden lange genug warten mus- 
sen!« 

Er trat dennoch ans Fenster und klopfte leise an den holzernen Laden. 
Die Tur offnete sich und entliefi einen breiten Strom gelben Lichts 



hiob 35 

uber die nachtliche Erde. Sie traten ein. Hinter der Theke, genau im 
Lichtkegel einer Hangelampe, stand der Wirt und nickte ihnen zu, auf 
dem Fufiboden hockten ein paar Manner und wiirfelten. An einem 
Tisch safi Kapturak mit einem Mann in Wachtmeisteruniform. Nie- 
mand sah auf. Man horte das Klappern der Wiirfel und das Ticken der 
Wanduhr. Schemarjah setzte sich. Sein Begleiter bestellte zu trinken. 
Schemarjah trank einen Schnaps, er wurde heifi, aber ruhig. Sicherheit 
fiihlte er wie noch nie; er wufite, dafi er eine der seltenen Stunden 
erlebte, in denen der Mensch an seinem Schicksal nicht weniger zu 
formen hat als die grofie Gewalt, die es ihm beschert. 
Kurz nachdem die Uhr Mitternacht geschlagen hatte, knallte ein 
Schufi, hart und scharf, mit einem langsam verrinnenden Echo. Kap- 
turak und der Wachtmeister erhoben sich. Es war das verabredete Zei- 
chen, mit dem der Posten zu verstehen gab, dafi die nachtliche Kon- 
trolle des Grenzoffiziers vorbei war. Der Wachtmeister verschwand. 
Kapturak mahnte die Leute zum Aufbruch. Alle erhoben sich trage, 
schulterten Bundel und Koffer, die Tiir ging auf, sie tropften einzeln in 
die Nacht hinaus und traten den Weg zur Grenze an. Sie versuchten zu 
singen, irgend jemand verbot es ihnen, es war Kapturaks Stimme. Man 
wufite nicht, ob sie aus den vorderen Reihen herkam, aus der Mine, 
aus der letzten. Sie schritten also schweigsam durch das dichte Zirpen 
der Grillen und das tiefe Blau der Nacht. Nach einer halben Stunde 
kommandierte ihnen Kapturaks Stimme: »Niederlegen!« Sie liefien 
sich auf den taufeuchten Boden fallen, lagen reglos, prefiten die klop- 
fenden Herzen gegen die nasse Erde, Abschied der Herzen von der 
Heimat. Dann befahl man ihnen aufzustehn. Sie kamen an einen seich- 
ten, breiten Graben, ein Licht blinkte links von ihnen auf, es war das 
Licht der Wachterhutte. Sie setzten iiber den Graben. Pflichtgemafi, 
aber ohne zu zielen, feuerte hinter ihnen der Posten sein Gewehr ab. 
»Wir sind draufien!« rief eine Stimme. 

In diesem Augenblick lichtete sich der Himmel im Osten. Die Manner 
wandten sich urn zur Heimat, iiber der noch die Nacht zu liegen 
schien, und kehrten sich wieder dem Tag und der Fremde zu. 
Einer begann zu singen, alle fielen ein, singend setzten sie sich in 
Marsch. Nur Schemarjah sang nicht mit. Er dachte an seine nachste 
Zukunft (er besafi zwei Rubel); an den Morgen zu Haus. In zwei Stun- 
den erhob sich daheim der Vater, murmelte ein Gebet, rausperte sich, 
gurgelte, ging zur Schussel und verspritzte Wasser. Die Mutter blies in 



}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den Samowar. Menuchim lallte irgend etwas in den Morgen hinein, 
Mir jam kammte weifie Flaumfedern aus ihrem schwarzen Haar. All 
dies sah Schemarjah so deutlich, wie er es nie gesehn hatte, als er noch 
zu Hause gewesen war und selbst ein Bestandteil des heimatlichen 
Morgens. Er horte kaum den Gesang der andern, nur seine Fufie nah- 
men den Rhythmus auf und marschierten mit. 

Eine Stunde spater erblickte er die erste fremde Stadt, den blauen 
Rauch aus den ersten fleifiigen Schornsteinen, einen Mann mit einer 
gelben Armbinde, der die Ankommlinge in Empfang nahm. Von einer 
Turmuhr schlug es sechs. 

Auch von der Wanduhr der Singers schlug es sechs. Mendel erhob 
sich, gurgelte, rausperte sich, murmelte ein Gebet, Deborah stand be- 
reits am Herd und pustete in den Samowar, Menuchim lallte aus seiner 
Ecke etwas Unverstandliches, Mirjam kammte sich vor dem erblinde- 
ten Spiegel. Dann schlurfte Deborah den heifien Tee, stehend, immer 
noch am Herd. »Wo ist jetzt Schemarjah?« sagte sie plotzlich. Alle 
hatten an ihn gedacht. »Gott wird ihm helfen!« sagte Mendel Singer. 
Und also brach der Tag an. 

Also brachen die folgenden Tage an, leere Tage, kummerliche Tage. 
Ein Haus ohne Kinder, dachte Deborah. Alle nab' ich geboren, alle 
hab' ich gesaugt, ein Wind hat sie weggeblasen. Sie sah sich nach Mir- 
jam um, sie fand die Tochter selten zu Haus. Menuchim allein blieb 
der Mutter. Immer streckte er die Arme aus, kam sie an seinem Winkel 
vorbei. Und wenn sie ihn kiifite, suchte er nach ihrer Brust wie ein 
Saugling. Vorwurfsvoll dachte sie an den Segen, der sich so langsam 
erfullte, und sie zweifelte, ob sie die Gesundheit Menuchims noch erle- 
ben wiirde. 

Das Haus schwieg, wenn der Singsang der lernenden Knaben aufhorte. 
Es schwieg und war finster. Es war wieder Winter. Man sparte Petro- 
leum. Man legte sich zeitig schlafen. Man versank dankbar in der giiti- 
gen Nacht. Von Zeit zu Zeit schickte Jonas einen GruE. Er diente in 
Pskow, erfreute sich seiner guten, gewohnten Gesundheit und hatte 
keine Schwierigkeiten mit den Vorgesetzten. 
Also verrannen die Jahre. 



hiob 37 

VI 

An einem Nachmittag im Spatsommer betrat ein Fremder das Haus 
Mendel Singers. Tiir und Fenster standen off en. Die Fliegen klebten 
still, schwarz und satt an den heifi besonnten Wanden, und der Sing- 
sang der Schiiler stromte aus dem offenen Haus in die weifie Gasse. 
Plotzlich bemerkten sie den fremden Mann im Rahmen der Tiir und 
verstummten. Deborah erhob sich vom Schemel. Von der andern Seite 
der Gasse eilte Mirjam herbei, den wackelnden Menuchim an der hefti- 
gen Hand. Mendel Singer stellte sich vor dem Fremden auf und mu- 
sterte ihn. Es war ein aufiergewohnlicher Mann. Er trug einen machti- 
gen, schwarzen Kalabreser, weke, helle, flatternde Hosen, solide, gelbe 
Stiefel, und wie eine Fahne wehte liber seinem tiefgriinen Hemd eine 
knallrote Krawatte. Ohne sich zu riihren, sagte er etwas, offenbar 
einen Grufi, in einer unverstandlichen Sprache. Es klang, als sprache er 
mit einer Kirsche im Mund. Griine Stengel lugten ohnehin aus seinen 
Rocktaschen. Seine glatte, sehr lange Oberlippe riickte langsam hinauf 
wie ein Vorhang und entblofke ein starkes, gelbes Gebifi, das an Pferde 
denken lieft. Die Kinder lachten, und auch Mendel Singer schmun- 
zelte. Der Fremde zog einen langlich gefalteten Brief und las die 
Adresse und den Namen der Singers in seiner eigentiimlichen Weise, 
so dafi alle noch einmal lachten. »Amerika!« sagte jetzt der Mann und 
iiberreichte Mendel Singer den Brief. Eine gluckliche Ahnung stieg in 
Mendel auf und erleuchtete sein Angesicht. »Schemarjah«, sagte er. 
Mit einer Handbewegung schickte er seine Schiiler fort, wie man Flie- 
gen verscheucht. Sie lief en hinaus. Der Fremde setzte sich. Deborah 
stellte Tee, Konfekt und Limonade auf den Tisch. Mendel offnete den 
Brief. Deborah und Mirjam setzten sich ebenfalls. Und folgendes be- 
gann Singer vorzulesen: 

»Lieber Vater, liebe Mutter, teure Mirjam und guter Menuchim! 
Den Jonas rede ich nicht an, weil er ja beim Militar ist. Auch bitte ich 
Euch, ihm diesen Brief nicht direkt zukommen zu lassen, denn er 
konnte widrige Umstande haben, wenn er mit einem Bruder korre- 
spondiert, der ein Deserteur ist. Deshalb habe ich auch so lange gewar- 
tet und Euch nicht per Post geschrieben, bis ich endlich die Gelegen- 
heit fand, Euch diesen Brief mit meinem guten Freund Mac zu schik- 
ken. Er kennt Euch alle aus meinen Erzahlungen, aber er wird kein 



38 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wort mit Euch sprechen konnen, denn nicht nur er ist ein Amerikaner, 
sondern seine Eltern waren audi schon in Amerika geboren, und ein 
Jude ist er auch nicht. Aber er ist besser als zehn Juden. 
Und also beginne ich, Euch zu erzahlen, von Anfang bis heute: Zuerst, 
als ich uber die Grenze kam, hatte ich nichts zu essen, nur zwei Rubel 
in der Tasche, aber ich dachte mir, Gott wird helfen. Von einer Tries ti- 
ner Schiffsgesellschaft kam ein Mann mit einer Amtsmutze an die 
Grenze, um uns abzuholen. Wir waren zwolf Mann, die anderen elf 
hatten alle Geld, sie kauften sich falsche Papiere und Schiffskarten, und 
der Agent der Schiffsgesellschaft brachte sie zum Zug. Ich ging mit. 
Ich dachte mir, es kann nicht schaden. Man geht mit, auf jeden Fall 
werde ich sehen, wie es ist, wenn man nach Amerika fahrt. Ich blieb 
also allein mit dem Agenten zuruck, und er wundert sich, dafi ich nicht 
auch fahre. >Ich habe keine Kopeke<, sage ich zu dem Agenten. Ob ich 
lese und schreibe, fragt er. >Ein bifkhen<, sage ich, >aber es ist vielleicht 
genug.< Nun gut, um Euch nicht lange aufzuhalten, der Mann hatte 
eine Arbeit fur mich. Namlich: jeden Tag, wenn die Deserteure an- 
kommen, zur Grenze zu gehen, sie abholen und ihnen alles einkaufen 
und ihnen einreden, dafi in Amerika Milch und Honig fliefit. Well: Ich 
fange zu arbeiten an, und fiinfzig Prozent von meinem Verdienst gebe 
ich dem Agenten, denn ich bin nur Unteragent. Er tragt eine Miitze 
mit goldgestickter Firma, ich habe nur eine Armbinde. Nach zwei Mo- 
naten sage ich ihm, ich musse sechzig Prozent haben, sonst lege ich die 
Arbeit nieder. Er gibt sechzig. Kurz und gut, ich lerne bei meinem 
Wirt ein hubsches Madchen kennen, Vega heifit sie, und jetzt ist sie 
Eure Schwiegertochter. Ihr Vater gab mir etwas Geld, damit ich ein 
Geschaft anfange, ich aber kann und kann nicht vergessen, wie die elf 
nach Amerika gefahren sind und wie ich allein zuriickgeblieben bin. 
Ich nehme also nur von Vega Abschied, in Schiffen kenne ich mich aus, 
es ist ja meine Branche - und also fahre ich nach Amerika. Und hier 
bin ich, vor zwei Monaten ist Vega hierhergekommen, wir haben ge- 
heiratet und sind sehr gliicklich. Mac hat die Bilder in der Tasche. Im 
Anfang nahte ich Knopfe an Hosen, dann biigelte ich Hosen, dann 
nahte ich Unterfutter in Armel, und fast ware ich ein Schneider gewor- 
den wie alle Juden in Amerika. Da aber lernte ich Mac auf einem Aus- 
flug auf Long Island kennen, direkt am Fort Lafayette. Wenn Ihr hier 
seid, werde ich Euch die Stelle zeigen. Von da an begann ich, mit ihm 
zusammenzuarbeiten, allerhand Geschafte. Bis wir Versicherungen an- 



hiob 39 

ffngen. Ich versichere die Juden und er die Irlander, ich habe sogar 
auch schon ein paar Christen versichert. Mac wird euch zehn Dollar 
von mir geben, davon kauft Euch was fur die Reise. Denn bald schicke 
ich Euch Schiffskarten, mit Gottes Hilfe. 

Ich umarme und kusse Euch alle Euer Sohn Schemarjah 

(hier heifte ich Sam)« 



Nachdem Mendel Singer den Brief beendet hatte, entstand in der Stube 
ein klingendes Schweigen, das sich mit der Stille des Spatsommertages 
zu vermischen schien und aus dem alle Mitglieder der Familie die 
Stimme des ausgewanderten Sohnes zu horen vermeinten. Ja, Schemar- 
jah selbst sprach, druben, im weltenweiten Amerika, wo um diese 
Stunde vielleicht Nacht war oder Morgen. Fur eine kurze Weile verga- 
fien alle den anwesenden Mac. Es war, als ware er hinter dem fernen 
Schemarjah unsichtbar geworden, wie ein Postbote, der einen Brief 
abgibt, weitergeht und verschwindet. Er selbst, der Amerikaner, 
mufke sich wieder in Erinnerung bringen. Er erhob sich und griff in 
die Hosentaschc, wie ein Zauberkiinstler, der sich anschickt, ein 
Kunststuck zu produzieren. Er zog ein Portefeuille, entnahm ihm 
zehn Dollar und Photographien, auf denen Schemarjah einmal mit sei- 
ner Frau Vega auf der Bank im Grtinen zu sehen war und ein anderes 
Mai allein, im Schwimmkostum, am Badestrand, ein Leib und ein Ge- 
sicht unter einem Dutzend fremder Leiber und Gesichter, kein Sche- 
marjah mehr, sondern ein Sam. Den Dollarschein und die Bilder iiber- 
reichte der Fremde Deborah, nachdem er alle kurz gemustert hatte, 
wie um jeden einzelnen auf seine Vertrauenswiirdigkeit zu prufen. 
Den Schein zerknullte sie in der einen Hand, mit der andern legte sie 
die Bilder auf den Tisch, neben den Brief. All dies dauerte ein paar 
Minuten, in denen immer noch geschwiegen wurde. Endlich setzte 
Mendel Singer den Zeigefinger auf die Photographie und sagtc: »Das 
ist Schemarjah!« »Schemarjah!« wiederholten die anderen, und sogar 
Menuchim, der jetzt schon den Tisch tiberragte, gab ein helles Wiehern 
von sich und legte einen seiner scheuen Blicke mit schielender Behut- 
samkeit auf die Bilder. 

Es war Mendel Singer auf einmal, als ware der Fremde kein Fremder 
mehr und als verstiinde er dessen seltsame Sprache. »Erzahlt mir was!« 



40 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sagte er zu Mac. Und der Amerikaner, als hatte er die Worte Mendels 
begriffen, begann seinen grofien Mund zu bewegen und mit heiterem 
Eifer Unbegreifliches zu erzahlen, und es war, als zerkaute er manche 
schmackhafte Speise mit gesegnetem Appetit. Er erzahlte den Singers, 
dafi er eines Hopfenhandels wegen - es lag ihm an der Errichtung von 
Brauereien in Chicago - nach Rufiland gekommen sei. Aber die Sin- 
gers verstanden ihn nicht. Da er einmal hier sei, wolle er keineswegs 
verfehlen, den Kaukasus zu besuchen und besonders jenen Ararat zu 
besteigen, von dem er bereits Ausfuhrliches in der Bibel gelesen. Hat- 
ten die Zuhorer der Erzahlung Macs mit angestrengten Spahergebar- 
den gelauscht, um aus dem ganzen polternden Wust vielleicht eine 
winzige verstandliche Silbe zu erjagen, so erbebten ihre Herzen bei 
dem Wort »Ararat«, das ihnen merkwurdig bekannt vorkam, aber 
auch zum Entsetzen verandert, und das aus Mac mit einem gefahrli- 
chen und schrecklichen Grollen herausrollte. Mendel Singer allein la~ 
chelte unaufhorlich. Es war ihm angenehm, die Sprache zu horen, die 
nunmehr auch die seines Sohnes Schemarjah geworden war, und wah- 
rend Mac redete, versuchte Mendel sich vorzustellen, wie sein Sohn 
aussah, wenn er ebensolche Worte sprach. Und bald war es ihm, als 
sprache die Stimme des eigenen Sohnes aus dem heiter mahlenden 
Munde des Fremden. 

Der Amerikaner beendete seinen Vortrag, ging rund um den Tisch und 
driickte jedem herzlich und heftig die Hand. Menuchim hob er mit 
einem hastigen Ruck in die Hohe, betrachtete den schiefen Kopf, den 
diinnen Hals, die blauen und leblosen Hande und die krummen Beine 
und setzte ihn mit einer zartlichen und besinnlichen Geringschatzung 
auf den Boden, als wollte er so ausdriicken, dafi merkwurdige Ge- 
schopfe auf der Erde zu kauern haben und nicht an Tischen zu stehn. 
Dann ging er breit, grofi und ein wenig schwankend, die Hande in den 
Hosentaschen, aus der offenen Tur, und ihm nach drangte die ganze 
Familie. Alle beschatteten die Augen mit den Handen, wie sie so in die 
besonnte Gasse sahen, in deren Mitte Mac dahinschritt und an deren 
Ende er noch einmal stehenblieb, um einen kurzen Grufi zuriickzu- 
winken. 

Lange blieben sie drauEen, auch nachdem Mac verschwunden war. Sie 
hielten die Hande iiber den Augen und sahen in das staubige Strahlen 
der leeren StraEe. Endlich sagte Deborah: »Nun ist er weg!« Und als 
ware der Fremde erst jetzt verschwunden, kehrten alle um und standen 



HIOB 41 

umschlungen, jeder einen Arm urn die Schultern des anderen, vor den 

Photographien auf dem Tisch. »Wieviel sind zehn Dollar ?« fragte Mir- 

jam und begann nachzurechnen. 

»Es ist ganz gleich«, sagte Deborah, »wieviel zehn Dollar sind, wir 

werden uns doch nichts dafiir kaufen.« 

»Warum nicht?« erwiderte Mirjam, »in unsern Fetzen sollen wir fah- 

ren?« 

»Wer fahrt und wohin?« schrie die Mutter. 

»Nach Amerika«, sagte Mirjam und lachelte, »Sam selbst hat es ge- 

schrieben.« 

Zum erstenmal hatte ein Angehoriger der Familie Schemarjah »Sam« 

genannt, und es war, als hatte Mirjam den amerikanischen Namen des 

Bruders absichtlich ausgesprochen, um seiner Forderung, die Familie 

moge nach Amerika fahren, Nachdruck zu verleihen. 

»Sam!« rief Mendel Singer, »wer ist Sam?« 

»Ja«, wiederholte Deborah, »wer ist Sam?« 

»Sam«, sagte, immer noch mit einem Lacheln, Mirjam, »ist mein Bru- 

der in Amerika und euer Sohn!« 

Die Eltern schwiegen. 

Menuchims Stimme gellte plotzlich hell aus dem Winkel, in den er sich 

verkrochen hatte. 

»Menuchim kann nicht fahren!« sagte Deborah, so leise, als furchtete 

sie, der Kranke konnte sie verstehen. 

»Menuchim kann nicht fahren!« wiederholte, ebenso leise, Mendel 

Singer. 

Die Sonne schien rapide zu sinken. Auf der Wand des gegentiberlie- 

genden Hauses, auf die alle durch das offene Fenster starrten, stieg der 

schwarze Schatten sichtbar hoher, wie das Meer beim Anzug der Flut 

seine Uferwande emporsteigt. Ein leiser Wind erhob sich, und in den 

Angeln knarrte der Fens terflii gel. 

»Mach die Tiir zu, es zieht!« sagte Deborah. 

Mirjam ging zur Tiir. Ehe sie die Klinke beruhrte, stand sie noch ein 

wenig still und steckte den Kopf iiber den Turrahmen in die Richtung, 

in der Mac vers chwun den war. Dann schloft Mirjam die Tiir mit har- 

tem Schlag und sagte: »Das ist der Wind!« 

Mendel stellte sich ans Fenster. Er sah zu, wie der Schatten des Abends 

die Wand hinankroch. Er hob den Kopf und betrachtete den golduber- 

glanzten First des Hauses gegeniiber. Er stand lange so, die Stube, sein 



42 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Weib, seine Tochter Mirjam und den kranken Menuchim im Riicken. 
Er fiihlte sie alle und ahnte jede ihrer Bewegungen. Er wufite, dafi 
Deborah den Kopf auf den Tisch legte, um zu weinen, dafi Mirjam ihr 
Gesicht dem Herd zukehrte und dafi ihre Schultern dann und wann 
zuckten, obwohi sie gar nicht weinte. Er wufite, dafi seine Frau nur auf 
den Augenblick wartete, in dem er nach seinem Gebetbuch griff, um 
ins Bethaus zu gehn, das Abendgebet sagen, und Mirjam den gelben 
Schal nahm, um zu den Nachbarn himiberzueilen. Dann wollte Debo- 
rah den Zehn-Dollar-Schein, den sie immer noch in der Hand hielt, 
unter dem Dielenbrett vergraben. Er kannte das Dielenbrett, Mendel 
Singer. Sooft er es betrat, verriet es ihm knarrend das Geheimnis, das 
es deckte, und erinnerte ihn an das Knurren der Hunde, die Samesch- 
kin vor seinem Stall angebunden hielt. Er kannte das Brett, Mendel 
Singer. Und um nicht an die schwarzen Hunde Sameschkins denken 
zu miissen, die ihm unheimlich waren, lebendige Gestalten der Siinde, 
vermied er es, auf das Brett zu treten, wenn er nicht gerade vergefilich 
war und im Eifer des Unterrichtens durch die Stube wanderte. Wie er 
so den goldenen Streifen der Sonne immer schmaler werden sah und 
vom First des Hauses auf das Dach gleiten und von hier auf den wei- 
fien Schornstein, glaubte er, zum erstenmal in seinem Leben deutlich 
das lautlose und tiickische Schleichen der Tage zu fuhlen, die triigeri- 
sche Hinterlist des ewigen Wechsels von Tag und Nacht und Sommer 
und Winter und das Rinnen des Lebens, gleichformig, trotz alien er- 
warteten wie iiberraschenden Schrecken. Sie wuchsen nur an den 
wechselreichen Ufern, an ihnen vorbei strich Mendel Singer. Es kam 
ein Mann aus Amerika, lachte, brachte einen Brief, Dollars und Bilder 
von Schemarjah und verschwand wieder in den verschleierten Gebie- 
ten der Feme. Die Sonne verschwanden: Jonas diente dem Zaren in 
Pskow und war kein Jonas mehr. Schemarjah badete an den Ufern des 
Ozeans und hiefi nicht mehr Schemarjah. Mirjam sah dem Amerikaner 
nach und wollte auch nach Amerika. Nur Menuchim blieb, was er 
gewesen war, seit dem Tage seiner Geburt: ein Kriippel. Und Mendel 
Singer selbst blieb, was er immer gewesen war: ein Lehrer. 
Die schmale Gasse verdunkelte sich vollends und belebte sich gleich- 
zeitig. Die dicke Frau des Glasermeisters Chaim und die neunzigjah- 
rige Grofimutter des langst verstorbenen Schlossers Jossel Kopp 
brachten ihre Stiihle aus den Hausern, um sich vor den Turen hinzu- 
setzen und die frische Abendstunde zu geniefien. Die Juden eilten 



hiob 43 

schwarz und hastig und mit fliichtig gemurmelten Griifien ins Bethaus. 
Da wandte sich Mendel Singer urn, er wollte sich ebenfalls auf den 
Weg machen. Er ging an Deborah vorbei, deren Kopf immer noch auf 
dem harten Tisch lag. Ihr Gesicht, das Mendel schon seit Jahren nicht 
mehr leiden konnte, war jetzt vergraben, wie eingebettet in das harte 
Holz, und die Dunkelheit, die das Zimmer zu erfullen begann, deckte 
auch die Harte und die Schuchternheit Mendels zu. Seine Hand 
huschte uber den breiten Riicken der Frau, vertraut war ihm dieses 
Fleisch einmal gewesen, fremd war es ihm jetzt. Sie erhob sich und 
sagte: »Du gehst beten!« Und da sie an etwas anderes dachte, wandelte 
sie mit einer fernen Stimme den Satz ab und wiederholte: »Beten gehst 
du!« 

Mit ihrem Vater zugleich verliefi Mirjam im gelben Schal das Haus und 
begab sich zu den Nachbarn. 

Es war die erste Woche im Monat Ab. Die Juden versammelten sich 
nach dem Abendgebet, um den Neumond zu begriifien, und weil die 
Nacht angenehm war und ein Labsal nach dem heifien Tage, folgten sie 
ihren glaubigen Herzen williger als gewohnlich und dem Gebot Got- 
tes, die Wiedergeburt des Mondes auf einem freien Platz zu begriifien, 
uber dem sich der Himmel weiter und umfangreicher wolbt als uber 
den engen Gassen des Stadtchens. Und sie hasteten, stumm und 
schwarz, in regellosen Griippchen, hinter die Hauser, sahen in der 
Feme den Wald, der schwarz und schweigsam war wie sie, aber ewig 
in seinem verwurzelten Bestand, sahen die Schleier der Nacht uber den 
weiten Feldern und blieben schliefilich stehn. Sie blickten zum Him- 
mel und suchten das gekriimmte Silber des neuen Gestirns, das heute 
noch einmal geboren wurde, wie am Tage seiner Erschaffung. Sie 
schlossen sich zu einer dichten Gruppe, schlugen ihre Gebetbiicher 
auf, weifl schimmerten die Seiten, schwarz stamen die eckigen Buch- 
staben vor ihren Augen in der nachtlich-blaulichen Klarheit, und sie 
begannen, den Gruft an den Mond zu murmeln und die Oberkorper 
hin und her zu wiegen, daft sie aussahen wie von einem unsichtbaren 
Sturm geriittelt. Immer schneller wiegten sie sich, immer lauter beteten 
sie, mit kriegerischem Mut warfen sie zu dem fernen Himmel ihre ur- 
heimischen Worte. Fremd war ihnen die Erde, auf der sie standen, 
feindlich der Wald, der ihnen entgegenstarrte, gehassig das Klaffen der 
Hunde, deren mifkrauisches Gehor sie geweckt hatten, und vertraut 
nur der Mond, der heute in dieser Welt geboren wurde wie im Lande 



44 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Vater, und der Herr, der iiberall wachte, daheim und in der Ver- 
bannung. 

Mit einem lauten »Amen« beschlossen sie den Segen, reichten einander 
die Hande und wiinschten sich einen gliicklichen Monat, Gedeih den 
Geschaften und Gesundheit den Kranken. Sie zerteilten sich, sie liefen 
einzeln nach Haus, verschwanden in den Gafkhen hinter den kleinen 
Tiiren ihrer schiefen Hiitten. Nur ein Jude blieb zuriick, Mendel Sin- 
ger. 

Seine Gefahrten mochten sich erst vor wenigen Minuten verabschiedet 
haben, aber ihm war es, als stiinde er schon seit einer Stunde da. Er 
atmete die ungestorte Ruhe in der Freiheit, machte ein paar Schritte, 
fuhlte sich matt, bekam Lust, sich auf den Boden zu legen, und hatte 
Angst vor der unbekannten Erde und dem gefahrvollen Gewiirm, das 
sie hochstwahrscheinlich beherbergte. Sein verlorener Sohn Jonas kam 
ihm in den Sinn. Jonas schlief jetzt in einer Kaserne, auf dem Heu, in 
einem Stall, vielleicht neben Pferden. Sein Sohn Schemarjah lebte jen- 
seits des Wassers: Wer war weiter, Jonas oder Schemarjah? Deborah 
hatte daheim schon die Dollars vergraben, und Mirjam erzahlte jetzt 
den Nachbarn die Geschichte von dem Besuch des Amerikaners. 
Die junge Mondsichel verbreitete bereits einen starken, silbernen 
Glanz, treu begleitet von dem hellsten Stern des Himmels glitt sie 
durch die Nacht. Manchmal heulten die Hunde und erschreckten 
Mendel. Sie zerrissen den Frieden der Erde und vergrofierten Mendel 
Singers Unruhe. Obwohl er kaum funf Minuten von den Hausern des 
Stadtchens entfernt war, kam er sich unendlich weit von der bewohn- 
ten Welt der Juden vor, unsagbar einsam, von Gefahren bedroht und 
dennoch aufierstande zunickzugehen. Er wandte sich nach Norden: 
Da atmete finster der Wald. Rechts dehnten sich viele Werst weit die 
Siimpfe mit den vereinzelten, silbernen Weiden. Links lagen die Felder 
unter opalenen Schleiern, Manchmal glaubte Mendel einen menschli- 
chen Laut aus unbestimmbarer Richtung zu vernehmen. Er horte be- 
kannte Leute reden, und es war ihm auch, als ob er sie verstiinde. Dann 
erinnerte er sich, daft er diese Reden schon langst gehort hatte. Er be- 
griff, dafi er sie jetzt nur noch einmal vernahm, lediglich ihr Echo, das 
so lange in seinem Gedachtnis gewartet hatte. 

Auf einmal rauschte es links im Getreide, obwohl sich kein Wind er- 
hoben hatte. Es rauschte immer naher, jetzt konnte Mendel auch sehn, 
wie sich die mannshohen Ahren bewegten, zwischen ihnen mufke ein 



hiob 45 

Mensch schleichen, wenn nicht ein riesiges Tier, ein Ungetiim. Davon- 
laufen ware wohl richtig gewesen, aber Mendel wartete und bereitete 
sich auf den Tod vor. Ein Bauer oder ein Soldat wiirde jetzt aus dem 
Korn treten, Mendel des Diebstahls bezichtigen und auf der Stelle er- 
schlagen - mit einem Stein vielleicht. Es konnte auch ein Landstreicher 
sein, ein Morder, ein Verbrecher, der nicht belauscht und beobachtet 
sein wollte. »Heiliger Gott!« fliisterte Mendel. Da horte er Stimmen. 
Es waren zwei, die durch das Getreide gingen, und daft es nicht einer 
war, beruhigte den Juden, obwohl er sich gleichzeitig sagte, dafi es 
eben zwei Morder sein durften. Nein, es waren keine Morder, es war 
ein Liebespaar. Eine Madchenstimme sprach, ein Mann lachte. Auch 
Liebespaare konnten gefahrlich werden, es gab manches Beispiel dafiir, 
dafi ein Mann rasend wurde, wenn er einen Zeugen seiner Liebe er- 
griff. Bald mufiten die beiden aus dem Felde treten. Mendel Singer 
iiberwand seinen furchtsamen Ekel vor dem Gewiirm der Erde und 
legte sich sachte hin, den Blick auf das Getreide gerichtet. Da teilten 
sich die Ahren, der Mann trat zuerst hervor, ein Mann in Uniform, ein 
Soldat mit dunkelblauer Miitze, gestiefelt und gespornt, das Metall 
blinkte und klingelte leise. Hinter ihm leuchtete ein gelber Schal auf, 
ein gelber Schal, ein gelber Schal. Eine Stimme erklang, die Stimme des 
Madchens. Der Soldat wandte sich um, legte seinen Arm urn ihre 
Schultern, jetzt offnete sich der Schal, der Soldat ging hinter dem Mad- 
chen, die Hande hielt er an ihrer Brust, eingebettet in den Soldaten 
ging das Madchen. 

Mendel schlofi die Augen und liefi das Ungliick im Finstern vorbeige- 
hen. Hatte er nicht Angst gehabt, sich zu verraten, er hatte sich auch 
gern die Ohren verstopft, um nicht horen zu miissen. So aber mufke er 
horen: schreckliche Worte, silbernes Klirren der Sporen, leises, wahn- 
sinniges Kichern und ein tiefes Lachen des Mannes. Sehnsuchtig er- 
wartete er jetzt das Klaffen der Hunde. Wenn sie nur laut heulen woll- 
ten, sehr laut heulen soil ten sie! Morder hatten aus dem Getreide zu 
treten, um ihn zu erschlagen. Die Stimmen entfernten sich. Stille war 
es. Fort war alles. Nichts war gewesen. 

Mendel Singer stand eilends auf, sah sich um in der Runde, hob mit 
beiden Handen die Schofk seines langen Rockes und lief in die Rich- 
tung des Stadtchens. Die Fensterladen waren geschlossen, aber manche 
Frauen saEen noch vor den Tiiren und plauderten und schnarrten. Er 
verlangsamte seinen Lauf, um nicht aufzufallen, er machte nur grofte, 



46 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

eilige Schritte, die Rockschofie immer noch in den Handen. Vor sei- 
nem Hause stand er. Er klopfte ans Fenster. Deborah offnete es: »Wo 
ist Mirjam?« fragte Mendel. »Sie geht noch spazieren«, sagte Deborah, 
»sie ist ja nicht zu halten! Tag und Nacht geht sie spazieren. Eine halbe 
Stunde kaum ist sie im Haus. Gott hat mich gestraft mit diesen Kin- 
dern, hat man je in der Welt schon -« »Sei still«, unterbrach sie Men- 
del, »wenn Mir jam nach Hause kommt, sag ihr, ich habe nach ihr ge- 
fragt. Ich komme heute nicht nach Haus, sondern erst morgen fruh. 
Heute ist der Todestag meines Grofivaters Zallel, ich gehe beten.« Und 
er entfernte sich, ohne eine Antwort seiner Frau abzuwarten. 
Es konnten kaum drei Stunden verflossen sein, seitdem er das Bethaus 
verlassen hatte. Nun, da er es wieder betrat, war ihm, als kehre er nach 
vielen Wochen dahin zuriick, und er strich mit einer zartlichen Hand 
liber den Deckel seines alten Gebetpultes und feierte mit ihm ein Wie- 
dersehn. Er klappte es auf und langte nach seinem alten, schwarzen 
und schweren Buch, das in seinen Handen heimisch war und das er 
unter tausend gleichartigen Biichern ohne Zogern erkannt hatte. So 
vertraut war ihm die lederne Glatte des Einbands mit den. erhabenen, 
runden Inselchen aus Stearin, den verkrusteten Uberresten unzahliger 
langst verbrannter Kerzen, und die unteren Ecken der Seiten, poros, 
gelblich, fett, dreimal gewellt durch das jahrzehntelange Umblattern 
mit angefeuchteten Fingern. Jedes Gebet, dessen er im Augenblick be- 
durfte, konnte er im Nu aufschlagen. Eingegraben war es in sein Ge- 
dachtnis mit den kleinsten Zugen der Physiognomie, die es in diesem 
Gebetbuch trug, der Zahl seiner Zeilen, der Art und Grofte des Drucks 
und der genauen Farbtonung der Seiten. 

Es dammerte im Bethaus, das gelbliche Licht der Kerzen an der ostli- 
chen Wand neben dem Schrank der Thorarollen vertrieb das Dunkel 
nicht, sondern schien sich eher in diesem zu bergen. Man sah den 
Himmel und einige Sterne durch die Fenster und erkannte alle Gegen- 
stande im Raum, die Pulte, den Tisch, die Banke, die Papierschnitzel 
auf dem Boden, die Armleuchter an der Wand, ein paar golden befran- 
ste Deckchen. Mendel Singer entzundete zwei Kerzen, klebte sie fest 
am nackten Holz des Pultes, schloE die Augen und begann zu beten. 
Mit geschlossenen Augen erkannte er, wo eine Seite zu Ende war, me- 
chanisch blatterte er die neue auf. Allmahlich glitt sein Oberkorper in 
das altgewohnte, regelmaEige Schwanken, der ganze Korper betete 
mit, die Fiifie scharrten die Dielen, die Hande schlossen sich zu Fau- 



hiob 47 

sten und schlugen wie Hammer auf das Pult, an die Brust, auf das Buch 
und in die Luft. Auf der Ofenbank schlief ein obdachloser Jude. Seine 
Atemziige begieiteten und unterstiitzten Mendel Singers monotonen 
Gesang, der wie ein heifier Gesang in der gelben Wiiste war, verloren 
und vertraut mit dem Tode. Die eigene Stimme und der Atem des 
Schlafenden betaubten Mendel, vertrieben jeden Gedanken aus seinem 
Herzen, nichts mehr war er als ein Beter, die Worte gingen durch ihn 
den Weg zum Himmel, ein hohles Gefafl war er, ein Trichter. So betete 
er dem Morgen entgegen. 

Der Tag hauchte an die Fenster. Da wurden die Lichter kummerlich 
und matt, hinter den niedrigen Htitten sah man schon die Sonne em- 
porkommen, mit roten Flammen erfullte sie die zwei ostlichen Fenster 
des Hauses. Mendel zerdruckte die Kerzen, verbarg das Buch, offnete 
die Augen und wandte sich zum Gehen. Er trat ins Freic. Es roch nach 
Sommer, trocknenden Sumpfen und erwachtem Grim. Die Fensterla- 
den waren noch geschlossen. Die Menschen schliefen. 
Mendel pochte dreimal mit der Hand an seine Tiir. Er war kraftig und 
frisch, als hatte er traumlos und lange geschlafen. Er wufke genau, was 
zu tun war. Deborah offnete. »Mach mir einen Tee«, sagte Mendel, 
»dann will ich dir was sagen. 1st Mirjam zu Haus?« »Naturlich«, erwi- 
derte Deborah, »wo sollte sie denn sein? Glaubst du, sie ist schon in 
Amerika?« 

Der Samowar summte, Deborah hauchte in ein Trinkglas und putzte 
es blank. Dann tranken Mendel und Deborah gleichmafiig mit gespitz- 
ten, schlurfenden Lippen. Plotzlich setzte Mendel das Glas ab und 
sagte: »Wir werden nach Amerika fahren. Menuchim mufi zuriickblei- 
ben. Wir miissen Mirjam mitnehmen. Ein Ungliick schwebt iiber uns, 
wenn wir bleiben.« Er blieb eine Weile still und sagte dann leise: 
»Sie geht mit einem Kosaken.« 

Das Glas fiel klirrend aus den Handen Deborahs. Mirjam erwachte in 
der Ecke, und Menuchim regte sich in seinem dumpfen Schlaf. Dann 
blieb es still. Millionen Lerchen trillerten iiber dem Haus, unter dem 
Himmel. 

Mit einem hellen Blitz schlug die Sonne ans Fenster, traf den blanken 
Samowar aus Blech und entziindete ihn zu einem gewolbten Spiegel. 
So begann der Tag. 



48 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

VII 

Nach Dubno fahrt man mit Sarneschkins Fuhre; nach Moskau fahrt 
man mit der Eisenbahn; nach Amerika fahrt man nicht nur auf einem 
Schiff, sondern auch mit Dokumenten. Um diese zu bekommen, mufi 
man nach Dubno. 

Also begibt sich Deborah zu Sameschkin. Sameschkin sitzt nicht mehr 
auf der Ofenbank, er ist uberhaupt nicht zu Haus, es ist Donnerstag 
und Schweinemarkt, Sameschkin kann erst in einer Stunde heimkeh- 
ren. 

Deborah geht auf und ab, auf und ab vor Sarneschkins Hiitte, sie denkt 
nur an Amerika. 

Ein Dollar ist mehr als zwei Rubel, ein Rubel hat hundert Kopeken, 
zwei Rubel enthalten zweihundert Kopeken, wieviel, um Gottes wil- 
len, enthalt ein Dollar Kopeken? Wieviel Dollar ferner wird Schemar- 
jah schicken? Amerika ist ein gesegnetes Land. 

Mirjam geht mit einem Kosaken, in Rufiland kann sie es wohl, in Ame- 
rika gibt es keine Kosaken. Rutland ist ein trauriges Land, Amerika ist 
ein freies Land, ein frohliches Land. Mendel wird kein Lehrer mehr 
sein, der Vater eines reichen Sohnes wird er sein. 
Es dauert nicht eine Stunde, es dauert nicht zwei Stunden, erst nach 
drei Stunden hort Deborah Sarneschkins genagelte Stiefel. 
Es ist Abend, aber immer noch heifi. Die schrage Sonne ist schon gelb 
geworden, aber weichen will sie nicht, sehr langsam geht sie heute un- 
ter. Deborah schwitzt vor Hitze und Aufregung und hundert unge- 
wohnten Gedanken. 

Nun, da Sameschkin herankommt, wird ihr noch mehr heift. Er tragt 
eine schwere Barenmutze, zottelig und an einigen Stellen raudig, und 
einen kurzen Pelz iiber schmutzigen Leinenhosen, die in den schweren 
Stiefeln stecken. Dennoch schwitzt er nicht. 

In dem Augenblick, in dem ihn Deborah sieht, riecht sie ihn auch 
schon, denn er stinkt nach Branntwein. Einen schweren Stand wird sie 
mit ihm haben. Es ist schon keine Kleinigkeit, den nuchternen Sa- 
meschkin herumzukriegen. 

Am Montag ist Schweinemarkt in Dubno. Es ist nicht von Vorteil, dafi 
Sameschkin bereits den Schweinemarkt zu Hause absolviert hat, er 
diirfte keine Veranlassung mehr haben, nach Dubno zu fahren, und die 
Fuhre wird Geld kosten. 



hiob 49 

Deborah tritt Sameschkin mitten in den Weg. Er taumelt, die schweren 
Stiefel halten ihn aufrecht. Ein Gliick, daft er nicht barfuft ist! denkt 
Deborah, nicht ohne Verachtung. 

Sameschkin erkennt die Frau nicht, die ihm den Weg verstellt. »Weg 
mit den Weibern!« ruft er und macht eine Bewegung mit der Hand, 
halb ein Griff und halb ein Schlagen. 

»Ich bin es!« sagt Deborah tapfer. »Montag fahren wir nach Dubno!« 
»Gott segne dich!« ruft Sameschkin freundlich. Er bleibt stehn und 
stiitzt sich mit dem Ellenbogen auf Deborahs Schulter. Sie hat Angst, 
sich zu riihren, damit Sameschkin nicht hinfalle. 
Sameschkin wiegt gute siebzig Kilo, sein ganzes Gewicht liegt jetzt im 
Ellenbogen, und dieser Ellenbogen liegt auf Deborahs Schulter. 
Zum erstenmal ist ihr ein fremder Mann so nahe. Sie furchtet sich, aber 
sie denkt zugleich auch, daft sie schon alt ist, sie denkt auch an Mir jams 
Kosaken und wie lange sie Mendel nicht mehr beriihrt hat. 
»Ja, mein Siifies«, sagt Sameschkin, »wir fahren Montag nach Dubno 
und unterwegs schlafen wir miteinander.« 

»Pfui, du Alter«, sagt Deborah, »ich werde es deiner Frau sagen, viel- 
leicht bist du besoffen?« »Besoffen ist er nicht«, erwiderte Sameschkin, 
»er hat nur gesoffen. Was wills t du iiberhaupt in Dubno, wenn du 
nicht mit Sameschkin schlafst ?« 

»Dokumente machen«, sagt Deborah, »wir fahren nach Amerika.« 
»Die Fuhre kostet fiinfzig Kopeken, wenn du nicht schlafst, und drei- 
Eig, wenn du mit ihm schlafst. Ein Kindchen wird er dir machen, be- 
kommen wirst du es in Amerika, ein Andenken an Sameschkin. « 
Deborah erschauert, mitten in der Hitze. 

Dennoch sagt sie, aber erst nach einer Minute: »Ich schlafe nicht mit 
dir und zahle fiinfunddreiftig Kopeken. « 

Sameschkin steht plotzlich frei, er hat den Ellenbogen von Deborahs 
Schulter weggezogen, es scheint, dafi er niichtern geworden ist. 
»Funfunddreifiig Kopeken«, sagt er mit fester Stimme. 
»Montag um fiinf Uhr friih.« 
»Montag um fiinf Uhr friih.« 

Sameschkin kehrt in seinen Hof ein, und Deborah geht langsam nach 
Haus. 

Die Sonne ist untergegangen. Der Wind kommt vom Westen, am Ho- 
rizont schichten sich violette Woiken, morgen wird es regnen. Debo- 
rah denkt: Morgen wird es regnen, und fiihlt einen rheumatischen 



$0 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schmerz im Knie, sie begriifit ihn, den alten, treuen Feind. Der 
Mensch wird alt! denkt sie. Die Frauen werden schneller alt als die 
Manner, Sameschkin ist genauso alt wie sie und noch alter. Mir jam ist 
jung, sie geht mit einem Kosaken. 

Vor dem Wort »Kosaken«, das sie laut gesagt hatte, war Deborah er- 
schrocken. Es war, als ob erst der Klang ihr die Furchtbarkeit des Tat- 
bestands bewufitgemacht hatte. 

Zu Hause sah sie ihre Tochter Mirjam und ihren Mann Mendel. Sie 
safien am Tisch, der Vater und die Tochter, und sie schwiegen so be- 
harrlich, daft Deborah sofort beim Eintritt wufite, daft es bereits ein 
altes Schweigen war, ein heimisches, festgesiedeltes Schweigen. 
»Ich habe mit Sameschkin gesprochen«, begann Deborah. »Montag 
um funf Uhr friih fahre ich nach Dubno um die Dokumente. Funfund- 
dreifiig Kopeken will er.« Und da sie der Teufel der Eitelkeit ritt, ftigte 
sie hinzu: »So billig fahrt er nur mit mir!« 

»Du kannst iiberhaupt nicht allein fahren«, sagte, Miidigkeit in der 
Stimme und Bangnis im Herzen, Mendel Singer. »Ich habe mit vielen 
Juden gesprochen, die sich auskennen. Sie sagen, ich mufi selber beim 
Urjadnik sein.« 
»Du beim Urjadnik?« 

Es war in der Tat nicht einfach, sich Mendel Singer in einem Amt 
vorzustellen. Nie in seinem Leben hatte er mit einem Urjadnik gespro- 
chen. Nie hatte er einem Polizisten begegnen konnen, ohne zu zittern. 
Den Uniformierten, den Pferden und den Hunden ging er sorgfaltig 
aus dem Weg. Mendel sollte mit einem Urjadnik sprechen? 
»Kummere dich nicht, Mendel«, sagte Deborah, »um die Dinge, die du 
nur verderben kannst. Ich allein werde alles richten.« 
»Alle Juden«, wendete Mendel ein, »haben mir gesagt, daft ich person- 
lich erscheinen mufi.« 
»Dann fahren wir Montag zusammen!« 
»Und wo wird Menuchim sein?« 
»Mirjam bleibt bei ihm!« 

Mendel sah seine Frau an. Er versuchte, mit seinem Blick ihre Augen 
zu treffen, die sie unter den Lidern furchtsam verbarg. Mirjam, die von 
einer Ecke aus den Tisch betrachtete, konnte den Blick ihres Vaters 
sehn, ihr Herz ging schneller. Montag war sie verabredet. Montag war 
sie verabredet. Die ganze heifte Zeit des Spatsommers war sie verabre- 
det. Ihre Liebe bluhte spat, zwischen den hohen Ahren, Mirjam hatte 



HIOB 51 

Angst vor der Ernte. Sie horte schon manchmal, wie die Bauern sich 
vorbereiteten, wie sie die Sicheln wetzten an den blauen Schleifsteinen. 
Wo sollte sie hin, wenn die Felder kahl wurden? Sie mufite nach Ame- 
rika. Eine vage Vorstellung von der Freiheit der Liebe in Amerika, 
zwischen den hohen Hausern, die noch besser verbargen als die Korn- 
ahren im Feld, trostete sie iiber das Nahen der Ernte. Schon kam sie. 
Mirjam hatte keine Zeit zu verlieren. Sie liebte Stepan. Er wiirde zu- 
riickbleiben. Sie liebte alle Manner, die Sturme brachen aus ihnen, ihre 
gewaltigen Hande ziindeten dennoch sachte die Flammen im Herzen 
an. Stepan hiefien die Manner, Iwan und Wsewolod. In Amerika gab es 
noch viel mehr Manner. 

»Ich bleibe nicht allein zu Hause«, sagte Mirjam, »ich habe Angst !« 
»Man mufi ihr«, liefi sich Mendel vernehmen, »einen Kosaken ins 
Haus stellen. Damit er sie bewacht.« 

Mirjam wurde rot. Sie glaubte, dafi der Vater ihre Rote sah, obwohl sie 
in der Ecke, im Schatten stand. Ihre Rote mufite doch durch das Dun- 
kel leuchten, wie eine rote Lampe war Mirjams Angesicht entzundet. 
Sie bedeckte es mit den Handen und brach in Tranen aus. 
»Geh hinaus!« sagte Deborah, »es ist spat, mach die Fensterladen zu!« 
Sie tastete sich hinaus, vorsichtig, die Hande immer noch vor den Au- 
gen. Drauften blieb sie einen Moment stehen. Alle Sterne des Himmels 
standen da, nah und lebendig, als hatten sie Mirjam vor dem Haus 
erwartet. Ihre klare, goldene Pracht enthielt die Pracht der grofien, 
freien Welt, kleine Spiegelchen waren sie, in denen sich der Glanz 
Amerikas spiegelte. 

Sie trat ans Fenster, sah hinein, versuchte aus den Mienen der Eltern zu 
erkennen, was sie sprechen mochten. Sie erkannte nichts. Sie loste die 
eisernen Haken von dem Holz der aufgeklappten Laden und schloft 
die beiden Fliigel wie einen Schrank. Sie dachte an einen Sarg. Sie be- 
grub die Eltern in dem kleinen Hauschen. Sie fiihlte keine Wehmut. 
Mendel und Deborah Singer waren begraben. Die Welt war weit und 
lebendig. Stepan, Iwan und Wsewolod lebten. Amerika lebte, jenseits 
des grofien Wassers, mit all seinen hohen Hausern und mit Millionen 
Mannern. 

Als sie wieder ins Zimmer trat, sagte ihr Vater, Mendel Singer: 
»Sogar die Laden kann sie nicht schliefien, eine halbe Stunde braucht 
sie dazu!« 
Er achzte, erhob sich und trat an die Wand, an der die kleine Petro- 



52 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

leumlampe hing, dunkelblauer Behalter, rufiiger Zylinder, durch einen 
rostigen Draht verbunden mit einem gesprungenen runden Spiegel, der 
die Aufgabe hatte, das sparliche Licht kostenlos zu verstarken. Die 
obere Offnung des Zylinders iiberragte Mendel Singers Kopf. Vergeb- 
lich versuchte er, die Lampe auszupusten. Er stellte sich auf die Zehen- 
spitzen, er blies, aber der Docht flackerte nur starker auf. 
Indessen entzundete Deborah ein kleines, gelbliches Wachslicht und 
stellte es auf den Ziegelherd. Mendel Singer stieg krachzend auf einen 
Sessel und blies endlich die Lampe aus. Mirjam legte sich in die Ecke, 
neben Menuchim. Erst wenn es finster war, wollte sie sich ausziehen. 
Sie wartete atemlos, mit geschlossenen Lidern, bis der Vater sein 
Nachtgebet zu Ende gemurmelt hatte. Durch ein rundes Astloch im 
Fensterladen sah sie das blaue und goldene Schimmern der Nacht. Sie 
entkleidete sich und befuhlte ihre Briiste. Sie taten ihr weh. Ihre Haut 
hatte ein eigenes Gedachtnis und erinnerte sich an jeder Stelle der gro- 
fien, harten und heifien Hande der Manner. Ihr Geruch hatte ein eige- 
nes Gedachtnis und behielt den Duft von Mannerschweifi, Branntwein 
und Juchten unablassig, mit qualender Treue. Sie horte das Schnarchen 
der Eltern und das Rocheln Menuchims. Da erhob sich Mirjam, im 
Hemd, barfufi, mit den schweren Zopfen, die sie nach vorne legte und 
deren Enden bis zu den Schenkeln reichten, schob den Riegel zuriick 
und trat hinaus in die fremde Nacht. Sie atmete tief. Es schien ihr, dafi 
sk die ganze Nacht einatmete, alle goldenen Sterne verschlang sie mit 
dem Atem, immer noch mehr brannten am Himmel. Frosche quakten 
und Grillen zirpten, den nordostlichen Rand des Himmels saumte ein 
breiter, silberner Streifen, in dem schon der Morgen enthalten zu sein 
schien. Mirjam dachte an das Kornfeld, ihr Hochzeitslager. Sie ging 
rund um das Haus. Da schimmerte von feme her die grofie, weifie 
Mauer der Kaserne. Ein paar kargliche Lichter schickte sie Mirjam ent- 
gegen. In einem grofien Saal schliefen Stepan, Iwan und Wsewolod 
und viele andere Manner. 

Morgen war Freitag. Alles muEte man fur den Samstag vorbereiten, die 
Fleischkugeln, den Hecht und die Huhnerbriihe. Das Backen begann 
schon um sechs Uhr morgens. Als der breite, silberne Streifen rotlich 
wurde, schlich sich Mirjam wieder in die Stube. Sie schlief nicht mehr 
ein. Durch das Astloch im Fensterladen sah sie die ersten Flammen der 
Sonne. Schon regten sich Vater und Mutter im Schlaf. Der Morgen war 
da. 



hiob 53 

Der Sabbat verging, den Sonntag verbrachte Mirjam im Kornfeld, mit 

Stepan. Sie gingen schliefilich weit hinaus, ins nachste Dorf, Mirjam 

trank Schnaps. Den ganzen Tag suchte man sie zu Hause. Mochte man 

sie suchen! Ihr Leben war kostbar, der Sommer war kurz, bald begann 

die Ernte. Im Walde schlief sie noch einmal mit Stepan. Morgen, Mon- 

tag, fuhr der Vater nach Dubno die Papiere besorgen. 

Um fiinf Uhr friih am Montag erhob sich Mendel Singer. Er trank Tee, 

betete, legte dann schnell die Gebetsriemen ab und ging zu Samesch- 

kin. »Guten Morgen!« rief er von weitem. Es war Mendel Singer, als 

beganne schon hier, vbr dem Einsteigen in die Fuhre Sameschkins, die 

Amtshandlung und als mufke er Sameschkin begriifien wie einen Ur- 

jadnik. 

»Ich fahre lieber mit deiner Frau!« sagte Sameschkin. »Sie ist noch 

ansehnlich fur ihre Jahre und hat einen anstandigen Busen.« 

»Fahren wir«, sagte Mendel. 

Die Pferde wieherten und schlugen mit den Schwanzen auf ihre Hin- 

terteile. »Hej! Wjo!« rief Sameschkin und knallte mit der Peitsche. 

Um elf Uhr vormittags kamen sie nach Dubno. 

Mendel mufke warten. Er trat, die Mutze in der Hand, durch das 

grofie Portal. Der Portier trug einen Sabel. 

»Wohin willst du?« fragte er. 

»Ich will nach Amerika - wo mufi ich hin?« 

»Wie heifit du?« 

»Mendel Mechelovitsch Singer.« 

»Wozu willst du nach Amerika?« 

»Geld verdienen, es geht mir schlecht.« 

»Du gehst auf Nummer 84«, sagte der Portier. »Dort warten schon 

viele.« 

Sie safien in einem grofien, gewolbten, ockergelb getiinchten Korridor. 

Manner in blauen Uniformen wachten vor den Tiiren. Die Wande ent- 

lang standen braune Banke - alle Banke waren besetzt. Aber sooft ein 

Neuer kam, machten die blauen Manner eine Handbewegung; und die 

schon safien, riickten zusammen, und immer wieder nahm ein Neuer 

Platz. Man rauchte, spuckte, knackte Kiirbiskerne und schnarchte. 

Der Tag war hier kein Tag. Durch das Milchglas eines sehr hohen, sehr 

fernen Oberlichts konnte man eine blasse Ahnung vom Tag erhaschen. 

Uhren tickten irgendwo, aber sie gingen gleichsam neben der Zeit ein- 

her, die in diesen hohen Korridoren stillestand. 



54 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Manchmal rief ein Mann in blauer Uniform einen Namen aus. Alle 
Schlafer erwachten. Der Aufgerufene erhob sich, wankte einer Tiir zu, 
riickte an seinem Anzug und trat durch eine der hohen, zweifliigeligen 
Tiiren, die statt einer Klinke einen runden, weifien Knopf hatte. Men- 
del iiberlegte, wie er diesen Knopf behandeln wiirde, um die Tiir auf- 
zumachen. Er stand auf, vom langen Sitzen, eingezwangt zwischen den 
Menschen, taten ihm die Glieder weh. Kaum aber hatte er sich erho- 
ben, als ein blauer Mann auf ihn zutrat. »Sidaj!« rief der blaue Mann, 
»setz dich!« Mendel Singer fand keinen Platz mehr auf seiner Bank. Er 
blieb neben ihr stehen, driickte sich an die Wand und hatte den 
Wunsch, so flach zu werden wie die Mauer. 
»Wartest du auf Nummer 84 ?« fragte der blaue Mann. 
»Ja«, sagte Mendel. Er war uberzeugt, dafi man jetzt gesonnen war, ihn 
endgiiltig hinauszuwerfen. Deborah wird noch einmal hierherfahren 
miissen. Fiinfzig Kopeken und fiinfzig Kopeken machen einen Rubel. 
Aber der blaue Mann hatte nicht die Absicht, Mendel aus dem Haus zu 
weisen. Dem blauen Mann lag vor allem daran, dafi alle Wartenden 
ihre Platze behielten und dafi er alle iibersehen konnte. Wenn einer 
schon aufstand, so konnte er auch eine Bombe werfen. 
Anarchisten verkleiden sich manchmal, dachte der Tiirsteher. Und er 
winkte Mendel zu sich heran, betastete den Juden, fragte nach den 
Papieren. Und da alles in Ordnung war und Mendel keinen Platz mehr 
hatte, sagte der blaue Mann: »Pafi auf! Siehst du die glaserne Tiir? Die 
machst du auf. Dort ist Nummer 84. « 

»Was willst du hier?« schrie ein breitschultriger Mann hinter dem 
Schreibtisch. Genau unter dem Bild des Zaren safJ der Beamte. Er be- 
stand aus einem Schnurrbart, einem kahlen Kopf, Epauletten und 
Knopfen. Er war wie eine schone Biiste hinter seinem breiten Tin ten- 
fafi aus Marmor. »Wer hat dir erlaubt, hier ohne weiteres einzutreten? 
Warum meldest du dich nicht an?« polterte eine Stimme aus der Biiste. 
Mendel Singer verbeugte sich unterdessen tief. Auf solch einen Emp- 
fang war er nicht vorbereitet gewesen. Er beugte sich und liefi den 
Donner iiber seinen Riicken dahinstreichen, er wollte winzig werden, 
dem Erdboden gleich, wie wenn er von einem Gewitter auf freiem 
Felde uberrascht worden ware. Die Falten seines langen Rockes schlu- 
gen auseinander, und der Beamte sah ein Stuck von Mendel Singers 
fadenscheiniger Hose und das abgeschabte Leder der Stiefelschafte. 
Dieser Anblick machte den Beamten milder. »Tritt naher!« befahl er, 



hiob 55 

und Mendel riickte naher, den Kopf vorgeschoben, als wollte er gegen 
den Schreibtisch vorstofien. Erst als er sah, dafi er sich schon dem 
Saum des Teppichs naherte, hob Mendel ein wenig den Kopf. Der Be- 
amte lachelte. 

»Her mit den Papieren!« sagte er. 

Dann war es still. Man horte eine Uhr ticken. Durch die Jalousien 
brach das goldene Licht eines spaten Nachmittags. Die Papiere ra- 
schelten. Manchmal sann der Beamte eine Weile nach, blickte in die 
Luft und haschte plotzlich mit der Hand nach einer Fliege. Er hielt das 
winzige Tier in seiner riesigen Faust, offnete sie vorsichtig, zupfte 
einen Flugel ab, dann den zweiten und sah noch ein bifichen zu, wie 
das verkriippelte Insekt auf dem Schreibtisch weiterkroch. 
»Das Gesuch?« fragte er plotzlich, »wo ist das Gesuch?« 
»Ich kann nicht schreiben, Euer Hochwohlgeboren!« entschuldigte 
sich Mendel. 

»Das weifi ich, du Tepp, dafi du nicht schreiben kannst! Ich habe nicht 
nach deinem Schulzeugnis gefragt, sondern nach dem Gesuch. Und 
wozu haben wir einen Schreiber? Ha? Im Parterre? Auf Nummer 3? 
Ha? Wozu erhalt der Staat einen Schreiber? Fur dich, du Esel, weil du 
eben nicht schreiben kannst. Also geh auf Nummer 3. Schreib das Ge- 
such. Sag, ich schicke dich, damit du nicht zu warten brauchst und 
gleich behandelt wirst. Dann kommst du zu mir. Aber morgen! Und 
morgen nachmittag kannst du meinetwegen wegfahren!« 
Noch einmal verneigte sich Mendel. Er ging nickwarts, er wagte nicht, 
dem Beamten den Riicken zu kehren, unendlich lang schien ihm der 
Weg vom Schreibtisch zur Tiir. Er glaubte, schon eine Stunde zu wan- 
dern. Endlich fiihlte er die Nahe der Tiir. Er wandte sich schnell urn, 
ergriff den Knopf, drehte ihn zuerst links, dann rechts, dann machte er 
noch eine Verbeugung. Er stand endlich wieder im Korridor. 
In Nummer 3 saft ein gewohnlicher Beamter, ohne Epauletten. Es war 
eine dumpfe, niedrige Stube, viele Menschen umstanden den Tisch, der 
Schreiber schrieb und schrieb, die Feder stiefi er jedesmal ungeduldig 
auf den Boden des Tintenbehalters. Er schrieb flink, aber er wurde 
nicht fertig. Immer kamen neue Menschen. Trotzdem hatte er noch 
Zeit, Mendel zu bemerken. 

»Euer Hochwohlgeboren, der Herr von Nummer 84 schickt mich«, 
sagte Mendel. 
»Komm her«, sagte der Schreiber. 



$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Man machte Mendel Singer Platz. 

»Einen Rubel fur den Stempel!« sagte der Schreiber. Mendel kramte 

einen Rubel aus seinem blauen Taschentuch. Es war ein harter, blanker 

Rubel. Der Schreiber nahm die Miinze nicht, er erwartete noch minde- 

stens fiinfzig Kopeken. Mendel verstand nichts von den ziemlich deut- 

lichen Wtinschen des Schreibers. 

Da wurde der Schreiber bose. »Sind das Papiere?« sagte er. »Fetzen 

sind es! Die zerfallen einem ja in der Hahd.« Und er zerrifi wie unab- 

sichtlich eines der Dokumente, es zerfiel in zwei gleiche Teile, und der 

Beamte griff nach dem Gummiarabikum, um es zusammenzukleben. 

Mendel Singer zitterte. 

Das Gummiarabikum war zu trocken, der Beamte spuckte in das 

Flaschchen, dann hauchte er es an. Aber es blieb trocken. Er hatte 

plotzlich einen Einfall, man sah ihm an, dafi er plotzlich einen Einfall 

hatte. Er schlofi eine Schublade auf, legte Mendel Singers Papiere hin- 

ein, schlofi sie wieder zu, rifi von einem Block einen kleinen, griinen 

Zettel, bestempelte ihn, gab ihn Mendel und sagte: »Weifit du was? 

Morgen friih um neun Uhr kommst du her! Da sind wir allein. Da 

konnen wir ruhig miteinander sprechen. Deine Papiere sind hier bei 

mir. Du hoist sie morgen ab. Den Zettel zeigst du vor!« 

Mendel ging, Sameschkin wartete draufien, neben den Pferden sa8 er 

auf den Steinen, die Sonne ging unter, der Abend kam. 

»Wir fahren erst morgen«, sagte Mendel, »um neun Uhr friih mufi ich 

wiederkommen.« 

Er suchte nach einem Bethaus, um iibernachten zu konnen. Er kaufte 

ein Stuck Brot, zwei Zwiebeln, steckte alles in die Tasche, hielt einen 

Juden auf und fragte ihn nach dem Bethaus. »Gehn wir zusammen«, 

sagte der Jude. 

Unterwegs erzahlte Mendel seine Geschichte. 

»Bei uns im Bethaus«, sagte der Jude, »kannst du einen Mann treffen, 

der dir die ganze Sache besorgt. Er hat schon viele Familien nach Ame- 

rika geschickt. Kennst du Kapturak?« 

»Kapturak? Natiirlich! Er hat meinen Sohn weggeschickt!« 

»Alte Kundschaft!« sagte Kapturak. Im Spatsommer hielt er sich in 

Dubno auf, er ordinierte in den Bethausern. »Damals war deine Frau 

bei mir. An deinen Sohn erinnere ich mich noch. Gut geht es ihm, was? 

Kapturak hat eine gliickliche Hand.« 

Es erwies sich, daft Kapturak bereit war, die Angelegenheit zu liber- 



hiob 57 

nehmen. Es kostete vorlaufig zehn Rubel per Kopf. Einen Vorschufi 
von zehn Rubeln konnte Mendel nicht geben. Kapturak wuEte einen 
Ausweg. Er lieft sich die Adresse vom jungen Singer geben. In vier 
Wochen hat er Antwort und Geld, wenn der Sohn wirklich die Ab- 
sicht hat, seine Eltern kommen zu lassen. 

»Gib mir den griinen Zettel, den Brief aus Amerika, und verlafi dich 
auf mich!« sprach Kapturak. Urid die Umstehenden nickten. »Fahr 
heute noch nach Hause. In ein paar Tagen komme ich bei euch vorbei. 
Verlafl dich auf Kapturak !« 

Ein paar Umstehende wiederholten: »Verlafi dich ruhig auf Kap- 
turak !« 

»Es ist ein Gliick«, sagte Mendel, »dafi ich euch hier getroffen habe!« 
Alle gaben ihm die Hand und wiinschten ihm eine gute Fahrt. Er 
kehrte zum Marktplatz zuriick, wo Sameschkin wartete. Sameschkin 
war schon im Begriff, sich in seinem Wagen schlafen zu legen. »Mit 
einem Juden kann nur der Teufel etwas Gewisses ausmachen!« sagte 
er. »Also fahren wir doch noch!« 
Sie fuhren. 

Sameschkin band sich die Ziigel urns Handgelenk, er gedachte, ein we- 
nig zu schlafen. Er nickte wirklich ein, die Pferde scheuten vor dem 
Schatten einer Vogelscheuche, die ein Spitzbube aus einem Feld fortge- 
tragen und an den Straflenrand gestellt hatte. Die Tiere setzten sich in 
Galopp, die Fuhre schien sich in die Luft zu heben, bald, so glaubte 
Mendel, wiirde sie zu flattern beginnen, auch sein Herz galoppierte, 
wie ihm schien, es wollte die Brust verlassen und in die Weite hiipfen. 
Auf einmal stieft Sameschkin einen lauten Fluch aus. Die Fuhre glitt in 
einen Graben, die Pferde ragten noch mit den Vorderbeinen auf die 
Strafte, Sameschkin lag auf Mendel Singer. 

Sie kletterten wieder hervor. Die Deichsel war zersplittert, ein Rad war 
locker geworden, einem anderen fehlten zwei Speichen. Sie mufken die 
Nacht iiber hierbleiben. Morgen wollte man sehn. 
»So beginnt deine Reise nach Amerika«, sagte Sameschkin. »Was fahrt 
ihr auch immer soviel in der Welt herum! Der Teufel schickt euch von 
einem Ort zum andern. Unsereins bleibt, wo er geboren ist, und nur 
wenn Krieg ist, zieht man nach Japan !« 

Mendel Singer schwieg. Er safl am Straftenrand, neben Sameschkin. 
Zum erstenmal in seinem Leben saft Mendel Singer auf der nackten 
Erde, mitten in der wilden Nacht, neben einem Bauern. Er sah iiber 



58 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sich den Himmel und die Sterne und dachte: Sie verdecken Gott. All 

das hat der Herr in sieben Tagen geschaffen. Und wenn ein Jude nach 

Amerika fahren will, braucht es Jahre! 

»Siehst du, wie schon das Land ist?« fragte Sameschkin. »Bald wird die 

Ernte kommen. Es ist ein gutes Jahr. Wenn es so gut ist, wie ich mir 

vorstelle, kaufe ich noch ein Pferd im Herbst. Horst du was von dei- 

nem Sohn Jonas? Er versteht was von Pferden. Er ist ganz anders als 

du. Hat dich dein Weib vielleicht einmal betrogen?« »Alles ist mog- 

lich«, erwiderte Mendel. Es war ihm auf einmal sehr leicht, alles 

konnte er begreifen, die Nacht machte ihn frei von Vorurteilen. Er 

schmiegte sich sogar an Sameschkin wie an einen Bruder. 

» Alles ist moglich«, wiederholte er, »die Weiber taugen nichts.« 

Plotzlich begann Mendel zu schluchzen. Mendel weinte, mitten in 

einer fremden Nacht, neben Sameschkin. 

Der Bauer driickte seine Fauste gegen die Augen, denn er fuhlte, dafi er 

auch weinen wiirde. 

Dann legte er einen Arm um die diinnen Schultern Mendels und sagte 

leise: 

»Schlaf, lieber Jude, schlaf dich aus!« 

Er blieb lange wach. Mendel Singer schlief und schnarchte. Die Fro- 

sche quakten bis zum Morgen. 



VIII 

Zwei Wochen spater rollte in einer grofien Staubwolke ein kleiner, 
zweiradriger Wagen vor das Haus Mendel Singers und brachte einen 
Gast: Es war Kapturak. 

Er berichtete, dafi die Papiere bereit waren. Sollte eine Antwort in vier 
Wochen von Schemarjah, genannt Sam, aus Amerika kommen, so 
wiirde die Abreise der Familie Singer gesichert sein. Nur dieses hatte 
Kapturak sagen wollen; und daft ein VorschuE von zwanzig Rubeln 
ihm angenehmer ware, als wenn er das Geld spater von der Summe 
Schemarjahs abziehen miiftte. 

Deborah ging in die Rumpelkammer aus faulen Holzplanken, die in 
dem kleinen Hof stand, zog die Bluse iiber den Kopf, holte ein verkno- 
tetes Taschentuch aus dem Busen und zahlte sich acht harte Rubel in 
die Hand. Dann stiilpte sie die Bluse wieder iiber, ging ins Haus und 



hiob 59 

sagte zu Kapturak: »Das ist alles, was ich bei den Nachbarn auftreiben 
konnte. Sie miissen sich damit zufriedengeben.« 
»Einer alten Kundschaft sieht man was nach!« sagte Kapturak, 
schwang sich auf sein federleichtes, gelbes Wagelchen und verschwand 
alsbald in einer Staubwolke. 

» Kapturak war bei Mendel Singer!* riefen die Leute im Stadtchen. 
»Mendel fahrt nach Amerika.« 

In der Tat begann bereits die Reise Mendel Singers nach Amerika. Alle 
Leute gaben ihm Ratschlage gegen die Seekrankheit. Ein paar Kaufer 
erschienen, Mendels Hauschen zu besichtigen. Man war bereit, tau- 
send Rubel dafiir zu zahlen, eine Summe, fiir die Deborah fiinf Jahre 
ihres Lebens gegeben hatte. 

Mendel Singer aber sagte: »Weifk du, Deborah, dafi Menuchim zu- 
riickbleiben mufi? Bei wem wird er bleiben? Billes verheiratet im nach- 
sten Monat seine Tochter an den Musikanten Fogl. Bis sie ein Kind 
bekommen, konnen die jungen Leute Menuchim behalten. Dafiir ge- 
ben wir ihnen die Wohnung, und wir nehmen kein Geld.« 
»Ist es schon fiir dich eine ausgemachte Sache, daft Menuchim zuriick- 
bleibt? Es sind noch ein paar Wochen mindestens bis zu unserer Ab- 
reise, bis dahin tut Gott sicher ein Wunder.« 

»Wenn Gott ein Wunder tun will«, erwiderte Mendel, »wird er es dich 
nicht vorher wissen lassen. Man mufi hoffen. Fahren wir nicht nach 
Amerika, so geschieht ein Ungliick mit Mirjam. Fahren wir nach Ame- 
rika, so lassen wir hier Menuchim zuriick. Sollen wir Mirjam allein 
nach Amerika schicken? Wer weift, was sie anstellt, allein unterwegs 
und allein in Amerika. Menuchim ist krank, daft ihm nur ein Wunder 
helfen kann. Hilft ihm aber ein Wunder, so kann er uns folgen. Denn 
Amerika ist zwar sehr weit; aber es liegt dennoch nicht auflerhalb die- 
ser Welt.« 

Deborah blieb still. Sie horte die Worte des Rabbi von Kluczysk: 
»VerIafi ihn nicht, bleibe bei ihm, als wenn er ein gesundes Kind 
ware!« Sie blieb nicht bei ihm. Lange Jahre, Tag und Nacht, Stunde um 
Stunde hatte sie auf das verheifiene Wunder gewartet. Die Toten im 
Jenseits halfen nicht, der Rabbi half nicht, Gott wollte nicht helfen. 
Ein Meer von Tranen hatte sie geweint. Nacht war in ihrem Herzen, 
Kummer in jeder Freude gewesen seit Menuchims Geburt. Alle Feste 
waren Qualen gewesen und alle Feiertage Trauertage. Es gab keinen 
Friihling mehr und keinen Sommer. Winter hieften alle Jahreszeiten. 



60 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Die Sonne ging auf, aber sie warmte nicht. Die Hoffnung allein wollte 
nicht sterben. »Der bleibt ein Kriippel«, sagten alle Nachbarn. Denn 
ihnen war kein Ungliick zugestofien, und wer kein Ungliick hat, 
glaubt auch nicht an Wunder. 

Auch wer Ungliick hat, glaubt nicht an Wunder. Wunder geschahen 
vor ganz alten Zeiten, als die Juden noch in Palastina lebten. Seitdem 
sind keine mehr gewesen. Dennoch: Hatte man nicht mit Recht merk- 
wiirdige Taten des Rabbi von Kluczysk erzahlt? Hatte er nicht schon 
Blinde sehend gemacht und Gelahmte erlost? Wie war es mit Nathan 
Piczeniks Tochter? Verriickt war sie gewesen. Man brachte sie nach 
Kluczysk. Der Rabbi sah sie an. Er sagte seinen Spruch. Dann spuckte 
er dreimal aus. Und Piczeniks Tochter ging frei, leicht und vernunftig 
nach Haus. 

Andere Menschen haben Gliick, dachte Deborah. Fur Wunder mufi 
man auch Gliick haben. Mendel Singers Kinder haben aber kein 
Gliick! Sie sind eines Lehrers Kinder! 

»Wenn du ein verniinftiger Mensch warest«, sagte sie zu Mendel, »so 
wiirdest du morgen nach Kluczysk fahren und den Rabbi um Rat fra- 
gen.« 

»Ich?« fragte Mendel. »Was soil ich bei deinem Rabbi? Bist einmal 
dort gewesen, f ahr noch einmal hin ! Glaubst an ihn, dir wird er einen 
Rat geben. Du weifit, dafi ich nichts davon halte. Kein Jude braucht 
einen Vermittler zum Herrn. Er erhort unsere Gebete, wenn wir nichts 
Unrechtes tun. Wenn wir aber Unrechtes tun, kann er uns strafen!« 
»Wofur straft er uns jetzt? Haben wir Unrecht getan? Warum ist er 
grausam?« 

»Du lasterst ihn, Deborah, lafi mich in Run', ich kann nicht langer mit 
dir reden.« Und Mendel vertiefte sich in ein frommes Buch. 
Deborah griff nach ihrem Schal und ging hinaus. Draufien stand Mir- 
jam. Sie stand da, gerotet von der untergehenden Sonne, in einem wei- 
fien Kleid, das jetzt orangen schimmerte, mit ihren glatten, glanzenden 
schwarzen Haaren und sah gradaus in die untergehende Sonne mit ih- 
ren grofien, schwarzen Augen, die sie weit offenhielt, obwohl sie die 
Sonne ja blenden muEte. Sie ist schon, dachte Deborah, so schon bin 
ich auch einmal gewesen, so schon wie meine Tochter- was ist aus mir 
geworden? Mendel Singers Frau bin ich geworden. Mirjam geht mit 
einem Kosaken, sie ist schon, vielleicht hat sie recht. 
Mirjam schien ihre Mutter nicht zu sehn. Sie beobachtete mit leiden- 



HIOB 6l 

schaftlicher Genauigkeit die gliihende Sonne, die jetzt hinter einem 
schweren, violetten Wall von Wolken versinken wollte. Seit einigen 
Tagen stand diese dunkle Masse jeden Abend im Westen, kiindigte 
Sturm und Regen an und war am nachsten Tag wieder verschwunden. 
Mirjam hatte beobachtet, dafi in dem Augenblick, in dem die Sonne 
untergetaucht war, druben in der Kavalleriekaserne die Soldaten zu 
singen begannen, eine ganze Sotnia begann zu singen, immer dasselbe 
Lied: »Polubil ja tibia za twoju krasotu.« Der Dienst war zu Ende, die 
Kosaken begriifiten den Abend. Mirjam wiederholte summend den 
Text des Liedes, von dem sie nur die ersten zwei Verse kannte: »Ich 
habe dich liebgewonnen, deiner Schonheit wegen.« Ihr gait das Lied 
einer ganzen Sotnia! Hundert Manner sangen ihr zu. Eine halbe 
Stunde spater traf sie sich mit einem von ihnen oder auch mit zweien. 
Manchmal kamen drei. 

Sie erblickte die Mutter, blieb ruhig stehen, wufke, dafi Deborah her- 
iiberkommen wiirde. Seit Wochen wagte die Mutter nicht mehr, Mir- 
jam zu rufen. Es war, als ginge von Mirjam selbst ein Teil des Schrek- 
kens aus, der die Kosaken umgab, als stunde die Tochter schon unter 
dem Schutz der fremden und wilden Kaserne. 

Nein, Deborah rief Mirjam nicht mehr. Deborah kam zu Mirjam. De- 
borah, in einem alten Schal, stand alt, hafilich, angstlich vor der gold- 
uberglanzten Mirjam, hielt ein am Rande des holzernen Biirgersteigs, 
als befolgte sie ein altes Gesetz, das den haEHchen Miittern befahl, 
einen halben Werst tiefer zu stehen als die schonen Tochter. 
»Der Vater ist bos, Mirjam!« sagte Deborah. 
»Laft ihn bose sein«, erwiderte Mirjam, »deinen Mendel Singer.« 
Zum erstenmal horte Deborah den Namen des Vaters aus dem Munde 
eines ihrer Kinder. Einen Augenblick schien es ihr, daft hier eine 
Fremde sprach, nicht Mendels Kind. Eine Fremde - weshalb sollte sie 
auch »Vater« sagen? Deborah wollte umkehren, sie hatte sich geirrt, 
sie hatte zu einem fremden Menschen gesprochen. Sie machte eine 
kurze Wendung. »Bleib!« befahl Mirjam - und Deborah fiel es zum 
erstenmal auf, mit welch harter Stimme ihre Tochter sprach. Eine kup- 
ferne Stimme, dachte Deborah. Sie klang wie eine der gehafken und 
geftirchteten Kirchenglocken. 

»Bleib hier, MutterU wiederholte Mirjam, »laft ihn allein, deinen 
Mann, fahr mit mir nach Amerika. Lafi Mendel Singer und Menuchim, 
den Idioten, hier.« 



6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich habe ihn gebeten, zum Rabbi zu fahren, er will nicht. Allein fahr' 
ich nicht mehr nach Kluczysk. Ich habe Angst! Einmal schon hat er 
mir verboten, Menuchim zu lassen, und wenn seine Krankheit Jahre 
dauern sollte. Was soil ich ihm sagen, Mirjam? Soil ich ihm sagen, dafi 

wir deinetwegen wegfahren miissen, weil du, weil du « 

»Weil ich mich mit Kosaken abgebe«, erganzte Mirjam, ohne sich zu 
riihren. Und sie fuhr fort: »Sag ihm, was du willst, es soil mich gar 
nichts angehn. In Amerika werde ich noch eher tun, was ich will. Weil 
du einen Mendel Singer geheiratet hast, muK ich nicht auch einen hei- 
raten. Hast du denn einen bessern Mann fur mich, was? Hast du eine 
Mitgift fur deine Tochter?« 

Mirjam erhob ihre Stimme nicht, auch ihre Fragen klangen nicht wie 
Fragen, es war, als sprache sie gleichgultige Dinge, als gabe sie Aus- 
kunft tiber die Preise des Griinzeugs und der Eier. Sie hat recht, dachte 
Deborah. Hilf, guter Gott, sie hat recht. 

Alle guten Geister rief Deborah zu Hilfe. Denn sie fuhlte, dafi sie ihrer 
Tochter recht geben mufite, sie selbst sprach aus ihrer Tochter. Debo- 
rah begann, ebenso vor sich selbst Angst zu haben, wie sie noch vor 
einer kurzen Weile vor Mirjam Angst gehabt hatte. Bedrohliche Dinge 
ereigneten sich. Der Gesang der Soldaten klang unaufhorlich heniber. 
Noch ragte ein kleiner Streifen der roten Sonne iiber das Violett. 
»Ich mufi fort«, sagte Mirjam, loste sich von der Mauer, an der sie 
gelehnt hatte, leicht wie ein weifier Schmetterling flatterte sie vom Biir- 
gersteig, ging mit raschen, koketten Fiifien die Strafienmitte entlang, 
hinaus in die Richtung, in der die Kaserne lag, dem rufenden Gesang 
der Kosaken entgegen. 

Funfzig Schritte vor der Kaserne, in der Mitte des kleinen Pfades zwi- 
schen dem grofien Wald und dem Getreide Sameschkins, erwartete sie 
I wan. 

»Wir fahren nach Amerika«, sagte Mirjam. 

»Wirst mich nicht vergessen«, mahnte I wan. »Wirst immer um diese 
Stunde, beim Untergang der Sonne, an mich denken und nicht an die 
andern. Und vielleicht, wenn Gott hilft, komme ich dir nach, wirst mir 
schreiben. Pawel wird mir deine Brief e vorlesen, schreib nicht zuviel 
geheime Dinge von uns beiden, sonst mufi ich mich schamen.« Er 
kiifite Mirjam, stark und viele Male, seine Kusse knatterten wie 
Schiisse durch den Abend. Ein Teufelsmadel, dachte er, nun fahrt sie 
hin, nach Amerika, ich mufi mir eine andere suchen. So schon wie die 



HIOB 63 

ist keine mehr, noch vier Jahre mu(! ich dienen. Er war grofi, baren- 
stark und schiichtern. Seine riesigen Hande zitterten, wenn er ein 
Madchen anfassen sollte. Auch war er in der Liebe nicht heimisch, alles 
hatte ihm Mirjam beigebracht, auf was fiir Gedanken war sie nicht 
schon gekommen! 

Sie umarmten sich, wie gestern und vorgestern, mitten im Feld, einge- 
bettet zwischen den Friichten der Erde, umgeben und iiberwolbt von 
dem schweren Korn. Willig legten sich die Ahren hin, wenn Mirjam 
und Iwan niedersanken,* noch ehe sie niedersanken, schienen sich die 
Ahren zu legen. Heute war ihre Liebe heftiger, kiirzer und gleichsam 
erschreckt. Es war, als miiftte Mirjam schon morgen nach Amerika. 
Der Abschied zitterte schon in ihrer Liebe. Wahrend sie ineinander- 
wuchsen, waren sie sich schon fern, durch den Ozean voneinander 
getrennt. Wie gut, dachte Mirjam, daft nicht er fahrt, daft nicht ich 
zuruckbleibe. Sie lagen lange matt, hilflos, stumm, wie Schwerverwun- 
dete. Tausend Gedanken schwankten durch ihre Hirne. Sie merkten 
nicht den Regen, der endlich gekommen war. Er hatte sachte und tiik- 
kisch begonnen, es dauerte lange, bis seine Tropfen schwer genug wa- 
ren, das dichte, goldene Gehege der Ahren zu durchbrechen. Plotzlich 
waren sie den stromenden Wassern preisgegeben. Sie erwachten, be- 
gannen zu laufen. Der Regen verwirrte sie, verwandelte die Welt voll- 
ends, nahm ihnen den Sinn fiir die Zeit. Sie dachten, es sei schon spat, 
sie lauschten, ob sie die Glocken vom Turm horen wiirden, aber nur 
der Regen rauschte, immer dichter, immer dichter, alle andern Stim- 
men der Nacht waren unheimlich verstummt. Sie kiiftten sich auf die 
nassen Gesichter, driickten sich die Hande, Wasser war zwischen ih- 
nen, keins von beiden konnte den Korper des andern fuhlen. Hastig 
nahmen sie Abschied, ihre Wege trennten sich, schon war Iwan in Re- 
gen eingehullt und unsichtbar. Nie mehr werde ich ihn sehen! dachte 
Mirjam, wahrend sie nach Hause lief. Die Ernte kommt. Morgen wer- 
den die Bauern erschrecken, weil ein Regen mehrere bringt. 
Sie kam nach Hause, wartete eine Weile unter dem Dachvorsprung, als 
ware es moglich, in einer kurzen Minute trocken zu werden. Sie ent- 
schloE sich, ins Zimmer zu treten. Finster war es, alle schliefen schon. 
Sie legte sich leise, nafi, wie sie war, sie liefi ihre Kleider am Korper 
trocknen und riihrte sich nicht mehr. Drauflen rauschte der Regen. 
Alle wuftten schon, daft Mendel nach Amerika ging, ein Schuler nach 
dem andern blieb vom Unterricht weg. Jetzt waren es nur noch fiinf 



64 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Knaben, auch sie kamen nicht zu regelmafiigen Zeiten. Die Papiere 
hatte Kapturak noch nicht gebracht, die Schiffskarte hatte Sam noch 
nicht geschickt. Aber schon begann das Haus Mendel Singer zu zerfal- 
len. Wie morsch mufi es doch gewesen sein, dachte Mendel. Es ist 
morsch gewesen, und man hat es nicht gewufit. Wer nicht achtgeben 
kann, gleicht einem Tauben und ist schlimmer daran als ein Tauber - 
so steht es irgendwo geschrieben. Hier war mein Grofivater Lehrer; 
hier war mein Vater Lehrer, hier war ich ein Lehrer. Jetzt fahre ich 
nach Amerika. Meinen Sohn Jonas haben die Kosaken genommen, 
Mirjam wollen sie mir nehmen. Menuchim - was wird mit Menuchim? 
Noch am Abend dieses Tages begab er sich zu der Familie Billes. Es 
war eine frohe Familie, es schien Mendel Singer, dafi sie unverdient viel 
Gluck hatte; alle Tochter waren verheiratet, bis auf die jiingste, der er 
eben sein Haus anbieten wollte, alle drei Sonne waren dem Militar 
entgangen und in die Welt gefahren, der eine nach Hamburg, der an- 
dere nach Kalifornien, der dritte nach Paris. Es war eine frohliche Fa- 
milie, Gottes Hand ruhte iiber ihr, sie lag wohl gebettet in Gottes brei- 
ter Hand. Der alte Billes war immer heiter. Alle seine Sonne hatte 
Mendel Singer unterrichtet. Der alte Billes war ein Schuler des alten 
Singer gewesen. Weil sie einander schon so lange kannten, glaubte 
Mendel, ein kleines Anrecht an dem Gluck der Fremden zu haben. 
Der Familie Billes - sie lebten nicht im Uberflufi - gefiel der Vorschlag 
Mendel Singers. Gut! - das junge Paar wird das Haus ubernehmen und 
Menuchim dazu. »Er macht gar keine Arbeit«, sagte Mendel Singer. 
»Es geht ihm auch von Jahr zu Jahr besser. Bald wird er mit Gottes 
Hilfe ganz gesund sein. Dann wird mein alterer Sohn Schemarjah her- 
iiberkommen, oder er wird jemanden schicken und Menuchim nach 
Amerika bringen.« 

»Und was hort Ihr von Jonas ?« fragte der alte Billes. Mendel hatte 
schon lange nichts von seinem Kosaken gehort, wie er ihn im stillen 
nannte - nicht ohne Verachtung, aber auch nicht ohne Stolz. Dennoch 
antwortete er: »Lauter Gutes! Er hat lesen und schreiben gelernt, und 
er ist befordert worden. Wenn er kein Jude ware, wer weift, vielleicht 
ware er schon Offizier!« Es war Mendel unmoglich, im Angesicht die- 
ser glucklichen Familie mit dem schweren Ubergewicht seines groEen 
Ungliicks auf dem Rucken dazustehn. Deshalb streckte er den Riicken 
und log ein bifichen Freude vor. 
Es wurde ausgemacht, daft Mendel Singer sein Haus vor einfachen 



HIOB 65 

Zeugen der Familie Billes zur Benutzung iibergeben wiirde, nicht vor 
dem Amt, denn das kostete Geld. Drei, vier anstandige Juden als Zeu- 
gen geniigten. Inzwischen bekam Mendel einen Vorschufi von dreifiig 
Rubeln, weil seine Schuler nicht mehr kamen und das Geld zu Hause 
ausging. 

Eine Woche spater rollte noch einmal Kapturak in seinem leichten Wa- 
gelchen durch das Stadtchen. Alles war da: das Geld, die Schiffskarte, 
die Passe, das Visum, das Kopfgeld fiir jeden und sogar das Honorar 
fur Kapturak. 

»Ein punktlicher Zahler«, sagte Kapturak. »Euer Sohn Schemarjah, ge- 
nannt Sam, ist ein punktlicher Zahler. Ein Gentleman, sagt man drii- 
ben . . .« 

Bis zur Grenze sollte Kapturak die Familie Singer begleiten. In vier 
Wochen ging der Dampfer »Neptun« von Bremen nach New York. 
Die Familie Billes kam Inventur aufnehmen. Das Bettzeug, sechs Kis- 
sen, sechs Leintiicher, sechs rot-blau karierte Beziige nahm Deborah 
mit, man lieft die Strohsacke zuriick und das sparliche Bettzeug fiir 
Menuchim. 

Obwohl Deborah nicht viel zu packen hatte und obwohl sie alle 
Stiicke ihres Besitzes im Kopfe behielt, blieb sie doch unaufhorlich in 
Tatigkeit. Sie packte ein, sie packte wieder aus. Sie zahlte das Geschirr 
und zahlte noch einmal. Zwei Teller zerbrach Menuchim. Er schien 
uberhaupt seine stupide Ruhe allmahlich zu verlieren. Er rief seine 
Mutter ofter als bisher, das einzige Wort, das er seit Jahren ausspre- 
chen konnte, wiederholte er, auch wenn die Mutter nicht in seiner 
Nahe war, ein dutzendmal. Er war ein Idiot, dieser Menuchim! Ein 
Idiot! Wie leicht sagt man das! Aber wer kann sagen, was fiir einen 
Sturm von Angsten und Sorgen die Seele Menuchims in diesen Tagen 
auszuhalten hatte, die Seele Menuchims, die Gott verborgen hatte in 
dem undurchdringlichen Gewande der Blodheit! Ja, er angstigte sich, 
der Kriippel Menuchim. Er kroch manchmal aus seinem Winkel selb- 
standig bis vor die Tur, hockte an der Schwelle, in der Sonne wie ein 
kranker Hund und blinzelte die Passanten an, von denen er nur die 
Stiefel zu sehen schien und die Hosen, die Striimpfe und die Rocke. 
Manchmal griff er unvermutet nach der Schiirze seiner Mutter und 
knurrte. Deborah nahm ihn auf den Arm, obwohl er schon ein ansehn- 
liches Gewicht hatte. Dennoch wiegte sie ihn im Arm und sang zwei, 
drei abgerissene Strophen eines Kinderliedes, das sie selbst schon ganz 



66 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



vergessen hatte und das in ihrem Gedachtnis wieder zu erwachen be- 
gann, sobald sie den ungliicklkhen Sohn in den Armen fiihlte. Dann 
liefi sie ihn wieder niederhocken und ging an die Arbeit, die seit Tagen 
lediglich aus Packen und Zahlen bestand. Plotzlich gab sie es wieder 
auf. Sie blieb eine Weile stehen, mit nachdenklichen Augen, die denen 
Menuchims nicht unahnlich waren; so ohne Leben waren sie, so hilflos 
in einer unbekannten Feme nach den Gedanken suchend, die das Ge- 
hirn zu liefern sich weigerte. Ihr torichter Blick fiel auf den Sack, in 
dem die Polster eingenaht werden sollten. Vielleicht, fiel es ihr ein, 
konnte man Menuchim in einen Sack nahen? Gleich darauf erzitterte 
sie bei der Vorstellung, dafi die Zollrevisoren mit langen, scharfen 
Spiefien die Sacke der Passagiere durchstechen wiirden. Und sie be- 
gann, wieder auszupacken, und der Entschlufi durchzuckte sie zu blei- 
ben, wie der Rabbi von Kluczysk gesagt hatte: »Verlafi ihn nicht, als 
wenn er ein gesundes Kind ware!« Die Kraft, die zum Glauben ge- 
horte, brachte sie nicht mehr auf, und allmahlich verliefien sie auch die 
Krafte, deren der Mensch bedarf, um die Verzweiflung auszuhalten. 
Es war, als hatten sie, Deborah und Mendel, nicht freiwillig den Ent- 
schlufi gefafk, nach Amerika zu gehn, sondern als ware Amerika iiber 
sie gekommen, iiber sie hergefallen, mit Schemarjah, Mac und Kap- 
turak. Nun, da sie es bemerkten, war es zu spat. Sie konnten sich nicht 
mehr vor Amerika retten. Die Papiere kamen zu ihnen, die Schiffskar- 
ten, die Kopfgelder. »Wie ist es«, fragte Deborah einmal, »wenn Me- 
nuchim plotzlich gesund wird, heute oder morgen?« Mendel wiegte 
eine Weile den Kopf. Dann sagte er: »Wenn Menuchim gesund wird, 
nehmen wir ihn mit!« Und sie ergaben sich beide schweigend der 
Hoffnung, dafi Menuchim morgen oder ubermorgen gesund von sei- 
nem Lager aufstehen wiirde, mit heilen Gliedern und einer vollkom- 
menen Sprache. 

Am Sonntag sollen sie fahren. Heute ist Donnerstag. Zum letztenmal 
steht Deborah vor ihrem Herd, die Mahlzeit fur den Sabbat zu richten, 
das weifie Mohnbrot und die geflochtenen Semmeln. Offen brennt das 
Feuer, zischt und knistert, und der Rauch erfiillt die Stube wie an je- 
dem Donnerstag seit dreiftig Jahren. Es regnet drauften. Der Regen 
drangt den Rauch aus dem Schornstein zuriick, der alte gezackte, ver- 
traute Fleck im Kalk des Plafonds zeigt sich wieder in seiner feuchten 
Frische. Seit zehn Jahren hatte das Loch in den Schindeln des Daches 
ausgebessert werden sollen, die Familie Billes wird es schon machen. 



HIOB 67 

Gepackt steht der grofie, eisenbeschlagene, braune Koffer, mit seiner 
soliden Eisenstange vor dem Schlitz und mit zwei funkelnden, neuen, 
eisernen Schlossern. Manchmal kriecht Menuchim an sie heran und 
lafit sie baumeln. Dann gibt's ein unbarmherziges Klappern, die 
Schlosser schlagen gegen die eisernen Reifen und zittern lange und 
wollen sich nicht beruhigen. Und das Feuer knistert, und der Rauch 
erfiillt die Stube. 

Am Sabbat-Abend nahm Mendel Singer Abschied von seinen Nach- 
barn. Man trank den gelblich-griinen Schnaps, den einer selbst ge- 
brannt und mit trockenen Schwammen durchsetzt hat. Also schmeckt 
der Schnaps nicht nur scharf, sondern auch bitter. Der Abschied dau- 
ert langer als eine Stunde. Alle wiinschen Mendel Gliick. Manche be- 
trachten ihn zweifelnd, manche beneiden ihn. Alle aber sagen ihm, dafi 
Amerika ein herrliches Land ist. Ein Jude kann sich nichts Besseres 
wiinschen, als nach Amerika zu gelangen. 

In dieser Nacht verlieft Deborah das Bett und ging, die Hand sorgsam 
gewolbt um eine Kerze, zum Lager Menuchims. Er lag auf dem Riik- 
ken, sein schwerer Kopf lehnte an der zusammengerollten, grauen 
Decke, seine Lider standen halb offen, man sah das Weifte seiner Au- 
gen. Bei jedem Atemzug zitterte sein Korper, seine schlafenden Finger 
bewegten sich unaufhorlich. Er hielt die Hande an der Brust. Sein An- 
gesicht war im Schlaf noch fahler und schlaffer als am Tag. Offen stan- 
den die blaulichen Lippen, mit weifiem, perlendem Schaum in den 
Mundwinkeln. 

Deborah loschte das Licht. Sie hockte ein paar Sekunden neben dem 
Sohn, erhob sich und schlich wieder ins Bett. Nichts wird aus ihm - 
dachte sie - nichts wird aus ihm. Sie schlief nicht mehr ein. 
Am Sonntag, um acht Uhr morgens, kommt ein Bote Kapturaks. Es ist 
der Mann mit der blauen Miitze, der einmal Schemarjah uber die 
Grenze gebracht hat. Auch heute bleibt der Mann mit der blauen 
Miitze an der Tiir stehen, lehnt es ab, Tee zu trinken, hilft dann wort- 
los den Koffer hinausrollen und auf den Wagen stellen. Ein bequemer 
Wagen, vier Menschen haben Platz. Die Fiifte liegen im weichen Heu, 
der Wagen duftet wie das ganze spatsommerliche Land. Die Rucken 
der Pferde glanzen, gebiirstet und blank, braune, gewolbte Spiegel. Ein 
breites Joch mit vielen silbernen Glockchen iiberspannt ihre schlanken 
und hochmiitigen Nacken. Obwohl es heller Tag ist, sieht man die 
Funken spriihn, die sie mit ihren Hufen aus dem Schotter schlagen. 



6% ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Noch einmal halt Deborah Menuchim auf dem Arm. Die Familie Bil- 
ks ist schon da, umzingelt den Wagen und hort nicht auf zu reden. 
Mendel Singer sitzt auf dem Kutschbock, und Mirjam lehnt ihren 
Riicken gegen den des Vaters. Nur Deborah steht noch vor der Tiir, 
den Kriippel Menuchim in den Armen. 

Plotzlich lafit sie von ihm. Sie setzt ihn sachte auf die Schwelle, wie 
man eine Leiche in einen Sarg legt, steht auf, reckt sich, lafit ihre Tra- 
nen fliefien, iiber das nackte Gesicht nackte Tranen. Sie ist entschlos- 
sen. Ihr Sohn bleibt. Sie wird nach Amerika fahren. Es ist kein Wunder 
geschehen. 

Weinend steigt sie in den Wagen. Sie sieht nicht die Gesichter der 
Menschen, deren Hande sie dru'ckt. Zwei grofie Meere voll Tranen 
sind ihre beiden Augen. Die Pferdehufe hort sie klappern. Sie fahrt. 
Sie schreit auf, sie weifi nicht, dafi sie schreit, es schreit aus ihr, das 
Herz hat einen Mund und schreit. Der Wagen halt, sie springt aus ihm, 
leichtfiifiig wie eine Junge. Menuchim sitzt noch auf der Schwelle. Sie 
fallt vor Menuchim nieder. »Mama, Mama!« lallt Menuchim. Sie bleibt 
liegen. 

Die Familie Billes hebt Deborah hoch. Sie schreit, sie wehrt sich, sie 
bleibt schliefilich still. Man tragt sie wieder zum Wagen und bettet sie 
auf das Heu. Der Wagen rollt sehr schnell nach Dubno. 
Sechs Stunden spater safien sie in der Eisenbahn, im langsamen Perso- 
nenzug, zusammen mit vielen unbekannten Menschen. Der Zug fuhr 
sachte durch das Land, die Wiesen und die Felder, auf denen man ern- 
tete, die Bauern und Bauerinnen, die Hiitten und Herden griifiten den 
Zug. Das sanfte Lied der Rader schlaferte die Passagiere ein. Deborah 
hatte noch kein Wort gesprochen. Sie schlummerte. Die Rader der Ei- 
senbahn wiederholten unaufhorlich, unaufhorlich: Verlafi ihn nicht! 
Verlafi ihn nicht! Verlafi ihn nicht! 

Mendel Singer betete. Er betete auswendig und mechanisch, er dachte 
nicht an die Bedeutung der Worte, ihr Klang allein geniigte, Gott ver- 
stand, was sie bedeuteten. Also betaubte Mendel seine grofie Angst vor 
dem Wasser, auf das er in einigen Tagen gelangen sollte. Manchmal 
warf er einen gedankenlosen Blick auf Mirjam. Sie safi ihm gegeniiber, 
an der Seite des Mannes mit der blauen Miitze. Mendel sah nicht, wie 
sie sich an den Mann schmiegte. Der sprach nicht zu ihr, er wartete auf 
die kurze Viertelstunde zwischen dem Anbruch der Dammerung und 
dem Augenblick, in dem der Schaffner die winzige Gasflamme entzun- 



HIOB 69 

den wiirde. Von dieser Viertelstunde und spater von der Nacht, in der 
die Gasflammen wieder ausgeloscht wurden, versprach sich der Mann 
mit der blauen Miitze allerhand Wonnen. 

Am nachsten Morgen nahm er von den alten Singers einen gleichgiilti- 
gen Abschied, nur Mirjam driickte er die Hand in stummer Herzlich- 
keit. Sie waren an der Grenze. Die Revisoren nahmen die Passe ab. Als 
man Mendels Namen ausrief, erzitterte er. Ohne Grund. Alles war in 
Ordnung. Sie passierten. 

Sie stiegen in einen neuen Zug, sahen andere Stationen, horten neue 
Glockensignale, sahen neue Uniformen. Sie fuhren drei Tage und stie- 
gen zweimal um. Am Nachmittag des dritten Tages kamen sie in Bre- 
men an. Ein Mann von der Schiffahrtsgesellschaft briillte: »Mendel 
Singer!« Die Familie Singer meldete sich. Nicht weniger als neun Fa- 
milien erwartete der Beamte. Er stellte sie in einer Reihe auf, zahlte sie 
dreimal, verlas ihre Namen und gab jedem eine Nummer. Da standen 
sie nun und wufiten nichts mit den Blechmarken anzufangen. Der Be- 
amte ging fort. Er hatte versprochen, bald wiederzukommen. Aber die 
neun Familien, fiinfundzwanzig Menschen, riihrten sich nicht. Sie 
standen in einer Reihe auf dem Bahnsteig, die Blechmarken in den 
Handen, die Biindel vor den Fufien. An der aufiersten Ecke links, weil 
er sich so spat gemeldet hatte, stand Mendel Singer. 
Er hatte wahrend der ganzen Fahrt mit Frau und Tochter kaum ein 
Wort gesprochen. Beide Frauen waren auch stumm gewesen. Jetzt 
aber schien Deborah die Schweigsamkeit nicht mehr ertragen zu kon- 
nen. »Warum riihrst du dich nicht?« fragte Deborah. »Niemand ruhrt 
sich«, erwiderte Mendel. »Warum fragst du nicht die Leute?« »Nie- 
mand fragt.« »Worauf warten wir?« »Ich weift nicht, worauf wir war- 
ten. « »Glaubst du, ich kann mich auf den Koffer setzen?« »Setz dich 
auf den Koffer. « 

In dem Augenblick aber, in dem Deborah ihre Rocke gespreizt hatte, 
um sich niederzulassen, erschien der Beamte von der Schiffahrtsgesell- 
schaft und verkundete auf russisch, polnisch, deutsch und jiddisch, dafl 
er alle neun Familien jetzt in den Hafen zu geleiten gedenke; dafi er sie 
in einer Baracke fiir die Nacht unterbringe; und dafi morgen, um sie- 
ben Uhr friih, die »Neptun« die Anker iichten werde. 
In der Baracke lagerten sie, in Bremerhaven, die Blechmarken krampf- 
haft in den geballten Fausten, auch wahrend des Schlafs. Vom Schnar- 
chen der fiinfundzwanzig und von den Bewegungen, die jeder auf dem 



JO ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

harten Lager vollfiihrte, erzitterten die Balken, und die kleinen, gel- 
ben, elektrischen Birnen schaukelten leise. Es war verboten worden, 
Tee zu kochen. Mit trockenem Gaumen waren sie schlafen gegangen. 
Nur Mirjam hatte ein polnischer Friseur rote Bonbons angeboten. Mit 
einer grofien, klebrigen Kugel im Mund schlief Mirjam ein. 
Um fiinf Uhr morgens erwachte Mendel. Er stieg muhsam aus dem 
holzernen Behalter, in dem er geschlafen hatte, suchte die Wasserlei- 
tung, ging hinaus, um zu sehen, wo der Osten liege. Dann kehrte er 
zuriick, stellte sich in eine Ecke und betete. Er flusterte vor sich hin, 
aber wahrend er flusterte, packte ihn der laute Schmerz, krallte sich in 
sein Herz und rifi daran so heftig, dafi Mendel mitten im Flustern laut 
aufstohnte. Ein paar Schlafer erwachten, sahen hinunter und lachelten 
iiber den Juden, der in der Ecke hupfte und wackelte, seinen Oberkor- 
per vor- und ruckwarts wiegte und Gott zu Ehren einen kiimmerli- 
chen Tanz auffuhrte. 

Mendel war noch nicht fertig, da rifi der Beamte die Tiir auf. Ein See- 
wind hatte ihn in die Baracke geweht. »Aufstehen!« rief er ein paarmal 
und in alien Sprachen dieser Welt. 

Es war noch friih, als sie das Schiff erreichten. Man erlaubte ihnen, ein 
paar Blicke in die Speisesale der ersten und zweiten Klasse zu werfen, 
ehe man sie ins Zwischendeck hineinschob. Mendel Singer ruhrte sich 
nicht. Er stand auf der hochsten Stufe einer schmalen, eisernen Leiter, 
im Rucken den Hafen, das Land, den Kontinent, die Heimat, die Ver- 
gangenheit. Zu seiner Linken strahlte die Sonne. Blau war der Him- 
mel. Weifi war das Schiff. Griin war das Wasser. Ein Matrose kam und 
befahl Mendel Singer, die Treppe zu verlassen. Er begiitigte den Ma- 
trosen mit einer Handbewegung. Er war ganz ruhig und ohne Furcht. 
Er warf einen fluchtigen Blick auf das Meer und trank Trost aus der 
Unendlichkeit des bewegten Wassers. Ewig war es. Mendel erkannte, 
dafi Gott selbst es geschaffen hatte. Er hatte es ausgeschiittet aus seiner 
unerschopflichen, geheimen Quelle. Nun schaukelte es zwischen den 
festen Landern. Tief auf seinem Grunde ringelte sich Leviathan, der 
heilige Fisch, den am Tage des Gerichts die Frommen und Gerechten 
speisen werden. »Neptun« hieft das Schiff, auf dem Mendel stand. Es 
war ein grofies Schiff. Aber mit dem Leviathan verglichen und mit dem 
Meer, dem Himmel und der Weisheit des Ewigen, war es ein winziges 
Schiff. Nein, Mendel fiihlte keine Angst. Er beruhigte den Matrosen, 
er, ein kleiner, schwarzer Jude auf einem riesengrofien Schiff und vor 



HIOB 71 

dem ewigen Ozean, er drehte sich noch einmal im Halbkreis und mur- 
melte den Segen, der zu sprechen ist beim Anblick des Meeres. Er drehte 
sich im Halbkreis und verstreute die einzelnen Worte des Segens iiber 
die griinen Wogen: »Gelobt seist Du, Ewiger, unser Herr, der Du die 
Meere geschaffen hast und durch sie trennest die Kontinente!« 
In diesem Augenblick erdrohnten die Sirenen. Die Maschinen begannen 
zu poltern. Und die Luft und das Schiff und die Menschen erzitterten. 
Nur der Himmel blieb still und blau, blau und still. 



IX 



Den vierzehnten Abend der Seereise erleuchteten die grofien, feurigen 
Kugeln, die von den Leuchtschiffen abgeschossen wurden. »Jetzt er- 
scheint«, sagte ein Jude, der schon zweimal diese Fahrt mitgemacht 
hatte, zu Mendel Singer, »die Freiheitsstatue. Sie ist hunderteinundfunf- 
zig Fuft hoch, im Innern hohl, man kann sie besteigen. Um den Kopf 
tragt sie eine Strahlenkrone. In der Rechten halt sie eine Fackel. Und das 
schonste ist, daft diese Fackel in der Nacht brennt und dennoch niemals 
ganz verbrennen kann. Denn sie ist nur elektrisch beleuchtet. Solche 
Kunststiicke macht man in Amerika.« 

Am Vormittag des funfzehnten Tages wurden sie ausgeladen. Deborah, 
Mirjam und Mendel standen enge nebeneinander, denn sie iiirchteten, 
sich zu verlieren. 

Es kamen Manner in Uniformen, sie erschienen Mendel ein wenig ge- 
fahrlich, obwohl sie keine Sabel hatten. Einige trugen bliitenweifk Ge- 
wander und sahen halb wie Gendarmen aus und halb wie Engel. Das 
sind die Kosaken Amerikas, dachte Mendel Singer, und er betrachtete 
seine Tochter Mirjam. 

Sie wurden aufgerufen, nach dem Alphabet, jeder kam an sein Gepack, 
man durchstach es nicht mit spitzen Lanzen. Vielleicht hatte man Me- 
nuchim mitnehmen konnen, dachte Deborah. 
Auf einmal stand Schemarjah vor ihnen. 
Alle drei erschraken auf die gleiche Weise. 

Sie sahen gleichzeitig ihr altes Hauschen wieder, den alten Schemarjah 
und den neuen Schemarjah, genannt Sam. 

Sie sahen Schemarjah und Sam zugleich, als wenn Sam iiber einen Sche- 
marjah gestiilpt worden ware, ein durchsichtiger Sam. 



7* 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Es war zwar Schemarjah, aber es war Sam. 

Es waren zwei. Der eine trug eine schwarze Miitze, ein schwarzes Ge- 
wand und hohe Stiefel, und die ersten flaumigen, schwarzen Harchen 
sprossten aus den Poren seiner Wangen. 

Der zweite trug einen hellgrauen Rock, eine schneeweifie Miitze wie 
der Kapitan, breite, gelbe Hosen, ein leuchtendes Hemd aus griiner 
Seide, und sein Angesicht war glatt wie ein nobler Grabstein. 
Der zweite war beinahe Mac. 

Der erste sprach mit seiner alten Stimme - sie horten nur die Stimme, 
nicht die Worte. 

Der zweite schlug mit einer starken Hand seinem Vater auf die Schul- 
ter und sagte, und jetzt erst horten sie die Worte: »Hallo, old chap!« - 
und verstanden nichts. 

Der erste war Schemarjah. Der zweite aber war Sam. 
Zuerst kiifite Sam den Vater, dann die Mutter, dann Mirjam. Alle drei 
rochen an Sam Rasierseife, die nach Schneeglockchen duftete und auch 
ein wenig wie Karbol. Er erinnerte sie an einen Garten und gleichzeitig 
an ein Spital. 

Im stillen wiederholten sie sich ein paarmal, dafi Sam Schemarjah war. 
Dann erst freuten sie sich. 

»Alle andern«, sagte Sam, »kommen in die Quarantine. Ihr nicht! Mac 
hat es gerichtet. Er hat zwei Vettern, die sind hier bedienstet.« 
Eine halbe Stunde spater erschien Mac. 

Er sah noch genauso aus wie damals, als er im Stadtchen erschienen 
war. Breit, laut, in einer unverstandlichen Sprache polternd und die 
Taschen schon geschwollen von sufiem Backwerk, das er sofort zu 
verteilen und selbst zu essen begann. Eine knallrote Krawatte flatterte 
wie eine Fahne uber seiner Brust. 

»Ihr rmilSt doch in die Quarantane«, sagte Mac. Denn er hatte ubertrie- 
ben. Seine Vettern waren zwar in dieser Gegend bedienstet, aber nur 
bei der Zollrevision. »Aber ich werde euch begleiten. Habt nur keine 
Angst !« 

Sie brauchten in der Tat keine Angst zu haben. Mac schrie alien Beam- 
ten zu, daE Mirjam seine Braut sei und Mendel und Deborah seine 
Schwiegereltern. 

Jeden Nachmittag um drei Uhr kam Mac an das Gitter des Lagers. Er 
streckte seine Hand durch die Drahte, obwohl es verboten war, und 
begriifke alle. Nach vier Tagen gelang es ihm, die Familie Singer zu 



hiob 73 

befreien. Auf welche Weise es ihm gelungen war, verriet er nicht. 
Denn es gehorte zu Macs Eigenschaften, daft er mit grofiem Eifer 
Dinge erzahlte, die er erfunden hatte; und daft er Dinge verschwieg, 
die sich wirklich zugetragen hatten. 

Er bestand darauf, daft sie ganz ausfiihrlich, auf einem Leiterwagen 
seiner Firma, Amerika betrachteten, ehe sie sich nach Hause begaben. 
Man verlud Mendel Singer, Deborah und Mirjam und fuhrte sie spa- 
zieren. 

Es war ein heller und heifier Tag. Mendel und Deborah saften in der 
Fahrtrichtung, ihnen gegeniiber Mirjam, Mac und Sam. Der schwere 
Wagen ratterte uber die Straften mit einer wutenden Wucht, wie es 
Mendel Singer schien, als ware es seine Absicht, Stein und Asphalt fur 
ewige Zeiten zu zertrummern und die Fundamente der Hauser zu er- 
schiittern. Der lederne Sitz brannte unter Mendels Korper wie ein hei- 
fier Ofen. Obwohl sie sich im diistern Schatten der hohen Mauern 
hielten, gluhte die Hitze wie graues, schmelzendes Blei durch die alte 
Mutze aus schwarzem Seidenrips auf den Schadel Mendels, drang in 
sein Gehirn und verlotete es dicht, mit feuchter, klebriger, schmerzli- 
cher Glut. Seit seiner Ankunft hatte er kaum geschlafen, wenig geges- 
sen und fast gar nichts getrunken. Er trug heimatliche Galoschen aus 
Gummi an den schweren Stiefeln, und seine Fiifie brannten wie in 
einem offenen Feuer. Krampfhaft zwischen die Knie geklemmt hatte er 
seinen Regenschirm, dessen holzerner Griff heift war und nicht anzu- 
fassen, als ware er aus rotem Eisen. Vor den Augen Mendels wehte ein 
dicht gewebter Schleier aus Rufi, Staub und Hitze. Er dachte an die 
Wiiste, durch die seine Ahnen vierzig Jahre gewandert waren. Aber sie 
waren wenigstens zu Fufl gegangen, sagte er sich. Die wahnsinnige 
Eile, in der sie jetzt dahinrasten, weckte zwar einen Wind, aber es war 
ein heifler Wind, der feurige Atem der Holle. Stan zu kiihlen, gluhte 
er. Der Wind war kein Wind, er bestand aus Larm und Geschrei, es 
war ein wehender Larm. Er setzte sich zusammen aus einem schrillen 
Klingeln von hundert unsichtbaren Glocken, aus dem gefahrlichen, 
metallenen Drohnen der Bahnen, aus dem tutenden Rufen unzahliger 
Trompeten, aus dem flehentlichen Kreischen der Schienen an den Kur- 
ven der Streets, aus dem Gebriill Macs, der durch einen ubermachtigen 
Trichter seinen Passagieren Amerika erlauterte, aus dem Gemurmel 
der Menschen ringsum, aus dem schallenden Gelachter eines fremden 
Mitreisenden hinter Mendels Riicken, aus den unaufhorlichen Reden, 



74 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die Sam in des Vaters Angesicht warf, Reden, die Mendel nicht ver- 
stand, zu denen er aber fortwahrend nickte, ein furchtsames und zu- 
gleich freundliches Lacheln um die Lippen, wie eine schmerzende 
Klammer aus Eisen. Selbst wenn er den Mut gehabt hatte, ernst zu 
bleiben, wie es seiner Situation entsprach, er hatte das Lacheln nicht 
ablegen konnen. Er hatte nicht die Kraft, eine Miene zu verandern. Die 
Muskeln seines Angesichts waren erstarrt. Er hatte lieber geweint wie 
ein kleines Kind. Er roch den scharfen Teer aus dem schmelzenden 
Asphalt, den trockenen und sproden Staub in der Luft, den ranzigen 
und fetten Gestank aus Kanalen und Kasehandlungen, den beizenden 
Geruch von Zwiebeln, den siifilichen Benzinrauch der Autos, den fau- 
ligen Sumpfgeruch aus Fischhallen, die Maiglockchen und das Chloro- 
form von den Wangen seines Sohnes. Alle Geriiche vermengten sich 
im heiEen Brodem, der ihm entgegenschlug, mit dem Larm, der seine 
Ohren erfiillte und seinen Schadel sprengen wollte. Bald wufke er 
nicht mehr, was zu horen, zu sehen, zu riechen war. Er lachelte immer 
noch und nickte mit dem Kopfe. Amerika drang auf ihn ein, Amerika 
zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn. Nach einigen Minuten 
wurde er ohnmachtig. 

Er erwachte in einem Lunch-Room, in den man ihn in der Eile ge- 
bracht hatte, um ihn zu laben. In einem runden, von hundert kleinen 
Gluhbirnen umkranzten Spiegel erblickte er seinen weifien Bart und 
seine knochige Nase und glaubte im ersten Augenblick, Bart und Nase 
gehorten einem andern. Erst an seinen Angehorigen, die ihn umring- 
ten, erkannte er sich selbst wieder. Ein bifkhen schamte er sich. Er 
offnete mit einiger Miihe die Lippen und bat seinen Sohn um Ent- 
schuldigung. Mac ergriff seine Hand und schiittelte sie, als gratulierte 
er Mendel Singer zu einem gelungenen Kunststiick oder zu einer ge- 
wonnenen Wette. Um den Mund des Alten legte sich wieder die ei- 
serne Klammer des Lachelns, und die unbekannte Gewalt bewegte 
wieder seinen Kopf, so dafi es aussah, als ob Mendel nickte. Mirjam 
sah er. Sie hatte wirre, schwarze Haare unter dem gelben Schal, etwas 
Ruft auf den blassen Wangen und einen langen Strohhalm zwischen 
den Zahnen. Deborah hockte breit, stumm, mit geblahten Nasenflii- 
geln und auf und ab ebbenden Briisten auf einem runden Sessel ohne 
Lehne. Es sah aus, als miifite sie bald herunterfallen. 
Was gehen mich diese Leute an? dachte Mendel. Was geht mich ganz 
Amerika an? Mein Sohn, meine Frau, meine Tochter, dieser Mac? Bin 



hiob 75 

ich noch Mendel Singer? 1st das noch meine Familie? Bin ich noch 
Mendel Singer? Wo ist mein Sohn Menuchim? Es war ihm, als ware er 
aus sich selbst herausgestoflen worden, von sich selbst getrennt, wiirde 
er fortan leben miissen. Es war ihm, als hatte er sich selbst in Zuchnow 
zuriickgelassen, in der Nahe Menuchims. Und wahrend es um seine 
Lippen lachelte und wahrend es seinen Kopf schiittelte, begann sein 
Herz, langsam zu vereisen, es pochte wie ein metallener Schlegel gegen 
kaltes Glas. Schon war er einsam, Mendel Singer: Schon war er in 
Amerika . . . 



ZWEITERTEIL 



X 



Ein paar hundert Jahre friiher war ein Ahne Mendel Singers wahr- 
scheinlich aus Spanien nach Wolynien gekommen. Er hatte ein gliick- 
licheres, ein gewohnlicheres, jedenfalls ein weniger beachtetes Schick - 
sal als sein Nachfahre, und wir wissen infolgedessen nicht, ob er viele 
Jahre oder wenige gebraucht hat, um in dem fremden Land heimisch 
zu werden. Von Mendel Singer aber wissen wir, daft er nach einigen 
Monaten in New York zu Hause wan 

Ja, er war beinahe heimisch in Amerika! Er wufite bereits, dafi old chap 
auf amerikanisch Vater hiefi und old fool Mutter, oder umgekehrt. Er 
kannte ein paar Geschaftsleute aus der Bowery, mit denen sein Sohn 
verkehrte, die Essex Street, in der er wohnte, und die Houston Street, 
in der das Kaufhaus seines Sohnes lag, seines Sohnes Sam. Er wufite, 
dafi Sam bereits ein American boy war, dafi man good bye sagte, how 
do you do und please, wenn man ein feiner Mann war, dafi ein Kauf- 
mann von der Grand Street Respekt verlangen konnte und manchmal 
am River wohnen durfte, an jenem River, nach dem es auch Schemar- 
jah geliistete. Man hatte ihm gesagt, dafi Amerika God's own country 
hiefi, dafi es das Land Gottes war, wie einmal Palastina, und New York 
eigentlich the wonder city, die Stadt der Wunder, wie einmal Jerusa- 
lem. Das Beten dagegen nannte man service und die Wohltatigkeit 
ebenso. Sams kleiner Sohn, zur Welt gekommen knapp eine Woche 
nach der Ankunft des Grofivaters, heifit nicht anders denn MacLincoln 
und wird in einigen Jahren, husch, geht die Zeit in Amerika, ein college 
boy. My dear boy nennt den Kleinen heute die Schwiegertochter. Vega 
heifit sie immer noch, merkwiirdigerweise. Blond ist sie und sanft, mit 
blauen Augen, die Mendel Singer mehr Giite als Klugheit verraten. 
Mag sie dumm sein! Frauen brauchen keinen Verstand, Gott helfe ihr, 
amen! Zwischen zwolf und zwei mufi man Lunch essen und zwischen 
sechs und acht ein Dinner. Dieser Zeiten achtet Mendel nicht. Er ifit 
um drei Uhr nachmittags und um zehn Uhr abends, wie zu Hause, 
obwohl eigentlich zu Hause Tag ist, wenn er sich zum Nachtmahl 
setzt, oder auch friiher Morgen, wer kann es wissen. All right heifit 



hiob 77 

einverstanden, und statt ja! sagt man yes! Will man einem etwas Gutes 
wiinschen, so wiinscht man ihm nicht Gluck und Gesundheit, sondern 
prosperity. In der nachsten Zukunft schon gedenkt Sam, eine neue 
Wohnung zu mieten, am River, mit einem parlour. Ein Grammophon 
besitzt er schon, Mirjam leiht es manchmal bei der Schwagerin aus, 
und er tragt es in getreuen Armen durch die Strafien wie ein krankes 
Kind. Das Grammophon kann viele Walzer spielen, aber auch Kol 
Nidre. Sam wascht sich zweimal am Tag, den Anzug, den er manchmal 
am Abend tragt, nennt er Drefi. Deborah war schon zehnmal im Kino 
und dreimal im Theater. Sie hat ein seidenes, dunkelgraues Kleid. Sam 
hat es ihr geschenkt. Eine grofie, goldene Kette tragt sie um den Hals, 
sie erinnert an eines der Lustweiber, von denen manchmal die heiligen 
Schriften erzahlen. Mirjam ist Verkauferin in Sams Laden. Sie kommt 
nach Mitternacht heim und geht um sieben Uhr morgens weg. Sie sagt 
Guten Abend, Vater! Guten Morgen, Vater! und weiter nichts. Hier 
und da hort Mendel Singer aus Gesprachen, die an seinen Ohren vor- 
uberrinnen, wie ein Flufi vorbeirinnt an den Fiifien eines alten Mannes, 
der am Ufer steht, dafi Mac mit Mirjam spazierengeht, tanzen geht, 
baden geht, turnen geht. Er weifi, Mendel Singer, dafi Mac kein Jude 
ist, die Kosaken sind auch keine Juden, so weit ist es noch nicht, Gott 
wird helfen, man wird sehen. Deborah und Mirjam leben gut mitein- 
ander. Friede ist im Haus. Mutter und Tochter flustern miteinander, 
oft, lange nach Mitternacht, Mendel tut, als ob er schliefe. Er kann es 
leicht. Er schlaft in der Kiiche, Frau und Tochter schlafen im einzigen 
Wohnraum. Palaste bewohnt man auch in Amerika nicht. Man wohnt 
im ersten Stock! Ein Glucksfall. Wie leicht hatte man auch im zweiten, 
im dritten, im vierten wohnen konnen! Die Treppe ist schief und 
schmutzig, immer finster. Mit Streichholzern beleuchtet man auch am 
Tage die Stufen. Es riecht warm, feucht und klebrig nach Katzen. Aber 
Mausegift und Glassplitter, in Sauerteig zerrieben, muE man immer 
noch, jeden Abend, in die Ecken legen. Deborah scheuert jede Woche 
den Fufiboden, aber so safrangelb wie zu Hause wird er niemals. 
Woran liegt das? Ist Deborah zu schwach? Ist sie zu faul? Ist sie zu alt? 
Alle Bretter quietschen, wenn Mendel durch die Stube geht. Unmog- 
lich zu erkennen, wo Deborah jetzt das Geld verbirgt. Zehn Dollar in 
der Woche gibt Sam. Dennoch ist Deborah aufgebracht. Sie ist ein 
Weib, manchmal reitet sie der Teufel. Sie hat eine gute, sanfte Schwie- 
gertochter, Deborah aber behauptet, Vega treibe Luxus. Wenn Mendel 



7« 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



derlei Reden hort, sagt er: »Schweig, Deborah! Sei zufrieden mit den 
Kindern! Bist du noch immer nicht alt genug, um zu schweigen? Hast 
du mir nicht mehr vorzuwerfen, dafi ich zu wenig verdiene, und qualt 
es dich, da£ du mit mir nicht streiten kannst? Schemarjah hat uns hier- 
hergebracht, damit wir alt werden und sterben in seiner Nahe. Seine 
Frau ehrt uns beide, wie es sich gehort. Was willst du noch, Deborah?« 
Sie wufite nicht genau, was ihr fehlte. Vielleicht hatte sie gehofft, in 
Amerika eine ganz fremde Welt zu finden, in der es moglich gewesen 
ware, das alte Leben und Menuchim sofort zu vergessen. Aber dieses 
Amerika war keine neue Welt. Es gab mehr Juden hier als in Kluczysk, 
es war eigentlich ein grofieres Kluczysk. Hatte man den weiten Weg 
uber das grofie Wasser nehmen mussen, um wieder nach Kluczysk zu 
kommen, das man in der Fuhre Sameschkins hatte erreichen konnen? 
Die Fenster gingen in einen finsteren Lichthof, in dem Katzen, Ratten 
und Kinder sich balgten, um drei Uhr nachmittags, auch im Fruhling, 
mufite man die Petroleumlampe anziinden, nicht einmal elektrisches 
Licht gab es, ein eigenes Grammophon hatte man auch noch nicht. 
Licht und Sonne hatte Deborah wenigstens zu Hause gehabt. Gewift! 
Sie ging dann und wann mit der Schwiegertochter ins Kino, zweimal 
war sie schon in der Untergrundbahn gefahren, Mirjam war ein nobles 
Fraulein, mit Hut und Seidenstriimpfen. Brav war sie geworden. Geld 
verdiente sie auch. Mac gab sich mit ihr ab, besser Mac als die Kosa- 
ken. Er war der beste Freund Schemarjahs. Man verstand zwar kein 
Wort von seinen unaufhorlichen Reden, aber man wiirde sich daran 
gewohnen. Er war geschickter als zehn Juden und hatte noch gewift 
den Vorteil, keine Mitgift zu verlangen. Schliefilich war es doch eine 
andere Welt. Ein amerikanischer Mac war kein russischer Mac. Mit 
dem Geld kam Deborah auch hier nicht aus. Das Leben verteuerte sich 
zusehends, vom Sparen konnte sie nicht lassen, das gewohnte Dielen- 
brett verdeckte bereits achtzehnundeinhalb Dollar, die Karotten ver- 
ringerten sich, die Eier wurden hohl, die Kartoffeln gefroren, die Sup- 
pen wasserig, die Karpfen schmal und die Hechte kurz, die Enten ma- 
ger, die Ganse hart und die Hlihner ein Nichts. 

Nein, sie wufite nicht genau, was ihr fehlte, Menuchim fehlte ihr. Oft, 
im Schlaf, im Wachen, beim Einkaufen, im Kino, beim Aufraumen, 
beim Backen horte sie ihn rufen. Mama! Mama! rief er. Das einzige 
Wort, das er sprechen gelernt hatte, mufke er jetzt schon vergessen 
haben. Fremde Kinder horte sie Mama rufen, die Mutter meldeten 



hiob 79 

sich, keine einzige Mutter liefi freiwillig von ihrem Kinde. Man hatte 
nicht nach Amerika fahren diirfen. Aber man konnte ja immer noch 
heimkehren ! 

»Mendel«, sagte sie manchmal, »sollen wir nicht umkehren, Menuchim 
serin ?« 

»Und das Geld und der Weg und wo von leben? Glaubst du, daft Sche- 
marjah so viel geben kann? Er ist ein guter Sohn, aber er ist nicht 
Vanderbilt. Es war vielleicht Bestimmung. Bleiben wir vorlaufig! Me- 
nuchim werden wir hier wiedersehn, wenn er gesund werden sollte.« 
Dennoch heftete sich der Gedanke an die Abreise in Mendel Singer fest 
und verlieft ihn niemals. Einmal, als er seinen Sohn im Geschaft be- 
suchte (im Kontor saft er, hinter der glasernen Tiir, und sah die Kunden 
kommen und gehn und segnete im stillen jeden Eintretenden), sagte er 
zu Schemarjah: »Von Menuchim hort man noch immer nichts. Im letz- 
ten Brief von Billes war kein Wort iiber ihn. Was glaubst du, wenn ich 
hiniiberfuhre, ihn anzusehn?« Schemarjah, genannt Sam, war ein ameri- 
can boy, er sagte: »Vater, es ist unpraktisch. Wenn es moglich ware, 
Menuchim hierherzubringen, hier wiirde er sofort gesund. Die Medizin 
in Amerika ist die beste in der Welt, grad hab' ich's in der Zeitung 
gelesen. Man heilt solche Krankheiten mit Einspritzungen, einfach mit 
Einspritzungen! Da man ihn aber nicht hierherbringen kann, den armen 
Menuchim, wozu die Geldausgabe? Ich will nicht sagen, daft es ganz 
unmoglich ist! Aber gerade jetzt, wo ich und Mac ein ganz groftes 
Geschaft vorbereiten und das Geld knapp ist, wollen wir nicht davon 
reden! Warte noch ein paar Wochen! Im Vertrauen gesagt: Ich und Mac, 
wir spekulieren jetzt in Bauplatzen. Jetzt hab en wir ein altes Haus in der 
Delancy Street abreiften lassen. Ich sage dir, Vater, das Abreiften ist fast 
so teuer wie das Aufbauen. Aber man soil nicht klagen! Es geht auf- 
warts ! Wenn ich daran denke, wie wir mit Versicherungen angefangen 
haben! Treppauf, treppab! Und jetzt haben wir dies Geschaft, man kann 
schon sagen: dieses Warenhaus! Jetzt kommen die Versicherungsagen- 
ten zu mir. Ich seh' sie mir an, denke mir: Ich kenn' das Geschaft, und 
werfe sie hinaus, eigenhandig. Alle werfe ich hinaus!« 
Mendel Singer begriff nicht ganz, weshalb Sam die Agenten hinauswarf 
und weshalb er sich dariiber so freute. Sam fiihlte es und sagte: »Willst 
du mit mir ein breakfast nehmen, Vater?« Er tat, als ob er vergessen 
hatte, daft der Vater nur zu Hause aft, er schuf sich gerne eine Gelegen- 
heit, den Abstand zu betonen, der ihn von den Sitten seiner Heimat 



8o 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



trennte, er schlug sich auf die Stirn, als ob er Mac ware, und sagte: 
»Ach so! Ich habe vergessen! Aber eine Banane wirst du ess en, Vater!« 
Und er liefi dem Vater eine Banane bringen. 

» Apropos Mirjam«, fing er wieder an, mitten im Essen, »sie macht 
sich. Sie ist das schonste Girl hier im Geschaft. Ware sie bei einem 
Fremden, man hatte ihr langst eine Stellung als Modell angeboten. 
Aber ich mochte nicht, dafi meine Schwester ihre Figur fiir fremde 
Kleider hergibt. Und Mac will es auch nicht!« Er wartete, ob der Vater 
etwas liber Mac sagen wiirde. Aber Mendel Singer schwieg. Er war 
nicht argwohnisch. Er hatte den letzten Satz kaum gehort. Er ergab 
sich der innigen Bewunderung seiner Kinder, insbesondere Schemar- 
jahs. Wie klug er war, wie schnell er dachte, wie f lief? end sprach er 
Englisch, wie konnte er auf Klingelknopfe driicken, Laufjungen an- 
schnauzen, er war ein Bofi. 

Er ging in die Abteiiung fiir Hemdblusen und Krawatten, um seine 
Tochter zu sehn. »Guten Tag, Vater !« rief sie, mitten im Bedienen. 
Respekt erwies sie ihm, zu Hause war es anders gewesen. Sie liebte ihn 
wahrscheinlich nicht, aber es stand auch nicht geschrieben: Liebe Va- 
ter und Mutter! sondern: Ehre Vater und Mutter! Er nickte ihr zu und 
entfernte sich wieder. Er ging nach Hause. Er war getrost, er ging 
langsam in der Mitte der Strafte, griifke die Nachbarn, freute sich an 
den Kindern. Er trug immer noch seine Miitze aus schwarzem Seiden- 
rips und den halblangen Kaftan und die hohen Stiefel. Aber die Schofie 
seines Rocks pochten nicht mehr mit hastigem Fliigelschlag an die roh- 
ledernen Schafte. Denn Mendel Singer hatte in Amerika, wo alles eilte, 
erst gelernt, langsam zu wandern. 

Also wanderte er durch die Zeit dem Greisenalter entgegen, vom Mor- 
gengebet zum Abendgebet, vom Friihstuck zum Nachtmahl, vom Er- 
wachen zum Schlaf. Am Nachmittag, um die Stunde, in der zu Hause 
seine Schuler gekommen waren, legte er sich auf das Rofihaarsofa, 
schlief eine Stunde und traumte von Menuchim. Dann las er ein bift- 
chen in der Zeitung. Dann ging er in den Laden der Familie Skowron- 
nek, in dem Grammophonapparate, Platten, Notenhefte und Gesangs- 
texte gehandelt, gespielt und gesungen wurden. Dort versammelten 
sich alle alteren Leute des Viertels. Sie sprachen u'ber Politik und er- 
zahlten Anekdoten aus der Heimat. Manchmal, wenn es spat gewor- 
den war, gingen sie in die Wohnstube der Skowronneks und beteten 
sehr schnell ein Abendgebet. 



HIOB »I 

Auf dem Heimweg, den Mendel ein wenig auszudehnen suchte, ergab 
er sich der Vorstellung, daft ihn zu Hause ein Brief erwartete. Im Brief 
stand klar und ausdriicklich, dafi erstens: Menuchim ganz gesund und 
verniinftig geworden war; zweitens: dafi Jonas wegen eines geringfiigi- 
gen Gebrechens den Dienst verlassen hatte und nach Amerika kom- 
men wollte. Mendel Singer wufite, dafi dieser Brief noch nicht gekom- 
men war. Aber er versuchte gleichsam, dem Brief eine giinstige Gele- 
genheit zu geben, auf dafi er Lust bekomme einzutreffen. Und mit 
einem leisen Herzklopfen zog er den Klingelknopf. In dem Augen- 
blick, in dem er Deborah erblickt, ist es vorbei. Noch war der Brief 
nicht da. Es wird ein Abend sein wie jeder andere. 
An einem Tage, an dem er einen Umweg machte, um nach Hause zu 
gelangen, sah er an der Ecke der Gasse einen halbwiichsigen Jungen, 
der ihm aus der Feme bekannt erschien. Der Junge lehnte in einem 
Haustor und weinte. Mendel horte ein diinnes Wimmern, es drang, so 
leise es auch war, bis zu Mendel, auf die gegenuberliegende Seite der 
Strafie. Wohlvertraut war Mendel dieser Laut. Er blieb stehen. Er be- 
schlofi, zu dem Knaben zu treten, ihn auszufragen, ihn zu trosten. Er 
setzte sich in Gang. Plotzlich, das Wimmern wurde lauter, stockte 
Mendel in der Strafienmitte. Im Schatten des Abends und des Haus- 
tors, in dem der Junge kauerte, schien er Menuchims Umrifi und Hal- 
tung zu bekommen. Ja, so, vor der Schwelle seines Hauses in Zuch- 
now, hatte Menuchim gekauert und gewimmert. Mendel machte noch 
ein paar Schritte. Da huschte der Knabe ins Haus. Mendel trat bis zur 
Tiir. Da hatte der finstere Hausflur den Jungen schon aufgenommen. 
Noch langsamer als zuvor ging Mendel heim. 

Nicht Deborah kam an die Tiir, als er schellte, sondern sein Sohn Sam. 
Mendel blieb einen Augenblick an der Schwelle. Obwohl er auf nichts 
anderes als auf eine iiberraschende Freude vorbereitet war, ergriff ihn 
doch die Angst, es konnte ein Ungluck geschehen sein, ja, dermafien 
war sein Herz an Ungluck gewohnt, dafi er immer noch erschrak, 
selbst nach einer langen Vorbereitung auf das Gliick. Was kann einem 
Mann wie mir, dachte er, uberraschend Frohliches widerfahren? Alles 
Plotzliche ist bose, und das Gute schleicht langsam. 
Die Stimme Schemarjahs aber beruhigte ihn bald. »Komm nur!« sagte 
Sam. Er zog den Vater an der Hand ins Zimmer. Deborah hatte zwei 
Lampen angeziindet. Seine Schwiegertochter Vega, Mirjam und Mac 
safien um den Tisch. Das ganze Haus kam Mendel verwandelt vor. Die 



82 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zwei Lampen - sie waren von der gleichen Art - sahen aus wie 
Zwillinge, und sie beleuchteten weniger das Zimmer als sich selbst 
gegenseitig. Es war, als ob sie sich zulachten, eine Lampe der an- 
dern, und das erheiterte Mendel besonders. »Setz dich, Vater!« sagte 
Sam. Er war nicht neugierig, Mendel, er fiirchtete schon, es werde 
jetzt eine von den amerikanischen Geschichten kommen, die alle 
Welt veranlafiten, frohlich zu sein, und an denen er keine Freude 
finden konnte. Was wird schon geschehen sein? dachte er. Sie wer- 
den mir ein Grammophon geschenkt haben. Oder sie haben be- 
schlossen, Hochzeitstag zu feiern. Er setzte sich sehr umstandlich. 
Alle schwiegen. Dann sagte Sam - und es war, als entziindete er die 
dritte Lampe im Zimmer: »Vater, wir haben funfzehntausend Dollar 
auf einen Schlag verdient.« 

Mendel erhob sich und reichte alien Anwesenden die Hand. Zuletzt 
gelangte er zu Mac. Ihm sagte Mendel: »Ich danke Ihnen.« Sam 
ubersetzte sofort die drei Worte ins Englische. Mac erhob sich nun 
ebenfalls und umarmte Mendel. Dann begann er zu sprechen. Er 
horte nicht mehr auf. An diesem Abend sprach aufier Mac kein an- 
derer mehr. Deborah rechnete die Summe in Rubel um und wurde 
nicht fertig. Vega dachte an neue Mobel in der neuen Wohnung, be- 
sonders an ein Klavier. Ihr Sohn sollte Klavierstunden nehmen. 
Mendel dachte an einen Abstecher nach Hause. Mirjam horte nur 
Mac reden und bemuhte sich, moglichst alles zu verstehen. Da sie 
seine Sprache nicht ganz verstand, meinte sie, Mac spreche zu klug, 
um verstanden zu werden. Sam iiberlegte, ob er das ganze Geld in 
sein Kaufhaus stecken sollte. Nur Mac dachte wenig, machte sich 
keine Sorgen, schmiedete keine Plane. Er sprach, was ihm einfiel. 
Am nachsten Tag fuhren sie nach Atlantic City. »Eine schone Na- 
tur!« sagte Deborah. Mendel sah nur das Wasser. Und er erinnerte 
sich an jene wilde Nacht daheim, in der er mit Sameschkin im Stra- 
ftengraben gelegen hatte. Und er horte das Zirpen der Grillen und 
das Quaken der Frosche. »Bei uns zu Hause«, sagte er plotzlich, 
»ist die Erde so weit wie in Amerika das Wasser.« Er hatte es gar 
nicht sagen wollen. »H6rst du, was der Vater sagt?« meinte Debo- 
rah. »Er wird alt!« Ja, ja, ich werde alt, dachte Mendel. 
Als sie nach Hause kamen, lag im Turspalt ein dicker, geschwollener 
Brief, den der Postbote nicht hatte durchstecken konnen. »Siehst 
du«, sagte Mendel und biickte sich, »dieser Brief ist ein guter Brief. 



HIOB 83 

Das Gliick hat angefangen. Ein Gliick bringt das andere, gelobt sei 
Gott. Er helfe uns weiter.« 

Es war ein Brief von der Familie Billes. Und es war in der Tat ein guter 
Brief. Er enthielt die Nachricht, daft Menuchim plotzlich zu reden an- 
gefangen hatte. 

»Der Doktor Soltysiuk hat ihn gesehn«, schrieb die Familie Billes. »Er 
konnte es nicht glauben. Man will Menuchim nach Petersburg schik- 
ken, die groften Doktoren wollen sich den Kopf iiber ihn zerbrechen. 
Eines Tages, es war Donnerstagnachmittag, er war allein zu Haus, und 
es brannte im Ofen wie jeden Donnerstag, fiel ein brennendes Scheit 
heraus, und jetzt ist der ganze Fuftboden verbrannt, und die Wande 
mufi man tiinchen. Es kostet ein schones Stiick Geld. Menuchim lief 
auf die Strafte, er kann auch schon ganz gut laufen, und schrie: >Es 
brennt!< Und seit damals spricht er ein paar Worte. 
Schade nur, daft es eine Woche war nach Jonas' Abreise. Denn Euer 
Jonas war hier, auf Urlaub, er ist wirklich schon ein grofier Soldat, und 
er hat gar nicht gewuftt, daft Ihr in Amerika seid. Auch er schreibt 
Euch hier, auf der anderen Seite.« 
Mendel wendete das Blatt um und las: 

»Lieber Vater, liebe Mutter, lieber Bruder und liebe Schwester! 
Ihr seid also in Amerika, es hat mich getroffen wie ein Blitz. Ich bin 
zwar selbst schuldig, denn ich habe Euch niemals oder, ich erinnere 
mich, nur einmal geschrieben, dennoch, wie gesagt, es hat mich getrof- 
fen wie ein Blitz. Macht Euch nichts daraus. Es geht mir sehr gut. Alle 
sind gut zu mir, und ich bin gut zu alien. Besonders gut bin ich zu den 
Pferden. Ich kann reiten wie der beste Kosak und im Galopp mit den 
Zahnen ein Taschentuch vom Boden aufheben. Solche Sachen liebe ich 
und das Militar auch. Ich werde bleiben, auch wenn ich ausgedient 
habe. Man ist versorgt, man hat zu essen, alles befiehlt man von oben, 
was notig ist, man braucht nicht selbst zu denken. Ich weift nicht, ob 
ich es so schreibe, daft Ihr es ganz genau versteht. Vielleicht konnt Ihr 
das gar nicht verstehen. Im Stall ist es sehr warm, und ich liebe die 
Pferde. Sollte einmal einer von Euch heruberkommen, so konnt Ihr 
mich sehn. Mein Kapitan hat gesagt, wenn ich ein so guter Soldat 
bleibe, kann ich ein Gesuch machen an den Zaren, das heiftt an Seine 
hochwohlgeborene Majestat, damit meinem Bruder die Desertation 
vergeben und vergessen wird. Das ware meine groftte Freude, Sche- 



84 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



marjah in diesem Leben noch zu sehn, wir sind ja zusammen aufge- 

wachsen. 

Sameschkin lafit Euch griifien, es geht ihm gut. 

Man sagt hier manchmal, dafi ein Krieg kommen wird. Sollte er wirk- 

lich kommen, so miifit Ihr darauf vorbereitet sein, dafl ich sterbe, so 

wie ich darauf vorbereitet bin, denn ich bin ein Soldat. 

Fur diesen Fall umarme ich Euch ein fur allemal und fur immer. Aber 

seid nicht traurig, vielleicht bleibe ich am Leben. 

Euer Sohn Jonas« 



Mendel Singer legte die Brille ab, sah, dafi Deborah weinte, und ergriff 
nach langen Jahren zum erstenmal wieder ihre beiden Hande. Er zog 
ihre Hande vom verweinten Angesicht und sagte beinahe f eierlich : 
»Nun, Deborah, der Herr hat uns geholfen. Nimm den Schal, geh hin- 
unter, und bring eine Flasche Met.« 

Sie safien am Tisch und tranken den Met aus Teeglasern, sahen sich an 
und dachten das gleiche. »Der Rabbi hat recht«, sagte Deborah. Deut- 
lich diktierte ihr die Erinnerung die Worte, die lange in ihr geschlafen 
hatten: »Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hafilichkeit giitig, 
die Bitternis milde und die Krankheit stark. « 
»Das hast du mir nie gesagt«, meinte Mendel. 
»Ich hatte es vergessen.« 

»Mit Jonas hatte man auch nach Kluczysk fahren muss en. Die Pferde 
liebt er mehr als uns.« 

»Er ist noch jung«, trostete Deborah. »Vielleicht ist es gut, dafi er die 
Pferde liebt. « Und weil sie keine Gelegenheit, boshaft zu sein, vor- 
iibergehn liefi, sagte sie noch: »Von dir hat er die Liebe zu den Pferden 
nicht. « 

»Nein«, sagte Mendel und lachelte friedfertig. 

Er begann, an eine Heimkehr zu denken. Jetzt konnte man vielleicht 
bald Menuchim nach Amerika bringen. Er ziindete eine Kerze an, 
loschte die Lampe aus und sagte: »Geh schlafen, Deborah! Wenn Mir- 
jam nach Hause kommt, werde ich ihr den Brief zeigen. Ich bleibe 
heute wach.« 

Er holte aus dem Koffer sein altes Gebetbuch, heimisch war es in sei- 
ner Hand, er schlug mit einem Griff die Psalmen auf und sang einen 
nach dem andern. Es sang aus ihm. Er hatte die Gnade erfahren und 
die Freude. 



HIOB 85 

Auch liber ihm wolbte sich Gottes breite, weite, giitige Hand. Von ihr 
beschirmt und ihr zu Ehren sang er einen Psalm nach dem andern. Die 
Kerze flackerte in dem leisen, aber eifrigen Wind, den Mendels schau- 
kelnder Oberkorper entfachte. Mit den Fiifien schlug er den Takt zu 
den Versen der Psalmen. Sein Herz jubelte, und sein Korper mufke 
tanzen. 



XI 

Da verliefien zum erstenmal die Sorgen das Haus Mendel Singers. Ver- 
traut waren sie ihm gewesen, wie verhafite Geschwister. Neunund- 
fiinfzig Jahre wurde er jetzt alt. Seit achtundfunfzig Jahren kannte er 
sie. Die Sorgen verliefien ihn, der Tod naherte sich ihm. Sein Bart war 
weifi, sein Auge war schwach. Der Rucken kriimmte sich, und die 
Hande zitterten. Der Schlaf war leicht, und die Nacht war lang. Die 
Zufriedenheit trug er wie ein fremdes, geborgtes Kleid. Sein Sohn 
iibersiedelte in die Gegend der Reichen, Mendel blieb in seiner Gasse, 
in seiner Wohnung, bei den blauen Petroleumiampen, in der Nachbar- 
schaft der Armen, der Katzen und der Mause. Er war fromm, gottes- 
fiirchtig und gewohnlich, ein ganz ailtaglicher Jude. Wenige beachte- 
ten ihn. Manche bemerkten ihn gar nicht. Ein paar alte Freunde be- 
suchte er tagsuber: Menkes, den Obsthandler, Skowronnek, die Musi- 
kalienhandlung, Rottenberg, den Bibelschreiber, Groschel, den Schu- 
ster. Einmal in der Woche kamen seine drei Kinder, sein Enkel und 
Mac. Er hatte ihnen gar nichts zu sagen. Sie erzahlten Geschichten aus 
dem Theater, aus der Gesellschaft und aus der Politik. Er horte zu und 
schlief ein. Wenn Deborah ihn weckte, schlug er die Augen auf. »Ich 
habe nicht geschlafen!« versicherte er. Mac lachte. Sam lachelte. Mir- 
jam fliisterte mit Deborah. Mendel blieb eine Weile wach und nickte 
wieder ein. Er traumte sofort: Begebenheiten aus der Heimat und 
Dinge, von denen er in Amerika nur gehort hatte, Theater, Akrobaten 
und Tanzerinnen in Gold und Rot, den Prasidenten der Vereinigten 
Staaten, das Weifte Haus, den Milliardar Vanderbilt und immer wieder 
Menuchim. Der kleine Kriippel mischte sich zwischen das Rot und 
Gold der Sangerinnen, und vor dem bleichen Strahlen des Weifien 
Hauses haftete er als ein armer, grauer Fleck. Dies und jenes mit wa- 
chen Augen anzuschauen, war Mendel zu alt. Er glaubte seinen Kin- 



86 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dern aufs Wort, dafi Amerika das Land Gottes war, New York die 
Stadt der Wunder und Englisch die schonste Sprache. Die Amerikaner 
waren gesund, die Amerikanerinnen schon, der Sport wichtig, die Zeit 
kostbar, die Armut ein Laster, der Reichtum ein Verdienst, die Tugend 
der halbe Erfolg, der Glaube an sich selbst ein ganzer, der Tanz hygie- 
nisch, Rollschuhlaufen eine Pflicht, Wohltatigkeit eine Kapitalanlage, 
Anarchismus ein Verbrechen, Streikende die Feinde der Menschheit, 
Aufwiegler Verbiindete des Teufels, moderne Maschinen Segen des 
Himmels, Edison das grofite Genie. Bald werden die Menschen fliegen 
wie Vogel, schwimmen wie Fische, die Zukunft sehn wie Propheten, 
im ewigen Frieden leben und in vollkommener Eintracht bis zu den 
Sternen Wolkenkratzer bauen. Die Welt wird sehr schon sein, dachte 
Mendel, gliicklich mein Enkel! Er wird alles erleben! Dennoch mischte 
sich in seine Bewunderung fur die Zukunft ein Heimweh nach Rut- 
land, und es beruhigte ihn, zu wissen, dafi er noch vor den Triumphen 
der Lebendigen ein Toter sein wiirde. Er wuEte nicht, warum. Es be- 
ruhigte ihn. Er war bereits zu alt fiir das Neue und zu schwach fur 
Triumphe. Er hatte nur eine Hoffnung noch: Menuchim zu sehn. Sam 
oder Mac wiirde hinuberfahren, ihn holen. Vielleicht fuhr auch Debo- 
rah. 

Es war Sommer. Das Ungeziefer in der Wohnung Mendel Singers ver- 
mehrte sich unaufhaltsam, obwohl die kleinen Messingrader an den 
FiiEen der Betten Tag und Nacht in Napfchen voll Petroleum standen 
und obwohl Deborah mit einer zarten Huhnerfeder, in Terpentin ge- 
taucht, alle Ritzen. der Mobel bestrich. Die Wanzen zogen in langen, 
geordneten Reihen die Wande hinunter, den Plafond entlang, warteten 
in blutliisterner Tiicke auf den Anbruch der Finsternis und fielen auf 
die Lager der Schlafenden. Die Flohe sprangen aus den schwarzen 
Sparren zwischen den Brettern der Diele, in die Kleider, auf die Kis- 
sen, auf die Decken. Die Nachte waren heifi und schwer. Durch die 
offenen Fenster kam von Zeit zu Zeit das feme Drohnen unbekannter 
Ziige, die kurzen, regelmaEigen Donner einer meilenweiten, geschafti- 
gen Welt und der triibe Dunst aus nachbarlichen Hausern, Misthaufen 
und offenen Kanalen. Die Katzen larmten, die herrenlosen Hunde 
heulten, Sauglinge schrien durch die Nacht, und iiber dem Kopf Men- 
del Singers schlurften die Schritte der Schlaflosen, drohnte das Niesen 
der Erkalteten, miauten die Ermatteten in qualvollem Gahnen. Mendel 
Singer entzundete die Kerze in der griinen Flasche neben dem Bett und 



HIOB 87 

ging ans Fenster. Da sah er den rotlichen Widerschein der lebendigen 
amerikanischen Nacht, die sich irgendwo abspielte, und den regelma- 
fiigen, silbernen Schatten eines Scheinwerfers, der verzweifelt am 
nachtlichen Himmel Gott zu suchen schien. Ja, und ein paar Sterne sah 
Mendel ebenfalls, ein paar kiimmerliche Sterne, zerhackte Sternbilder. 
Mendel erinnerte sich an die hellgestirnten Nachte daheim, die tiefe 
Blaue des weitgespannten Himmels, die sanftgewolbte Sichel des Mon- 
des, das finstere Rauschen der Fohren im Wald, an die Stimmen der 
Grillen und Frosche. Es kam ihm vor, dafl es leicht ware, jetzt, so wie 
er ging und stand, das Haus zu verlassen und zu Fufi weiterzuwan- 
dern, die ganze Nacht, so lange, bis er wieder unter dem freien Him- 
mel war und die Frosche vernahm und die Grillen und das Wimmern 
Menuchims. Hier in Amerika gesellte es sich zu den vielen Stimmen, in 
denen die Heimat sang und redete, zum Zirpen der Grillen und zum 
Quaken der Frosche. Dazwischen lag der Ozean, dachte Mendel. Man 
mufite ein Schiff besteigen, noch einmal ein Schiff, noch einmal zwan- 
zig Tage und Nachte fahren. Dann war er zu Hause bei Menuchim. 
Die Kinder redeten ihm zu, endlich das Viertel zu verlassen. Er hatte 
Angst. Er wollte nicht ubermiitig werden. Jetzt, wo alles gutzugehn 
begann, durfte man nicht Gottes Zorn hervorrufen. Wann war es ihm 
je bessergegangen? Wozu in andere Gegenden ziehn? Was hatte man 
davon? Die paar Jahre, die er noch zu leben gedachte, konnte er in 
Gemeinschaft mit dem Ungeziefer verbringen. 

Er wandte sich um. Da schlief Deborah. Friiher hatte sie hier im Zim- 
mer mit Mirjam geschlafen. Jetzt wohnte Mir jam bei ihrem B ruder. 
Oder bei Mac, dachte Mendel, hurtig und verstohlen. Deborah schlief 
ruhig, halb aufgedeckt, ein breites Lacheln iiber dem breiten Ange- 
sicht. Was geht sie mich an? dachte Mendel. Wozu leben wir noch 
zusammen? Unsere Lust ist vorbei, unsere Kinder sind grofi und ver- 
sorgt, was soil ich bei ihr? Essen, was sie gekocht hat! Es steht ge- 
schrieben, dafi es nicht gut ist, dafi der Mensch allein sei. Also leben 
wir zusammen. Sehr lange schon lebten sie zusammen, jetzt handelte 
es sich darum, wer friiher sterben wiirde. Wahrscheinlich ich, dachte 
Mendel. Sie ist gesund und hat wenig Sorgen. Immer noch verbirgt sie 
Geld unter irgendeinem Dielenbrett. Sie weifi nicht, dafi es Siinde ist. 
Mag sie es verbergen! 

Die Kerze im Flaschenhals ist zu Ende gebrannt. Die Nacht ist vergan- 
gen. Die ersten Gerausche des Morgens hort man schon, noch ehe man 



55 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die Sonne sieht. Man offnet irgendwo kreischende Turen, man hort 
polternde Schritte im Stiegenhaus, der Himmel ist fahlgrau, und von 
der Erde steigt ein gelblicher Dunst auf, Staub und Schwefel aus den 
Kanalen. Deborah erwacht, seufzt und sagt: »Es wird regnen! Es stinkt 
aus dem Kanal, mach die Fenster zu!« 

So beginnen die sommerlichen Tage. Am Nachmittag kann Mendel 
nicht zu Hause schlafen. Er geht auf den Spielplatz der Kinder. Er 
freut sich am Gesang der seltenen Amseln, sitzt lange auf einer Bank, 
zieht mit dem Regens chirm verworrene Striche in den Sand. Das Ge- 
rausch des Wassers, das ein langer Gummischlauch iiber den kleinen 
Rasen staubt, kiihlt Mendel Singers Angesicht, er glaubt, das Wasser 
zu fiihlen, und er schlaft ein. Er traumt vom Theater, von Akrobaten 
in Rot und Gold, vom WeiEen Haus, vom Prasidenten der Vereinigten 
Staaten, vom Milliardar Vanderbilt und von Menuchim. 
Eines Tages kommt Mac. Er sagt (Mirjam begleitet ihn und ubersetzt 
es), dafi er Ende Juli oder im August nach Rufiland fahren wird, Menu- 
chim holen. 

Mendel ahnt, warum Mac fahren will. Er mochte wahrscheinlich Mir- 
jam heiraten. Er tut alles mogliche fur die Familie Singer. 
Wenn ich stiirbe, denkt Mendel, wlirde Mac Mirjam heiraten. Beide 
warten auf meinen Tod. Ich habe Zeit. Ich warte auf Menuchim. 
Es ist Juni, ein heifter und besonders langer Monat. Wann wird endlich 
der Juli kommen? 

Ende Juli bestellt Mac eine Schiffskarte. Man schreibt an die Familie 
Billes. Mendel geht in den Laden der Skowronneks, um den Freunden 
zu erzahlen, dafi sein jiingster Sohn ebenfalls nach Amerika kommt. 
Im Laden der Familie Skowronnek sind viel mehr Leute versammelt 
als sonst, an andern Tagen. Jeder hat ein Zeitungspapier in der Hand. 
In Europa ist der Krieg ausgebrochen. 

Mac wird nicht mehr nach Rufiland fahren. Menuchim wird nicht nach 
Amerika kommen, Der Krieg ist ausgebrochen. 
Hatten die Sorgen nicht soeben erst Mendel Singer verlassen? Sie gin- 
gen, und der Krieg brach aus. 
Jonas war im Krieg und Menuchim in Rutland. 

Zweimal in der Woche am Abend kamen Sam und Mirjam, Vega und 
Mac Mendel Singer besuchen. Und sie bemiihten sich, dem Alten Jo- 
nas 5 sichern Untergang und Menuchims gefahrdetes Leben zu verber- 
gen. Es war, als glaubten sie, sie konnten Mendels nach Europa gerich- 



HIOB 89 

teten BHck auf ihre eigene gliickliche Leistung und ihre eigene Sicher- 
heit lenken. Sie stellten sich gleichsam zwischen Mendel Singer und 
den Krieg. Und wahrend er ihren Reden zuzuhoren schien, ihren Ver- 
mutungen recht gab, dafi Jonas in einer Kanzlei beschaftigt sei und 
Menuchim seiner besonderen Krankheit wegen gesichert in einem Pe- 
tersburger Spital, sah er seinen Sohn Jonas mit dem Pferd stiirzen und 
in einem jener Stacheldrahte hangenbleiben, die von den Kriegs- 
berichterstattern so anschaulich beschrieben wurden. Und sein Haus- 
chen in Zuchnow brannte - Menuchim lag im Winkel und wurde ver- 
brannt. Gelegentlich getraute er sich, einen kleinen Satz zu sagen. »Vor 
einem Jahr, als der Brief kam«, sagte Mendel, »hatte ich selbst zu 
Menuchim fahren mussen.« 

Niemand wufite darauf etwas zu erwidern. Ein paarmal schon hatte 
Mendel diesen Satz gesprochen, und stets war das gleiche Schweigen 
eingebrochen. Es war, als loschte der Alte mit diesem einen Satz das 
Licht im Zimmer aus, finster wurde es, und keiner sah mehr, wohin 
mit dem Finger zu deuten. Und nachdem sie lange geschwiegen hatten, 
erhoben sie sich und gingen. 

Mendel Singer aber schloft die Tiir hinter ihnen, schickte Deborah 
schlafen, entziindete eine Kerze und begann, einen Psalm nach dem 
andern zu singen. In guten Stunden sang er sie und in bosen. Er sang 
sie, wenn er dem Himmel dankte und wenn er ihn furchtete. Mendels 
schaukelnde Bewegungen waren immer die gleichen. Und nur an sei- 
ner Stimme hatte ein aufmerksamer Lauscher vielleicht erkannt, ob 
Mendel, der Gerechte, dankbar war oder ausgefullt von Angsten. 
In diesen Nachten schiittelte ihn die Furcht wie der Wind einen schwa- 
chen Baum. Und die Sorge lieh ihm ihre Stimme, mit einer fremden 
Stimme sang er die Psalmen. Er war fertig. Er schlug das Buch zu, hob 
es an die Lippen, kiilke es und driickte die Flamme aus. Aber er wurde 
nicht ruhig. Zu wenig, zu wenig - sagte er sich - habe ich getan. 
Manchmal erschrak er iiber die Erkenntnis, dafi sein einziges Mittel, 
das Singen der Psalmen, ohnmachtig sein konnte in dem grofien Sturm, 
in dem Jonas und Menuchim untergingen. Die Kanonen, dachte er, 
sind laut, die Flammen sind gewaltig, meine Kinder verbrennen, meine 
Schuld ist es, meine Schuld! Und ich singe Psalmen. Es ist nicht genug! 
Es ist nicht genug! 



90 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XII 

Alle Menschen, die an den politischen Nachmittagen Skowronneks ge- 
wettet hatten, dafi Amerika neutral bleiben wlirde, verloren die Wette. 
Es war Herbst. Um sieben Uhr morgens erwachte Mendel Singer. Um 
acht Uhr stand er schon in der Strafie vor dem Haus. Der Schnee war 
noch weifi und hart wie zu Hause in Zuchnow. Aber hier zerrann er 
bald. In Amerika hielt er sich nicht langer als eine Nacht. In der Fruh 
schon zerkneteten ihn die hurtigen Fiifie der Zeitungsjungen. Mendel 
Singer wartete, bis einer von ihnen vorbeikam. Er kaufte eine Zeitung 
und ging wieder ins Haus. Die blaue Petroleumlampe brannte. Sie er- 
leuchtete den Morgen, der finster war wie die Nacht. Mendel Singer 
entfaltete die Zeitung, sie war fett, klebrig und nafi, sie roch wie die 
Lampe. Er las die Berichte vom Kriegsschauplatz zweimal, dreimal, 
viermal. Er nahm zur Kenntnis, dafi flinfzehntausend Deutsche auf 
einmal in Gefangenschaft geraten waren und dafi die Russen ihre Of- 
fensive in der Bukowina wiederaufgenommen hatten. 
Das allein geniigte ihm nicht. Er legte die Brille ab, putzte sie, zog sie 
wieder an und las die Kriegsberichte noch einmal. Seine Augen durch- 
siebten die Zeilen. Fielen da nicht einmal die Namen Sam Singer, Me- 
nuchim, Jonas heraus? 

»Was ist Neues in der Zeitung?« fragte Deborah heute wie jeden Mor- 
gen. »Gar nichts!« erwiderte Mendel. »Die Russen siegen, und die 
Deutschen werden gefangen.« 

Es wurde still. Im Spirituskocher siedete der Tee. Es sang beinahe wie 
der Samowar zu Hause. Nur der Tee schmeckte anders, ranzig war er, 
amerikanischer Tee, obwohl die Packchen in chinesisches Papier ge- 
hlillt waren. »Nicht einmal einen Tee kann man trinken!« sagte Men- 
del und wunderte sich selbst, dafi er von solchen Kleinigkeiten sprach. 
Er wollte vielleicht etwas anderes sagen? Es gab so viel Wichtiges in 
der Welt, und Mendel beklagte sich liber den Tee. Die Russen siegten, 
und die Deutschen wurden gefangen. Nur von Sam horte man gar 
nichts und nichts von Menuchim. 

Vor zwei Wochen hatte Mendel geschrieben. Auch das Rote Kreuz 
hatte mitgeteilt, dafi Jonas verschollen sei. Er ist wahrscheinlich tot, 
dachte im stillen Deborah. Mendel dachte das gleiche. Aber sie spra- 
chen lange liber die Bedeutung des Wortes »verschollen«, und als 
schlosse es die Moglichkeit des Todes vollkommen aus, kamen sie im- 



\ 



HIOB 91 

mer wieder iiberein, dafi »verschollen« nur gefangengenommen heifien 
konnte, desertiert oder in der Gefangenschaft verwundet. 
Warum aber schrieb Sam schon so lange nicht? Nun, er war auf einem 
langeren Marsch begriffen, oder gerade in einer »Umgruppierung«, in 
einer jener Umgruppierungen, deren Wesen und Bedeutung am Nach- 
mittag bei Skowronnek genauer erlautert wurden. 
Man kann es nicht laut sagen, dachte Mendel, Sam hatte nicht gehn 
sollen. 

Er sagte den zweiten Teil des Satzes dennoch laut, Deborah horte es. 
»Das verstehst du nicht, Mendel«, sagte Deborah. Alle Argumente fiir 
die Teilnahme Sams am amerikanischen Krieg hatte Deborah von ihrer 
Tochter Mir jam bezogen. »Amerika ist nicht Rufiland. Amerika ist ein 
Vaterland. Jeder anstandige Mensch ist verpflichtet, fiir das Vaterland 
in den Krieg zu gehn. Mac ist gegangen, Sam hat nicht bleiben konnen. 
Aufierdem ist er, Gott sei Dank! beim Regimentsstab. Don fallt man 
nicht. Denn wenn man zulassen sollte, dafi alle hohen Offiziere fallen, 
wiirde man gar nicht siegen. Und Sam ist, Gott sei Dank! neben den 
hohen Offizieren.« 

»Einen Sohn nab' ich dem Zaren gegeben, es ware genug gewesen!« 
»Der Zar ist was anderes, und Amerika ist etwas anderes!« 
Mendel debattierte nicht weiter. Alles hatte er schon gehort. Er erin- 
nerte sich noch an den Tag, an dem beide fortgegangen waren, Mac 
und Sam. Beide hatten ein amerikanisches Lied gesungen, in der Mitte 
der Gasse. Am Abend hatte man bei Skowronnek gesagt, Sam sei, un- 
berufen, ein schoner Soldat. 

Vielleicht war Amerika ein Vaterland, der Krieg eine Pflicht, die Feig- 
heit eine Schande, ausgeschlossen der Tod beim Regimentsstab! Den- 
noch, dachte Mendel, bin ich der Vater, ich hatte ein Wort sagen miis- 
sen. Bleib, Sam! hatte ich sagen miissen. Lange Jahre habe ich gewartet, 
um einen kleinen Zipfel vom Gluck zu sehen. Nun ist Jonas bei den 
Soldaten, wer weifi, was mit Menuchim geschehen wird, du hast eine 
Frau, ein Kind und ein Geschaft. Bleib, Sam! Vielleicht ware er geblie- 
ben. 

Mendel stellte sich, wie es seine Gewohnheit war, ans Fenster, den 
Riicken der Stube zugekehrt. Er sah geradeaus auf das zerbrochene 
und mit braunem Pappendeckel vernagelte Fenster der Lemmels ge- 
genuber im ersten Stock. Unten war der Laden des judischen Selchers 
mit dem hebraischen Schild, weifk, schmutzige Buchstaben auf blaft- 



92 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

blauem Grund. Auch der Sohn der Lemmels war in den Krieg gegan- 
gen. Die ganze Familie Lemmel besuchte die Abendschule und lernte 
Englisch. Am Abend gingen sie mit Heften in die Schule wie kleine 
Kinder. Wahrscheinlich war es richtig. Vielleicht sollten auch Mendel 
und Deborah in die Schule gehn. Amerika war ein Vaterland. 
Es schneite noch ein wenig, langsame, faule und feuchte Flocken. Die 
Juden, aufgespannte, schwarze Regenschirme schwankten iiber ihren 
Kopfen, begannen schon, auf und ab zu promenieren. Immer mehr 
kamen, sie gingen in der Mitte der Gasse, die letzten weifien Schnee- 
reste zerschmolzen unter ihren Fiifien, es war, als miifiten sie hier im 
Interesse der Behorden so lange auf und ab gehn, bis der Schnee voll- 
ends vernichtet war. Den Himmel konnte Mendel von seinem Fenster 
aus nicht erblicken. Aber er wufite, dafi es ein finsterer Himmel war. 
In alien Fenstern gegeniiber sah er den gelblich roten Widerschein von 
Lampen. Finster war der Himmel. Finster war es in alien Stuben. 
Bald offnete sich hier und dort ein Fenster, die Biisten der Nachbarin- 
nen wurden sichtbar, man hangte rote und weifie Bettbeziige und 
nackte, gelbliche, gehautete Polster an die Fenster. Auf einmal war die 
ganze Gasse heiter und bunt. Die Nachbarinnen riefen einander laute 
Griifie zu. Aus dem Innern der Stuben drangen Tellergeklapper und 
Kindergeschrei. Man hatte glauben konnen, es sei Friede, wenn nicht 
vom Laden der Skowronneks her die Kriegsmarsche aus den Grammo- 
phonen durch die Gasse gerasselt hatten. 

Wann ist Sonntag? dachte Mendel. Friiher hatte er von einem Samstag 
zum andern gelebt, jetzt lebte er von einem Sonntag zum nachsten. 
Am Sonntag kam Besuch, Mirjam, Vega und der Enkel. Sie brachten 
Briefe von Sam oder wenigstens Neuigkeiten allgemeiner Natur. Alles 
wufiten sie, alle Zeitungen lasen sie. Gemeinsam leiteten sie jetzt das 
Geschaft. Es ging immer gut, sie waren tiichtig, sie sammelten Geld 
und warteten auf die Riickkehr Sams. 

Mirjam brachte manchmal Herrn Gliick mit, den ersten Direktor. Sie 
ging mit Gliick tanzen, sie ging mit Gliick baden. Ein neuer Kosak! 
dachte Mendel. Aber er sagte nichts. 

»Ich kann nicht in den Krieg, leider!« seufzte Mister Gliick. »Ich habe 
einen schweren Herzklappenfehler, das einzige, was ich von meinem 
seligen Vater geerbt habe.« Mendel betrachtete die rosigen Wangen 
Gliicks, seine kleinen, braunen Augen und den koketten, flaumigen 
Schnurrbart, den er entgegen der Mode trug und mit dem er oft spielte. 



hiob 93 

Er safi zwischen Mirjam und Vega. Einmal, als Mendel mitten im 

Gesprach vom Tisch aufstand, glaubte er zu bemerken, daE der 

Herr Gliick die rechte Hand in Vegas Schofi hielt und die linke auf 

Mirjams Schenkel. Mendel ging hinaus auf die Strafie, er ging vor 

dem Hause auf und ab und wartete, bis die Gaste weggegangen wa- 

ren. 

»Du benimmst dich wie ein russischer Jude«, sagte Deborah, als er 

zuriickkehrte. 

»Ich bin ein russischer Jude«, erwiderte Mendel. 

Eines Tages, es war ein Wochentag, Anfang Februar, Mendel und 

Deborah safien beim Mittagessen, trat Mirjam ein. 

»Guten Tag, Mutter !« sagte sie und »Guten Tag, Vater!« und blieb 

stehn. 

Deborah legte den Loffel aus der Hand und riickte den Teller weg. 

Mendel sah beide Frauen an. Er wufite, dafi etwas Aufierordentli- 

ches geschehen war. Mirjam kam an einem Wochentag, zu einer 

Zeit, in der sie im Geschaft hatte sein miissen. Sein Herz schlug 

laut. Er war dennoch ruhig. Er glaubte, sich an diese Szene erinnern 

zu konnen. Sie hatte sich schon einmal zugetragen. Da stand Mirjam 

im schwarzen Regenmantel und war stumm. Da safi Deborah, den 

Teller hatte sie weit von sich geschoben, er steht fast in der Mitte 

des Tisches, drauften schneit es, weich, faul und flockig. Die Lampe 

brennt gelblich, ihr Licht ist fett wie ihr Geruch. Sie kampft gegen 

den dunklen Tag, der schwachlich und fahl ist, aber machtig genug, 

um mit seinem hellen Grau das ganze Zimmer zu bestreichen. An 

dieses Licht erinnert sich Mendel Singer genau. Er hat diese Szene 

getraumt. Er weift auch, was jetzt folgen wird. Alles weifi Mendel 

schon, als lage es langst zuriick und als hatte sich der Schmerz 

schon vor Jahren in eine Trauer verwandelt. Mendel ist ganz ruhig. 

Es ist ein paar Sekunden still. Mirjam spricht nicht, als hoffte sie, 

der Vater oder die Mutter wiirden sie durch eine Frage von der 

Pflicht befreien, die Botschaft auszurichten. Sie steht und schweigt. 

Keins von den dreien riihrt sich. 

Mendel steht auf und sagt: »Ein Ungluck ist geschehen!« 

Mirjam sagt: »Mac ist zuruckgekommen. Er hat Sams Uhr gebracht 

und die letzten Griifte.« 

Deborah sitzt, als ob nichts geschehen ware, ruhig auf dem Sessel. 

Ihre Augen sind trocken und leer wie zwei dunkle Stiickchen Glas. 



94 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Sie sitzt dem Fenster gegeniiber, und es sieht aus, als zahlte sie die 
Schneeflocken. 

Es ist still, man hort das harte Ticken der Uhr. 

Plotzlich beginnt Deborah, sich ganz langsam, mit schleichenden Fin- 
gern, die Haare zu raufen. Sie zieht eine Haarflechte nach der andern 
iiber das Gesicht, das bleich ist und ohne Regung wie aufgequollener 
Gips. Dann reifit sie eine Strahne nach der andern aus, fast in demselben 
Tempo, in dem draufien die Schneeflocken niederfallen. Schon zeigen 
sich zwei, drei weifie Inseln inmitten des Haars, ein paar talergrofie 
Flecken der nackten Kopfhaut und ganz winzige Tropfchen roten Blu- 
tes. Niemand riihrt sich. Die Uhr tickt, der Schnee fallt, und Deborah 
reifit sich die Haare aus. 

Mirjam sinkt in die Knie, vergrabt den Kopf im Schofi Deborahs und 
riihrt sich nicht mehr. In Deborahs Angesicht andert sich kein Zug. Ihre 
beiden Hande zupfen abwechselnd an den Haaren. Ihre Hande sehen 
aus wie bleiche, fleischige, fiinffiifiige Tiere, die sich von Haaren nahren. 
Mendel steht, die Arme iiber der Lehne des Sessels verschrankt. 
Deborah beginnt zu singen. Sie singt mit einer tiefen, mannlichen 
Stimme, die so klingt, als ware ein unsichtbarer Sanger im Zimmer. Die 
fremde Stimme singt ein altes jiidisches Lied ohne Worte, ein schwarzes 
Wiegenlied fur tote Kinder. 

Mirjam erhebt sich, riickt den Hut zurecht, geht zur Tiir und lafit Mac 
eintreten. 

Er ist in der Montur grofier als im Zivil. Er hat in beiden Handen, die er 
vor sich her tragt wie Teller, die Uhr, die Brieftasche und ein Portemon- 
naie Sams. 

Diese Gegenstande legt Mac langsam auf den Tisch, gerade vor Debo- 
rah. Er sieht eine Weile zu, wie sie sich die Haare ausreifit, dann geht er 
zu Mendel, legt dem Alten seine grofien Hande auf die Schultern und 
weint lautlos. Seine Tranen rinnen, ein dichter Regen, iiber die Uni- 
form. 

Es ist still, Deborahs Gesang hat aufgehort, die Uhr tickt, der Abend 
sinkt plotzlich iiber die Welt, die Lampe leuchtet nicht mehr gelb, son- 
dern weifi, hinter den Fensterscheiben ist die Welt schwarz, man kann 
keine Flocken mehr sehen. 

Auf einmal kommt ein grolender Laut aus Deborahs Brust. Er klingt 
wie der Rest jener Melodie, die sie vorher gesungen hat, ein gesprengter, 
geborstener Ton. 



hiob 95 

Dann fallt Deborah vom Sessel. Sie liegt, eine gekriimmte, weiche 

Masse, auf dem Boden. 

Mac stofit die Tiir auf, lafk sie offen, es wird kalt in der Stube. 

Er kommt zuriick, ein Doktor begleitet ihn, ein kleiner, flinker, grau- 

haariger Mann. 

Mirjam steht dem Vater gegeniiber. 

Mac und der Doktor tragen Deborah auf das Bett. 

Der Doktor sitzt am Bettrand und sagt: »Sie ist tot.« 

Auch Menuchim ist gestorben, allein, unter Fremden, denkt Mendel 

Singer. 



XIII 



Sieben runde Tage safi Mendel Singer auf einem Schemel neben dem 
Kleiderschrank und schaute auf das Fenster, an dessen Scheibe zum 
Zeichen der Trauer ein weifies Stuckchen Leinwand hing und in dem 
Tag und Nacht eine der beiden blauen Lampen brannte. Sieben runde 
Tage rollten nacheinander ab, wie grofie, schwarze, langsame Reifen, 
ohne Anfang und ohne Ende, rund wie die Trauer. Der Reihe nach 
kamen die Nachbarn: Menkes, Skowronnek, Rottenberg und Gro- 
schel, brachten harte Eier und Eierbeugel fiir Mendel Singer, runde 
Speisen, ohne Anfang und ohne Ende, rund wie die sieben Tage der 
Trauer. 

Mendel sprach wenig mit seinen Besuchern. Er bemerkte kaum, dafi 
sie kamen und gingen. Tag und Nacht stand seine Tiir offen, mit zu- 
riickgeschobenem, zwecklosem Riegel. Wer kommen wollte, kam, wer 
gehen wollte, ging. Der und jener versuchte, ein Gesprach anzufangen. 
Aber Mendel Singer wich ihm aus. Er sprach, wahrend die andern le- 
bendige Dinge erzahlten, mit seiner toten Frau. »Du hast es gut, Debo- 
rah !« sagte er zu ihr. »Es ist nur schade, da£ du keinen Sohn hinterlas- 
sen hast, ich selbst muE das Totengebet sagen, ich werde aber bald 
sterben, und niemand wird uns beweinen. Wie zwei kleine Staubchen 
wurden wir verweht. Wie zwei kleine Fiinkchen sind wir erloschen. 
Ich habe Kinder gezeugt, dein Schofi hat sie geboren, der Tod hat sie 
genommen. Voller Not und ohne Sinn war dein Leben. In jungen Jah- 
ren habe ich dein Fleisch genossen, in spatern Jahren habe ich es ver- 
schmaht. Vielleicht war das unsere Sunde. Weil nicht die Warme der 



$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Liebe in uns war, sondern zwischen uns der Frost der Gewohnheit, 
starb alles rings um uns, verkiimmerte alles und wurde verdorben. Du 
hast es gut, Deborah. Der Herr hat Mitleid mit dir gehabt. Du bist eine 
Tote und begraben. Mit mir hat Er kein Mitleid. Denn ich bin ein 
Toter und lebe. Er ist der Herr, Er weifi, was Er tut. Wenn du kannst, 
bete fur mich, dafi man mich auslosche aus dem Buch der Lebendigen. 
Sieh, Deborah, die Nachbarn kommen zu mir, um mich zu trosten. 
Aber obwohl es viele sind und sie alle ihre Kopfe anstrengen, finden sie 
doch keinen Trost fiir meine Lage. Noch schlagt mein Herz, noch 
schauen meine Augen, noch bewegen sich meine Glieder, noch gehen 
meine Fiifie. Ich esse und trinke, bete und atme. Aber mein Blut 
stockt, meine Hande sind welk, mein Herz ist leer. Ich bin nicht Men- 
del Singer mehr, ich bin der Rest von Mendel Singer. Amerika hat uns 
getotet. Amerika ist ein Vaterland, aber ein todliches Vaterland. Was 
bei uns Tag war, ist hier Nacht. Was bei uns Leben war, ist hier Tod. 
Der Sohn, der bei uns Schemarjah hiefi, hat hier Sam geheifien. In 
Amerika bist du begraben, Deborah, auch mich, Mendel Singer, wird 
man in Amerika begraben. « 

Am Morgen des achten Tages, als Mendel von seiner Trauer auf stand, 
kam seine Schwiegertochter Vega, in Begleitung des Mister Gliick. 
»Mister Singer«, sagte Mister Gliick, »unten ist der Wagen. Sie miissen 
sofort mit uns kommen, mit Mirjam ist etwas passiert.« 
»Gut«, erwiderte Mendel gleichgultig - als hatte man ihm mitgeteilt, 
dafi man sein Zimmer tapezieren miisse. »Gut, gebt mir meinen Man- 
tel. « 

Mendel kroch mit schwachen Armen in den Mantel und ging die Stie- 
gen hinunter. Mister Gliick drangte ihn in den Wagen. Sie fuhren und 
sprachen kein Wort. Mendel fragte nicht, was mit Mirjam geschehen 
sei. Wahrscheinlich ist sie auch tot, dachte er ruhig. Mac hat sie aus 
Eifersucht getotet. 

Zum erstenmal betrat er die Wohnung seines toten Sohnes. Man schob 
ihn in ein Zimmer. Da lag Mirjam in einem breiten, weiften Bett. Ihre 
Haare flossen lose, in einer funkelnden, blauen Schwarze, iiber die 
weiften Kissen. Ihr Angesicht gliihte rot, und ihre schwarzen Augen 
hatten breite, runde, rote Rander; umkreist von Ringen aus Brand wa- 
ren Mirjams Augen. Eine Krankenschwester saft neben ihr, Mac stand 
in einer Ecke, grofi und ohne sich zu riihren, wie ein Mobelstiick. 
»Da ist Mendel Singer«, rief Mirjam. Sie streckte eine Hand gegen den 



HIOB <)J 

Vater aus und begann zu lachen. Ihr Lachen dauerte ein paar Minuten. 
Es klang wie das Klingeln der hellen, ununterbrochenen SignaJe auf 
Bahnhofen und als schliige man mit tausend Kloppeln aus Messing auf 
tausend diinne Kristallglaser. Plotzlich brach das Lachen ab. Eine Se- 
kunde war es still. Dann begann Mirjam zu schluchzen. Sie schob die 
Decke zuriick, ihre nackten Beine zappelten, ihre Fiifte schlugen in 
schneller RegelmaEigkeit auf das weiche Lager, immer schneller, im- 
mer regelmafiiger, wahrend ihre geballten Fauste im gleichen Rhyth- 
mus durch die Luft schwangen. Die Krankenschwester hielt Mirjam 
mit Gewalt fest. Sie wurde ruhiger. »Guten Tag, Mendel Singer !« sagte 
Mirjam. »Du bist mein Vater, ich kann es dir erzahlen. Ich liebe Mac, 
der da stent, aber ich habe ihn betrogen. Mit Mister Gliick habe ich 
geschlafen, ja, mit Mister Gliick! Gliick ist mein Gliick, Mac ist mein 

Mac. Mendel Singer gefallt mir auch, und wenn du willst « Da hielt 

die Krankenschwester Mirjam die Hand vor den Mund, und Mirjam 
verstummte. 

Mendel Singer stand noch immer an der Tur, Mac stand immer noch in 
der Ecke. Beide Manner sahen einander fortwahrend an. Da sie sich 
nicht mit Worten verstandigen konnten, redeten sie mit den Augen. 
»Sie ist verriickt«, sagten Mendel Singers Augen zu denen Macs. »Sie 
hat ohne Manner nicht leben konnen, sie ist verriickt.« 
Vega trat ein und sagte: »Wir haben den Arzt kommen lassen. Jeden 
Augenblick mufi er dasein. Seit gestern spricht Mirjam wirr. Sie war 
mit Mac spazierengegangen, und als sie zuruckkam, begann sie, sich so. 
unverstandlich zu benehmen. Jeden Augenblick mull der Arzt dasein. « 
Der Doktor kam. Es war ein Deutscher, er konnte sich mit Mendel 
verstehn. »Wir werden sie in die Anstalt bringen«, sagte der Doktor. 
»Ihre Tochter muE leider in eine Anstalt. Warten Sie einen Moment, 
ich werde sie betauben.« 

Mac stand noch immer im Zimmer. »Wollen Sie sie festhalten?« fragte 
der Doktor. Mac hielt mit seinen groften Handen Mirjam fest. Der 
Doktor stiefi ihr eine Spritze in den Schenkel. »Bald wird sie ruhig 
sein!« sagte er. 

Der Krankenwagen kam, zwei Trager mit einer Bahre traten ins Zim- 
mer. Mirjam schlief. Man band sie auf die Bahre. Mendel, Mac und 
Vega fuhren hinter dem Krankenwagen. 

»Das hast du nicht erlebt«, sprach Mendel zu seiner Frau Deborah, 
wahrend sie fuhren. »Ich erlebe es noch, aber ich habe es gewufit. Seit 



98 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

jenem Abend, an dem ich Mirjam mit dem Kosaken im Felde sah, habe 
ich es gewufit. Der Teufel ist in sie gefahren. Bete fiir uns, Deborah, 
dafi er sie wieder verlasse.« 

Nun safi Mendel im Wartezimmer der Anstalt, umgeben von andern 
Wartenden, vor kleinen Tischchen, auf denen Vasen voll gelber, som- 
merlicher Blumen standen, und diinnen Gestellen, beladen mit bunten 
illustrierten Zeitschriften. Aber keiner von den Wartenden roch an den 
Blumen, keiner der Wartenden blatterte in den Zeitschriften. Zuerst 
glaubte Mendel, alle Menschen, die hier mit ihm safien, waren vernickt 
und er selbst ein Verruckter wie alle. Dann sah er durch die breite Tiir 
aus spiegelndem Glas, die diesen Warteraum von dem weifigetiinchten 
Korridor trennte, wie draufien Menschen in blaugestreiften Kitteln 
paarweise vorbeigefiihrt wurden. Zuerst Frauen, dann Manner, und 
manchmal warf einer von den Kranken sein wildes, verkniffenes, zer- 
rissenes, boses Gesicht durch die Scheibe der Tiir in den Wartesaal. 
Alle Wartenden erschauerten, nur Mendel blieb ruhig. Ja, es erschien 
ihm merkwiirdig, dafi nicht auch die Wartenden blaugestreifte Kittel 
trugen und er selbst auch nicht. 

Er safi in einem breiten, ledernen Lehnstuhl, die Miitze aus schwarzem 
Seidenrips hatte er iiber die Knie gestiilpt, sein Regenschirm lehnte, ein 
treuer Gefahrte, neben dem Sessel. Mendel blickte abwechselnd auf die 
Menschen, die glaserne Tiir, die Zeitschriften, die Verruckten, die 
draufien immer noch vorbeizogen - man fiihrte sie zum Bad-, und auf 
die goldenen Blumen in den Vasen. Es waren gelbe Schlusselblumen, 
Mendel erinnerte sich, dafi er sie daheim auf den griinen Wiesen oft 
gesehen hatte. Die Blumen kamen aus der Heimat. Er gedachte ihrer 
gern. Diese Wiesen hatte es dort gegeben und diese Blumen! Der 
Friede war dort heimisch gewesen, die Jugend war dort heimisch ge- 
wesen und die vertraute Armut. Im Sommer war der Himmel ganz 
blau gewesen, die Sonne ganz heifi, das Getreide ganz gelb, die Fliegen 
hatten griin geschillert und warme Liedchen gesummt, und hoch unter 
den blauen Himmeln hatten die Lerchen getrillert, ohne Aufhoren. 
Mendel Singer vergafi, wahrend er die Schlusselblumen ansah, dafi De- 
borah gestorben, Sam gefallen, Mirjam vernickt und Jonas verschollen 
war. Es war, als hatte er soeben erst die Heimat verloren und in ihr 
Menuchim, den treuesten aller Toten, den weitesten aller Toten, den 
nachsten aller Toten. Waren wir dort geblieben, dachte Mendel, gar 
nichts ware geschehen! Jonas hat recht gehabt, Jonas, das dummste 



hiob 99 

meiner Kinder! Die Pferde hat er geliebt, den Schnaps hat er geliebt, 
die Madchen hat er geliebt, jetzt ist er verschollen! Jonas, ich werde 
dich nie mehr wiedersehen, ich werde dir nicht sagen konnen, dafi du 
recht hattest, ein Kosak zu werden. »Was geht ihr nur immer in der 
Welt herum?« hatte Sameschkin gesagt. »Der Teufel schickt euch!« Er 
war ein Bauer, Sameschkin, ein kluger Bauer. Mendel hatte nicht fah- 
ren wollen. Deborah, Mirjam, Schemarjah - sie hatten fahren wollen, 
in der Welt herumfahren. Man hatte bleiben sollen, die Pferde lieben, 
Schnaps trinken, in den Wiesen schlafen, Mirjam mit Kosaken gehn 
lassen und Menuchim lieben. 

Bin ich verriickt geworden, dachte Mendel weiter, daft ich so denke? 
Denkt ein alter Jude solche Sachen? Gott hat meine Gedanken ver- 
wirrt, der Teufel denkt aus mir, wie er aus meiner Tochter Mirjam 
redet. 

Der Doktor kam, zog Mendel in eine Ecke und sagte leise: »Fassen Sie 
sich, Ihre Tochter ist sehr krank. Es gibt jetzt viele solcher Falle, der 
Krieg, verstehn Sie, und das Ungliick in der Welt, es ist eine schlimme 
Zeit. Die Medizin weiE noch nicht, wie man die Krankheit heilt. Einer 
Ihrer Sonne ist Epileptiker, wie ich hore, entschuldigen Sie, so was ist 
in der Familie. Wir Arzte nennen das degenerative Psychose. Es kann 
sich geben. Es kann sich aber auch als eine Krankheit erweisen, die wir 
Arzte Dementia nennen, Dementia praecox, aber sogar die Namen 
sind unsicher. Das ist einer von den seltenen Fallen, die wir nicht hei- 
len konnen. Sie sind doch ein frommer Mann, Mister Singer? Der liebe 
Gott kann helfen. Beten Sie nur fleiEig zum lieben Gott. Ubrigens, 
wollen Sie noch einmal Ihre Tochter sehen? Kommen Sie!« 
Ein Schlusselbund rasselte, eine Tiir fiel mit hartem Knall zu, und 
Mendel ging durch einen langen Korridor, vorbei an weiften Turen mit 
schwarzen Nummern, wie an vertikal aufgestellten Sargen. Noch ein- 
mal rasselte der Schlusselbund der Warterin, und einer der Sarge ward 
aufgetan, drin lag Mirjam und schlief, Mac und Vega standen neben 
ihr. 

»Jetzt miissen wir gehn«, sagte der Doktor. 
»Fuhrt mich direkt nach Hause in meine Gasse«, befahl Mendel. 
Seine Stimme klang so hart, daft alle erschraken. Sie sahen ihn an. Sein 
Aussehn schien sich nicht verandert zu haben, dennoch war es ein an- 
derer Mendel. Genau wie in Zuchnow und wie die ganze Zeit in Ame- 
rika war er angezogen. In hohen Stiefeln, im halblangen Kaftan, in der 



100 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Miitze aus schwarzem Seidenrips. Was also hatte ihn so verandert? 
Warum erschien er alien grofier und stattlicher? Warum ging so ein 
weifier und furchtbarer Glanz von seinem Angesicht aus? Fast schien 
er den grofien Mac zu uberragen. Seine Majestat, der Schmerz, dachte 
der Doktor, ist in den alten Juden gefahren. 

»Einmal«, begann Mendel im Wagen, »hat mir Sam gesagt, dafi die 
Medizin in Amerika die beste der Welt ist. Jetzt kann sie nicht helfen. 
Gott kann helfen! sagt der Doktor. Sag, Vega, hast du schon gesehn, 
dafi Gott einem Mendel Singer geholfen hatte? Gott kann helfen !« 
»Du wirst jetzt bei uns wohnen«, sagte Vega schluchzend. 
»Ich werde nicht bei euch wohnen, mein Kind«, antwortete Mendel, 
»du wirst einen Mann nehmen, du sollst nicht ohne Mann sein, dein 
Kind soil nicht ohne Vater sein. Ich bin ein alter Jude, Vega, bald 
werde ich sterben. Hor zu, Vega! Mac war Schemarjahs Freund, Mir- 
jam hat er geliebt, ich weifi, er ist kein Jude, aber ihn sollst du heiraten, 
nicht den Mister Gliick! Horst du, Vega? Wundert es dich, dafi ich so 
rede, Vega? Wundere dich nicht, ich bin nicht verriickt. Alt bin ich 
geworden, ein paar Welten habe ich zugrunde gehn sehn, endlich bin 
ich klug geworden. Alle die Jahre war ich ein torichter Lehrer. Nun 
weifi ich, was ich sage.« 

Sie kamen an, sie luden Mendel ab, fiihrten ihn ins Zimmer, Mac und 
Vega standen noch eine Weile und wufiten nicht, was tun. 
Mendel setzte sich auf den Schemel neben den Schrank und sagte zu 
Vega: »Vergifi nicht, was ich dir gesagt habe. Jetzt geht, meine Kin- 
der. « 

Sie verliefien ihn. Mendel trat ans Fenster und sah zu, wie sie in den 
Wagen stiegen. Es schien ihm, dafi er sie segnen miisse, wie Kinder, die 
einen sehr schweren oder einen sehr glucklichen Weg antreten. Ich 
werde sie nie mehr sehen, dachte er dann, ich werde sie auch nicht 
segnen. Mein Segen konnte ihnen zum Fluch werden, ihre Begegnung 
mit mir ein Nachteil. Er fuhlte sich leicht, ja, leichter als jemals in all 
seinen Jahren. Er hatte alle Beziehungen gelost. Es fiel ihm ein, dafi er 
schon seit Jahren einsam war. Einsam war er seit dem Augenblick ge- 
wesen, an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehort 
hatte. Allein war er, allein. Frau und Kinder waren um ihn gewesen 
und hatten ihn verhindert, seinen Schmerz zu tragen. Wie unniitze 
Pflaster, die nicht heilen, waren sie auf seinen Wunden gelegen und 
hatten sie nur verdeckt. Jetzt, endlich, genofi er sein Weh mit 



HIOB 101 

Triumph. Es gait, nur noch eine Beziehung zu kiindigen. Er machte sich 
an die Arbeit. 

Er ging in die Kiiche, raffte Zeitungspapier und Kienspane zusammen 
und machte ein Feuer auf der offenen Herdplatte. Als das Feuer eine 
ansehnliche Hohe und Weite erreichte, ging Mendel mit starken Schrit- 
ten zum Schrank und entnahm ihm das rotsamtene Sackchen, in dem 
seine Gebetriemen lagen, sein Gebetmantel und seine Gebetbiicher. Er 
stellte sich vor, wie diese Gegenstande brennen wiirden. Die Flammen 
werden den gelblich getonten Stoff des Mantels aus reiner Schafwolle 
ergreifen und mit spitzen, blaulichen, gefrafiigen Zungen vernichten. 
Der glitzernde Rand aus silbernen Faden wird langsam verkohlen, in 
kleinen, rotgluhenden Spiralen. Das Feuer wird die Blatter der Bucher 
sachte zusammenrollen, in silbergraue Asche verwandeln, und die 
schwarzen Buchstaben fur ein paar Augenblicke blutig farben. Die le- 
dernen Ecken der Einbande werden emporgerollt, stellen sich auf wie 
seltsame Ohren, mit denen die Bucher zuhoren, was ihnen Mendel in 
den heifien Tod nachruft. Ein schreckliches Lied ruft er ihnen nach. 
»Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer !« ruft er, und mit den Stiefeln 
stampft er den Takt dazu, daft die Dielenbretter drohnen und die Topfe 
an der Wand zu klappern beginnen. »Er hat keinen Sohn, er hat keine 
Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott 
sagt: Ich habe Mendel Singer gestraft. Wofiir straft er, Gott? Warum 
nicht Lemmel, den Fleischer? Warum straft er nicht Skowronnek? 
Warum straft er nicht Menkes? Nur Mendel straft er! Mendel hat den 
Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben 
Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer !« 
So stand Mendel vor dem offenen Feuer und briillte und stampfte mit 
den Fiifien. Er hielt das rotsamtene Sackchen in den Armen, aber er warf 
es nicht hinein. Ein paarmal hob er es in die Hohe, aber seine Arme 
lieften es wieder sinken. Sein Herz war bose auf Gott, aber in seinen 
Muskeln wohnte noch die Furcht vor Gott. Fiinfzig Jahre, Tag fiir Tag, 
hatten diese Hande den Gebetmantel ausgebreitet und wieder zusam- 
mengefaltet, die Gebetriemen aufgerollt und um den Kopf geschlungen 
und um den linken Arm, dieses Gebetbuch aufgeschlagen, um und um 
geblattert und wieder zugeklappt. Nun weigerten sich die Hande, Men- 
dels Zorn zu gehorchen. Nur der Mund, der so oft gebetet hatte, wei- 
gerte sich nicht. Nur die Fufle, die oft zu Ehren Gottes beim Halleluja 
gehiipft hatten, stampften den Takt zu Mendels Zorngesang. 



102 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Da die Nachbarn Mendel also schreien und poltern horten und da sie 
den graublauen Rauch durch die Ritzen und Spalten seiner Tiir in den 
Treppenflur dringen sahen, klopften sie bei Singer an und riefen, dafi 
er ihnen offne. Er aber horte sie nicht. Seine Augen erfullte der Dunst 
des Feuers, und in seinen Ohren drohnte sein grofier, schmerzlicher 
Jubel. Schon waren die Nachbarn bereit, die Polizei zu holen, als einer 
von ihnen sagte: »Rufen wir doch seine Freunde! Sie sitzen bei Sko- 
wronnek. Vielleicht bringen sie den Armen wieder zur Vernunft.« 
Als die Freunde kamen, beruhigte sich Mendel wirklich. Er schob den 
Riegel zuriick und liefi sie eintreten, der Reihe nach, wie sie immer 
gewohnt waren, in Mendels Stube zu treten, Menkes, Skowronnek, 
Rottenberg und Groschel. Sie zwangen Mendel, sich aufs Bett zu set- 
zen, setzten sich selbst neben ihn und vor ihn hin, und Menkes sagte: 
»Was ist mit dir, Mendel? Warum machst du Feuer, warum willst du 
das Haus anzunden?« 

»Ich will mehr verbrennen als nur ein Haus und mehr als einen Men- 
schen. Ihr werdet staunen, wenn ich euch sage, was ich wirklich zu 
verbrennen im Sinn hatte. Ihr werdet staunen und sagen: Auch Mendel 
ist verriickt, wie seine Tochter. Aber ich versichere euch: Ich bin nicht 
verriickt. Ich war verriickt. Mehr als sechzig Jahre war ich verriickt, 
heute bin ich es nicht. « 
»Also sag uns, was du verbrennen willst!« 
»Gott will ich verbrennen. « 

Allen vier Zuhorern entrang sich gleichzeitig ein Schrei. Sie waren 
nicht alle fromm und gottesfurchtig, wie Mendel immer gewesen war. 
Alle vier lebten schon lange genug in Amerika, sie arbeiteten am Sab- 
bat, ihr Sinn stand nach Geld, und der Staub der Welt lag schon dicht, 
hoch und grau auf ihrem alten Glauben. Viele Brauche hatten sie ver- 
gessen, gegen manche Gesetze hatten sie verstofien, mit ihren Kopfen 
und Gliedern hatten sie gesiindigt. Aber Gott wohnte noch in ihren 
Herzen. Und als Mendel Gott lasterte, war es ihnen, als hatte er mit 
scharfen Fingern an ihre nackten Herzen gegriffen. 
»Lastere nicht, Mendel«, sagte nach einem langeren Schweigen Sko- 
wronnek. »Du weilk besser als ich, denn du hast viel mehr gelernt, dafi 
Gottes Schlage einen verborgenen Sinn haben. Wir wissen nicht, wofur 
wir gestraft werden.« 

»Ich aber weifi es, Skowronnek«, erwiderte Mendel. »Gott ist grau- 
sam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns 



HIOB IO3 

urn. Er ist machtiger als die Machtigen, mit dem Nagel seines kleinen 
Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die 
Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwache eines Menschen reizt 
seine Starke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. Er ist ein grower, 
grausamer Isprawnik. Befolgst du die Gesetze, so sagt er, du habest sie 
nur zu deinem Vorteil befolgt. Und verstofit du nur gegen ein einziges 
Gebot, so verfolgt er dich mit hundert Strafen. Willst du ihn beste- 
chen, so macht er dir einen Prozefi. Und gehst du redlich mit ihm um, 
so lauert er auf die Bestechung. In ganz Rutland gibt es keinen boseren 
Isprawnik !« 

»Erinnere dich, Mendel«, begann Rottenberg, »erinnere dich an Hiob. 
Ihm ist ahnliches geschehen wie dir. Er saft auf der nackten Erde, 
Asche auf dem Haupt, und seine Wunden taten ihm so weh, dafi er 
sich wie ein Tier auf dem Boden walzte. Auch er lasterte Gott. Und 
doch war es nur eine Priifung gewesen. Was wissen wir, Mendel, was 
oben vorgeht? Vielleicht kam der Bose vor Gott und sagte wie damals: 
Man muE einen Gerechten verfuhren. Und der Herr sagte: Versuch es 
nur mit Mendel, meinem Knecht.« 

»Und da siehst du auch«, fiel Groschel ein, »daft dein Vorwurf unge- 
recht ist. Denn Hiob war kein Schwacher, als Gott ihn zu priifen be- 
gann, sondern ein Machtigen Und auch du warst kein Schwacher, 
Mendel! Dein Sohn hatte ein Kaufhaus, ein Warenhaus, er wurde rei- 
cher von Jahr zu Jahr. Dein Sohn Menuchim wurde beinahe gesund, 
und fast ware er auch nach Amerika gekommen. Du warst gesund, 
dein Weib war gesund, deine Tochter war schon, und bald hattest du 
einen Mann fur sie gefunden!« 

»Warum zerreifk du mir das Herz, Groschel ?« entgegnete Mendel. 
»Warum zahlst du mir auf, was alles gewesen ist, jetzt, da nichts mehr 
ist? Meine Wunden sind noch nicht vernarbt, und schon reifk du sie 
auf.« 

»Er hat recht«, sagten die iibrigen drei wie aus einem Munde. 
Und Rottenberg begann: »Dein Herz ist zerrissen, Mendel, ich weift 
es. Weil wir aber iiber alles mit dir sprechen diirfen und weil du weifk, 
dafi wir deine Schmerzen tragen, als waren wir deine Briider, wirst du 
uns da ziirnen, wenn ich dich bitte, an Menuchim zu denken? Viel- 
leicht, lieber Mendel, hast du Gottes Plane zu storen versucht, weil du 
Menuchim zuriickgelassen hast? Ein kranker Sohn war dir beschieden, 
und ihr habt getan, als ware es ein boser Sohn.« 



104 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Es wurde still. Lange antwortete Mendel gar nichts. Als er wieder zu 
reden anfing, war es, als hatte er Rottenbergs Worte nicht gehort; denn 
er wandte sich an Groschel und sagte: 

»Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche 
Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schlufi von 
>Hiob< berichtet werden? Soil mein Sohn Schemarjah aus dem Massen- 
grab in Frankreich auferstehn? Soil mein Sohn Jonas aus seiner Ver- 
schollenheit lebendig werden? Soil meine Tochter Mirjam plotzlich ge- 
sund aus der Irrenanstalt heimkehren? Und wenn sie heimkehrt, wird 
sie da noch einen Mann finden und ruhig weiterleben konnen wie eine, 
die niemals verrikkt gewesen ist? Soil mein Weib Deborah sich aus 
dem Grab erheben, noch ist es feucht? Soil mein Sohn Menuchim mit- 
ten im Krieg aus Rufiland hierherkommen, gesetzt den Fall, dafi er 
noch lebt? Denn es ist nicht richtig«, und hier wandte sich Mendel 
wieder Rottenberg zu, »dafi ich Menuchim boswillig zuriickgelassen 
habe und um ihn zu strafen. Aus andern Griinden, meiner Tochter 
wegen, die angefangen hatte, sich mit Kosaken abzugeben - mit Kosa- 
ken!-, mufiten wir fort. Und warum war Menuchim krank? Schon 
seine Krankheit war ein Zeichen, dafi Gott mir zurnt - und der erste 
der Schlage, die ich nicht verdient habe.« 

»Obwohl Gott alles kann«, begann der Bedachtigste von alien, Men- 
kes, »so ist doch anzunehmen, dafi er die ganz grofien Wunder nicht 
mehr tut, weil die Welt ihrer nicht mehr wert ist. Und wollte Gott 
sogar bei dir eine Ausnahme machen, so stiinden dem die Siinden der 
andern entgegen. Denn die andern sind nicht wiirdig, ein Wunder bei 
einem Gerechten zu sehn, und deshalb mufite Lot auswandern, und 
Sodom und Gomorra gingen zugrunde und sahen nicht das Wunder an 
Lot. Heute aber ist die Welt iiberall bewohnt - und selbst, wenn du 
auswanderst, werden die Zeitungen berichten, was mit dir geschehen 
ist. Also mufi Gott heutzutage nur mafiige Wunder vollbringen. Aber 
sie sind grofi genug, gelobt sei sein Name! Deine Frau Deborah kann 
nicht lebendig werden, dein Sohn Schemarjah kann nicht lebendig 
werden. Aber Menuchim lebt wahrscheinlich, und nach dem Krieg 
kannst du ihn sehn. Dein Sohn Jonas ist vielleicht in Kriegsgefangen- 
schaft, und nach dem Krieg kannst du ihn sehn. Deine Tochter kann 
gesund werden, die Verwirrung wird von ihr genommen werden, 
schoner kann sie sein als zuvor, und einen Mann wird sie bekommen, 
und sie wird dir Enkel gebaren. Und einen Enkel hast du, den Sohn 



HIOB IO5 

Schemarjahs. Nimm deine Liebe zusammen, die du bis jetzt fiir alle 
Kinder hattest, fiir diesen einen Enkel! Und du wirst getrostet wer- 
den.« 

»Zwischen mir und meinem Enkel«, erwiderte Mendel, »ist das Band 
zerrissen, denn Schemarjah ist tot, mein Sohn und der Vater meines 
Enkels. Meine Schwiegertochter Vega wird einen andern Mann heira- 
ten, mein Enkel wird einen neuen Vater haben, dessen Vater ich nicht 
bin. Das Haus meines Sohnes ist nicht mein Haus. Ich habe dort nichts 
zu suchen. Meine Anwesenheit bringt Ungliick, und meine Liebe zieht 
den Fluch herab wie ein einsamer Baum im flachen Felde den Blitz. 
Was aber Mirjam betrifft, so hat mir der Doktor selbst gesagt, daft die 
Medizin ihre Krankheit nicht heilen kann. Jonas ist wahrscheinlich ge- 
storben, und Menuchim war krank, auch wenn es ihm besserging. Mit- 
ten in Rufiland, in einem so gefahrlichen Krieg,' wird er bestimmt zu- 
grunde gegangen sein. Nein, meine Freunde! Ich bin allein, und ich 
will allein sein. Alle Jahre habe ich Gott geliebt, und er hat mich ge- 
hafit. Alle Jahre nab' ich ihn gefurchtet, jetzt kann er mir nichts mehr 
machen. Alle Pfeile aus seinem Kocher haben mich schon getroffen. Er 
kann mich nur noch toten. Aber dazu ist er zu grausam. Ich werde 
leben, leben, leben. « 

»Aber seine Macht«, wandte Groschel ein, »ist in dieser Welt und in 
der andern. Wehe dir, Mendel, wenn du tot bist!« 
Da lachte Mendel aus voller Brust und sagte: »Ich habe keine Angst 
vor der Holle, meine Haut ist schon verbrannt, meine Glieder sind 
schon gelahmt, und die bosen Geister sind meine Freunde. Alle Qua- 
len der Holle habe ich schon gelitten. Giitiger als Gott ist der Teufel. 
Da er nicht so machtig ist, kann er nicht so grausam sein. Ich habe 
keine Angst, meine Freunde !« 

Da verstummten die Freunde. Aber sie wollten Mendel nicht allein 
lassen, und also blieben sie schweigend sitzen. Groschel, der jiingste, 
ging hinunter, die Frauen der andern und seine eigene zu verstandigen, 
dafi die Manner heute abend nicht nach Hause kommen wiirden. Er 
holte noch fiinf Juden in Mendel Singers Wohnung, damit sie zehn 
seien und das Abendgebet sagen konnen. Sie begannen zu beten. Aber 
Mendel Singer beteiligte sich nicht am Gebet. Er saft auf dem Bett und 
riihrte sich nicht. Selbst das Totengebet sagte er nicht - und Menkes 
sagte es fiir ihn. Die fremden fiinf Manner verlieften das Haus. Aber 
die vier Freunde blieben die ganze Nacht. Eine der beiden blauen 



106 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Lampen brannte noch mit dem letzten Dochtrest und dem letzten 
Tropfen Ol auf dem flachen Grunde. Es war still. Der und jener schlief 
auf seinem Sitz ein, schnarchte und erwachte, von seinen eigenen Ge- 
rauschen gestort, und nickte wieder ein. 

Nur Mendel schlief nicht. Die Augen weit of fen, sah er auf das Fen- 
ster, hinter dem die dichte Schwarze der Nacht endlich schutter zu 
werden begann, dann grau, dann weifilich. Sechs Schlage erklangen aus 
dem Innern der Uhr. Da erwachten die Freunde, einer nach dem an- 
dern. Und ohne dafi sie sich verabredet hatten, ergriffen sie Mendel bei 
den Armen und fuhrten ihn hinunter. Sie brachten ihn in die Hinter- 
stube der Skowronneks und betteten ihn auf ein Sofa. 
Hier schlief er ein. 



XIV 



Seit diesem Morgen blieb Mendel Singer bei den Skowronneks. Seine 
Freunde verkauften die kummerliche Einrichtung. Sie liefien nur das 
Bettzeug zuriick und den rotsamtenen Sack mit den Gebetutensilien, 
die Mendel beinahe verbrannt hatte. Den Sack riihrte Mendel nicht 
mehr an. In der Hinterstube der Skowronneks hing er grau und ver- 
staubt an einem machtigen Nagel. Mendel Singer betete nicht mehr. 
Wohl wurde er manchmal gebraucht, wenn ein zehnter Mann fehlte, 
um die vorgeschriebene Zahl der Betenden vollzahlig zu machen. 
Dann liefi er sich seine Anwesenheit bezahlen. Manchmal lieh er auch 
dem und jenem seine Gebetriemen aus, gegen ein kleines Entgelt. Man 
erzahlte sich von ihm, daft er oft in das italienische Viertel hiniiberging, 
um Schweinefleisch zu essen und Gott zu argern. Die Menschen, in 
deren Mitte er lebte, nahmen fiir Mendel Partei in dem Kampf, den er 
gegen den Himmel fuhrte. Obwohl sie glaubig waren, mufken sie dem 
Juden recht geben. Zu hart war Jehovah mit ihm umgegangen. 
Noch war Krieg in der Welt. Aufier Sam, Mendels Sohn, lebten alle 
Angehorigen des Viertels, die ins Feld gegangen waren. Der junge 
Lemmel war Offizier geworden und hatte gliicklicherweise die linke 
Hand verloren. Er kam in Urlaub und war der Held des Viertels. Allen 
Juden verlieh er die Heimatberechtigung in Amerika. Er blieb nur 
noch in der Etappe, um frischen Truppen den letzten Schliff zu geben. 
So grofi auch der Unterschied zwischen dem jungen Lemmel und dem 



HIOB 107 

alten Singer war, die Juden des Viertels stellten beide in eine gewisse 
Nachbarschaft. Es war, als glaubten die Juden, dafi Mendel und Lem- 
mel das ganze Ausmafi des Ungliicks, das alien zugedacht gewesen, 
untereinander aufgeteilt hatten. Und mehr als nur eine linke Hand 
hatte Mendel verloren! Kampfte Lemmel gegen die Deutschen, so 
kampfte Mendel gegen iiberirdische Gewalten. Und obwohl sie iiber- 
zeugt waren, dafi der Alte nicht mehr iiber seinen ganzen Verstand zu 
verfiigen imstande war, konnten die Juden doch nicht umhin, Bewun- 
derung in ihr Mitleid zu mischen und die Andacht vor der Heiligkeit 
des Wahns. Ohne Zweifel ein Auserkorener war Mendel Singer. Als 
erbarmungswiirdiger Zeuge fur die grausame Gewalt Jehovahs lebte er 
in der Mitte der andern, deren muhseligen Wochentag kein Schrecken 
storte. Lange Jahre hatte er wie sie alle seine Tage gelebt, von wenigen 
beachtet, von manchen gar nicht bemerkt. Eines Tages ward er ausge- 
zeichnet in einer furchterlichen Weise. Es gab keinen mehr, der ihn 
nicht kannte. Den grofiten Teil des Tages hielt er sich in der Gasse auf. 
Es war, als gehorte es zu seinem Fluch, nicht nur ein Unheil sonder 
Beispiel zu leiden, sondern auch das Zeichen des Leids wie ein Banner 
zu tragen. Und wie ein Wachter seiner eigenen Schmerzen ging er auf 
und ab in der Mitte der Gasse, von alien gegriifit, von manchen mit 
kleinen Miinzen beschenkt, von vielen angesprochen. Fur die Almosen 
dankte er nicht, die Griifte erwiderte er kaum, und Fragen beantwor- 
tete er mit Ja oder Nein. Friih am Morgen erhob er sich. In die Hinter- 
stube der Skowronneks kam kein Licht, sie hatte keine Fenster. Er 
fuhlte nur den Morgen durch die Laden, einen weiten Weg hatte der 
Morgen, ehe er zu Mendel Singer gelangte. Regten sich die ersten Ge- 
rausche in den Straften, begann Singer den Tag. Im Spirituskocher sie- 
dete der Tee. Er trank ihn zu einem Brot und einem harten Ei. Er warf 
einen schuchternen, aber bosen Blick auf den Sack mit den heiligen 
Gegenstanden an der Wand, im dunkelblauen Schatten sah das Sack- 
chen aus wie ein noch dunklerer Auswuchs des Schattens. Ich bete 
nicht! sagte sich Mendel. Aber es tat ihm weh, dafi er nicht betete. Sein 
Zorn schmerzte ihn und die Machtlosigkeit dieses Zorns. Obwohl 
Mendel mit Gott bose war, herrschte Gott noch iiber die Welt. Der 
Hafi konnte ihn ebensowenig fassen wie die Frommigkeit. 
Erfiillt von solchen und ahnlichen Uberlegungen, begann Mendel sei- 
nen Tag. Fruher, er erinnerte sich, war sein Erwachen leicht gewesen, 
die frohe Erwartung des Gebetes hatte ihn geweckt und die Lust, die 



108 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

bewufite Nahe zu Gott zu erneuern. Aus der wohligen Warme des 
Schlafes war er eingetreten in den noch heimlicheren, noch trauteren 
Glanz des Gebets wie in einen prachtigen und doch gewohnten Saal, in 
dem der machtige und dennoch lachelnde Vater wohnte. »Guten Mor- 
gen, Vater !« hatte Mendel Singer gesagt - und geglaubt, eine Antwort 
zu horen. Ein Trug war es gewesen. Der Saal war prachtig und kalt, 
der Vater war machtig und bose. Keine andern Laute kamen iiber seine 
Lippen als Donner. 

Mendel Singer sperrte den Laden auf, legte die Notenblatter, die Ge- 
sangstexte, die Grammophonplatten in das schmale Schaufenster und 
zog mit einer langen Stange den eisernen Rolladen hoch. Dann nahm 
er einen Mund voll Wasser, besprengte den Fufiboden, ergriff den Be- 
sen und fegte den Schmutz des vergangenen Tages zusammen. Auf 
einer kleinen Schaufel trug er die Papierschnitzel zum Herd und 
machte ein Feuer und verbrannte sie. Dann ging er hinaus, kaufte ein 
paar Zeitungen und brachte sie einigen Nachbarn in die Hauser. Er 
begegnete den Milchjungen und den friihen Backern, begriifke sie und 
ging wieder »ins Geschaft«. Bald kamen die Skowronneks. Sie Schick - 
ten ihn dies und jenes besorgen. Den ganzen Tag hiefi es: »Mendel, 
iauf hinaus und kauf einen Hering!«, »Mendel, die Rosinen sind noch 
nicht eingelegt!«, »Mendel, du hast die Wasche vergessen!«, »Mendel, 
die Leiter ist zerbrochen!«, »In der Laterne fehlt eine Scheibe!« »Wo 
ist der Korkenzieher?« Und Mendel lief hinaus und kaufte einen He- 
ring und legte die Rosinen ein und holte die Wasche und richtete die 
Leiter und trug die Laterne zum Glasermeister und fand den Korken- 
zieher. Die Nachbarinnen holten ihn manchmal, damit er die kleinen 
Kinder bewachte, wenn ein Kino das Programm geandert hatte oder 
ein neues Theater gekommen war. Und Mendel safi bei den fremden 
Kindern, und wie er einmal zu Hause mit einem leichten und zartli- 
chen Finger den Korb Menuchims ins Schaukeln gebracht hatte, so 
schaukelte er jetzt mit einer leichten und zartlichen Fuftspitze die Wie- 
gen fremder Sauglinge, deren Namen er nicht wufite. Er sang dazu ein 
altes Lied, ein sehr altes Lied: »Sprich mir nach, Menuchim: >Am An- 
fang schuf Gott Himmel und Erde<, sprich es mir nach, Menuchim! « 
Es war im Monat Elul, und die hohen Feiertage brachen an. Alle Juden 
des Viertels wollten ein provisorisches Bethaus in Skowronneks Hin- 
terstube einrichten. (Denn in die Synagoge gingen sie nicht gern.) 
»Mendel, in deinem Zimmer wird man beten!« sagte Skowronnek. 



HIOB 109 

»Was sagst du dazu?« »Man soil beten!« erwiderte Mendel. Und er sah 
zu, wie sich die Juden versammelten, die groften gelben Wachskerzen 
anziindeten, mit den uberhangenden Dochtbiischeln. Er selbst half je- 
dem Kaufmann die Rolladen herunterlassen und die Turen schliefien. 
Er sah, wie sie alle die weifien Kittel iiberzogen, daft sie aussahen wie 
Leichen, die noch einmal auferstanden sind, urn Gott zu loben. Sie 
zogen die Schuhe aus und standen in Socken. Sie fielen in die Knie und 
erhoben sich, die grofien, goldgelben Wachskerzen und die blutenwei- 
fien aus Stearin bogen sich und tropften auf die Gebetmantel heifie 
Tranen, die im Nu verkrusteten. Die weiften Juden selbst bogen sich 
wie die Kerzen, und auch ihre Tranen fielen auf den Fufiboden und 
vertrockneten. Aber Mendel Singer stand schwarz und stumm, in sei- 
nem Alltagsgewand, im Hintergrund, in der Nahe der Tur und be- 
wegte sich nicht. Seine Lippen waren verschlossen und sein Herz ein 
Stein. Der Gesang des Kol Nidre erhob sich wie ein heifier Wind. 
Mendel Singers Lippen blieben verschlossen und sein Herz ein Stein. 
Schwarz und stumm, in seinem Alltagsgewand, hielt er sich im Hinter- 
grund, in der Nahe der Tur. Niemand beachtete ihn. Die Juden be- 
miihten sich, ihn nicht zu sehen. Ein Fremder war er unter ihnen. Der 
und jener dachte an ihn und betete fiir ihn. Mendel Singer aber stand 
aufrecht an der Tur und war bose auf Gott. Sie beten alle, weil sie sich 
fiirchten, dachte er. Ich aber fiirchte mich nicht. Ich fiirchte mich 
nicht! 

Nachdem alle gegangen waren, legte sich Mendel Singer auf sein hartes 
Sofa. Es war noch warm von den Korpern der Beter. Vierzig Kerzen 
brannten noch im Zimmer. Sie auszuloschen, wagte er nicht, sie liefien 
ihn nicht einschlafen. So lag er wach, die ganze Nacht. Er dachte sich 
Lasterungen sondergleichen aus. Er stellte sich vor, dafi er jetzt hinaus- 
ging, ins italienische Viertel, Schweinefleisch in einem Restaurant 
kaufte und zuriickkehrte, um es hier, in der Gesellschaft der schweig- 
sam brennenden Kerzen, zu verzehren. Wohl kniipfte er sein Taschen- 
tuch auf, wohl zahlte er die Miinzen, die er besafl, aber er verliefi das 
Zimmer nicht und aft nichts. Er lag angekleidet mit grofkn, wachen 
Augen auf dem Sofa und murmelte: »Aus, aus, aus ist es mit Mendel 
Singer! Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, er hat kein Weib, er 
hat kein Geld, er hat kein Haus, er hat keinen Gott! Aus, aus, aus ist es 
mit Mendel Singer !« Die goldenen und die blaulichen Flammen der 
Kerzen erzitterten leise. Die heiften, wachsernen Tranen tropften mit 



110 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

harten Schlagen auf die Leuchterplatten, auf den gelben Sand in den 
messingenen Morsern, auf das dunkelgriine Glas der Flaschen. Der 
heifie Atem der Beter lebte noch im Zimmer. Auf den provisorischen 
Stuhlen, die man fur sie aufgestellt hatte, lagen noch ihre weiflen Ge- 
betmantel und warteten auf den Morgen und auf die Fortsetzung des 
Gebets. Es roch nach Wachs und verkohlenden Dochten. Mendel ver- 
liefi die Stube, offnete den Laden, trat ins Freie. Es war eine klare, 
herbstliche Nacht. Kein Mensch zeigte sich. Mendel ging auf und ab 
vor dem Laden. Die breiten, langsamen Schritte des Polizisten erklan- 
gen. Da kehrte Mendel in den Laden zuriick. Immer noch ging er Uni- 
formierten aus dem Weg. 

Die Zeit der Feiertage war voriiber, der Herbst kam, der Regen sang. 
Mendel kaufte Heringe, fegte den Fufiboden, holte die Wasche, rich- 
tete die Leiter, suchte den Korkenzieher, legte die Rosinen ein, ging 
auf und ab durch die Mitte der Gasse. Fur Almosen dankte er kaum, 
Griifie erwiderte er nicht, Fragen beantwortete er mit Ja oder Nein. 
Am Nachmittag, wenn sich die Leute versammelten, um Politik zu 
reden und aus den Zeitungen vorzulesen, legte sich Mendel auf das 
Sofa und schlief. Die Reden der andern weckten ihn nicht. Der Krieg 
ging ihn gar nichts an. Die neuesten Platten sangen ihn in den Schlaf. 
Er erwachte erst, wenn es still geworden war und alle verschwanden. 
Dann sprach er noch eine Weile mit dem alten Skowronnek. 
»Deine Schwiegertochter heiratet«, sagte Skowronnek einmal. 
»Ganz recht!« erwiderte Mendel. 
»Aber sie heiratet Mac!« 
»Das nab' ich ihr geraten!« 
»Das Geschaft geht gut!« 
»Es ist nicht mein Geschaft. « 

»Mac hat uns wissen lassen, dafi er dir Geld geben will!« 
»Ich will kein GeldU 
»Gute Nacht, Mendel !« 
»Gute Nacht, Skowronnek !« 

Die schrecklichen Neuigkeiten flammten auf in den Zeitungen, die 
Mendel jeden Morgen zu kaufen pf legte. Sie flammten auf, er vernahm 
wider Willen ihren fernen Widerschein, er wollte nichts von ihnen wis- 
sen. Uber Rutland regierte kein Zar mehr. Gut, mochte der Zar nicht 
mehr regieren. Von Jonas und Menuchim wufken sie jedenfalls nichts 
zu melden, die Zeitungen. Man wettete bei Skowronnek, daft der Krieg 



HIOB III 

in einem Monat zu Ende sein wurde. Gut, mochte der Krieg zu Ende 
gehn. Schemarjah kehrte nicht zuriick. Die Leitung der Irrenanstalt 
schrieb, dafi Mirjams Zustand sich nicht gebessert habe. Vega schickte 
den Brief ein, Skowronnek las ihn Mendel vor. »Gut«, sagte Mendel, 
»Mirjam wird nicht mehr gesund werden!« 

Sein alter, schwarzer Kaftan schimmerte grim an den Schultern, und 
wie eine winzige Zeichnung der Wirbelsaule wurde, den ganzen Riik- 
ken entlang, die Naht sichtbar. Mendels Gestalt wurde kleiner und 
kleiner. Die SchoEe seines Rockes wurden langer und langer und be- 
riihrten, wenn Mendel ging, nicht mehr die Schafte der Stiefel, sondern 
fast schon die Knochel. Der Bart, der friiher nur die Brust bedeckt 
hatte, reichte bis zu den letzten Knopfen des Kaftans. Der Schirm der 
Miitze aus schwarzem, nunmehr griinlichem Rips war weich und 
dehnbar geworden und hing schlaff iiber Mendel Singers Augen, einem 
Lappen nicht unahnlich. In den Taschen trug Mendel Singer viele Sa- 
chen; Packchen, um die man ihn geschickt hatte, Zeitungen, verschie- 
dene Werkzeuge, mit denen er die schadhaften Gegenstande bei Sko- 
wronneks reparierte, Knauel bunter Bindfaden, Packpapier und Brot. 
Diese Gewichte beugten den Riicken Mendels noch defer, und weil die 
rechte Tasche gewohnlich schwerer war als die linke, zog sie auch die 
rechte Schulter des Alten hinunter. Also ging er schief und gekriimmt 
durch die Gasse, ein baufalliger Mensch, die Knie geknickt und mit 
schlurfenden Sohlen. Die Neuigkeiten der Welt und die Wochentage 
und Feste der andern rollten an ihm vorbei wie Wagen zu einem alten, 
abseitigen Haus. 

Eines Tages war der Krieg wirklich zu Ende. Das Viertel war leer. 
Die Menschen waren fortgegangen, die Friedensfeiern zu sehen und 
die Heimkehr der Regimenter. Viele hatten Mendel aufgetragen, auf 
die Hauser zu achten. Er ging von einer Wohnung zur andern, 
priifte die Klinken und Schlosser und kehrte heim in den Laden. 
Aus einer unermefilichen Feme glaubte er das festliche Gedrohn der 
freudigen Welt zu horen, das Knallen der Feuerwerke und das Ge- 
lachter Zehntausender Menschen. Ein kleiner, stiller Friede kam 
iiber ihn. Seine Finger kraulten den Bart, seine Lippen verzogen sich 
zu einem Lacheln, ja, sogar ein winziges Kichern kam in kurzen 
Stolen aus seiner Kehle. »Mendel wird sich auch ein Fest machen«, 
flusterte er, und zum erstenmal ging er an einen der braunen Gram- 
mophonkasten. Er hatte schon gesehen, wie man das Instrument 



112 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

aufdrehte. »Eine Platte, eine Platte !« sagte er. Heute vormittag war 
ein heimgekehrter Soldat dagewesen und hatte ein halbes Dutzend 
Platten gebracht, neue Lieder aus Europa. Mendel packte die oberste 
aus, legte sie behutsam auf das Instrument, dachte eine Weile nach, 
um sich genau an die Hantierung zu erinnern, und setzte endlich die 
Nadel auf. Es rausperte sich der Apparat. Dann erklang das Lied. Es 
war Abend, Mendel stand im Finstern neben dem Grammophon und 
lauschte. Jeden Tag hatte er hier Lieder gehort, lustige und traurige, 
langsame und hurtige, dunkle und helle. Aber niemals war ein Lied 
wie dieses hier gewesen. Es rann wie ein kleines Wasserchen und 
murmelte sachte, wurde grofi wie das Meer und rauschte. Die ganze 
Welt hore ich jetzt, dachte Mendel. Wie ist es moglich, dafi die ganze 
Welt auf so einer kleinen Platte eingraviert ist? Als sich eine kleine, 
silberne Flote einmischte und von nun an die samtenen Geigen nicht 
mehr verlieE und wie ein getreuer, schmaler Saum umrandete, begann 
Mendel zum erstenmal seit langer Zeit zu weinen. Da war das Lied 
zu Ende. Er drehte es noch einmal auf und zum drittenmal. Er sang 
es schliefilich mit seiner heiseren Stimme nach und trommelte mit za- 
gen Fingern auf das Gestell des Kastens. 

So traf ihn der heimkehrende Skowronnek. Er stellte das Grammo- 
phon ab und sagte: »Mendel, zunde die Lampe an! Was spielst du 
hier?« Mendel ziindete die Lampe an. »Sieh nach, Skowronnek, wie 
das Liedchen heifit.« »Das sind die neuen Platten«, sagte Skowronnek. 
»Heute habe ich sie gekauft. Das Lied heifit« - Skowronnek zog die 
Brille an, hielt die Platte unter die Lampe und las: »Das Lied heilk 
>Menuchims Lied<.« 

Mendel wurde plotzlich schwach. Er mufite sich setzen. Er starrte auf 
die spiegelnde Platte in Skowronneks Handen. 
»Ich weifi, woran du denkst«, sagte Skowronnek. 
»Ja«, antwortete Mendel. 

Skowronnek drehte noch einmal die Kurbel. »Ein schones Lied«, sagte 
Skowronnek, legte den Kopf auf die linke Schulter und horchte. All- 
mahlich fiillte sich der Laden mit den verspateten Nachbarn. Keiner 
sprach. Alle horten das Lied und wiegten im Takt die Kopfe. 
Und sie horten es sechzehnmal, bis sie es auswendig konnten. 
Mendel blieb allein im Laden. Er versperrte sorgfaltig die Tiir von in- 
nen, raumte das Schaufenster aus, begann sich auszuziehen. Jeden sei- 
ner Schritte begleitete das Lied. Wahrend er einschlief, schien es ihm, 



HIOB 113 

daft sich die blaue und silberne Melodie mit dem klaglichen Wimmern 
verbinde, mit Menuchims, seines eigenen Menuchims, einzigem, langst 
nicht mehr gehortem Lied. 



XV 

Langer wurden die Tage. Die Morgen enthielten schon so viel Hellig- 
keit, dafi sie sogar durch den geschlossenen Rolladen in das fensterlose 
Hinterzimmer Mendels einbrechen konnten. Im April erwachte die 
Gasse eine gute Stunde friiher. Mendel ziindete den Spirituskocher an, 
stellte den Tee auf, fiillte das kleine, blaue Waschbecken, tauchte sein 
Gesicht in die Schiissel, trocknete sich mit einem Zipfel des Hand- 
tuchs, das an der Tiirklinke hing, offnete den Rolladen, nahm einen 
Mund voll Wasser, bespuckte sorgfaltig die Diele und betrachtete die 
verschlungenen Ornamente, die der helle, aus seinen Lippen gespritzte 
Strahl auf den Staub zeichnete. Schon zischte der Spirituskocher; noch 
hatte es nicht einmal sechs geschlagen. Mendel trat vor die Tur. Da 
offneten sich die Fenster in der Gasse wie von selbst. Es war Fruhling. 
Es war Fruhling. O stern bereitete man vor, in alien Hausern half Men- 
del. Den Hobel legte er an die hblzernen Tischplatten, urn sie zu sau- 
bern von den profanen Nahrungsresten des ganzen Jahres. Die runden, 
zylinderformigen Pakete, in denen das Osterbrot geschichtet lag in 
karminrotem Papier, stellte er auf die weiflen Facher der Schaufenster, 
und die Weine aus Palastina befreite er von dem Spinngewebe, unter 
dem sie in den kiihlen Kellern geruht hatten. Die Betten der Nachbarn 
nahm er auseinander und trug Stuck um Stuck in die Hofe, wo die 
linde Aprilsonne das Ungeziefer hervorlockte und der Vernichtung 
durch Benzin, Terpentin und Petroleum anheimgab. In rosa und him- 
melblaues Zierpapier schnitt er mit der Schere runde und winklige L6- 
cher und Fransen und befestigte es mit Reiftnageln an den Kiichenge- 
stellen, als kunstvollen Belag fur das Geschirr. Die Fasser und Bottiche 
fiillte er mit heifiem Wasser, grofte, eiserne Kugeln hielt er an holzer- 
nen Stangen ins Herdfeuer, bis sie gluhten. Dann tauchte er die Kugeln 
in die Bottiche und Fasser, das Wasser zischte, gereinigt waren die 
Gefafie, wie die Vorschrift es befahl. In riesengroften Morsern zer- 
stampfte er die Osterbrote zu Mehl, schiittete es in saubere Sacke und 
umschmirte sie mit blauen Bandchen. All das hatte er einmal im eige- 
nen Hause gemacht. Langsamer als in Amerika war dort Fruhling ge- 



114 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

kommen. Mendel erinnerte sich an den alternden, grauen Schnee, der 
das holzerne Pflaster des Biirgersteigs in Zuchnow um diese Jahreszeit 
saumte, an die kristallenen Eiszapfen am Rande der Spundlocher, an 
die plotzlichen, sanften Regen, die in den Dachrinnen sangen, die 
ganze Nacht, an die fernen Donner, die hinter dem Fohrenwald dahin- 
rollten, an den weifien Reif, der jeden hellblauen Morgen zartlich be- 
deckte, an Menuchim, den Mirjam in eine geraumige Tonne gesteckt 
hatte, um ihn aus dem Wege zu raumen, und an die Hoffnung, dafi 
endlich, endlich in diesem Jahre der Messias kommen werde. Er kam 
nicht. Er kommt nicht, dachte Mendel, er wird nicht kommen. Andere 
mochten ihn erwarten. Mendel wartete nicht. 

Dennoch erschien Mendel seinen Freunden wie den Nachbarn in die- 
sem Fruhling verandert. Sie beobachteten manchmal, dafi er ein Lied 
summte, und sie erhaschten ein sanftes Lacheln unter seinem weifien 
Bart. 

»Er wird kindisch, er ist schon alt«, sagte Groschel. 
»Er hat alles vergessen«, sagte Rottenberg. 
»Es ist eine Freude vor dem Tod«, meinte Menkes. 
Skowronnek, der ihn am besten kannte, schwieg. Nur einmal, an 
einem Abend, vor dem Schlafengehen, sagte er zu seiner Frau: »Seit- 
dem die neuen Platten gekommen sind, ist unser Mendel ein anderer 
Mensch. Ich ertappe ihn manchmal, wie er selbst ein Grammophon 
aufzieht. Was meinst du dazu?« 

»Ich meine dazu«, erwiderte ungeduldig die Frau Skowronnek, »dafi 
Mendel alt und kindisch wird und bald gar nicht zu gebrauchen.« Sie 
war schon seit geraumer Zeit mit Mendel unzufrieden. Je alter er 
wurde, desto geringer wurde ihr Mitleid fur ihn. Allmahlich vergafi sie 
auch, dafi Mendel ein wohlhabender Mann gewesen war, und ihr Mit- 
gefuhl, das sich von ihrem Respekt genahrt hatte (denn ihr Herz war 
klein), starb dahin. Sie nannte ihn auch nicht mehr wie am Anfang 
Mister Singer, sondern einfach Mendel wie bald alle Welt. Und hatte 
sie ihm friiher Auftrage mit jener gewissen Zuriickhaltung erteilt, die 
beweisen sollte, dafi seine Folgsamkeit sie ehrte und beschamte zu- 
gleich, so fing sie jetzt an, ihn dermafien ungeduldig zu befehligen, dafi 
ihre Unzufriedenheit mit seinem Gehorsam schon von vornherein 
sichtbar wurde. Obwohl Mendel nicht schwerhorig war, erhob Frau 
Skowronnek die Stimme, um mit ihm zu sprechen, als furchtete sie, 
mifiverstanden zu werden, und als wollte sie durch ihr Schreien bewei- 



HIOB 115 

sen, dafi Mendel ihre Befehle falsch ausfuhrte, weil sie in ihrer ge- 
wohnten Stimmlage zu ihm gesprochen hatte. Ihr Schreien war eine 
Vorsichtsmafiregel; das einzige, was Mendel krankte. Denn er, der 
vom Himmel so erniedrigt war, machte sich wenig aus dem gutmiiti- 
gen und leichtfertigen Spott der Menschen, und nur wenn man seine 
Fahigkeit zu verstehen anzweifelte, war er beleidigt. »Mendel, sputet 
Euch«, so begann jeder Auftrag der Frau Skowronnek. Er machte sie 
ungeduldig, er schien ihr zu langsam. »Schreien Sie nicht so«, erwi- 
derte Mendel gelegentHch, »ich hore Sie schon.« »Aber Sie eilen sich 
nicht, Sie haben 2eit!« »Ich habe weniger Zeit als Sie, Frau Skowron- 
nek, so wahr ich alter bin als Sie!« Frau Skowronnek, die den Neben- 
sinn der Antwort und die Zurechtweisung nicht sofort begriff und sich 
verspottet wahnte, wandte sich sofort an den nachststehenden Men- 
schen im Laden: »Nun, was sagen Sie dazu? Er wird alt! Unser Mendel 
wird alt!« Sie hatte ihm gerne noch ganz andere Eigenschaften nachge- 
sagt, aber sie begniigte sich mit der Erwahnung des Alters, das sie fur 
ein Laster hielt. Wenn Skowronnek derlei Reden horte, sagte er zu 
seiner Frau: »Alt werden wir alle! Ich bin genauso alt wie Mendel - 
und du wirst auch nicht jiinger!« »Du kannst ja eine Junge heiraten«, 
sagte Frau Skowronnek. Sie war glucklich, dafi sie endlich einen ge- 
brauchsfertigen Anlaft zu einem ehelichen Zwist hatte. Und Mendel, 
der die Entwicklung dieser Streitigkeiten kannte und von vornherein 
begriff, daE sich der Zorn der Frau Skowronnek schlieftlich gegen ih- 
ren Mann und seinen Freund entladen wurde, zitterte um seine 
Freundschaft. 

Heute war Frau Skowronnek aus einem besondern Grund gegen Men- 
del Singer eingenommen. »Stell dir vor«, sagte sie zu ihrem Mann, »seit 
einigen Tagen ist mein Hackmesser verschwunden. Ich kann schwo- 
ren, dafi Mendel es genommen hat. Frage ich ihn aber, so weift er 
nichts davon. Er wird alt und alter, er ist wie ein Kind!« 
In der Tat hatte Mendel Singer das Hackmesser der Frau Skowronnek 
an sich genommen und versteckt. Er bereitete schon seit langem im 
geheimen einen groften Plan vor, den letzten seines Lebens. Eines 
Abends glaubte er, ihn ausfiihren zu konnen. Er tat, als nickte er auf 
dem Sofa ein, wahrend die Nachbarn sich bei Skowronnek unterhiel- 
ten. In Wirklichkeit aber schlief Mendel keineswegs. Er lauerte und 
lauschte mit geschlossenen Lidern, bis sich der letzte entfernt hatte. 
Dann zog er unter dem Kopfpolster des Sofas das Hackmesser hervor, 



Il6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

steckte es unter den Kaftan und huschte in die abendliche Gasse. Die 
Laternen waren noch nicht entziindet, aus manchen Fenstern drang 
schon gelbes Lampenlicht. Gegeniiber dem Hause, in dem er mit De- 
borah gewohnt hatte, stellte sich Mendel Singer auf und spahte nach 
den Fenstern seiner fruheren Wohnung. Dort lebte jetzt das junge 
Ehepaar Frisch, unten hatte es einen modernen Eiscreme-Salon eroff- 
net. Jetzt traten die jungen Leute aus dem Haus. Sie schlossen den 
Salon. Sie gingen ins Konzert. Sparsam waren sie, geizig konnte man 
sagen, fleifiig, und Musik liebten sie. Der Vater des jungen Frisch hatte 
in Kowno eine Hochzeitskapelle dirigiert. Heute konzertierte ein phil- 
harmonisches Orchester, eben aus Europa gekommen. Frisch sprach 
schon seit Tagen davon. Nun gingen sie. Sie sahen Mendel nicht. Er 
schlich sich hinuber, trat ins Haus, tastete sich das altgewohnte Gelan- 
der empor und zog alle Schliissel aus der Tasche. Er bekam sie von den 
Nachbarn, die ihm die Bewachung ihrer Wohnungen iibertrugen, 
wenn sie ins Kino gingen. Ohne Miihe offnete er die Tiir. Er schob den 
Riegel vor, legte sich platt auf den Boden und begann, ein Dielenbrett 
nach dem andern zu beklopfen. Es dauerte sehr lange. Er wurde mlide, 
gonnte sich ein kleine Pause und arbeitete dann weiter. Endlich tonte 
es hohl, just an der Stelle, an der einmal das Bett Deborahs gestanden 
war. Mendel entfernte den Schmutz aus den Fugen, lockerte das Brett 
mit dem Hackmesser an alien vier Randern und stemmte es hoch. Er 
hatte sich nicht getauscht, er fand, was er suchte. Er ergriff das stark 
verknotete Taschentuch, barg es im Kaftan, legte das Brett wieder hin 
und entfernte sich lautlos. Niemand war im Treppenflur, kein Mensch 
hatte ihn gesehn. Friiher als gewohnlich sperrte er heute den Laden, 
liefi er die Rollbalken nieder. Er entziindete die grofie Hangelampe, 
den Rundbrenner, und setzte sich in ihren Lichtkegel. Er entknotete 
das Taschentuch und zahlte seinen Inhalt. Siebenundsechzig Dollar in 
Miinzen und Papier hatte Deborah gespart. Es war viel, aber es ge- 
niigte nicht und enttauschte Mendel. Legte er seine eigenen Erspar- 
nisse hinzu, die Almosen und kleinen Vergutungen fur seine Arbeiten 
in den Hausern, so waren es genau sechsundneunzig Dollar. Sie reich- 
ten nicht. Also noch ein paar Monate! fliisterte Mendel. Ich habe Zeit. 
Ja, er hatte Zeit, ziemlich lange noch mufite er leben! Vor ihm lag der 
grofie Ozean. Noch einmal mufke er ihn iiberqueren. Das ganze grofte 
Meer wartete auf Mendel. Ganz Zuchnow und Umgebung warten auf 
ihn: die Kaserne, der Fohrenwald, die Frosche in den Siimpfen und die 



HIOB 117 

Grillen auf den Feldern. 1st Menuchim tot, so liegt er auf dem kleinen 
Friedhof und wartet. Auch Mendel wird sich hinlegen. In Sameschkins 
Gehoft wird er vorher eintreten, keine Angst mehr wird er vor den 
Hunden haben, gebt ihm einen Wolf aus Zuchnow, und er fiirchtet 
sich nicht. Ungeachtet der Kafer und der Wiirmer, der Laubfrosche 
und der Heuschrecken wird Mendel imstande sein, sich auf die nackte 
Erde zu legen. Drohnen werden die Kirchenglocken und ihn an das 
lauschende Licht in Menuchims torichten Augen erinnern. Mendel 
wird antworten; »Heimgekehrt bin ich, lieber Sameschkin, mogen an- 
dere durch die Welt wandern, meine Welten sind gestorben, zuriickge- 
kommen bin ich, um hier fiir ewig einzuschlafen!« Die blaue Nacht ist 
liber das Land gespannt, die Sterne glanzen, die Frosche quaken, die 
Grillen zirpen, und driiben, im finstern Wald, singt jemand das Lied 
Menuchims. 

So schlaft Mendel heute ein, in der Hand halt er das verknotete Ta- 
schentuch. 

Am andern Morgen ging er in Skowronneks Wohnung, legte auf die 
kalte Herdplatte der Kiiche das Hackmesser und sagte: »Hier, Frau 
Skowronnek, das Hackmesser hat sich gefunden!« 
Er wollte sich schnell wieder entfernen, aber die Frau Skowronnek 
begann: »Gefunden hat es sich! Es war nicht schwer, Ihr habt es doch 
versteckt! Ubrigens habt Ihr gestern fest geschlafen. Wir waren noch 
einmal vor dem Laden und haben geklopft. Habt Ihr schon gehort? 
Der Frisch vom Eiscreme-Salon hat Euch etwas sehr Wichtiges zu sa- 
gen. Ihr sollt sofort zu ihm himibergehn.« 

Mendel erschrak. Irgend jemand hatte ihn also gestern gesehen, viel- 
leicht hatte ein anderer die Wohnung ausgepliindert, und man ver- 
dachtigte Mendel. Vielleicht auch waren es gar nicht Deborahs Erspar- 
nisse, sondern die der Frau Frisch, und er hatte sie geraubt. Seine Knie 
zitterten. »Erlaubt mir, dafl ich mich setze«, sagte er zu Frau Skowron- 
nek. »Zwei Minuten konnt Ihr sitzen«, sagte sie, »dann muG ich ko- 
chen.« »Was fiir eine wichtige Sache ist es?« forschte er. Aber er wufite 
schon im voraus, dafi ihm die Frau nichts verraten wiirde. Sie weidete 
sich an seiner Neugier und schwieg. Dann hielt sie die Zeit fiir gekom- 
men, ihn wegzuschicken: »Ich mische mich nicht in fremde Angele- 
genheiten! Geht nur zu Frisch! « sagte sie. 

Und Mendel ging und beschloft, nicht bei Frisch einzutreten. Es 
konnte nur etwas Boses sein. Es wiirde von selbst friih genug kommen. 



Il8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er wartete. Am Nachmittag aber kamen die Enkel Skowronneks zu 
Besuch. Frau Skowronnek schickte ihn um drei Portionen Erdbeer- 
creme. Zage betrat Mendel den Laden. Mister Frisch war zum Gliick 
nicht da. Seine Frau sagte: »Mein Mann hat Ihnen etwas sehr Wichti- 
ges mitzuteilen, kommen Sie bestimmt am Nachmittag!« 
Mendel tat, als ob er nicht gehort hatte. Sein Herz lief stiirmisch, es 
wollte ihm entfliehen, mit beiden Handen hielt er es fest. Etwas Boses 
drohte ihm auf jeden Fall. Er wollte die Wahrheit sagen, Frisch wiirde 
ihm glauben. Glaubte man ihm nicht, so kam er ins Zuchthaus. Nun, 
es war auch nichts dabei. Im Zuchthaus wird er sterben. Nicht in 
Zuchnow. 

Er konnte die Gegend des Eiscreme-Salons nicht verlassen. Er ging auf 
und ab vor dem Laden. Er sah den jungen Frisch heimkehren. Er 
wollte noch warten, aber seine Fufie hasteten von selbst in den Laden. 
Er offnete die Tiir, die eine schrille Glocke in Bewegung setzte, und 
fand nicht mehr die Kraft, die Tiir zu schliefien, so dafi die Alarmklin- 
gel unaufhorlich larmte und Mendel betaubt in ihrem gewaltsamen 
Larm gefangen blieb, gefesselt im Klingeln und unfahig, sich zu ruh- 
ren. Mister Frisch selbst schlofl die Tiir. Und in der Stille, die jetzt 
einbrach, horte Mendel den Mister Frisch seiner Frau sagen: »Schnell 
ein Soda mit Himbeer fur Mister Singer !« 

Wie lange hatte man nicht mehr » Mister Singer« zu Mendel gesagt? 
Erst in diesem Augenblick empfand er, daft man ihm lange Zeit nur 
»Mendel« gesagt hatte, um ihn zu kranken. Es ist ein boser Witz von 
Frisch, dachte er. Das ganze Viertel weifi, daft dieser junge Mann gei- 
zig ist, er selbst weifi, dafi ich das Himbeerwasser nicht bezahlen 
werde. Ich werde es nicht trinken. 
»Danke, danke«, sagte Mendel, »ich trinke nichts !« 
»Sie werden uns keinen Korb geben«, sagte lachelnd die Frau. 
»Mir werden Sie keinen Korb geben«, sagte der junge Frisch. 
Er zog Mendel an eines der diinnbeinigen Tischchen aus Gufteisen und 
driickte den Alten in einen breiten Korbsessel. Er selbst setzte sich auf 
einen gewohnlichen holzernen Stuhl, riickte nahe an Mendel heran 
und begann : 

»Gestern, Mister Singer, war ich, wie Sie wissen, beim Konzert.« Men- 
del setzte der Herzschlag aus. Er lehnte sich zuriick und tat einen 
Schluck, um sich am Leben zu erhalten. »Nun«, fuhr Frisch fort, »ich 
habe ja viel Musik gehort, aber so etwas ist noch nicht dagewesen! 



HIOB 119 

Zweiunddreifiig Musikanten, verstehn Sie, und fast alle aus unserer 
Gegend. Und sie spielten jiidische Melodien, verstehen Sie? Das Herz 
wird warm, ich habe geweint, das ganze Publikum hat geweint. Sie 
spielten am Schlufi >Menuchims Lied<, Mister Singer, Sie kennen es 
vom Grammophon her. Ein schones Lied, nicht wahr?« 
Was will er nur? dachte Mendel. »Ja, ja, ein schones Lied.« 
»In der Pause gehe ich zu den Musikanten. Es ist voll. Alle drangen 
sich zu den Musikanten. Der und jener findet einen Freund, und ich 
auch, Mister Singer, ich auch.« 

Frisch machte eine Pause. Leute traten in den Laden, die Glocke 
schrillte. 

»Ich finde«, sagte Mister Frisch, »aber trinken Sie nur, Mister Singer! - 
Ich finde meinen leiblichen Vetter, den Berkovitsch aus Kowno. Den 
Sohn meines Onkels. Und wir kiissen uns. Und wir reden. Und plotz- 
lich sagt Berkovitsch: >Kennst du hier einen alten Mann namens Men- 
del Singer!<« 

Frisch wartete wieder. Aber Mendel Singer riihrte sich nicht. Er nahm 
zur Kenntnis, daE ein gewisser Berkovitsch nach einem alten Mendel 
Singer gefragt hatte. 

»Ja«, sagte Frisch, »ich erwiderte ihm, dafi ich einen Mendel Singer aus 
Zuchnow kenne. >Das ist er<, sagte Berkovitsch. >Unser Kapellmeister 
ist ein grofter Komponist, noch jung und ein Genie, von ihm kommen 
die meisten Musikstiicke, die wir spielen. Er heifk Alexej Kossak und 
ist auch aus Zuchnow.<« 

»Kossak?« wiederholte Mendel. »Meine Frau ist eine geborene Kos- 
sak. Es ist ein VerwandterU 

»Ja«, sagte Frisch, »und es scheint, daft dieser Kossak Sie sucht. Er will 
Ihnen wahrscheinlich etwas mitteilen. Und ich soil Sie fragen, ob Sie es 
horen wollen. Entweder Sie gehn zu ihm ins Hotel, oder ich schreibe 
Berkovitsch Ihre Adresse.« 

Es wurde Mendel leicht und gleichzeitig schwer zumute. Er trank das 
Himbeerwasser, lehnte sich zuriick und sagte: »Ich danke Ihnen, Mi- 
ster Frisch. Aber es ist nicht so wichtig. Dieser Kossak wird mir alle 
traurigen Sachen erzahlen, die ich schon weifl. Und aufierdem - ich 
will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich habe schon daran gedacht, mich mit 
Ihnen zu beraten. Ihr Bruder hat doch eine Schiffskartenagentur? Ich 
will nach Haus, nach Zuchnow. Es ist nicht mehr Rutland, die Welt 
hat sich verandert. Was kostet eine Schiffskarte heute? Und was fur 



120 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Papiere mufi ich haben? Reden Sie mit Ihrem Bruder, aber sagen Sie 
niemandem etwas.« 

»Ich werde mich erkundigen«, erwiderte Frisch. »Aber Sie haben be- 
stimmt nicht soviel Geld. Und in Ihrem Alter! Vielleicht sagt Ihnen 
dieser Kossak etwas! Vielleicht nimmt er Sie mit! Er bleibt nur kurze 
Zeit in New York! Soil ich dem Berkovitsch Ihre Adresse geben? 
Denn, wie ich Sie kenne, Sie gehen nicht ins Hotel!« 
»Nein«, sagte Mendel, »ich werde nicht hingehn. Schreiben Sie ihm, 
wenn Sie wollen.« 
Er erhob sich. 

Frisch driickte ihn wieder in den Sessel. »Einen Moment«, sagte er, 
»Mister Singer, ich habe das Programm mitgenommen. Da ist ein Bild 
dieses Kossak. « Und er zog aus der Brusttasche ein grofies Programm, 
entfaltete es und hielt es Mendel vor die Augen. 
»Ein schoner, junger Mann«, sagte Mendel. Er betrachtete die Photo- 
graphie. Obwohl das Bild abgenutzt war, das Papier schmutzig und 
das Portrat sich in hunderttausend winzige Molekiile aufzulosen 
schien, trat es lebendig aus dem Programm vor Mendels Augen. Er 
wollte es sofort zuriickgeben, aber er behielt es und starrte darauf. 
Breit und weifi war die Stirn unter der Schwarze der Haare, wie ein 
glatter, besonnter Stein. Die Augen waren grofi und hell. Sie blickten 
Mendel Singer geradeaus an, er konnte sich nicht mehr von ihnen be- 
freien. Sie machten ihn frohlich und leicht, so glaubte Mendel. Ihre 
Klugheit sah er leuchten. Alt waren sie und jung zugleich. Alles wuE- 
ten sie, die Welt spiegelte sich in ihnen. Es war Mendel Singer, als ob er 
beim Anblick dieser Augen selbst junger wiirde, ein Jiingling wurde er, 
gar nichts wuEte er. Alles mufite er von diesen Augen erfahren. Er hat 
sie schon gesehn, getraumt, als kleiner Junge. Vor Jahren, als er anfing, 
die Bibel zu lernen, waren es die Augen der Propheten. Manner, zu 
denen Gott selbst gesprochen hat, haben diese Augen. Alles wissen sie, 
nichts verraten sie, das Licht ist in ihnen. 

Lange sah Mendel das Bild an. Dann sagte er: »Ich werde es nach 
Hause mitnehmen, wenn Sie erlauben, Mister Frisch. « Und er faltete 
das Papier zusammen und ging. 

Er ging um die Ecke, entfaltete das Programm, sah es an und steckte es 
wieder ein. Eine lange Zeit schien ihm seit der Stunde vergangen zu 
sein, in der er den Eiscreme-Salon betreten hatte. Die paar tausend 
Jahre, die in den Augen Kossaks leuchteten, lagen dazwischen und die 



HIOB 121 

Jahre, vor denen Mendel noch so jung gewesen war, dafi er sich das 
Angesicht von Propheten hatte vorstellen konnen. Er wollte umkeh- 
ren, nach dem Konzertsaal fragen, in dem die Kapelle spielte, und hin- 
eingehen. Aber er schamte sich. Er ging in den Laden der Skowron- 
neks und erzahlte, dafi ihn ein Verwandter seiner Frau in Amerika 
suche. Er habe Frisch die Erlaubnis gegeben, die Adresse mitzuteilen. 
»Morgen abend wirst du bei uns essen wie alle Jahre«, sagte Skowron- 
nek. Es war der erste Osterabend. Mendel nickte. Er wollte lieber in 
seinem Hinterzimmer bleiben, er kannte die schiefen Blicke der Frau 
Skowronnek und die berechnenden Hande, mit denen sie Mendel die 
Suppe und den Fisch zuteilte. Es ist das letztemal, dachte er. Von heute 
in einem Jahr werde ich in Zuchnow sein: lebendig oder tot; lieber tot. 
Als erster der Gaste kam er am nachsten Abend, aber als letzter setzte 
er sich an den Tisch. Fnihzeitig kam er, um die Frau Skowronnek 
nicht zu kranken, spat nahm er seinen Platz ein, um zu zeigen, dafi er 
sich fur den Geringsten unter den Anwesenden hielt. Ringsum safien 
sie schon: die Hausfrau, beide Tochter Skowronneks mit ihren Man- 
nern und Kindern, ein fremder Reisender in MusikaHen und Mendel. 
Er saft am Ende des Tisches, auf den man ein gehobeltes Brett gelegt 
hatte, um ihn zu verlangern. Mendels Sorge gait nun nicht allein der 
Erhaltung des Friedens, sondern auch dem Gleichgewicht zwischen 
der Tischplatte und ihrer kiinstlichen Verlangerung. Mendel hielt mit 
einer Hand das Brettende fest, weil man einen Teller oder eine Terrine 
daraufstellen mufke. Sechs schneeweifie, dicke Kerzen brannten in 
sechs silbernen Leuchtern auf dem schneeweiften Tischtuch, dessen ge- 
starkter Glanz die sechs Flammen zuriickstrahlte. Wie weifie und sil- 
berne Wachter von gleichem Wuchs standen die Kerzen vor Skowron- 
nek, dem Hausherrn, der im weiften Kittel auf einem weiften Kissen 
saft, angelehnt an ein anderes Kissen, ein siindenreiner Konig auf 
einem siindenreinen Thron. Wie lange war es her, daft Mendel in der 
gleichen Tracht, in gleicher Art den Tisch und das Fest regiert hatte? 
Heute saft er gebeugt und geschlagen, in seinem griin schillernden 
Rock am letzten Ende, der Geringste unter den Anwesenden, besorgt 
um die eigene Bescheidenheit und eine armselige Stiitze der Feier. Die 
Osterbrote lagen verhullt unter einer weifien Serviette, ein schneeiger 
Hiigel neben dem saftigen Griin der Krauter, dem dunklen Rot der 
Ruben und dem herben Gelb der Meerrettichwurzel. Die Biicher mit 
den Berichten von dem Auszug der Juden aus Agypten lagen aufge- 



122 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schlagen vor jedem Gast. Skowronnek begann, die Legende vorzusin- 
gen, und alle wiederholten seme Worte, erreichten ihn und sangen ein- 
trachtig im Chor diese behagliche, schmunzelnde Melodie, eine gesun- 
gene Aufzahlung der einzelnen Wunder, die immer wieder zusammen- 
gerechnet wurden und immer wieder die gleichen Eigenschaften Got- 
tes ergaben: die Grofie, die Giite, die Barmherzigkeit, die Gnade fur 
Israel und den Zorn gegen Pharao. Sogar der Reisende in Musikalien, 
der die Schrift nicht lesen konnte und die Gebrauche nicht verstand, 
konnte sich der Melodie nicht entziehen, die ihn mit jedem neuen Satz 
umwarb, einspann und umkoste, so dafi er sie mitzusummen begann, 
ohne es zu wissen. Und selbst Mendel stimmte sie milde gegen den 
Himmel, der vor viertausend Jahren freigebig heitere Wunder gespen- 
det hatte, und es war, als wiirde durch die Liebe Gottes zum ganzen 
Volk Mendel mit seinem eigenen kleinen Schicksal beinahe ausge- 
sohnt. Noch sang er nicht mit, Mendel Singer, aber sein Oberkorper 
schaukelte vor und zuriick, gewiegt vom Gesang der andern. Er horte 
die Enkelkinder Skowronneks mit hellen Stimmen singen und erin- 
nerte sich der Stimmen seiner eigenen Kinder. Er sah noch den hilflo- 
sen Menuchim auf dem ungewohnten, erhohten Stuhl am feierlichen 
Tisch. Der Vater allein hatte wahrend des Singens von Zeit zu Zeit 
einen hurtigen Blick auf seinen jiingsten und armsten Sohn geworfen, 
das lauschende Licht in seinen torichten Augen gesehn und gefiihlt, 
wie sich der Kleine vergeblich muhte, mitzuteilen, was in ihm klang, 
und zu singen, was er horte. Es war der einzige Abend im Jahr, an dem 
Menuchim einen neuen Rock trug wie seine Briider und den weifien 
Kragen des Hemdes mit den ziegelroten Ornamenten als fesdichen 
Rand um sein welkes Doppelkinn. Wenn Mendel ihm den Wein vor- 
hielt, trank er mit gierigem Zug den halben Becher, keuchte und pru- 
stete und verzog sein Gesicht zu einem mifilungenen Versuch zu la- 
chen oder zu weinen: Wer konnte es wissen? 

Daran dachte Mendel, wahrend er sich im Gesang der andern wiegte. 
Er sah, dafi sie schon weit voraus waren, uberschlug ein paar Seiten 
und bereitete sich vor, aufzustehn, die Ecke von den Tellern zu entla- 
sten, damit sich kein Unfall ereignete, wenn er loslassen sollte. Denn 
der Zeitpunkt naherte sich, an dem man den roten Becher mit Wein 
fullte und die Tiir offnete, um den Propheten Eliahu einzulassen. 
Schon wartete das dunkelrote Glas, die sechs Lichter spiegelten sich in 
seiner Wolbung. Frau Skowronnek hob den Kopf und sah Mendel an. 



HIOB I23 

Er stand auf, schlurfte zur Tiir und offnete sie. Skowronnek sang 
nun die Einladung an den Propheten. Mendel wartete, bis sie zu 
Ende war. Denn er wollte nicht den Weg zweimal machen. Dann 
schlofi er die Tiir, setzte sich wieder, stemmte die stiitzende Faust 
unter das Tischbrett, und der Gesang ging weiter. 
Kaum eine Minute, nachdem Mendel sich gesetzt hatte, klopfte es. 
Alle horten das Klopfen, aber alle dachten, es sei eine Tauschung. 
An diesem Abend safien die Freunde zu Haus, leer waren die Gas- 
sen des Viertels. Um diese Stunde war kein Besuch moglich. Es war 
gewifi der Wind, der klopfte. »Mendel«, sagte Frau Skowronnek, 
»Ihr habt die Tiir nicht richtig geschlossen.« Da klopfte es noch ein- 
mal, deutlich und langer. Alle hielten ein. Der Geruch der Kerzen, 
der Genufi des Weins, das gelbe, ungewohnte Licht und die alte 
Melodie hatten die Erwachsenen und die Kinder so nah an die Er- 
wartung eines Wunders gebracht, dafi ihr Atem fur einen Augen- 
blick aussetzte und dafi sie ratios und blafi einander ansahen, als 
wollten sie sich fragen, ob der Prophet nicht wirklich Einlafi ver- 
lange. Also blieb es still, und niemand wagte, sich zu ruhren. End- 
lich regte sich Mendel. Noch einmal schob er die Teller in die Mitte. 
Noch einmal schlurfte er zur Tiir und offnete. Da stand ein grofige- 
wachsener Fremder im halbdunklen Flur, wiinschte guten Abend 
und fragte, ob er eintreten diirfe. Skowronnek erhob sich mit einiger 
Miihe aus seinen Pols tern. Er ging zur Tiir, betrachtete den Frem- 
den und sagte: »Please!« - wie er es in Amerika gelernt hatte. Der 
Fremde trat ein. Er trug einen dunklen Mantel, hochgeschlagen war 
sein Kragen, den Hut behielt er auf dem Kopf, offenbar aus An- 
dacht vor der Feier, in die er geraten war, und weil alle anwesenden 
Manner mit bedeckten Hauptern dasafien. 

Es ist ein feiner Mann, dachte Skowronnek. Und er knopfte, ohne 
ein Wort zu sagen, dem Fremden den Mantel auf. Der Mann ver- 
neigte sich und sagte: »Ich heifte Alexej Kossak. Ich bitte um Ent- 
schuldigung. Ich bitte sehr um Entschuldigung. Man hat mir gesagt, 
dafi sich ein gewisser Mendel Singer aus Zuchnow bei Ihnen aufhalt. 
Ich mochte ihn sprechen.« 

»Das bin ich«, sagte Mendel, trat nahe an den Gast und hob den 
Kopf. Seine Stirn reichte bis zur Schulter des Fremden. »Herr Kos- 
sak«, fuhr Mendel fort, »ich habe schon von Ihnen gehort. Ein Ver- 
wandter sind Sie.« 



124 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Legen Sie ab, und setzen Sie sich mit uns an den Tisch«, sagte Sko- 
wronnek. 

Frau Skowronnek erhob sich. Alle riickten zusammen. Man machte 
dem Fremden Platz. Skowronneks Schwiegersohn stellte noch einen 
Stuhl an den Tisch. Der Fremde hangte den Mantel an einen Nagel und 
setzte sich Mendel gegeniiber. Man stellte einen Becher Wein vor den 
Gast. »Lassen Sie sich nicht aufhalten«, bat Kossak, »beten Sie weiter.« 
Sie fuhren fort. Still und schmal safi der Gast auf seinem Platz. Mendel 
betrachtete ihn unaufhorlich. Unerrmidlich sah Alexej Kossak auf 
Mendel Singer. Also safien sie einander gegeniiber, umweht von dem 
Gesang der andern, aber von ihnen getrennt. - 

Es war beiden angenehm, dafi sie der andern wegen noch nicht mitein- 
ander sprechen konnten. Mendel suchte die Augen des Fremden. 
Schlug sie Kossak nieder, so war dem Alten, als mufite er den Gast 
bitten, sie offenzuhalten. In diesem Angesicht war Mendel Singer alles 
fremd, nur die Augen hinter den randlosen Glasern waren ihm nahe. 
Zu ihnen schweifte immer wieder sein Blick wie in einer Heimkehr zu 
vertrauten, hinter Fenstern verborgenen Lichtern, aus der fremden 
Landschaft des schmalen, blassen und jugendlichen Gesichts. Schmal, 
verschlossen und glatt waren die Lippen. Wenn ich sein Vater ware, 
dachte Mendel, wiirde ich sagen: Lachle, Alexej. Leise zog er aus der 
Tasche das Plakat, entfaltete es unter dem Tisch, um die andern nicht 
zu storen, und reichte es dem Fremden hiniiber. Der nahm es und 
lachelte, schmal, zart und nur eine Sekunde lang. 
Man unterbrach den Gesang, die Mahlzeit begann, einen Teller heifter 
Suppe schob Frau Skowronnek vor den Gast, und Herr Skowronnek 
bat ihn mitzuessen. Der Reisende in Musikalien begann ein Gesprach 
in Englisch mit Kossak, von dem Mendel gar nichts verstand. Dann 
erklarte der Reisende alien, daft Kossak ein junges Genie sei, nur noch 
eine Woche in New York bleibe und sich erlauben werde, den Anwe- 
senden Freikarten zu dem Konzert seines Orchesters zu schicken. An- 
dere Gesprache konnten nicht in Gang kommen. Man aft in wenig 
festlicher Eile dem Ende der Feier zu, und jeden zweiten Bissen beglei- 
tete ein hdfliches Wort des Fremden oder seiner Wirte. Mendel sprach 
nicht. Frau Skowronnek zu Gefallen aft er noch schneller als die an- 
dern, um keinen AnlaE zu Verzogerungen zu geben. Und alle begruft- 
ten das Ende des Mahls und fuhren eifrig fort im Absingen der Wun- 
der. Skowronnek schlug einen immer schnelleren Rhythmus an, die 



HIOB 125 

Frauen konnten ihm nicht folgen. Als er aber zu den Psalmen kam, 

veranderte er die Stimme, das Tempo und die Melodie, und so beto- 

rend klangen die Worte, die er nunmehr sang, daft sogar Mendel am 

Ende jeder Strophe »Halleluja, Halleluja« wiederholte. Er schuttelte 

den Kopf, dafi sein tiefer Bart iiber die aufgeschlagenen Blatter des 

Buches strich und ein zartes Rascheln horbar wurde, als wollte sich der 

Bart Mendels an dem Gebet beteiligen, da der Mund Mendels so spar- 

sam feierte. 

Nun waren sie bald fertig. Die Kerzen waren bis zur Halfte abge- 

brannt, der Tisch war nicht mehr glatt und feierlich, Flecken und Spei- 

sereste sah man auf dem weifien Tischtuch, und Skowronneks Enkel 

gahnten schon. Man hielt am Ende des Buches. Skowronnek sagte mit 

erhobener Stimme den iiberlieferten Wunsch: »Im nachsten Jahre in 

Jerusalem !« Alle wiederholten es, klappten die Biicher zu und wandten 

sich zum Gast. An Mendel kam jetzt die Reihe, den Besucher zu fra- 

gen. Der Alte rausperte sich, lachelte und sagte: »Nun, Herr Alexej, 

was wollen Sie mir erzahlen?« 

Mit halblauter Simme begann der Fremde: »Ihr hattet langst von mir 

Nachricht gehabt, Herr Mendel Singer, wenn ich Eure Adresse gewufit 

hatte. Aber nach dem Kriege wufite sie niemand mehr. Billes' Schwie- 

gersohn, der Musikant, ist an Typhus gestorben, Euer Haus in Zuch- 

now stand leer, denn die Tochter Billes' war zu ihren Eltern, die da- 

mals schon in Dubno wohnten, geflohen, und in Zuchnow, in Eurem 

Haus, waren osterreichische Soldaten. Nun, nach dem Kriege schrieb 

ich an meinen Manager hierher, aber der Mann war nicht geschickt 

genug, er schrieb mir, dafi Ihr nicht zu finden seied.« 

»Schade um Billes' Schwiegersohn!« sagte Mendel, und er dachte dabei 

an Menuchim. 

»Und nun«, fuhr Kossak fort, »habe ich eine angenehme Nachricht.« 

Mendel hob den Kopf. »Ich habe Euer Haus gekauft, vom alten Billes, 

vor Zeugen und auf Grund einer amtlichen Einschatzung. Und das 

Geld will ich Euch auszahlen.« 

»Wieviel macht es?« fragte Mendel. 

»Dreihundert Dollar !« sagte Kossak. 

Mendel griff sich an den Bart und kammte ihn mit gespreizten, zittern- 

den Fingern. »Ich danke Ihnen!« sagte er. 

»Und was Euren Sohn Jonas betrifft«, sprach Kossak weiter, »so ist er 

seit dem Jahre 19 15 verschollen. Niemand konnte etwas iiber ihn sa- 



126 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gen. Weder in Petersburg noch in Berlin, noch in Wien, noch im 
Schweizer Roten Kreuz. Ich habe iiberall angefragt und anfragen las- 
sen. Aber vor zwei Monaten traf ich einen jungen Mann aus Moskau. 
Er kam eben als Fliichtling iiber die polnische Grenze, denn, wie Ihr 
wifit, gehort Zuchnow jetzt zu Polen. Und dieser junge Mann war 
Jonas' Regimentskamerad gewesen. Er sagte mir, dafi er einmal durch 
Zufall gehort hat, dafi Jonas lebt und in der weifigardistischen Armee 
kampft. Nun ist es wohl ganz schwer geworden, etwas iiber ihn zu 
erfahren. Aber Ihr du'rft die Hoffnung immer noch nicht aufgeben.« 
Mendel wollte eben den Mund auftun, um nach Menuchim zu fragen. 
Aber sein Freund Skowronnek, der Mendels Frage vorausahnte, eine 
traurige Antwort fur sicher hielt und bestrebt war, betriibliche Ge- 
sprache an diesem Abend zu vermeiden oder sie wenigstens, solang es 
ging, zu verschieben, kam dem Alten zuvor und sagte: »Nun, Herr 
Kossak, da wir das Vergniigen haben, einen so grofien Mann wie Sie 
bei uns zu sehen, machen Sie uns vielleicht noch die Freude, etwas aus 
Ihrem Leben zu erzahlen. Wie kommt es, dafi Sie den Krieg, die Revo- 
lution und alle Gefahren iiberstanden haben?« 

Der Fremde hatte offenbar diese Frage nicht erwartet, denn er antwor- 
tete nicht sofort. Er schlug die Augen nieder wie einer, der sich schamt 
oder nachdenken muft, und antwortete erst nach einer langeren Weile: 
»Ich habe nichts Besonderes erlebt. Als Kind war ich lange krank, 
mein Vater war ein armer Lehrer, wie Herr Mendel Singer, mit dessen 
Frau ich ja verwandt bin. (Es ist jetzt nicht an der Zeit, die Verwandt- 
schaft naher zu erlautern.) Kurz, meiner Krankheit wegen und weil 
wir arm waren, kam ich in eine grofie Stadt, in ein offend iches medizi- 
nisches Institut. Man behandelte mich gut, ein Arzt hatte mich beson- 
ders gern, ich wurde gesund, und der Doktor behielt mich in seinem 
Haus. Dort«, hier senkte Kossak die Stimme und den Kopf, und es 
war, als sprache er zum Tisch, so daft alle den Atem anhielten, um ihn 
genau zu horen, »dort setzte ich mich eines Tages an das Klavier und 
spielte aus dem Kopf eigene Lieder. Und die Frau des Doktors schrieb 
die Noten zu meinen Liedern. Der Krieg war mein Gliick. Denn ich 
kam zur Militarmusik und wurde Dirigent einer Kapelle, blieb die 
ganze Zeit in Petersburg und spielte ein paarmal beim Zaren. Meine 
Kapelle ging mit mir nach der Revolution ins Ausland. Ein paar fielen 
ab, ein paar Neue kamen dazu, in London machten wir einen Kontrakt 
mit einer Konzertagentur, und so ist mein Orchester entstanden.« 



HIOB I27 

Alle lauschten immer noch, obwohl der Gast langst nichts mehr er- 
zahlte. Aber seine Worte schwebten noch im Zimmer, und an den und 
jenen schlugen sie erst jetzt. Kossak sprach den Jargon der Juden man- 
gelhaft, er mischte halbe russische Satze in seine Erzahlung, und die 
Skowronneks und Mendel begriffen sie nicht einzeln, sondern erst im 
ganzen Zusammenhang. Die Schwiegersohne Skowronneks, die als 
kleine Kinder nach Amerika gekommen waren, verstanden nur die 
Halfte und liefien sich von ihren Frauen die Erzahlung des Fremden 
ins Englische iibersetzen. Der Reisende in Musikalien wiederholte dar- 
aufhin die Biographie Kossaks, um sie sich einzupragen. Die Kerzen 
brannten nur noch als kurze Stiimpfe in den Leuchtern, es wurde dun- 
kel im Zimmer, die Enkel schliefen mit schiefen Kopfchen auf den 
Sesseln, aber niemand machte Anstalten zu gehn, ja, Frau Skowronnek 
holte sogar zwei ganze Kerzen, klebte sie auf die alten Stiimpfe und 
eroffnete so den Abend von neuem. Ihr alter Respekt vor Mendel Sin- 
ger erwachte. Dieser Gast, der ein grofier Mann war, beim Zaren ge- 
spielt hatte, einen merkwiirdigen Ring am kleinen Finger trug und eine 
Perle in der Krawatte, mit einem Anzug aus gutem europaischem Stoff 
bekleidet war - sie verstand sich darauf, denn ihr Vater war Tuchhand- 
ler gewesen-, dieser Gast konnte nicht mit Mendel in die Hinterstube 
des Ladens gehn. Ja, sie sagte zur Uberraschung ihres Mannes: »Mister 
Singer! Es ist gut, dafi Sie heute zu uns gekommen sind. Sonst«, und sie 
wandte sich an Kossak, »ist er so bescheiden und zartfuhlend, daft er 
alle meine Einladungen ausschlagt. Er ist dennoch wie das alteste Kind 
in unserem Haus.« Skowronnek fiel ihr ins Wort: »Mach uns noch 
einen Tee!« Und wahrend sie auf stand, sagte er zu Kossak: »Wir alle 
kennen Ihre Lieder schon lange, >Menuchims Lied< ist doch von Ih- 
nen?« »Ja«, sagte Kossak. »Es ist von mir.« Es schien, daft ihm diese 
Frage nicht angenehm war. Er sah schnell auf Mendel Singer und 
fragte: »Ihre Frau ist tot?« Mendel nickte. »Und soviel ich weifi, haben 
Sie doch eine Tochter?« Statt Mendels erwiderte nun Skowronnek: 
»Sie ist leider durch den Tod der Mutter und des Bruders Sam verwirrt 
geworden und in der Anstalt.« Der Fremde liefi wieder den Kopf sin- 
ken. Mendel erhob sich und ging hinaus. 

Er wo lite nach Menuchim fragen, aber er hatte nicht den Mut dazu. Er 
kannte ja die Antwort schon im voraus. Er selbst versetzte sich an die 
Stelle des Gastes und antwortete sich: Menuchim ist schon lange tot. 
Er ist jammerlich umgekommen. Er pragte sich diesen Satz ein, 



128 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schmeckte im voraus seine ganze Bitterkeit, um dann, wenn er wirk- 
lich erklingen sollte, ruhig bleiben zu konnen. Und da er noch eine 
schiichterne Hoffnung tief in seinem Herzen keimen fuhlte, versuchte 
er, sie zu toten. Wenn Menuchim am Leben ware, sagte er sich, so 
hatte es mir der Fremde sofort am Anfang erzahlt. Nein! Menuchim ist 
schon lange tot. Jetzt werde ich ihn fragen, damit diese dumme Hoff- 
nung ein Ende nehme! Aber er fragte noch immer nicht. Er setzte sich 
eine Pause, und die gerauschvolle Tatigkeit der Frau Skowronnek, die 
in der Kiiche mit dem Teekocher hantierte, veranlafite ihn, das Zimmer 
zu verlassen, um der Hausfrau zu helfen, wie er es gewohnt war. 
Heute aber schkkte sie ihn ins Zimmer zuriick. Er besafi dreihundert 
Dollar und einen vornehmen Verwandten. »Es schickt sich nicht fur 
Euch, Mister Mendel«, sagte sie. »Lafit Euren Gast nicht allein!« Sie 
war iibrigens schon fertig. Mit den vollen Teeglasern auf dem breiten 
Tablett betrat sie das Zimmer, gefolgt von Mendel. Der Tee dampfte. 
Mendel war endlich entschlossen, nach Menuchim zu fragen. Auch 
Skowronnek fuhlte, dafi die Frage nicht mehr aufzuschieben war. Er 
fragte lieber selbst, Mendel, sein Freund, sollte zu dem Weh, das ihm 
die Antwort bereiten wiirde, nicht auch noch die Qual zu fragen auf 
sich nehmen miissen. 

»Mein Freund Mendel hatte noch einen armen, kranken Sohn namens 
Menuchim. Was ist mit ihm geschehn?« 

Wieder antwortete der Fremde nicht. Er stocherte mit dem Loffel auf 
dem Grunde des Glases herum, zerrieb den Zucker, und als wollte er 
aus dem Tee die Antwort ablesen, sah er auf das hellbraune Glas, und 
den Loffel immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger, die 
schmale, braune Hand sachte bewegend, sagte er endlich, unerwartet 
laut, wie mit einem plotzlichen Entschlufi: 
»Menuchim lebt!« 

Es klingt nicht wie eine Antwort, es klingt wie ein Ruf. Unmittelbar 
darauf bricht ein Lachen aus Mendel Singers Brust. Alle erschrecken 
und sehen starr auf den Alten. Mendel sitzt zuriickgelehnt auf dem 
Sessel, schiittelt sich und lacht. Sein Riicken ist so gebeugt, dafi er die 
Lehne nicht ganz benihren kann. Zwischen der Lehne und Mendels 
altem Nacken (weifie Harchen krauseln sich iiber dem schabigen Kra- 
gen des Rocks) ist ein weiter Abstand. Mendels langer Bart bewegt sich 
heftig, flatten beinahe wie eine weifie Fahne und scheint ebenfalls zu 
lachen. Aus Mendels Brust drohnt und kichert es abwechselnd. Alle 



HIOB 129 

erschrecken, Skowronnek erhebt sich etwas schwerfallig aus den 
schwellenden Kissen und behindert durch den langen, weiften Kittel, 
geht um den ganzen Tisch, tritt zu Mendel, beugt sich zu ihm und 
nimmt mit beiden Handen Mendels beide Hande. Da verwandelt sich 
Mendels Lachen in Weinen, er schluchzt, und die Tranen fliefien aus 
den alten, halb verhullten Augen in den wild wuchernden Bart, ver- 
lieren sich im wiisten Gestriipp, andere bleiben lange und rund und 
voll wie glaserne Tropfen in den Haaren hangen. 
Endlich ist Mendel ruhig. Er sieht Kossak gerade an und wiederholt: 
»Menuchim lebt?« 

Der Fremde sieht Mendel ruhig an und sagt: »Menuchim lebt, er ist 
gesund, es geht ihm sogar gut!« 

Mendel faltet die Hande, er hebt sie, so hoch er kann, dem Plafond 
entgegen. Er mochte aufstehn. Er hat das Gefiihl, dafi er jetzt auf- 
stehn miiflte, gerade werden, wachsen, grofi und grower werden, iiber 
das Haus hinauf und mit den Handen den Himmel beriihren. Er 
kann die gefalteten Hande nicht mehr losen. Er bhckt zu Skowron- 
nek, und der alte Freund weifi, was er jetzt zu fragen hat, an Mendels 
Statt. 

»Wo ist Menuchim jetzt?« fragt Skowronnek. 
Und langsam erwidert Alexej Kossak: 
»Ich selbst bin Menuchim. « 

Alle erheben sich plotzlich von den Sitzen, die Kinder, die schon ge- 
schlafen haben, erwachen und brechen in Weinen aus. Mendel selbst 
steht so heftig auf, daft hinter ihm sein Stuhl mit lautem Krach hin- 
fallt. Er geht, er eilt, er hastet, er hiipft zu Kossak, dem einzigen, der 
sitzen geblieben ist. Es ist ein grower Aufruhr im Zimmer. Die Ker- 
zen beginnen zu flackern, als wiirden sie plotzlich von einem Wind 
angeweht. An den Wanden flattern die Schatten stehender Menschen, 
Mendel sinkt vor dem sitzenden Menuchim nieder, er sucht mit un- 
ruhigem Mund und wehendem Bart die Hande seines Sohnes, seine 
Lippen kiissen, wo sie hintreffen, die Knie, die Schenkel, die Weste 
Menuchims. Mendel steht wieder auf, hebt die Hande und beginnt, 
als ware er plotzlich blind geworden, mit heftigen Fingern das Ge- 
sicht seines Sohnes abzutasten. Die stumpfen, alten Finger huschen 
iiber die Haare Menuchims, die glatte, breite Stirn, die kalten Glaser 
der Brille, die schmalen, geschlossenen Lippen. Menuchim sitzt ruhig 
und riihrt sich nicht. Alle Anwesenden umringen Menuchim und 



130 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mendel, die Kinder weinen, die Kerzen flackern, die Schatten der 
Wand ballen sich zu schweren Wolken zusammen. Niemand spricht. 
Endlich erklingt Menuchims Stimme: »Steh auf, Vater!« sagt er, greift 
Mendel unter die Arme, hebt ihn hoch und setzt ihn auf den Schofi wie 
ein Kind. Die andern entfernen sich wieder. Jetzt sitzt Mendel auf dem 
Schofi seines Sohnes, lachelt in die Runde, jedem ins Angesicht. Er 
flustert: »Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hafilichkeit giitig, 
die Bitternis milde und die Krankheit stark.« Deborah hat es gesagt. Er 
hort noch ihre Stimme. 

Skowronnek verlafit den Tisch, legt seinen Kittel ab, zieht seinen Man- 
tel an und sagt: »Gleich komme ich wieder !« Wohin geht Skowron- 
nek? Es ist noch nicht spat, kaum elf Uhr, die Freunde sitzen noch an 
den Tischen. Er geht von Haus zu Haus, zu Groschel, Menkes und 
Rottenberg. Alle sind noch an den Tischen zu finden. »Ein Wunder ist 
geschehn! Kommt zu mir und seht es an!« Er fiihrt alle drei zu Mendel. 
Unterwegs begegnen sie der Tochter Lemmels, die ihre Gaste begleitet 
hat. Sie erzahlen ihr von Mendel und Menuchim. Der junge Frisch, der 
mit seiner Frau noch ein bifkhen spazierengeht, hort ebenfalls die 
Neuigkeit. Also erfahren einige, was sich ereignet hat. Unten vor dem 
Hause Skowronneks steht als Beweis das Automobil, in dem Menu- 
chim gekommen ist. Ein paar Leute offnen die Fenster und sehen es. 
Menkes, Groschel, Skowronnek und Rottenberg treten ins Haus. 
Mendel geht ihnen entgegen und driickt ihnen stumm die Hande. 
Menkes, der Bedachtigste von alien, nahm das Wort. »Mendel«, sagte 
er, »wir sind gekommen, dich in deinem Gliick zu sehn, wie wir dich 
im Ungliick gesehn haben. Erinnerst du dich, wie du geschlagen warst? 
Wir trosteten dich, aber wir wufiten, dafi es umsonst war. Nun erlebst 
du ein Wunder am lebendigen Leibe. Wie wir damals mit dir traurig 
waren, so sind wir heute mit dir frohlich. Groft sind die Wunder, die 
der Ewige vollbringt, heute noch wie vor einigen tausend Jahren. Ge- 
lobt sei Sein Name!« Alle standen. Die Tochter Skowronneks, die Kin- 
der, die Schwiegersohne und der Reisende in Musikalien waren schon 
in Uberkleidern und nahmen Abschied. Mendels Freunde setzten sich 
nicht, denn sie waren nur zu einem kurzen Gluckwunsch gekommen. 
Kleiner als sie alle, mit gekrummtem Rucken, im griinlich schillernden 
Rock stand Mendel in ihrer Mitte, wie ein unscheinbarer, verkleideter 
Konig. Er mufke sich recken, um ihnen in die Gesicher zu sehn. »Ich 
danke euch«, sagte er. »Ohne eure Hilfe hatte ich diese Stunde nicht 



HIOB 131 

erlebt. Seht euch meinen Sohn an!« Er zeigte mit der Hand auf ihn, als 
konnte irgend jemand von den Freunden nicht griindlich genug Menu- 
chim betrachten. Ihre Augen befiihlten den Stoff des Anzugs, die sei- 
dene Krawatte, die Perle, die schmalen Hande und den Ring. Dann 
sagten sie: »Ein edler junger Mann! Man sieht, dafi er ein Besonderer 
ist!« 

»Ich habe kein Haus«, sagte Mendel zu seinem Sohn. »Du kommst zu 
deinem Vater, und ich weifi nicht, wo dich schlafen zu legen.« 
»Ich mochte dich mitnehmen, Vater «, erwiderte der Sohn. »Ich weifi 
nicht, ob du fahren darfst, weil ja Feiertag ist.« 
»Er darf fahren «, sagten alle wie aus einem Munde. 
»Ich glaube, dafi ich mit dir fahren darf«, meinte Mendel. »Schwere 
Siinden hab' ich begangen, der Herr hat die Augen zugedriickt. Einen 
Isprawnik hab' ich Ihn genannt. Er hat sich die Ohren zugehalten. Er 
ist so grofi, dafi unsere Schlechtigkeit ganz klein wird. Ich darf mit dir 
fahren. « 

Alle begleiteten Mendel zum Wagen. An diesem und jenem Fenster 
standen Nachbarn und Nachbarinnen und sahen hinunter. Mendel 
holte seine Schlussel, sperrte noch einmal den Laden auf, ging ins Hin- 
terzimmer und nahm das rotsamtene Sackchen vom Nagel. Er blies 
darauf, um es vom Staub zu befreien, liefi den Rolladen herunter, 
sperrte zu und gab Skowronnek die Schlussel. Mit dem Sack im Arm 
stieg er ins Auto. Der Motor ratterte. Die Scheinwerfer leuchteten auf. 
Aus dem und jenem Fenster riefen Stimmen: »Auf Wiedersehen, Men- 
del !« Mendel Singer ergriff Menkes am Armel und sagte: »Morgen, 
beim Gebet, wirst du verkiinden lassen, dafi ich dreihundert Dollar fur 
Arme spende. Lebt wohl!« 

Und er fuhr an der Seite seines Sohnes in den vierundvierzigsten 
Broadway, ins As tor Hotel. 



XVI 

Kiimmerlich und gebeugt, im grunlich schillernden Rock, das rotsam- 
tene Sackchen im Arm, betrat Mendel Singer die Halle, betrachtete das 
elektrische Licht, den blonden Portier, die weifie Biiste eines unbe- 
kannten Gottes vor dem Aufgang zur Stiege und den schwarzen Ne- 
ger, der ihm den Sack abnehmen wollte. Er stieg in den Lift und sah 



132 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sich im Spiegel neben seinem Sohn, er schlofi die Augen, denn er fuhlte 
sich schwindlig werden. Er war schon gestorben, er schwebte in den 
Himmel, es nahm kein Ende. Der Sohn fafite ihn bei der Hand, der 
Lift hielt, Mendel ging auf einem lautlosen Teppich durch einen langen 
Korridor. Er offnete erst die Augen, als er im Zimmer stand. Wie es 
seine Gewohnheit war, trat er sofort zum Fenster. Da sah er zum er- 
stenmal die Nacht von Amerika aus der Nahe, den geroteten Himmel, 
die flammenden, spriihenden, tropfenden, giuhenden, roten, blauen, 
griinen, silbernen, goldenen Buchstaben, Bilder und Zeichen. Er horte 
den larmenden Gesang Amerikas, das Hupen, das Tuten, das Droh- 
nen, das Klingeln, das Kreischen, das Knarren, das Pfeifen und das 
Heulen. Dem Fenster gegeniiber, an dem Mendel lehnte, erschien jede 
fiinfte Sekunde das breite, lachende Gesicht eines Madchens, zusam- 
mengesetzt aus lauter hingespruhten Funken und Punkten, das blen- 
dende Gebifi in dem geoffneten Mund aus einem Stuck geschmolzenen 
Silbers. Diesem Angesicht entgegen schwebte ein rubinroter, iiber- 
schaumender Pokal, kippte von selbst um, ergofl seinen Inhalt in den 
offenen Mund und entfernte sich, um neu gefullt wieder zu erscheinen, 
rubinrot und weifigischtig uberschaumend. Es war eine Reklame fur 
eine neue Limonade. Mendel bewunderte sie als die vollkommenste 
Darstellung des nachtlichen Glucks und der goldenen Gesundheit. Er 
lachelte, sah das Bild ein paarmal kommen und verschwinden und 
wandte sich wieder dem Zimmer zu. Da stand aufgeschlagen sein wei- 
fies Bett. In einem Schaukelstuhl wiegte sich Menuchim. »Ich werde 
heute nicht schlafen«, sagte Mendel. »Leg du dich schlafen, ich werde 
neben dir sitzen. Im Winkel hast du geschlafen, in Zuchnow, neben 
dem Herd.« »Ich erinnere mich genau an einen Tag«, begann Menu- 
chim, nahm seine Brille ab, und Mendel sah die nackten Augen seines 
Sohnes, traurig und mude erschienen sie ihm, »ich erinnere mich an 
einen Vormittag, die Sonne ist sehr hell, das Zimmer leer. Da kommst 
du, hebst mich hoch, ich sitze auf einem Tisch, und du klingelst an ein 
Glas mit einem Loffel. Es war ein wunderbares Klingeln, ich wollte, 
ich konnte es heute komponieren und spielen. Dann singst du. Dann 
beginnen die Glocken zu lauten, ganz alte, wie grofte, schwere Loffel 
schlagen sie an riesengrofte Glaser.« »Weiter, weiter«, sagte Mendel. 
Auch er erinnerte sich genau an jenen Tag, an dem Deborah aus dem 
Hause ging, die Reise zu Kapturak vorbereiten. »Das ist aus friihen 
Tagen das einzige!« sagte der Sohn. »Dann kommt die Zeit, wo Billes' 



HIOB 133 

Schwiegersohn, der Geiger, spielt. Jeden Tag, glaube ich, spielt er. Er 
hort zu spielen auf, aber ich hore ihn immer, den ganzen Tag, die 
ganze Nacht.« »Weiter, weiter!« mahnte Mendel in dem Ton, in dem 
er seine Schiiler immer zum Lernen angeeifert hatte. »Dann ist lange 
nichts! Dann sehe ich eines Tages einen groften roten und blauen 
Brand. Ich lege mich auf den Boden. Ich krieche zur Tur. Plotzlich 
reifit mich jemand hoch und treibt mich, ich laufe. Ich bin drauflen, die 
Leute stehen auf der andern Seite der Gasse. Feuer! schreit es aus mir!« 
»Weiter, weiter!« mahnte Mendel. »Ich weift nichts mehr. Man sagte 
mir dann spater, ich ware lange krank und bewufitlos gewesen. Ich 
erinnere mich erst an die Zeiten in Petersburg, ein weifier Saal, weifie 
Betten, viele Kinder in den Betten, ein Harmonium oder eine Orgel 
spielt, und ich singe mit lauter Stimme dazu. Dann fiihrt mich der 
Doktor im Wagen nach Haus. Eine grofie, blonde Frau in einem blaft- 
blauen Kittel spielt Klavier. Sie steht auf. Ich gehe an die Tasten, es 
klingt, wenn ich sie anriihre. Plotzlich spiele ich die Lieder der Orgel 
und alles, was ich singen kann.« »Weiter, weiter!« mahnte Mendel. 
»Ich wiifke nichts weiter, was mich mehr anginge als diese paar Tage. 
Ich erinnere mich an die Mutter. Es war warm und weich bei ihr, ich 
glaube, sie hatte eine sehr tiefe Stimme, und ihr Gesicht war sehr grofi 
und rund wie eine ganze Welt.« »Weiter, weiterU sagte Mendel. »An 
Mirjam, an Jonas, an Schemarjah erinnere ich mich nicht. Von ihnen 
habe ich erst viel spater gehort, durch Billes' Tochter.« 
Mendel seufzte. »Mirjam«, wiederholte er. Sie stand vor ihm, im gold- 
gelben Schal, mit den blauschwarzen Haaren, flink und leichtfiiftig, 
eine junge Gazelle. Seine Augen hatte sie. »Ein schlechter Vater war 
ich«, sagte Mendel. »Dich habe ich schlecht behandelt und sie. Jetzt ist 
sie verloren, keine Medizin kann ihr helfen.« »Wir werden zu ihr 
gehn«, sagte Menuchim. »Ich selbst, Vater, bin ich nicht geheilt wor- 
den?« 

Ja, Menuchim hatte recht. Der Mensch ist unzufrieden, sagte sich 
Mendel. Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nachste sehn. 
Warten, warten, Mendel Singer! Sieh nur, was aus Menuchim, dem 
Kriippel, geworden ist. Schmal sind seine Hande, klug sind seine Au- 
gen, zart sind seine Wangen. 

»Geh, schlafen, Vater!« sagte der Sohn. Er lieft sich auf den Boden 
nieder und zog Mendel Singer die alten Stiefel aus. Er betrachtete die 
Sohlen, die zerrissen waren, gezackte Rander hatten, das gelbe, ge- 



134 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

flickte Oberleder, die ruppig gewordenen Schafte, die durchlocherten 
Socken, die ausgefransten Hosen. Er entkleidete den Alten und legte 
ihn ins Bett. Dann verliefi er das Zimmer, holte aus seinem Koffer ein 
Buch, kehrte zum Vater zuriick, setzte sich in den Schaukelstuhl neben 
das Bett, entziindete die kleine, griine Lampe und begann zu lesen. 
Mendel tat, als ob er schliefe. Er blinzelte durch einen schmalen Spalt 
zwischen den Lidern. Sein Sohn legte das Buch weg und sagte: »Du 
denkst an Mir jam, Vater! Wir werden sie besuchen. Ich werde Arzte 
rufen. Man wird sie heilen. Sie ist noch jung! Schlaf ein!« Mendel 
schlofi die Augen, aber er schlief nicht ein. Er dachte an Mir jam, horte 
die ungewohnten Gerausche der Welt, fuhlte durch die geschlossenen 
Lider die nachtHchen Flammen des heilen Himmels. Er schlief nicht, 
aber es war ihm wohl, er ruhte aus. Mit wachem Kopf lag er gebettet in 
Schlaf und erwartete den Morgen. 

Der Sohn bereitete ihm das Bad, kleidete ihn an, setzte ihn in den 
Wagen. Sie fuhren lange, durch gerauschvolle Strafien, sie verliefien die 
Stadt, sie kamen auf einen langen und breiten Weg, an dessen Randern 
knospende Baume standen. Der Motor summte hell, im Winde wehte 
Mendels Bart. Er schwieg. » Wills t du wissen, wohin wir fahren, Va- 
ter ?« fragte der Sohn. »Nein!« antwortete Mendel. »Ich will nichts 
wissen! Wohin du fahrst, ist es gut.« 

Und sie gelangten in eine Welt, wo der weiche Sand gelb war, das weite 
Meer blau und alle Hauser weifi. Auf der Terrasse vor einem dieser 
Hauser, an einem kleinen, weifien Tischchen, safi Mendel Singer. Er 
schlurfte einen goldbraunen Tee. Auf seinen gebeugten Riicken schien 
die erste warme Sonne dieses Jahres. Die Amseln hiipften dicht an ihn 
heran. Ihre Schwestern floteten indessen vor der Terrasse. Die Wellen 
des Meeres platscherten mit sanftem, regelmafiigem Schlag an den 
Strand. Am blafiblauen Himmel standen ein paar weifie Wolkchen. 
Unter diesem Himmel war es Mendel recht, zu glauben, dafi Jonas sich 
einmal wieder einfinden wiirde und Mirjam heimkehren, »schoner als 
alle Frauen der Welt«, zitierte er im stillen. Er selbst, Mendel Singer, 
wird nach spaten Jahren in den guten Tod eingehen, umringt von vie- 
len Enkeln und »satt am Leben«, wie es im »Hiob« geschrieben stand. 
Er fuhlte ein merkwurdiges und auch verbotenes Verlangen, die Miitze 
aus altem Seidenrips abzulegen und die Sonne auf seinen alten Schadel 
scheinen zu lassen. Und zum erstenmal in seinem Leben entblofite 
Mendel Singer aus freiem Willen sein Haupt, so wie er es nur im Arm 



HIOB 135 

getan hatte und im Bad. Die sparlichen, gekrauselten Harchen auf sei- 
nem kahlen Kopf bewegte ein Friihlingswind wie seltsame, zarte 
Pflanzen. 

So griifke Mendel Singer die Welt. 

Und eine Mowe stiefi wie ein silbernes Geschofi des Himmels unter 
das Zeltdach der Terrasse. Mendel beobachtete ihren jahen Flug und 
die schattenhafte, weifie Spur, die sie in der blauen Luft hinterliefi. 
Da sagte der Sohn: »Nachste Woche fahre ich nach San Franzisko. Auf 
der Riickkehr spielen wir noch zehn Tage in Chicago. Ich denke, Va- 
ter, dafi wir in vier Wochen nach Europa fahren konnen!« 
»Mirjam?« 

»Heute noch werde ich sie sehen, mit Arzten sprechen. Alles wird gut 
werden, Vater. Vielleicht nehmen wir sie mit. Vielleicht wird sie in 
Europa gesund!« 

Sie kehrten ins Hotel zuriick. Mendel ging ins Zimmer seines Sohnes. 
Er war miide. 

»Leg dich auf das Sofa, schlaf ein wenig«, sagte der Sohn. »In zwei 
Stunden bin ich wieder hier!« 

Mendel legte sich gehorsam. Er wufke, wohin sein Sohn ging. Zur 
Schwester ging er. Er war ein wunderbarer Mensch, der Segen ruhte 
auf ihm, gesund wiirde er Mir jam machen. 

Mendel erblickte eine grofie Photographie in rostbraunem Rahmen auf 
dem kleinen Spiegeltisch. »Gib mir das Bild!« bat er. 
Er betrachtete es lange. Er sah die junge, blonde Frau in einem hellen 
Kleid, hell wie der Tag, in einem Garten safi sie, durch den der Wind 
spazierenging und die Straucher am Rande der Beete bewegte. Zwei 
Kinder, ein Madchen und ein Knabe, standen neben einem kleinen, 
eselbespannten Wagen, wie sie in manchen Garten als spielerisches Ve- 
hikel gebraucht werden. 
»Gott segne sie!« sagte Mendel. 

Der Sohn ging. Der Vater blieb auf dem Sofa, die Photographie legte er 
sachte neben sich. Sein miides Auge schweifte durchs Zimmer zum 
Fenster. Von seinem tiefgelagerten Sofa aus konnte er einen vielge- 
zackten, wolkenlosen Ausschnitt des Himmels sehn. Er nahm noch 
einmal das Bild vor. Da war seine Schwiegertochter, Menuchims Frau, 
da waren die Enkel, Menuchims Kinder. Betrachtete er das Madchen 
genauer, glaubte er, ein Kinderbild Deborahs zu sehn. Tot war Debo- 
rah, mit fremden, jenseitigen Augen erlebte sie vielleicht das Wunder. 



I}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Dankbar erinnerte sich Mendel an ihre junge Warme, die er einst geko- 
stet hatte, ihre roten Wangen, ihre halboffenen Augen, die im Dunkel 
der Liebesnachte geleuchtet hatten, schmale, lockende Lichter. Tote 
Deborah! Er stand auf, schob einen Sessel an das Sofa, stellte das Bild 
auf den Sessel und legte sich wieder hin. Wahrend sie sich langsam 
schlossen, nahmen seine Augen die ganze blaue Heiterkeit des Him- 
mels in den Schlaf hiniiber und die Gesichter der neuen Kinder. Neben 
ihnen tauchten aus dem braunen Hintergrund des Portrats Jonas und 
Mirjam auf. Mendel schlief ein. Und er ruhte aus von der Schwere des 
Gliicks und der Grofie der Wunder. 



RADETZKYMARSCH 

Roman 
1932 



ERSTERTEIL 



I 



Die Trottas waren ein junges Geschlecht. Ihr Ahnherr hatte nach der 
Schlacht bei Solferino den Adel bekommen. Er war Slowene. Sipolje - 
der Name des Dorfes, aus dem er stammte - wurde sein Adelspradikat. 
Zu einer besondern Tat hatte ihn das Schicksal ausersehn. Er aber 
sorgte dafur, dafi ihn die spateren Zeiten aus dem Gedachtnis verloren. 
In der Schlacht bei Solferino befehligte er als Leutnant der Infanterie 
einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei 
Schritte vor sich sah er die weifien Riicken seiner Soldaten. Die erste 
Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und si- 
cher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrun- 
ken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde 
war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe. Trotta sprang flugs in jede 
Liicke und schofi aus den verwaisten Gewehren der Toten und Ver- 
wundeten. Bald schlofi er dichter die gelichtete Reihe, bald wieder 
dehnte er sie aus, nach vielen Richtungen spahend mit hundertfach 
gescharftem Auge, nach vielen Richtungen lauschend mit gespanntem 
Ohr. Mitten durch das Knattern der Gewehre klaubte sein flinkes Ge- 
hor die seltenen, hellen Kommandos seines Hauptmanns. Sein scharfes 
Auge durchbrach den blaugrauen Nebel vor den Linien des Feindes. 
Niemals schoft er, ohne zu zielen, und jeder seiner Schiisse traf. Die 
Leute spiirten seine Hand und seinen Blick, hdrten seinen Ruf und 
fuhlten sich sicher. 

Der Feind machte eine Pause. Durch die unabsehbar lange Reihe der 
Front lief das Kommando: »Feuer einstellen!« Hier und dort klapperte 
noch ein Ladestock, hier und dort knallte noch ein Schufi, verspatet 
und einsam. Der blaugraue Nebel zwischen den Fronten lichtete sich 
ein wenig. Man stand auf einmal in der mittaglichen Warme der silber- 
nen, verdeckten, gewitterlichen Sonne. Da erschien zwischen dem 
Leutnant und den Riicken der Soldaten der Kaiser mit zwei Offizieren 
des Generalstabs. Er wollte gerade einen Feldstecher, den ihm einer 
der Begleiter reichte, an die Augen fuhren. Trotta wufke, was das be- 
deutete: Selbst wenn man annahm, dafi der Feind auf dem Ruckzug 



140 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

begriffen war, so stand seine Nachhut gewifi gegen die Osterreicher 
gewendet, und wer einen Feldstecher hob, gab ihr zu erkennen, dafi 
er ein Ziel sei, wiirdig, getroffen zu werden. Und es war der junge 
Kaiser. Trotta fuhlte sein Herz im Halse. Die Angst vor der unaus- 
denkbaren, der grenzenlosen Katastrophe, die ihn selbst, das Regi- 
ment, die Armee, den Staat, die ganze Welt vernichten wiirde, jagte 
gluhende Froste durch seinen Korper. Seine Knie zitterten. Und der 
ewige Groll des subalternen Frontoffiziers gegen die hohen Herren 
des Generalstabs, die keine Ahnung von der bitteren Praxis hatten, 
diktierte dem Leutnant jene Handlung, die seinen Namen unaus- 
loschlich in die Geschichte seines Regiments einpragte. Er griff mit 
beiden Handen nach den Schultern des Monarchen, um ihn niederzu- 
driicken. Der Leutnant hatte wohl zu stark angefafk. Der Kaiser fiel 
sofort um. Die Begleiter stiirzten auf den Fallenden. In diesem Au- 
genblick durchbohrte ein Schufi die linke Schulter des Leutnants, je- 
ner Schufi eben, der dem Herzen des Kaisers gegolten hatte. Wahrend 
er sich erhob, sank der Leutnant nieder. Uberall, die ganze Front ent- 
lang, erwachte das wirre und unregelmafiige Geknatter der erschrok- 
kenen und aus dem Schlummer gerissenen Gewehre. Der Kaiser, un- 
geduldig von seinen Begleitern gemahnt, die gefahrliche Stelle zu ver- 
lassen, beugte sich dennoch iiber den liegenden Leutnant und fragte, 
eingedenk seiner kaiserlichen Pflicht, den Ohnmachtigen, der nichts 
mehr hone, wie er denn heifie. Ein Regimentsarzt, ein Sanitatsunter- 
offizier und zwei Mann mit einer Tragbahre galoppierten herbei, die 
Rucken geduckt und die Kopfe gesenkt. Die Offiziere des General- 
stabs rissen erst den Kaiser nieder und warfen sich dann selbst zu Bo- 
den. »Hier den Leutnant!« rief der Kaiser zum atemlosen Regiments- 
arzt empor. 

Inzwischen hatte sich das Feuer wieder beruhigt. Und wahrend der 
Kadettoffizierstellvertreter vor den Zug trat und mit heller Stimme 
verkiindete: »Ich ubernehme das KommandoU, erhoben sich Franz 
Joseph und seine Begleiter, schnallten die Sanitater vorsichtig den 
Leutnant auf die Bahre, und alle zogen sich zuriick, in die Richtung 
des Regimentskommandos, wo ein schneeweiftes Zelt den nachsten 
Verbandplatz uberdachte. 

Das linke Schliisselbein Trottas war zerschmettert. Das Geschofi, un- 
mittelbar unter dem linken Schulterblatt steckengeblieben, entfernte 
man in Anwesenheit des Allerhochsten Kriegsherrn und unter dem 



RADETZKYMARSCH 141 

unmenschlichen Gebriill des Verwundeten, den der Schmerz aus der 
Ohnmacht geweckt hatte. 

Trotta wurde nach vier Wochen gesund. Als er in seine siidungarische 
Garnison zuriickkehrte, besafi er den Rang eines Hauptmanns, die 
hochste aller Auszeichnungen: den Maria-Theresien-Orden und den 
Adel. Er hieK von nun ab: Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje. 
Als hatte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in 
einer Werkstatt angefertigtes vertauscht, wiederholte er sich jede 
Nacht vor dem Einschlafen und jeden Morgen nach dem Erwachen 
seinen neuen Rang und seinen neuen Stand, trat vor den Spiegel und 
bestatigte sich, daft sein Angesicht das alte war. Zwischen der linki- 
schen Vertraulichkeit, mit der seine Kameraden den Abstand zu iiber- 
winden versuchten, den das unbegreifliche Schicksal plotzlich zwi- 
schen ihn und sie gelegt hatte, und seinen eigenen vergeblichen Bemii- 
hungen, aller Welt mit der gewohnten Unbefangenheit entgegenzutre- 
ten, schien der geadelte Hauptmann Trotta das Gleichgewicht zu ver- 
lieren, und ihm war, als ware er von nun ab sein Leben lang verurteilt, 
in fremden Stiefeln auf einem glatten Boden zu wandeln, von unheim- 
lichen Reden verfolgt und von scheuen Blicken erwartet. Sein Groftva- 
ter noch war ein kleiner Bauer gewesen, sein Vater Rechnungsunterof- 
fizier, spater Gendarmeriewachtmeister im siidlichen Grenzgebiet der 
Monarchic Seitdem er im Kampf mit bosnischen Grenzschmugglern 
ein Auge verloren hatte, lebte er als Militarinvalide und Parkwachter 
des Schlosses Laxenburg, futterte die Schwane, beschnitt die Hecken, 
bewachte im Friihling den Goldregen, spater den Holunder vor raube- 
rischen, unberechtigten Handen und fegte in milden Nachten obdach- 
lose Liebespaare von den wohltatig finstern Banken. Nauirlich und 
angemessen schien der Rang eines gewohnlichen Leutnants der Infan- 
terie dem Sohn eines Unteroffiziers. Dem adeligen und ausgezeichne- 
ten Hauptmann aber, der im fremden und fast unheimlichen Glanz der 
kaiserlichen Gnade umherging wie in einer goldenen Wolke, war der 
leibliche Vater plotzlich ferngeriickt, und die gemessene Liebe, die der 
Nachkomme dem Alten entgegenbrachte, schien ein verandertes Ver- 
halten und eine neue Form des Verkehrs zwischen Vater und Sohn zu 
verlangen. Seit fiinf Jahren hatte der Hauptmann seinen Vater nicht 
gesehen; wohl aber jede zweite Woche, wenn er nach dem ewig unver- 
anderlichen Turnus in den Stationsdienst kam, dem Alten einen kur- 
zen Brief geschrieben, im Wachtzimmer, beim karglichen und unruhi- 



142 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gen Schein der Dienstkerze, nachdem er die Wachen visitiert, die Stun- 
den ihrer Ablosung eingetragen und in die Rubrik »Besondere Vor- 
falle« ein energisches und klares »Keine« gezeichnet hatte, das gleich- 
sam auch nur jede leise Moglichkeit besonderer Vorfalle leugnete. Wie 
Urlaubsscheine und Dienstzettel glichen die Briefe einander, geschrie- 
ben auf gelblichen und holzfaserigen Oktavbogen, die Anrede »Lieber 
Vater!« links, vier Finger Abstand vom oberen Rand und zwei vom 
seitlichen, beginnend mit der kurzen Mitteilung vom Wohlergehen des 
Schreibers, fortfahrend mit der Hoffnung auf das des Empfangers und 
abgeschlossen von der steten, in einen neuen Absatz gefafiten und 
rechts unten im diagonalen Abstand zur Anrede hingemalten Wen- 
dung: »In Ehrfurcht Ihr treuer und dankbarer Sohn Joseph Trotta, 
Leutnant.« Wie aber sollte man jetzt, zumal da man dank dem neuen 
Rang nicht mehr den alten Turnus mitmachte, die gesetzmafiige, fur 
ein ganzes Soldatenleben berechnete Form der Briefe andern und zwi- 
schen die normierten Satze ungewohnliche Mitteilungen von unge- 
wohnlich gewordenen Verhaltnissen riicken, die man selbst noch 
kaum begriffen hatte? An jenem stillen Abend, an dem der Haupt- 
mann Trotta sich zum erstenmal nach seiner Genesung an den von 
spielerischen Messern gelangweilter Manner reichlich zerschnitzten 
und durchkerbten Tisch setzte, um die Pflicht der Korrespondenz zu 
erfiillen, sah er ein, dafi er uber die Anrede »Lieber Vater!« niemals 
hinauskommen wiirde. Und er lehnte die unfruchtbare Feder ans Tin- 
tenfafi, und er zupfte ein Snick vom flackernden Docht der Kerze ab, 
als erhoffte er von ihrem besanftigten Licht einen gliicklichen Einfall 
und eine passende Wendung, und schweifte sachte in Erinnerungen ab, 
an Kindheit, Dorf, Mutter und Kadettenschule. Er betrachtete die rie- 
sigen Schatten, von geringen Gegenstanden an die kahlen, blauge- 
tiinchten Wande geworfen, und die leicht gekriimmte, schimmernde 
Linie des Sabels am Haken neben der Tiir und, durch den Korb des 
Sabels gesteckt, das dunkle Halsband. Er lauschte dem unermudlichen 
Regen draufien und seinem trommelnden Gesang am blechbeschlage- 
nen Fensterbrett. Und er erhob sich endlich mit dem Entschluft, den 
Vater in der nachsten Woche zu besuchen, nach vorgeschriebener 
Dank-Audienz beim Kaiser, zu der man ihn in einigen Tagen abkom- 
mandieren sollte. 

Eine Woche spater fuhr er unmittelbar von der Audienz, die aus knap- 
pen zehn Minuten bestanden hatte, nicht mehr als aus zehn Minuten 



RADETZKYMARSCH I43 

kaiserlicher Huld und jener zehn oder zwolf aus Akten gelesenen Fra- 
gen, auf die man in strammer Haltung ein »Jawohl, Majestat!« wie 
einen sanften, aber bestimmten Flintenschufi abfeuern mufite, im Fia- 
ker zu seinem Vater nach Laxenburg. Er traf den Alten in der Kiiche 
seiner Dienstwohnung, in Hemdsarmeln, am blankgehobelten, nack- 
ten Tisch, auf dem ein dunkelblaues Taschentuch mit roten Saumen 
lag, vor einer geraumigen Tasse mit dampfendem und wohlriechendem 
Kaffee. Der knotenreiche, rotbraune Stock aus Weichselholz hing mit 
der Kriicke an der Tischkante und schaukelte leise. Ein runzliger Le- 
derbeutel mit faserigem Knaster lag dick geschwellt und halb offen 
neben der langen Pfeife aus weifiem, gebrauntem, gelblichem Ton. Ihre 
Farbung paftte zu dem machtigen, weifien Schnurrbart des Vaters. 
Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje stand mitten in dieser armlichen 
und ararischen Traulichkeit wie ein militarischer Gott, mit glitzernder 
Feldbinde, lackiertem Helm, der eine Art eigenen schwarzen Sonnen- 
scheins verbreitete, in glatten, feurig gewichsten Zugstiefeln, mit 
schimmernden Sporen, mit zwei Reihen glanzender, beinahe flackern- 
der Knopfe am Rock und von der iiberirdischen Macht des Maria- 
Theresien-Ordens gesegnet. Also stand der Sohn vor dem Vater, der 
sich langsam erhob, als wollte er durch die Langsamkeit der Begrii- 
Eung den Glanz des Jungen wettmachen. Hauptmann Trotta kiifke die 
Hand seines Vaters, beugte den Kopf tiefer und empfing einen Kuft auf 
die Stirn und einen auf die Wange. »Setz dich!« sagte der Alte. Der 
Hauptmann schnallte Teile seines Glanzes ab und setzte sich. »Ich gra- 
tulier' dir!« sagte der Vater mit gewohnlicher Stimme, im harten 
Deutsch der Armee-Slawen. Er liefi die Konsonanten wie Gewitter 
hervorbrechen und beschwerte die Endsilben mit kleinen Gewichten. 
Vor fiinf Jahren noch hatte er zu seinem Sohn slowenisch gesprochen, 
obwohl der Junge nur ein paar Worte verstand und nicht ein einziges 
selbst hervorbrachte. Heute aber mochte dem Alten der Gebrauch sei- 
ner Muttersprache von dem so weit durch die Gnade des Schicksals 
und des Kaisers entriickten Sohn als eine gewagte Zutraulichkeit er- 
scheinen, wahrend der Hauptmann auf die Lippen des Vaters achtete, 
um den ersten slowenischen Laut zu begriiften, wie etwas vertraut Fer- 
nes und verloren Heimisches. »Gratuliere, gratuliere!« wiederholte der 
Wachtmeister donnernd. »Zu meiner Zeit ist es nie so schnell gegan- 
gen! Zu meiner Zeit hat uns noch der Radetzky gezwiebelt!« Es ist 
tatsachlich aus ! dachte der Hauptmann Trotta. Getrennt von ihm war 



144 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Vater durch einen schweren Berg militarischer Grade. »Haben Sie 
noch Rakija, Herr Vater ?« sagte er, um den letzten Rest der familiaren 
Gemeinsamkeit zu bestatigen. Sie tranken, stiefien an, tranken wieder, 
nach jedem Trunk achzte der Vater, verlor sich in einem unendlichen 
Husten, wurde blaurot, spuckte, beruhigte sich langsam und begann, 
Allerweltsgeschichten aus der eigenen Militarzeit zu erzahlen, mit der 
unbezweifelbaren Absicht, Verdienste und Karriere des Sohnes gerin- 
ger erscheinen zu lassen. Schliefilich erhob sich der Hauptmann, kiifite 
die vaterliche Hand, empfing den vaterlichen Kufi auf Stirn und 
Wange, giirtete den Sabel um, setzte den Tschako auf und ging - mit 
dem sichern Bewufitsein, dafi er den Vater zum letztenmal in diesem 
Leben gesehen hatte . . . 

Es war das letztemal gewesen. Der Sohn schrieb dem Alten die ge- 
wohnten Briefe, es gab keine andere sichtbare Beziehung mehr zwi- 
schen beiden - losgelost war der Hauptmann Trotta von dem langen 
Zug seiner bauerlichen slawischen Vorfahren. Ein neues Geschlecht 
brach mit ihm an. Die runden Jahre rollten nacheinander ab wie gleich- 
mafiige, friedliche Rader. Standesgemafi heiratete Trotta die nicht 
mehr ganz junge, begiiterte Nichte seines Obersten, Tochter eines Be- 
zirkshauptmanns im westlichen Bohmen, zeugte einen Knaben, genoft 
das Gleichmafi seiner gesunden, militarischen Existenz in der kleinen 
Garnison, ritt jeden Morgen zum Exerzierplatz, spielte nachmittags 
Schach mit dem Notar im Kaffeehaus, wurde heimisch in seinem Rang, 
seinem Stand, seiner Wurde und seinem Ruhm. Er besafi eine durch- 
schnittliche militarische Begabung, von der er jedes Jahr bei den Ma- 
novern durchschnittliche Proben ablegte, war ein guter Gatte, mifi- 
trauisch gegen Frauen, den Spielen fern, murrisch, aber gerecht im 
Dienst, grimmiger Feind jeder Luge, unmannlichen Gebarens, feiger 
Geborgenheit, geschwatzigen Lobs und ehrgeiziger Siichte. Er war so 
einfach und untadelig wie seine Konduitenliste, und nur der Zorn, der 
ihn manchmal ergriff, hatte einen Kenner der Menschen ahnen lassen, 
daft auch in der Seele des Hauptmanns Trotta die nachtlichen Ab- 
griinde dammerten, in denen die Stiirme schlafen und die unbekannten 
Stimmen namenloser Ahnen. 

Er las keine Biicher, der Hauptmann Trotta, und bemitleidete im stil- 
len seinen heranwachsenden Sohn, der anfangen mufite, mit Griffel, 
Tafel und Schwamm, Papier, Lineal und Einmaleins zu hantieren, und 
auf den die unvermeidlichen Lesebucher bereits warteten. Noch war 



RADETZKYMARSCH 145 

der Hauptmann iiberzeugt, daft auch sein Sohn Soldat werden miisse. 
Es fiel ihm nicht ein, daft (von nun bis zum Erloschen des Geschlechts) 
ein Trotta einen andern Beruf wiirde ausiiben konnen. Wenn er zwei, 
drei, vier Sonne gehabt hatte - aber seine Frau war schwachlich, 
brauchte Arzt und Kuren, und Schwangerschaft brachte sie in Ge- 
fahr-, alle waren sie Soldaten geworden. So dachte damals noch der 
Hauptmann Trotta. Man sprach von einem neuen Krieg, er war jeden 
Tag bereit. Ja, es schien ihm fast gewift, daft er ausersehen war, in der 
Schlacht zu sterben. Seine solide Einfalt hielt den Tod im Feld fur eine 
notwendige Folge kriegerischen Ruhms. Bis er eines Tages das erste 
Lesebuch seines Sohnes, der gerade fiinf Jahre alt geworden war und 
den ein Hauslehrer schon, dank dem Ehrgeiz der Mutter, die Note der 
Schule viel zu friih schmecken liefi, mit lassiger Neugier in die Hand 
nahm. Er las das gereimte Morgengebet, es war seit Jahrzehnten das 
gleiche, er erinnerte sich noch daran. Er las die »Vier Jahreszeiten«, 
den »Fuchs und den Hasen«, den »K6nig der Tiere«. Er schlug das 
Inhaltsverzeichnis auf und fand den Titel eines Lesestiickes, das ihn 
selbst zu betreffen schien, denn es hiefi: »Franz Joseph der Erste in der 
Schlacht bei Solferino«; las und mufite sich setzen. »In der Schlacht bei 
Solferino« - so begann der Abschnitt - »geriet unser Kaiser und Konig 
Franz Joseph der Erste in grofte Gefahr.« Trotta selbst kam darin vor. 
Aber in welcher Verwandlung! »Der Monarch« - hiefi es - »hatte sich 
im Eifer des Gefechts so weit vorgewagt, daft er sich plotzlich von 
feindlichen Reitern umdrangt sah. In diesem Augenblick der hochsten 
Not sprengte ein blutjunger Leutnant auf schweiftbedecktem Fuchs 
herbei, den Sabel schwingend. Hei! wie fielen da die Hiebe auf Kopf 
und Nacken der feindlichen Reiter!« Und ferner: »Eine feindliche 
Lanze durchbohrte die Brust des jungen Helden, aber die Mehrzahl 
der Feinde war bereits erschlagen. Den blanken Degen in der Hand, 
konnte sich der junge, unerschrockene Monarch leicht der immer 
schwacher werdenden Angriffe erwehren. Damals geriet die ganze 
feindliche Reiterei in Gefangenschaft. Der junge Leutnant aber - Jo- 
seph Ritter von Trotta war sein Name - bekam die hochste Auszeich- 
nung, die unser Vaterland seinen Heldensohnen zu vergeben hat: den 
Maria-Theresien-Orden.« 

Hauptmann Trotta ging, das Lesebuch in der Hand, in den kleinen 
Obstgarten hinter das Haus, wo sich seine Frau an linderen Nachmit- 
tagen beschaftigte, und fragte sie, die Lippen blaft, mit ganz leiser 



I46 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Stimme, ob ihr das infame Lesestuck bekannt gewesen sei. Sie nickte 
lachelnd. »Es ist eine Liige!« schrie der Hauptmann und schleuderte 
das Buch auf die feuchte Erde. »Es ist fiir Kinder«, antwortete sanft 
seine Frau. Der Hauptmann kehrte ihr den Riicken. Der Zorn schiit- 
telte ihn wie der Sturm einen schwachen Strauch. Er ging schnell ins 
Haus, sein Herz flatterte. Es war die Stunde des Schachspiels. Er nahm 
den Sabel vom Haken, schnallte den Gurt mit einem bosen und hefti- 
gen Ruck um den Leib und verliefi mit wilden und langen Schritten das 
Haus. Wer ihn sah, konnte glauben, dafi er ausziehe, ein Schock 
Feinde zu erlegen. Nachdem er im Kaffeehaus, ohne noch ein Wort 
gesprochen zu haben, vier tiefe Querfurchen auf der blassen, schmalen 
Stirn unter dem harten, kurzen Haar, zwei Partien verloren hatte, warf 
er mit einer grimmen Hand die klappernden Figuren um und sagte zu 
seinem Partner: »Ich mufi mich mit Ihnen beraten!« - Pause. - »Man 
hat mit mir Mifibrauch getrieben«, begann er wieder, sah geradewegs 
in die blitzenden Brillenglaser des Notars und merkte nach einer 
Weile, dafi ihm die Worte fehlten. Er hatte das Lesebuch mitnehmen 
miissen. Mit diesem odiosen Gegenstand in Handen ware ihm die Er- 
klarung bedeutend leichter gef alien. »Was fiir ein Mifibrauch ?« fragte 
der Jurist. »Ich habe nie bei der Kavallerie gedient«, glaubte Haupt- 
mann Trotta am besten anfangen zu miissen, obwohl er selbst einsah, 
dafi man ihn so nicht begreifen konnte. »Und da schreiben diese 
schamlosen Schreiber in den Kinderbuchern, dafi ich auf einem Fuchs, 
einem schweifibedeckten Fuchs, schreiben sie, herangesprengt bin, um 
den Monarchen zu retten, schreiben sie.« - Der Notar verstand. Er 
selbst kannte das Lesestuck aus den Biichern seiner Sonne. »Sie iiber- 
schatzen das, Herr Hauptmann«, sagte er. »Bedenken Sie, es ist fiir 
Kinder !« Trotta sah ihn erschrocken an. In diesem Augenblick schien 
es ihm, dafi sich die ganze Welt gegen ihn verbundet hatte: die Schrei- 
ber der Lesebiicher, der Notar, seine Frau, sein Sohn, der Hauslehrer. 
»Alle historischen Taten«, sagte der Notar, »werden fiir den Schulge- 
brauch anders dargestellt. Es ist auch so richtig, meiner Meinung nach. 
Die Kinder brauchen Beispiele, die sie begreifen, die sich ihnen einpra- 
gen. Die richtige Wahrheit erfahren sie dann spater!« »Zahlen!« rief 
der Hauptmann und erhob sich. Er ging in die Kaserne, uberraschte 
den diensthabenden Offizier, Leutnant Amerling, mit einem Fraulein 
in der Schreibstube des Rechnungsunteroffiziers, visitierte selbst die 
Wachen, liefi den Feldwebel holen, bestellte den Unteroffizier vom 



RADETZKYMARSCH 147 

Dienst zum Rapport, liefi die Kompame antreten und befahl Gewehr- 
iibungen im Hof. Man geho rente verworren und zitternd. In jedem 
Zug fehlten ein paar Mann, sie waren unauffindbar. Hauptmann 
Trotta befahl, die Namen zu verlesen. »Abwesende morgen zum 
Rapport!« sagte er zum Leutnant. Mit keuchendem Atem machte die 
Mannschaft Gewehriibungen. Es klapperten die Ladestocke, es flogen 
die Riemen, die heifien Hande schlugen klatschend auf die kiihlen, me- 
tallenen Laufe, die machtigen Kolben stampften auf den dumpfen, 
weichen Boden. »Laden!« kommandierte der Hauptmann. Die Luft 
zitterte von dem hohlen Geknatter der blinden Patronen. »Eine halbe 
Stunde Salutierubungen!« kommandierte der Hauptmann. Nach zehn 
Minuten anderte er den Befehl. »Kniet nieder zum Gebet!« Beruhigt 
lauschte er dem dumpfen Aufprall der harten Knie auf Erde, Schotter 
und Sand. Noch war er Hauptmann, Herr seiner Kompanie. Diesen 
Schreibern wird er's schon zeigen. 

Er ging heute nicht ins Kasino, er afi nicht einmal, er legte sich schla- 
fen. Er schlief traumlos und schwer. Den nachsten Morgen beim Offi- 
ziersrapport brachte er knapp und klingend seine Beschwerde vor den 
Obersten. Sie wurde weitergeleitet. Und nun begann das Martyrium 
des Hauptmanns Joseph Trotta, Ritter von Sipolje, des Ritters der 
Wahrheit. Es dauerte Wochen, bis vom Kriegsministerium die Ant- 
wort kam, daft die Beschwerde an das Kultur- und Unterrichtsministe- 
rium weitergegeben sei. Und abermals vergingen Wochen, bis eines 
Tages die Antwort des Ministers einlief. Sie lautete: 

»Euer Hochwohlgeboren, 
sehr geehrter Herr Hauptmann! 

In Erwiderung auf Euer Hochwohlgeboren Beschwerde, betreffend 
Lesebuchstiick Nummer fiinfzehn der autorisierten Lesebiicher fiir 
osterreichische Volks- und Burgerschulen nach dem Gesetz vom 
n.Juli 1864, verfafit und herausgegeben von den Professoren Weidner 
und Srdcny, erlaubt sich der Herr Unterrichtsminister respektabelst, 
Euer Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit auf den Umstand zu lenken, 
dafi die Lesebuchstucke von historischer Bedeutung, insbesondere die- 
jenigen, die Seine Majestat, den Kaiser Franz Joseph hdchstpersonlich, 
sowie auch andere Mitglieder des Allerhochsten Herrscherhauses be- 
treffen, laut Erlafi vom 2i.Marz 1840, dem Fassungsvermogen der 
Schuler angepafit und bestmoglichen padagogischen Zwecken entspre- 



148 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

chend gehalten sein sollen. Besagtes, in Euer Hochwohlgeboren Be- 
schwerde erwahntes Lesestiick Nummer fiinfzehn hat Seiner Exzel- 
lenz dem Herrn Kultusminister personlich vorgelegen und ist dasselbe 
von ihm zum Schulgebrauch autorisiert worden. In den Intentionen 
der hohen sowie auch nicht minder der niederen Schulbehorden ist es 
gelegen, den Schiilern der Monarchic die heroischen Taten der Armee- 
angehorigen dem kindlichen Charakter, der Phantasie und den patrio- 
tischen Gefuhlen der heranwachsenden Generationen entsprechend 
darzustellen, ohne die Wahrhaftigkeit der geschilderten Ereignisse zu 
verandern, aber auch, ohne sie in dem trockenen, jeder Aneiferung der 
Phantasie wie der patriotischen Gefiihle entbehrenden Tone wiederzu- 
geben. Zufolge dieser und ahnlicher Erwagungen ersucht der Unter- 
zeichnete Euer Hochwohlgeboren respektvollst, von Euer Hochwohl- 
geboren Beschwerde Abstand nehmen zu wollen.« 
Dieses Schriftstiick war vom Kultus- und Unterrichtsminister gezeich- 
net. Der Oberst ubergab es dem Hauptmann Trotta mit den vaterli- 
chen Worten: »Lafi die Geschichte!« 

Trotta nahm es entgegen und schwieg. Eine Woche spater ersuchte er 
auf dem vorgeschriebenen Dienstwege um eine Audienz bei Seiner 
Majestat, und drei Wochen spater stand er am Vormittag in der Burg, 
Aug' in Aug 5 gegeniiber seinem Allerhochsten Kriegsherrn. 
»Sehn Sie zu, lieber Trotta !« sagte der Kaiser. »Die Sache ist recht 
unangenehm. Aber schlecht kommen wir beide dabei nicht weg! Las- 
sen S* die Geschicht'!« 

»Majestat«, erwiderte der Hauptmann, »es ist eine Liige!« 
»Es wird viel gelogen«, bestatigte der Kaiser. 
»Ich kann nicht, Majestat«, wiirgte der Hauptmann hervor. 
Der Kaiser trat nahe an den Hauptmann. Der Monarch war kaum gro- 
wer als Trotta. Sie sahen sich in die Augen. 

»Meine Minister«, begann Franz Joseph, »miissen selber wissen, was 
sie tun. Ich mufi mich auf sie verlassen. Verstehen Sie, lieber Haupt- 
mann Trotta?« Und, nach einer Weile: »Wir wollen's besser machen. 
Sie sollen es sehen!« 
Die Audienz war zu Ende. 

Der Vater lebte noch. Aber Trotta fuhr nicht nach Laxenburg. Er 
kehrte in die Garnison zuriick und bat um seine Entlassung aus der 
Armee. 
Er wurde als Major entlassen. Er iibersiedelte nach Bohmen, auf das 



RADETZKYMARSCH 149 

kleine Gut seines Schwiegervaters. Die kaiserliche Gnade verliefi ihn 
nicht. Ein paar Wochen spater erhielt er die Mitteilung, dafi der Kaiser 
geruht habe, dem Sohn seines Lebensretters fur Studienzwecke aus der 
Privatschatulle fiinftausend Gulden anzuweisen. Gleichzeitig erfolgte 
die Erhebung Trottas in den Freiherrnstand. 

Joseph Trotta, Freiherr von Sipolje, nahm die kaiserlichen Gaben mifi- 
mutig entgegen, wie Beleidigungen. Der Feldzug gegen die PreufSen 
wurde ohne ihn gefuhrt und verloren. Er grollte. Schon wurden seine 
Schlafen silbrig, sein Auge matt, sein Schritt langsam, seine Hand 
schwer, sein Mund schweigsamer als zuvor. Obwohl er ein Mann in 
den besten Jahren war, sah er aus, als wiirde er schnell alt. Vertrieben 
war er aus dem Paradies der einfachen Glaubigkeit an Kaiser und Tu- 
gend, Wahrheit und Recht, und gefesselt in Dulden und Schweigen, 
mochte er wohl erkennen, dafi die Schlauheit den Bestand der Welt 
sicherte, die Kraft der Gesetze und den Glanz der Majestaten. Dank 
dem gelegentlich geaufierten Wunsch des Kaisers verschwand das Le- 
sebuchstiick Nummer funfzehn aus den Schulbuchern der Monarchic 
Der Name Trotta verblieb lediglich in den anonymen Annalen des Re- 
giments. Der Major lebte dahin als der unbekannte Trager friih ver- 
schollenen Ruhms, gleich einem fliichtigen Schatten, den ein heimlich 
geborgener Gegenstand in die helle Welt des Lebendigen schickt. Auf 
dem Gut seines Schwiegervaters hantierte er mit Gieflkanne und Gar- 
tenschere, und ahnlich wie sein Vater im Schloftpark von Laxenburg 
beschnitt der Baron die Hecken und mahte den Rasen, bewachte er im 
Fruhling den Goldregen und spater den Holunder vor rauberischen 
und unbefugten Handen, ersetzte er miirbe gewordene Zaunlatten 
durch frische und blankgehobelte, richtete er Gerat und Geschirr, 
zaumte und sattelte eigenhandig die Braunen, erneuerte rostige Schlos- 
ser an Pforte und Tor, legte bedachtig sauber geschnitzte, holzerne 
Stiitzen zwischen miide Angeln, die sich senkten, blieb tagelang im 
Wald, schofi Kleintier, nachtigte beim Forster, kiimmerte sich um 
Hiihner, Dung und Ernte, Obst und Spalierblumen, Knecht und Kut- 
scher. Knauserig und mifkrauisch erledigte er Einkaufe, zog mit spit- 
zen Fingern Miinzen aus dem filzigen Ledersackchen und barg es wie- 
der an der Brust. Er wurde ein kleiner slowenischer Bauer. Manchmal 
kam noch sein alter Zorn iiber ihn und schuttelte ihn wie ein starker 
Sturm einen schwachen Strauch. Dann schlug er den Knecht und die 
Flanken der Pferde, schmetterte die Tiiren ins Schloft, das er selbst 



IJO ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gerichtet hatte, bedrohte die Taglohner mit Mord und Vernichtung, 
schob am Mittagstisch den Teller mit bosem Schwung von sich, fastete 
und knurrte. Neben ihm lebten, schwach und kranklich, die Frau in 
getrennten Zimmern, der Junge, der den Vater nur bei Tische sah und 
dessen Zeugnisse ihm zweimal jahrlich vorgelegt wurden, ohne dafi sie 
ihm Lob oder Tadel entlockt hatten, der Schwiegervater, der heiter 
seine Pension verzehrte, die Madchen liebte, wochenlang in der Stadt 
blieb und seinen Schwiegersohn furchtete. Er war ein kleiner, alter 
slowenischer Bauer, der Baron Trotta. Immer noch schrieb er zweimal 
im Monat, am spaten Abend bei flackernder Kerze, dem Vater einen 
Brief auf gelblichen Oktavbogen, vier Mannesfinger Abstand von 
oben, zwei Mannesfinger Abstand vom seitlichen Rand die Anrede 
»Lieber Vater !« Sehr selten erhielt er eine Antwort. 
Wohl dachte der Baron manchmal daran, seinen Vater zu besuchen. 
Langst hatte er Heimweh nach dem Wachtmeister der karglichen, ara- 
rischen Armut, dem faserigen Knaster und dem selbstgebrannten Ra- 
kija. Aber der Sohn scheme die Kosten, nicht anders als es sein Vater, 
sein Grofivater, sein Urgrofi vater getan hatten. Jetzt war er dem Invali- 
den im Laxenburger Schlofi wieder naher als vor Jahren, da er im fri- 
schen Glanz seines neuen Adels in der blaugetiinchten Kiiche der klei- 
nen Dienstwohnung gesessen und Rakija getrunken hatte. Mit der 
Frau sprach er nie von seiner Abkunft. Er fuhlte, dafi die Tochter des 
alteren Staatsbeamtengeschlechts ein verlegener Hochmut von einem 
slowenischen Wachtmeister trennen wiirde. Also lud er den Vater 
nicht ein. 

Einmal, es war ein heller Tag im Marz, der Baron stampfte liber die 
harten Schollen zum Gutsverwalter, brachte ihm ein Knecht einen 
Brief von der Schlofiverwaltung Laxenburg. Der Invalide war tot, 
schmerzlos entschlafen im Alter von einundachtzig Jahren. Der Baron 
Trotta sagte nur: »Geh zur Frau Baronin, mein Koffer soil gepackt 
werden, ich fahr' abends nach WienU Er ging weiter, ins Haus des 
Verwalters, erkundigte sich nach der Saat, sprach vom Wetter, gab 
Auftrag, drei neue Pfluge zu bestellen, den Tierarzt am Montag kom- 
men zu las sen und die Hebamme heute noch zur schwangeren Magd, 
sagte beim Abschied: »Mein Vater ist gestorben. Ich werde drei Tage 
in Wien sein!«, salutierte mit einem nachlassigen Finger und ging. 
Sein Koffer war gepackt, man spannte die Pferde vor den Wagen, es 
war eine Stunde Fahrt bis zur Station. Er afi hastig die Suppe und das 



RADETZKYMARSCH 151 

Fleisch. Dann sagte er zur Frau: »Ich kann nicht weiter! Mein Vater 
war ein guter Mann. Du hast ihn nie gesehen!« War es ein Nachruf? 
War's eine Klage? »Du kommst mit!« sagte er zu seinem erschrocke- 
nen Sohn. Die Frau erhob sich, um auch die Sachen des Knaben zu 
packen. Wahrend sie einen Stock hoher beschaftigt war, sagte Trotta 
zum Kleinen: »Jetzt wirst du deinen Groftvater sehen.« Der Knabe 
zitterte und senkte die Augen. 

Der Wachtmeister war aufgebahrt, als sie ankamen. Er lag mit machti- 
gem, gestraubtem Schnurrbart, von acht meterlangen Kerzen und zwei 
invaliden Kameraden bewacht, in dunkelblauer Uniform, mit drei 
blinkenden Medaillen an der Brust, auf dem Katafalk in seinem Wohn- 
zimmer. Eine Ursulinerin betete in der Ecke neben dem einzigen, ver- 
hangenen Fenster. Die Invaliden standen stramm, als Trotta eintrat. Er 
trug die Majorsuniform mit dem Maria-Theresien-Orden, kniete nie- 
der, sein Sohn fiel zu Fufien des Toten ebenfalls auf die Knie, vor dem 
jungen Angesicht die machtigen Stiefelsohlen der Leiche. Der Baron 
Trotta fiihlte zum erstenmal im Leben einen schmalen, scharfen Stich 
in der Gegend des Herzens. Seine kleinen Augen blieben trocken. Er 
murmelte ein, zwei, drei Vaterunser, aus frommer Verlegenheit, erhob 
sich, beugte sich liber den Toten, kuflte den machtigen Schnurrbart, 
winkte den Invaliden und sagte zu seinem Sohn: »Komm!« 
»Hast du ihn gesehen?« fragte er drauften. 
»Ja«, sagte der Knabe. 

»Er war nur ein Gendarmeriewachtmeister«, sagte der Vater, »ich habe 
dem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet - und 
dann haben wir die Baronie bekommen.« 
Der Junge sagte nichts. 

Man begrub den Invaliden auf dem kleinen Friedhof in Laxenburg, 
Militarabteilung. Sechs dunkelblaue Kameraden trugen den Sarg von 
der Kapelle zum Grabe. Der Major Trotta, in Tschako und Paradeuni- 
form, hielt die ganze Zeit eine Hand auf der Schulter seines Sohnes. 
Der Knabe schluchzte. Die traurige Musik der Militarkapelle, der 
wehmiitige und eintonige Singsang der Geistlichen, der immer wieder 
horbar wurde, wenn die Musik eine Pause machte, der sanft verschwe- 
bende Weihrauch bereiteten dem Jungen einen unbegreif lichen, wiir- 
genden Schmerz. Und die Gewehrschusse, die ein Halbzug iiber dem 
Grab abfeuerte, erschiitterten ihn mit ihrer lang nachhallenden Uner- 
bittlichkeit. Man schoft soldatische Griifte der Seele des Toten nach, 



I52 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die geradewegs in den Himmel zog, fur immer und ewig dieser Erde 
entschwunden. 

Vater und Sohn fuhren zuriick. Unterwegs, die ganze Zeit, schwieg der 
Baron. Nur als sie die-Eisenbahn verlieften und hinter dem Garten der 
Station den Wagen, der sie erwartete, bestiegen, sagte der Major: »Ver- 
gifi ihn nicht, den Grofivater!« 

Und der Baron ging wieder seinem gewohnten Tagewerk nach. Und 
die Jahre rollten dahin wie gleichmafiige, friedliche, stumme Rader. 
Der Wachtmeister war nicht die letzte Leiche, die der Baron zu bestat- 
ten hatte. Er begrub zuerst seinen Schwiegervater, ein paar Jahre spater 
seine Frau, die schnell, bescheiden und ohne Abschied nach einer hef- 
tigen Lungenentziindung gestorben war. Er gab seinen Jungen in ein 
Pensionat nach Wien und verfugte, dafi der Sohn niemals aktiver Sol- 
dat werden diirfte. Er blieb allein auf dem Gut, im weifien, geraumigen 
Haus, durch das noch der Atem der Verstorbenen ging, sprach nur mit 
dem Forster, dem Verwalter, dem Knecht und dem Kutscher. Immer 
seltener brach die Wut aus ihm. Das Gesinde aber spiirte standig seine 
baurische Faust, und sein zorngeladenes Schweigen lag wie ein hartes 
Joch iiber den Nacken der Leute. Vor ihm wehte furchtsame Stille 
einher wie vor einem Gewitter. Zweimal im Monat empfing er gehor- 
same Briefe seines Kindes. Einmal im Monat antwortete er in zwei 
kurzen Satzen, auf kleinen, sparsamen Zetteln, den Respektsrandern, 
die er von den erhaltenen Briefen abgetrennt hatte. Einmal im Jahr, am 
achtzehnten August, dem Geburtstag des Kaisers, fuhr er in Uniform 
in die nachste Garnisonstadt. Zweimal im Jahr kam der Sohn zu Be- 
such, in den Weihnachts- und in den Sommerferien. An jedem Weih- 
nachtsabend erhielt der Junge drei harte silberne Gulden, die er durch 
Unterschrift quittieren mufite und niemals mitnehmen durfte. Die 
Gulden gelangten noch am selben Abend in eine Kassette, in die Lade 
des Alten. Neben den Gulden lagen die Schulzeugnisse. Sie kiindeten 
von des Sohnes ordentlichem Fleift und seiner maftigen, stets hinrei- 
chenden Begabung. Niemals erhielt der Knabe ein Spielzeug, niemals 
ein Taschengeld, niemals ein Buch, abgesehen von den vorgeschriebe- 
nen Schulbuchern. Er schien nichts zu entbehren. Er besaft einen sau- 
bern, nuchternen und ehrlichen Verstand. Seine karge Phantasie gab 
ihm keinen anderen Wunsch ein als den, die Schuljahre, so schnell es 
ging, zu uberstehen. 
Er war achtzehn Jahre alt, als ihm der Vater am Weihnachts abend 



RADETZKYMARSCH 153 

sagte: »Dies Jahr kriegst du keine drei Gulden mehr! Du darfst dir 
gegen Quittung neun aus der Kassette nehmen. Gib acht mit den Ma- 
deln! Die meisten sind krank!« Und, nach einer Pause: »Ich habe be- 
schlossen, dafi du Jurist wirst. Bis dahin hast du noch zwei Jahre. Mit 
dem Militar hat es Zeit. Man kann's aufschieben, bis du fertig bist.« 
Der Junge nahm die neun Gulden ebenso gehorsam entgegen wie den 
Wunsch des Vaters. Er besuchte die Madchen selten, wahlte sorgfaltig 
unter ihnen und besaf? noch sechs Gulden, als er in den Sommerferien 
wieder heimkam. Er bat den Vater um die Erlaubnis, einen Freund 
einzuladen. »Gut«, sagte etwas erstaunt der Major. Der Freund kam 
mit wenig Gepack, aber einem umfangreichen Malkasten, der dem 
Hausherrn nicht gefiel. »Er malt?« fragte der Alte. »Sehr schonU sagte 
Franz, der Sohn. »Er soil keine Kleckse im Haus machen! Er soil die 
Landschaft malen!« Der Gast make zwar draufien, aber keineswegs die 
Landschaft. Er portratierte den Baron Trotta aus dem Gedachtnis. Je- 
den Tag am Tisch lernte er die Ziige seines Hausherrn auswendig. 
»Was fixiert Er mich?« fragte der Baron. Beide Jungen wurden rot und 
sahen aufs Tischtuch. Das Portrat kam dennoch zustande und wurde 
dem Alten beim Abschied im Rahmen uberreicht. Er studierte es be- 
dachtig und lachelnd. Er drehte es um, als suchte er auf der Ruckseite 
noch weitere Einzelheiten, die auf der vorderen Flache ausgelassen sein 
mochten, hielt es gegen das Fenster, dann weit vor die Augen, betrach- 
tete sich im Spiegel, verglich sich mit dem Portrat und sagte schlieft- 
lich: »Wo soil es hangen?« Es war seit vielen Jahren seine erste Freude. 
»Du kannst deinem Freund Geld borgen, wenn er was braucht«, sagte 
er leise zu Franz. »Vertragt euch nur gut!« Das Portrat war und blieb 
das einzige, was man jemals vom alten Trotta angefertigt hatte. Es hing 
spater im Wohnzimmer seines Sohnes und beschaftigte noch die Phan- 
tasie des Enkels . . . 

Inzwischen erhielt es den Major ein paar Wochen in seltener Laune. Er 
hangte es bald an diese, bald an jene Wand, betrachtete mit geschmei- 
cheltem Wohlgefallen seine harte, vorspringende Nase, seinen bartlo- 
sen, blassen und schmalen Mund, die mageren Backenknochen, die wie 
Hugel vor den kleinen, schwarzen Augen lagen, und die kurze, vielge- 
furchte Stirn, iiberdacht von dem scharf gestutzten, borstigen und sta- 
chelig vorgeneigten Haar. Er lernte erst jetzt sein Angesicht kennen, er 
hielt manchmal stumme Zwiesprache mit seinem Angesicht. Es weckte 
in ihm nie gekannte Gedanken, Erinnerungen, unfaEbare, rasch ver- 



154 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schwimmende Schatten von Wehmut. Er hatte erst des Bildes bedurft, 
um sein fruhes Alter und seine grofie Einsamkeit zu erfahren, aus der 
bemalten Leinwand stromten sie ihm entgegen, die Einsamkeit und das 
Alter. War es immer so? fragte er sich. Immer war es so? Ohne Absicht 
ging er hie und da auf den Friedhof, zum Grab seiner Frau, betrachtete 
den grauen Sockel und das kreideweifie Kreuz, das Datum der Geburt 
und des Sterbetages, berechnete, dafi sie zu friih gestorben war, und 
gestand, dafi er sich ihrer nicht genau erinnern konnte. Ihre Hande 
zum Beispiel hatte er vergessen. »China-Eisenwein« kam ihm in den 
Sinn, eine Arznei, die sie lange Jahre hindurch genommen hatte. Ihr 
Gesicht? Er konnte es noch mit geschlossenen Augen heraufbeschwo- 
ren, bald verschwand es und verschwamm in rotlichem, kreisrundem 
Dammer. Er wurde milde in Haus und Hof, streichelte manchmal ein 
Pferd, lachelte den Kuhen zu, trank haufiger als bisher einen Schnaps 
und schrieb eines Tages seinem Sohn einen kurzen Brief aufierhalb der 
iiblichen Termine. Man begann, ihn mit einem Lacheln zu griifien, er 
nickte gefallig. Der Sommer kam, die Ferien brachten den Sohn und 
den Freund, mit beiden fuhr der Alte in die Stadt, trat in ein Wirtshaus, 
trank ein paar Schluck Sliwowitz und bestellte den Jungen reichliches 
Essen. 

Der Sohn wurde Jurist, kam haufiger heim, sah sich auf dem Gut um, 
verspurte eines Tages Lust, es zu verwalten und von der juristischen 
Karriere zu lassen. Er gestand es dem Vater. Der Major sagte: »Es ist 
zu spat! Du wirst in deinem Leben kein Bauer und kein Wirt! Du wirst 
ein tiichtiger Beamter, nichts mehr!« Es war eine beschlossene Sache. 
Der Sohn wurde politischer Beamter, Bezirkskommiss'ar in Schlesien. 
War der Name Trotta auch aus den autorisierten Schulbuchern ver- 
schwunden, so doch nicht aus den geheimen Akten der hohen politi- 
schen Behorden, und die funftausend Gulden, von der Huld des Kai- 
sers gespendet, sicherten dem Beamten Trotta eine standige wohlwol- 
lende Beobachtung und Forderung unbekannter hoherer Stellen. Er 
avancierte schnell. Zwei Jahre vor seiner Ernennung zum Bezirks- 
hauptmann starb der Major. 

Er hinterliefi ein uberraschendes Testament. Da er sicher sei des Um- 
standes - so schrieb er-, dafi sein Sohn kein guter Landwirt ware, und 
da er hoffe, dafi die Trottas, dem Kaiser dankbar fur seine wahrende 
Huld, im Staatsdienst zu Rang und Wiirden kommen und glucklicher 
als er, der Verfasser des Testaments, im Leben werden konnten, habe 



RADETZKYMARSCH 155 

er sich entschlossen, im Andenken an seinen seligen Vater, das Gut, 
das ihm der Herr Schwiegervater vor Jahren verschrieben, mit allem, 
was es an beweglichem wie unbeweglichem Vermogen enthielt, dem 
Militarinvalidenfonds zu vermachen, wohingegen die Nutzniefier des 
Testaments keine andere Verpflichtung hatten als die, den Erblasser in 
moglichster Bescheidenheit auf jenem Friedhof zu bestatten, auf dem 
sein Vater beigesetzt worden sei, ginge es leicht, dann in der Nahe des 
Verstorbenen. Er, der Erblasser, bate, von jedem Pomp abzusehen. 
Das vorhandene Bargeld, funfzehntausend Florin samt Zinsen, ange- 
legt im Bankhaus Efrussi zu Wien, sowie restliches, im Haus befindli- 
ches Geld, Silber und Kupfer, ebenso Ring, Uhr und Kette der seligen 
Mutter gehoren dem einzigen Sohn des Erblassers, Baron Franz von 
Trotta und Sipolje. 

Eine Wiener Militarkapelle, eine Kompanie Infanterie, ein Vertreter 
der Ritter des Maria-Theresien-Ordens, Vertreter des sudungarischen 
Regiments, dessen bescheidener Held der Major gewesen war, alle 
marschfahigen Militarinvaliden, zwei Beamte der Hof- und Kabinetts- 
kanzlei, ein Offizier des Militarkabinetts und ein Unteroffizier mit 
dem Maria-Theresien-Orden auf schwarz behangenem Kissen: sie bil- 
deten das offizielle Leichenbegangnis. Franz, der Sohn, ging schwarz, 
schmal und allein. Die Kapelle spielte den Marsch, den sie beim Be- 
grabnis des Grofivaters gespielt hatte. Die Salven, die diesmal abgefeu- 
ert wurden, waren starker und verhallten mit langerem Echo. 
Der Sohn weinte nicht. Niemand weinte um den Toten. Alles blieb 
trocken und feierlich. Niemand sprach am Grabe. In der Nahe des 
Gendarmeriewachtmeisters lag Major Freiherr von Trotta und Sipolje, 
der Ritter der Wahrheit. Man setzte ihm einen einfachen, militarischen 
Grabstein, auf dem in schmalen, schwarzen Buchstaben neben Namen, 
Rang und Regiment der stolze Beinamen eingegraben war: »Der Held 
von Solferino«. 

Wenig mehr blieb also von dem Toten zuriick als dieser Stein, ein ver- 
schollener Ruhm und das Portrat. Also geht ein Bauer im Fruhling 
liber den Acker - und spater, im Sommer, ist die Spur seiner Schritte 
tiberweht vom Segen des Weizens, den er gesat hat. Der kaiserlich- 
konigliche Oberkommissar Trotta von Sipolje erhielt noch in dersel- 
ben Woche ein Beileidsschreiben Seiner Majestat, in dem von den im- 
merdar »unvergessenen Diensten« des selig Verstorbenen zweimal die 
Rede war. 



156 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

II 

Es gab im ganzen Machtbereich der Division keine schonere Militarka- 
pelle als die des Infanterieregiments Nr. X in der kleinen Bezirksstadt 
W. in Mahren. Der Kapellmeister gehorte noch zu jenen osterreichi- 
schen Militarmusikern, die dank einem genauen Gedachtnis und einem 
immer wachen Bediirfnis nach neuen Variationen alter Melodien jeden 
Monat einen Marsch zu komponieren vermochten. Alle Marsche gli- 
chen einander wie Soldaten. Die meisten begannen mit einem Trom- 
melwirbel, enthielten den marsch-rhythmisch beschleunigten Zapfen- 
streich, ein schmetterndes Lacheln der holden Tschinellen und endeten 
mit einem grollenden Donner der grofien Pauke, dem frohlichen und 
kurzen Gewitter der Militarmusik. Was den Kapellmeister Nechwal 
vor seinen Kollegen auszeichnete, war nicht so sehr die aufierordent- 
lich fruchtbare Zahigkeit im Komponieren wie die schneidige und hei- 
tere Strenge, mit der er Musik exerzierte. Die lassige Gewohnheit an- 
derer Musikkapellmeister, den ersten Marsch vom Musikfeldwebel di- 
rigieren zu lassen und erst beim zweiten Punkt des Programms den 
Taktstock zu heben, hielt Nechwal fur ein deutliches Anzeichen des 
Untergangs der kaiserlichen und koniglichen Monarchic Sobald sich 
die Kapelle im vorgeschriebenen Rund aufgestellt und die zierlichen 
Fiifichen der winzigen Notenpulte in die schwarzen Erdritzen zwi- 
schen den grofien Pflastersteinen des Platzes eingegraben hatte, stand 
der Kapellmeister auch schon in der Mitte seiner Musikanten, den 
schwarzen Taktstock aus Ebenholz mit silbernem Knauf diskret geho- 
ben. Alle Platzkonzerte - sie fanden unter dem Balkon des Herrn Be- 
zirkshauptmanns statt - begannen mit dem Radetzkymarsch. Obwohl 
er den Mitgliedern der Kapelle so gelaufig war, dafi sie ihn mitten in 
der Nacht und im Schlaf hatten spielen konnen, ohne dirigiert zu wer- 
den, hielt es der Kapellmeister dennoch fur notwendig, jede Note vom 
Blatt zu lesen. Und als probte er den Radetzkymarsch zum erstenmal 
mit seinen Musikanten, hob er jeden Sonntag in militarischer und mu- 
sikalischer Gewissenhaftigkeit den Kopf, den Stab und den Blick und 
richtete alle drei gleichzeitig gegen die seiner Befehle jeweils bediirftig 
scheinenden Segmente des Kreises, in dessen Mitte er stand. Die her- 
ben Trommeln wirbelten, die siifien Floten pfiffen, und die holden 
Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhorer ging ein 
gefalliges und versonnenes Lacheln auf, und in ihren Beinen prickelte 



RADET2KYMARSCH 157 

das Blut. Wahrend sie noch standen, glaubten sie schon zu marschie- 
ren. Die jiingeren Madchen hielten den Atem an und offneten die Lip- 
pen. Die reiferen Manner liefien die Kopfe hangen und gedachten ihrer 
Manover. Die altlichen Frauen safien im benachbarten Park, und ihre 
kleinen, grauen Kopfchen zitterten. Und es war Sommer. 
Ja, es war Sommer. Die alten Kastanien gegeniiber dem Haus des Be- 
zirkshauptmanns bewegten nur am Morgen und am Abend ihre dun- 
kelgriinen, reich und breit belaubten Kronen. Tagsiiber verharrten sie 
reglos, atmeten einen herben Atem aus und schickten ihre weiten, kiih- 
len Schatten bis in die Mine der Strafle. Der Himmel war standig blau. 
Unaufhorlich trillerten die unsichtbaren Lerchen iiber der stillen Stadt. 
Manchmal rollte iiber ihr holpriges Kopfsteinpflaster ein Fiaker, in 
dem ein Fremder safi, vom Bahnhof zum Hotel. Manchmal trappelten 
die Hufe des Zweigespanns, das Herrn von Winternigg spazieren- 
fiihrte, durch die breite Strafte, von Norden nach Siiden, vom Schloft 
des Gutsbesitzers zu seinem immensen Jagdrevier. Klein, alt und klim- 
merlich, ein gelbes Greislein in einer grofien, gelben Decke und mit 
einem winzigen, verdorrten Gesicht, safi Herr von Winternigg in sei- 
ner Kalesche. Wie ein kummerliches Stiickchen Winter fuhr er durch 
den satten Sommer. Auf elastischen und lautlosen hohen Gummira- 
dern, deren braun lackierte, zarte Speichen die Sonne spiegelten, rollte 
er geradewegs aus dem Bett zu seinem landlichen Reichtum. Die gro- 
ften, dunklen Walder und die blonden griinen Forster harrten schon 
seiner. Die Bewohner der Stadt griifiten ihn. Er antwortete nicht. Un- 
bewegt fuhr er durch ein Meer von Griiften. Sein schwarzer Kutscher 
ragte steil in die Hohe, der Zylinder streifte fast die Kronen der Kasta- 
nien, die biegsame Peitsche streichelte die braunen Riicken der Rosser, 
und aus dem geschlossenen Munde des Kutschers kam in ganz be- 
stimmten, regelmaftigen Abstanden ein knallendes Schnalzen, lauter 
als das Hufgetrappel und ahnlich einem melodischen Flintenschuft. 
Um diese Zeit begannen die Ferien. Der funfzehnjahrige Sohn des Be- 
zirkshauptmanns, Carl Joseph von Trotta, Schiller der Kavallerieka- 
dettenschule in Mahrisch-Weifikirchen, empfand seine Geburtsstadt 
als einen sommerlichen Ort; sie war die Heimat des Sommers wie seine 
eigene. Weihnachten und Ostern war er bei seinem Onkel eingeladen. 
Nach Hause kam er nur in den Sommerferien. Der Tag seiner Ankunft 
war immer ein Sonntag. Es geschah nach dem Willen seines Vaters, des 
Herrn Bezirkshauptmanns Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje. 



Ij8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sommerferien hatten, mochten sie in der Anstalt an welchem Tag im- 
mer beginnen, zu Hause jedenfalls am Samstag anzubrechen. Am 
Sonntag hatte Herr von Trotta und Sipolje keinen Dienst. Den ganzen 
Vormittag von neun bis zwolf reservierte er fur seinen Sohn. Piinktlich 
zehn Minuten vor neun, eine Viertelstunde nach der ersten Messe, 
stand der Junge in der Sonntagsuniform vor der Tur seines Vaters. 
Fiinf Minuten vor neun kam Jacques in der grauen Livree die Treppe 
herunter und sagte: »Junger Herr, der Herr Papa kommt.« Carl Joseph 
zog noch einmal an seinem Rock, riickte das Koppel zurecht, nahm die 
Miitze in die Hand und stemmte sie, wie es Vorschrift war, gegen die 
Hiifte. Der Vater kam, der Sohn schlug die Hacken zusammen, es 
knallte durch das stille, alte Haus. Der Alte offnete die Tur und liefi 
mit leichtem Grufi der Hand dem Sohn den Vortritt. Der Junge blieb 
stehen, er nahm die Einladung nicht zur Kenntnis. Der Vater schritt 
also durch die Tur, Carl Joseph folgte ihm und blieb an der Schwelle 
stehen. »Mach dir's bequem!« sagte nach einer Weile der Bezirks- 
hauptmann. Jetzt erst trat Carl Joseph an den grofien Lehnstuhl aus 
rotem Plusch und setzte sich, dem Vater gegeniiber, die Knie steif an- 
gezogen und die Miitze mit den weifien Handschuhen auf den Knien. 
Durch die diinnen Ritzen der griinen Jalousien fielen schmale Sonnen- 
streifen auf den dunkelroten Teppich. Eine Fliege summte, die Wand- 
uhr begann zu schlagen. Nachdem die neun goldenen Schlage verhallt 
waren, begann der Bezirkshauptmann: »Was macht Herr Oberst Ma- 
rek?« »Danke, Papa, es geht ihm gut!« »In der Geometrie immer noch 
schwach?« »Danke, Papa, etwas besser!« »Biicher gelesen?« »Jawohl, 
Papa!« »Wie stent's mit dem Reiten? Voriges Jahr war's nicht sonder- 
lich . . .« »In diesem Jahr«, begann Carl Joseph, wurde aber sofort un- 
terbrochen. Sein Vater hatte die schmale Hand ausgestreckt, die halb in 
der runden, glanzenden Manschette geborgen war. Golden glitzerte 
der viereckige, machtige Manschettenknopf. »Es war nicht sonderlich, 
habe ich eben gesagt. Es war« - hier machte der Bezirkshauptmann 
eine Pause und sagte dann mit tonloser Stimme: »eine Schande!« - 
Vater und Sohn schwiegen. So lautlos das Wort »Schande« auch ausge- 
sprochen war, es wehte noch durch den Raum. Carl Joseph wufke, dafi 
nach einer strengen Kritik seines Vaters eine Pause einzuhalten war. 
Man hatte das Urteil in seiner ganzen Bedeutung aufzunehmen, zu 
verarbeiten, sich einzupragen, dem Herzen und dem Gehirn einzuver- 
leiben. Die Uhr tickte, die Fliege summte. Dann begann Carl Joseph 



RADETZKYMARSCH I59 

mit heller Stimme: »In diesem Jahr war's bedeutend besser. Der 
Wachtmeister selbst hat's oft gesagt. Ich habe auch vom Herrn Ober- 
leutnant Koppel eine Belobung gekriegt.« »Es soil rmch freuen«, be- 
merkte mit Grabesstimme der Herr Bezirkshauptmann. Er stiefi am 
Tischrand die Manschette in den Armel zuriick, es gab ein hartes 
Scheppern. »Erzahle weiter!« sagte er und ziindete sich eine Zigarette 
an. Es war das Signal fur den Anbruch der Gemiitlichkeit. Carl Joseph 
legte Miitze und Handschuhe auf ein kleines Pult, erhob sich und be- 
gann, alle Ereignisse des letzten Jahres vorzutragen. Der Alte nickte. 
Auf einmal sagte er: »Du bist ja ein grower Bub, mein Sohn! Du mu- 
tierst ja! Etwa verliebt?« Carl Joseph wurde rot. Sein Gesicht brannte 
wie ein roter Lampion, er hielt es tapfer dem Vater entgegen. »Also 
noch nicht!« sagte der Bezirkshauptmann. »Lafi dich nicht storen! Er- 
zahl nur weiter!« Carl Joseph schluckte, die Rote wich, er fror auf 
einmal. Langsam berichtete er und mit vielen Pausen. Dann zog er den 
Bucherzettel aus der Tasche und reichte ihn dem Vater. »Recht anstan- 
dige Lektiire!« sagte der Bezirkshauptmann. »Bitte die Inhaltsangabe 
von >Zriny<!« Carl Joseph erzahlte das Drama Akt fur Akt. Dann 
setzte er sich, mude, blaft, mit trockener Zunge. 
Er warf einen geheimen Blick nach der Uhr, es war erst halb elf. An- 
derthalb Stunden ging noch die Priifung. Es konnte dem Alten einfal- 
len, Geschichte des Altertums zu priifen oder germanische Mytholo- 
gie. Er ging rauchend durchs Zimmer, die Linke am Riicken. An der 
Rechten klapperte die Manschette. Immer starker wurden die Sonnen- 
streifen auf dem Teppich, immer naher riickten sie zum Fenster. Die 
Sonne muftte schon hoch stehen. Die Kirchenglocken begannen zu 
drohnen, ganz nahe schlugen sie ins Zimmer, als schaukelten sie knapp 
hinter den dichten Jalousien. Der Alte priifte heute lediglich Literatur. 
Er sprach sich ausfiihrlich uber die Bedeutung Grillparzers aus und 
empfahl dem Sohn als »leichte Lekture« fiir Ferientage Adalbert Stifter 
und Ferdinand von Saar. Dann sprang er wieder auf militarische The- 
men, Wachdienst, Dienstreglement Zweiter Teil, Zusammensetzung 
eines Armeekorps, Kriegsstarke der Regimenter. Plotzlich fragte er: 
»Was ist Subordination ?« »Subordination ist die Pflicht des unbeding- 
ten Gehorsams«, deklamierte Carl Joseph, »welchen jeder Unterge- 
bene seinem Vorgesetzten und jeder Niedere. . .« »Halt!« unterbrach 
ihn der Vater und verbesserte: ». . . sowie auch jeder Niedere dem Ho- 
heren« - und Carl Joseph fuhr fort: »zu leisten schuldig ist, wenn . . .« 



l6o ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

- »sobald«, korrigierte der Alte, »sobald diese die Befehlsgebung er- 
greifen.« Carl Joseph atmete auf. Es schlug zwolf. 
Jetzt erst begannen die Ferien. Noch eine Viertelstunde, und er horte 
von der Kaserne her den ersten ratternden Trommelwirbel der ausriik- 
kenden Musik. Jeden Sonntag spielte sie um die Mittagszeit vor dem 
Amtshaus des Bezirkshauptmanns, der in diesem Stadtchen keinen 
Geringeren vertrat als Seine Majestat den Kaiser. Carl Joseph stand 
verborgen hinter dem dichten Weinlaub des Balkons und nahm das 
Spiel der Militarkapelle wie eine Huldigung entgegen. Er fuhlte sich 
ein wenig den Habsburgern verwandt, deren Macht sein Vater hier 
reprasentierte und verteidigte und fiir die er einmal selbst ausziehen 
sollte, in den Krieg und in den Tod. Er kannte die Namen aller Mit- 
glieder des Allerhochsten Hauses. Er liebte sie alle aufnchtig, mit 
einem kindlich ergebenen Herzen, vor alien andern den Kaiser, der 
giitig war und grofi, erhaben und gerecht, unendlich fern und sehr 
nahe und den Offizieren der Armee besonders zugetan. Am besten 
starb man fiir ihn bei Militarmusik, am leichtesten beim Radetzky- 
marsch. Die flinken Kugeln pfiffen im Takt um den Kopf Carl Jo- 
sephs, sein blanker Sabel blitzte, und Herz und Hirn erfullt von der 
holden Hurtigkeit des Marsches, sank er hin in den trommelnden 
Rausch der Musik, und sein Blut sickerte in einem dunkelroten und 
schmalen Streifen auf das gleifiende Gold der Trompeten, das tiefe 
Schwarz der Pauken und das siegreiche Silber der Tschinellen. 
Jacques stand hinter seinem Riicken und rausperte sich. Das Mittages- 
sen begann also. Wenn die Musik eine Pause machte, horte man ein 
leises Tellerklirren aus dem Speisezimmer. Es lag durch zwei weite 
Raume vom Balkon getrennt, genau in der Mitte des ersten Stock- 
werks. Wahrend des Essens klang die Musik fern, aber deutlich. Leider 
spielte sie nicht jeden Tag. Sie war gut und nutzlich, sie umrankte die 
feierliche Zeremonie des Essens mild und versohnend und Heft keins 
der peinlichen, kurzen und harten Gesprache aufkommen, die der Va- 
ter so oft anzubrechen liebte. Man konnte schweigen, zuhoren und 
geniefien. Die Teller hatten schmale, verblassende, blaugoldene Strei- 
fen. Carl Joseph liebte sie. Oft im Laufe des Jahres gedachte er ihrer. 
Sie und der Radetzkymarsch und das Wandbildnis der verstorbenen 
Mutter (an die sich der Junge nicht mehr erinnerte) und der schwere, 
silberne Schopfloffel und die Fischterrine und die Obstmesser mit den 
gezackten Riicken und die winzigen Kaffeetaftchen und die gebrechli- 



RADETZKYMARSCH l6l 

chen Loffelchen, die diinn waren wie diinne Silbermiinzen: all das zu- 
sammen bedeutete Sommer, Freiheit, Heimat. 

Er gab Jacques Uberschwung, Miitze und Handschuhe und ging ins 
Speisezimmer. Der Alte betrat es zu gleicher Zeit und lachelte dem 
Sohn zu. Fraulein Hirschwitz, die Hausdame, kam eine Weile spater, 
im sonntaglich Grauseidenen, mit erhobenem Haupt, den schweren 
Haarknoten im Nacken, eine machtige, krumme Spange quer iiber der 
Brust wie eine Art Tartarensabel. Gewappnet und gepanzert sah sie 
aus. Carl Joseph hauchte einen Kuft auf ihre lange, harte Hand. 
Jacques ruckte die Sessel. Der Bezirkshauptmann gab das Zeichen zum 
Niedersitzen. Jacques verschwand und trat nach einer Weile wieder 
mit weiften Handschuhen ein, die ihn vollig zu verandern schienen. Sie 
stromten einen schneeigen Glanz iiber sein ohnehin schon weiftes Ge- 
sicht, seinen ohnehin schon weiften Backenbart, seine ohnehin weiften 
Haare. Aber sie iibertrafen ja auch an Helligkeit wohl alles, was in 
dieser Welt hell genannt werden konnte. Mit diesen Handschuhen 
hielt er ein dunkles Tablett. Darauf stand die dampfende Suppenter- 
rine. Bald hatte er sie in der Mitte des Tisches hingesetzt, sorgfaltig, 
lautlos und sehr schnelL Nach alter Gewohnheit verteilte Fraulein 
Hirschwitz die Suppe. Man kam den Tellern, die sie hinhielt, mit gast- 
freundlich ausgestreckten Armen entgegen und mit einem dankbaren 
Lacheln in den Augen. Sie lachelte wieder. Ein warmer, goldener 
Schimmer wallte in den Tellern; es war die Suppe: Nudelsuppe. 
Durchsichtig, mit goldgelben, kleinen, verschlungenen, zarten Nu- 
deln. Herr von Trotta und Sipolje aft sehr schnell, manchmal grimmig. 
Es war, als vernichtete er mit gerauschloser, adeliger und flinker Ge- 
hassigkeit einen Gang um den andern, er machte ihnen den Garaus. 
Fraulein Hirschwitz nahm bei Tisch winzige Portionen und aft nach 
vollendeter Mahlzeit in ihrem Zimmer die ganze Reihenfolge der Spei- 
sen aufs neue. Carl Joseph schluckte furchtsam und hastig heifte Lof- 
felladungen und machtige Bissen. So wurden sie alle zugleich fertig. 
Man sprach kein Wort, wenn Herr von Trotta und Sipolje schwieg. 
Nach der Suppe trug man den garnierten Tafelspitz auf, das Sonntags- 
gericht des Alten seit unzahligen Jahren. Die wohlgefallige Betrach- 
tung, die er dieser Speise widmete, nahm langere Zeit in Anspruch als 
die halbe Mahlzeit. Das Auge des Bezirkshauptmanns liebkoste zuerst 
den zarten Speckrand, der das kolossale Stuck Fleisch umsaumte, dann 
die einzelnen Tellerchen, auf denen die Gemuse gebettet waren, die 



\6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

violett schimmernden Ruben, den sattgriinen, ernsten Spinat, den 
frohlichen, hellen Salat, das herbe Weifi des Meerrettichs, das tadellose 
Oval der jungen Kartoffeln, die in schmelzender Butter schwammen 
und an zierKche Spielzeuge erinnerten. Er unterhielt merkwiirdige Be- 
ziehungen zum Essen. Es war, ais afie er die wichtigsten Stiicke mit 
den Augen, sein Schonheitssinn verzehrte vor allem den Gehalt der 
Speisen, gewissermafien ihr Seelisches; der schale Rest, der dann in 
Mund und Gaumen gelangte, war langweilig und mufite unverziiglich 
verschlungen werden. Die schone Ansicht der Speisen bereitete dem 
Alten ebensoviel Vergniigen wie ihre einfache Bes chaff enheit. Denn er 
hielt auf ein sogenanntes »biirgerliches« Essen: ein Tribut, den er sei- 
nem Geschmack ebenso wie seiner Gesinnung zollte; diese namlich 
nannte er eine spartanische. Mit einem gliicklichen Geschick vereinigte 
er also die Sattigung seiner Lust mit den Forderungen der Pflicht. Er 
war ein Spartaner. Aber er war ein Osterreicher. 
Er machte sich nun, wie jeden Sonntag, daran, den Spitz zu zerschnei- 
den. Er stiefi die Manschetten in die Armel, hob beide Hande, und 
indem er Messer und Gabel an das Fleisch ansetzte, begann er, zu 
Fraulein Hirschwitz gewendet: »Sehn Sie, meine Gnadige, es geniigt 
nicht, beim Fleischer ein zartes Snick zu verlangen. Man mufi darauf 
achten, in welcher Art es geschnitten ist. Ich meine, Querschnitt oder 
Langsschnitt. Die Fleischer verstehen heutzutage ihr Handwerk nicht 
mehr. Das feinste Fleisch ist verdorben, nur durch einen falschen 
Schnitt. Sehen Sie her, Gnadigste! Ich kann es kaum noch retten. Es 
zerfallt in Fasern, es zerflattert geradezu. Als Ganzes kann man's wo hi 
>miirbe< nennen. Aber die einzelnen Stiickchen werden zah sein, wie 
Sie bald selbst sehen werden. Was aber die Beilagen, wie es die Reichs- 
deutschen nennen, betrifft, so wiinsche ich ein anderes Mai den Kren, 
genannt Meerrettich, etwas trockener. Er darf die Wtirze nicht in der 
Milch verlieren. Auch mufi er knapp, bevor er zum Tisch kommt, an- 
gerichtet werden. Zu lange nafi gewesen. Ein FehlerU 
Fraulein Hirschwitz, die viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, im- 
mer hochdeutsch sprach und auf deren Vorliebe fur die literaturfahige 
Ausdrucksweise sich Herrn von Trottas »Beilagen« und »Meerrettich« 
bezogen hatten, nickte schwer und langsam. Es kostete sie offensicht- 
lich Miihe, das bedeutende Gewicht des Haarknotens vom Nacken zu 
losen und ihr Haupt zu einer zustimmenden Neigung zu veranlassen. 
So bekam ihre beflissene Freundlichkeit etwas Gemessenes, ja, sie 



RADETZKYMARSCH 163 

schien sogar erne Abwehr zu enthalten. Und der Bezirkshauptmann 
sah sich veranlafit zu sagen: »Ich habe sicherlich nicht Unrecht, meine 
Gnadigste!« 

Er sprach das nasale osterreichische Deutsch der hoheren Beamten und 
des kleinen Adels. Es erinnerte ein wenig an feme Gitarren in der 
Nacht, auch an die letzten, zarten Schwingungen verhallender Glok- 
ken, es war eine sanfte, aber auch prazise Sprache, zartlich und boshaft 
zugleich. Sie pafite zu dem mageren, knochigen Angesicht des Spre- 
chers, zu seiner schmalen, gebogenen Nase, in der die klingenden, et- 
was wehmiitigen Konsonanten zu liegen schienen. Nase und Mund 
waren, wenn der Bezirkshauptmann sprach, eher eine Art von Blasin- 
strumenten als Gesichtspartien. Aufter den Lippen bewegte sich nichts 
in diesem Gesicht. Der dunkle Backenbart, den Herr von Trotta als ein 
Uniformstuck trug, als ein Abzeichen, das seine Zugehorigkeit zu der 
Dienerschaft Franz Josephs des Ersten beweisen sollte, als einen Be- 
weis seiner dynastischen Gesinnung: auch dieser Backenbart blieb reg- 
los, wenn Herr von Trotta und Sipolje sprach. Aufrecht safi er am 
Tisch, als hielte er Ziigel in den harten Handen. Wenn er safi, sah es 
aus, als stiinde er, und wenn er sich erhob, uberraschte immer wieder 
seine kerzengrade Grofie. Er trug immer Dunkelblau, Sommer und 
Winter, an Sonn- und Wochentagen; einen dunkelblauen Rock und 
graue, gestreifte Hosen, die eng um seine langen Beine lagen und von 
Stegen um die glatten Zugstiefel straff gespannt wurden. Zwischen 
dem zweiten und dritten Gang pflegte er aufzustehen, um sich »Bewe- 
gung zu machen«. Aber es war eher, als wollte er seinen Hausgenossen 
vorfiihren, wie man sich erhebt, steht und wandelt, ohne die Reglosig- 
keit aufzugeben. Jacques raumte das Fleisch ab und fing einen hurtigen 
Blick von Fraulein Hirschwitz auf, der ihn ermahnte, den Rest fur sie 
aufwarmen zu lass en. Herr von Trotta ging mit gemessenen Schritten 
zum Fenster, liiftete ein wenig die Gardine und kehrte an den Tisch 
zuriick. In diesem Augenblick erschienen die Kirschknodel auf einem 
geraumigen Teller. Der Bezirkshauptmann nahm nur einen, zerschnitt 
ihn mit dem Loffel und sagte zu Fraulein Hirschwitz: »Das, meine 
Gnadigste, ist ein Muster von einem Kirschknodel. Er besitzt die no- 
tige Konsistenz, wenn er aufgeschnitten wird, und gibt auf der Zunge 
dennoch sofort nach.« Und zu Carl Joseph gewendet: »Ich rate dir, 
heute zwei zu nehmen!« Carl Joseph nahm zwei. Er verschlang sie im 
Nu, war eine Sekunde friiher fertig als sein Vater und trank ein Glas 



164 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wasser nach - denn Wein gab es nur am Abend-, urn sie aus der Spei- 
serohre, in der sie noch stecken mochten, in den Magen hinunterzu- 
spiilen. Er faltete, im gleichen Rhythmus wie der Alte, seine Serviette. 
Man erhob sich. Die Musik spielte draufien die Tannhauser-Ouver- 
tiire. Unter ihren sonoren Klangen schritt man ins Herrenzimmer, 
Fraulein Hirschwitz voran. Dorthin brachte Jacques den Kaffee. Man 
erwartete den Herrn Kapellmeister Nechwal. Er kam, wahrend sich 
seine Musikanten unten zum Abmarsch formierten, im dunkelblauen 
Paraderock, mit glanzendem Degen und zwei funkelnden, goldenen, 
kleinen Harfen am Kragen. »Ich bin entziickt von Ihrem Konzert«, 
sagte Herr von Trotta heme wie jeden Sonntag. »Es war heute ganz 
aufierordentlich.« Herr Nechwal verbeugte sich. Er hatte schon vor 
einer Stunde in der Offiziersmesse gegessen, den schwarzen Kaffee 
nicht abwarten konnen, er hatte noch den Geschmack der Speisen im 
Mund, er diirstete nach einer Virginier. Jacques brachte ihm ein Paket 
Zigarren. Der Kapellmeister sog lange am Feuer, das Carl Joseph 
standhaft vor die Miindung der langen Zigarre hielt, auf die Gefahr 
hin, daft seine Finger verbrannten. Man saft in breiten Lederstiihlen. 
Herr Nechwal erzahlte von der letzten Lehar-Operette in Wien. Er 
war ein Weltmann, der Kapellmeister. Er kam zweimal im Monat nach 
Wien, und Carl Joseph ahnte, daft der Musiker auf dem Grunde seiner 
Seele viele Geheimnisse aus der groften nachtlichen Halbwelt barg. Er 
hatte drei Kinder und eine Frau »aus einfachen Verhaltnissen«, aber er 
selbst stand im vollsten Glanz der Welt, losgelost von den Seinen. Er 
genofi und erzahlte judische Witze mit pfiffigem Behagen. Der Be- 
zirkshauptmann verstand sie nicht, lachte auch nicht, sagte aber: »Sehr 
gut, sehr gut!« »Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?« fragte Herr von 
Trotta regelmafiig. Seit Jahren stellte er diese Frage. Er hatte Frau 
Nechwal nie gesehen, er wunschte auch nicht, der »Frau aus einfachen 
Verhaltnissen« jemals zu begegnen. Beim Abschied sagte er immer zu 
Herrn Nechwal: »Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, unbe- 
kannterweise!« Und Herr Nechwal versprach, die Griifte auszurich- 
ten, und versicherte, daft sich seine Frau sehr freuen wurde. - »Und 
wie geht es Ihren Kindern?« fragte Herr von Trotta, der immer wieder 
vergaft, ob es Sonne oder Tochter waren. »Der Alteste lernt gut!« sagte 
der Kapellmeister. »Wird wohl auch Musiker ?« fragte Herr von Trotta 
mit leiser Geringschatzung. »Nein!« erwiderte Herr Nechwal, »noch 
ein Jahr, und er kommt in die Kadettenschule.« »Ah, Offizier!« sagte 



RADETZKYMARSCH 165 

der Bezirkshauptmann. »Das ist richtig. Infanterie?« Herr Nechwal 
lachelte: »Natiirlich! Er ist tiichtig. Vielleicht kommt er einmal in den 
Stab.« »Gewifi, gewifiU sagte der Bezirkshauptmann. »Man hat derlei 
schon erlebt!« Eine Woche spater hatte er alles vergessen. Man merkte 
sich nicht die Kinder des Kapellmeisters. 

Herr Nechwal trank zwei kleine Tassen Kaffee, nicht mehr, nicht we- 
niger. Mit Bedauern zerdriickte er das letzte Drittel der Virginier. Er 
mufke gehen, man schied nicht mit rauchender Zigarre. »Es war heute 
ganz besonders grofiartig. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin. 
Ich hatte leider noch nicht das VergniigenU sagte Herr von Trotta und 
Sipolje. Carl Joseph schlug die Hacken zusammen. Er begleitete den 
Kapellmeister bis zum ersten Absatz der Treppe. Dann kehrte er ins 
Herrenzimmer zuruck. Er stellte sich vor dem Vater auf und sagte: 
»Ich gehe spazieren, Papa!« »Recht, recht! Gute ErholungU sagte 
Herr von Trotta und winkte mit der Hand. 

Carl Joseph ging. Er gedachte, langsam spazierenzugehen, er wollte 
schlendern, seinen Fiifien beweisen, dafi sie Ferien hatten. Es rifi ihn 
zusammen, wie man beim Militar sagte, als er dem ersten Soldaten 
begegnete. Er begann zu marschieren. Er erreichte die Stadtgrenze, das 
grofte gelbe Finanzamt, das gemachlich in der Sonne briet. Der siifie 
Duft der Felder schlug ihm entgegen, der schmetternde Gesang der 
Lerchen. Den blauen Horizont begrenzten im Westen graublaue Hii- 
gel, die ersten dorflichen Hiitten mit Schindel- und Strohdachern tra- 
ten auf, Gefliigelstimmen stiefien wie Fanfaren in die sommerliche 
Stille. Das Land schlief, eingehiillt in Tag und Helligkeit. 
Hinter dem Bahndamm stand das Gendarmeriekommando, das ein 
Wachtmeister fiihrte. Carl Joseph kannte ihn, den Wachtmeister 
Slama. Er beschlofi anzuklopfen. Er betrat die briitende Veranda, 
klopfte, zog am Klingeldraht, niemand meldete sich. Ein Fenster ging 
auf. Frau Slama beugte sich iiber die Geranien und rief: »Wer dort?« 
Sie erblickte den kleinen Trotta und sagte: »Sofort!« Sie machte die 
Flurtiir auf, es roch kiihl und ein wenig nach Parfum. Frau Slama hatte 
einen Tropfen Wohlgeruch auf das Kleid getupft. Carl Joseph dachte 
an die Wiener Nachtlokale. Er sagte: »Der Wachtmeister ist nicht da?« 
»Dienst hat er, Herr von Trotta !« erwiderte die Frau. »Treten Sie nur 
ein!« 

Jetzt saft Carl Joseph im Salon der Slamas. Es war ein rotliches, niedri- 
ges Zimmer, sehr kiihl, man safi wie in einem Eisschrank, die hohen 



l66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Lehnen der gepolsterten Sessel bestanden aus braun gebeiztem 
Schnitzwerk und Blattergerank, das dem Riicken weh tat. Frau Slama 
holte kiihle Limonaden, sie trank zierliche Schliickchen, hielt den klei- 
nen Finger gespreizt und ein Bein libers andere geschlagen. Sie safi 
neben Carl Joseph und ihm zugewandt und wippte mit einem Fufi, der 
in einem rotsamtenen Pantoffel gefangen war, nackt, ohne Strumpf. 
Carl Joseph sah auf den Fufi, dann auf die Limonade. Frau Slama sah 
er nicht ins Gesicht. Seine Miitze lag auf den Knien, die Knie hielt er 
steif, aufrecht safi er vor der Limonade, als ware es eine Dienstoblie- 
genheit, sie zu trinken. »Waren lange nicht da, Herr von Trotta!« sagte 
die Frau Wachtmeister. »Sind recht grofi geworden! Schon vierzehn 
vorbei?« »Jawohl, schon lange!« Er dachte daran, moglichst schnell 
das Haus zu verlassen. Die Limonade mufite man in einem Zug aus- 
trinken und eine schone Verbeugung machen und den Mann griifien 
las sen und weggehen. Er sah hilflos auf die Limonade, man wurde 
nicht mit ihr fertig. Frau Slama schuttete nach. Sie brachte Zigaretten. 
Rauchen war verboten. Sie zundete selbst eine Zigarette an und sog an 
ihr, nachlassig, mit geblahten Nasenfliigeln, und wippte mit dem Fufi. 
Plotzlich nahm sie, ohne ein Wort, die Miitze von seinen Knien und 
legte sie auf den Tisch. Dann steckte sie ihm ihre Zigarette in den 
Mund, ihre Hand duftete nach Rauch und Kolnisch Wasser, der helle 
Armel ihres sommerlich gebliimten Kleides schimmerte vor seinen 
Augen. Er rauchte hoflich die Zigarette weiter, an deren Mundstuck 
noch die Feuchtigkeit ihrer Lippen lag, und sah auf die Limonade. 
Frau Slama steckte die Zigarette wieder zwischen die Zahne und stellte 
sich hinter Carl Joseph. Er hatte Angst, sich umzuwenden. Auf einmal 
lagen ihre beiden schimmernden Armel an seinem Hals, und ihr Ge- 
sicht lastete auf seinen Haaren. Er riihrte sich nicht. Aber sein Herz 
klopfte laut, ein grofier Sturm brach in ihm aus, krampfhaft zuriickge- 
halten vom erstarrten Korper und den festen Knopfen der Uniform. 
»Komm!« fliisterte Frau Slama. Sie setzte sich auf seinen Schofi, kufite 
ihn flugs und machte schelmische Augen. Von ungefahr fiel ein blon- 
des Biischel Haare in ihre Stirn, sie schielte hinauf und versuchte, es 
mit gespitzten Lippen wegzublasen. Er begann, ihr Gewicht auf seinen 
Beinen zu fiihlen, gleichzeitig durchstromte ihn neue Kraft und 
spannte seine Muskeln im Schenkel und in den Armen. Er umschlang 
die Frau und fuhlte die weiche Kiihle ihrer Brust durch das harte Tuch 
der Uniform. Ein leises Kichern brach aus ihrer Kehle, es war ein we- 



RADETZKYMARSCH l6j 

nig wie Schluchzen und etwas wie Trillern. Tranen standen in ihren 
Augen. Dann lehnte sie sich zuriick und begann, mit zartlicher Genau- 
igkeit einen Knopf der Uniform nach dem andern zu losen. Sie legte 
eine kiihle, zarte Hand auf seine Brust, kiifke seinen Mund lange, mit 
systematischem Genufl, und erhob sich plotzlich, als hatte sie irgend- 
ein Gerausch aufgeschreckt. Er sprang sofort auf, sie lachelte und zog 
ihn langsam, riickwarts schreitend, mit beiden ausgestreckten Handen 
und den Kopf zuriickgeworfen, ein Leuchten im Gesicht, zur Tiir, die 
sie von riickwarts mit dem Fufi aufstiefi. Sie glitten ins Schlafzimmer. 
Wie ein ohnmachtig Gefesselter sah er zwischen halb geschlossenen 
Lidern, dafi sie ihn entkleidete, langsam, griindlich und miitterlich. Mit 
einigem Entsetzen bemerkte er, wie Stuck um Stuck seiner Paradeklei- 
dung schlaff auf die Erde sank, er horte den dumpfen Fall seiner 
Schuhe und fuhlte sofort an seinem Fuft die Hand der Frau Slama. Von 
unten her stieg eine neue Welle von Warme und Kiihle bis an seine 
Brust. Er liefi sich fallen. Er empfing die Frau wie eine weiche, grofte 
Welle aus Wonne, Feuer und Wasser. 

Er erwachte. Frau Slama stand vor ihm, hielt ihm Snick um Stuck sei- 
ner Kleidung entgegen; er begann, sich hastig anzuziehen. Sie lief in 
den Salon, brachte ihm Handschuhe und Miitze. Sie riickte an seinem 
Rock, er fuhlte ihre standigen Blicke auf seinem Gesicht, aber er ver- 
mied es, sie anzuschauen. Er schlug die Absatze aneinander, dafi es 
knallte, driickte der Frau die Hand, sah aber hartnackig auf ihre rechte 
Schulter und ging. 

Von einem Turm schlug es sieben. Die Sonne naherte sich den Hugeln, 
die jetzt blau waren wie der Himmel und von Wolken kaum zu unter- 
scheiden. Von den Baumen am Wegrand stromte sufter Duft. Der 
Abendwind kammte die kleinen Graser der Wiesenhange zu beiden 
Seiten der Strafie; man sah, wie sie sich zitternd wellten unter seiner 
unsichtbaren, leisen und breiten Hand. In fernen Sumpfen begannen 
die Frosche zu quaken. Aus dem offenen Fenster eines knallgelben 
Vorstadthauschens sah eine junge Frau in die leere Strafte. Ob wo hi 
Carl Joseph sie nie gesehen hatte, gnifite er sie, stramm und voller 
Ehrfurcht. Sie nickte etwas befremdet und dankbar. Es war ihm, als 
hatte er jetzt erst Frau Slama zum Abschied gegriifk. Wie ein Grenz- 
posten zwischen der Liebe und dem Leben stand die fremde, vertraute 
Frau am Fenster. Nachdem er sie gegrufk hatte, fuhlte er sich wieder 
der Welt zuriickgegeben. Er schritt schnell aus. Schlag dreiviertel acht 



l68 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

war er zu Hause und meldete seinem Vater die Riickkehr, blafi, kurz 
und entschlossen, wie es sich fiir Manner geziemt. 
Der Wachtmeister hatte jeden zweiten Tag Patrouillendienst. Jeden 
Tag kam er mit einem Aktenbundel in die Bezirkshauptmannschaft. 
Den Sohn des Bezirkshauptmanns traf er niemals. Jeden zweiten Tag, 
nachmittags um vier, marschierte Carl Joseph in das Gendarmerie- 
kommando. Um sieben Uhr abends verliefi er es. Der Duft, den er von 
Frau Slama mitbrachte, vermischte sich mit den Geriichen der trocke- 
nen sommerlichen Abende und blieb an Carl Josephs Handen Tag und 
Nacht. Er gab acht, dem Vater bei Tisch nicht naher zu kommen als 
notig war. »Es riecht hier nach Herbst«, sagte eines Abends der Alte. 
Er verallgemeinerte. Frau Slama gebrauchte grundsatzlich Reseda. 



Ill 

Im Herrenzimmer des Bezirkshauptmanns hing das Portrat, den Fen- 
stern gegeniiber und so hoch an der Wand, daft Stirn und Haar im 
dunkelbraunen Schatten des alten, holzernen Suffits verdammerten. 
Die Neugier des Enkels kreiste bestandig um die erloschene Gestalt 
und den verschollenen Ruhm des Grofivaters. Manchmal, an still en 
Nachmittagen - die Fenster standen offen, der dunkelgriine Schatten 
der Kastanien aus dem Stadtpark erfiillte das Zimmer mit der ganzen 
satten und kraftigen Ruhe des Sommers, der Bezirkshauptmann leitete 
eine seiner Kommissionen aufierhalb der Stadt, von fernen Treppen 
her schlurfte der Geisterschritt des alten Jacques, der auf Filzpantof- 
feln durch das Haus ging, um Schuhe, Kleider, Aschenbecher, Leuch- 
ter und Stehlampen zum Putzen einzusammeln -, stieg Carl Joseph auf 
einen Stuhl und betrachtete das Bildnis des Grofivaters aus der Nahe. 
Es zerfiel in zahlreiche tiefe Schatten und helle Lichtflecke, in Pinsel- 
striche und Tupfen, in ein tausendfaltiges Gewebe der bemalten Lein- 
wand, in ein hartes Farbenspiel getrockneten Ols. Carl Joseph stieg 
vom Stuhl. Der griine Schatten der Baume spielte auf dem braunen 
Rock des Grofivaters, die Pins els triche und Tupfen fiigten sich wieder 
zu der vertrauten, aber unergrundlichen Physiognomie, und die Augen 
erhielten ihren gewohnten, fernen, dem Dunkel der Decke entgegen- 
dammernden Blick. Jedes Jahr in den Sommerferien fanden die stum- 
men Unterhaltungen des Enkels mit dem Grofivater statt. Nichts ver- 



RADETZKYMARSCH 169 

riet der Tote. Nichts erfuhr der Junge. Von Jahr zu Jahr schien das 
Bildnis blasser und jenseitiger zu werden, als stiirbe der Held von Sol- 
ferino noch einmal dahin, als zoge er sein Andenken langsam zu sich 
hiniiber und als miifke eine Zeit kommen, in der eine leere Leinwand 
aus dem schwarzen Rahmen noch stummer als das Portrat auf den 
Nachkommen niederstarren wiirde. 

Unten im Hof, im Schatten des holzernen Balkons, safl Jacques auf 
einem Schemel, vor der militarise!! ausgerichteten Reihe gewichster 
StiefeL Immer, wenn Carl Joseph von Frau Slama heimkehrte, ging er 
zu Jacques in den Hof und setzte sich auf die Kante. »Erzahlen Sie 
vom Grofivater, Jacques !« - Und Jacques legte Biirste, Pasta und Sidol 
weg, rieb die Hande aneinander, als wiische er sie von Arbeit und 
Schmutz, bevor er anfing, von dem Seligen zu sprechen. Und wie im- 
mer und wie schon gute zwanzig Mai begann er: »Ich bin immer mit 
ihm ausgekommen! Gar nicht jung mehr bin ich auf den Hof gekom- 
men, geheiratet hab' ich nicht, das hatt' dem Seligen nicht gefallen. 
Frauenzimmer hat er nicht gern gesehn, ausgenommen seine eigene 
Frau Baronin, aber die ist bald gestorben, auf der Lunge. Alle haben 
gewufk: Er hat dem Kaiser das Leben gerettet, in der Schlacht bei Sol- 
ferino, aber er hat nichts davon gesagt, keinen Mucks hat er gegeben. 
Deshalb haben sie ihm auch >Der Held von Solferino< auf den Grab- 
stein geschrieben. Gar nicht alt ist er gestorben, so am Abend, gegen 
neun, im November wird's gewesen sein. Geschneit hat es schon, 
nachmittags ist er schon im Hof gestanden und hat gesagt: Jacques, 
wo hast du die Pelzstiefel hingetan?< Ich hab's nicht gewuftt, aber ge- 
sagt hab' ich: >Gleich hoi' ich sie, Herrn Baron !< >Hat Zeit bis morgen!< 
sagt er - und morgen hat er sie nicht mehr gebraucht. Geheiratet hab 5 
ich nie!« 
Das war alles. 

Einmal (es waren die letzten Ferien, in einem Jahr sollte Carl Joseph 
ausgemustert werden) sagte der Bezirkshauptmann beim Abschied: 
»Ich hoffe, daft alles glattgeht. Du bist der Enkel des Helden von Solfe- 
rino. Denk daran, dann kann dir nichts passieren!« 
Auch der Oberst, alle Lehrer, alle Unteroffiziere dachten daran, und 
also konnte Carl Joseph in der Tat nichts passieren. Obwohl er kein 
ausgezeichneter Reiter war, in der Terrainlehre schwach, in der Trigo- 
nometric ganz versagt hatte, kam er »mit einer guten Nummer« durch, 
wurde als Leutnant ausgemustert und den X-ten Ulanen zugeteilt. 



170 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Die Augen trunken vom eigenen neuen Glanz und von der letzten 
feierlichen Messe, das Ohr erfullt von den donnernden Abschiedsre- 
den des Obersten, im azurenen Waffenrock mit goldenen Knopfen, 
das silberne Patronentaschchen mit dem goldenen, erhabenen Doppel- 
adler am Riicken, die Tschapka mit Schuppenriemen und Haarschweif 
in der Linken, in knallroten Reithosen, spiegelnden Stiefeln, singenden 
Sporen, den Sabel mit breitem Korb an der Hiifte: so prasentierte sich 
Carl Joseph an einem heifien Sommertag seinem Vater. Es war diesmal 
kein Sonntag. Ein Leutnant durfte auch am Mittwoch kommen. Der 
Bezirkshauptmann safi in seinem Arbeitszimmer. »Mach dir's be- 
quem!« sagte er. Er legte den Zwicker ab, zog die Augenlider zusam- 
men, erhob sich, musterte seinen Sohn und fand alles in Ordnung. Er 
umarmte Carl Joseph, sie kiifiten sich fliichtig auf die Wangen. »Nimm 
Platz!« sagte der Bezirkshauptmann und driickte den Leutnant in 
einen Sessel. Er selbst ging auf und ab durchs Zimmer. Er iiberlegte 
einen passenden Anfang. Ein Tadel war diesmal nicht anzubringen, 
mit einem Ausdruck der Zufriedenheit konnte man nicht beginnen. 
»Du solltest dich jetzt«, sagte er endlich, »mit der Geschichte deines 
Regiments beschaftigen und auch ein wenig in der Geschichte des Re- 
giments nachlesen, in dem dein Grofivater gekampft hat. Ich nab' zwei 
Tage dienstlich in Wien zu tun, wirst mich begleiten.« Dann schwang 
er die Tischglocke. Jacques kam. »Fraulein Hirschwitz«, befahl der 
Bezirkshauptmann, »mochte heute den Wein heraufholen lassen und, 
wenn's geht, Rindfleisch vorbereiten und Kirschknodel. Wir essen 
heute zwanzig Minuten spater als gewohnlich.« »Jawohl, Herr 
Baron«, sagte Jacques, sah Carl Joseph an und fliisterte: »Gratuliere 
herzlich!« Der Bezirkshauptmann ging zum Fenster, die Szene drohte 
ruhrend zu werden. Hinter seinem Riicken vernahm er, wie der Sohn 
dem Diener die Hand gab, Jacques mit den Fiifien scharrte, etwas Un- 
verstandliches vom seligen Herrn murmelte. Er wandte sich erst um, 
als Jacques das Zimmer verlassen hatte. 
»Es ist heifi, nicht?« begann der Alte. 
»Jawohl, Papa!« 

»Ich denke, wir gehn an die Luft!« 
»Jawohl, Papa!« 

Der Bezirkshauptmann nahm den schwarzen Stock aus Ebenholz mit 
dem silbernen Griff, nicht das gelbe Rohr, das er sonst an hellen Vor- 
mittagen zu tragen liebte. Auch die Handschuhe behielt er nicht in der 



RADETZKYMARSCH 171 

Linken, er streifte sie iiber. Er setzte den Halbzylinder auf und verlieft 
das Zimmer, gefolgt von dem Jungen. Langsam und ohne ein Wort zu 
wechseln, gingen beide durch die sommerliche Stille des Stadtparks. 
Der Stadtpolizist salutierte, Manner erhoben sich von den Banken und 
griifiten. Neben der dunklen Gravitat des Alten nahm sich die klir- 
rende Buntheit des Jungen noch leuchtender und gerauschvoller aus. 
In der Allee, in der ein hellblondes Madchen Sodawasser mit Himbeer- 
saft unter einem roten Sonnenschirm ausschenkte, hielt der Alte ein 
und sagte: »Ein frischer Trunk kann nicht schaden!« - Er bestellte 
zwei Soda ohne und beobachtete mit verstohlener Wiirde das blonde 
Fraulein, das wollustig und willenlos ganz in den far bi gen Schimmer 
Carl Josephs einzutauchen schien. Sie tranken und gingen weiter. 
Manchmal schwenkte der Bezirkshauptmann ein bifichen den Stock, es 
war wie die Andeutung eines Ubermuts, der sich in Grenzen zu halten 
weifi. Obwohl er schwieg und ernst war wie gewohnlich, erschien er 
seinem Sohn heute beinahe flott. Aus seinem frohen Innern brach gele- 
gentlich ein wohlgefalliges Hiisteln, eine Art Lachen. Griiftte ihn je- 
mand, so hob er kurz den Hut. Es gab Augenblicke, in denen er sich 
sogar zu kiihnen Paradoxen vortraute, wie zum Beispiel: »Auch Hof- 
lichkeit kann lastig werden!« Er sprach lieber ein gewagtes Wort aus, 
als daft er sich die Freude iiber die staunenden Blicke der Vorbeikom- 
menden hatte anmerken lassen. Als sie sich wieder dem Haustor na- 
herten, blieb er noch einmal stehen. Er wandte sein Angesicht dem 
Sohn zu und sagte: »In meiner Jugend war 5 ich auch gern Soldat ge- 
worden. Dein Groftvater hat's ausdriicklich verboten. Jetzt bin ich zu- 
frieden, daft du nicht Beamter bist!« »Jawohl, Papa!« erwiderte Carl 
Joseph. 

Es gab Wein, auch Rindfleisch und Kirschknodel hatte man ermog- 
licht. Fraulein Hirschwitz kam im sonntaglich Grauseidenen und liefi 
beim Anblick Carl Josephs den groEten Teil ihrer Strenge ohne weite- 
res fallen. »Ich freue mich sehr«, sagte sie, »und begliickwiinsche Sie 
herzlich.« »Begluckwunschen heiEt gratulieren«, bemerkte der Be- 
zirkshauptmann. Und man begann zu essen. 

»Du brauchst dich nicht zu eilen!« sagte der Alte. »Wenn ich schneller 
fertig bin, so wart' ich noch ein bifichen.« Carl Joseph sah auf. Er 
begriff, daft der Vater seit Jahr und Tag wohl gewuftt hatte, wieviel 
Miihe es kostete, mit ihm Schritt zu halten. Und zum erstenmal war es 
ihm, als sahe er durch den Panzer des Alten in sein lebendiges Herz 



172 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und in das Gewebe seiner geheimen Gedanken. Obwohl er bereits ein 
Leutnant war, wurde Carl Joseph rot. »Danke, Papa!« sagte er. Der 
Bezirkshauptmann loffelte hastig weiter. Er schien nicht zu horen. 
Ein paar Tage spater stiegen sie in den Zug nach Wien. Der Sohn las in 
der Zekung, der Alte in den Akten. Einmal blickte der Bezirkshaupt- 
mann auf und sagte: »Wir wo lien in Wien eine Salonhose bestellen, du 
hast nur zwei.« »Danke, Papa!« Sie lasen weiter. 
Sie waren knapp eine Viertelstunde vor Wien, als der Vater die Akten 
zusammenklappte. Der Sohn legte sofort die Zeitung weg. Der Be- 
zirkshauptmann sah auf die Fensterscheibe, dann ein paar Sekunden 
auf den Sohn. Plotzlich sagte er: »Du kennst doch den Wachtmeister 
Slama?« Der Name schlug an Carl Josephs Gedachtnis, ein Ruf aus 
verlorenen Zeiten. Er sah sofort den Weg, der zum Gendarmeriekom- 
mando fiihrte, das niedrige Zimmer, den geblumten Schlafrock, das 
breite und wohlbepackte Bett, er roch den Duft der Wiesen und 
gleichzeitig das Reseda der Frau Slama. Er lauschte. »Er ist leider Wit- 
wer geworden, in diesem Jahr«, fuhr der Alte fort. »Traurig. Die Frau 
ist an einer Geburt gestorben. Solltest ihn besuchen.« 
Es wurde auf einmal unertraglich heift im Kupee. Carl Joseph ver- 
suchte, den Kragen zu lockern. Wahrend er vergeblich nach einem pas- 
senden Wort rang, stieg eine torichte, heifie, kindische Lust zu weinen 
in ihm auf, wiirgte ihn im Hals, sein Gaumen wurde trocken, als hatte 
er seit Tagen nicht getrunken. Er fiihlte den Blick seines Vaters, sah 
angestrengt in die Landschaft, empfand die Nahe des Ziels, dem sie 
unaufhaltsam entgegenfuhren, als eine Verscharfung seiner Qual, 
wiinschte sich wenigstens in den Korridor und sah gleichzeitig ein, dafi 
er dem Blick und der Mitteilung des Alten nicht davonlaufen konnte. 
Er raffte schnell ein paar schwache, vorlaufige Krafte zusammen und 
sagte: »Ich werde ihn besuchen!« 

»Es scheint, dafi du die Eisenbahn nicht vertragst«, bemerkte der Va- 
ter. 

»Jawohl, Papa!« 

Stumm und aufrecht, von einer Qual bedrangt, der er keinen Namen 
hatte geben konnen, die er niemals gekannt hatte und die wie eine 
ratselhafte Krankheit aus fernen Zonen war, fuhr Carl Joseph ins Ho- 
tel. Es gelang ihm noch, »Pardon, Papa!« zu sagen. Dann schloft er sein 
Zimmer ab, packte den Koffer aus und zog die Mappe hervor, in der 
ein paar Briefe der Frau Slama lagen, in den Umschlagen, wie sie 



RADETZKYMARSCH 173 

gekommen waren, mit der chiffrierten Adresse, Mahrisch-Weifikir- 
chen, poste restante. Die blauen Blatter hatten die Farbe des Himmels 
und ein Hauch von Reseda, und die zarten, schwarzen Buchstaben 
flogen wie eine geordnete Schar schlanker Schwalben dahin. Briefe der 
toten Frau Slama! Sie erschienen Carl Joseph als die friihen Kiinder 
ihres plotzlichen Endes, von der geisterhaften Feinheit, die nur todge- 
weihten Handen entstromt, vorweggenommene Griifie aus dem Jen- 
seits. Den letzten Brief hatte er nicht beantwortet. Die Ausmusterung, 
die Reden, der Abschied, die Messe, die Ernennung, der neue Rang 
und die neuen Uniformen verloren ihre Bedeutung vor dem gewichtlo- 
sen, dunklen Zug der beschwingten Buchstaben auf blauem Hinter- 
grund. Noch lagen auf seiner Haut die Spuren der liebkosenden Hande 
der toten Frau, und in seinen eigenen warmen Handen barg sich noch 
die Erinnerung an ihre kiihle Brust, und mit geschlossenen Augen sah 
er die selige Miidigkeit in ihrem liebessatten Angesicht, den offenen, 
roten Mund und den weifien Schimmer der Zahne, den lassig ge- 
krummten Arm, in jeder Linie des Korpers den flieftenden Abglanz 
wunschloser Traume und gliicklichen Schlafs. Jetzt krochen die Wur- 
mer liber Brust und Schenkel, und griindliche Verwesung zerfraft das 
Gesicht. Je starker die graftlichen Bilder des Zerfalls vor den Augen des 
jungen Mannes wurden, desto heftiger entziindeten sie seine Leiden- 
schaft. Sie schien in die unbegreifliche Unbegrenztheit jener Bezirke 
hinauszuwachsen, in denen die Tote verschwunden war. Wahrschein- 
lich hatte ich sie gar nicht mehr besucht! dachte der Leutnant. Ich hatte 
sie verges sen. Ihre Worte waren zartlich, sie war eine Mutter, sie hat 
mich geliebt, sie ist gestorben! Es war klar, daft er Schuld an ihrem 
Tode trug. An der Schwelle seines Lebens lag sie, eine geliebte Leiche. 
Es war die erste Begegnung Carl Josephs mit dem Tode. An seine Mut- 
ter erinnerte er sich nicht mehr. Nichts mehr kannte er von ihr als 
Grab und Blumenbeet und zwei Photographien. Nun zuckte der Tod 
vor ihm auf wie ein schwarzer Blitz, traf seine harmlose Freude, ver- 
sengte seine Jugend und schmetterte ihn an den Rand der verhangten 
Griinde, die das Lebendige vom Gestorbenen trennen. Vor ihm lag 
also ein langes Leben voller Trauer. Er nistete sich, es zu erleiden, 
entschlossen und blafi, wie es einem Manne geziemt. Er packte die 
Briefe ein. Er schloft den Koffer. Er ging in den Korridor, klopfte an 
die Tiir seines Vaters, trat ein und horte wie durch eine dicke Wand aus 
Glas die Stimme des Alten: »Es scheint, daft du ein weiches Herz 



174 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hast!« Der Bezirkshauptmann ordnete seine Krawatte vor dem Spiegel. 
Er hatte noch in der Statthalterei zu tun, in der Polizeidirektion, im 
Oberlandesgericht. »Du begleitest mich!« sagte er. 
Sie fuhren im Zweispanner auf Gummiradern. Festlicher als je erschie- 
nen die Strafien Carl Joseph. Das breite, sommerliche Gold des Nach- 
mittags flofi uber Hauser und Baume, Strafienbahnen, Passanten, Poli- 
zisten, griine Banke, Monumente und Garten. Man horte den hurti- 
gen, schnalzenden Aufschlag der Hufe auf das Pflaster. Junge Frauen 
glitten wie helle, zartliche Lichter vorbei. Soldaten salutierten. Schau- 
fenster schimmerten. Der Sommer wehte milde durch die grofie Stadt. 
Alle Schonheiten des Sommers aber glitten an Carl Josephs gieichgulti- 
gen Augen voriiber. An sein Ohr schlugen die Worte des Vaters. Hun- 
dert Veranderungen hatte der Alte festzustellen: verlegte Tabaktrafi- 
ken, neue Kioske, verlangerte Omnibuslinien, verschobene Haltestel- 
len. Vieles war zu seiner Zeit anders gewesen. Aber an alles Ver- 
schwundene wie an alles Bewahrte heftete er seine treue Erinnerung, 
seine Stimme hob mit leiser und ungewohnter Zartlichkeit winzige 
Schatze aus verschiitteten Zeiten, seine magere Hand deutete griifiend 
nach den Stellen, an denen einst seine Jugend gebliiht hatte. Carl Jo- 
seph schwieg. Auch er hatte soeben die Jugend verloren. Seine Liebe 
war tot, aber sein Herz aufgetan der vaterlichen Wehmut, und er be- 
gann zu ahnen, daft hinter der knochernen Harte des Bezirkshaupt- 
manns ein anderer verborgen war, ein Geheimnisvoller und dennoch 
Vertrauter, ein Trotta, Abkommling eines slowenischen Invaliden und 
des merkwurdigen Helden von Solferino. Und je lebhafter des Alten 
Ausrufe und Bemerkungen wurden, desto sparlicher und leiser kamen 
die gehorsamen und gewohnten Bestatigungen des Sohnes, und das 
stramme und diensteifrige »Jawohl, Papa«, der Zunge eingeubt seit 
friihen Jahren, klang nunmehr anders, bniderlich und heimisch. Jiinger 
schien der Vater zu werderi und alter der Sohn. Sie hielten vor mehre- 
ren Amtsgebauden, in denen der Bezirkshauptmann nach fruheren 
Genossen, Zeugen seiner Jugend, suchte. Der Brandl war Polizeirat 
geworden, der Smekal Sektionschef, Monteschitzky Oberst und Has- 
selbrunner Legationsrat. Sie hielten vor den Laden, bestellten bei Reit- 
meyer in den Tuchlauben ein Paar Salonstiefeletten, matt, Chevreaux, 
fur Hofball und Audienz, eine Salonhose auf der Wieden beim Hof- 
und Militarschneider Ettlinger, und es ereignete sich das Unglaubliche, 
dafi der Bezirkshauptmann beim Hofjuwelier Schafransky eine sil- 



RADETZKYMARSCH 175 

berne Tabatiere, solide und mit geripptem Riicken, auswahlte; ein Lu- 
xusgegenstand, in den er die trostlichen Worte eingravieren liefi: »in 
periculo securitas. Dein Vater.« 

Sie landeten vor dem Volksgarten und tranken Kaffee. Weifi im dun- 
kelgriinen Schatten leuchteten die runden Tische der Terrasse, auf den 
Tischtiichern blauten die Siphons. Wenn die Musik innehielt, horte 
man den jubelnden Gesang der Vogel. Der Bezirkshauptmann hob den 
Kopf, und als zoge er Erinnerungen aus der Hohe, begann er: »Hier 
nab* ich einmal ein kleines Madel kennengelernt. Wie lang wird's her 
sein?« Er verlor sich in stummen Berechnungen. Lange, lange Jahre 
schienen seit damals vergangen; es war Carl Joseph, als safle neben ihm 
nicht sein Vater, sondern ein Urahne. »Mizzi Schinagl hat's geheifien!« 
sagte der Alte. In den dichten Kronen der Kastanien suchte er nach 
dem verschollenen Bildnis Fraulein Schinagls, als ware sie ein Vogel- 
chen gewesen. »Sie lebt noch?« fragte Carl Joseph aus Hoflichkeit und 
wie um einen Anhaltspunkt fur die Abschatzung der verschwundenen 
Epochen zu gewinnen. »Hoffentlich! Zu meiner Zek, weifit du, war 
man nicht sentimental. Man nahm Abschied von Madchen und auch 
von Freunden . . .« Er unterbrach sich plotzlich. Ein Fremder stand an 
ihrem Tisch, ein Mann mit Schlapphut und flatternder Krawatte, in 
einem grauen und sehr alten Cutaway mit schlaffen Schoften, dichtes, 
langes Haar im Nacken, das breite, graue Gesicht mangelhaft rasiert, 
auf den ersten Blick ein Maler, von jener libertriebenen Deutlichkeit 
der uberlieferten kunstlerischen Physiognomie, die unwirklich er- 
scheint und ausgeschnitten aus alten Illustrationen. Der Fremde legte 
seine Mappe auf den Tisch und machte Anstalten, seine Werke anzu- 
bieten, mit dem hochmiitigen Gleichmut, den ihm Armut und Sen- 
dung zu gleichen Teilen eingeben mochten. »Aber Moser!« sagte Herr 
von Trotta. Der Maler rollte langsam die schweren Lider von seinen 
groften, hellen Augen empor, betrachtete ein paar Sekunden den Be- 
zirkshauptmann, streckte die Hand aus und sagte: »Trotta!« 
Im nachsten Augenblick schon hatte er die Bestiirzung wie die Sanft- 
heit abgelegt, schmetterte die Mappe hin, daft die Glaser zitterten, rief 
dreimal hintereinander: »Donnerwetter!«, so machtig, als erzeugte er 
es wirklich, liefi den Blick triumphierend iiber die benachbarten Tische 
kreisen und schien Applaus von den Gasten zu erwarten, setzte sich, 
liiftete den Schlapphut und warf ihn auf den Kies neben den Stuhl, 
schob mit dem Ellbogen die Mappe vom Tisch, bezeichnete sie gelas- 



176 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sen als »Dreck«, neigte den Kopf gegen den Leutnant vor, zog die 
Augenbrauen zusammen, lehnte sich wieder zuriick und sagte: »Wie, 
Herr Statthalter, dein Herr Sohn?« 

»Das ist mein Jugendfreund, der Herr Professor Moser!« erklarte der 
Bezirkshauptmann. 

»Donnerwetter, Herr Statthalter!« wiederholte Moser. Er fafite gleich- 
zeitig nach dem Frack eines Kellners, erhob sich und flusterte eine 
Bestellung wie ein Geheimnis, setzte sich und schwieg, die Augen in 
jene Richtung gewendet, aus der die Kellner mit den Getranken kom- 
men mufiten. Schliefilich stand ein Sodawasserglas vor ihm, halbgefullt 
mit wasserklarem Sliwowitz; er ftihrte es vor geblahter Nase ein paar- 
mal hin und her, setzte mit einer machtigen Armbewegung an, als galte 
es, einen schweren Humpen auf einen Zug zu leeren, nippte schliefilich 
nur ein wenig und sammelte dann mit vorgestreckter Zungenspitze die 
Tropfen von den Lippen ab. 

»Du bist zwei Wochen hier und besuchst mich nicht!« begann er mit 
der forschenden Strenge eines Vorgesetzten. 

»Lieber Moser«, sagte Herr von Trotta, »ich bin gestern gekommen 
und fahre morgen wieder zuriick. « 

Der Maler sah lange in das Gesicht des Bezirkshauptmanns. Dann 
setzte er das Glas wieder an und trank es ohne Aufenthalt leer wie 
Wasser. Als er es hinstellen wollte, traf er nicht mehr die Untertasse 
und liefi es sich von Carl Joseph aus der Hand nehmen. »Danke!« sagte 
der Maler, und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Leutnant: 
»Aufierordentlich, die Ahnlichkeit mit dem Helden von Solferino! 
Nur etwas weicher! Schwachliche Nase! Weicher Mund! Kann sich 
aber mit der Zeit andern . . . !« 

»Professor Moser hat den Groflvater gemalt!« bemerkte der alte 
Trotta. Carl Joseph sah den Vater und den Maler an, und in seiner 
Erinnerung erstand das Portrat des Groftvaters, verdammernd unter 
dem Suffit des Herrenzimmers. Unfaflbar erschien ihm die Beziehung 
des Grofivaters zu diesem Professor; die Vertrautheit des Vaters mit 
Moser erschreckte ihn, er sah die schmutzige, breite Hand des Frem- 
den mit freundschaftlichem Schlag auf die gestreifte Hose des Bezirks- 
hauptmanns niederfallen und den abwehrenden, sanften Riickzug des 
vaterlichen Oberschenkels. Da safi nun. der Alte, wiirdig wie sonst, 
zuruckgelehnt und gleichsam abgehalten vom Alkoholgeruch, der ge- 
gen seine Brust und sein Angesicht gerichtet war, lachelte und liefi sich 



RADETZKYMARSCH 177 

alles gef alien. »Solltest dich renovieren lassen«, sagte der Maler. »Scha- 

big bist du geworden! Dein Vater hat anders ausgesehn.« 

Der Bezirkshauptmann strich seinen Backenbart und lachelte. »Ja, der 

alte Trotta!« begann wieder der Maler. 

»2ahlen!« sagte plotzlich leise der Bezirkshauptmann. »Du entschul- 

digst, Moser, wir haben eine Verabredung.« 

Der Maler blieb sitzen, Vater und Sohn verliefien den Garten. 

Der Bezirkshauptmann schob seinen Arm unter den des Sohnes. Zum 

erstenmal fuhlte Carl Joseph den diirren Arm des Vaters an der Brust. 

Die vaterliche Hand im dunkelgrauen Glacehandschuh lag in leicht 

gekriimmter Zutraulichkeit auf dem blauen Armel der Uniform. Es 

war die gleiche Hand, die, hager und ziirnend, umscheppert von der 

steifen Manschette, mahnen konnte und warnen, mit leisen und spit- 

zen Fingern in Papieren blattern, die Schubladen mit grimmigem Ruck 

in ihre Facher stiefi, Schliissel so entschieden abzog, daft man glauben 

konnte, die Schlosser seien fur alle Ewigkeit versperrt. Es war die 

Hand, die mit lauernder Ungeduld auf die Tischkante trommelte, 

wenn es nicht nach dem Willen ihres Herrn ging, und an die Fenster- 

scheibe, wenn im Zimmer irgendeine Verlegenheit entstanden war. 

Diese Hand hob den mageren Zeigefinger, wenn jemand im Haus et- 

was unterlassen hatte, ballte sich zur stummen, niemals aufschlagenden 

Faust, bettete sich zartlich um die Stirn, nahm behutsam den Zwicker 

ab, bog sich leicht um das Weinglas, fiihrte die schwarze Virginier lieb- 

kosend zum Mund. Es war die linke Hand des Vaters, dem Sohn seit 

langem vertraut. Und dennoch war es, als erfiihre er jetzt erst, daft es 

die Hand des Vaters war, die vaterliche Hand. Carl Joseph verspiirte 

das Verlangen, diese Hand an seine Brust zu driicken. 

»Siehst du, der Moser!« begann der Bezirkshauptmann, schwieg eine 

Weile, suchte nach einem gerecht abwagenden Wort und sagte endlich: 

»Aus dem hatte was werden konnen.« 

»Ja, Papa!« 

»Wie er das Bild vom Grofivater gemacht hat, war er sechzehn Jahre 

alt. Waren wir beide sechzehn Jahre alt! Es war mein einziger Freund 

in der Klasse! Dann ist er in die Akademie gekommen. Der Schnaps 

hat ihn halt erwischt. Er ist trotzdem . . .« Der Bezirkshauptmann 

schwieg und sagte erst nach ein paar Minuten: »Unter alien, die ich 

heut wiedergesehn hab', ist er trotzdem mein Freund!« 

»Ja- Vater.« 



178 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Zum erstenmal sagte Joseph das Wort »Vater«! »Jawohl, Papa!« ver- 
besserte er sich schnell. 

Es wurde dunkel. Der Abend fiel heftig in die Strafie. 
»Du frierst, Papa?« 
»Keine Spur.« 

Aber der Bezirkshauptmann schritt rascher aus. Bald waren sie in der 
Nahe des Hotels. 

»Herr Statthalter!« erscholl es hinter ihnen. Der Maler Moser war ih- 
nen offenbar gefolgt. Sie wandten sich urn. Da stand er, den Hut in der 
Hand, mit gesenktem Kopf, demiitig, als wollte er den ironischen An- 
ruf ungeschehen machen. »Die Herren entschuldigen!« sagte er. 
»Habe zu spat bemerkt, dafi mein Etui leer ist!« Er zeigte eine offene, 
leere Blechschachtel. Der Bezirkshauptmann zog ein Zigarrenetui. 
»Zigarren rauch' ich nicht!« sagte der Maler. 

Carl Joseph hielt einen Zigarettenkarton hin. Moser legte umstandlich 
die Mappe vor die Fiifie, auf das Pfl aster, fiillte seine Schachtel, bat um 
Feuer, hielt beide Hande um das blaue Flammchen. Seine Hande wa- 
ren rot und klebrig, zu grofi im Verhaltnis zu ihren Gelenken, zitterten 
leise, erinnerten an sinnlose Werkzeuge. Seine Nagel waren wie kleine, 
flache, schwarze Spaten, mit denen er eben in Erde, Kot, farbigem Brei 
und flussigem Nikotin geschaufelt hatte. »Wir sollen uns also nicht 
mehr wiedersehen«, sagte er und biickte sich nach der Mappe. Er stand 
auf, liber seine Wangen rannen dicke Tranen. »Nie mehr wiedersehn«, 
schluchzte er. »Ich mufi fur einen Augenblick ins Zimmer«, sagte Carl 
Joseph und ging ins Hotel. 

Er rannte die Stufen hinauf ins Zimmer, beugte sich aus dem Fenster, 
beobachtete angstlich seinen Vater, sah, wie der Alte die Brieftasche 
zog, der Maler zwei Sekunden darauf mit verjiingten Kraften dem Be- 
zirkshauptmann die schauerliche Hand auf die Schulter legte und 
horte, wie Moser ausrief: »Also, Franz, am Dritten, wie gewohnlich!« 
Carl Joseph rannte wieder hinunter, es war ihm, als miifite er den Vater 
schiitzen; der Professor salutierte und trat zuriick, ging, mit letztem 
Grufi, erhobenen Hauptes, mit nachtwandlerischer Sicherheit schnur- 
gerade iiber die Fahrbahn und winkte vom gegeniiberliegenden Biir- 
gersteig noch einmal zuriick, bevor er in einer Seitengasse verschwand. 
Aber einen Augenblick spater kam er wieder zum Vorschein, rief laut: 
»Einen Moment!«, daft es in der stillen Gasse widerhallte, setzte mit 
unwahrscheinlich sicheren und groEen Spriingen iiber die Fahrbahn 



RADETZKYMARSCH I79 

und stand vor dem Hotel, so unbekummert und gleichsam neu ange- 
kommen, als hatte er sich nicht erst vor ein paar Minuten verabschie- 
det. Und als sahe er jetzt zum erstenmal seinen Jugendfreund und des- 
sen Sohn, begann er mit einer klagenden Stimme: »Wie traurig ist es, 
sich so wiederzusehn! Weifit du noch, wie wir nebeneinander in der 
dritten Bank gesessen sind? In Griechisch warst du schwach, ich habe 
dich immer abschreiben lassen. Wenn du wirklich ehrlich bist, sag's 
selbst, vor deinem Sprofiling! Hab' ich dich nicht alles abschreiben 
lassen?« Und zu Carl Joseph: »Er war ein guter Kerl, aber ein Trau- 
michnicht, Ihr Herr Vater! Auch zu den Madeln ist er spat gegangen, 
ich hab' ihm Kurasch machen miissen, sonst hatt' er nie hingefunden. 
Sei gerecht, Trotta! Sag, dafi ich dich hingefiihrt habe!« 
Der Bezirkshauptmann schmunzelte und schwieg. Maler Moser 
machte Anstalten, einen langeren Vortrag zu beginnen. Er legte die 
Mappe auf das Pflaster, nahm den Hut ab, streckte einen Fufi vor und 
begann: »Wie ich zum erstenmal dem Alten begegnet bin, es war in 
den Ferien, du erinnerst dich doch.« Er unterbrach sich plotzlich und 
tastete mit hastigen Handen alle Taschen ab. Der Schweifi trat in dik- 
ken Perlen auf seine Stirn. »Ich hab's verlorenU rief er aus und zitterte 
und wankte. »Ich habe das Geld verlorenU 

Aus der Tiir des Hotels trat in diesem Augenblick der Portier. Er 
grufite den Bezirkshauptmann und den Leutnant mit einem heftigen 
Schwung der goldbetreftten Miitze und zeigte ein unwilliges Gesicht. 
Es sah aus, als konnte er im nachsten Augenblick dem Maler Moser 
Larm und Aufenthalt und Beleidigung der Gaste vor dem Hotel ver- 
bieten wollen. Der alte Trotta griff in die Brusttasche, der Maler ver- 
stummte. »Kannst du mir aushelfen?« fragte der Vater. Der Leutnant 
sagte: »Ich werde den Herrn Professor ein wenig begleiten. Auf Wie- 
dersehn, Papa!« Der Bezirkshauptmann liiftete den Halbzylinder und 
ging ins Hotel. Der Leutnant gab dem Professor einen Schein und 
folgte dem Vater. Der Maler Moser hob die Mappe auf und entfernte 
sich mit gemessen wankender Wiirde. 

Schon lag der tiefe Abend in den Strafien, und auch in der Halle des 
Hotels war es dunkel. Der Bezirkshauptmann safi, den Zimmerschlus- 
sel in der Hand, den Halbzylinder und den Stock neben sich, ein Be- 
standteil der Dammerung, im ledernen Sessel. Der Sohn blieb in ach- 
tungsvoller Entfernung von ihm stehen, als wollte er die Erledigung 
der Affare Moser dienstlich melden. Noch waren die Lampen nicht 



l8o ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

entziindet. Aus dem dammernden Schweigen kam die Stimme des Al- 
ten: »Wir fahren morgen nachmittag zwei Uhr funfzehn.« 
»Jawohl, Papa.« 

.»Es ist mir bei der Musik eingefallen, daft du den Kapellmeister Nech- 
wal besuchen miifitest. Nach dem Besuch beim Wachtmeister Slama, 
versteht sich. Hast du noch was in Wien zu erledigen?« 
»Die Hosen abholen lassen und die Zigarettendose.« 
»Was sonst?« 
»Nichts, Papa!« 

»Du machst morgen vormittag noch deine Aufwartung bei deinem 
Onkel. Hast du offenbar vergessen. Wie oft bist du sein Gast gewe- 
sen?« 

»Jedes Jahr zweimal, Papa!« 

»Na also! Richtest einen Grufi von mir aus. Sagst, ich lass 5 mich ent- 
schuldigen. Wie sieht er iibrigens aus, der gute Stransky?« 
»Sehr gut, wie ich ihn zuletzt gesehen habe.« 

Der Bezirkshauptmann griff nach seinem Stock und stiitzte die vorge- 
streckte Hand auf die silberne Kriicke, wie er es gewohnt war, im Ste- 
hen zu tun, und als mufite man auch sitzend noch einen besonderen 
Halt haben, sobald von jenem Stransky die Rede war: 
»Ich nab' ihn zuletzt vor neunzehn Jahren gesehn. Da war er noch 
Oberleutnant. Schon verliebt in diese Koppelmann. Unheilbar! Die 
Geschichte war recht fatal. Verliebt war er halt in eine Koppelmann. « 
Er sprach diesen Namen lauter als das iibrige und mit einer deutlichen 
Zasur zwischen den beiden Teilen. »Sie konnten die Kaution natiirlich 
nicht aufbringen. Deine Mutter hatt' mich beinah dazu gebracht, die 
Halfte herzugeben.« 
»Er hat den Dienst quittiert?« 

»Ja, das hat er. Und ist zur Nordbahn gekommen. Wie weit ist er 
heute? Bahnrat, glaub' ich, wie?« 
»Jawohl, Papa!« 

»Na also. Hat er nicht den Sohn Apotheker werden lassen ?« 
»Nein, Papa, der Alexander ist noch im Gymnasium. « 
»So. Hinkt ein biikhen, hab' ich gehort, wie?« 
»Er hat ein kiirzeres Bein.« 

»Na ja!« schloE der Alte befriedigt, als hatte er schon vor neunzehn 
Jahren vorausgesehn, daft Alexander hinken wiirde. 
Er erhob sich, die Lampen im Vestibiil flammten auf und beleuchteten 



RADETZKYMARSCH l8l 

seine Blasse. »Ich will Geld holen«, sagte er. Er naherte sich der 

Treppe. »Ich hoi's, Papa!« sagte Carl Joseph. »Danke!« sagte der Be- 

zirkshauptmann. 

»Ich empfehle dir«, sagte er dann, wahrend sie die Mehlspeise aften, 

»die Bacchussale. Soil so eine neue Sache sein! Triffst dort vielleicht 

den Smekal.« 

»Danke, Papa! Gute Nacht!« 

Zwischen elf und zwolf vormittags besuchte Carl Joseph den Onkel 

Stransky. Der Bahnrat war noch im Biiro, seine Frau, geborene Kop- 

pelmann, liefi den Bezirkshauptmann herzlich griiften. Carl Joseph 

ging langsam iiber den Ringkorso ins Hotel. Er bog in die Tuchlauben 

ein, liefi die Hosen ins Hotel schicken, holte die Zigarettendose ab. Die 

Zigarettendose war kiihl, man fiihlte ihre Kiihle durch die Tasche der 

diinnen Bluse an der Haut. Er dachte an den Kondolenzbesuch beim 

Wachtmeister Slama und fafite den Beschlufi, keinesfalls das Zimmer 

zu betreten. Herzlichstes Beileid, Herr Slama! wird er sagen, auf der 

Veranda noch. Die Lerchen trillern unsichtbar im blauen Gewolbe. 

Man hort das schleifende Wispern der Grillen. Man riecht das Heu, 

den spaten Duft der Akazien, die eben aufbliihenden Knospen im 

Gartchen des Gendarmeriekommandos. Frau Slama ist tot. Kathi, Ka- 

tharina Luise nach dem Taufschein. Sie ist tot. 

Sie fuhren nach Hause. Der Bezirkshauptmann legte die Akten weg, 

bettete den Kopf zwischen die roten Samtpolster in der Fensterecke 

und schlofi die Augen. 

Carl Joseph sah zum erstenmal den Kopf des Bezirkshauptmanns waa- 

gerecht gelegt, die Flugel der schmalen, knochernen Nase geblaht, die 

zierliche Mulde im glattrasierten, gepuderten Kinn und den Backen- 

bart ruhig gespreizt in zwei breiten, schwarzen Fittichen. Schon sil- 

berte er ein wenig an den aufiersten Ecken, schon hatte ihn dort das 

Alter gestreift und an den Schlafen auch. Er wird eines Tages sterben! 

dachte Carl Joseph. Sterben wird er und begraben werden. Ich werde 

bleiben. 

Sie waren allein im Kupee. Das schlummernde Angesicht des Vaters 

wiegte sich friedlich im rotlichen Dammer der Polsterung. Unter dem 

schwarzen Schnurrbart waren die blassen, schmalen Lippen wie ein 

einziger Strich, an dem diinnen Hals zwischen den blanken Ecken des 

Stehkragens wolbte sich der kahle Adamsapfel, die tausendfach gerun- 

zelten, blaulichen Haute der geschlossenen Lider zitterten standig und 



l82 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

leise, die breite, weinrote Krawatte hob und senkte sich gleichmafiig, 
und auch die Hande schliefen, geborgen in den Achselhohlen an den 
quer uber der Brust gekreuzten Armen. Eine grofie Stille ging vom 
ruhenden Vater aus. Entschlafen und besanftigt schlummerte auch 
seine Strenge, eingebettet in der stillen, senkrechten Furche zwischen 
Nase und Stirn, wie ein Sturm schlaft im schroffen Spalt zwischen den 
Bergen. Diese Furche war Carl Joseph bekannt, sogar wohlvertraut. 
Das Angesicht des GroRvaters auf dem Portrat im Herrenzimmer 
zierte sie, dieselbe Furche, der zornige Schmuck der Trottas, das Erb- 
teil des Helden von Solferino. 

Der Vater offnete die Augen: »Wie lange noch?« »Zwei Stunden, 
Papa!« 

Es begann zu regnen. Es war Mittwoch, Donnerstagnachmittag war 
der Kondolenzbesuch bei Slama fallig. Es regnete auch Donnerstag- 
vormittag. Eine Viertelstunde nach dem Essen, sie hielten noch beim 
Kaffee im Herrenzimmer, sagte Carl Joseph: »Ich gehe zu den Slamas, 
Papa!« 

»Er ist leider allein!« erwiderte der Bezirkshauptmann. »Du triffst ihn 
am besten um vier.« Man horte in diesem Augenblick vom Kirchturm 
zwei helle Schlage, der Bezirkshauptmann hob den Zeigefinger und 
deutete in die Richtung der Glocken zum Fenster. Carl Joseph wurde 
rot. Es schien, dafi der Vater, der Regen, die Uhren, die Menschen, die 
Zeit und die Natur selbst entschlossen waren, ihm den Weg noch 
schwerer zu machen. Auch an jenen Nachmittagen, an denen er noch 
zur lebenden Frau Slama gehen durfte, hatte er auf den goldenen 
Schlag der Glocken gelauscht, ungeduldig wie heute, aber darauf be- 
dacht, den Wachtmeister eben nicht zu treffen. Hinter vielen Jahr- 
zehnten schienen jene Nachmittage vergraben zu liegen. Der Tod be- 
schattete und barg sie, der Tod stand zwischen damals und heute und 
schob seine ganze zeitlose Finsternis zwischen Vergangenheit und Ge- 
genwart. Und dennoch war der goldene Schlag der Stunden nicht ver- 
wandelt - und genauso wie damals safi man heute im Herrenzimmer 
und trank Kaffee. 

»Es regnet«, sagte der Vater, als bemerkte er es jetzt zum erstenmal. 
»Du nimmst vielleicht einen Wagen?« 

»Ich geh' gern im Regen, Papa!« Er wollte sagen: Lang, lang mufi der 
Weg sein, den ich gehe. Vielleicht hatte ich damals einen Wagen neh- 
men mussen, als sie noch gelebt hat! Es war still, der Regen trommelte 



RADETZKYMARSCH 183 

gegen die Fenster. Der Bezirkshauptmann erhob sich: »Ich mufi 
hiniiber!« Er meinte das Amt. »Wir sehen uns dann!« Er schlofi 
sanfter, als er gewohnt war, die Tiir. Es war Carl Joseph, als stande 
der Vater noch eine Weile draufien und lauschte. 
Jetzt schlug es ein Viertel vom Turm, dann halb. Halb drei, noch 
anderthalb Stunden. Er ging in den Korridor, nahm den Mantel, 
richtete lange die vorschriftsmafiigen Falten am Riicken, zerrte den 
Korb des Sabels durch den Schlitz der Tasche, setzte mechanisch die 
Miitze vor dem Spiegel auf und verliefi das Haus. 



IV 



Er ging den gewohnten Weg, unter den offenen Bahnschranken 
durch, am schlafenden, gelben Finanzamt vorbei. Von hier aus sah 
man bereits das einsame Gendarmeriekommando. Er ging weiter. 
Zehn Minuten hinter dem Gendarmeriekommando lag der kleine 
Friedhof mit dem holzernen Gitter. Dichter schien der Schleier des 
Regens liber die Toten zu flieften. Der Leutnant beriihrte die nasse, 
eiserne Klinke, er trat ein. Verloren flotete ein unbekannter Vogel, 
wo mochte er sich wohl verbergen, sang er nicht aus einem Grab? 
Er klinkte die Tiir des Wachters auf, eine alte Frau, mit Brille auf 
der Nase, schalte Kartoffeln. Sie liefi die Schalen wie die Friichte aus 
dem Schoft in den Eimer fallen und stand auf. »Ich mochte das 
Grab der Frau Slama!« »Vorletzte Reihe, vierzehn, Grab sieben!« 
sagte die Frau prompt und als hatte sie langst auf diese Frage gewar- 
tet. 

Das Grab war noch frisch, ein winziger Hiigel, ein kleines, vorlaufi- 
ges Holzkreuz und ein verregneter Kranz aus glasernen Veilchen, 
die an Konditoreien und Bonbons erinnerten. »Katharina Luise 
Slama, geboren, gestorben.« Unten lag sie, die fetten, geringelten 
Wurmer begannen soeben, behaglich an den runden, weifien Briisten 
zu nagen. Der Leutnant schlofl die Augen und nahm die Miitze ab. 
Der Regen streichelte mit nasser Zartlichkeit seine gescheitelten 
Haare. Er achtete nicht auf das Grab, der zerfallende Korper unter 
diesem Hiigel hatte nichts mit Frau Slama zu tun; tot war sie, tot, 
das hiefi: unerreichbar, stand man auch an ihrem Grab. Naher war 
ihm der Korper, der in seiner Erinnerung begraben lag, als der 



184 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Leichnam unter diesem Hiigel. Carl Joseph setzte die Miitze auf und 
zog die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Er verliefi den Friedhof. 
Er gelangte zum Gendarmeriekommando, driickte die Klingel, nie- 
mand kam. Der Wachtmeister war noch nicht zu Hause. Der Regen 
rauschte auf das dichte, wilde Weinlaub, das die Veranda umhiillte. 
Carl Joseph ging auf und ab, auf und ab, ziindete sich eine Zigarette an, 
warf sie wieder weg, fiihlte, dafi er einer Schildwache glich, wendete, 
sooft sein Blick jenes rechte Fenster traf, aus dem Katharina immer 
geblickt hatte, den Kopf, zog die Uhr, driickte noch einmal den wei- 
fien Knopf der Klingel, wartete. 

Verhiillte vier Schlage kamen langsam vom Kirchturrn der Stadt. Da 
tauchte der Wachtmeister auf. Er salutierte mechanisch, bevor er noch 
sah, wen er vor sich hatte. Als galte es, nicht dem GrufS, sondern einer 
Bedrohung des Gendarmen entgegenzukommen, rief Carl Joseph lau- 
ter, als er beabsichtigt hatte: »Grufl Gott, Herr Slama!« Er streckte die 
Hand aus, stiirzte sich gleichsam in die Begriifiung wie in eine Schanze, 
erwartete mit der Ungeduld, mit der man einem Angriff entgegensieht, 
die schwerfalligen Vorbereitungen des Wachtmeisters, die Anstren- 
gung, mit der er den nassen Zwirnhandschuh abstreifte und seine be- 
flissene Hingabe an dieses Unterfangen und seinen gesenkten Blick. 
Endlich legte sich die entbloflte Hand feucht, breit und ohne Druck in 
die des Leutnants. »Danke fur den Besuch, Herr Baron !« sagte der 
Wachtmeister, als ware der Leutnant nicht eben gekommen, sondern 
im Begriff zu gehn. Der Wachtmeister holte den Schliissel hervor. Er 
sperrte die Tur auf. Ein Windstofi peitschte den prasselnden Regen 
gegen die Veranda. Es war, als triebe er den Leutnant ins Haus. 
Dammrig war der Flur. Leuchtete nicht ein schmaler Streifen auf, 
schmal, silbern, irdische Spur der Toten? - Der Wachtmeister machte 
die Kuchentiir auf, die Spur ertrank im einstromenden Licht. »Bitte 
abzulegen!« sagte Slama. Er steht selbst noch im Mantel und gegiirtet. 
Herzliches Beileid! denkt der Leutnant. Ich sage es jetzt schnell und 
gehe dann wieder. Schon breitet Slama die Arme aus, um Carl Joseph 
den Mantel abzunehmen. Carl Joseph ergibt sich in die Hoflichkeit, 
die Hand Slamas streift einen Augenblick den Nacken des Leutnants, 
den Haaransatz iiber dem Kragen, just an jener Stelle, an der sich die 
Hande der Frau Slama zu verschranken pflegten, zarte Riegel der ge- 
liebten Fessel. Wann genau, zu welchem Zeitpunkt, wird man endlich 
die Kondolenzformel abstofien konnen? Wenn wir in den Salon treten 



RADETZKYMARSCH 185 

oder erst, wenn wir uns gesetzt haben? Mufi man sich dann wieder 
erheben? Es ist, als ob man nicht den geringsten Laut hervorbringen 
konnte, bevor nicht jenes dumme Wort gesagt ist, ein Ding, das man 
auf den Weg mitgenommen und die ganze Zeit im Mund getragen hat. 
Es liegt auf der Zunge, lastig und unniitz, von schalem Geschmack. 
Der Wachtmeister driickt die Klinke nieder, die Salontiir ist verschlos- 
sen. Er sagt: »Pardon!«, obwohl er nichts dafur kann. Er greift wieder 
nach der Tasche im Mantel, den er bereits abgelegt hat - es scheint 
schon sehr lange her- und klirrt mit dem Schliisselbund. Niemals war 
diese Tiir verschlossen gewesen, zu Lebzeiten der Frau Slama. Sie ist 
also nicht da! denkt der Leutnant auf einmal, als ware er nicht herge- 
kommen, weil sie eben nicht mehr da ist, und merkt, dafi er die ganze 
Zeit noch die verborgene Vorstellung gehegt hat, sie konnte dasein, in 
einem Zimmer sitzen und warten. Nun ist sie bestimmt nicht mehr da. 
Sie liegt in der Tat draufien unter dem Grab, das er eben gesehn hat. 
Ein feuchter Geruch liegt im Salon, von den zwei Fenstern ist eines 
verhangen, durch das andere schwimmt das graue Licht des triiben 
Tages. »Bitte einzutretenU wiederholt der Wachtmeister. Er steht hart 
hinter dem Leutnant. »Danke!« sagt Carl Joseph. Und er tritt ein und 
geht an den runden Tisch, er kennt genau das Muster der gerippten 
Decke, die ihn verhiillt, und den zackigen, kleinen Fleck in der Mine, 
die braune Politur und die Schnorkel der gerillten Fiifie. Hier steht die 
Kredenz mit den Glasfenstern, Pokale aus Neusilber dahinter und 
kleine Puppen aus Porzellan und ein Schwein aus gelbem Ton mit 
einem Spalt fur Sparmunzen im Rucken. »Erweisen mir die Ehre, Platz 
zu nehmen!« murmelt der Wachtmeister. Er steht hinter der Lehne 
eines Sessels, umfafk sie mit den Handen, er halt sie vor sich wie einen 
Schild. Vor mehr als vier Jahren hat ihn Carl Joseph zuletzt gesehn. 
Damals war er im Dienst. Er trug einen schillernden Federbusch am 
schwarzen Hut, Riemen iiberkreuzten seine Brust, das Gewehr hielt er 
bei Fufl, er wartete vor der Kanzlei des Bezirkshauptmanns. Er war 
der Wachtmeister Slama, der Name war wie der Rang, der Federbusch 
gehorte wie der blonde Schnurrbart zu seiner Physiognomic Jetzt 
steht der Wachtmeister barhauptig da, ohne Sabel, Riemen und Gurt, 
man sieht den fettigen Glanz des gerippten Uniformstoffs auf der 
leichten Wolbung des Bauchs iiber der Lehne, und es ist nicht mehr 
der Wachtmeister Slama von damals, sondern der Herr Slama, ein 
Wachtmeister der Gendarmerie im Dienst, friiher Mann der Frau 



l86 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Slama, jetzt Witwer und Herr dieses Hauses. Die kurzgeschnittenen, 
blonden Harchen liegen, in der Mitte gescheitelt, wie ein zweifliigeli- 
ges Biirstchen iiber der faltenlosen Stirn mit dem waagerechten, rotli- 
chen Streifen, den der dauernde Druck der harten Miitze hinterlassen 
hat. Verwaist ist dieser Kopf ohne Miitze und Helm. Das Angesicht 
ohne den Schatten des Schirmrandes ein regelmafiiges Oval, ausgefullt 
von Wangen, Nase, Bart und kleinen, blauen, verstockten, treuherzi- 
gen Augen. Er wartet, bis Carl Joseph sich gesetzt hat, riickt dann den 
Sessel, setzt sich ebenfalls und zieht seine Tabatiere. Sie hat einen Dek- 
kel aus buntbemaltem Email. Der Wachtmeister legt sie in die Mitte 
des Tisches, zwischen sich und den Leutnant und sagt: »Eine Zigarette 
gefallig?« - Es ist Zeit zu kondolieren, denkt Carl Joseph, erhebt sich 
und sagt: »Herzliches Beileid, Herr Slama !« Der Wachtmeister sitzt, 
beide Hande vor sich an der Tischkante, scheint nicht sofort zu erken- 
nen, worum es sich handelt, versucht zu lacheln, erhebt sich zu spat in 
dem Augenblick, in dem Carl Joseph sich wieder setzen will, nimmt 
die Hande vom Tisch und fuhrt sie an die Hose, neigt den Kopf, erhebt 
ihn wieder, sieht Carl Joseph an, als wolle er fragen, was zu tun sei. - 
Sie setzen sich wieder. - Es ist vorbei. Sie schweigen. »Sie war eine 
brave Frau, die selige Frau Slama! « sagt der Leutnant. 
Der Wachtmeister fuhrt die Hand an den Schnurrbart und sagt, ein 
diinnes Bartende zwischen den Fingern: »Sie ist schon gewesen, Herr 
Baron haben sie ja gekannt.« »Ich nab' sie gekannt, Ihre Frau Gemah- 
lin. Ist sie leicht gestorben?« »Zwei Tage hat's gedauert. Wir haben den 
Doktor zu spat geholt. Sie war' sonst am Leben geblieben. Ich hab' 
Dienst gehabt in der Nacht. Wie ich heimkomm', ist sie tot. Vom Fi- 
nanzer die Frau druben ist bei ihr gewesen. « Und gleich darauf : »Viel- 
leicht ein Himbeerwasser gefallig?« 

»Bitte, bitte!« sagt Carl Joseph, mit einer helleren Stimme, als konnte 
das Himbeerwasser eine ganz veranderte Lage schaffen, und er sieht 
den Wachtmeister aufstehn und zur Kommode gehn, und er weift, daft 
es dort kein Himbeerwasser gibt. Es steht in der Kiiche im weifien 
Schrank, hinter Glas, dort hat es Frau Slama immer geholt. Er verfolgt 
aufmerksam alle Bewegungen des Wachtmeisters, die kurzen, starken 
Arme in den engen Armeln, die sich recken, um auf der hochsten Eta- 
gere nach der Flasche zu fassen, und die sich dann hilflos senken, wah- 
rend die gestreckten Fiifie wieder auf ihre Sohlen zuriickfallen und 
Slama, gleichsam heimgekehrt aus einem fremden Gebiet, in das er eine 



RADETZKYMARSCH 187 

iiberfliissige und leider erfolglose Entdeckungsfahrt unternommen hat, 
sich wieder umwendet und mit riihrender Hoffnungslosigkeit in den 
blitzblauen Augen die schlichte Mitteilung macht: »Bitte um Entschul- 
digung, ich find's leider nicht!« 

»Das macht nichts, Herr Slama!« trostet der Leutnant. 
Der Wachtmeister aber, als hatte er diesen Trost nicht gehort oder als 
hatte er einem Befehl zu gehorchen, der, von hoherer Stelle ausdriick- 
lich erteilt, keine Milderung mehr durch ein Eingreifen Niederer erfah- 
ren konne, verlafit das Zimmer. Man hort ihn in der Kiiche hantieren, 
er kommt zuriick, die Flasche in der Hand, holt Glaser mit matten 
Randornamenten aus der Kredenz und stellt eine Karaffe Wasser auf 
den Tisch und gieftt aus der dunkelgriinen Flasche die zahe, rubinrote 
Fliissigkeit ein und wiederholt noch einmal: »Erweisen mir die Ehre, 
Herr Baron !« Der Leutnant giefit Wasser aus der Karaffe in den Him- 
beersaft, man schweigt, es rinnt mit starkem Strahl aus dem geschwun- 
genen Mund der Karaffe, platschert ein wenig und ist wie eine kleine 
Antwort auf das unermiidliche Fliefien des Regens draufien, den man 
die ganze Zeit iiber hort. Er hiillt, man weifl es, das einsame Haus ein 
und scheint die beiden Manner noch einsamer zu machen. Allein sind 
sie. Carl Joseph hebt das Glas, der Wachtmeister tut das gleiche, der 
Leutnant schmeckt die siifte, klebrige Fliissigkeit. Slama trinkt das 
Glas mit einem Zug leer, Durst hat er, merkwiirdigen, unerklarlichen 
Durst an diesem kiihlen Tag. »Riicken jetzt zu den X-ten Ulanen ein?« 
fragt Slama. »Ja, ich kenne das Regiment noch nicht. « »Ich habe einen 
bekannten Wachtmeister dort, Rechnungsunteroffizier Zenower. Er 
hat mit mir bei den Jagern gedient, hat sich dann transferieren lassen. 
Ein nobles Haus, sehr gebildet. Er wird die Offizierspriifung sicher 
machen. Unsereins bleibt, wo er gewesen ist. Bei der Gendarmerie sind 
keine Aussichten mehr.« - Der Regen ist starker geworden, die Wind- 
stofte heftiger, es prasselt immer wieder an die Fenster. - Carl Joseph 
sagt: »Es ist uberhaupt schwer, in unserm Beruf, beim Militar mein* 
ich!« Der Wachtmeister bricht in ein unverstandliches Lachen aus, es 
scheint ihn aufterordentlich zu freuen, daft es schwer ist in dem Beruf, 
den er und der Leutnant ausiiben. Er lacht ein wenig starker, als er 
mochte. Man sieht es an seinem Mund, der weiter geoffnet ist, als das 
Lachen erfordert, und der langer offenbleibt, als es dauert. Also ist es 
einen Augen blick so, als konnte sich der Wachtmeister aus korperli- 
chen Gninden allein schon schwer entschlieften, zu seinem alltaglichen 



l88 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ernst zuriickzufinden. Freut es ihn wirklich, dafi er und Carl Joseph es 
so schwer im Leben haben? »Herr Baron belieben«, beginnt er, »von 
>unserm< Beruf zu sprechen. Bitte, es mir nicht libel zu nehmen, bei 
unsereinem ist es doch etwas anders.« Carl Joseph weifi nichts darauf 
zu erwidern. Er fiihlt (auf eine unbestimmte Weise), dafi der Wacht- 
meister eine Gehassigkeit gegen ihn hegt, vielleicht gegen die Zustande 
in Armee und Gendarmerie iiberhaupt. Man hat in der Kadettenschule 
nie etwas dariiber gelernt, wie sich ein Offizier in einer ahnlichen Lage 
zu benehmen hat. Auf jeden Fall lachelt Carl Joseph, ein Lacheln, das 
wie eine eiserne Klammer seine Lippen herabzieht und zusammen- 
prefit; es sieht aus, als geize er mit dem Ausdruck des Vergniigens, den 
der Wachtmeister so unbedenklich verschwendet. Das Himbeerwas- 
ser, auf der Zunge soeben noch siift, schickt aus der Kehle einen bit- 
tern, schalen Geschmack zuriick, man mochte einen Cognac darauf 
trinken. Niedriger und kleiner als sonst erscheint heute der rotliche 
Salon, vielleicht vom Regen zusammengeprefit. Auf dem Tisch liegt 
das wohlbekannte Album mit den steifen, glanzenden Messingohren. 
Alle Bilder sind Carl Joseph bekannt. Wachtmeister Slama sagt: »Ge- 
statten gefalligst?« und schlagt das Album auf und halt es vor den 
Leutnant hin. In Zivil ist er hier photographiert, an der Seite seiner 
Frau, als junger Ehemann. »Damals war ich noch Zugfuhrer!« sagt er 
etwas bitter, als hatte er sagen mogen, dafi ihm dazumal bereits eine 
hohere Charge gebuhrt hatte. Frau Slama sitzt neben ihm in einem 
engen, hellen Sommerkleid mit Wespentaille wie in einem duftigen 
Panzer, einen breiten, weifien Tellerhut schief auf dem Haar. Was ist 
das? Hat Carl Joseph noch niemals das Bild gesehn? Warum scheint es 
ihm denn heute so neu? Und so alt? Und so fremd? Und so lacherlich? 
Ja, er lachelt, als betrachte er ein komisches Bild aus langst vergange- 
nen Zeiten und als ware Frau Slama ihm niemals nahe und teuer gewe- 
sen und als ware sie nicht erst vor ein paar Monaten, sondern schon 
vor Jahren gestorben. »Sie war sehr hubsch! Man sieht's!« sagt er, 
nicht mehr aus Verlegenheit, wie fruher, sondern aus ehrlicher Heu- 
chelei. Man sagt etwas Nettes von einer Toten, im Angesicht des Wit- 
wers, dem man kondoliert. 

Er fiihlt sich sofort befreit und von der Toten geschieden, als ware 
alles, alles ausgeloscht. Einbildung war alles gewesen! Das Himbeer- 
wasser trinkt er aus, steht auf und sagt: »Ich werde also gehn, Herr 
Slama !« Er wartet auch nicht, er macht kehrt, der Wachtmeister hat 



RADETZKYMARSCH 189 

kaum Zeit gehabt, aufzustehn, schon stehn sie wieder im Flur, schon 
hat Carl Joseph den Mantel an, streift mit Wohlbehagen den linken 
Handschuh langsam iiber, dazu hat er plotzlich mehr Zeit, und wie er 
»Na, auf Wiedersehn, Herr Slama!« sagt, vernimmt er selbst mit Be- 
friedigung einen fremden, hochmutigen Klang in seiner Stimme. Slama 
steht da, mit gesenkten Augen und mit ratlosen Handen, die auf einmal 
leer geworden sind, als hatten sie bis zu diesem Augenblick etwas ge- 
halten und soeben fallen gelassen und fur immer verloren. Sie reichen 
einander die Hande. Hat Slama noch etwas zu sagen? - Egal! - »Viel- 
leicht ein anderes Mai wieder, Herr LeutnantU sagt er dennoch. Ja, er 
wird es wohl nicht ernstlich glauben, Carl Joseph hat das Angesicht 
Slamas schon vergessen. Er sieht nur die goldgelben Kanten am Kragen 
und die drei goldenen Zacken am schwarzen Armel der Gendarmerie- 
bluse. »Leben Sie wohl, Wachtmeister !« 

Es regnet noch immer milde, unermudlich, mit einzelnen fohnigen 
Windstofien. Es ist, als hatte es schon langst Abend sein miissen, und 
es konnte immer noch nicht Abend werden. Ewig dieses schraffierte, 
nasse Grau. Zum erstenmal, seitdem er Uniform tragt, ja, zum ersten- 
mal, seitdem er denken kann, hat Carl Joseph das Gefuhl, dafi man den 
Kragen des Mantels hochschlagen miifke. Und er hebt sogar fur einen 
Augenblick die Hande und erinnert sich, dafi er Uniform tragt, und 
lafit sie wieder fallen. Es ist, als hatte er eine Sekunde lang seinen Beruf 
vergessen. Er geht langsam und klirrend iiber den nassen, knirschen- 
den Kies des Vorgartens und freut sich seiner Langsamkeit. Er hat's 
nicht notig, sich zu beeilen; nichts ist gewesen, ein Traum war alles. 
Wie spat mag es sein? Die Taschenuhr ist zu tief geborgen unter der 
Bluse in der kleinen Hosentasche. Schade, den Mantel aufzuknopfen. 
Bald wird es ohnehin vom Turm schlagen. 

Er of met das Gartengitter, er tritt auf die Strafte. »Herr Baron !« sagt 
plotzlich hinter ihm der Wachtmeister. Ratselhaft, wie unhorbar er 
gefolgt ist. Ja, Carl Joseph erschrickt. Er bleibt stehn, kann sich aber 
nicht entschliefien, sich sogleich umzuwenden. Vielleicht ruht der Lauf 
einer Pistole genau in der Mulde, zwischen den vorschriftsmafiigen 
Riickenfalten des Mantels. Grauenhafter und kindischer Einfall! Fangt 
alles aufs neue an? »Ja!« sagt er, immer noch mit hochrmitiger Lassig- 
keit, die wie eine muhselige Fortsetzung seines Abschieds ist und ihn 
sehr anstrengt - und macht kehrt. Ohne Mantel und barhauptig steht 
der Wachtmeister im Regen, mit dem nassen, zweifliigeligen Biirstchen 



190 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und dicken Wasserperlen an der blonden, glatten Stirn. Er halt ein 
blaues Packchen, kreuzweis mit silbernem Bindfaden verschniirt. »Das 
ist fur Sie, Herr Baron !« sagt er, die Augen niedergeschlagen. »Bitte 
um Entschuldigung! Der Herr Bezirkshauptmann hat's angeordnet. 
Ich hab's damals gleich hingebracht. Der Herr Bezirkshauptmann 
hat's schnell uberflogen und gesagt, ich soli's personlich ubergeben!« 
Es ist einen Augenblick still, nur der Regen prasselt auf das arme, blafi- 
blaue Packchen, farbt es ganz dunkel, es kann nicht langer warten, das 
Packchen. Carl Joseph nimmt es, versenkt es in die Manteltasche, wird 
rot, denkt einen Moment daran, den Handschuh von der Rechten ab- 
zustreifen, besinnt sich, streckt die Hand im Leder dem Wachtmeister 
hin, sagt »Herzlichen Dank!« und geht schnell. 

Er fuhlt das Packchen wohl in der Tasche. Von dort her, durch die 
Hand, den Arm entlang, quillt eine unbekannte Hitze auf und rotet 
noch starker sein Angesicht. Er fuhlt jetzt, daft man den Kragen auf- 
machen miifite, wie er fruher geglaubt hat, ihn hochschlagen zu miis- 
sen. Der bittere Nachgeschmack des Himbeerwassers ist wieder im 
Mund. Carl Joseph zieht das Packchen aus der Tasche. Ja, es ist kein 
Zweifel. Das sind seine Briefe. 

Es mufite jetzt endlich Abend werden und der Regen aufhoren. Es 
miifite sich manches in der Welt verandern, die Abendsonne vielleicht 
noch einen letzten Strahl hierherschicken. Durch den Regen atmen die 
Wiesen den wohlbekannten Duft, und der einsame Ruf eines fremden 
Vogels ertont, niemals hat man ihn hier gehort, es ist wie eine fremde 
Gegend. Man hort fiinf Uhr schlagen, es ist also genau eine Stunde 
her- nicht mehr als eine Stunde. Soil man schnell gehn oder langsam? 
Die Zeit hat einen fremden, ratselhaften Gang, eine Stunde ist wie ein 
Jahr. Es schlagt fiinf ein Viertel. Man hat kaum ein paar Schritte zu- 
riickgelegt. Carl Joseph beginnt, schneller auszuschreiten. Er geht uber 
die Geleise, hier beginnen die ersten Hauser der Stadt. Man geht an 
dem Cafe des Stadtchens vorbei, es ist das einzige Lokal mit einer mo- 
dernen Drehtur im Ort. Es ist vielleicht gut, einzutreten, einen Cognac 
zu trinken, im Stehn, und wieder wegzugehn. Carl Joseph tritt ein. 
»Schnell, einen Cognac«, sagt er am Biifett. Er bleibt in Mutze und 
Mantel, ein paar Gaste stehen auf. Man hort das Klappern der Billard- 
kugeln und der Schachfiguren. Offiziere der Garnison sitzen im Schat- 
ten der Nischen, Carl Joseph sieht sie nicht und griifk sie nicht. Nichts 
ist dringender als Cognac. Er ist blafi, die fahlblonde Kassiererin la- 



RADETZKYMARSCH 191 

chelt miitterlich von ihrem erhabenen Platz und legt mit giitiger Hand 
ein Stuck Wiirfelzucker neben die Tasse. Carl Joseph trinkt auf einen 
Zug. Er bestellt sofort das nachste. Er sieht vom Angesicht der Kassiere- 
rin nur einen hellblonden Schimmer und die zwei Goldplomben in den 
Mundwinkeln. Es ist ihm, als tate er etwas Verbotenes, und er weifi 
nicht, warum es verboten sein sollte, zwei Cognacs zu trinken. Er ist 
schliefilich nicht mehr Kadettenschuler. Warum sieht ihn die Kassiere- 
rin so merkwiirdig lachelnd an? Ihr marineblauer Blick ist ihm peinlich, 
und das gekohlte Schwarz der Augenbrauen. Er wendet sich um und 
sieht in den Saal. Dort in der Ecke neben dem Fenster sitzt sein Vater. 
Ja, es ist der Bezirkshauptmann - und was ist daran weiter verwunder- 
lich? Jeden Tag sitzt er da, zwischen funf und sieben, liest das »Frem- 
denblatt« und die Amtszeitung und raucht eine Virginier. Die ganze 
Stadt weifi es, seit drei Jahrzehnten. Der Bezirkshauptmann sitzt da, er 
betrachtet seinen Sohn und scheint zu lacheln. Carl Joseph nimmt die 
Miitze ab und geht auf den Vater zu. Der alte Herr von Trotta blickt 
kurz von seiner Zeitung auf, ohne sie abzulegen, und sagt: »Kommst 
von Slama?« »Jawohl, Papa J « »Er hat dir deine Brief e gegeben?« »Ja- 
wohl, Papa!« »Setz dich, bitte!« »Jawohl, Papa!« 
Der Bezirkshauptmann legt endlich die Zeitung aus der Hand, stiitzt die 
Ellenbogen auf den Tisch, wendet sich dem Sohn zu und sagt: »Sie hat 
dir einen billigen Cognac gegeben. Ich trinke immer Hennessy.« 
»Werd's mir merken, Papa!« »Trinke ubrigens selten.« »Jawohl, Papa!« 
»Bist noch etwas blafl. Leg ab! Der Major Kreidl ist driiben, sieht her- 
iiber!« Carl Joseph erhebt sich und griifk mit einer Verbeugung den 
Major. »War er unangenehm, der Slama?« »Nein, recht netter Kerl!« 
»Na also!« Carl Joseph legt den Mantel ab. »Wo hast denn die Briefe?« 
fragt der Bezirkshauptmann. Der Sohn holt das Packchen aus der Man- 
teltasche. Der alte Herr von Trotta faftt es an. Er wiegt es in der Rechten, 
legt es wieder hin und sagt: »Recht viele Briefe!« »Jawohl, Papa!« 
Es ist still, man hort das Klappern der Billardkugeln und der Schachfi- 
guren, und drauften rinnt der Regen. »Ubermorgen riickst du ein!« sagt 
der Bezirkshauptmann mit einem Blick zum Fenster. Auf einmal fuhlt 
Carl Joseph die diirre Hand des Vaters iiber seiner Rechten. Die Hand 
des Bezirkshauptmanns liegt uber der des Leutnants, kuhl und kno- 
chern, eine harte Schale. Carl Joseph senkt die Augen auf die Tisch- 
platte. Er wird rot. Er sagt: »Jawohl, Papa!« 
»Zahlen!« ruft der Bezirkshauptmann und entfernt seine Hand. »Sagen 



192 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie dem Fraulein«, bemerkt er zum Kellner, »dafi wir nur Hennessy 

trinken!« 

In einer schnurgeraden Diagonale gehn sie durch das Lokal zur Tiir, 

der Vater und hinter ihm der Sohn. 

Es tropft nur noch sacht und singend von den Baumen, wahrend sie 

langsam durch den feuchten Garten nach Hause gehn. Aus dem Tor 

der Bezirkshauptmannschaft tritt der Wachtmeister Slama im Helm, 

mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett und Dienstbuch unter dem 

Arm. »Griifi Gott, lieber Slama!« sagt der alte Herr von Trotta. 

»Nichts Neues, was?« 

»Nichts Neues !« wiederholt der Wachtmeister. 



Im Norden der Stadt lag die Kaserne. Sie schlofi die breite und wohlge- 
pflegte LandstraEe ab, die hinter dem roten Ziegelbau ein neues Leben 
begann und weit ins blaue Land hineinfuhrte. Es schien, als ware die 
Kaserne als ein Zeichen der habsburgischen Macht von der kaiser- und 
koniglichen Armee in die slawische Provinz hineingestellt worden. 
Der uralten Landstrafie selbst, die von der jahrhundertelangen Wande- 
rung slawischer Geschlechter so breit und geraumig geworden war, 
verstellte sie den Weg. Die Landstrafte mufite ihr ausweichen. Sie 
machte einen Bogen um die Kaserne. Stand man am aufiersten Nord- 
rand der Stadt am Ende der Strafie, dort, wo die Hauser immer kleiner 
wurden und schlieftlich zu dorflichen Hiitten, so konnte man an klaren 
Tagen in der Feme das breite, gewolbte, schwarzgelbe Tor der Kaserne 
erblicken, das wie ein machtiges habsburgisches Schild der Stadt entge- 
gengehalten wurde, eine Drohung, ein Schutz und beides zugleich. 
Das Regiment war in Mahren gelegen. Aber seine Mannschaft bestand 
nicht aus Tschechen, wie man hatte glauben mogen, sondern aus 
Ukrainern und Rumanen. 

Zweimal in der Woche fanden die militarischen Ubungen im siidlichen 
Gelande statt. Zweimal in der Woche ritt das Regiment durch die Stra- 
fien der kleinen Stadt. Der helle und schmetternde Ton der Trompeten 
unterbrach in regelma&gen Abstanden das regelma&ge Klappern der 
Pferdehufe, und die roten Hosen der berittenen Manner auf den glan- 
zenden, braunen Leibern der Rosser erfullten das Stadtchen mit bluti- 



RADETZKYMARSCH 193 

ger Pracht. An den Strafienrandern blieben die Burger stehn. Die 
Kaufleute verliefien ihre Laden, die miifiigen Besucher der Kaffeehau- 
ser ihre Tische, die stadtischen Polizisten ihre gewohnten Posten und 
die Bauern, die mit frischem Gemiise aus den Dorfern auf den Markt- 
platz gekommen waren, ihre Pferde und Wagen. Nur die Kutscher auf 
den wenigen Fiakern, die ihren Standplatz in der Nahe des stadtischen 
Parks hatten, blieben unbeweglich auf den Bocken sitzen. Von oben 
her iibersahen sie das militarische Schauspiel noch besser als die am 
Strafienrand Stehenden. Und die alten Gaule schienen mit dumpfem 
Gleichmut die prachtvolle Ankunft ihrer jungeren und gesiinderen 
Genossen zu begruften. Die Rosser der Kavalleristen waren weit ent- 
fernte Verwandte der triiben Pferde, die seit fiinfzehn Jahren nur 
Droschken zum Bahnhof fiihrten und zuriick. 

Carl Joseph, Freiherrn von Trotta, blieben die Tiere gleichgiiltig. 
Manchmal glaubte er, in sich das Blut seiner Ahnen zu fuhlen; Sie 
waren keine Reiter gewesen. Die kammende Egge in den harten Han- 
den, hatten sie Schritt vor Schritt auf die Erde gesetzt. Sie stiefien den 
furchenden Pflug in die saftigen Schollen des Ackers und gingen mit 
geknickten Knien hinter dem wuchtigen Zweigespann der Ochsen ein- 
her. Mit Weidenruten trieben sie die Tiere an, nicht mit Sporen und 
Peitsche. Die geschliffene Sense schwangen sie im hocherhobenen Arm 
wie einen Blitz, und sie mahten den Segen, den sie selbst gesat hatten. 
Der Vater des Grofivaters noch war ein Bauer gewesen. Sipolje war der 
Name des Dorfes, aus dem sie stammten. Sipolje: Das Wort hatte eine 
alte Bedeutung. Auch den heutigen Slowenen war es kaum mehr be- 
kannt. Carl Joseph aber glaubte, es zu kennen, das Dorf. Er sah es, 
wenn er an das Portrat seines Grofivaters dachte, das verdammernd 
unter dem Suffit des Herrenzimmers hing. Eingebettet lag es zwischen 
unbekannten Bergen, unter dem goldenen Glanz einer unbekannten 
Sonne, mit armseligen Hiitten aus Lehm und Stroh. Ein schones Dorf, 
ein gutes Dorf! Man hatte seine Offizierskarriere darum gegeben! 
Ach, man war kein Bauer, man war Baron und Leutnant bei den Ula- 
nen! Man hatte kein eigenes Zimmer in der Stadt wie die andern. Carl 
Joseph wohnte in der Kaserne. Das Fenster seines Zimmers fiihrte in 
den Hof. Gegeniiber lagen die Mannschaftsstuben. Immer, wenn er in 
die Kaserne am Nachmittag heimkehrte und das grofte, doppelfliige- 
lige Tor sich hinter ihm schloft, hatte er die Empfindung, gefangen zu 
sein; niemals mehr wtirde es sich vor ihm auftun. Seine Sporen klirrten 



194 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

frostig auf der kahlen, steinernen Stiege, und der Tritt seiner Stiefel 
widerhallte auf dem holzernen, braunen, geteerten Boden des Korri- 
dors. Die weifien, gekalkten Wande hielten das Licht des schwinden- 
den Tages noch ein wenig gefangen und strahlten es jetzt wider, als 
achteten sie in ihrer kahlen Sparsamkeit noch darauf, dafi die arari- 
schen Petroleumlampen in den Winkeln nicht friiher entziindet wiir- 
den, als bis der Abend vollstandig eingebrochen ware; als hatten sie zu 
rechter Zeit den Tag gesammelt, um ihn in der Not der Dunkelheit 
auszugeben. Er machte kein Licht, Carl Joseph. Die Stirn an das Fen- 
ster geprefit, das ihn von der Finsternis scheinbar trennte und in Wirk- 
Hchkeit wie die vertraute, kiihle Aufienwand der Finsternis selber war, 
sah er in die gelblich beleuchtete Traulichkeit der Mannschaftsstuben. 
Er hatte gern mit einem von den Mannern getauscht. Don safien sie, 
halb ausgezogen, in den groben, gelblichen, ararischen Hemden, liefien 
die nackten Fiifie iiber die Rander ihrer Schlaffacher baumeln, sangen, 
sprachen und spielten Mundharmonika. Um diese Tageszeit - der 
Herbst war schon lange vorgeriickt-, eine Stunde nach dem Befehl, 
anderthalb Stunden vor dem Zapfenstreich, glich die ganze Kaserne 
einem riesengrofien Schiff. Und es war Carl Joseph auch, als schau- 
kelte sie leise und als bewegten sich die kummerlichen, gelben Petro- 
leumlampen mit den grofien, weifien Schirmen im gleichmafiigen 
Rhythmus irgendwelcher Wellen eines unbekannten Ozeans. Die 
Leute sangen Lieder in einer unbekannten Sprache, in einer slawischen 
Sprache. Die alten Bauern von Sipolje hatten sie wohl verstanden! Der 
Grofivater Carl Josephs noch hatte sie vielleicht verstanden! Sein rat- 
selhaftes Bildnis verdammerte unter dem Suffit des Herrenzimmers. 
An dieses Bildnis klammerte sich die Erinnerung Carl Josephs als an 
das einzige und letzte Zeichen, das ihm die unbekannte, lange Reihe 
seiner Vorfahren vermacht hatte. Ihr Nachkomme war er. Seitdem er 
zum Regiment eingeriickt war, fuhlte er sich als der Enkel seines 
Groftvaters, nicht als der Sohn seines Vaters; ja, der Sohn seines merk- 
wiirdigen Grofivaters war er. Ohne UnterlaE bliesen sie driiben die 
Mundharmonika. Er konnte deutlich die Bewegungen der groben, 
braunen Hande sehen, die das blecherne Instrument vor den roten 
Miindern hin- und zunickschoben, und hie und da das Aufblinken des 
Metalls. Die grofte Wehmut dieser Instrumente stromte durch die ge- 
schlossenen Fenster in das schwarze Rechteck des Hofes und erfullte 
die Finsternis mit einer lichten Ahnung von Heimat und Weib und 



RADETZKYMARSCH 195 

Kind und Hof. Daheim wohnten sie in medrigen Hiitten, befruchteten 
nachtens die Frauen und tagsiiber die Felder! Weifi und hoch lag win- 
ters der Schnee um ihre Hiitten. Gelb und hoch wogte im Sommer das 
Korn um ihre Huften. Bauern waren sie, Bauern! Nicht anders hatte 
das Geschlecht der Trottas gelebt! Nicht anders! . . . 
Weit vorgeschritten war schon der Herbst. Wenn man am Morgen 
aufsaf?, tauchte die Sonne wie eine blutrote Orange am Ostrand des 
Himmels auf. Und wenn die Gelenksiibungen auf der Wasserwiese 
begannen, in der breiten, grunlichen Lichtung, umrandet von schwarz- 
lichen Tannen, erhoben sich schwerfallig die silbrigen Nebel, ausein- 
andergerissen von den heftigen, regelmafiigen Bewegungen der dun- 
kelblauen Uniformen. Blafi und schwermiitig stieg dann die Sonne em- 
por. Zwischen das schwarze Geast brach ihr mattes Silber, kiihl und 
fremd. Der frostige Schauer strich wie ein grausamer Kamm iiber die 
rostbraunen Felle der Rosser; und ihr Wiehern kam aus der nachbar- 
lichen Lichtung, ein schmerzlicher Ruf nach Heimat und Stall. Man 
machte »Ubungen mit dem Karabiner«. Carl Joseph konnte kaum die 
Riickkehr in die Kaserne abwarten. Er furchtete die Viertelstunde 
»Rast«, die gegen zehn Uhr piinktlich eintrat, und das Gesprach mit 
den Kameraden, die sich manchmal in der nahen Wirtschaft zusam- 
menfanden, um ein Bier zu trinken und den Obersten Kovacs zu er- 
warten. Noch peinlicher war der Abend im Kasino. Bald brach er an. 
Es war Pflicht zu erscheinen. Schon naherte sich die Stunde des Zap- 
fenstreichs. Schon durcheilten die dunkelblauen, klirrenden Schatten 
der heimkehrenden Mannschaften das finstere Rechteck des Kasernen- 
hofes. Schon trat druben der Wachtmeister Reznicek aus der Tiir, die 
gelblich blinkende Laterne in der Hand, und die Blaser versammelten 
sich in der Finsternis. Die gelben Messinginstrumente schimmerten 
vor dem dunklen, leuchtenden Blau der Uniformen. Aus den Stallen 
kam das schlafrige Wiehern der Pferde. Am Himmel die Sterne blin- 
zelten golden und silbrig. 

Es klopfte an der Tiir, Carl Joseph riihrte sich nicht. Es ist sein Diener, 
er wird schon eintreten. Sofort wird er eintreten. Er heifk Onufrij. Wie 
lange hat man gebraucht, um sich diesen Namen zu merken! Onufrij! 
Dem Groftvater ware der Name noch gelaufig gewesen. - 
Onufrij trat ein. Carl Joseph prefke die Stirn gegen das Fenster. Er 
horte im Riicken den Diener die Hacken zusammenschlagen. Es war 
Mittwoch heute. Onufrij hatte »Ausgang«. Man mufite Licht machen 



196 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und einen Zettel unterschreiben. »Machen Sie Licht!« befahl Carl Jo- 
seph, ohne sich umzusehen. Driiben spielten die Leute immer noch 
Mundharmonika. 

Onufrij machte Licht. Carl Joseph horte das Knacken des Schalters an 
der Tiirleiste. Es wurde ganz hell drinnen, hinter dem Rucken. Vor 
dem Fenster starrte immer noch die rechteckige Finsternis, und driiben 
blinzelte das gelbe, heimische Licht der Mannschaftsstuben. (Das elek- 
trische Licht war ein Privileg der Offiziere.) 

»Wohin gehst du heute?« fragte Carl Joseph und sah immer noch in 
die Mannschaftsstuben. »2u Madchen!« sagte Onufrij. Zum erstenmal 
hatte ihm heute der Leutnant du gesagt. »Zu welchem Madchen?« 
fragte Carl Joseph. »Zu KatharinaU sagte Onufrij. Man horte, wie er 
»Habt acht« stand. »Ruht!« kommandierte Carl Joseph. Onufrij schob 
horbar den rechten Fufi vor den linken. 

Carl Joseph wandte sich um. Vor ihm stand Onufrij, die grofien Pfer- 
dezahne schimmerten zwischen den breiten, roten Lippen. Er konnte 
nicht »Ruht!« stehn, ohne zu lacheln. »Wie sieht sie aus, deine Katha- 
rina?« fragte Carl Joseph. »Herr Leutnant, melde gehorsamst, grofie, 
weifie Brust!« 

»Grofie, weifie Brust!« Der Leutnant hohlte die Hande und fiihlte eine 
kiihle Erinnerung an die Briiste Kathis. Tot war sie, tot! 
»Den Zettel!« befahl Carl Joseph. Onufrij hielt den Dienstzettel hin. 
»Wo ist Katharina?« fragte Carl Joseph. »Dienstmadchen bei Herr- 
schaften!« erwiderte Onufrij. Und » grofie, weifie Brust!« fiigte er 
glucklich hinzu. »Gib her!« sagte Carl Joseph. Er nahm den Dienstzet- 
tel, glattete ihn, unterschrieb. »Geh zu Katharina!« sagte Carl Joseph. 
Onufrij schlug noch einmal die Hacken zusammen. »Abtreten!« befahl 
Carl Joseph. 

Er knipste das Licht aus. Er tastete im Dunkeln nach seinem Mantel. 
Er trat in den Korridor. In dem Augenblick, in dem er unten die Tiir 
schlofi, setzten die Blaser zum letzten Abgesang des Zapfenstreiches 
an. Die Sterne am Himmel flimmerten. Der Posten vor dem Tor salu- 
tierte. Hinter Carl Josephs Rucken schlofi sich das Tor. Silbern im 
Mondlicht schimmerte die Strafie. Die gelben Lichter der Stadt griifi- 
ten heruber wie heruntergefallene Sterne. Der Schritt klang hart auf 
dem frisch gefrorenen, herbs tlich-nachtlichen Boden. 
Hinter dem Rucken vernahm er die Stiefel Onufrijs. Der Leutnant 
ging schneller, um sich nicht vom Diener uberholen zu lassen. Aber 



RADETZKYMARSCH 197 

auch Onufrij beschleunigte den Schritt. So liefen sie auf der einsamen, 
harten und widerhallenden Strafte, einer hinter dem andern. Offenbar 
machte es Onufrij Freude, seinen Leutnant einzuholen. Carl Joseph 
blieb stehen und wartete. Onufrij reckte sich deutlich im Mondlicht, er 
schien zu wachsen, er hob den Kopf gegen die Sterne, als bezoge er 
von dorther neue Kraft fur die Begegnung mit seinem Herrn. Seine 
Arme bewegte er ruckartig, im gleichen Rhythmus wie die Beine; es 
war, als trate er auch die Luft mit den Handen. Drei Schritte vor Carl 
Joseph blieb er stehen, die Brust noch einmal reckend, mit einem 
furchterlichen Knall der Stiefelabsatze, und die Hand salutierte mit 
zusammengewachsenen fiinf Fingern. Ratios lachelte Carl Joseph. Je- 
der andere, dachte er, wiifke etwas Nettes zu sagen. Es war riihrend, 
wie ihm Onufrij folgte. Er hatte ihn eigentlich niemals genau angese- 
hen. Solange er den Namen nicht behalten konnte, war es ihm auch 
unmoglich gewesen, das Angesicht zu betrachten. Es war so, als hatte 
er jeden Tag einen anderen Burschen gehabt. Die anderen sprachen 
von ihren Burschen mit kennerischer Sorgfalt, wie von Madchen, Klei- 
dern, Lieblingsspeisen und Pferden. Carl Joseph dachte an den alten 
Jacques zu Hause, wenn von Dienern die Rede war, an den alten 
Jacques, der noch dem Grofivater gedient hatte. Es gab, aufier dem 
alten Jacques, keinen Diener auf der Welt! Jetzt stand Onufrij vor ihm 
auf der mondbelichteten Landstrafie, mit machtig aufgepumptem 
Brustkorb, mit glitzernden Knopfen, spiegelnd gewichsten Stiefeln 
und im breiten Angesicht eine krampfhaft verborgene Freude iiber die 
Zusammenkunft mit dem Leutnant. »Stehen S'! Ruht!« sagte Carl Jo- 
seph. 

Er hatte etwas Liebenswurdigeres sagen mogen. Der Groftvater hatte 
es zu Jacques gesagt. Onufrij setzte knallend den rechten Fufi vor den 
linken. Sein Brustkorb blieb aufgepumpt, der Befehl hatte keine Wir- 
kung. »Stehen S' kommod!« sagte Joseph, etwas traurig und ungedul- 
dig. »Steh' ich kommod, melde gehorsamst!« erwiderte Onufrij. 
»Wohnt sie weit von hier, dein Madchen ?« fragte Carl Joseph. »Nicht 
weit, eine Stunde Marsch, melde gehorsamst, Herr Leutnant!« - Nein, 
es ging nicht! Carl Joseph konnte kein Wort mehr finden. Er wiirgte 
an irgendeiner unbekannten Zartlichkeit, er wulke nicht, mit Burschen 
umzugehen! Mit wem denn sonst? Seine Ratlosigkeit war groft, auch 
vor den Kameraden fand er kaum ein Wort. Warum flusterten sie alle, 
wenn er sich von ihnen abwandte und ehe er zu ihnen stiefi? Warum 



198 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

safi er so schlecht zu Pferd? Ach, er kannte sich! Er sah seine Silhouette 
wie im Spiegel, man konnte ihm nichts einreden. Hinter seinem Riik- 
ken zischelten die geheimen Reden der Kameraden. Ihre Antworten 
begriff er erst, nachdem man sie ihm erklart hatte, und auch dann 
konnte er nicht lachen; dann erst recht nicht! Der Oberst Kovacs liebte 
ihn dennoch. Und er hatte sicher eine ausgezeichnete Konduitenliste. 
Man lebte im Schatten des Grofivaters! Das war es! Man war ein Enkel 
des Helden von Solferino, der einzige Enkel. Man fiihlte den dunklen, 
ratselhaften Blick des Grofivaters im Nacken! Man war der Enkel des 
Helden von Solferino! 

Ein paar Minuten lang standen Carl Joseph und sein Bursche Onufrij 
einander schweigend gegeniiber, auf der milchig schimmernden Land- 
strafie. Der Mond und die Stille verlangerten noch die Minuten. Onu- 
frij riihrte sich nicht. Er stand wie ein Denkmal, uberglanzt vom sil- 
bernen Mond. Carl Joseph wandte sich plotzlich um und begann zu 
marschieren. Genau drei Schritte hinter ihm folgte Onufrij. Carl Jo- 
seph horte den regelmafiigen Aufschlag der schweren Stiefel und den 
eisernen Klang der Sporen. Es war die Treue selbst, die ihm folgte. 
Jeder Aufschlag des Stiefels war wie ein neues, kurzes, gestampftes 
Gelobnis soldatischer Burschentreue. Carl Joseph fiirchtete umzukeh- 
ren. Er wunschte, dafi diese schnurgerade Strafie plotzlich eine uner- 
wartete, unbekannte Abzweigung bote, einen Seitenweg; Flucht vor 
der beharrlichen Dienstfertigkeit Onufrijs. Der Bursche folgte ihm im 
gleichen Takt. Der Leutnant bemuhte sich, mit den Stiefeln hinter sei- 
nem Riicken Schritt zu halten. Er fiirchtete, Onufrij zu enttauschen, 
wenn er den Schritt etwas achtlos wechselte. In den zuverlassig auf- 
stampfenden Stiefeln war sie, die Treue Onufrijs. Und jeder neue Auf- 
schlag riihrte Carl Joseph. Es war, als versuchte dort hinter seinem 
Riicken ein ungelenker Kerl, mit schweren Sohlen an das Herz des 
Herrn zu klopfen; hilflose Zartlichkeit eines gestiefelten und gesporn- 
ten Baren. 

Schlieftlich erreichten sie den Stadtrand. Carl Joseph war ein gutes 
Wort eingefallen, das fur den Abschied taugte. Er wandte sich um und 
sagte: »Viel Vergniigen, Onufrij!« Und er bog schnell in die Seiten- 
gasse ein. Der Dank des Burschen traf ihn nur noch als femes Echo. 
Er muftte einen Umweg machen. Er erreichte das Kasino zehn Minu- 
ten spater. Es lag im ersten Stock eines der besten Hauser am alten 
Ring. Alle Fenster stromten, wie jeden Abend, Licht auf den Platz, auf 



RADETZKYMARSCH 199 

den Korso der Bevolkerung. Es war spat, man mufite sich geschickt 
durch die dichten Scharen der spazierfreudigen Burger und ihrer 
Frauen winden. Tag fur Tag bereitete es dem Leutnant unsagbare Pein, 
in klirrender Buntheit zwischen den dunklen Zivilisten aufzutauchen, 
von neugierigen, gehassigen und lusternen Blicken getroffen zu wer- 
den und schliefilich wie ein Gott in die hellerleuchtete Toreinfahrt des 
Kasinos einzutauchen. Er schlangelte sich hurtig durch die Korsobesu- 
cher. Zwei Minuten dauerte der ziemlich lange Korso, ekelhafte zwei 
Minuten. Er nahm zwei Stufen auf einmal. Niemandem begegnen! Be- 
gegnungen auf der Treppe mufite man meiden: schlimme Vorzeichen. 
Warme, Licht und Stimmen kamen ihm im Flur entgegen. Er trat ein, 
er tauschte Griifle aus. Er suchte den Obersten Kovacs im gewohnten 
Winkel. Dort spielte er jeden Abend Domino, jeden Abend mit einem 
andern Herrn. Er spielte Domino mit Begeisterung; vielleicht aus einer 
unmafiigen Angst vor Karten. »Ich habe noch nie eine Karte in der 
Hand gehabt«, pflegte er zu sagen. Nicht ohne Gehassigkeit sprach er 
das Wort »Karten« aus; und er zeigte dabei mit dem Blick in die Rich- 
tung seiner Hande, als hielte er in ihnen seinen tadellosen Charakter. 
»Ich empfehle euch«, fuhr er manchmal fort, »das Dominospiel, meine 
Herren! Es ist sauber und erzieht zur Mafiigkeit.« Und er hob gele- 
gentlich einen der schwarzweiften, vielaugigen Steine in die Hohe, wie 
ein magisches Instrument, mit dem man lasterhafte Kartenspieler von 
ihrem Teufel befreien kann. 

Heute war der Rittmeister Taittinger an der Reihe, den Dominodienst 
zu versehen. Das Angesicht des Obersten warf einen blaulichroten Wi- 
derschein auf das gelbliche, hagere des Rittmeisters. Carl Joseph blieb 
mit sanftem Klirren vor dem Obersten stehn. »Servus!« sagte der 
Oberst, ohne von den Dominosteinen aufzusehn. Er war ein gemiitli- 
cher Mann, der Oberst Kovacs. Seit Jahren hatte er sich eine vaterliche 
Haltung angewohnt. Und nur einmal im Monat geriet er in einen 
kiinstlichen Zorn, vor dem er selbst mehr Angst hatte als das Regi- 
ment. Jeder Anlaft war ihm da willkommen. Er schrie, dafi die Wande 
der Kaserne und die alten Baume rings um die Wasserwiese bebten. 
Sein blaurotes Angesicht wurde blafi bis in die Lippen, und seine Reit- 
peitsche schlug in zitternder Unermiidlichkeit gegen den Stiefelschaft. 
Er schrie lauter wirres Zeug, zwischen dem lediglkh die rastlos wie- 
derkehrenden, zusammenhanglos vorgebrachten Worte »in meinem 
Regiment« leiser klangen als alles andere. Er machte endlich halt, ohne 



200 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Grund, genauso, wie er angefangen hatte, und verliefi die Kanzlei, das 
Kasino, den Exerzierplatz oder was er sonst immer zum Schauplatz 
seines Gewitters gewahlt hatte. Ja, man kannte ihn, den Obersten Ko- 
vacs, das gute Tier! Man konnte sich auf die Regelmaftigkeit seiner 
Zornausbriiche verlassen wie auf die Wiederkehr der Mondphasen. 
Rittmeister Taittinger, der sich schon zweimal hatte transferieren las- 
sen und der eine genaue Kenntnis von Vorgesetzten besafl, bezeugte 
jedermann unermudlich, daf? es in der ganzen Armee keinen harmlose- 
ren Regimentskommandanten gebe. 

Oberst Kovacs sah schlieiSlich von der Dominopartie auf und gab 
Trotta die Hand. » Schon gegessen?« fragte er. »Schade«, sagte er wei- 
ter und sein Blick verlor sich in einer ratselhaften Feme: »Das Schnit- 
zel war heute ausgezeichnet.« Und »ausgezeichnet!« wiederholte er 
eine Weile spater. Es tat ihm leid, daft Trotta das Schnitzel versaumt 
hatte. Er hatte es dem Leutnant gern noch einmal vorgekaut; zumin- 
dest zugesehen, wie man eines mit Appetit verzehrt. »Na, gute Unter- 
haltung!« sagte er schliefilich und wandte sich wieder den Dominostei- 
nen zu. 

Die Verwirrung war um diese Stunde grofi, man konnte keinen ange- 
nehmen Platz mehr finden. Rittmeister Taittinger, der die Messe seit 
undenklichen Zeiten verwaltete und dessen einzige Leidenschaft der 
Genufi von suflem Backwerk war, hatte das Kasino im Laufe der Zeit 
nach dem Muster jener Zuckerbackerei eingerichtet, in der er jeden 
Nachmittag verbrachte. Man konnte ihn dort hinter der Glastiir sitzen 
sehen, in der diisteren Unbeweglichkeit einer merkwurdigen unifor- 
mierten Reklamefigur. Er war der beste Stammgast der Konditorei, 
wahrscheinlich auch ihr hungrigster. Ohne sein gramvolles Angesicht 
um eine Spur zu beleben, verschlang er einen Teller Siifiigkeiten nach 
dem andern, nippte von Zeit zu Zeit am Wasserglas, sah unbeweglich 
durch die Glastiir auf die StraEe, nickte gemessen, wenn ein vorbei- 
kommender Soldat salutierte, und in seinem groften, mageren Schadel 
mit den sparlichen Haaren schien einfach gar nichts vorzugehen. Er 
war ein sanfter und sehr fauler Offizier. Die Beschaftigung mit den 
Angelegenheiten der Messe, ihrer Kuche, der Koche, der Ordonnan- 
zen, des Weinkellers war ihm unter alien dienstlichen Obliegenheiten 
die einzig genehme. Und seine ausgedehnte Korrespondenz mit Wein- 
handlern und Likorfabrikanten beschaftigte nicht weniger als zwei 
Kanzleischreiber. Es gelang ihm im Laufe der Jahre, die Einrichtung 



RADETZKYMARSCH 201 

des Kasinos jener der geliebten Konditorei anzugleichen, niedliche 
Tischchen in den Winkeln aufzustellen und die Tischlampen mit rotli- 
chen Schirmen zu bekleiden. 

Carl Joseph blickte um sich. Er suchte einen ertraglichen Platz. Zwi- 
schen dem Fahnrich in der Reserve Barenstein, Ritter von Zaloga, 
einem jiingst geadelten reichen Advokaten, und dem rosigen Leutnant 
Kindermann, reichsdeutscher Abkunft, war man verhaltnismafiig am 
sichersten. Der Fahnrich, zu dessen gesetztem Alter und leicht ge- 
wolbtem Bauch die jugendliche Charge so wenig pafite, daft er aussah 
wie ein militarisch verkleideter Burger, und dessen Angesicht mit dem 
kleinen, kohlschwarzen Schnurrbart befremdete, weil ihm gleichsam 
ein naturnotwendiger Zwicker fehlte, stromte in diesem Kasino eine 
zuverlassige Wiirde aus. Er erinnerte Carl Joseph an eine Art Hausarzt 
oder Onkel. Ihm allein in diesen zwei grofien Salen glaubte man, dafi 
er wirklich und ehrlich saf$ - wahrend die andern auf ihren Sitzen her- 
umzuhupfen schienen. Das einzige Zugestandnis, das der Fahnrich 
Doktor Barenstein aufier seiner Uniform dem Militar machte, war das 
Monokel wahrend seiner Dienstzeit; denn er trug tatsachlich einen 
Zwicker in seinem burgerlichen Leben. 

Beruhigender als die andern war auch der Leutnant Kindermann, kein 
Zweifel. Er bestand aus einer blonden, rosigen und durchsichtigen 
Substanz, man hatte beinahe durch ihn durchgreifen konnen wie durch 
einen abendlich besonnten, luftigen Dunst. Alles, was er sagte, war 
luftig und durchsichtig, aus seinem Wesen fortgehaucht, ohne daft er 
sich vermindert hatte. Und der Ernst sogar, mit dem er den ernsten 
Gesprachen folgte, hatte etwas sonnig Lachelndes. Ein heiteres Nichts, 
safi er am Tischchen. »Servus!« pfiff er mit seiner hohen Stimme, von 
der Oberst Kovacs sagte, sie sei eines der Blasinstrumente der preufti- 
schen Armee. Fahnrich in der Reserve Barenstein erhob sich vor- 
schriftsgemajR, aber gravitatisch. »Respekt, Herr Leutnant !« sagte er. 
Guten Abend, Herr Doktor! hatte Carl Joseph ehrfurchtsvoll beinahe 
geantwortet. »Ich store nicht?« fragte er nur und setzte sich. »Der 
Doktor Demant kommt heute zuriick«, begann Barenstein, »ich bin 
ihm zufallig am Nachmittag begegnet!« »Ein reizender Kerl«, flotete 
Kindermann, es klang wie ein zarter Windhauch, der iiber eine Harfe 
streicht, hinter dem starken, forensischen Bariton Barensteins. Kinder- 
mann, standig darauf bedacht, sein aufterst schwaches Interesse fur 
Frauen durch eine besondere Aufmerksamkeit wettzumachen, die er 



202 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ihnen zu widmen vorgab, bekundete ferner: »Und seine Frau - kennt 
ihr sie? - ein reizendes Geschopf, eine charmante Frau!« Und er hob 
bei dem Wort »charmant« seine Hand, an der die lockeren Finger in 
der Luft tanzelten. »Ich hab' sie noch als junges Madel gekannt«, sagte 
der Fahnrich. »Interessant«, sagte Kindermann. Er heuchelte deutlich. 
»Ihr Vater war friiher einer der reichsten Hutfabrikanten«, fuhr der 
Fahnrich fort. Es war, als lase er in Akten. Er schien iiber seinen Satz 
erschrocken und hielt ein. Das Wort »Hutfabrikanten« klang ihm zu 
zivilistisch, er safi schliefilich nicht mit Rechtsanwalten zusammen. Er 
schwor sich im stillen zu, von nun ab jeden Satz genau vorher zu iiber- 
legen. Soviel war er der Kavallerie schon schuldig. Er versuchte, Trotta 
anzusehen. Der safi just an der Linken, und vor dem rechten Auge trug 
Barenstein das Monokel. Deutlich konnte er nur den Leutnant Kinder- 
mann sehen: und der war gleichgiiltig. Um zu erkennen, ob die fami- 
liare Erwahnung des Hutfabrikanten einen niederschmetternden Ein- 
druck auf den Leutnant Trotta gemacht habe, zog Barenstein sein Zi- 
garettenetui und hielt es links hin, entsann sich gleichzeitig, dafi Kin- 
dermann rangalter war, und sagte, nach rechts gewandt, hastig: »Par- 
don!« 

Schweigend rauchten jetzt alle drei. Carl Josephs Blicke richteten sich 
gegen das Bildnis des Kaisers an der Wand gegeniiber. Da war Franz 
Joseph in bliitenweifier Generalsuniform, die breite, blutrote Scharpe 
quer iiber der Brust und den Orden des goldenen Vlieses am Halse. 
Der grofie, schwarze Feldmarschallshut mit dem iippigen, pfauengrii- 
nen Reiherbusch lag neben dem Kaiser auf einem wacklig aussehenden 
Tischchen. Das Bild schien ganz fern zu hangen, weiter war es als die 
Wand. Carl Joseph erinnerte sich, dafi ihm dieses Bildnis in den ersten 
Tagen, da er eingeriickt war, einen gewissen stolzen Trost bedeutet 
hatte. Damals war es jeden Augenblick so gewesen, als konnte der 
Kaiser aus dem schmalen, schwarzen Rahmen treten. Allmahlich aber 
bekam der Allerhochste Kriegsherr das gleichgiiltige, gewohnte und 
unbeachtete Angesicht, das seine Briefmarken und seine Munzen zeig- 
ten. Sein Bild hing an der Wand des Kasinos, eine merkwiirdige Art 
von einem Opfer, das ein Gott sich selber darbringt . . . seine Augen - 
friiher einmal hatten sie an sommerliche Ferienhimmel erinnert - be- 
standen nunmehr aus einem harten, blauen Porzellan. Und es war im- 
mer noch der gleiche Kaiser! Daheim, im Arbeitszimmer des Bezirks- 
hauptmanns hing dieses Bild ebenfalls. Es hing in der grofien Aula der 



RADET2KYMARSCH 203 

Kadettenschule. Es hing in der Kanzlei des Obersten in der Kaserne. 
Und hunderttausendmal verstreut im ganzen weiten Reich war der 
Kaiser Franz Joseph, allgegenwartig unter seinen Untertanen wie Gott 
in der Welt. Ihm hatte der Held von Solferino das Leben gerettet. Der 
Held von Solferino war alt geworden und gestorben. Jetzt frafien ihn 
die Wurmer. Und sein Sohn, der Bezirkshauptmann, der Vater Carl 
Josephs, wurde auch schon ein alter Mann. Bald werden auch ihn die 
Wurmer fressen. Nur der Kaiser, der Kaiser schien eines Tages, inner- 
halb einer ganz bestimmten Stunde alt geworden zu sein; und seit jener 
Stunde in seiner eisigen und ewigen, silbernen und schrecklichen Grei- 
senhaftigkeit eingeschlossen zu bleiben, wie in einem Panzer aus ehr- 
furchtgebietendem Kristall. Die Jahre wagten sich nicht an ihn heran. 
Immer blauer und immer harter wurde sein Auge. Seine Gnade selbst, 
die iiber der Familie der Trottas ruhte, war eine Last aus scheidendem 
Eis. Und Carl Joseph fror es unter dem blauen Blick seines Kaisers. 
Daheim, er erinnerte sich, wenn er zu den Ferien heimgekehrt war und 
am Sonntag, vor dem Mittagessen, der Kapellmeister Nechwal seine 
Militarkapelle im vorgeschriebenen Rund aufgestellt hatte, war man 
bereit gewesen, fur diesen Kaiser in einem wonnigen, warmen und sti- 
ffen Tod dahinzusterben. Lebendig war das Vermachtnis des Grofiva- 
ters gewesen, dem Kaiser das Leben zu retten. Und ohne Unterbre- 
chung rettete man, wenn man ein Trotta war, dem Kaiser das Leben. 
Nun war man kaum vier Monate im Regiment. Auf einmal war es, als 
bedurfte der Kaiser, unnahbar geborgen in seinem kristallenen Panzer, 
keiner Trottas mehr. Man hatte zu lange Frieden. Der Tod lag weit vor 
einem jungen Leutnant der Kavallerie, wie die letzte Stufe des vor- 
schriftsmafiigen Avancements. Man wird einmal Oberst werden und 
hierauf sterben. Indessen ging man jeden Abend ins Kasino, man sah 
das Bild des Kaisers. Je langer der Leutnant Trotta es betrachtete, desto 
ferner wurde ihm der Kaiser. 

»Da schau her!« flotete die Stimme Leutnant Kindermanns. »Der 
Trotta hat sich in den Alten verschaut!« 

Carl Joseph lachelte Kindermann zu. Der Fahnrich Barenstein hatte 
langst eine Partie Domino begonnen und war im Begriff zu verlieren. 
Er hielt es fur eine Anstandspflicht zu verlieren, wenn er mit Aktiven 
spielte. Im Zivil gewann er immer. Er war sogar unter Rechtsanwalten 
ein gefiirchteter Spieler. Wenn er aber zu den jahrlichen Ubungen ein- 
riickte, schaltete er seine Uberlegung aus und bemiihte sich, toricht zu 



204 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

werden. »Der verliert unaufhorlich«, sagte Kindermann zu Trotta. Der 
Leutnant Kindermann war iiberzeugt, dafi die »Zivilisten« minderwer- 
tige Wesen waren. Nicht einmal im Domino konnten sie gewinnen. 
Der Oberst safi immer noch in seiner Ecke mit dem Rittmeister Tait- 
tinger. Einige Herren wandelten gelangweilt zwischen den Tischchen. 
Sie wagten nicht, das Kasino zu verlassen, solange der Oberst spielte. 
Die sanfte Pendeluhr weinte jede Viertelstunde sehr deutlich und lang- 
sam, ihre wehmiitige Melodie unterbrach das Klappern der Domino- 
steine und der Schachfiguren. Manchmal schlug eine der Ordonnanzen 
die Hacken zusammen, lief in die Kiiche und kehrte mit einem Glas- 
chen Cognac auf einer lacherlich grofien Platte wieder. Manchmal 
lachte einer schallend auf, und sah man in die Richtung, aus der das 
Gelachter kam, so erblickte man vier zusammengesteckte Kopfe und 
begriff, dafi es sich um Witze handelte. Diese Witze! Diese Anekdoten, 
bei denen alle sofort erkannten, ob man aus Gefalligkeit mitlachte oder 
aus Verstandnis! Sie schieden die Heimischen von den Fremden. Wer 
sie nicht verstand, gehorte nicht zu den Bodenstandigen. Nein, nicht 
zu ihnen gehorte Carl Joseph! 

Er war im Begriff, eine neue Partie zu dritt vorzuschlagen, als die Tiir 
geoffnet wurde und die Ordonnanz mit einem auffallig lauten Knall 
der Stiefelhacken salutierte. Es wurde im Augenblick still. Der Oberst 
Kovacs sprang von seinem Sitz auf und sah nach der Tiir. Kein anderer 
war eingetreten als der Regimentsarzt Demant. Er selbst erschrak uber 
die Aufregung, die er verursacht hatte. Er blieb an der Tiir stehn und 
lachelte. Die Ordonnanz an seiner Seite stand immer noch stramm und 
storte ihn sichtlich. Er winkte mit der Hand. Aber der Bursche merkte 
es nicht. Die starken Brillenglaser des Doktors waren leicht iiber- 
haucht von dem herbs tlichen Abendnebel draufien. Er war gewohnt, 
die Brille abzunehmen, um sie zu putzen, wenn er aus der kalten Luft 
in die Warme trat. Hier aber wagte er es nicht. Es dauerte eine Weile, 
ehe er die Schwelle verliefi. »Ah, schau her, da ist ja der Doktor!« rief 
der Oberst. Er schrie aus Leibeskraften, als galte es, sich im Getummel 
eines Volksfestes verstandlich zu machen. Er glaubte, der Gute, dafi 
Kurzsichtige auch taub seien und dafi ihre Brillen klarer wiirden, wenn 
ihre Ohren besser horten. Die Stimme des Obersten bahnte sich eine 
Gasse. Die Offiziere traten zuriick. Die wenigen, die noch an den Ti- 
schen gesessen hatten, erhoben sich. Der Regimentsarzt setzte vorsich- 
tig einen Fufi vor den andern, als ginge er auf Eis. Seine Brillenglaser 



RADETZKYMARSCH 2O5 

schienen allmahlich klarer zu werden. Griifie kamen ihm von alien Sei- 
ten entgegen. Nicht ohne Miihe erkannte er die Herren wieder. Er 
beugte sich vor, urn in den Gesichtern zu lesen, wie man in Buchern 
studiert. Vor dem Obersten Kovacs blieb er endlich stehen, mit ge- 
reckter Brust. Es sah stark iibertrieben aus, wie er so den ewig vorge- 
neigten Kopf am diinnen Hals zuriickwarf und seine abschiissigen, 
schmalen Schultern mit einem Ruck zu heben suchte. Man hatte ihn, 
wahrend seines Ian gen Krankheitsurlaubs, beinahe verges sen; ihn und 
sein unmilitarisches Wesen. Man betrachtete ihn jetzt nicht ohne 
Uberraschung. Der Oberst beeilte sich, dem vorschriftsmafiigen Ritus 
der Begriifiung ein Ende zu machen. Er schrie, dafi die Glaser zitter- 
ten: »Gut schaut er aus, der Doktor!«, als wollte er es der ganzen 
Armee mitteilen. Er schlug seine Hand auf die Schulter Demants, wie 
um sie wieder in ihre naturliche Lage zu bringen. Sein Herz war aller- 
dings dem Regimentsarzt zugetan. Aber der Kerl war unmilitarisch, 
Sapperlot, Donnerwetter! Wenn er nur ein bifkhen militarischer ware, 
brauchte man sich nicht immer so anzustrengen, um ihm gut zu sein. 
Man hatte auch, zum Teufel, einen anderen Doktor schicken konnen, 
grad in sein Regiment! Und diese ewigen Schlachten, die das Gemiit 
des Obersten seinem soldatischen Geschmack zu liefern hatte, wegen 
dieses verfluchten, netten Kerls, konnten schon einen alten Soldaten 
aufreiben. An diesem Doktor gehe ich noch zugrunde! dachte der 
Oberst, wenn er den Regimentsarzt zu Pferde sah. Und eines Tages 
hatte er ihn gebeten, lieber nicht durch die Stadt zu reiten. 
Man muft ihm was Nettes sagen, dachte er aufgeregt. Das Schnitzel 
war heute ausgezeichnet! fiel ihm in der Eile ein. Und er sagte es. Der 
Doktor lachelte. Er lachelt ganz zivilistisch, der Kerl! dachte der 
Oberst. Und plotzlich entsann er sich, daft da noch einer war, der den 
Doktor nicht kannte. Der Trotta naturlich! Er war eingeriickt, als der 
Doktor in Urlaub gegangen war. Der Oberst larmte: »Unser Jiingster, 
der Trotta! Ihr kennt euch noch nicht!« Und Carl Joseph trat vor den 
Regimentsarzt. 

»Enkel des Helden von Solferino?« fragte Doktor Demant. 
Man hatte ihm diese genaue Kenntnis der militarischen Geschichte 
nicht zugetraut. 

»Alles weifl er, unser Doktor !« rief der Oberst. »Er ist ein Bucher- 
wurm!« 
Und zum erstenmal in seinem Leben gefiel ihm das verdachtige Wort 



206 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Biicherwurm so gut, dafi er noch einmal wiederholte: »Ein Biicher- 
wurm!« in dem liebkosenden Ton, in dem er sonst nur zu sagen 
pflegte: »Ein Ulane!« 

Man setzte sich wieder, und der Abend nahm den iiblichen Verlauf. 
»Ihr Grofivater«, sagte der Regimentsarzt, »war einer der merkwiir- 
digsten Menschen der Armee. Haben Sie ihn noch gekannt?« »Ich 
habe ihn nicht mehr gekannt«, antwortete Carl Joseph. »Sein Bild 
hangt bei uns zu Hause im Herrenzimmer. Wie ich klein war, nab' ich 
es oft betrachtet. Und sein Diener, der Jacques, ist noch bei uns.« 
»Was ist das fur ein Bild?« fragte der Regimentsarzt. »Ein Jugend- 
freund hat es gemaltU sagte Carl Joseph. »Es ist ein merkwiirdiges 
Bild. Es hangt ziemlich hoch. Als ich klein war, mufite ich auf einen 
Stuhl steigen. Da hab' ich es betrachtet. « 

Sie waren ein paar Augenblicke still. Dann sagte der Doktor: »Mein 
Grofivater war ein Schankwirt; ein judischer Schankwirt in Galizien. 
Galizien, kennen Sie das?« (Ein Jude war der Doktor Demant. Alle 
Anekdoten enthielten jiidische Regimentsarzte. Zwei Juden hatte es 
auch in der Kadettenschule gegeben. Sie waren dann zur Infanterie 
gekommen.) 

»Zu Resi, zu Tante Resi!« rief plotzlich jemand. 
Und alle wiederholten: »2u Resi. Man geht zur Resi!« 
»Zur Tante Resi!« 

Nichts hatte Carl Joseph starker erschrecken konnen als dieser Ruf. 
Seit Wochen erwartete er ihn voller Angst. Vom letzten Besuch im 
Bordell der Frau Horwath behielt er noch alles in deutlicher Erinne- 
rung: alles! den Sekt, der aus Kampfer und Limonade bestand, den 
weichen, fleischigen Teig der Madchen, das schmetternde Rot und das 
irrsinnige Gelb der Tapeten, im Korridor den Geruch von Katzen, 
Mausen und Maiglockchen und das Sodbrennen zwolf Stunden spater. 
Er war kaum eine Woche eingeriickt, und es war sein erster Besuch in 
einem Bordell gewesen. »Liebesmanover!« sagte Taittinger. Er war der 
Anfiihrer. Es gehorte zu den Obliegenheiten eines Offiziers, der die 
Messe seit undenklichen Zeiten verwaltete. Bleich und hager, den 
Korb des Sabels im Arm, mit langen, dunnen und sanft klirrenden 
Schritten ging er im Salon der Frau Horwath von einem Tisch zum 
andern, cm schleichender Mahner zu saurer Freude. Kindermann war 
der Ohnmacht nahe, wenn er nackte Frauen roch, das weibliche Ge- 
schlecht machte ihm Ubelkeiten. Der Major Prohaska stand in der 



RADETZKYMARSCH 2O7 

Toilette, ehrlich bemiiht, seinen dicken, kurzen Finger in den Gaumen 
zu stecken. Die seidenen Rocke der Frau Resi Horwath raschelten 
gleichzeitig in alien Winkeln des Hauses. Ihre grofien, schwarzen Au- 
genballe rollten ohne Richtung und Ziel in ihrem breiten, mehligen 
Antlitz herum, weifi und grofi wie Klaviertasten schimmerte in ihrem 
breiten Mund das falsche Gebifi. Trautmannsdorff verfolgte von seiner 
Ecke aus alle ihre Bewegungen mit winzigen, flinken, griinlichen Blik- 
ken. Er stand schliefiKch auf und steckte eine Hand in den Busen der 
Frau Horwath. Sie verlor sich drinnen wie eine weifie Maus in weifien 
Bergen. Und Pollak, der Klavierspieler, safi mit gebeugtem Riicken, 
Sklave der Musik, am schwarzlich spiegelnden Fliigel, und an seinen 
hammernden Handen schepperten die harten Manschetten, wie heisere 
Tschinellen begleiteten sie die blechernen Klange. 
Zu Tante Resi! Man ging zu Tante Resi. Der Oberst machte unten 
kehrt, er sagte: »Viel Vergniigen, meine HerrenU, und auf der stillen 
Strafie riefen zwanzig Stimmen: »Respekt, Herr Oberst !«, und vierzig 
Sporen klirrten aneinander. Der Regimentsarzt Doktor Max Demant 
machte einen schiichternen Versuch, sich ebenfalls zu empfehlen. 
»Miissen Sie mit?« fragte er den Leutnant Trotta leise. »Es wird wohl 
so sein!« fliisterte Carl Joseph. Und der Regimentsarzt ging wortlos 
mit. Sie waren die letzten in der unordentlichen Reihe der Offiziere, 
die mit Gerassel durch die stillen, mondbelichteten Straiten der kleinen 
Stadt gingen. Sie sprachen nicht miteinander. Beide fiihlten, daft sie die 
geflusterte Frage und die gefliisterte Antwort verband, da war nichts 
mehr zu machen. Sie waren beide vom ganzen Regiment geschieden. 
Und sie kannten sich kaum eine halbe Stunde. 

Plotzlich, er wuftte nicht, warum, sagte Carl Joseph: »Ich nab* eine 
Frau namens Kathi geliebt. Sie ist gestorben!« 

Der Regimentsarzt blieb stehen und wandte sich ganz dem Leutnant 
zu. »Sie werden noch andere Frauen lieben!« sagte er. 
Und sie gingen weiter. 

Man horte vom fernen Bahnhof her spate Ziige pfeifen, und der Regi- 
mentsarzt sagte: 

»Ich mochte wegfahren, weit wegfahren!« 

Nun standen sie vor Tante Resis blauer Laterne. Rittmeister Taittinger 
klopfte an das verschlossene Tor. Jemand offnete. Drinnen begann das 
Klavier sofort zu klimpern: den Radetzkymarsch. Die Offiziere mar- 
schierten in den Salon. »Einzeln abfallenU kommandierte Taittinger. 



208 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Die nackten Madchen schwirrten ihnen entgegen, eine emsige Schar 
von weifien Hennen. »Gott mit euch!« sagte Prohaska. Trautmanns- 
dorff griff diesmal sofort und noch im Stehen in den Busen der Frau 
Horwath. Er liefi sie vorlaufig nicht mehr los. Sie hatte Kuche und 
Keller zu iiberwachen, sie litt sichtlich unter den Liebkosungen des 
Oberleutnants, aber die Gastfreundschaft verpflichtete sie zu Opfern. 
Sie liefi sich verfiihren. Leutnant Kindermann wurde bleich. Er war 
weifier als der Puder auf den Schultern der Madchen. Der Major Pro- 
haska bestellte Sodawasser. Wer ihn naher kannte, wufite vorauszusa- 
gen, dafi er heute sehr besoffen sein wurde. Er bahnte nur dem Alko- 
hol einen Weg mit Wasser, wie man Strafien reinigt vor dem Empfang. 
»Der Doktor ist mitgekommen?« fragte er laut. »Er mufi die Krank- 
heiten an der Quelle studieren!« sagte mit wissenschaftlichem Ernst, 
bleich und hager wie immer, der Rittmeister Taittinger. Fahnrich Ba- 
rensteins Monokel steckte jetzt im Auge eines weifiblonden Madchens. 
Er safi da, mit kleinen, zwinkernden, schwarzen Auglein, seine brau- 
nen, behaarten Hande krochen wie merkwiirdige Tiere iiber das Frau- 
lein. Allmahlich hatten alle ihre Platze eingenommen. Zwischen dem 
Doktor und Carl Joseph, auf dem roten Sofa, safien zwei Frauen, steif, 
mit angezogenen Knien, eingeschiichtert von den verzweifelten Ge- 
sichtern der beiden Manner. Als der Sekt kam - die strenge Hausdame 
in schwarzem Taft brachte ihn feierlich-, zog Frau Horwath ent- 
schlossen die Hand des Oberleutnants aus ihrem Ausschnitt, legte sie 
ihm auf die schwarze Hose, aus Ordnungsliebe, wie man einen ge- 
borgten Gegenstand zunickerstattet, und erhob sich, machtig und ge- 
bieterisch. Sie loschte den Kronleuchter aus. Nur die kleinen Lampen 
brannten in den Nischen. Im rotlichen Halbdammer leuchteten die 
gepuderten, weifien Leiber, blinkten die goldenen Sterne, schimmerten 
die silbernen Sabel. Ein Paar nach dem anderen erhob sich und ver- 
schwand. Prohaska, der schon langst beim Cognac hielt, trat an den 
Regimentsarzt und sagte: »Ihr braucht sie ja doch nicht, ich nehm' sie 
mit!« Und er nahm die Frauen und torkelte zwischen beiden der 
Treppe entgegen. 

So waren sie auf einmal allein, Carl Joseph und der Doktor. Der Kla- 
vierspieler Pollak streichelte nur so iiber die Tasten in der gegeniiber- 
liegenden Ecke des Salons. Ein sehr zartlicher Walzer kam zage und 
dunn durch den Raum gezogen. Sonst war es still und beinahe traulich, 
und die Standuhr am Kamin tickte. »Ich glaube, wir zwei haben hier 



RADETZKYMARSCH 209 

nichts zu tun, wie?« fragte der Doktor. Er stand auf, Carl Joseph sah 
nach der Uhr auf dem Kamin und erhob sich ebenfalls. Er konnte im 
Dunkel nicht die Stunde erkennen, ging nahe an die Standuhr und trat 
wieder einen Schritt zuriick. In einem bronzenen, von Fliegen betupf- 
ten Rahmen stand der Allerhochste Kriegsherr, in Verkleinerung, das 
bekannte, allgegenwartige Portrat Seiner Majestat, im bliitenweiften 
Gewande, mit blutroter Scharpe und goldenem Vlies. Es mufi etwas 
geschehen, dachte der Leutnant schnell und kindisch. Es muE etwas 
geschehen! Er fuhlte, dafi er bleich geworden war und daft sein Herz 
klopfte. Er griff nach dem Rahmen, offnete die papierene, schwarze 
Riickwand und nahm das Bild heraus. Er faltete es zusammen, zwei- 
mal, noch einmal und steckte es in die Tasche. Er wandte sich um. 
Hinter ihm stand der Regimentsarzt. Er zeigte mit dem Finger auf die 
Tasche, in der Carl Joseph das kaiserliche Portrat verborgen hatte. 
Auch der Grofivater hat ihn gerettet, dachte Doktor Demant. Carl 
Joseph wurde rot. »Schweinerei!« sagte er. »Was denken Sie?« 
»Nichts«, erwiderte der Doktor. »Ich hab' nur an Ihren Grofivater 
gedacht!« 

»Ich bin sein Enkel!« sagte Carl Joseph. »Ich hab' keine Gelegenheit, 
ihm das Leben zu retten; leider!« 

Sie legten vier Silbermiinzen auf den Tisch und verlieften das Haus der 
Frau Resi Horwath. 



VI 



Seit drei Jahren war der Regimentsarzt Max Demant beim Regiment. 
Er wohnte auEerhalb der Stadt, an ihrem Siidrande, dort, wo die Land- 
strafle zu den beiden Friedhofen fiihrte, zum »alten« und zum 
»neuen«. Beide Friedhofswachter kannten den Doktor gut. Er kam ein 
paarmal in der Woche die Toten besuchen, die langst verschollenen 
wie die noch nicht vergessenen Toten. Und er verweilte manchmal 
lange zwischen ihren Grabern, und man horte hier und da seinen Sabel 
mit zartem Klirren gegen einen Grabstein anschlagen. Er war ohne 
Zweifel ein sonderbarer Mann; ein guter Arzt, sagte man, und also 
unter Militararzten in jeder Beziehung eine Seltenheit. Er mied jegli- 
chen Verkehr. Nur dienstliche Pflicht gebot ihm, hie und da (aber im- 
mer noch haufiger, als er gewiinscht hatte) unter Kameraden zu er- 



210 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

scheinen. Seinem Alter wie seiner Dienstzeit nach hatte er Stabsarzt 
sein mussen. Niemand wufite, warum er es noch nicht war. Vielleicht 
wufite er selbst es nicht. »Es gibt Karrieren mit Widerhaken.« Es war 
ein Wort von Rittmeister Taittinger, der das Regiment auch mit treffli- 
chen Spriichen versorgte. 

»Karriere mit Widerhaken«, dachte der Doktor selber oft. »Leben mit 
Widerhaken«, sagte er zu Leutnant Trotta. »Ich habe ein Leben mit 
Widerhaken. Wenn mir das Schicksal giinstig gewesen ware, hatte ich 
Assistent des grofien Wiener Chirurgen und wahrscheinlich Professor 
werden konnen.« - In die diistere Enge seiner Kindheit hatte der grofie 
Name des Wiener Chirurgen fruhen Glanz geschickt. Max Demant 
war schon als Knabe entschlossen gewesen, spater Arzt zu werden. Er 
stammte aus einem der ostlichen Grenzdorfer der Monarchic Sein 
Grofivater war ein frommer jiidischer Schankwirt gewesen, und sein 
Vater, nach zwolfjahriger Dienstzeit bei der Landwehr, mittlerer Be- 
amter im Postamt des nachstgelegenen Grenzstadtchens geworden. Er 
erinnerte sich noch deutlich seines Grofivaters. Vor dem groften Tor- 
bogen der Grenzschenke safi er zu jeder Stunde des Tages. Sein mach- 
tiger Bart aus gekrauseltem Silber verhiillte seine Brust und reichte bis 
zu den Knien. Um ihn schwebte der Geruch von Dunger und Milch 
und Pferden und Heu. Vor seiner Schenke safi er, ein alter Konig unter 
den Schankwirten. Wenn die Bauern, vom allwochentlichen Schweine- 
markt heimkehrend, vor der Schenke anhielten, erhob sich der Alte, 
gewaltig wie ein Berg in menschlicher Gestalt. Da er schon schwerho- 
rig war, mufiten die kleinen Bauern ihre Wunsche zu ihm empor- 
schreien, durch die gehohlten Hande vor den Miindern. Er nickte nur. 
Er hatte verstanden. Er bewilligte die Wiinsche seiner Kundschaft, als 
waren sie Gnaden und als wiirden sie ihm nicht in baren, harten Miin- 
zen bezahlt. Mit kraftigen Handen spannte er selbst die Pferde aus und 
fiihrte sie in die Stalle. Und wahrend seine Tochter den Gasten in der 
breiten, niedrigen Gaststube Branntwein mit getrockneten und gesal- 
zenen Erbsen verabreichten, futterte er mit begiitigendem Zuspruch 
drauften die Tiere. Am Samstag safi er gebeugt uber grofien und from- 
men Biichern. Sein silberner Bart bedeckte die untere Halfte der 
schwarzbedruckten Seiten. Wenn er gewuftt hatte, dafi sein Enkel ein- 
mal in der Uniform eines Offiziers und morderisch bewaffnet durch 
die Welt spazieren wiirde, hatte er sein Alter verflucht und die Frucht 
seiner Lenden. Schon sein Sohn, Doktor Demants Vater, der mittlere 



RADETZKYMARSCH 211 

Postbeamte, war dem Alten nur ein zartlich geduldeter Greuel. Die 
Schenke, von Urvatern her vermacht, muftte den Tochtern und den 
Schwiegersohnen iiberlassen bleiben; wahrend die mannlichen Nach- 
kommen bis in die fernste Zukunft Beamte, Gebildete, Angestellte und 
Dummkopfe zu bleiben bestimmt waren. Bis in die fernste Zukunft: 
Das pafite allerdings nicht! Der Regimentsarzt hatte keine Kinder. Er 
wunschte sich auch keine . . . Seine Frau namlich- 
An dieser Stelle pflegte Doktor Demant seine Erinnerungen abzubre- 
chen. Er dachte an seine Mutter: Sie lebte in standiger, hastiger Suche 
nach irgendwelchen Nebeneinnahmen. Der Vater sitzt nach der 
Dienstzeit im kleinen Kaffeehaus. Er spielt Tarock und verliert und 
bleibt die Zeche schuldig. Er wiinscht, daft der Sohn vier Mittelschul- 
klassen absolviere und dann Beamter werde; bei der Post natiirlich. 
»Du willst immer hoch hinaus!« sagt er zur Mutter. Er halt, mag sein 
ziviles Leben noch so unordentlich sein, eine lacherliche Ordnung in 
alle Requisiten, die er aus der Militarzeit mitgebracht hat. Seine Uni- 
form, die Uniform eines »langerdienenden Rechnungsunteroffiziers«, 
mit den goldenen Ecken an den Armeln, den schwarzen Hosen und 
dem Infanterietschako, hangt im Schrank wie eine in drei Teile zerlegte 
und immer noch lebendige Personlichkeit, mit leuchtenden, jede Wo- 
che frisch geputzten Knopfen. Und der schwarze, gebogene Sabel mit 
dem gerippten, ebenfalls jede Woche aufgefrischten Griff liegt quer, 
von zwei Nageln gehalten, an der Wand iiber dem nie benutzten 
Schreibtisch, mit lassig baumelnder, goldgelber Troddel, die an eine 
knospenhaft geschlossene und etwas verstaubte Sonnenblume erinnert. 
»Wenn du nicht gekommen warst«, sagt der Vater zur Mutter, »hatt 5 
ich die Priifung gemacht und ware heute Rechnungshauptmann.« An 
Kaisers Geburtstag zieht der Postoffiziant Demant seine Beamtenuni- 
form an, mit Krappenhut und Degen. An diesem Tage spielt er nicht 
Tarock. Jedes Jahr an Kaisers Geburtstag nimmt er sich vor, ein neues, 
schuldenfreies Leben zu beginnen. Er betrinkt sich also. Und er 
kommt spat in der Nacht heim, zieht in der Kuche seinen Degen und 
kommandiert ein ganzes Regiment. Die Topfe sind Ziige, die Teetas- 
sen Mannschaften, die Teller Kompanien. Simon Demant ist ein 
Oberst, ein Oberst im Dienste Franz Josephs des Ersten. Die Mutter, 
mit Spitzenhaube und vielgefalteltem Nachtunterrock und flatterndem 
Jackchen, steigt aus dem Bett, um den Mann zu beruhigen. 
Eines Tages, einen Tag nach Kaisers Geburtstag, trifft den Vater im 



212 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Bett der Schlag. Er hatte einen freundlichen Tod gehabt und ein glan- 
zendes Leichenbegangnis. Alle Brief trager gingen hinter dem Sarg. 
Und im getreuen Gedachtnis der Witwe blieb der Tote haften, das 
Muster eines Ehemannes, gestorben im Dienste des Kaisers und der 
kaiser-koniglichen Post. Die Uniformen, die des Unteroffiziers, die 
des Postoffizianten Demant, hmgen noch nebeneinander im Schrank, 
von der Witwe mittels Kampfer, Biirste und Sidol in stetem Glanz 
erhalten. Sie sahen aus wie Mumien, und sooft der Schrank geoffnet 
wurde, glaubte der Sohn, zwei Leichen seines seligen Vaters nebenein- 
ander zu sehn. 

Man wollte urn jeden Preis Arzt werden. Man erteilte Unterricht fiir 
kummerliche sechs Kronen im Monat. Man hatte zerrissene Stiefel. 
Man hinterliefi, wenn es regnete, auf den guten, gewichsten Fufiboden 
der Wohlhabenden nasse und ubergrofie Spuren. Man hatte grofiere 
Fiifie, wenn die Sohlen zerrissen waren. Und man machte schliefilich 
die Reifepriifung. Und man wurde Mediziner. Die Armut stand immer 
noch vor der Zukunft, eine schwarze Wand, an der man zerschellte. 
Man sank der Armee geradezu in die Arme. Sieben Jahre Essen, sieben 
Jahre Trinken, sieben Jahre Kleidung, sieben Jahre Obdach, sieben, 
sieben lange Jahre! Man wurde Militararzt. Und man blieb es. 
Das Leben schien schneller dahinzulaufen als die Gedanken. Und ehe 
man einen Entschlufi gefafit hatte, war man ein alter Mann. 
Und man hatte Fraulein Eva Knopfmacher geheiratet. 
Hier unterbrach der Regimentsarzt Doktor Demant noch einmal den 
Zug seiner Erinnerungen. Er begab sich nach Hause. 
Der Abend war schon angebrochen, eine ungewohnt festliche Be- 
leuchtung stromte aus alien Zimmern. » Der alte Herr ist gekommen«, 
meldete der Bursche. Der alte Herr: Es war sein Schwiegervater, Herr 
Knopfmacher. 

Er trat in diesem Augenblick aus dem Badezimmer, im langen, ge- 
blumten, flaumigen Schlafrock, ein Rasiermesser in der Hand, mit 
freundlich geroteten, frisch rasierten und duftenden Backen, die breit 
auseinanderstanden. Sein Angesicht schien in zwei Halften zu zerfal- 
len. Es wurde lediglich durch den grauen Spitzbart zusammengehalten. 
»Mein lieber Max!« sagte Herr Knopfmacher, indem er das Rasiermes- 
ser sorgfaltig auf ein Tischchen legte, die Arme ausbreitete und den 
Schlafrock auseinanderklaffen liefi. Sie umarmten sich so, mit zwei 
fliichtigen Kussen, und gingen zusammen ins Herrenzimmer. »Ich 



RADETZKYMARSCH 213 

mochte einen Schnaps!« sagte Herr Knopf macher. Doktor Demant 
offnete den Schrank, sah eine Weile mehrere Flaschen an und wandte 
sich urn: »Ich kenn' mich nicht aus«, sagte er, »ich weifi nicht, was dir 
schmeckt.« Er hatte sich eine Alkoholauswahl zusammenstellen lassen, 
etwa wie sich ein Ungebildeter eine Bibliothek bestellt. »Du trinkst 
immer noch nicht !« sagte Herr Knopfmacher. »Hast du SHwowitz, 
Arrak, Rum, Cognac, Enzian, Wodka?« fragte er geschwind, wie es 
seiner Wiirde keineswegs entsprach. Er erhob sich. Er ging (die Schofie 
seines Mantels flatterten) zum Schrank und holte mit sicherem Griff 
eine Flasche aus der Reihe. 

»Ich nab' der Eva eine Uberraschung machen wollen!« begann Herr 
Knopfmacher. »Und ich mul! dir gleich sagen, mein lieber Max, du 
warst den ganzen Nachmittag nicht da. Statt deiner« - er machte eine 
Pause und wiederholte: »Statt deiner hab' ich hier einen Leutnant an- 
getroffen. Einen Dummkopf!« 

»Es ist der einzige Freund«, erwiderte Max Demant, »den ich seit dem 
Anfang meiner Dienstzeit beim Militar gefunden habe. Es ist der Leut- 
nant Trotta. Ein feiner Mensch!« 

»Ein feiner Mensch!« wiederholte der Schwiegervater. »Ein feiner 
Mensch bin ich auch zum Beispiel! Nun, ich wiirde dir nicht raten, 
mich eine Stunde allein mit einer hiibschen Frau zu lassen, wenn dir 
auch nur so viel an ihr gelegen ist.« Knopfmacher legte die Spitze von 
Daumen und Zeigefinger zusammen und wiederholte nach einer 
Weile: »Nur so viel!« Der Regimentsarzt wurde blafi. Er nahm die 
Brille ab und putzte sie lange. Er hullte auf diese Weise die Umwelt in 
einen wohltuenden Nebel, in dem der Schwiegervater in seinem Bade- 
mantel ein undeutlicher, wenn auch aufierst geraumiger, weifter Fleck 
war. Und er setzte die Brille, nachdem sie geputzt war, nicht sofort 
wieder auf, sondern er behielt sie in der Hand und sprach in den Nebel 
hinein: 

»Ich habe gar keine Veranlassung, lieber Papa, Eva oder meinem 
Freund zu mifitrauen.« 

Er sagte es zogernd, der Regimentsarzt. Es klang ihm selbst wie eine 
ganz fremde Wendung, entnommen irgendeiner fernen Lektiire, abge- 
lauscht einem vergessenen Schauspiel. 

Er setzte die Brille auf, und sofort riickte der alte Knopfmacher, deut- 
lich an Umfang und Umrifi, an den Doktor heran. Jetzt schien auch die 
Wendung, deren er sich soeben bedient hatte, sehr weit zuruckzulie- 



214 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gen. Sie war bestimmt nicht mehr wahr. Der Regimentsarzt wuUte es 
genausogut wie sein Schwiegervater. 

»Gar keine Veranlassung!« wiederholte Herr Knopf macher. »Ich aber 
habe Veranlassung! Ich kenne meine Tochter! Du kennst deine Frau 
nicht! Die Herren Leutnants kenn' ich auch! Und iiberhaupt die Man- 
ner! Ich will nichts gegen die Armee gesagt haben. Bleiben wir bei der 
Sache. Als meine Frau, deine Schwiegermutter, noch jung war, hab' ich 
Gelegenheit gehabt, die jungen Manner - in Zivil und in Uniform - 
kennenzulernen. Ja, komische Leute seid ihr, ihr, ihr-« 
Er suchte nach einer gemeinsamen Bezeichnung irgendeiner ihm selbst 
nicht genau bekannten Gemeinschaft, der sein Schwiegersohn und 
noch andere Dummkopfe angehoren mochten. Am liebsten hatte er 
»ihr akademisch Gebildeten!« gesagt. Denn er war gescheit, wohlha- 
bend und angesehen geworden, ohne Studium. Ja, man war im Begriff, 
ihm in diesen Tagen den Titel des Kommerzialrats zu verschaffen. Er 
spann einen siifien Traum in die Zukunft, einen Traum von Geldspen- 
den, grofien Geldspenden. Deren unmittelbare Folge war der Adel. 
Und wenn man zum Beispiel die ungarische Staatsbiirgerschaft an- 
nahm, so konnte man noch schneller adelig werden. In Budapest 
machte man einem das Leben nicht so schwer. Es waren ubrigens auch 
Akademiker, die einem das Leben schwermachten, lauter Konzeptsbe- 
amte, Dummkopfe ! Sein eigener Schwiegersohn machte es ihm 
schwer. Wenn jetzt ein kleiner Skandal mit den Kindern ausbricht, 
kann man noch lange auf den Kommerzialrat warten! Uberall mufi 
man nach dem Rechten sehn, selbst, personlich! Auf die Tugend frem- 
der Gattinnen mufi man auch auf passen ! 

»Ich mochte dir, lieber Max, ehe es zu spat ist, reinen Wein einschen- 
ken!« 

Der Regimentsarzt liebte dieses Wort nicht, er liebte nicht, um jeden 
Preis die Wahrheit zu horen. Ach, er kannte seine Frau genausogut wie 
Herr Knopf macher seine Tochter! Aber er liebte sie, was war dagegen 
zu tun! Er liebte sie. In Olmiitz hatte es den Bezirkskommissar Her- 
dall gegeben, in Graz den Bezirksrichter Lederer. Wenn es nur nicht 
Kameraden waren, dankte der Regimentsarzt Gott und auch seiner 
Frau. Wenn man nur die Armee verlassen konnte. Man schwebte stan- 
dig in Lebensgefahr. Wie oft hatte er schon einen Anlauf genommen, 
dem Schwiegervater vorzuschlagen . . . Er setzte noch einmal an. 
»Ich weifi«, sagte er, »dafi sich Eva in Gefahr befindet. Immer. Seit 



RADETZKYMARSCH 215 

Jahren. Sie ist leichtsinnig, leider. Sie treibt es nicht bis zum Aufier- 
sten«, er hielt ein und betonte: »nicht bis zum Aufiersten!« Er mordete 
mit diesem Wort alle seine eigenen Zweifel, die ihn seit Jahren nicht in 
Ruhe liefien. Er rottete seine Unsicherheit aus, er bekam die Gewifi- 
heit, dafi seine Frau ihn nicht betrog. »Keineswegs!« sagte er noch 
einmal laut. Er wurde ganz sicher: »Eva ist ein anstandiger Mensch, 
trotz allem!« 

»Ganz bestimmtU bekraftigte der Schwiegervater. 
»Aber dieses Leben«, fuhr der Regimentsarzt fort, »halten wir beide 
nicht lange aus. Mich befriedigt dieser Beruf keineswegs, wie du weifk. 
Wo ware ich heute schon, ohne diesen Dienst? Ich hatte eine ganz 
grofie Stellung in der Welt, und Evas Ehrgeiz ware zufriedengestellt. 
Denn sie ist ehrgeizig, leider !« 

»Das hat sie von mir!« sagte Herr Knopf macher, nicht ohne Vergnli- 
gen. 

»Sie ist unzufrieden«, sprach der Regimentsarzt weiter, wahrend sein 
Schwiegervater ein neues Glaschen fiillte, »sie ist unzufrieden und 
sucht sich zu zerstreuen. Ich kann's ihr nicht iibelnehmen.« 
»Du sollst sie selbst zerstreuen !« unterbrach der Schwiegervater. 
»Ich bin-« Doktor Demant fand kein Wort, schwieg eine Weile und 
blickte nach dem Schnaps. 

»Na, trink doch endlich!« sagte aufmunternd Herr Knopfmacher. Und 
er stand auf, holte ein Glaschen, fiillte es; sein Mantel klaffte auseinan- 
der, man sah seine behaarte Brust und seinen frdhlichen Bauch, der so 
rosig war wie seine Wangen. Er naherte das gefullte Glaschen den Lip- 
pen seines Schwiegersohnes. Max Demant trank endlich. 
»Da gibt es noch was, es zwingt mich eigentlich, den Dienst zu verlas- 
sen. Als ich einriickte, war es mit den Augen noch ganz gut. Nun, es 
wird mit jedem Jahre schlimmer. Ich habe jetzt, ich kann jetzt, es ist 
mir jetzt unmoglich, ohne Brille etwas deutlkh zu sehen. Und eigent- 
lich muftte ich es melden und den Abschied nehmen.« 
»Ja?« fragte Herr Knopfmacher. 
»Und wovon. . .« 

»Wovon leben?« Der Schwiegervater schlug ein Bein libers andere, es 
frostelte ihn auf einmal; er hullte sich in den Bademantel und hielt mit 
den Handen den Kragen am Halse fest. 

»Ja«, sagte er, »glaubst du denn, daft ich das aufbringe? Seitdem ihr 
verheiratet seid, betragt mein Zuschufl (ich weifi es zufallig auswendig) 



2l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dreihundert Kronen im Monat. Aber ich weifi schon, ich weifi schon! 
Eva braucht viel. Und wenn ihr eine neue Existenz anfangt, wird sie 
auch soviel brauchen. Und du auch, mein Sohn!« Er wurde zartlich. 
»Ja, mein lieber, lieber Max! Es geht nicht mehr so gut wie vor Jah- 
ren!« 

Max schwieg. Herr Knopfmacher empfand, dafi er den Angriff abge- 
schlagen hatte, und liefi den Bademantel wieder aufgehen. Er trank 
noch einen. Sein Kopf konnte klar bleiben. Er kannte sich. Diese 
Dummkopfe! Es war immerhin noch besser, so eine Art Schwieger- 
sohn, als der andere, der Hermann, der Mann der Elisabeth. Sechshun- 
dert Kronen monatlich kosteten beide Tochter. Er wufite es ganz ge- 
nau auswendig. Wenn der Regimentsarzt einmal blind werden sollte - 
er betrachtete die funkelnden Brillen. Er soil auf seine Frau aufpassen! 
Kurzsichtigen darf es auch nicht schwerf alien! 
»Wie spat ist es jetzt?« fragte er, sehr freundlich und sehr harmlos. 
»Bald siebenU sagte der Doktor. 

»Ich werde mich anziehn!« entschied der Schwiegervater. Er stand auf, 
nickte und wallte wiirdig und langsam zur Tiir hinaus. 
Der Regimentsarzt blieb. Nach der vertrauten Einsamkeit des Fried- 
hofs schien ihm die Einsamkeit im eigenen Hause riesengrofi, unge- 
wohnt, feindlich beinahe. Zum erstenmal in seinem Leben schenkte er 
sich selbst einen Schnaps ein. Es war, als tranke er iiberhaupt zum 
erstenmal in seinem Leben. Ordnung machen, dachte er, man mufi 
Ordnung machen. Er war entschlossen, mit seiner Frau zu sprechen. 
Er trat in den Korridor. »Wo ist meine Frau?« »Im Schlafzimmer!« 
sagte der Bursche. Anklopfen? fragte sich der Doktor. Nein! befahl 
sein eisernes Herz. Er klinkte die Tiir auf. Seine Frau stand, in blauen 
Hoschen, eine grofie, rosarote Puderquaste in der Hand, vor dem 
Schrankspiegel. »Ach!« schrie sie und hielt eine Hand vor die Brust. 
Der Regimentsarzt blieb an der Tiir. »Du bist es?« sagte die Frau. Es 
war eine Frage, sie klang wie ein Gahnen. »Ich bin es!« antwortete der 
Regimentsarzt mit fester Stimme. Ihm war, als sprache ein anderer. Er 
hatte die Brille an; aber er sprach in einen Nebel. »Dein Vater«, begann 
er, »hat mir gesagt, daE der Leutnant Trotta hier war!« 
Sie wandte sich um. Sie stand in den blauen Hoschen, die Quaste, wie 
eine Waffe in der Rechten, gegen ihren Mann gewendet und sagte mit 
zwitschernder Stimme: »Dein Freund, der Trotta, war hier! Papa ist 
gekommen! Hast ihn schon gesehn?« 



RADETZKYMARSCH 21J 

»Eben darum!« sagte der Regimentsarzt und wufite sofort, dafi er ver- 
spielt hatte. 

Es blieb eine Weile still. 
»Warum klopfst du nicht?« fragte sie. 
»Ich wollte dir eine Freude machen!« 
»Du erschreckst mich!« 

»Ich-«, begann der Regimentsarzt. Er wollte sagen: Ich bin dein 
Mann! 

Aber er sagte: »Ich liebe dich!« 

Er liebte sie in der Tat. Sie stand da, in blauen Hoschen, die rosarote 
Puderquaste in der Hand. Und er liebte sie. 

Ich bin ja eifersiichtig, dachte er. Er sagte: »Ich hab's nicht gern, wenn 
die Leute ins Haus kommen, und ich weifi nichts davon!« 
»Er ist ein reizender Bursche!« sagte die Frau und begann, sich lang- 
sam und ausgiebig vor dem Spiegel zu pudern. 

Der Regimentsarzt trat nahe an seine Frau heran und ergriff ihre 
Schultern. Er sah in den Spiegel. Er sah seine braunen, behaarten 
Hande auf ihren weiften Schultern. Sie lachelte. Er sah es, im Spiegel, 
das glaserne Echo ihres Lachelns. »Sei aufrichtig !« flehte er. Es war, als 
knieten seine Hande auf ihren Schultern. Er wufite sofort, dafi sie nicht 
aufrichtig sein wiirde. Und er wiederholte: »Sei aufrichtig, bitte!« Er 
sah, wie sie mit hurtigen, blassen Handen ihre blonden Haare an den 
Schlafen lockerte. Eine iiberflussige Bewegung: Sie regte ihn auf. Aus 
dem Spiegel traf ihn ihr Blick, ein grauer, kuhler, trockener und flinker 
Blick, wie ein stahlernes Geschofl. Ich liebe sie, dachte der Regiments- 
arzt. Sie tut mir weh, und ich liebe sie. Er fragte: »Bist du mir bos, daft 
ich den ganzen Nachmittag fort war?« 

Sie wandte sich halb um. Jetzt saft sie, den Oberkorper in den Hiiften 
verrenkt, ein lebloses Wesen, Modell aus Wachs und seidener Wasche. 
Unter dem Vorhang ihrer langen, schwarzen Wimpern erschienen die 
hellen Augen, falsche, nachgemachte Blitze aus Eis. Ihre schmalen 
Hande lagen auf den Hoschen wie weifte Vogel, gestickt auf blauseide- 
nem Grund. Und mit einer tiefen Stimme, die er niemals von ihr ver- 
nommen zu haben glaubte und die ebenfalls ein Mechanismus in ihrer 
Brust hervorzubringen schien, sagte sie ganz langsam: 
»Ich vermisse dich nie!« 

Er begann, auf und ab zu gehn, ohne die Frau anzuschaun. Er schob 
zwei Stiihle aus dem Weg. Es war ihm, als rmiftte er vieles noch aus 



2l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

seinem Weg raumen, die Wande vielleicht wegschieben, mit dem Kopf 
die Decke zertriimmern, mit den Fiifien die Dielen in die Erde treten. 
Seine Sporen klirrten ihm leise in die Ohren, von feme her, als triige sie 
ein anderer. Ein einziges Wort belebte seinen Kopf, es rauschte hin 
und zuriick, es flog durch sein Gehirn, unaufhorlich. Aus, aus, aus! 
Ein kleines Wort. Hurtig, federleicht und zentnerschwer zugleich flog 
es durch sein Gehirn. Seine Schritte wurden immer schneller, die Fiifie 
hielten gleichen Takt mit dem beschwingten Pendelschlag des Wortes 
in seinem Kopf. Plotzlich blieb er stehen: »Du liebst mich also nicht?« 
fragte er. Er war sicher, dafi sie nicht darauf antworten wiirde. Schwei- 
gen wird sie, dachte en Sie antwortete: »Nein!« Sie hob den schwarzen 
Vorhang ihrer Wimpern und mafi ihn mit nackten, schrecklich nackten 
Augen, von Kopf zu Fufi und fiigte hinzu: »Du bist ja betrunken!« 
Es wurde ihm klar, dafi er zuviel getrunken hatte. Er dachte befriedigt: 
Ich bin betrunken und will es auch. Und er sagte, mit einer fremden 
Stimme, als hatte er jetzt die Pflicht, betrunken und nicht er selbst zu 
sein: »So, aha!« Nach seinen unklaren Vorstellungen waren es diese 
Worte und dieser Klang, die ein betrunkener Mann in solchen Augen- 
blicken zu singen hatte. Er sang also. Und er tat ein iibriges. »Ich 
werde dich toten!« sagte er ganz langsam. 

»T6te mich!« zwitscherte sie mit ihrer alten, hellen, gewohnten 
Stimme, Sie erhob sich. Sie erhob sich flink und geschmeidig, die Pu- 
derquaste in der Rechten. Der schlanke und voile Schwung ihrer seide- 
nen Beine erinnerte ihn fliichtig an Gliedmafien in den Schauf ens tern 
der Modehauser, die ganze Frau war zusammengesetzt, aus Stiicken 
zusammengesetzt. Er liebte sie nicht mehr, er liebte sie nicht mehr. Er 
war erfullt von einer Gehassigkeit, die er selbst hafite, einem Zorn, der 
wie ein unbekannter Feind aus fernen Gegenden zu ihm gekommen 
war und nun in seinem Herzen wohnte. Er sagte laut, was er vor einer 
Stunde gedacht hatte: »Ordnung machen! Ich werde Ordnung ma- 
chen!« 

Sie lachte, mit einer schallenden Stimme, die er nicht kannte. Eine 
Theaterstimme! dachte er. Ein unbezwinglicher Drang, ihr zu bewei- 
sen, dafi er Ordnung machen konne, gab seinen Muskeln Fiille, seinen 
schwachen Augen eine ungewohnliche Starke. Er sagte: »Ich lasse dich 
mit deinem Vater allein! Ich gehe den Trotta aufsuchen!« 
»Geh nur, geh!« sagte die Frau. 
Er ging. Er kehrte, bevor er das Haus verliefi, noch einmal ins Herren- 



RADETZKYMARSCH 219 

zimmer zuriick, urn einen Schnaps zu trinken. Er kehrte zum Alkohol 
zuriick wie zu einem heimischen Freund, zum erstenmal in seinem 
Leben. Er schenkte sich ein Glaschen ein, noch eines und ein drittes. 
Er verlieft das Haus mit klirrenden Schritten. Er ging ins Kasino. Er 
fragte die Ordonnanz: »Wo ist Herr Leutnant Trotta?« 
Leutnant Trotta war nicht im Kasino. 

Der Regimentsarzt schlug die schnurgerade Landstrafie ein, die zur 
Kaserne fuhrte. Schon war der Mond im Abnehmen. Er leuchtete noch 
silbern und stark, beinahe ein Vollmond. Auf der stillen Landstrafie 
riihrte sich kein Hauch. Die diirren Schatten der kahlen Kastanien zu 
beiden Seiten zeichneten ein verworrenes Netz auf die leichtgewolbte 
Mitte der Strafte. Hart und gefroren klang der Schritt Doktor De- 
mants. Er ging zum Leutnant Trotta. Er sah von feme, in blaulichem 
Weifi, die machtige Mauer der Kaserne, er ging auf sie los, auf die 
feindliche Burg. Ihm entgegen kam der kalte, blecherne Ton des Zap- 
fenstreichs, Doktor Demant marschierte geradewegs auf die gefrore- 
nen, metallenen Tone zu, er zertrat sie. Bald, jeden Augenblick, mufite 
der Leutnant Trotta erscheinen. Er loste sich, ein schwarzer Strich, 
von dem machtigen Weifi der Kaserne und naherte sich dem Doktor. 
Noch drei Minuten. Sie standen einander gegeniiber. Jetzt standen sie 
einander gegeniiber. Der Leutnant salutierte. Doktor Demant horte 
sich selbst wie aus einer unendlichen Ferae: »Sie waren heute nachmit- 
tag bei meiner Frau, Herr Leutnant?« 

Die Frage widerhallte vom blauen, glasernen Gewolbe des Himmels. 
Langst, seit Wochen, sagten sie einander du. Sie sagten einander du. 
Nun aber standen sie sich gegeniiber wie Feinde. 
»Ich war heute nachmittag bei Ihrer Frau, Herr Regimentsarzt !« sagte 
der Leutnant. 

Doktor Demant trat ganz nahe an den Leutnant: »Was gibt es zwi- 
schen meiner Frau und Ihnen, Herr Leutnant ?« Die starken Brillengla- 
ser des Doktors funkelten. Der Regimentsarzt hatte keine Augen 
mehr, nur Brillen. 

Carl Joseph schwieg. Es war, als gabe es in der ganzen weiten, grofien 
Welt keine Antwort auf die Frage Doktor Demants. Man hatte Jahr- 
zehnte umsonst nach einer Antwort suchen konnen; als ware die Spra- 
che der Menschen ausgeschopft und fur ewige Zeiten verdorrt. Das 
Herz schlug mit schnellen, trockenen, harten Schlagen gegen die Rip- 
pen. Trocken und hart klebte die Zunge am Gaumen. Eine grofle, 



220 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

grausame Leere rauschte durch den Kopf. Es war, als stiinde man 
knapp vor einer namenlosen Gefahr und als hatte sie einen zugleich 
bereits verschlungen. Man stand vor einem riesigen, schwarzen Ab- 
grund, und gleichzeitig war man bereits von seiner Finsternis iiber- 
wolbt. Aus einer vereisten, glasigen Feme erklangen die Worte Doktor 
Demants, tote Worte, Leichen von Worten: »Antworten Sie, Herr 
Leutnant!« 

Nichts. Stille. Die Sterne funkeln, und der Mond schimmert. »Ant- 
worten Sie, Herr Leutnant!« Damit ist Carl Joseph gemeint, er mufi 
antworten. Er nimmt die kummerlichen Reste seiner Krafte zusam- 
men. Aus der rauschenden Leere in seinem Kopf schlangelt sich ein 
diinner, nichtswiirdiger Satz. Der Leutnant schlagt die Absatze zusam- 
men (aus militarischem Instinkt und auch, um irgendwie Gerausch zu 
horen), und das Klirren seiner Sporen beruhigt ihn. Und er sagt ganz 
leise: »Herr Regimentsarzt, zwischen Ihrer Frau und mir ist gar 
nichts !« 

Nichts. Stille. Die Sterne funkeln, und der Mond schimmert. Doktor 
Demant sagt nichts. Aus toten Brillen schaut er Carl Joseph an. Der 
Leutnant wiederholt ganz leise: »Gar nichts, Herr Regimentsarzt !« 
Er ist verriickt geworden, denkt der Leutnant. Und: Es ist zerbrochen! 
Es ist etwas zerbrochen. Es ist, als hatte er ein diirres, splitterndes 
Zerbrechen vernommen. Gebrochene Treue! fallt ihm ein, er hat die 
Wendung einmal gelesen. Zerbrochene Freundschaft. Ja, es ist eine 
zerbrochene Freundschaft. 

Auf einmal weifl er, dafi der Regimentsarzt seit Wochen sein Freund 
ist; ein Freund! Sie haben sich jeden Tag gesehn. Einmal ist er mit dem 
Regimentsarzt auf dem Friedhof, zwischen den Grabern, spazierenge- 
gangen. »Es gibt so viel Tote«, sagte der Regimentsarzt. »Fuhlst du 
nicht auch, wie man von den Toten lebt?« »Ich lebe vom Grofivater«, 
sagte Trotta. Er sah das Bildnis des Helden von Solferino, verdam- 
mernd unter dem Suffit des vaterlichen Hauses. Ja, etwas Briiderliches 
klang aus dem Regimentsarzt, aus dem Herzen Doktor Demants 
schlug das Briiderliche wie ein Feuerchen. »Mein Grofivater«, hat der 
Regimentsarzt gesagt, »war ein alter, grofier Jude mit silbernem Bart!« 
Carl Joseph sah den alten, grofien Juden mit dem silbernen Bart. Sie 
waren Enkel, sie waren beide Enkel. Wenn der Regimentsarzt sein 
Pferd besteigt, sieht er ein wenig lacherlich aus, kleiner, winziger als zu 
Fuft, das Pferd tragt ihn auf dem Riicken wie ein Sackchen Hafer. So 



RADETZKYMARSCH 221 

kummerlich reitet auch Carl Joseph. Er kennt sich genau. Er sieht sich 
wie im Spiegel. Es gibt zwei Offiziere im ganzen Regiment, hinter 
deren Rlickeri die andern zu tuscheln haben: Doktor Demant und der 
Enkel des Helden von Solferino! Zwei sind sie im ganzen Regiment. 
Zwei Freunde. 

»Ihr Ehrenwort, Herr Leutnant?« fragt der Doktor. Ohne zu antwor- 
ten, streckt Trotta seine Hand aus. Der Doktor sagt: »Danke!« und 
nimmt die Hand. Sie gehen zusammen die Landstrafte zuriick, zehn 
Schritte, zwanzig Schritte, und sprechen kein Wort. 
Auf einmal beginnt der Regimen tsarzt : »Du sollst es mir nicht ubel- 
nehmen. Ich habe getrunken. Mein Schwiegervater ist heute gekom- 
men. Er hat dich gesehn. Sie liebt mich nicht. Sie liebt mich nicht. 
Kannst du verstehn?« - »Du bist jung!« sagt der Regimentsarzt nach 
einer Weile, als wollte er sagen, daft er vergeblich gesprochen hat. »Du 
bist jung!« 

»Ich verstehe!« sagt Carl Joseph. 

Sie marschieren im gleichen Schritt, ihre Sporen klirren, ihre Sabel 
scheppern. Gelblich und heimisch winken ihnen die Lichter der Stadt 
entgegen. Sie haben beide den Wunsch, die Strafte moge kein Ende 
finden. Lange, lange mochten sie so nebeneinander marschieren. Jeder 
von den beiden hatte irgendein Wort zu sagen, und beide schweigen. 
Ein Wort, ein Wort ist leicht gesprochen. Es ist nicht gesprochen. Zum 
letztenmal, denkt der Leutnant, zum letztenmal gehen wir so neben- 
einander her! 

Jetzt erreichen sie die Stadtgrenze. Der Regimentsarzt mufi noch etwas 
sagen, bevor sie die Stadt betreten. »Es ist nicht wegen meiner Frau«, 
sagt er. »Das ist ja unwichtig geworden! Damit bin ich fertig. Es ist 
deinetwegen.« Er wartet auf eine Antwort und weift, daft keine kom- 
men wird. »Es ist gut, ich danke dir!« sagt er ganz schnell. »Ich gehe 
noch ins Kasino. Kommst du mit?« 

Nein. Leutnant Trotta geht heute nicht ins Kasino. Er kehrt um. 
»Gute Nacht!« sagt er und macht kehrt. Er geht in die Kaserne. 



VII 

Der Winter kam. Am Morgen, wenn das Regiment ausriickte, war die 
Welt noch finster. Unter den Hufen der Rosser zersplitterte die zarte 
Eishiille auf den Straften. Grauer Hauch stromte aus den Niistern der 



222 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Tiere unci aus den Miindern der Reiter. Uber den Scheiden der schwe- 
ren Sabel und iiber den Laufen der leichten Karabiner perlte der matte 
Hauch des Frostes. Die kleine Stadt wurde noch kleiner. Die gedampf- 
ten, gefrorenen Rufe der Trompeten lockten keinen der gewohnten 
Zuschauer mehr an den Strafienrand. Nur die Kutscher am alten 
Standplatz hoben jeden Morgen die bartigen Kopfe. Sie fuhren Schlit- 
ten, wenn reichlich Schnee gef alien war. Die Glockchen am Gehange 
ihrer Gaule klingelten leise, unaufhorlich bewegt von der Unruhe der 
frierenden Tiere. Alle Tage glichen einander wie Schneeflocken. Die 
Offiziere des Ulanenregiments warteten auf irgendein aufierordentli- 
ches Ereignis, das die Eintonigkeit ihrer Tage unterbrechen sollte. Nie- 
mand wuEte zwar, welcher Art das Ereignis sein wurde. Dieser Winter 
aber schien irgendeine furchtbare Uberraschung in seinem klirrenden 
Schofie zu bergen. Und eines Tages brach sie aus ihm hervor wie ein 
roter Blitz aus weifiem Schnee . . . 

An diesem Tage safl der Rittmeister Taittinger nicht einsam wie sonst 
hinter der grofien Spiegelscheibe an der Tiir der Konditorei. Seit dem 
fruhen Nachmittag hielt er sich, umgeben von den jiingeren Kamera- 
den, im Hinterstubchen auf. Blasser und hagerer als gewohnlich er- 
schien er den Offizieren. Sie waren iibrigens alle bleich. Sie tranken 
viele Likore, und ihre Gesichter roteten sich nicht. Sie aEen nicht. Nur 
vor dem Rittmeister erhob sich heme, wie immer, ein Berg von Suftig- 
keiten. Ja, er naschte vielleicht sogar heute mehr als an andern Tagen. 
Denn der Rummer nagte an seinem Innern und hohlte es aus, und er 
mufite sich am Leben erhalten. Und wahrend er so ein Backwerk nach 
dem andern mit seinen hageren Fingern in den weit geoffneten Mund 
schob, wiederholte er seine Geschichte, zum funftenmal schon, vor 
seinen ewig begierigen Zuhdrern: 

»Also, Hauptsache, meine Herren, ist strengste Diskretion gegenuber 
der Zivilbevolkerung! Wie ich noch bei den Neuner-Dragonern war, 
da hat's dort so einen Schwatzer gegeben, Reserve naturlich, schweres 
Vermogen, nebenbei bemerkt, und grad, wie er einriickt, mufi die Ge- 
schichte passieren! Naturlich, wie wir dann den armen Baron Seidl 
begraben haben, hat die ganze Stadt schon gewufit, warum der so 
plotzlich gestorben ist. Ich hoffe, meine Herren, dafl wir diesmal ein 
diskreteres-«, er wollte »Begrabnis« sagen, hielt ein, uberlegte lange, 
fand kein Wort, sah zum Plafond, und um seinen Kopf wie um die 
Kopfe der Zuhorer rauschte eine furchtbare Stille. Endlich schlofi der 



RADETZKYMARSCH 223 

Rittmeister: »-einen diskreteren Vorgang haben werden.« Er atmete 
einen Augenblick auf, verschluckte ein kleines Backwerk und trank 
sein Wasser in einem Zug leer. 

Alle fuhlten, daE er den Tod angerufen hatte. Der Tod schwebte uber 
ihnen, und er war ihnen keineswegs vertraut. Im Frieden waren sie 
geboren und in friedlichen Manovern und Exerzierubungen Offiziere 
geworden. Damals wufiten sie noch nicht, dafi jeder von ihnen, ohne 
Ausnahme, ein paar Jahre spater mit dem Tod zusammentreffen 
sollte. Damals war keiner unter ihnen scharfhorig genug, das grofie 
Raderwerk der verborgenen, grofien Muhlen zu vernehmen, die 
schon den grofien Krieg zu mahlen begannen. Winterlicher weifter 
Friede herrschte in der kleinen Garnison. Und schwarz und rot flat- 
terte iiber ihnen der Tod im Dammer des Hinterstiibchens. »Ich 
kann's nicht begreifen!« sagte einer von den Jungen. Alle hatten 
schon ahnliches gesagt. »Aber ich erzahl's doch schon zum x-ten 
Mal!« erwiderte Taittinger. »Die Wandertruppe, damit hat's angefan- 
gen! Mich hat der Teufel geritten, grad zu der Operette hinzugehen, 
zu dem, wie heifk's denn, jetzt hab' ich den Namen auch schon ver- 
gessen, also, wie heifk's denn?« - »Der Rastelbinder!« sagte einer. 
»Richtig! also mit dem >Rastelbinder< hat's angefangen! Wie ich grad 
aus dem Theater komm', steht der Trotta gottverlassen einsam im 
Schnee auf dem Platz, ich bin namlich vor Schlufi fortgegangen, das 
mach' ich immer so, meine Herren! Ich kann's nie bis zum End 5 aus- 
halten, 's geht gut aus, das kann man gleich erkennen, wann der dritte 
Akt anfangt, und dann weift ich eh alles, und dann geh' ich eben, so 
leis wie moglich, aus dem Saal. Aufterdem hab' ich das Snick schon 
dreimal gesehn! - na! - Da steht also der arme Trotta mutterseelenal- 
lein im Schnee. Ich sag': >Ganz nett ist das Stuck gewesen.< Und er- 
zahl' noch das merkwiirdige Benehmen von Demand Der hat mich 
kaum angeschaut, lafk seine Frau im zweiten Akt allein und geht ein- 
fach weg und kommt nicht wieder! Er hatt' mir ja auch die Frau an- 
vertrauen konnen, aber so einfach fortgehn, das ist beinah ein Skan- 
dal, und all das sag 5 ich dem Trotta. >Ja<, sagt der, >mit dem Demant 
hab' ich schon lang nicht mehr gesprochen. . .<« 

»Den Trotta und den Demant hat man wochenlang zusammen ge- 
sehn!« rief jemand. 

»Weift ich natiirlich, und deshalb hab' ich auch dem Trotta von dem 
kuriosen Benehmen Demants erzahlt. Aber ich misch' mich ja auch 



224 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nicht weiter in fremde Angelegenheiten, und deshalb frag' ich den 
Trotta, ob er noch auf einen Sprung mit mir in die Konditorei kommt. 
>Nein<, sagt er, >hab' noch ein Rendezvous. < Also, ich geh\ Und grad 
an dem Abend ist die Konditorei friiher geschlossen. Schicksal, meine 
Herren! Ich - ins Kasino natiirlich. Erzahl 5 ahnungslos dem Tatten- 
bach, und wer sonst noch dabei war, die Geschichte von Demant und 
dafi der Trotta mitten am Theaterplatz ein Rendezvous hat. Ich hor' 
noch, wie der Tattenbach pfeift. >Was pfeifst denn da?< frag' ich. >Hat 
nichts zu bedeuten<, sagt er. >Pafit auf, ich sag' nix als: Pafit auf! Der 
Trotta und die Eva, der Trotta und die Eva<, singt er zweimal, wie ein 
Chanson aus dem Tingeltangel, und ich weifi nicht, wer die Eva ist, ich 
mein' halt, es ist die aus dem Paradies, also symbolisch und generaliter, 
meine Herren! Verstanden?« 

Alle hatten verstanden und bestatigten es durch Zurufe und Kopfnik- 
ken. Sie hatten nicht nur die Erzahlung des Rittmeisters verstanden, sie 
kannten sie schon ganz genau, vom Anfang bis zum Ende. Und den- 
noch liefien sie sich die Begebenheiten immer wieder erzahlen, denn sie 
hofften im torichtesten und geheimsten Abteil ihrer Herzen, dafi die 
Erzahlung des Rittmeisters sich einmal verandern und eine sparliche 
Aussicht auf einen giinstigeren Ausgang offenlassen konnte. Sie frag- 
ten Taittinger immer wieder. Aber seine Erzahlung hatte stets den glei- 
chen Klang. Nicht die geringste der traurigen Einzelheiten veranderte 
sich. 

»Und nun?« fragte einer. 

»Das andere wiftt ihr ja auch schon !« erwiderte der Rittmeister. »In 
dem Augenblick, in dem wir das Kasino verlassen, der Tattenbach, der 
Kindermann und ich, lauft uns der Trotta mit der Frau Demant gera- 
dezu in die Arme. >Pafit auf!< sagt der Tattenbach. >Hat der Trotta 
nicht gesagt, dafi er ein Rendezvous hat?< >Es kann ja auch Zufall sein<, 
sag' ich zu Tattenbach. Und es war ja auch ein Zufall, wie ich jetzt 
weifl. Die Frau Demant ist allein aus dem Theater gekommen. Der 
Trotta hat sich verpflichtet gefuhlt, sie nach Haus zu fuhren. Auf sein 
Rendezvous hat er verzichten miissen. Gar nix war' passiert, wenn mir 
der Demant in der Pause die Frau ubergeben hatt'! Gar nix!« 
»Gar nix!« bestatigten alle. 

»Am nachsten Abend ist der Tattenbach im Kasino besoffen, wie ge- 
wohnlich. Und gleich, wie der Demant eintritt, erhebt er sich und sagt: 
>Servus, Doktorleben!< So begann's!« 



RADETZKYMARSCH 225 

»Schabig!« bemerkten zwei gleichzeitig. 

»Gewifi, schabig, aber besoffen! Was soil man da? Ich sage korrekt: 
>Servus, Herr Regimentsarzt!< Und der Demant mit einer Stimme, die 
ich ihm nicht zugetraut hatt', zum Tattenbach: 
>Herr Rittmeister, Sie wissen, daf? ich Regimentsarzt bin!< 
>Ich tat' lieber zu Haus sitzen und aufpassen!< sagt der Tattenbach und 
halt sich am Sessel fest. Es war ubrigens sein Namenstag. Hab' ich 
euch's schon gesagt?« 
»Nein!« riefen alle. 

»Also, nun wifit ihr's: Sein Namenstag wars grad!« wiederholte Tait- 
tinger. 

Diese Neuigkeit schlurften alle mit gierigen Sinnen. Es war, als konnte 
sich aus der Tatsache, dafi Tattenbach Namenstag gehabt hatte, eine 
ganz neue, giinstige Losung der traurigen Affare ergeben. Jeder iiber- 
legte fur sich, welcher Nutzen aus dem Namenstag Tattenbachs zu 
ziehen ware. Und der kleine Sternberg, durch dessen Gehirn die Ge- 
danken einzeln dahinzuschiefien pflegten wie einsame Vogel durch 
leere Wolken, ohne Geschwister und ohne Spur, aufierte sofort, vor- 
zeitigen Jubel in der Stimme: »Aber, dann ist ja alles gut! Situation 
total verandert! Namenstag hat er halt gehabt !« 

Sie sahen zum kleinen Grafen Sternberg hin, verbliifft und trostlos und 
dennoch bereit, nach dem Unsinn zu greifen. Es war aufterst toricht, 
was der Sternberg da von sich gab, aber wenn man genau iiberlegte, 
konnte man sich nicht daran halten, war da nicht eine Hoffnung, 
winkte da kein Trost? Das hohle Gelachter, das Taittinger gleich dar- 
auf ausstiefi, uberschiittete sie mit neuem Schrecken. Die Lippen halb 
geoffnet, hilflose Laute auf den stummen Zungen, die Augen aufgeris- 
sen und ohne Blick, blieben sie still, Verstummte und Geblendete, die 
einen Augenblick lang geglaubt hatten, einen trostreichen Klang zu 
vernehmen, einen trostlichen Schimmer zu erblicken. Taub und finster 
war es rings um sie. In der ganzen grofkn, stummen, tief verschneiten 
winterlichen Welt gab es nichts anderes mehr als die funfmai schon 
wiederholte, ewig unveranderliche Erzahlung Taittingers. Er fuhr fort: 
»Also, >ich tat lieber zu Haus sitzen und aufpassen<, sagt der Tatten- 
bach. Und der Doktor, wiftt ihr, wie bei der Marodenvisit' und als ob 
der Tattenbach krank war', streckt den Kopf gegen den Tattenbach vor 
und sagt: >Herr Rittmeister, Sie sind besoffen!<- 
>Ich tat lieber auf meine Frau aufpassen<, lallt der Tattenbach weiter. 



226 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

>Unsereins lafit seine Frau nicht um Mitternacht mit Leutnants spazie- 
ren!<- 

>Sie sind besoffen und ein Schuft!< sagt der Demant. Und wie ich auf- 
stehn will und eh' ich mich noch riihren kann, fangt der Tattenbach an, 
wie verriickt zu rufen: >Jud, Jud, Jud!< Achtmal sagt er's hintereinan- 
der, ich hab' noch die Geistesgegenwart gehabt, genau zu zahlen.« 
»Bravo!« sagte der kleine Sternberg, und Taittinger nickte ihm zu. 
»Ich hab' aber auch«, fuhr der Rittmeister fort, »die Geistesgegenwart, 
zu kommandieren: >Ordonnanzen abtreten!< Denn was sollten die 
Burschen dabei?« 

»Bravo!« rief der kleine Sternberg noch einmal. Und alle nickten Bei- 
fall. 

Sie wurden wieder still. Man horte aus der nahen Kuche der Kondito- 
rei hartes Klappern des Geschirrs und von der Strafie her das helle 
Geklingel eines Schlittens. Taittinger schob noch ein Backwerk in den 
Mund. 

»Jetzt haben wir die Bescherung!« rief der kleine Sternberg. 
Taittinger verschluckte den letzten Rest seiner Sufligkeit und sagte 
nur: »Morgen, sieben Uhr zwanzig!« 

Morgen, sieben Uhr zwanzig! Sie kannten die Bedingungen: gleichzei- 
tiger Kugelwechsel, zehn Schritt Entfernung. Sabel hatte man beim 
Doktor Demant unmoglich durchsetzen konnen. Er konnte nicht 
fechten. Morgen, sieben Uhr fruh, riickt das Regiment zur Exerzier- 
iibung auf die Wasserwiese aus. Von der Wasserwiese bis zu dem soge- 
nannten »Griinen Platz« hinter dem alten Schlofi, wo das Duell statt- 
finden wird, sind kaum zweihundert Schritte. Jeder von den Offizieren 
weifi, dafi er morgen, wahrend der Gelenksiibungen noch, zwei 
Schiisse vernehmen wird. Jeder horte sie schon jetzt, die zwei Schiisse. 
Mit schwarzen und roten Fittichen rauschte der Tod iiber ihren Kop- 
fen. 

»Zahlen!« rief Taittinger. Und sie verliefien die Konditorei. 
Es schneite neuerlich. Ein stummes, dunkelblaues Rudel, gingen sie 
durch den stummen, weiEen Schnee, verloren sich zu zweit und ein- 
zeln. Jeder von ihnen hatte Angst, allein zu bleiben; aber es war ihnen 
auch nicht moglich zusammenzusein. Sie trachteten, sich in den Gafi- 
chen der winzigen Stadt zu verlieren, und mufken einander wieder 
nach ein paar Augenblicken begegnen. Die gekrummten Gassen trie- 
ben sie zusammen. Sie waren gefangen in der kleinen Stadt und in der 



RADET2KYMARSCH 227 

grofien Ratlosigkeit. Und imfner, wenn einer dem andern entgegen- 
kam, erschraken beide, jeder vor der Angst des andern. Sie warteten 
auf die Stunde des Abendessens, und sie fiirchteten gleichzeitig den 
nahenden Abend im Kasino, wo sie heute, heute schon, nicht alle an- 
wesend sein wiirden. 

In der Tat, sie waren nicht alle vorhanden! Tattenbach fehlte, der Ma- 
jor Prohaska, der Doktor, der Oberleutnant Zander und der Leutnant 
Christ und iiberhaupt die Sekundanten. Taittinger afi nicht. Er safi vor 
einem Schachbrett und spielte mit sich selbst. Niemand sprach. Die 
Ordonnanzen standen still und steinern an den Tiiren, man hdrte das 
langsame, harte Ticken der grofien Standuhr, links von ihr sah der Al- 
lerhochste Kriegsherr aus kalten, porzellanblauen Augen auf seine 
schweigsamen Offiziere. Es wagte weder jemand, allein fortzugehn, 
noch den Nachsten mitzunehmen. Und also blieben sie, jeder an sei- 
nem Platz. Wo zwei oder drei zusammensafien, tropften die Worte 
einzeln und schwer von den Lippen, und zwischen Wort und Antwort 
lastete eine grofie Stille aus Blei. Jeder fiihlte die Stille auf seinem Riik- 
ken. 

Sie gedachten derer, die nicht da waren, als waren die Abwesenden 
schon Tote. Alle erinnerten sich an den Eintritt Doktor Demants, vor 
einigen Wochen, nach seinem langen Krankheitsurlaub. Sie sahen sei- 
nen zogernden Schritt und seine funkelnden Brillen. Sie sahen den 
Grafen Tattenbach, den kurzen, rundlichen Leib auf gekrummten Rei- 
terbeinen, den ewig roten Schadel mit den gestutzten, wasserblonden, 
in der Mitte gescheitelten Haaren und den hellen, kleinen, rotgeran- 
derten Augelein. Sie horten die leise Stimme des Doktors und die pol- 
ternde des Rittmeisters. Und obwohl in ihren Herzen und Sinnen, seit- 
dem sie denken und fuhlen konnten, die Worte Ehre und Sterben, 
Schiefien und Schlagen, Tod und Grab heimisch waren, schien es ihnen 
heute unfafibar, dafi sie vielleicht fur ewig geschieden waren von der 
polternden Stimme des Rittmeisters und von der sanften des Doktors. 
Sooft die wehmutigen Glocken der grofien Wanduhr erklangen, glaub- 
ten die Manner, dafi ihre eigene letzte Stunde geschlagen habe. Sie 
wollten ihren Ohren nicht trauen und blickten nach der Wand. Kein 
Zweifel: Die Zeit hielt nicht. Sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwan- 
zig, sieben Uhr zwanzig hammerte es in alien Hirnen. 
Sie erhoben sich, einer nach dem andern, zogernd und schamhaft; 
wahrend sie einander verliefien, war es ihnen, als verrieten sie einander. 



228 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie gingen beinahe kudos. Ihre Sporen klirrten nicht, ihre Sabel schep- 
perten nicht, ihre Sohlen traten taub einen tauben Boden. Vor Mitter- 
nacht noch war das Kasino leer. Und eine Viertelstunde vor Mitter- 
nacht erreichten der Oberleutnant Schlegel und der Leutnant Kinder- 
mann die Kaserne, in der sie wohnten. Aus dem ersten Stock, wo die 
Offiziersstuben lagen, warf ein einziges belichtetes Fenster ein gelbes 
Rechteck in die quadratische Finsternis des Hofes. Beide blickten 
gleichzeitig hinauf. »Das ist der Trotta!« sagte Kindermann. 
»Das ist der Trotta!« wiederholte Schlegel. 
»Wir sollten noch einen Blick hineintun!« 
»Es wird ihm nicht passen!« 

Sie gingen klirrend durch den Korridor, hemmten den Schritt vor der 
Tur des Leutnants Trotta und lauschten. Nichts riihrte sich. Oberleut- 
nant Schlegel griff nach der Klinke, driickte sie aber nicht nieder. Er 
zog wieder die Hand zuriick, und beide entfernten sich. Sie nickten 
einander zu und gingen in ihre Zimmer. 

Der Leutnant Trotta hatte sie in der Tat nicht gehort. Seit nunmehr 
vier Stunden bemuhte er sich, seinem Vater einen ausfiihrlichen Brief 
zu schreiben. Er kam iiber die ersten Zeilen nicht hinaus. »Lieber Va- 
ter!« so begann er, »ich bin ahnungslos und unschuldig der Anlafi einer 
tragischen Ehrenaffare geworden.« Seine Hand war schwer. Ein totes, 
nutzloses Werkzeug, schwebte sie mit der zitternden Feder iiber dem 
Papier. Dieser Brief war der erste schwere seines Lebens. Es erschien 
dem Leutnant unmoglich, den Ausgang der Angelegenheit abzuwarten 
und erst dann dem Bezirkshauptmann zu schreiben. Seit dem unseli- 
gen Streit zwischen Tattenbach und Demant hatte er den Bericht von 
Tag zu Tag hinausgeschoben. Es war unmoglich, ihn nicht heute noch 
abzuschicken. Heute noch, vor dem Duell. Was hatte der Held von 
Solferino in dieser Lage getan? Carl Joseph fuhlte den gebieterischen 
Blick des Grofivaters im Nacken. Der Held von Solferino diktierte 
dem zaghaften Enkel biindige Entschlossenheit. Man mufke schreiben, 
sofort, auf der Stelle. Ja, man hatte vielleicht sogar zum Vater fahren 
miissen. Zwischen dem toten Helden von Solferino und dem unent- 
schiedenen Enkel stand der Vater, der Bezirkshauptmann, Hiiter der 
Ehre, Wahrer des Erbteils. Lebendig und rot in den Adern des Be- 
zirkshauptmanns rollte noch das Blut des Helden von Solferino. Es 
war, wenn man dem Vater nicht rechtzeitig berichtete, als versuchte 
man, auch dem Groftvater etwas zu verheimlichen. 



RADETZKYMARSCH 229 

Aber um diesen Brief zu schreiben, hatte man so stark sem miissen wie 
der Grofivater, so einfach, so entschieden, so nahe den Bauern von 
Sipolje. Man war nur der Enkel! Dieser Brief unterbrach in einer 
schrecklichen Weise die gemachliche Reihe der gewohnten wochentli- 
chen, gleichklingenden Berichte, die in der Familie der Trottas die 
Sonne den Vatern immer geschrieben hatten. Ein blutiger Brief; man 
mufite ihn schreiben. 

Der Leutnant fuhr fort: »Ich hatte, allerdings gegen Mitternacht, einen 
harmlosen Spaziergang mit der Frau unseres Regimentsarztes gemacht. 
Die Situation liefi mir keine andere Moglichkeit. Kameraden sahen 
uns. Der Rittmeister Tattenbach, der leider haufig betrunken ist, 
machte dem Doktor gegemiber eine schabige Anspielung. Morgen, sie- 
ben Uhr zwanzig friih, schiefien sich die beiden. Ich werde wahr- 
scheinlich gezwungen sein, den Tattenbach zu fordern, wenn er am 
Leben bleibt, wie ich hoffe. Die Bedingungen sind schwer. 

Dein treuer Sohn 
Carl Joseph Trotta, Leutnant 
Nachschrift: Vielleicht werde ich auch das Regiment verlassen miis- 
sen.* 

Nun schien es dem Leutnant, das Schwerste sei iiberstanden. Als er 
aber seinen Blick iiber den beschatteten Suffit wandern Heft, sah er auf 
einmal wieder das mahnende Angesicht seines Groftvaters. Neben dem 
Helden von Solferino glaubte er auch das weifibartige Angesicht des 
judischen Schankwirts zu sehen, dessen Enkel der Regimentsarzt Dok- 
tor Demant war. Und er fiihlte, dafi die Toten die Lebenden riefen, 
und ihm war, als wiirde er selbst morgen schon, sieben Uhr zwanzig, 
zum Duell antreten. Zum Duell antreten und fallen. Fallen! Fallen und 
sterben! 

An jenen langst entschwundenen Sonntagen, an denen Carl Joseph auf 
dem vaterlichen Balkon gestanden war und die Militarkapelle Herrn 
Nechwals den Radetzkymarsch intoniert hatte, ware es eine Kleinig- 
keit gewesen, zu fallen und zu sterben! Dem Zogling der kaiser- und 
koniglichen Kavalleriekadettenanstalt war der Tod vertraut gewesen, 
aber es war ein sehr ferner Tod gewesen! Morgen friih, sieben Uhr 
zwanzig, wartete der Tod auf den Freund, den Doktor Demant. Uber- 
morgen, oder in einigen Tagen, auf den Leutnant Carl Joseph von 
Trotta. O, Graus und Finsternis! Anlafi seiner schwarzen Ankunft zu 



230 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sein und endlich sein Opfer zu werden! Und sollte man selbst nicht 
sein Opfer werden, wie viele Leichen lagen noch unterwegs? Wie Mei- 
lensteine auf den Wegen anderer lagen die Grabsteine auf dem Wege 
Trottas ! Es war gewifi, dafi er den Freund nie mehr wiedersehn wiirde, 
wie er Katharina nicht mehr gesehn hatte. Niemals! Vor den Augen 
Carl Josephs dehnte sich dieses Wort ohne Ufer und Grenze, ein totes 
Meer der tauben Ewigkeit. Der kleine Leutnant ballte die weifie, 
schwache Faust gegen das grofte, schwarze Gesetz, das die Leichen- 
steine heranrollte, der Unerbittlichkeit des Niemals keinen Damm 
setzte und die ewige Finsternis nicht erhellen wollte. Er ballte seine 
Faust, trat zum Fenster, um sie gegen den Himmel zu erheben. Aber er 
erhob nur seine Augen. Er sah das kalte Flimmern der winterlichen 
Sterne. Er erinnerte sich an die Nacht, in der er zum letztenmal mit 
Doktor Demant zusammen gegangen war, von der Kaserne zur Stadt. 
Zum letztenmal, er hatte es damals gewufit. 

Plotzlich uberfiel ihn ein Heimweh nach dem Freund; und auch die 
Hoffnung, dafi es noch moglich sei, den Doktor zu retten! Es war ein 
Uhr zwanzig. Sechs Stunden hatte Doktor Demant bestimmt noch zu 
leben, sechs grofie Stunden. Diese Zeit erschien dem Leutnant jetzt 
beinahe so machtig wie vorher die uferlose Ewigkeit. Er stiirzte zum 
Kleiderhaken, schnurte den Sabel um und fuhr in den Mantel, eilte den 
Korridor entlang und schwebte fast die Treppe hinunter, jagte iiber das 
nachtliche Viereck des Hofes zum Tor hinaus, am Posten vorbei, lief 
durch die stille Landstrafie, erreichte in zehn Minuten das Stadtchen 
und eine Weile spater den einzigen Schlitten, der einsamen Nacht- 
dienst hatte, und glitt unter trostlichem Geklingel gegen den Slid rand 
der Stadt, der Villa des Doktors zu. Hinter dem Gitter schlief das 
Hauschen mit blinden Fenstern. Trotta driickte die Klingel. Alles blieb 
still. Er schrie den Namen Doktor Demants. Nichts riihrte sich. Er 
wartete. Er liefi den Kutscher mit der Peitsche knallen. Niemand gab 
Antwort. 

Wenn er den Grafen Tattenbach gesucht hatte, es ware leicht gewesen, 
ihn zu finden. Eine Nacht vor seinem Duell saE er wahrscheinlich bei 
Resi und trank auf seine eigene Gesundheit. Unmoglich aber zu erra- 
ten, wo Demant sich aufhielt. Vielleicht ging der Regimentsarzt durch 
die Gassen der Stadt. Vielleicht spazierte er zwischen den vertrauten 
Grabern und suchte sich schon sein eigenes. »Zum Friedhof!« befahl 
der Leutnant dem erschrockenen Kutscher. Nicht weit von hier lagen 



RADETZKYMARSCH 231 

die Friedhofe beieinander. Der Schiitten hielt vor der alten Mauer und 
dem verschlossenen Gitter. Trotta stieg ab. Er trat an das Gitter. Dem 
irrsinnigen Einfall folgend, der ihn hierhergetrieben hatte, hielt er die 
gehohlten Hande vor den Mund und rief gegen die Graber hin mit 
einer fremden Stimme, die wie ein Heulen aus seinem Herzen kam, 
den Namen Doktor Demants; und glaubte selbst, wahrend er schrie, 
dafi er schon den Toten riefe und nicht mehr den Lebendigen; und 
erschrak und fing an zu zittern wie einer der nackten Straucher zwi- 
schen den Grabern, iiber die jetzt der winterliche Nachtsturm pfiff; 
und der Sabel schepperte an der Hiifte des Leutnants. 
Den Kutscher auf dem Bock des Schiittens grauste es vor seinem Fahr- 
gast. Er dachte, einfaltig, wie er war, der Offizier sei ein Gespenst oder 
ein Wahnsinniger. Er furchtete aber auch, das Pferd anzutreiben und 
davonzufahren. Seine Zahne klapperten, sein Herz raste machtig gegen 
den dicken Katzenpelz. »Steigen Sie doch ein, Herr Offizier !« bat er. 
Der Leutnant folgte. »Zur Stadt zuriick!« sagte er. In der Stadt stieg er 
ab und trabte gewissenhaft durch die gewundenen Gafichen und iiber 
die winzigen Platze. Die blechernen Melodien eines Musikautomaten, 
der irgendwoher durch die nachtliche Stille zu schmettern begann, ga- 
ben ihm ein vorlaufiges Ziel; er eilte dem metallenen Gerassel entge- 
gen. Es drang durch die matt belichtete Glastiir einer Kneipe in der 
Nahe des Unternehmens der Frau Resi, einer Kneipe, die haufig von 
den Mannschaften aufgesucht wurde und von Offizieren nicht betre- 
ten werden durfte. Der Leutnant trat an das hellerleuchtete Fenster 
und schaute iiber den rotlichen Vorhang ins Innere der Schenke. Er sah 
die Theke und den hageren Wirt in Hemdsarmeln. An einem Tisch 
spielten drei Manner, ebenfalls in Hemdsarmeln, Karten, an einem an- 
dern safi ein Korporal, ein Madchen neben sich, Bierglaser standen vor 
den beiden. In der Ecke safi ein Mann allein, einen Bleistift hielt er in 
der Hand, iiber ein Blatt Papier beugte er sich, schrieb etwas, unter- 
brach sich, nippte an einem Schnaps und sah in die Luft. Auf einmal 
richtete er seine Brillenglaser gegen das Fenster. Carl Joseph erkannte 
ihn: Es war Doktor Demant in Zivil. 

Carl Joseph klopfte an die Glastiir, der Wirt kam; der Leutnant bat 
ihn, den einsamen Herrn herauszuschicken. Der Regimen tsarzt trat 
auf die Strafte. »Ich bin's, Trotta !« sagte der Leutnant und streckte die 
Hand aus. »Du hast mich gefunden!« sagte der Doktor. Er sprach 
leise, wie gewohnlich, aber viel deutlicher als sonst, so schien es dem 



232 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Leutnant; denn auf eine ratselhafte Weise iibertonten seine stillen 
Worte den rasselnden Musikautomaten. Zum erstenmal stand er vor 
Trotta in Zivil. Die vertraute Stimme kam aus der veranderten Erschei- 
nung des Doktors dem Leutnant entgegen wie ein guter, heimatlicher 
Grufi. Ja, die Stimme klang um so vertrauter, je fremder Demant er- 
schien. Alle Schrecken, die den Leutnant in dieser Nacht verwirrten, 
zerstoben nun vor der Stimme des Freundes, die Carl Joseph seit lan- 
gen Wochen nicht mehr gehort und die er entbehrt hatte. Ja, entbehrt 
hatte er sie; er wufite es jetzt. Der Musikautomat horte auf zu schmet- 
tern. Man horte den Nachtwind von Zeit zu Zeit aufheulen und spiirte 
den Schneestaub, den er aufwirbelte, im Gesicht. Der Leutnant trat 
noch einen Schritt naher an den Doktor. (Man konnte ihm gar nicht 
nahe genug kommen.) Du sollst nicht sterben! wollte er sagen. Es 
schofi ihm durch den Sinn, dafi Demant ohne Mantel vor ihm stand, im 
Schnee, im Wind. Wenn man in Zivil ist, sieht man's nicht sofort, 
dachte er auch. Und mit einer zartlichen Stimme sagte er: »Du wirst 
dich noch erkalten!« 

Im Angesicht Doktor Demants leuchtete sofort das alte, wohlbekannte 
Lacheln auf, das die Lippen ein wenig schurzte, den schwarzen 
Schnurrbart ein bifichen hob. Carl Joseph errotete. Er kann sich ja gar 
nicht mehr erkalten, dachte der Leutnant. Gleichzeitig horte er die 
sanfte Stimme Doktor Demants: »Ich nab' keine Zeit mehr, krank zu 
werden, mein lieber Freund.« Er konnte sprechen, wahrend er la- 
chelte. Mitten durch das alte Lacheln gingen die Worte des Doktors, 
und es blieb dennoch ganz; ein kleines, trauriges, weifies Schleierchen, 
hing es vor seinen Lippen. »Wir wollen aber hineinU sagte der Doktor 
weiter. Er stand, ein schwarzer, unbeweglicher Schatten, vor der matt 
belichteten Tiir und warf einen zweiten, blasseren, auf die beschneite 
Strafie. Auf seinen schwarzen Haaren lag der silberne Schneestaub, be- 
lichtet von dem matten Schein, der aus der Kneipe drang. Uber seinem 
Haupt war bereits gleichsam der Schimmer der himmlischen Welt, und 
Trotta war beinahe bereit, wieder umzukehren. Gute Nacht! wollte er 
sagen und ganz schnell davongehn. 

»Wir wollen doch hineingehn!« sagte der Doktor wieder. »Ich werde 
fragen, ob du unbemerkt hinein kannst!« Er ging und lieE Trotta drau- 
fien. Dann kam er mit dem Wirt zuriick. Sie durchschritten einen Flur 
und einen Hof und gelangten in die Kiiche der Wirtsstube. »Du bist 
hier bekannt?« fragte Trotta. »Ich komme manchmal hierher«, erwi- 



RADETZKYMARSCH 233 

derte der Doktor, »das heiEt: Ich pflegte oft hierher zu kommenU 
Carl Joseph sah den Doktor an. »Du wunderst dich? Ich hatte so 
meine besonderen Gewohnheiten«, sagte der Regimentsarzt. - Warum 
sagt er: hatte? - dachte der Leutnant; und erinnerte sich aus der 
Deutschstunde, dafi man so was »Mitvergangenheit« nannte. Hatte! 
Warum sagte der Regimentsarzt: hatte? 

Der Wirt brachte ein Tischchen und zwei Stiihle in die Kuche und 
entziindete eine griinliche Gaslampe. In der Wirtsstube schmetterte 
der Musikapparat wieder, ein Potpourri aus bekannten Marschen, zwi- 
schen denen die ersten Trommeltakte des Radetzkymarsches, entstellt 
durch heisere Nebengerausche, aber immer noch kenntlich, in be- 
stimmten Zeitabstanden erklangen. Im griinlichen Schatten, den der 
Lampenschirm iiber die weiftgetiinchten Kiichenwande zeichnete, 
dammerte das bekannte Portrat des Obersten Kriegsherrn in bluten- 
weifier Uniform auf, zwischen zwei riesigen Pfannen aus rotlichem 
Kupfer. Das weifie Gewand des Kaisers war von zahllosen Fliegenspu- 
ren betupft, wie von winzigen Schrotkugelchen durchsiebt, und die 
Augen Franz Josephs des Ersten, sicher auch auf diesem Portrat im 
selbstverstandlichen Porzellanblau gemalt, waren im Schatten des 
Lampenschirms erloschen. Der Doktor zeigte mit ausgestrecktem Fin- 
ger auf das Kaiserbild. »In der Gaststube hat es noch vor einem Jahr 
gehangen!« sagte er. »Jetzt hat der Wirt keine Lust mehr, zu beweisen, 
dafi er ein loyaler Untertan ist.« Der Automat verstummte. Im selben 
Augenblick erklangen zwei harte Schlage einer Wanduhr. »Schon zwei 
Uhr!« sagte der Leutnant. »Noch fiinf Stunden!« erwiderte der Regi- 
mentsarzt. Der Wirt brachte Sliwowitz. Sieben Uhr zwanzig! ham- 
merte es im Hirn des Leutnants. 

Er griff nach dem Glaschen, hob es in die Luft und sagte mit der star- 
ken, angelernten Stimme, mit der man die Kommandos hervorzusto- 
fien hatte: 

»Auf dein Wohl! Du mufit lebenU 

»Auf einen leichten Tod!« erwiderte der Regimentsarzt und leerte das 
Glas, wahrend Carl Joseph den Schnaps wieder auf den Tisch stellte. 
»Dieser Tod ist unsinnig!« sagte der Doktor weiter. »So unsinnig, wie 
mein Leben gewesen ist!« 

»Ich will nicht, da!5 du stirbst!« schrie der Leutnant und stampfte auf 
die Fliesen des Kuchenbodens. »Und ich will auch nicht sterben! Und 
mein Leben ist auch unsinnig !« 



234 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

4 

»Sei still!* erwiderte Doktor Demant. »Du bist der Enkel des Helden 
von Solferino. Der ware fast ebenso unsinnig gestorben. Obwohl es 
ein Unterschied ist, ob man so glaubig wie er in den Tod geht oder so 
schwachmiitig wie wir beide.« Er schwieg. »Wie wir beide«, begann er 
nach einer Weile. »Unsere Grofivater haben uns nicht viel Kraft hin- 
terlassen, wenig Kraft zum Leben, es reicht gerade noch, urn unsinnig 
zu sterben. Ach!« Der Doktor schob sein Glaschen von sich, und es 
war, als schobe er die ganze Welt weit fort und den Freund ebenfalls, 
»Ach!« wiederholte er, »ich bin miide, seit Jahren miide! Ich werde 
morgen wie ein Held sterben, wie ein sogenannter Held, ganz gegen 
meine Art und ganz gegen die Art meiner Vater und meines Ge- 
schlechts und gegen den Willen meines Grofivaters. In den grofien, 
alten Buchern, in denen er gelesen hat, steht der Satz: >Wer die Hand 
gegen seines gleichen erhebt, ist ein M6rder.< Morgen wird einer gegen 
mich eine Pistole erheben, und ich werde eine Pistole gegen ihn erhe- 
ben. Und ich werde ein Morder sein. Aber ich bin kurzsichtig, ich 
werde nicht zielen. Ich werde meine kleine Rache haben. Wenn ich die 
Brille abnehme, sehe ich gar nichts, gar nichts. Und ich werde schie- 
fien, ohne zu sehn! Das wird natiirlicher sein, ehrlicher und ganz pas- 
send !« 

Der Leutnant Trotta begriff nicht vollkommen, was der Regimentsarzt 
sagte. Die Stimme des Doktors war ihm vertraut und, nachdem er sich 
an das Zivil des Freundes gewohnt hatte, auch Gestalt und Angesicht. 
Aber aus einer ganz unermefilichen Feme kamen die Gedanken Dok- 
tor Demants, aus jener unermefilich fernen Gegend, in der Demants 
Grofivater, der weifibartige Konig unter den jiidischen Schankwirten, 
gelebt haben mochte. Trotta strengte sein Gehirn an, wie einst in der 
Kadettenschule in der Trigonometric, er begriff immer weniger. Er 
fiihlte nur, wie sein frischer Glaube an die Moglichkeit, alles noch zu 
retten, allmahlich matt wurde, wie seine Hoffnung langsam vergliihte 
zu weiEer, windiger Asche, ahnlich den verglimmenden Netzfaden 
uber dem singenden Gasflammchen. Sein Herz klopfte laut wie die 
hohlen, blechernen Schlage der Wanduhr. Er verstand den Freund 
nicht. Er war auch vielleicht zu spat gekommen. Vieles noch hatte er 
zu sagen. Aber seine Zunge lag schwer im Mund, von Gewichten bela- 
stet. Er offnete die Lippen. Sie waren fahl, sie zitterten sachte, er 
konnte sie nur mit Miihe wieder schlieEen. 
»Du diirftest Fieber haben !« sagte der Regimentsarzt, genauso, wie er 



RADETZKYMARSCH 235 

zu Patienten zu sprechen gewohnt war. Er klopfte an den Tisch, der 
Wirt kam mit neuen Schnapsglasern. »Und du hast noch das erste nicht 
getrunken!« 

Trotta leerte gehorsam das erste Glas. »Zu spat hab' ich den Schnaps 
entdeckt - schade!« sagte der Doktor. »Du wirst es nicht glauben: Es 
tut mir leid, dafi ich nie getrunken habe.« 

Der Leutnant machte eine ungeheure Anstrengung, hob den Blick und 
starrte ein paar Sekunden dem Doktor ins Angesicht. Er hob das 
zweite Glas, es war schwer, die Hand zitterte und verschiittete ein paar 
Tropfen. Er trank in einem Zug; Zorn ergliihte in seinem Innern, stieg 
in den Kopf, rotete sein Angesicht. »Ich werde also gehn!« sagte er. 
»Ich kann deine Witze nicht vertragen. Ich war froh, wie ich dich ge- 
funden hab'! Ich war bei dir zu Haus. Ich habe gelautet. Ich bin vor 
den Friedhof gefahren. Ich nab' deinen Namen durch das Tor hinein- 

gerufen wie ein Verriickter. Ich hab* « Er brach ab. Zwischen sei- 

nen bebenden Lippen formten sich lautlose Worte, taube Worte, taube 
Schatten von tauben Lauten. Plotzlich fullten sich seine Augen mit 
einem warmen Wasser, und ein lautes Stohnen kam aus seiner Brust. 
Er wollte aufstehn und weglaufen, denn er schamte sich sehr. Ich 
weine ja! dachte er, ich weine ja! Er fuhlte sich ohnmachtig, grenzenlos 
ohnmachtig gegeniiber der unbegreiflichen Macht, die ihn zwang zu 
weinen. Er lieferte sich ihr willig aus. Er ergab sich der Wonne seiner 
Ohnmacht. Er horte sein Stohnen und genofi es, schamte sich und 
genofl noch seine Scham. Er warf sich dem siiflen Schmerz in die Arme 
und wiederholte sinnlos, unter fortwahrendem Schluchzen, ein paar- 
mal hintereinander: »Ich will nicht, daft du stirbst, ich will nicht, daft 
du stirbst, ich will nicht! Ich will nicht !« 

Doktor Demant erhob sich, ging ein paarmal durch die Kiiche, ver- 
harrte vor dem Portrat des Obersten Kriegsherrn, begann, die schwar- 
zen Fliegentupfen auf dem Rock des Kaisers zu zahlen, unterbrach 
seine torichte Beschaftigung, trat zu Carl Joseph, legte seine Hande 
sachte auf die zuckenden Schultern und naherte seine funkelnden Bril- 
lenglaser dem hellbraunen Scheitel des Leutnants. Er hatte, der kluge 
Doktor Demant, bereits mit der Welt Schlufl gemacht, seine Frau zu 
ihrem Vater nach Wien geschickt, seinen Burschen beurlaubt, sein 
Haus verschlossen. Im Hotel zum goldenen Baren wohnte er seit dem 
Ausbruch der unseligen Affare. Er war fertig. Seitdem er angefangen 
hatte, den ungewohnten Schnaps zu trinken, war es ihm sogar moglich 



236 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gewesen, in diesem sinnlosen Duell irgendeinen geheimen Sinn zu fin- 
den, den Tod herbeizuwiinschen als den gesetzmafiigen Abschlufi sei- 
ner irrtiimlichen Laufbahn, ja einen Schimmer der jenseitigen Welt zu 
erahnen, an die er immer geglaubt hatte. Lange noch vor der Gefahr, in 
die er sich nun begab, waren ihm ja die Graber vertraut gewesen und 
die toten Freunde. Ausgeloscht war die kindische Liebe zu seiner Frau. 
Die Eifersucht, vor wenigen Wochen noch ein schmerzlicher Brand in 
seinem Herzen, war ein kaltes Haufchen Asche. Sein Testament, eben 
geschrieben, an den Obersten adressiert, lag in seiner Rocktasche. Er 
hatte nichts zu vermachen, weniger Menschen zu gedenken und also 
nichts vergessen. Der Alkohol machte ihn leicht, ungeduldig nur das 
Warten. Sieben Uhr zwanzig, die Stunde, die furchterlich in alien Hir- 
nen seiner Kameraden seit Tagen hammerte, schwang in dem seinen 
wie ein silbernes Glockchen. Zum erstenmal, seitdem er die Uniform 
angezogen hatte, fuhlte er sich leicht, stark und mutig. Er genofi die 
Nahe des Todes, wie ein Genesender die Nahe des Lebens geniefit. Er 
hatte Schlufi gemacht, er war fertig! . . . 

Nun stand er wieder, kurzsichtig und hilflos wie immer, vor seinem 
jungen Freund. Ja, es gab noch Jugend und Freundschaft und Tranen, 
die urn ihn vergossen wurden. Auf einmal fuhlte er wieder Heimweh 
nach der Kummerlichkeit seines Lebens, nach der ekelhaften Garni- 
son, der verhafiten Uniform, der Stumpfheit der Marodenvisite, dem 
Gestank der versammelten und entkleideten Mannschaften, den oden 
Impfungen, dem Karbolgeruch des Spitals, den hafilichen Launen sei- 
ner Frau, der wohlgesicherten Enge seines Hauses, den aschgrauen 
Wochentagen, den gahnenden Sonntagen, den qualvollen Reitstunden, 
den bloden Manovern und seiner eigenen Betrubnis iiber all diese 
Schalheit. Durch das Schluchzen und Stohnen des Leutnants brach ge- 
waltig der schmetternde Ruf dieser lebendigen Erde, und wahrend der 
Doktor nach einem Wort suchte, um Trotta zu beruhigen, iiber- 
schwemmte das Mitleid sein Herz, flackerte die Liebe in ihm mit tau- 
send Feuerzungen auf. Weit hinter ihm lag schon die Gleichgiiltigkeit, 
in der er die letzten Tage zugebracht hatte. 

Da erklangen drei harte Schlage der Wanduhr. Trotta war auf einmal 
still. Man horte das Echo der drei Glocken, es ertrank langsam im 
Summen der Gaslampe. Der Leutnant begann mit einer ruhigen 
Stimme: »Du sollst wissen, wie dumm diese ganze Geschichte ist! Der 
Taittinger langweilt mich wie uns alle. Ich sag* ihm also, daft ich ein 



RADETZKYMARSCH 237 

Rendezvous hat/, an jenem Abend vor dem Theater. Dann kommt 
deine Frau allein. Ich mufi sie begleiten. Und grad wie wir am Kasino 
vorbeigehn, treten sie alle auf die Strafie.« 

Der Doktor nahm die Hande von den Schultern Trottas und begann 
wieder seine Wanderung. Er ging beinahe kudos, mit sanften und hor- 
chenden Schritten. 

»Ich mufi dir noch sagen«, fuhr der Leutnant fort, »dafi ich sofort 
geahnt hab', es wird was Schlimmes passieren. Ich hab' auch kaum 
noch ein nettes Wort zu deiner Frau sagen konnen. Und wie ich dann 
vor eurem Garten gestanden bin, vor deiner Villa, hat die Laterne ge- 
brannt; ich erinnere mich, da hab* ich im Schnee auf dem Weg vom 
Gartentor zur Haustiir deutlich die Spuren deiner Schritte sehn kon- 
nen, und da hab' ich eine merkwiirdige Idee gehabt, eine verriickte 
Idee.. .« 

»Ja?« sagte der Doktor und blieb stehen. 

»Eine komische Idee: Ich hab' einen Moment gedacht, deine Spuren 
sind so was wie Wachter, ich kann's nicht ausdriicken, ich hab' halt 
gedacht, sie schaun aus dem Schnee herauf zu deiner Frau und mir.« 
Doktor Demant setzte sich wieder, sah Trotta genau an und sagte lang- 
sam: 

»Vielleicht liebst du meine Frau und weifk es nur selber nicht ?« 
»Ich hab' keine Schuld an der ganzen Sache!« sagte Trotta. 
»Nein, du hast keine Schuld !« bestatigte der Regimentsarzt. 
»Aber immer ist es so, als hatt' ich Schuld !« sagte Carl Joseph. »Du 
weifit, ich hab* dir erzahlt, wie das mit der Frau Slama gewesen ist!« Er 
blieb still. Dann flusterte er: »Ich hab' Angst, ich hab' Angst, uberall!« 
Der Regimentsarzt breitete die Arme aus, hob die Schultern und sagte: 
»Du bist auch ein Enkel!« 

Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Angste des Leutnants. Es 
schien ihm sehr wohl moglich, jetzt noch allem Bedrohlichen zu ent- 
gehn. Verschwinden! dachte er. Ehrlos werden, degradiert, drei Jahre 
als Gemeiner dienen oder ins Ausland fliehen! Nicht erschossen wer- 
den! Schon war ihm der Leutnant Trotta, Enkel des Helden von Solfe- 
rino, ein Mensch aus einer anderen Welt, vollkommen fremd. Und er 
sagte laut und mit hohnender Lust: 

»Diese Dummheit! Diese Ehre, die in der bloden Troddel da am Sabel 
hangt. Man kann eine Frau nicht nach Haus begleiten! Siehst du, wie 
dumm das ist? Hast du nicht jenen dort«- er zeigte auf das Bild des 



238 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kaisers - »aus dem Bordell gerettet? Blodsinn!« schrie er plotzlich, 
»infamer Blodsinn!« 

Es klopfte, der Wirt kam und brachte zwei gefiillte Glaschen. Der Re- 
giments arzt trank. »Trink!« sagte er. Carl Joseph trank. Er begriff 
nicht ganz genau, was der Doktor sagte, aber er ahnte, dafi Demant 
nicht mehr bereit war zu sterben. Die Uhr tickte ihre blechernen Se- 
kunden. Die Zeit hielt nicht. Sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwan- 
zig! Ein Wunder mufite sich ereignen, wenn Demant nicht sterben 
sollte. Es ereigneten sich keine Wunder, soviel wufite der Leutnant 
schon ! Er selbst - phantastischer Gedanke - wird morgen, sieben Uhr 
zwanzig, erscheinen und sagen: Meine Herren, der Demant ist ver- 
riickt geworden, in dieser Nacht, ich schlage mich fur ihn! Kinderei, 
lacherlich, unmoglich! Er sah wieder ratios auf den Doktor. Die Zeit 
hielt nicht, die Uhr steppte unaufhorlich ihre Sekunden weiter. Bald ist 
es vier: noch drei Stunden! 

»Also!« sagte schliefilich der Regimentsarzt. Es klang, als hatte er 
schon einen Entschlufi gefafit, als wufite er genau, was zu tun sei. Aber 
er wufite nichts Genaues! Seine Gedanken zogen blind und ohne Zu- 
sammenhang verworrene Bahnen durch blinde Nebel. Er wuftte 
nichts! Ein nichtswurdiges, infancies, dummes, eisernes, gewaltiges Ge- 
setz fesselte ihn, schickte ihn gefesselt in einen dummen Tod. Er ver- 
nahm aus der Gaststube die spaten Gerausche. Of fen bar safi dort nie- 
mand mehr. Der Wirt steckte die klirrenden Bierglaser ins plat- 
schernde Wasser, schob die Stiihle zusammen, riickte an den Tischen, 
klirrte mit dem Schliisselbund. Man mufite gehn. Von der Strafie, vom 
Winter, vom nachtlichen Himmel, von seinen Sternen, vom Schnee 
vielleicht kamen Rat und Trost. Er ging zum Wirt, zahlte, kam im 
Mantel zuriick, schwarz, in einem schwarzen, breiten Hut stand er 
vermummt und noch einmal verwandelt vor dem Leutnant. Er er- 
schien Carl Joseph geriistet, starker geriistet als jemals in Uniform mit 
Sabel und Mutze. 

Sie gingen durch den Hof, durch den Flur zuriick, in die Nacht. Der 
Doktor sah zum Himmel hinauf, von den ruhigen Sternen kam kein 
Rat, kalter waren sie als der Schnee ringsum. Finster waren die Hauser, 
taubstumm die Gassen, der Nachtwind zerblies den Schnee zu Staub, 
die Sporen Trottas klirrten sacht, die Sohlen des Doktors knirschten 
daneben. Sie gingen schnell, als hatten sie ein bestimmtes Ziel. In ihren 
Kopfen jagten Fetzen von Vorstellungen einher, von Gedanken, von 



RADETZKYMARSCH 239 

Bildern. Wie schwere und flinke Hammer klopften ihre Herzen. Ohne 
es zu wissen, gab der Regimentsarzt die Richtung an, ohne es zu wis- 
sen, folgte ihm der Leutnant. Sie naherten sich dem Hotel zum golde- 
nen Baren. Sie standen vor dem gewolbten Tor des Gasthauses. In der 
Vorstellung Carl Josephs erwachte das Bild vom Grofivater Demants, 
dem silberbartigen Konig unter den judischen Schankwirten. Vor 
solch einem Tor, einem viel grdfieren wahrscheinlich, safi er zeit seines 
Lebens. Er stand auf, wenn die Bauern anhielten. Weil er nicht mehr 
horte, schrien die kleinen Bauern durch die gehohlten Hande vor den 
Mundern ihre Wiinsche zu ihm empor. Sieben Uhr zwanzig, sieben 
Uhr zwanzig, klang es wieder. Sieben Uhr zwanzig war der Enkel 
dieses Grofivaters tot. 

»Tot!« sagte der Leutnant laut. Oh, er war nicht mehr klug, der kluge 
Doktor Demant! Er war vergeblich frei und mutig gewesen, ein paar 
Tage; es zeigte sich jetzt, daft er nicht Schlufi gemacht hatte. Man 
wurde nicht leicht fertig! Sein kluger Kopf, ererbt von einer langen, 
langen Reihe kluger Vater, wufite ebensowenig Rat wie der einfache 
Kopf des Leutnants, dessen Ahnen die einfachen Bauern von Sipolje 
gewesen waren. Ein stupides, eisernes Gesetz lieft keinen Ausweg frei. 
»Ich bin ein Dummkopf, mein lieber Freund!« sagte der Doktor. »Ich 
hatte mich von Eva langst trennen miissen. Ich habe keine Kraft, die- 
sem bloden Duell zu entrinnen. Ich werde aus Blodheit ein Held sein, 
nach Ehrenkodex und Dienstreglement. Ein Held!« Er lachte. Es 
schallte durch die Nacht. »Ein Held!« wiederholte er und stapfte hin 
und zuriick vor dem Tor des Gasthofes. 

Durch das junge, trostbereite Hirn des Leutnants schoft blitzschnell 
eine kindische Hoffnung; sie werden nicht aufeinander schiefien und 
sich versohnen! Alles wird gut sein! Man wird sie zu andern Regimen- 
tern transferieren! Mich auch! Toricht, lacherlich, unmoglich! dachte 
er gleich darauf. Und verloren, verzweifelt, mit schalem Kopf, trocke- 
nem Gaumen, zentnerschweren Gliedern stand er regungslos vor dem 
hin und her wandelnden Doktor. 

Wie spat war es schon? - Er wagte nicht, auf die Uhr zu sehn. Bald 
mufite es ja vom Turm schlagen. Er wollte warten. »Wenn wir uns 
nicht wiedersehn sollten«, sagte der Doktor, hielt ein und sagte ein 
paar Sekunden spater: »Ich rate dir, verlafi diese Armee!« Dann 
streckte er die Hand aus: »Leb wohl! Geh heim! Ich werde allein fer- 
tig! Servus!« Er zog am Glockendraht. Man horte aus dem Innern das 



24O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

drohnende Klingeln. Schon naherten sich Schritte. Man schlof? auf. 
Leutnant Trotta ergriff die Hand des Doktors. Mit einer gewohnlichen 
Stimme, die ihn selbst verwunderte, sagte er ein gewohnliches »Ser- 
vus!« Er hatte nicht einmal den Handschuh ausgezogen. Schon fiel die 
Tiir zu. Schon gab es keinen Doktor Demant mehr. Wie von einer 
unsichtbaren Hand gezogen, ging der Leutnant Trotta den gewohnten 
Weg in die Kaserne. Er horte nicht mehr, wie iiber ihm im zweiten 
Stock ein Fenster aufgeklinkt wurde. Der Doktor beugte sich noch 
einmal hinunter, sah den Freund um die Ecke verschwinden, schlofi 
das Fenster, entziindete alle Lichter im Zimmer, ging zum Waschtisch, 
schliff sein Rasiermesser, priifte es am Daumennagel, seifte sein Ge- 
sicht ein, in aller Ruhe, wie jeden Morgen. Er wusch sich. Er nahm aus 
dem Schrank die Uniform. Er kleidete sich an, schnallte den Sabel um 
und wartete. Er nickte ein. Er schlief traumlos, ruhig, im breiten Lehn- 
stuhl vor dem Fenster. 

Als er erwachte, war der Himmel iiber den Dachern schon hell, ein 
zarter Schimmer blaute iiber dem Schnee. Bald mufite es klopfen. 
Schon horte er von fern das Klingeln eines Schlittens. Er naherte sich, 
er hielt. Jetzt schepperte die Glocke. Jetzt knarrte die Stiege. Jetzt 
klirrten die Sporen. Jetzt klopfte es. 

Jetzt standen sie im Zimmer, der Oberleutnant Christ und der Haupt- 
mann Wangert vom Infanterieregiment der Garnison. Sie blieben in 
der Nahe der Tiir, der Leutnant einen halben Schritt hinter dem 
Hauptmann. Der Regimentsarzt warf einen Blick zum Himmel. Als 
ein ferner Widerhall aus ferner Kindheit zitterte die erloschene Stimme 
des Grofivaters: »H6re Israel «, sprach die Stimme, »der Herr, unser 
Gott, ist der einzige Gott!« - »Ich bin fertig, meine Herren!« sagte der 
Regimentsarzt. 

Sie safien, ein wenig eng, im kleinen Schlitten; die Schellen klingelten 
mutig, die braunen Rosser hoben die gestutzten Schwanze und liefien 
grofle, runde, gelbe, dampfende Apfel in den Schnee fallen. Der Regi- 
mentsarzt, dem alle Tiere zeit seines Lebens sehr gleichgiiltig gewesen 
waren, fiihlte auf einmal Heimweh nach seinem Pferd. Es wird mich 
iiberleben! dachte er. Nichts verriet sein Angesicht. Seine Begleiter 
schwiegen. 

Sie hielten etwa hundert Schritte vor der Lichtung. Bis zum »Griinen 
Platz« gingen sie zu Fufi. Schon war der Morgen da, aber die Sonne 
noch nicht aufgegangen. Still standen die Tannen, den Schnee auf den 



RADETZKYMARSCH 241 

Asten trugen sie stolz, schmal und aufrecht. Von feme her krahten die 
Hahne Ruf und Widerruf. Tattenbach sprach laut mit seinen Beglei- 
tern. Der Oberarzt Doktor Mangel ging hin und her zwischen den 
Parteien. »Meine Herren!« sagte eine Stimme. In diesem Augenblick 
nahm der Regimentsarzt Doktor Demant umstandlich, wie er immer 
gewohnt war, die Brille ab und legte sie sorgfaltig auf einen breiten 
Baumstumpf. Merkwiirdigerweise sah er dennoch vor sich deutlich 
seinen Weg, den angewiesenen Platz, die Distanz zwischen sich und 
dem Grafen Tattenbach und diesen selbst. Er wartete. Bis zum letzten 
Augenblick wartete er auf den Nebel. Aber alles blieb deutlich, als ob 
der Regimentsarzt nie kurzsichtig gewesen ware. Eine Stimme zahlte: 
»Eins!« Der Regimentsarzt hob die Pistole. Er fuhlte sich wieder frei 
und mutig, ja ubermiitig, zum erstenmal in seinem Leben iibermiitig. 
Er zielte wie einst als Einjahrig-Freiwiiliger beim Scheibenschiefien 
(obwohl er damals schon ein miserabler Schutze gewesen war). Ich bin 
ja nicht kurzsichtig, dachte er, ich werde die Brille nie mehr brauchen. 
Vom medizinischen Standpunkt war es kaum erklarlich. Der Regi- 
mentsarzt beschloft, sich in der Ophthalmologic umzusehen. In dem 
Augenblick, in dem ihm der Name eines bestimmten Facharztes ein- 
fiel, zahlte die Stimme: »Zwei.« Der Doktor sah immer noch klar. Ein 
zager Vogei unbekannter Art begann zu zwitschern, und von feme 
horte man das Blasen der Trompeten. Um diese Zeit erreichte das 
Ulanenregiment den Exerzierplatz. 

In der zweiten Eskadron ritt Leutnant Trotta wie alle Tage. Der matte 
Hauch des Frostes perlte liber den Scheiden der schweren Sabel und 
uber den Laufen der leichten Karabiner. Die gefrorenen Trompeten 
weckten das schlafende Stadtchen. Die Kutscher in ihren dicken Pel- 
zen, am gewohnten Standplatz, hoben die bartigen Haupter. Als das 
Regiment die Wasserwiese erreichte und absafl und die Mannschaften 
sich wie gewohnlich zu den allmorgendlichen Gelenksiibungen in 
Doppelreihen aufstellten, trat der Leutnant Kindermann zu Carl Jo- 
seph und sagte: »Bist du krank? Weifit du, wie du ausschaust?« Er zog 
seinen koketten Taschenspiegel und hielt ihn vor Trottas Augen. In 
dem kleinen, schimmernden Rechteck erblickte Leutnant Trotta ein 
uraltes Angesicht, das er sehr genau kannte: gliihende, schmale, 
schwarze Augen, den scharfen, knochernen Rucken einer grofien 
Nase, aschgraue, eingefallene Wangen und einen schmalen, langen, 
festgeschlossenen und blutleeren Mund, der wie ein langst vernarbter 



242 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sabelhieb das Kinn vom Schnurrbart schied. Nur dieser kleine, braune 
Schnurrbart erschien Carl Joseph fremd. Daheim, unter dem Suffit des 
vaterlichen Herrenzimmers, war das verdammernde Angesicht des 
Grofivaters ganz nackt gewesen. 

»Danke!« sagte der Leutnant. »Ich hab' diese Nacht nicht geschlafen.« 
Er verliefi den Exerzierplatz. 

Er ging zwischen den Stammen links ab, wo ein Pfad zur breiten Land- 
strafie abzweigte. Es war sieben Uhr vierzig. Man hatte keine Schiisse 
gehort. Alles ist gut, alles ist gut, sagte er sich, es ist ein Wunder ge- 
schehn! In spatestens zehn Minuten mufi der Major Prohaska daherge- 
ritten kommen, dann wird man alles wissen. Man horte die zogernden 
Gerausche der erwachenden kleinen Stadt und das langgedehnte Heu- 
len einer Lokomotive vom Bahnhof. Als der Leutnant die Stelle er- 
reichte, wo der Pfad in die Strafie mundete, erschien auf seinem Brau- 
nen der Major, Leutnant Trotta griifite. »Guten Morgen!« sagte der 
Major, und nichts weiter. Der schmale Pfad hatte keinen Platz fur Rei- 
ter und Fufiganger nebeneinander. Leutnant Trotta ging also hinter 
dem reitenden Major. Etwa zwei Minuten vor der Wasserwiese (man 
vernahm schon die Kommandos der Unteroffiziere) hielt der Major, 
wandte sich halb im Sattel um und sagte nur: »Beide!« - Dann, wah- 
rend er weiterritt, mehr vor sich hin als zum Leutnant: »Es war halt 
nix zu machen!« 

An diesem Tage kehrte das Regiment eine gute Stunde fruher in die 
Kaserne zuriick. Die Trompeten bliesen wie an alien andern Tagen. 
Am Nachmittag verlasen die dienstfuhrenden Unteroffiziere vor der 
Mannschaft den Befehl, in dem der Oberst Kovacs mitteilte, dafi der 
Rittmeister Graf Tattenbach und der Regimentsarzt Doktor Demant 
fur die Ehre des Regiments den Soldatentod gefunden hatten. 



VIII 

Damals, vor dem grofien Kriege, da sich die Begebenheiten zutrugen, 
von denen auf diesen Blattern berichtet wird, war es noch nicht gleich- 
giiltig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der 
Irdischen ausgeloscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine 
Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Liicke blieb, 
wo er fehlte, und die nahen wie die fernen Zeugen des Untergangs 



RADETZKYMARSCH 243 

verstummten, sooft sie diese Liicke sahen. Wenn das Feuer ein Haus 
aus der Hauserzeile der Strafie hinweggerafft hatte, blieb die Brand- 
statte noch lange leer. Denn die Maurer arbeiteten langsam und be- 
dachtig, und die nachsten Nachbarn wie die zufalhg Vorbeikommen- 
den erinnerten sich, wenn sie den leeren Platz erblickten, an die Gestalt 
und an die Mauern des verschwundenen Hauses. So war es damals! 
Alles, was wuchs, brauchte viel Zeit zum Wachsen; und alles, was un- 
terging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden. Aber alles, was 
einmal vorhanden gewesen war, hatte seine Spuren hinterlassen, und 
man lebte dazumal von den Erinnerungen, wie man heutzutage lebt 
von der Fahigkeit, schnell und nachdriicklich zu vergessen. Lange Zeit 
bewegte und erschiitterte der Tod des Regimentsarztes und des Grafen 
Tattenbach die Gemiiter der Offiziere, der Mannschaften des Ulanen- 
regiments und auch der Zivilbevolkerung. Man begrub die Toten nach 
den vorschriftsmafiigen militarischen und religiosen Riten. Obwohl 
liber die Art ihres Todes keiner der Kameraden auflerhalb der eigenen 
Reihen ein Wort hatte fallenlassen, schien es doch in der Bevolkerung 
der kleinen Garnison ruchbar geworden zu sein, daft beide ihrer stren- 
gen Standesehre zum Opfer gef alien waren. Und es war, als triige von 
nun ab auch jeder der iiberlebenden Offiziere das Merkmal eines na- 
hen, gewaltsamen Todes in seinem Antlitz, und fur die Kaufleute und 
Handwerker des Stadtchens waren die fremden Herren noch fremder 
geworden. Wie unbegreifliche Anbeter einer fernen, grausamen Gott- 
heit, deren buntverkleidete und prachtgeschmiickte Opfertiere sie 
gleichzeitig waren, gingen die Offiziere umher. Man sah ihnen nach 
und schiittelte die Kopfe. Man bedauerte sie sogar. Sie haben viele 
Vorteile, sagten sich die Leute. Sie konnen mit Sabeln herumgehn und 
Frauen gefallen, und der Kaiser sorgt fur sie personlich, als waren sie 
seine eigenen Sonne. Aber, eins, zwei, drei, hast du nicht gesehn, fiigt 
einer dem andern eine Krankung zu, und das mufi mit rotem Blut 
abgewaschen werden! . . . 

Diejenigen, von denen man also sprach, waren in der Tat nicht zu 
beneiden. Sogar der Rittmeister Taittinger, von dem das Geriicht ging, 
dafi er bei andern Regimen tern ein paar Duelle mit todlichem Ausgang 
miterlebt hatte, veranderte sein gewohntes Gebaren. Wahrend die 
Lauten und Leichtfertigen still und kleinlaut wurden, bemachtigte sich 
des allezeit leisen, hageren und genaschigen Rittmeisters eine merk- 
wiirdige Unruhe. Er konnte nicht mehr stundenlang allein hinter der 



244 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Glastiir der kleinen Konditorei sitzen und Backwerk verschlingen oder 
mit sich selbst oder mit dem Obersten wortlos Schach und Domino 
spielen. Er furchtete die Einsamkeit. Er klammerte sich gefadezu an die 
andern. War kein Kamerad in der Nahe, so betrat er einen Laden, um 
irgend etwas Uberfliissiges zu kaufen. Er blieb lange stehen und plau- 
derte mit dem Handler unniitzes und torichtes Zeug und konnte sich 
nicht entschliefien, den Laden zu verlassen; es sei denn, dafi er einen 
gleichgultigen Bekannten draufien vorbeigehn sah, auf den er sich sofort 
stiirzte. 

Dermafien hatte sich die Welt verandert. Das Kasino blieb leer. Man 
unterliefi die geselligen Ausfliige ins Unternehmen der Frau Resi. Die 
Ordonnanzen hatten wenig zu tun. Wer einen Schnaps bestellte, dachte 
beim Anblick des Glases, dafi es just jenes ware, aus dem vor ein paar 
Tagen noch Tattenbach getrunken hatte. Man erzahlte zwar noch die 
alten Anekdoten, aber man lachte nicht mehr laut, sondern lachelte 
hochstens. Den Leutnant Trotta sah man nicht mehr aufierhalb des 
Dienstes. 

Es war, als hatte eine geschwinde, zauberhafte Hand den Anstrich der 
Jugend aus dem Angesicht Carl Josephs weggewaschen. Man hatte in 
der ganzen kaiser- und koniglichen Armee keinen ahnlichen Leutnant 
finden konnen. Es war ihm, als miifite er jetzt etwas Besonderes tun - 
aber weit und breit fand sich nichts Besonderes! Es verstand sich von 
selbst, daf$ er das Regiment verliefi und in ein anderes eingereiht wurde. 
Er aber suchte nach irgendeiner schwierigen Aufgabe. Er suchte in 
Wirklichkeit nach einer freiwilligen Bufie. Er hatte es niemals ausdriik- 
ken konnen, aber wir konnen es ja von ihm sagen: Es bedrangte ihn 
unsaglich, dafi er ein Werkzeug in der Hand des Ungliicks war. 
In diesem Zustand befand er sich, als er seinem Vater den Ausgang des 
Duells mitteilte und seine unumgangliche Transferierung zu einem an- 
deren Regiment ankiindigte. Er verschwieg, dafi ihm bei dieser Gele- 
genheit ein kurzer Urlaub zustand; denn er hatte Angst, sich seinem 
Vater zu zeigen. Es erwies sich aber, dafi er den Alten nicht kannte. 
Denn der Bezirkshauptmann, das Muster eines Staatsbeamten, wufke in 
den militarischen Brauchen Bescheid. Und merkwiirdigerweise schien 
er sich auch in den Kummernissen und Verwirrungen seines Sohnes 
auszukennen, was zwischen den Zeilen seiner Antwort deutlich sicht- 
bar wurde. Die Antwort des Bezirkshauptmanns lautete namlich fol- 
gendermafien: 



RADETZKYMARSCH 245 

»Lieber Sohn! 

Ich danke Dir fur Deine genauen Mitteilungen und fur Dein Ver- 
trauen. Das Schicksal, das Deine Kameraden getroffen hat, beriihrt 
mich schmerzlich. Sie sind gestorben, wie es sich fur ehrenwerte Man- 
ner geziemt. 

Zu meiner Zeit waren Duelle noch haufiger und die Ehre weit kostba- 
rer als das Leben. Zu meiner Zeit waren auch die Offiziere, wie mir 
scheinen will, aus einem harteren Holz. Du bist Offizier, mein Sohn, 
und der Enkel des Helden von Solferino. Du wirst es zu tragen wissen, 
dafi Du unfreiwillig und schuldlos an dem tragischen Ereignis beteiligt 
bist. Gewift tut es Dir auch leid, das Regiment zu verlassen, aber in 
jedem Regiment, im ganzen Bereich der Armee, dienst Du unserem 
Kaiser. 

Dein Vater 
Franz von Trotta 

Nachschrift: Deinen zweiwochigen Urlaub, der Dir bei der Transfe- 
rierung zusteht, kannst Du, nach Deinem Belieben, in meinem Haus 
verbringen oder, noch besser, in dem neuen Garnisonsort, damit Du 
Dich mit den dortigen Verhaltnissen leichter vertraut machst. 

Der Obige« 

Diesen Brief las der Leutnant Trotta nicht ohne Beschamung. Der Va- 
ter hatte alles erraten. Die Gestalt des Bezirkshauptmanns wuchs in 
den Augen des Leutnants zu einer fast furchtbaren Grofte. Ja, sie er- 
reichte bald den Grofivater. Und hatte der Leutnant schon vorher 
Angst gehabt, dem Alten gegeniiberzutreten, so war es ihm jetzt ganz 
unmoglich, den Urlaub zu Hause zu verleben. Spater, spater, wenn ich 
den ordentlichen Urlaub habe, sagte sich der Leutnant, der aus einem 
ganz andern Holz geschnitzt war als die Leutnants aus der Jugendzeit 
des Bezirkshauptmanns. 

»Gewif5 tut es Dir auch leid, das Regiment zu verlassen«, schrieb der 
Vater. Hatte er es geschrieben, weil er das Gegenteil ahnte? Was hatte 
Carl Joseph nicht gern verlassen mogen? Dieses Fenster vielleicht, den 
Blick in die Mannschaftsstuben gegeniiber, die Mannschaften selbst, 
wenn sie auf den Betten hockten, den wehmutigen Klang ihrer Mund- 
harmonikas und die Gesange, die fernen Lieder, die wie ein unverstan- 
denes Echo ahnlicher Lieder klangen, die von den Bauern in Sipolje 



246 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gesungen wurden! Vielleicht miifite man nach Sipolje gehn, dachte der 
Leutnant. Er trat vor die Generalstabskarte, den einzigen Wand- 
schmuck in seinem Zimmer. Mitten im Schlaf hatte er Sipolje finden 
konnen. Im aufiersten Suden der Monarchic lag es, das stille, gute 
Dorf. Mitten in einem leicht schraffierten, hellen Braun steckten die 
hauchdunnen, winzigen, schwarzen Buchstaben, aus denen sich der 
Name Sipolje zusammensetzte. In der Nahe waren: ein Ziehbrunnen, 
eine Wassermiihle, der kleine Bahnhof einer eingleisigen Waldbahn, 
eine Kirche und eine Moschee, ein junger Laubwald, schmale Wald- 
pfade, Feldwege und einsame Hauschen. Es ist Abend in Sipolje. Vor 
dem Brunnen stehen die Frauen in bunten Kopftiichern, golden iiber- 
schminkt vom gliihenden Sonnenuntergang. Die Moslems liegen auf 
den alten Teppichen der Moschee im Gebet. Die winzige Lokomotive 
der Waldbahn klingelt durch das dichte Dunkelgriin der Tannen. Die 
Wassermiihle klappert, der Bach murmelt. Es war das vertraute Spiel 
aus der Kadettenzeit. Die gewohnten Bilder kamen auf den ersten 
Wink. Uber alien glanzte der ratselhafte Blick des Grofivaters. Es gab 
in der Nahe wahrscheinlich keine Kavalleriegarnison. Man mufite sich 
also zur Infanterie transferieren lassen. Nicht ohne Mitleid sahen die 
berittenen Kameraden auf die Truppen zu Fufi, nicht ohne Mitleid 
werden sie auf den transferierten Trotta sehn. Der Grofivater war auch 
nur ein einfacher Hauptmann bei der Infanterie gewesen. Zu Fufi mar- 
schieren iiber den heimatlichen Boden war fast eine Heimkehr zu den 
bauerlichen Vorfahren. Mit schweren Fiifien gingen sie iiber die harten 
Schollen, den Pflug stiefien sie in das saftige Fleisch des Ackers, den 
fruchtbaren Samen verstreuten sie mit segnenden Gebarden. Nein! Es 
tat dem Leutnant durchaus nicht leid, dieses Regiment und vielleicht 
die Kavallerie zu verlassen! Der Vater mufite es erlauben. Ein Infante- 
riekurs, vielleicht ein bifichen lastig, war noch zu absolvieren. 
Man mufite Abschied nehmen. Kleiner Abend im Kasino. Eine Runde 
Schnaps. Kurze Ansprache des Obersten. Eine Flasche Wein. Den Ka- 
meraden herzlichen Handedruck. Hinter dem Riicken zischelten sie 
schon. Eine Flasche Sekt. Vielleicht, wer weifi, erfolgt am Ende noch 
gesammelter Abmarsch ins Lokal der Frau Resi: noch eine Runde 
Schnaps. Ach, wenn dieser Abschied schon uberstanden ware! Den 
Burschen Onufrij wird man mitnehmen. Man kann sich nicht wieder 
miihsam an einen neuen Namen gewohnen! Dem Besuch beim Vater 
wird man entgehn. Uberhaupt wird man versuchen, alien lastigen und 



RADETZKYMARSCH 247 

schwierigen Ereignissen zu entgehen, die mit einer Transferierung ver- 
bunden sind. Blieb allerdings noch der schwere, schwere Weg zur 
Witwe Doktor Demants. 

Welch ein Weg! Der Leutnant Trotta versuchte, sich einzureden, daft 
Frau Eva Demant nach dem Begrabnis ihres Mannes wieder zu ihrem 
Vater nach Wien abgereist ware. Er wird also vor der Villa stehn, lange 
und vergeblich lauten, die Adresse in Wien erfahren und einen knap- 
pen, moglichst herzlichen Brief schreiben. Es ist sehr angenehm, dafi 
man nur einen Brief zu schreiben hat. Man ist keineswegs mutig, denkt 
der Leutnant zu gleicher Zeit. Fiihlte man nicht standig im Nacken den 
dunklen, ratselhaften Blick des Grofivaters, wer weifl, wie jammerlich 
man durch dieses schwere Leben torkeln miifke. Mutig wurde man 
nur, wenn man an den Helden von Solferino dachte. Immer mufite 
man beim Grofivater einkehren, um sich ein biftchen zu starken. 
Und der Leutnant machte sich langsam auf den schweren Weg. Es war 
drei Uhr nachmittags. Die kleinen Kaufleute warteten kummerlich 
und erfroren vor den Laden auf ihre sparlichen Kunden. Aus den 
Werkstatten der Handwerker klangen trauliche und fruchtbare Gerau- 
sche. Es hammerte frohlich in der Schmiede, beim Klempner schep- 
perte der hohle, blecherne Donner, es klapperte hurtig aus dem Keller 
des Schusters, und beim Tischler surrten die Sagen. Alle Gesichter und 
alle Gerausche der Werkstatten kannte der Leutnant. Tagiich ritt er 
zweimal an ihnen vorbei. Vom Sattel aus konnte er uber die alten, 
blauweiflen Schilder sehen, die sein Kopf uberragte. Jeden Tag sah er 
das Innere der morgendlichen Stuben in den ersten Stockwerken, die 
Betten, die Kaffeekannen, die Manner in Hemden, die Frauen mit offe- 
nen Haaren, die Blumentopfe an den Fensterbrettern, gedorrtes Obst 
und eingelegte Gurken hinter verzierten Gittern. 
Nun stand er vor der Villa Doktor Demants. Das Tor knarrte. Er trat 
ein. Der Bursche offnete. Der Leutnant wartete. Frau Demant kam. Er 
zitterte ein wenig. Er erinnerte sich an den Kondolenzbesuch beim 
Wachtmeister Slama. Er fiihlte die schwere, feuchte, kalte und lockere 
Hand des Wachtmeisters. Er sah das dunkle Vorzimmer und den rotli- 
chen Salon. Er spiirte im Gaumen den schalen Nachgeschmack des 
Himbeerwassers. Sie ist also nicht in Wien, dachte der Leutnant, erst in 
dem Augenblick, in dem er die Witwe erblickte. Ihr schwarzes Kleid 
(iberraschte ihn. Es war, als erfuhre er jetzt erst, dafi Frau Demant die 
Witwe des Regiments arztes sei. Auch das Zimmer, das man jetzt be- 



248 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

trat, war nicht das gleiche, in dem man zu Lebzeiten des Freundes 
gesessen hatte. An der Wand hing, schwarz umflort, das grofie Bildnis 
des Toten. Es riickte immer weiter, ahnlich wie der Kaiser im Kasino, 
als ware es nicht den Augen nahe und den Handen greifbar, sondern 
unerreichbar weit hinter der Wand, wie durch ein Fenster gesehen. 
»Danke, daft Sie gekommen sind!« sagte Frau Demant. »Ich wollte 
mich verabschieden«, erwiderte Trotta. Frau Demant erhob ihr blasses 
Angesicht. Der Leutnant sah den schonen, grauen, hellen Glanz ihrer 
grofien Augen. Sie waren geradeaus gegen sein Gesicht gerichtet, zwei 
runde Lichter aus blankem Eis. Im winterlichen Nachmittagsdammer 
des Zimmers leuchteten nur die Augen der Frau. Der Blick des Leut- 
nants floh zu ihrer schmalen, weifien Stirn und weiter zur Wand, zum 
fernen Bildnis des toten Mannes. Die Begriifiung dauerte viel zu lange, 
es war Zeit, dafi Frau Demant zum Sitzen aufforderte. Aber sie sagte 
nichts. Indessen fuhlte man, wie die Dunkelheit des nahenden Abends 
durch die Fenster fiel, und hatte kindische Angst, dafi in diesem Hause 
niemals ein Licht entziindet wiirde. Kein passendes Wort kam dem 
Leutnant zu Hilfe. Er horte den leisen Atem der Frau. »Wir stehn hier 
so herum«, sagte sie endlich. »Setzen wir uns!« Sie setzten sich einan- 
der gegemiber an den Tisch. Wie einst beim Wachtmeister Slama safi 
Carl Joseph, die Tiir im Riicken. Bedrohlich, wie damals, fuhlte er die 
Tiir. Ohne Sinn schien sie von Zeit zu Zeit lautlos aufzugehn und sich 
lautlos zu schlieflen. Tiefer farbte sich die Dammerung. In ihr verrann 
das schwarze Kleid der Frau Eva Demant. Nun war sie von der Dam- 
merung selbst bekleidet. Ihr weifies Angesicht schwebte nackt, ent- 
blofit auf der dunklen Oberflache des Abends. Verschwunden war das 
Bildnis des toten Mannes an der Wand gegeniiber. »Mein Mann«, sagte 
die Stimme der Frau Demant durch die Dunkelheit. Der Leutnant 
konnte ihre Zahne schimmern sehn; sie waren weifier als das Ange- 
sicht. Allmahlich unterschied er auch wieder den blanken Glanz ihrer 
Augen. »Sie waren sein einziger Freund! Er hat es oft gesagt! Wie oft 
hat er von Ihnen gesprochen! Wenn Sie wuftten! Ich kann nicht begrei- 
fen, daft er tot ist. Und« - sie fliisterte: »daft ich schuld daran bin!« 
»Ich bin schuld daran !« sagte der Leutnant. Seine Stimme war sehr 
laut, hart und seinen eigenen Ohren fremd. Es war kein Trost fur die 
Witwe Demant. »Ich bin schuldig!« wiederholte er. »Ich hatte Sie vor- 
sichtiger nach Hause fiihren miissen. Nicht am Kasino vorbei.« 
Die Frau begann zu schluchzen. Man sah das blasse Angesicht, das sich 



RADETZKYMARSCH 249 

immer tiefer iiber den Tisch beugte, wie eine grofie, weifie, ovale, lang- 
sam niedersinkende Blume. Plotzlich tauchten rechts und links die 
weifien Hande auf, nahmen das niedersinkende Antlitz in Empfang 
und betteten es. Und nun war nichts mehr horbar eine Zeitlang, eine 
Minute, noch eine, als das Schluchzen der Frau. Eine Ewigkeit fiir den 
Leutnant. Aufstehn und sie weinen lassen und fortgehn, dachte er. Er 
erhob sich wirklich. Im Nu fielen ihre Hande auf den Tisch. Mit einer 
ruhigen Stimme, die gleichsam aus einer anderen Kehle kam als das 
Weinen, fragte sie: »Wohin wollen Sie denn?« 
»Licht machen!« sagte Trotta. 

Sie erhob sich, ging um den Tisch an ihm vorbei und streifte ihn. Er 
roch eine zarte Welle Parfiim, vorbei war sie und schon verweht. Das 
Licht war hart; Trotta zwang sich, geradeaus in die Lampen zu sehen. 
Frau Demant hielt eine Hand vor die Augen. »Ziinden Sie das Licht 
iiber der Konsole an«, befahl sie. Der Leutnant gehorchte. Sie wartete 
an der Tiirleiste, die Hand iiber den Augen. Als die kleine Lampe unter 
dem sanften, goldgelben Schirm brannte, loschte sie das Deckenlicht 
aus. Sie nahm die Hand von den Augen, wie man ein Visier abnimmt. 
Sie sah sehr kiihn aus, im schwarzen Kleid, mit dem blassen Angesicht, 
das sie Trotta entgegenreckte. Zornig und tapfer war sie. Man sah auf 
ihren Wangen die winzigen, getrockneten Rinnsale der Tranen. Die 
Augen waren blank wie immer. 

»Setzen Sie sich dorthin, aufs SofaU befahl Frau Demant. Carl Joseph 
setzte sich. Die angenehmen Polster glitten von alien Seiten, von der 
Lehne, aus den Winkeln, tiickisch und behutsam gegen den Leutnant. 
Er fiihlte, dafi es gefahrlich war, hier zu sitzen, und riickte entschlos- 
sen an den Rand, legte die Hande iiber den Korb des aufgestiitzten 
Sabels und sah Frau Eva herankommen. Wie der gefahrliche Befehls- 
haber all der Kissen und Polster sah sie aus. An der Wand, rechts vom 
Sofa, hing das Bild des toten Freundes. Frau Eva setzte sich. Ein sanf- 
tes, kleines Kissen lag zwischen beiden. Trotta riihrte sich nicht. Wie 
immer, wenn er keinen Weg aus einer der zahlreichen peinigenden Si- 
tuationen sah, in die er zu gleiten pflegte, stellte er sich vor, daft er 
schon imstande sei fortzugehn. 
»Sie werden also transferiert?« fragte Frau Demant. 
»Ich lasse mich transferieren!« sagte er, den Blick auf den Teppich 
gesenkt, das Kinn in den Handen und die Hande iiber dem Korb des 
Sabels. 



250 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Das muft sein?« 

»Jawohl, es mufi sein!« 

»Es tut mir leid! - Sehr leid!« 

Frau Demant safi, wie er, die Ellenbogen auf die Knie gestiitzt, das 

Kinn in den Handen und die Augen auf den Teppich gerichtet. Sie 

wartete wahrscheinlich auf ein trostliches Wort, auf ein Almosen. Er 

schwieg. Er genofi das wonnige Gefiihl, den Tod des Freundes durch 

ein hartherziges Schweigen furchterlich zu rachen. Geschichten von 

gefahrlichen, kleinen, Manner mordenden, hiibschen Frauen, oft wie- 

derkehrend in den Gesprachen der Kameraden, fielen ihm ein. Zu dem 

gefahrlichen Geschlecht der schwachen Morderinnen gehorte sie 

hochstwahrscheinlich. Man mufite trachten, unverziiglich ihrem Be- 

reich zu entkommen. Er riistete zum Aufbruch. In diesem Augenblick 

veranderte Frau Demant ihre Haltung. Sie nahm die Hande vom Kinn. 

Ihre Linke begann, gewissenhaft und sachte die seidene Borte zu glat- 

ten, die den Rand des Sofas einsaumte. Ihre Finger gingen so den 

schmalen, glanzenden Pfad, der von ihr zu Leutnant Trotta fiihrte, auf 

und ab, regelmafiig und langsam. Sie stahlen sich in sein Blickfeld, er 

wiinschte sich Scheuklappen. Die weifien Finger verwickelten ihn in 

ein stummes, aber keineswegs abzubrechendes Gesprach. Eine Ziga- 

rette rauchen: gliicklicher Einfall! Er zog die Zigarettendose, die 

Streichholzer. »Geben Sie mir eine!« sagte Frau Demant. Er mufke in 

ihr Gesicht sehen, als er ihr Feuer gab. Er hielt es fur ungehorig, dafi 

sie rauchte; als ware Nikotingenufi in der Trauer nicht erlaubt. Und 

die Art, in der sie den ersten Zug einatmete und wie sie die Lippen 

rundete zu einem kleinen, roten Ring, aus dem die zarte, blaue Wolke 

kam, war iibermutig und lasterhaft. 

»Haben Sie eine Ahnung, wohin Sie transferiert werden?« 

»Nein«, sagte der Leutnant, »aber ich werde mich bemiihen, sehr weit 

weg zu kommen!« 

»Sehr weit? Wohin zum Beispiel?« 

»Vielleicht nach Bosnien!« 

»Glauben Sie, dafi Sie dort gliicklich sein konnen?« 

»Ich glaube nicht, dafi ich irgendwo gliicklich sein kann!« 

»Ich wiinsche Ihnen, dafi Sie es werden!« sagte sie flink, sehr flink, wie 

es Trotta vorkam. 

Sie erhob sich, kam mit einem Aschenbecher zuriick, stellte ihn auf 

den Boden, zwischen sich und den Leutnant, und sagte: 



RADETZKYMARSCH 251 

»Wir werden uns also wahrscheinlich nie mehr wiedersehnl« 

Nie mehr! Das Wort, das gefurchtete, das uferlose, tote Meer der tau- 

ben Ewigkeit! Nie mehr konnte man Katharina sehn, den Doktor De- 

mant, diese Frau! Carl Joseph sagte: 

» Wahrscheinlich! Leider!« Er wollte hinzufugen: Auch Max Demant 

werde ich nie mehr wiedersehn! »Witwen gehoren verbrannt!«, eines 

der kiihnen Sprichworter Taittingers, kam dem Leutnant gleichzeitig 

in den Sinn. 

Man horte die Klingel, darauf Bewegung im Korridor. »Das ist mein 

Vater!« sagte Frau Demant. Schon trat Herr Knopfmacher ein. »Ah, 

da sind Sie ja, Sie sind es ja!« sagte er. Er brachte einen herben Schnee- 

geruch ins Zimmer. Er entfaltete ein grofies, bliitenweiftes Taschen- 

tuch, schneuzte sich drohnend, barg das Tuch behutsam in der Brust- 

tasche, wie man einen wertvollen Besitz einsteckt, streckte die Hand 

nach der Tiirleiste und entziindete die Deckenlampe, trat naher an 

Trotta, der sich beim Eintritt Knopfmachers erhoben hatte und nun 

seit einer Weile stehend wartete, und driickte ihm stumm die Hand. In 

diesem Handedruck kiindigte Herr Knopfmacher alles an, was an 

Kummer iiber den Tod des Doktors auszudriicken war. Schon sagte 

Knopfmacher, nach der Deckenlampe zeigend, zu seiner Tochter: 

»Entschuldige, ich kann so trauriges Stimmungslicht nicht ausstehen!« 

Es war, als hatte er einen Stein nach dem umflorten Portrat des Toten 

geworfen. 

»Sie sehen aber schlecht aus!« sagte Knopfmacher im nachsten Augen- 

blick mit frohlockender Stimme. »Hat Sie furchtbar hergenommen, 

dieses Ungliick, wie?« 

»Er war mein einziger Freund!« 

»Sehn Sie«, sagte Knopfmacher und setzte sich an den Tisch und bat 

lachelnd: »Behalten Sie doch Ihren Platz!« und fuhr fort, als der 

Leutnant wieder auf dem Sofa saft: »Genau das hat er von Ihnen ge- 

sagt, wie er noch gelebt hat. Welch ein Malheur!« Und er schiittelte 

ein paarmal den Kopf, und seine vollen, geroteten Wangen wackelten 

ein bifichen. 

Frau Demant zog ein Tuchlein aus dem Armel, hielt es vor die Augen, 

stand auf und ging aus dem Zimmer. 

»Wer weifi, wie sie's iiberstehn wird!« sagte Knopfmacher. »Na, ich 

hab* ihr lange genug zugeredet, vorher! Sie hat nix horen wollen! Sehn 

Sie doch, lieber Herr Leutnant! Jeder Stand hat seine Gefahren. Aber 



252 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ein Offizier! Ein Offizier - verzeihn Sie - sollte eigentHch nicht hei- 

raten. Unter uns gesagt, aber Ihnen wird er's ja audi gewift erzahlt 

haben, er wollte den Abschied nehmen und sich ganz der Wissen- 

schaft widmen. Und wie froh ich dariiber war, kann ich ja gar nicht 

sagen. Er ware gewifi ein grofter Arzt geworden. Der liebe, gute 

Max!« Herr Knopfmacher erhob die Augen zum Portrat, liefi sie 

oben verweilen und schlofi seinen Nachruf: »Eine Kapazitat!« 

Frau Demant brachte den Sliwowitz, den ihr Vater liebte. 

»Sie trinken doch?« fragte Knopfmacher und schenkte ein. Er trug 

selbst das gefullte Glaschen in vorsichtiger Hand zum Sofa. Der 

Leutnant erhob sich. Er f unite einen schalen Geschmack im Mund 

wie einst nach dem Himbeerwasser. Er trank den Alkohol in einem 

Zug. 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehn?« fragte Knopfmacher. 

» Einen Tag vorher!« sagte der Leutnant. 

»Er hat Eva gebeten, nach Wien zu fahren, ohne etwas anzudeuten. 

Und sie ist ahnungslos abgefahren. Und dann ist sein Abschiedsbrief 

gekommen. Und da hab' ich gleich gewuftt, dafi nix mehr zu machen 

ist.« 

»Nein, es war nichts zu machen !« 

»Es ist etwas nicht mehr Zeitgemaftes, entschuldigen Sie schon, an die- 

sem Ehrenkodex! Wir sind immerhin im zwanzigsten Jahrhundert, be- 

denken Sie! Wir haben das Grammophon, man telephoniert uber hun- 

dert Meilen, und Bleriot und andere fliegen sogar schon in der Luft! 

Und, ich weifi nicht, ob Sie auch Zeitung lesen und in der Politik be- 

schlagen sind: Man hort so, dafi die Konstitution grundhch geandert 

wird. Seit dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht ist aller- 

lei vorgegangen, bei uns und in der Welt. Unser Kaiser, Gott erhalte 

ihn uns lange, denkt gar nicht so unmodern, wie manche glauben. Frei- 

lich, die sogenannten konservativen Kreise haben ja auch nicht so ganz 

unrecht. Man muE langsam, bedachtig, mit Uberlegung vorgehn. Nur 

nix ubersturzen!« 

»Ich verstehe nichts von Politik !« sagte Trotta. 

Knopfmacher fiihlte Unwillen im Herzen. Er grollte dieser bidden Ar- 

mee und ihren hirnverbrannten Einrichtungen. Sein Kind war jetzt 

Witwe, der Schwiegersohn tot, man mufite einen neuen suchen, Zivil 

diesmal, und der Kommerzialrat war ebenfalls vielleicht hinausgescho- 

ben. Es war hochste Zeit, daft man mit diesem Unfug aufraumte. So 



RADETZKYMARSCH 253 

junge Taugenichtse wie die Leutnants durften im zwanzigsten Jahr- 
hundert nicht iibermutig werden. Die Nationen wollten ihre Rechte, 
Burger ist Burger, keine Privilegien mehr fiir den Adel; die Sozialde- 
mokratie war ja gefahrlich, aber ein gutes Gegengewicht. Vom Krieg 
redet man fortwahrend, aber er kommt gewifi nicht. Man wird ihnen 
schon zeigen. Die Zeiten sind aufgeklart. In England zum Beispiel 
hatte der Konig nichts zu sagen. 

»Natiirlich!« sagte er. »In der Armee ist ja auch Politik nicht ange- 
bracht. Er« - Knopfmacher wies nach dem Portrat - »hat allerdings 
manches davon verstanden.« 
»Er war sehr klug!« sagte Trotta leise. 
»Es war nix mehr zu machen!« wiederholte Knopfmacher. 
»Er war vielleicht«, sagte der Leutnant, und ihm selbst schien es, daft 
aus ihm eine fremde Weisheit sprach, eine aus den alten, grofien Bli- 
chern des silberbartigen Konigs unter den Schankwirten, »er war viel- 
leicht sehr klug und ganz allein!« 

Er wurde blafi. Er fiihlte die blanken Blicke der Frau Demant. Er 
mufite jetzt gehen. Es wurde sehr still. Es war nichts mehr zu sagen. 
»Auch den Baron Trotta werden wir nicht mehr wiedersehn, Papa! Er 
wird transferiert!« sagte Frau Demant. 
»Aber ein Lebenszeichen?« fragte Knopfmacher. 
»Sie werden mir schreiben!« sagte Frau Demant. 
Der Leutnant stand auf. »Alles Gute!« sagte Knopfmacher. Seine 
Hand war grofi und weich, wie warmen Sammet fiihlte man sie. Frau 
Demant ging voraus. Der Bursche kam, hielt den Mantel. Frau De- 
mant stand daneben. Trotta schlug die Hacken zusammen. Sehr 
schnell sagte sie: »Sie schreiben mir! Ich will wissen, wo Sie bleiben.« 
Es war ein hurtiger, warmer Lufthauch, schon verweht. Schon offnete 
der Bursche die Tur. Da lagen die Stufen. Nun erhob sich das Gitter; 
wie damals, als er den Wachtmeister verlassen hatte. 
Er ging schnell zur Stadt, trat ins erste Kaffeehaus, das auf seinem Weg 
lag, trank stehend, am Biifett, einen Cognac, noch einen. »Wir trinken 
nur Hennessy!« horte er den Bezirkshauptmann sagen. Er hastete der 
Kaserne zu. 

Vor der Tiir seines Zimmers, ein blauer Strich zwischen kahlem Weift, 
wartete Onufrij. Der Kanzleigefreite hatte im Auftrag des Obersten 
ein Paket fiir den Leutnant gebracht. Es lehnte, schmal, in braunem 
Papier, in der Ecke. Auf dem Tisch lag ein Brief. 



254 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Leutnant las: 

»Mein lieber Freund, ich hinterlass' Dir meinen Sabel und meine Ta- 
schenuhr. Max Demant« 

Trotta packte den Sabel aus. Am Korb hing die glatte, silberne Ta- 
schenuhr Doktor Demants. Sie ging nicht. Ihr Zifferblatt zeigte zehn 
Minuten vor zwolf. Der Leutnant zog sie auf und hielt sie ans Ohr. 
Ihre zarte, hurtige Stimme tickte trostlich. Er offnete den Deckel mit 
dem Taschenmesser, neugierig und spielsuchtig, ein Knabe. Auf der 
Innenseite standen die Initialen: M.D. Er zog den Sabel aus der 
Scheide. Hart unter dem Griff hatte Doktor Demant mit dem Messer 
ein paar schwerfallige und unbeholfene Zeichen in den Stahl geritzt. 
»Lebe wohl und frei!« lautete die Inschrift. Der Leutnant hangte den 
Sabel in den Schrank. Er hielt das Portepee in der Hand. Die metall- 
umwobene Seide rieselte zwischen den Fingern, ein kiihler, goldener 
Regen. Trotta schloE den Kasten; er schlofi einen Sarg. 
Er loschte das Licht aus und streckte sich angekleidet auf das Bett. Der 
gelbe Schimmer aus den Mannschaftsstuben schwamm im weifien 
Lack der Tiir und spiegelte sich in der blitzenden Klinke. Die Ziehhar- 
monika seufzte driiben heiser und wehmutig auf, umtost von den tie- 
fen Stimmen der Manner. Sie sangen das ukrainische Lied vom Kaiser 
und der Kaiserin: 

Oh, unser Kaiser ist ein guter, braver Mann, 

Und unsere Herrin ist seine Frau, die Kaiserin, 

Er reitet alien seinen Ulanen voran, 

Und sie bleibt allein im Schlofi, 

Und sie wartet auf ihn 

Auf den Kaiser wartet sie, die Kaiserin — 
Die Kaiserin war zwar schon lange tot. Aher die ruthenischen Bauern 
glaubten, sie lebe noch.- 

Ende des ersten Teils 



ZWEITERTEIL 



IX 



Die Strahlen der habsburgischen Sonne reichten nach dem Osten bis 
zur Grenze des russischen Zaren. Es war die gleiche Sonne, unter der 
das Geschlecht der Trottas zu Adel und Ansehn herangewachsen war. 
Die Dankbarkeit Franz Josephs hatte ein langes Gedachtnis, und seine 
Gnade hatte einen langen Arm. Wenn eines seiner bevorzugten Kinder 
im Begriffe war, eine Torheit zu begehn, griffen die Minister und Die- 
ner des Kaisers rechtzeitig ein und zwangen den Torichten zu Vorsicht 
und Vernunft. Es ware kaum schicklich gewesen, den einzigen Nach- 
kommen des neugeadelten Geschlechts derer von Trotta und Sipolje in 
jener Provinz dienen zu lassen, welcher der Held von Solferino ent- 
stammte, der Enkel analphabetischer slowenischer Bauern, der Sohn 
eines Wachtmeisters der Gendarmerie. Mochte es dem Nachfahren im- 
mer noch gefallen, den Dienst bei den Ulanen mit dem bescheidenen 
bei den Fufitruppen zu vertauschen: Er blieb also treu dem Gedachtnis 
des Groftvaters, der als einfacher Leutnant der Infanterie dem Kaiser 
das Leben gerettet hatte. Aber die Umsicht des kaiser- und koniglichen 
Kriegsministeriums vermied es, den Trager eines Adelspradikats, das 
genauso hiefi wie das slowenische Dorf, dem der Begriinder des Ge- 
schlechtes entstammte, in die Nahe dieses Dorfes zu schicken. Ebenso 
wie die Behorden dachte auch der Bezirkshauptmann, der Sohn des 
Helden von Solferino. Zwar gestattete er - und gewiE nicht leichten 
Herzens - seinem Sohn die Transferierung zur Infanterie. Aber mit 
dem Verlangen Carl Josephs, in die slowenische Provinz zu kommen, 
war er keineswegs einverstanden. Er selbst, der Bezirkshauptmann, 
hatte niemals den Wunsch gespiirt, die Heimat seiner Vater zu sehn. Er 
war ein Osterreicher, Diener und Beamter der Habsburger, und seine 
Heimat war die Kaiserliche Burg zu Wien. Wenn er politische Vorstel- 
lungen von einer niitzlichen Umgestaltung des groflen und'vielfaltigen 
Reiches gehabt hatte, so ware es ihm genehm gewesen, in alien Kron- 
landern lediglich grofie und bunte Vorhofe der Kaiserlichen Hofburg 
zu sehn und in alien Volkern der Monarchic Diener der Habsburger. 
Er war ein Bezirkshauptmann. In seinem Bezirk vertrat er die Aposto- 



256 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

lische Majestat. Er trug den goldenen Kragen, den Krappenhut und 
den Degen. Er wunschte sich nicht, den Pflug iiber die gesegnete slo- 
wenische Erde zu fiihren. In dem entscheidenden Brief an seinen Sohn 
stand der Satz: »Das Schicksal hat aus unserm Geschlecht von Grenz- 
bauern Osterreicher gemacht. Wir wollen es bleiben.« 
Also kam es, dafi dem Sohn Carl Joseph, Freiherr von Trotta und Si- 
polje, die siidliche Grenze verschlossen blieb und er lediglich die Wahl 
hatte, im Innern des Reiches zu dienen oder an dessen ostlicher 
Grenze. Er entschied sich fur das Jagerbataillon, das nicht weiter als 
zwei Meilen von der russischen Grenze stationiert war. In der Nahe 
lag das Dorf Burdlaki, die Heimat Onufrijs. Dieses Land war die ver- 
wandte Heimat der ukrainischen Bauern, ihrer wehmutigen Ziehhar- 
monikas und ihrer unvergefilichen Lieder: Es war die nordliche 
Schwester Sloweniens. 

Siebzehn Stunden safi Leutnant Trotta im Zug. In der achtzehnten 
tauchte die letzte ostliche Bahnstation der Monarchic auf. Hier stieg er 
aus. Sein Bursche Onufrij begleitete ihn. Die Jagerkaserne lag in der 
Mitte des Stadtchens. Bevor sie in den Hof der Kaserne traten, bekreu- 
zigte sich Onufrij dreimal. Es war Morgen. Der Friihling, lange schon 
heimisch im Innern des Reiches, war erst vor kurzem hierhergelangt. 
Schon leuchtete der Goldregen an den Hangen des Eisenbahndamms. 
Schon bliihten die Veilchen in den feuchten Waldern. Schon quakten 
die Frosche in den unendlichen Sumpfen. Schon kreisten die Storche 
iiber den niederen Strohdachern der dorflichen Hiitten, die alten Rader 
zu suchen, die Fundamente ihrer sommerlichen Behausung. 
Die Grenze zwischen Osterreich und Rutland, im Nordosten der 
Monarchic, war um jene Zeit eines der merkwurdigsten Gebiete. Das 
Jagerbataillon Carl Josephs lag in einem Ort von zehntausend Ein- 
wohnern. Er hatte einen geraumigen Ringplatz, in dessen Mittelpunkt 
sich seine zwei grofien Strafien kreuzten. Die eine fuhrte von Osten 
nach Westen, die andere von Norden nach Siiden. Die eine fuhrte vom 
Bahnhof zum Friedhof. Die andere von der SchloEruine zur Dampf- 
miihle. Von den zehntausend Einwohnern der Stadt ernahrte sich un- 
gefahr ein Drittel von Handwerk aller Art. Ein zweites Drittel lebte 
kummerlich von seinem kargen Grundbesitz. Und der Rest beschaf- 
tigte sich mit einer Art von Handel. 

Wir sagen: eine Art von Handel: Denn weder die Ware noch die ge- 
schaftlichen Brauche entsprachen den Vorstellungen, die man sich in 



RADETZKYMARSCH 257 

der zivilisierten Welt vom Handel gemacht hat. Die Handler jener Ge- 
gend lebten viel eher von Zufallen als von Aussichten, viel mehr von 
der unberechenbaren Vorsehung als von geschaftlichen Uberlegungen, 
und jeder Handler war jederzeit bereit, die Ware zu ergreifen, die ihm 
das Schicksal jeweilig auslieferte, und auch eine Ware zu erfinden, 
wenn ihm Gott keine beschert hatte. In der Tat, das Leben dieser 
Handler war ein Ratsel. Sie hatten keine Laden. Sie hatten keinen Na- 
men. Sie hatten keinen Kredit. Aber sie besafien einen scharfgeschliffe- 
nen Wundersinn fur alle geheimen und geheimnisvollen Quellen des 
Geldes. Sie lebten von fremder Arbeit; aber sie schufen Arbeit fur 
Fremde. Sie waren bescheiden. Sie lebten so kummerlich, als erhielten 
sie sich von der Arbeit ihrer Hande. Aber es war die Arbeit anderer. 
Stets in Bewegung, immer unterwegs, mit gelaufiger Zunge und hellem 
Gehirn, waren sie geeignet gewesen, eine halbe Welt zu erobern, wenn 
sie gewufit hatten, was die Welt bedeutet. Aber sie wufken es nicht. 
Denn sie lebten fern von ihr, zwischen dem Osten und dem Westen, 
eingeklemmt zwischen Nacht und Tag, sie selbst eine Art lebendiger 
Gespenster, welche die Nacht geboren hat und die am Tage umgehn. 
Sagten wir: Sie hatten »eingeklemmt« gelebt? Die Natur ihrer Heimat 
liefi es sie nicht fiihlen. Die Natur schmiedete einen unendlichen Hori- 
zont um die Menschen an der Grenze und umgab sie mit einem edlen 
Ring aus griinen Waldern und blauen Hugeln. Und gingen sie durch 
das Dunkel der Tannen, so konnten sie sogar glauben, von Gott bevor- 
zugt zu sein; wenn sie die tagliche Sorge um das Brot fiir Weib und 
Kinder die Gute Gottes hatte erkennen lassen. Sie aber gingen durch 
die Tannenwalder, um Holz fiir die stadtischen Kaufer einzuhandeln, 
sobald der Winter herannahte. Denn sie handelten auch mit Holz. Sie 
handelten iibrigens mit Korallen fiir die Bauerinnen der umliegenden 
Dorfer und auch fiir die Bauerinnen, die jenseits der Grenze, im russi- 
schen Lande, lebten. Sie handelten mit Bettfedern, mit Rofthaaren, mit 
Tabak, mit Silberstangen, mit Juwelen, mit chinesischem Tee, mit siid- 
landischen Fruchten, mit Pferden und Vieh, mit Gefliigel und Eiern, 
mit Fischen und Gemiise, mit Jute und Wolle, mit Butter und Kase, 
mit Waldern und Grundbesitz, mit Marmor aus Italien und Menschen- 
haaren aus China zur Herstellung von Periicken, mit Seidenraupen 
und mit fertiger Seide, mit Stoffen aus Manchester, mit Briisseler Spit- 
zen und mit Moskauer Galoschen, mit Leinen aus Wien und Blei aus 
Bohmen. Keine von den wunderbaren und keine von den billigen Wa- 



258 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ren, an denen die Welt so reich ist, blieb den Handlern und Maklern 
dieser Gegend fremd. Was sie nach den bestehenden Gesetzen nicht 
bekommen oder verkaufen konnten, verschafften sie sich und verkauf- 
ten sie gegen jedes Gesetz, flink und geheim, mit Berechnung und List, 
verschlagen und kiihn. Ja, manche unter ihnen handelten mit Men- 
schen, mit lebendigen Menschen. Sie verschickten Deserteure der rus- 
sischen Armee nach den Vereinigten Staaten und junge Bauernmad- 
chen nach Brasilien und Argentinien. Sie hatten Schiffsagenturen und 
Vertretungen fremdlandischer Bordelle. Und dennoch waren ihre Ge- 
winste kiimmerlich, und sie hatten keine Ahnung von dem breiten und 
prachtigen Uberflufi, in dem ein Mann leben kann. Ihre Sinne, so ge- 
schliffen und geiibt, Geld zu finden, ihre Hande, die Gold aus Schot- 
tersteinen schlagen konnten, wie man Funken aus Steinen schlagt, wa- 
ren nicht fahig, den Herzen Genufi zu vers chaff en und den Leibern 
Gesundheit. Sumpfgeborene waren die Menschen dieser Gegend. 
Denn die Siimpfe lagen unheimlich ausgebreitet liber der ganzen Fla- 
che des Landes, zu beiden Seiten der Landstrafie, mit Froschen, Fie- 
berbazillen und tiickischem Gras, das den ahnungslosen, des Landes 
unkundigen Wanderern eine furchtbare Lockung in einen furchtbaren 
Tod bedeutete. Viele kamen urn, und ihre letzten Hilferufe hatte kei- 
ner gehort. Alle aber, die dort geboren waren, kannten die Tiicke des 
Sumpfes und besafien selbst etwas von seiner Tiicke. Im Fruhling und 
im Sommer war die Luft erfullt von einem unaufhorlichen, satten 
Quaken der Frosche. Unter den Himmeln jubelte ein ebenso sattes 
Trillern der Lerchen. Und es war eine unermiidliche Zwiesprach 5 des 
Himmels mit dem Sumpf. 

Unter den Handlern, von denen wir gesprochen haben, waren viele 
Juden. Eine Laune der Natur, vielleicht das geheimnisvolle Gesetz 
einer unbekannten Abstammung von dem legendaren Volk der Chasa- 
ren machte, daft viele unter den Grenzjuden rothaarig waren. Auf ih- 
ren Kopfen loderte das Haar. Ihre Barte waren wie Brande. Auf den 
Riicken ihrer hurtigen Hande stamen rote und harte Borsten wie win- 
zige Spiefie. Und in ihren Ohren wucherte rotliche, zarte Wolle wie 
der Dunst von den roten Feuern, die im Innern ihrer Kopfe gliihen 
mochten. 

Wer immer von Fremden in diese Gegend geriet, mufke allmahlich 
verlorengehn. Keiner war so kraftig wie der Sumpf. Niemand konnte 
der Grenze standhalten. Um jene Zeit begannen die hohen Herren in 



RADETZKYMARSCH 259 

Wien und Petersburg bereits, den grofien Krieg vorzubereiten. Die 
Menschen an der Grenze fiihlten ihn fruher kommen als die andern; 
nicht nur, weil sie gewohnt waren, kommende Dinge zu erahnen, son- 
dern auch, weil sie jeden Tag die Vorzeichen des Untergangs mit eige- 
nen Augen sehen konnten. Auch von diesen Vorbereitungen noch zo- 
gen sie Gewinn. So mancher lebte von Spionage und Gegenspionage, 
bekam osterreichische Gulden von der osterreichischen Polizei und 
russische Rubel von der russischen. Und in der weltfernen, sumpfigen 
Ode der Garnison verfiel der und jener Offizier der Verzweiflung, 
dem Hasardspiel, den Schulden und finsteren Menschen. Die Fried- 
hofe der Grenzgarnisonen bargen viele junge Leiber schwacher Man- 
ner. 

Aber auch hier exerzierten die Soldaten wie in alien andern Garniso- 
nen des Reiches. Jeden Tag riickte das Jagerbataillon, vom Fruhlings- 
kot bespritzt, grauen Schlamm an den Stiefeln, in die Kaserne ein. Ma- 
jor Zoglauer ritt voran. Den zweiten Zug der ersten Kompanie fuhrte 
Leutnant Trotta. Den Takt, in dem die Jager marschierten, gab ein 
breites, biederes Signal des Hornisten an, nicht der hochrmitige Fanfa- 
renruf, der bei den Ulanen das Hufgetrappel der Rosser ordnete, un- 
terbrach und umschmetterte. Zu Fufi ging Carl Joseph, und er bildete 
sich ein, daft ihm wohler war. Rings um ihn knirschten die genagelten 
Stiefel der Jager iiber den kantigen Schottersteinchen, die immer wie- 
der, jede Woche im Friihling, auf das Verlangen der Militarbehorde 
dem Sumpf der Wege geopfert wurden. Alle Steine, Millionen von 
Steinen, verschluckte der unersattliche Grund der Strafk. Und immer 
neue, siegreiche, silbergraue, schimmernde Schichten von Schlamm 
quollen aus den Tiefen empor, fraften den Stein und den Mortel und 
schlugen klatschend iiber den stampfenden Stiefeln der Soldaten zu- 
sammen. 

Die Kaserne lag hinter dem Stadtpark. Links neben der Kaserne war 
das Bezirksgericht, ihr gegenuber die Bezirkshauptmannschaft, hinter 
deren festlichem und baufalligem Gemauer lagen zwei Kirchen, eine 
romische, eine griechische, und rechts ab von der Kaserne erhob sich 
das Gymnasium. Die Stadt war so winzig, da£ man sie in zwanzig 
Minuten durchmessen konnte. Ihre wichtigen Gebaude drangten sich 
aneinander in lastiger Nachbarschaft. Wie Gefangene in einem Kerker- 
hof kreisten die Spazierganger am Abend um das regelmaftige Rund 
des Parkes. Eine gute halbe Stunde Marsch brauchte man bis zum 



260 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Bahnhof. Die Messe der Jageroffiziere war in zwei kleinen Stuben 
eines Privathauses untergebracht. Die meisten Kameraden afien im 
Bahnhofsrestaurant. Carl Joseph auch. Er marschierte gern durch den 
klatschenden Kot, nur um einen Bahnhof zu sehen. Es war der letzte 
aller Bahnhofe der Monarchic, aber immerhin: Auch dieser Bahnhof 
zeigte zwei Paar glitzernder Schienenbander, die sich ununterbrochen 
bis in das Innere des Reiches erstreckten. Auch dieser Bahnhof hatte 
helle, glaserne und frohliche Signale, in denen ein zartes Echo von hei- 
matlichen Rufen klirrte, und einen unaufhorlich tickenden Morseap- 
parat, auf dem die schonen, verworrenen Stimmen einer weiten, verlo- 
renen Welt fleifiig abgehammert wurden, gesteppt wie von einer emsi- 
gen Nahmaschine. Auch dieser Bahnhof hatte einen Portier, und dieser 
Portier schwang eine drohnende Glocke, und die Glocke bedeutete 
Abfahrt, Einsteigen! Einmal taglich, just um die Mittagszeit, schwang 
der Portier seine Glocke zu dem Zug, der in die westliche Richtung 
abging, nach Krakau, Oderberg, Wien. Ein guter, lieber Zug! Er hielt 
beinahe so lange, wie das Essen dauerte, vor den Fenstern des Speise- 
saals erster Klasse, in dem die Offiziere safien. Erst wenn der Kaffee 
kam, pfiff die Lokomotive. Der graue Dampf schlug an die Fenster. 
Sobald er anfing, in feuchten Perlen und Streifen die Scheiben hinun- 
terzurinnen, war der Zug bereits fort. Man trank den Kaffee und 
kehrte in langsamem, trostlosem Rudel zuriick durch den silbergrauen 
Schlamm. Selbst die inspizierenden Generale hiiteten sich hierherzu- 
kommen. Sie kamen nicht, niemand kam. In dem einzigen Hotel des 
Stadtchens, in dem die meisten Jageroffiziere als Dauermieter wohn- 
ten, stiegen nur zweimal im Jahr die reichen Hopfenharidler ab, aus 
Nurnberg und Prag und Saaz. Wenn ihre unbegreiflichen Geschafte 
gelungen waren, liefien sie Musik kommen und spielten Karten im ein- 
zigen Kaffeehaus, das zum Hotel gehorte. 

Das ganze Stadtchen ubersah Carl Joseph vom zweiten Stock des Ho- 
tels Brodnitzer. Er sah den Giebel des Bezirksgerichts, das weifte 
Turmchen der Bezirkshauptmannschaft, die schwarzgelbe Fahne uber 
der Kaserne, das doppelte Kreuz der griechischen Kirche, den Wetter- 
hahn iiber dem Magistrat und alle dunkelgrauen Schindeldacher der 
kleinen Parterrehauser. Das Hotel Brodnitzer war das hochste Haus 
im Ort. Es gab eine Richtung an wie die Kirche, der Magistrat und die 
offentlichen Gebaude uberhaupt. Die Gassen hatten keine Namen und 
die Hauschen keine Nummern, und wer hierorts nach einem bestimm- 



RADET2KYMARSCH l6l 

ten Ziel fragte, richtete sich nach dem Ungefahr, das man ihm bezeich- 
net hatte. Der wohnte hinter der Kirche, jener gegeniiber dem stadti- 
schen Gefangnis, der dritte rechter Hand vom Bezirksgericht. Man 
lebte wie im Dorf. Und die Geheimnisse der Menschen in den niederen 
Hausern, unter den dunkelgrauen Schindeldachern, hinter den kleinen, 
quadratischen Fensterscheiben und den holzernen Tiiren quollen 
durch Ritzen und Sparren in die kotigen Gassen und selbst in den ewig 
geschlossenen, grofien Hof der Kaserne. Den hatte die Frau betrogen, 
und jener hatte seine Tochter dem russischen Kapitan verkauft; hier 
handelte einer mit faulen Eiern, und dort lebte ein anderer von regel- 
mafiigem Schmuggel; dieser hat im Gefangnis gesessen, und jener ist 
dem Kerker entgangen; der borgte den Offizieren Geld, und sein 
Nachbar trieb ein Drittel der Gage ein. Die Kameraden, Biirgerliche 
zumeist und deutscher Abstammung, lebten seit vielen Jahren in dieser 
Garnison, waren heimisch in ihr geworden und ihr anheimgef alien. 
Losgelost von ihren heimischen Sitten, ihrer deutschen Muttersprache, 
die hier eine Dienstsprache geworden war, ausgeliefert der unendli- 
chen Trostlosigkeit der Siimpfe, verfielen sie dem Hasardspiel und 
dem scharfen Schnaps, den man in dieser Gegend herstellte und der 
unter dem Namen »Neunziggradiger« gehandelt wurde. Aus der 
harmlosen Durchschnittlichkeit, zu der sie Kadettenschule und iiber- 
lieferter Drill herangezogen hatten, glitten sie in die Verderbnis dieses 
Landes, iiber das bereits der grofle Atem des grofien feindlichen Zaren- 
reiches strich. Kaum vierzehn Kilometer waren sie von Rutland ent- 
fernt. Die russischen Offiziere vom Grenzregiment kamen nicht selten 
heruber, in ihren langen sandgelben und taubengrauen Manteln, die 
schweren silbernen und goldenen Epauletten auf den breiten Schultern 
und spiegelnde Galoschen an den spiegelblanken Schaftstiefeln, bei je- 
dem Wetter. Die Garnisonen unterhielten sogar einen gewissen kame- 
radschaftlichen Verkehr. Manchmal fuhr man auf kleinen, zeltiiber- 
spannten Bagagewagen iiber die Grenze, den Reiterkunststiicken der 
Kosaken zuzusehn und den russischen Schnaps zu trinken. Dniben in 
der russischen Garnison standen die Schnapsfasser an den Randern der 
holzernen Biirgersteige, von Mannschaften mit Gewehr und aufge- 
pflanzten langen, dreikantigen Bajonetten bewacht. Wenn der Abend 
einbrach, rollten die FaEchen polternd durch die holprigen Strafien, 
angetrieben von den Stiefeln der Kosaken, gegen das russische Kasino, 
und ein leises Platschern und Glucksen verriet der Bevolkerung den 



l6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Inhalt der Fasser. Die Offiziere des Zaren zeigten den Offizieren Sei- 
ner Apostolischen Majestat, was russische Gastfreundschaft hiefi. Und 
keiner von den Offizieren des Zaren und keiner von den Offizieren der 
Apostolischen Majestat wufite um jene Zeit, dafi iiber den glasernen 
Kelchen, aus denen sie tranken, der Tod schon seine hageren, unsicht- 
baren Hande kreuzte. 

In der weiten Ebene zwischen den beiden Grenzwaldern, dem oster- 
reichischen und dem russischen, jagten die Sotnien der Grenzkosaken 
einher, uniformierte Winde in militarischer Ordnung, auf den kleinen, 
huschgeschwinden Pferdchen ihrer heimatlichen Steppen, die Lanzen 
schwenkend iiber den hohen Pelzmiitzen wie Blitze an langen, holzer- 
nen Stielen, kokette Blitze mit niedlichen Fahnenschurzchen. Auf dem 
weichen, federnden Sumpfboden war das Getrappel kaum zu verneh- 
men. Nur mit einem leisen, feuchten Seufzen antwortete die nasse 
Erde auf den fliegenden Anschlag der Hufe. Kaum daE sich die tiefgrii- 
nen Graschen niederlegten. Es war, als schwebten die Kosaken iiber 
das Gefilde. Und wenn sie iiber die gelbe, sandige Landstrafie setzten, 
erhob sich eine grofie, helle, goldige, feinkornige Staubsaule, flim- 
mernd in der Sonne, breit zerflatternd, aufgelost wieder niedersinkend 
in tausend kleinen Wolkchen. Die geladenen Gaste safien auf rohge- 
zimmerten, holzernen Tribiinen. Die Bewegungen der Reiter waren 
fast schneller als die Blicke der Zuschauer. Mit den starken, gelben 
Pferdezahnen hoben die Kosaken vom Sattel aus ihre roten und blauen 
Taschentiicher vom Boden, mitten im Galopp, die Leiber senkten sich, 
jah gefallt, unter die Bauche der Rosser, und die Beine in den spiegeln- 
den Stiefeln prefken gleichzeitig noch die Flanken der Tiere. Andere 
warfen die Lanzen weit von sich in die Luft, die Waffen wirbelten und 
fieien dann dem Reiter gehorsam wieder in die erhobene Faust; wie 
lebendige Jagdfalken kehrten sie zuriick in die Hand ihrer Herren. An- 
dere wieder sprangen geduckt, den Oberkorper waagerecht iiber dem 
Leib des Pferdes, den Mund bniderlich an das Maul des Tieres gepreEt, 
durch das erstaunlich kleine Rund eiserner Reifen, die etwa ein mafti- 
ges Fafi hatten umgiirten konnen. Die Rosser streckten alle viere von 
sich. Ihre Mahnen erhoben sich wie Schwingen, ihre Schweife standen 
waagerecht wie Steuer, ihre schmalen Kopfe glichen dem schlanken 
Bug eines dahinschieEenden Kahns. Wieder andere sprengten iiber 
zwanzig Bierfasser, die, Boden an Boden, hintereinanderlagen. Hier 
wieherten die Rosser, bevor sie zum Sprung ansetzten. Der Reiter kam 



RADETZKYMARSCH 263 

aus unendlicher Feme dahergesprengt, ein grauer, winziger Punkt war 
er zuerst, wuchs in rasender Geschwindigkeit zu einem Strich, einem 
Korper, einem Reiter, ward ein riesengrofier, sagenhafter Vogel aus 
Mensch und Pferdeleib, gefliigelter Zyklop, um dann, wenn der 
Sprung gegliickt war, ehern stehenzubleiben, hundert Schritte vor den 
Fassern, ein Standbild, ein Denkmal aus leblosem Stoff. Wieder andere 
schossen, wahrend sie pfeilschnell dahinflogen (und sie selbst, die 
Schiitzen, sahen aus wie Geschosse), nach fliegenden Zielen, die seit- 
warts von ihnen dahinjagende Reiter auf groflen, runden, weifien 
Scheiben hielten: Die Schiitzen galoppierten, schossen und trafen. So 
mancher sank vom Pferd. Die Kameraden, die ihm folgten, huschten 
iiber seinen Leib, kein Huf traf ihn. Es gab Reiter, die ein Pferd neb en 
sich dahergaloppieren lieften und im Galopp aus einem Sattel in den 
andern sprangen, in den ersten zuriickkehrten, plotzlich wieder auf das 
begleitende Rofi fielen und schliefilich, beide Hande auf je einen Sattel 
gestiitzt, die Beine schlenkernd zwischen den Leibern der Tiere, mit 
einem Ruck am angegebenen Ziel stehenblieben, beide Rosser haltend, 
dafi sie regies dastanden wie Pferde aus Bronze. 
Diese Reiterfeste der Kosaken waren nicht die einzigen in dem 
Grenzgebiet zwischen der Monarchic und Rutland. In der Garnison 
stationierte noch ein Dragonerregiment. Zwischen den Offizieren des 
Jagerbataillons, denen des Dragonerregiments und den fierren der 
russischen Grenzregimenter stellte der Graf Chojnicki die innigsten 
Beziehungen her, einer der reichsten polnischen Grundbesitzer der 
Gegend. Graf Wojciech Chojnicki, verwandt mit den Ledochowskis 
und den Potockis, verschwagert mit den Sternbergs, befreundet mit 
den Thuns, Kenner der Welt, vierzig Jahre alt, aber ohne erkennbares 
Alter, Rittmeister der Reserve, Junggeselle, leichtlebig und schwermii- 
tig zu gleicher Zeit, liebte die Pferde, den Alkohol, die Gesellschaft, 
den Leichtsinn und auch den Ernst. Den Winter verbrachte er in gro- 
fien Stadten und in den Spielsalen der Riviera. Wie ein Zugvogel 
pflegte er, wenn der Goldregen an den Dammen der Eisenbahn zu 
bliihen begann, in die Heimat seiner Ahnen zuruckzukehren. Er 
brachte mit sich einen leicht parfumierten Hauch der grofien Welt und 
galante und abenteuerliche Geschichten. Er gehorte zu den Leuten, die 
keine Feinde haben konnen, aber auch keine Freunde, lediglich Ge- 
fahrten, Genossen und Gleichgultige. Mit seinen hellen, klugen, ein 
wenig hervorquellenden Augen, seiner spiegelnden, kugelblanken 



264 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Glatze, seinem kleinen, blonden Schnurrbartchen, den schmalen Schul- 
tern, den iibermafiig langen Beinen gewann Chojnicki die Zuneigung 
aller Menschen, denen er zufallig oder absichtlich in den Weg kam. 
Er bewohnte abwechselnd zwei Hauser, die als »altes« und als »neues 
Schlo8« bei der Bevolkerung bekannt und respektiert waren. Das soge- 
nannte »alte Schloft« war ein grofierer, baufalliger Jagdpavillon, den der 
Graf aus unerforschlichen Griinden nicht instand setzen wollte. Das 
»neue Schlofi« war eine geraumige, einstockige Villa, deren oberes Ge- 
schofi jederzeit von merkwiirdigen und manchmal auch von unheimli- 
chen Fremden bewohnt wurde. Es waren die »armen Verwandten« des 
Grafen. Ihm ware es, selbst beim eifrigsten Studium seiner Familienge- 
schichte, nicht moglich gewesen, den Grad der Verwandtschaft seiner 
Gaste zu kennen. Es war allmahlich Sitte geworden, als Familienange- 
horiger Chojnickis auf das »neue Schlofi« zu kommen und hier den 
Sommer zu verbringen. Gesattigt, erholt und manchmal vom Orts- 
schneider des Grafen auch mit neuen Kleidern versehen, kehrten die 
Besucher, sobald die ersten Ziige der Stare in den Nachten horbar wur- 
den und die Zeit der Kukuruzkolben vorbei war, in die unbekannten 
Gegenden zuriick, in denen sie heimisch sein mochten. Der Hausherr 
merkte weder die Ankunft noch den Aufenthalt, noch die Abreise seiner 
Gaste. Ein fur allemal hatte er verfugt, daft sein jiidischer Gutsverwalter 
die Familienbeziehungen der Ankommlinge zu priifen hatte, ihren Ver- 
brauch zu regeln, ihre Abreise vor Einbruch des Winters festzusetzen. 
Das Haus hatte zwei Eingange. Wahrend der Graf und die nicht zur 
Familie zahlenden Gaste den vorderen Eingang benutzten, mufken 
seine Angehorigen den groften Umweg durch den Obstgarten machen 
und durch eine kleine Pforte in der Gartenmauer ein- und ausgehn. 
Sonst durften die Ungebetenen machen, was ihnen gefiel. 
Zweimal in der Woche, und zwar Montag und Donnerstag, fanden die 
sogenannten »kleinen Abende« beim Grafen Chojnicki statt und einmal 
im Monat das sogenannte »Fest«. An den »kleinen Abenden« waren nur 
sechs Zimmer erleuchtet und fur den Aufenthalt der Gaste bestimmt, an 
den »Festen« aber zwolf. An den »kleinen Abenden« bediente das Per- 
sonal ohne Handschuhe und in dunkelgelber Livree; an den »Festen« 
trugen die Lakaien weifie Handschuhe und ziegelbraune Rocke mit 
schwarzsamtenen Kragen und silbernen Knopfen. Man begann immer 
mit Wermut und herben spanischen Weinen. Man ging iiber zu Burgun- 
der und Bordeaux. Hierauf kam der Champagner. Ihm folgte der Co- 



RADET2KYMARSCH l6$ 

gnac. Und man schlofi, um der Heimat den gehorigen Tribut zu zol- 
len, mit dem Gewachs des Bodens, dem Neunziggradigen. 
Die Offiziere des aufierordentlichen feudalen Dragonerregiments und 
die meist biirgerlichen Offiziere des Jagerbataillons schlossen beim 
Grafen Chojnicki riihrselige Biindnisse furs Leben. Die anbrechenden 
Sommermorgen sahen durch die breiten und gewolbten Fenster des 
Schlosses auf ein buntes Durcheinander von Infanterie- und Kavalle- 
rieuniformen. Die Schlafer schnarchten der goldenen Sonne entgegen. 
Gegen fiinf Uhr morgens rannte eine Schar verzweifelter Offiziersbur- 
schen zum Schlofi, die Herren zu wecken. Denn um sechs Uhr began- 
nen die Regimenter zu exerzieren. Langst war der Hausherr, den der 
Alkohol nicht mude machte, in seinem kleinen Jagdpavillon. Er han- 
tierte dort mit sonderbaren Glasrohren, Flammchen, Apparaten. In 
der Gegend lief das Gerucht um, dafi der Graf Gold machen wolle. In 
der Tat schien er sich mit tdrichten alchimistischen Versuchen abzuge- 
ben. Wenn es ihm auch nicht gelang, Gold herzustellen, so wufke er 
doch, es im Roulettespiel zu gewinnen. Er lieft manchmal durchblik- 
ken, dafi er von einem geheimnisvollen, langst verstorbenen Spieler ein 
zuverlassiges »System« geerbt hatte. 

Seit Jahren war er Reichsratsabgeordneter, regelmafig wiedergewahlt 
von seinem Bezirk, alle Gegenkandidaten schlagend mit Geld, Gewalt 
und Uberrumpelung, Giinstling der Regierung und Verachter der par- 
lamentarischen Korperschaft, der er angehorte. Er hatte nie eine Rede 
gehalten und nie einen Zwischenruf getan. Unglaubig, spottisch, 
furchtlos und ohne Bedenken pflegte Chojnicki zu sagen, der Kaiser 
sei ein gedankenloser Greis, die Regierung eine Bande von Trotteln, 
der Reichsrat eine Versammlung gutglaubiger und pathetischer Idio- 
ten, die staatlichen Behorden bestechlich, feige und faul. Die deutschen 
Osterreicher waren Walzertanzer und Heurigensanger, die Ungarn 
stanken, die Tschechen waren geborene Stiefelputzer, die Ruthenen 
verkappte und verraterische Russen, die Kroaten und Slowenen, die er 
»Krowoten und Schlawiner« nannte, Burstenbinder und Maronibra- 
ter, und die Polen, denen er ja selbst angehorte, Courmacher, Friseure 
und Modephotographen. Nach jeder Riickkehr aus Wien und den an- 
dern Teilen der grofien Welt, in der er sich heimisch tummelte, pflegte 
er einen diisteren Vortrag zu halten, der etwa so lautete: 
»Dieses Reich muft untergehn. Sobald unser Kaiser die Augen schliefk, 
zerfallen wir in hundert Stiicke. Der Balkan wird machtiger sein als 



266 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wir. Alle Volker werden ihre dreckigen, kleinen Staaten errichten, und 
sogar die Juden werden einen Konig in Palastina ausrufen. In Wien 
stinkt schon der Schweifi der Demokraten, ich kann's auf der Ring- 
strafie nicht mehr aushalten. Die Arbeiter haben rote Fahnen und wol- 
len nicht mehr arbeiten. Der Biirgermeister von Wien ist ein frommer 
Hausmeister. Die Pfaffen gehn schon mit dem Volk, man predigt 
tschechisch in den Kirchen. Im Burgtheater spielt man jiidische Sau- 
stiicke, und jede Woche wird ein ungarischer Klosettfabrikant Baron. 
Ich sag' euch, meine Herren, wenn jetzt nicht geschossen wird, ist's 
aus. Wir werden's noch erleben!« 

Die Zuhorer des Grafen lachten und tranken noch eins. Sie verstanden 
ihn nicht. Man schofi gelegentlich, besonders bei den Wahlen, um dem 
Grafen Chojnicki zum Beispiel das Mandat zu sichern, und zeigte also, 
daE die Welt nicht ohne weiteres untergehn konnte. Der Kaiser lebte 
noch. Nach ihrn kam der Thronfolger. Die Armee exerzierte und 
leuchtete in alien vorschriftsmafiigen Farben. Die Volker liebten die 
Dynastie und huldigten ihr in den verschiedensten Nationaltrachten. 
Chojnicki war ein Witzbold. 

Der Leutnant Trotta aber, empfindlicher als seine Kameraden, trauri- 
ger als sie und in der Seele das standige Echo der rauschenden, dunklen 
Fittiche des Todes, dem er schon zweimal begegnet war: Der Leutnant 
spiirte zuweilen das finstere Gewicht der Prophezeiungen. 



X 



Jede Woche, wenn er Stationsdienst hatte, schrieb Leutnant Trotta 
seine gleichtonigen Berichte an den Bezirkshauptmann. Die Kaserne 
hatte keine elektrische Beleuchtung. In den Wachstuben brannte man 
die alten, reglementmafiigen Dienstkerzen, wie zur Zeit des alten Hel- 
den von Solferino. Jetzt waren es »Apollokerzen« aus schneeweifiem 
und weniger sprodem Stearin, mit gutgeflochtenem Docht und steter 
Flamme. Die Briefe des Leutnants verrieten nichts von seiner veran- 
derten Lebensweise und von den ungewohnlichen Verhaltnissen der 
Grenze. Der Bezirkshauptmann vermied jede Frage. Seine Antworten, 
die er regelmafiig jeden vierten Sonntag an den Sohn abschickte, waren 
ebenso gleichformig wie die Briefe des Leutnants. 
Jeden Morgen brachte der alte Jacques die Post in das Zimmer, in dem 



RADETZKYMARSCH 267 

der Bezirkshauptmann seit vielen Jahren sein Friihstiick einzunehmen 
pflegte. Es war ein etwas entlegenes, tagsiiber nicht benutztes Zimmer. 
Das Fenster, dem Osten zugewandt, liefi bereitwillig alle Morgen, die 
klaren, die triiben, die warmen, die kiihlen und die regnerischen, ein; 
es war Sommer und Winter wahrend des Friihstiicks geoffnet. Im 
Winter hielt der Bezirkshauptmann die Beine in einen warmen Schal 
gewickelt, der Tisch war nahe an den breiten Ofen geriickt, und im 
Ofen prasselte das Feuer, das der alte Jacques eine halbe Stunde friiher 
angeziindet hatte. Jedes Jahr am funfzehnten April horte Jacques auf, 
den Ofen zu heizen. Jedes Jahr am funfzehnten April nahm der Be- 
zirkshauptmann, ohne Riicksicht auf die Witterung, seine sommerli- 
chen Morgenspaziergange auf. Der Friseurgehilfe kam, unausgeschla- 
fen und selbst noch unrasiert, um sechs Uhr ins Schlafzimmer Trottas. 
Sechs Uhr fiinfzehn lag das Kinn des Bezirkshauptmanns glatt und 
gepudert zwischen den leicht angesilberten Fittichen des Backenbarts. 
Der kahle Schadel war bereits massiert, von ein paar verriebenen Trop- 
fen Kolnischen Wassers leicht gerotet, und alle uberfliissigen Harchen, 
die teils vor den Nasenlochern, teils aus den Ohrmuscheln wuchsen 
und gelegentlich auch am Nacken iiber dem hohen Stehkragen wu- 
cherten, waren spurlos entfernt. Dann griff der Bezirkshauptmann 
zum hellen Spazierstock und zum grauen Halbzylinder und begab sich 
in den Stadtpark. Er trug eine weiEe Weste mit grauen Knopfen und 
winzigem Ausschnitt und einen taubengrauen Schlufirock. Die engen 
Hosen ohne Biigelfalte umspannten mittels dunkelgrauer Stege die 
schmalen, spitz auslaufenden Zugstiefel, ohne Kappen und Nahte, aus 
zartestem Chevreau. Noch waren die Straften leer. Der stadtische 
Sprengwagen, von zwei schwerfalligen braunen Rossern gezogen, kam 
iiber das holprige Kopfsteinpflaster dahergerattert. Der Kutscher auf 
dem hohen Bock senkte, sobald er den Bezirkshauptmann erblickte, 
die Peitsche, schlang die Zugel um den Griff der Bremse und zog die 
Miitze so tief, dafi sie seine Knie beriihrte. Es war der einzige Mensch 
des Stadtchens, ja des Bezirks, dem Herr von Trotta mit der Hand 
heiter, beinahe ubermutig zuwinkte. Am Eingang zum Stadtpark salu- 
tierte der Gemeindepolizist. Diesem sagte der Bezirkshauptmann ein 
herzliches »GriiE Gott!«, ohne die Hand zu ruhren. Hierauf begab er 
sich zu der blonden Inhaberin des Sodawasserpavillons. Hier liiftete er 
ein wenig den Halbzylinder, trank einen Kelch Magenwasser, zog eine 
Miinze aus der Westentasche, ohne die grauen Handschuhe abzulegen, 



268 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und setzte seinen Spaziergang fort. Backer, Schornsteinfeger, Gemiise- 
handler, Fleischhauer begegneten ihm. Jedermann griifite. Der Be- 
zirkshauptmann erwiderte, indem er den Zeigefinger sachte an den 
Hutrand legte. Erst vor dem Apotheker Kronauer, der ebenfalls Mor- 
genspaziergange liebte und iibrigens Gemeinderat war, zog Herr von 
Trotta den Hut. Manchmal sagte er: »Guten Morgen, Herr Apothe- 
ker!«, blieb stehen und fragte: »Wie geht's?« »Ausgezeichnet!« sagte 
der Apotheker. »Das freut mich!« bemerkte der Bezirkshauptmann, 
liiftete noch einmal den Hut und setzte seine Wanderung fort. 
Er kam nicht vor acht Uhr zurlick. Manchmal begegnete er dem Brief- 
trager im Flur oder auf der Treppe. Dann ging er noch fiir eine Weile 
in die Kanzlei. Denn er liebte es, die Briefe schon neben dem Tablett 
beim Friihstiick vorzufinden. Es war ihm unmoglich, jemanden wah- 
rend des Friihstucks zu sehn oder gar zu sprechen. Der alte Jacques 
mochte noch von ungefahr eintreten, an Wintertagen, um im Ofen 
nachzusehn, an sommerlichen, um das Fenster zu schliefien, wenn es 
zufallig allzu stark regnete. Von Fraulein Hirschwitz konnte keine 
Rede sein. Vor ein Uhr mittag war ihr Anblick dem Bezirkshauptmann 
ein Greuel. 

Eines Tages, es war Ende Mai, kehrtc Herr von Trotta funf Minuten 
nach acht von seinem Spaziergang heim. Der Brieftrager mufite langst 
dagewesen sein. Herr von Trotta setzte sich an den Tisch im Friih- 
stuckszimmer. Das Ei stand, »kernweich« wie immer, auch heute im 
silbernen Becher. Golden schimmerte der Honig, die frischen Kaiser- 
semmeln dufteten nach Feuer und Hefe wie alle Tage; die Butter 
leuchtete gelb, gebettet in ein riesiges, dunkelgriines Blatt, im goldge- 
randerten Porzellan dampfte der Kaffee. Nichts fehlte. Wenigstens 
schien es Herrn von Trotta im ersten Augenblick, dafi gar nichts fehlte. 
Aber gleich darauf erhob er sich, legte die Serviette wieder hin und 
uberpriifte noch einmal den Tisch. Am gewohnten Platz fehlten die 
Briefe. Es war, soweit sich der Bezirkshauptmann erinnern konnte, 
kein Tag ohne dienstliche Post vergangen. Herr von Trotta ging zuerst 
zum offenen Fenster, wie um sich zu iiberzeugen, daft drauflen die 
Welt noch bestand. Ja, die alten Kastanien im Stadtpark trugen noch 
ihre dichten, griinen Kronen. In ihnen larmten unsichtbar die Vogel 
wie an jedem Morgen. Auch der Milchwagen, der um diese Zeit vor 
der Bezirkshauptmannschaft zu halten pflegte, stand heute da, unbe- 
kummert, als ware es ein Tag wie alle anderen. Es hat sich also draufien 



RADETZKYMARSCH 269 

gar nichts verandert, stellte der Bezirkshauptmann fest. War es mog- 
lich, dafi keine Post gekommen war? War es moglich, dafi Jacques sie 
vergessen hatte? Herr von Trotta schwang die Tischglocke. Ihr silber- 
ner Klang lief hurtig durch das stille Haus. Niemand kam. Der Be- 
zirkshauptmann ruhrte vorlaufig das Fruhstuck nicht an. Er 
schwenkte noch einmal das Glockchen. Endlich klopfte es. Er war er- 
staunt, erschrocken und beleidigt, als er seine Haushalterin, Fraulein 
Hirschwitz, eintreten sah. 

Sie trug eine Art von Morgenriistung, in der er sie noch nie gesehen 
hatte. Eine grofie Schurze aus dunkelblauem Wachstuch hiillte sie vom 
Hals bis zu den Fufien ein, und eine weifie Haube safi stramm auf 
ihrem Kopf und liefi ihre grofien Ohren mit den weichen, fleischigen 
und breiten Lappchen sehn. Also erschien sie Herrn von Trotta aufier- 
ordentlich scheufilich - er konnte den Geruch von Wachstuch nicht 
vertragen. 

»H6chst fatal !« sagte er, ohne ihren Grufi zu erwidern. »Wo ist 
Jacques ?« 

» Jacques ist heute von einer Unpafilichkeit befallen worden.« 
»Bef alien ?« wiederholte der Bezirkshauptmann, der nicht sofort be- 
griff. »Krank ist er?« fragte er weiter. 
»Er hat Fieber!« sagte Fraulein Hirschwitz. 
»Danke!« sagte Herr von Trotta und winkte mit der Hand. 
Er setzte sich an den Tisch. Er trank nur den Kaffee. Das Ei, den 
Honig, die Butter und die Kaisersemmeln liefi er auf dem Tablett. Er 
verstand nun zwar, dafi Jacques krank geworden war und also nicht 
imstande, die Brief e zu bringen. Warum aber war Jacques krank ge- 
worden? Er war immer ebenso gesund gewesen wie die Post zum Bei- 
spiel. Wenn sie plotzlich aufgehort hatte, Briefe zu befordern, so ware 
es keineswegs uberraschender gewesen. Der Bezirkshauptmann selbst 
war niemals krank. Wenn man krank wurde, mufite man sterben. Die 
Krankheit war nichts anderes als ein Versuch der Natur, den Men- 
schen an das Sterben zu gewohnen. Epidemische Krankheiten - die 
Cholera hatte man in der Jugendzeit Herrn von Trottas noch gefiirch- 
tet - konnte der und jener iiberwinden. Andern Krankheiten aber, die 
so einzeln dahergeschlichen kamen, muftte man erliegen; mochten sie 
noch so verschiedene Namen tragen. Die Arzte - die der Bezirks- 
hauptmann »Feldscher« nannte - gab en vpr, heilen zu konnen; aber 
nur, um nicht zu verhungern. Mochte es aber immerhin noch Ausnah- 



270 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

men geben, die nach einer Krankheit weiterlebten, soweit sich Herr 

von Trotta erinnern konnte, war in seiner naheren und weiteren Um- 

gebung keine derartige Ausnahme zu bemerken. 

Er klingelte noch einmal. »Ich mochte die Post«, sagte er zu Fraulein 

Hirschwitz, »aber schicken Sie sie mit irgend jemandem, bitte! - Was 

fehlt denn dem Jacques iibrigens?« 

»Er hat Fieber!« sagte Fraulein Hirschwitz. »Er wird sich erkaltet ha- 

ben!« 

»Erkaltet?! ImMail?« 

»Er ist nicht mehr jung!« 

»Lassen Sie den Doktor Sribny kommen!« 

Dieser Doktor war der Bezirksarzt. Er amtierte in der Bezirkshaupt- 

mannschaft von neun bis zwolf. Bald mufite er da sein. Nach Ansicht 

des Bezirkshauptmanns war er ein »honetter Mann«. 

Indessen brachte der Amtsdiener die Post. Der Bezirkshauptmann sah 

nur die Umschlage an, gab sie zuriick und befahl, sie in die Kanzlei zu 

legen. Er stand am Fenster und konnte sich nicht genug dariiber ver- 

wundern, dafi die Welt draufien noch gar nichts von den Veranderun- 

gen in seinem Hause zu wissen schien. Er hatte heute weder gegessen 

noch die Post gelesen. Jacques lag an einer ratselhaften Krankheit da- 

nieder. Und das Leben ging weiter seinen gewohnten Gang. 

Sehr langsam, mit mehreren unklaren Gedanken beschaftigt, schritt 

Herr von Trotta ins Arm, zwanzig Minuten spater als sonst setzte er 

sich an den Schreibtisch. Der erste Bezirkskommissar kam, Bericht zu 

erstatten. Es hatte gestern wieder eine Versammlung tschechischer Ar- 

beiter gegeben. Ein Sokolfest war angesagt, Delegierte aus »slawischen 

Staaten« - gemeint waren Serbien und Rutland, aber im dienstlichen 

Dialekt niemals namentlich erwahnt - sollten morgen schon kommen. 

Auch die Sozialdemokraten deutscher Zunge machten sich bemerkbar. 

In der Spinnerei wurde ein Arbeiter von seinen Kameraden geschlagen, 

angeblich und nach den Spitzelberichten, weil er es ablehnte, in die 

rote Partei einzutreten. All dies bekummerte den Bezirkshauptmann, 

es schmerzte ihn, es krankte ihn, es verwundete ihn. Alles, was die 

ungehorsamen Teile der Bevolkerung unternahmen, um den Staat zu 

schwachen, Seine Majestat den Kaiser mittelbar oder unmittelbar zu 

beleidigen, das Gesetz ohnmachtiger zu machen, als es ohnehin schon 

war, die Ruhe zu storen, den Anstand zu verletzen, die Wiirde zu 

verhohnen, tschechische Schulen zu errichten, oppositionelle Abge- 



RADETZKYMARSCH 1JI 

ordnete durchzusetzen: all das waren gegen ihn selbst, den Bezirks- 
hauptmann, unternommene Handlungen. Zuerst hatte er die Natio- 
nen, die Autonomic und das »Volk«, das »mehr Rechte« verlangte, nur 
geringgeschatzt. Allmahlich begann er, sie zu hassen, die Schreiner, die 
Brandstifter, die Wahlredner. Er scharfte dem Bezirkskommissar ein, 
jede Versammlung sofort aufzulosen, in der man es sich etwa einfallen 
liefi, »Resolutionen« zu fassen. Von alien in der letzten Zeit modern 
gewordenen Worten hafite er dieses am starksten; vielleicht, weil es 
nur eines winzigen andern Buchstabens bedurfte, um in das schand- 
lichste aller Worte verwandelt zu werden: in Revolution. Dieses hatte 
er vollends ausgerottet. In seinem Sprachschatz, auch im dienstlichen, 
kam es nicht vor; und wenn er in dem Bericht eines seiner Untergebe- 
nen etwa die Bezeichnung »revolutionarer Agitator« fur einen der ak- 
tiven Sozialdemokraten las, so strich er dieses Wort und verbesserte 
mit roter Tinte: »verdachtiges Individuum«. Vielleicht gab es ir- 
gendwo in der Monarchic Revolutionare: Im Bezirk des Herrn von 
Trotta kamen sie nicht vor. 

»Schicken Sie mir nachmittags den Wachtmeister SlamaU sagte Herr 
von Trotta zum Kommissar. »Verlangen Sie fiir diese Sokoln Gendar- 
merieverstarkung. Schreiben Sie einen kurzen Bericht fiir die Statthal- 
terei, geben Sie ihn mir morgen. Vielleicht miissen wir uns mit der 
Militarbehorde in Verbindung setzen. Der Gendarmerieposten hat je- 
denfalls ab morgen Bereitschaft. Ich mochte gern einen knappen Aus- 
zug aus dem letzten Ministerialerlafl betreffend Bereitschaft haben.« 
»Jawohl, Herr Bezirkshauptmann!« 
»So. 1st der Doktor Sribny schon dagewesen?« 
»Er ist gleich zu Jacques gerufen worden.« 
»Ich hatte ihn gern gesprochen.« 

Der Bezirkshauptmann beriihrte heute kein Aktenstiick mehr. Da- 
mals, in den ruhigen Jahren, als er angefangen hatte, sich in der Be- 
zirkshauptmannschaft einzurichten, hatte es noch keine Autonomi- 
sten, keine Sozialdemokraten und verhaltnismafiig wenig »verdachtige 
Individuen« gegeben. Es war auch im langsamen Laufe der Jahre kaum 
zu merken, wie sie wuchsen, sich ausbreiteten und gefahrlich wurden. 
Es war nun dem Bezirkshauptmann, als machte ihn erst die Erkran- 
kung Jacques' mit einemmal auf die grausamen Veranderungen der 
Welt aufmerksam und als bedrohte der Tod, der jetzt am Bettrand des 
alten Dieners sitzen mochte, nicht diesen allein. Wenn Jacques stirbt, 



272 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

fiel es dem Bezirkshauptmann ein, so stirbt gewissermafien der Held 
von Solferino noch einmal und vielleicht - und hier stockte eine Se- 
kunde das Herz des Herrn von Trotta - derjenige, den der Held von 
Solferino vor dem Tode bewahrt hatte. Oh! Nicht nur Jacques war 
heute krank geworden! Uneroffnet lagen noch die Briefe vor dem Be- 
zirkshauptmann auf dem Schreibtisch: Wer weifi, was sie enthalten 
mochten! Unter den Augen der Behorden und der Gendarmerie ver- 
sammelten sich die Sokoln im Innern des Reiches. Diese Sokoln, die 
der Bezirkshauptmann fiir sich »Sokolisten« nannte, wie um aus ihnen, 
die eine grofie Gruppe unter den slawischen Volkern darstellten, eine 
Art kleinerer Partei zu machen, gaben nur vor, Turner zu sein und die 
Muskeln zu kraftigen. In Wirklichkeit waren sie Spione oder Rebellen, 
vom Zaren bezahlt. Im »Fremdenblatt« hatte man gestern noch lesen 
konnen, dafi die deutschen Studenten in Prag die »Wacht am Rhein« 
gelegentlich singen, diese Hymne der Preufien, der mit Osterreich ver- 
biindeten Erbfeinde Osterreichs. Auf wen konnte man sich da noch 
verlassen? Den Bezirkshauptmann frostelte es. Und zum erstenmal, 
seitdem er in dieser Kanzlei zu arbeiten angefangen hatte, ging er an 
einem unleugbar warmen Friihlingstag zum Fenster und schlofi es. 
Den Bezirksarzt, der in dies em Augenblick eintrat, fragte Herr von 
Trotta nach dem Befinden des alten Jacques. Doktor Sribny sagte: 
»Wenn's eine Lungenentziindung wird, halt er's nicht durch. Er ist 
sehr alt. Er hat jetzt vierzig Fieber. Er hat um den Geistlichen gebe- 
ten.« Der Bezirkshauptmann beugte sich iiber den Tisch. Er furchtete, 
Doktor Sribny konnte irgendeine Veranderung in seinem Angesicht 
wahrnehmen, und er fuhlte, daft sich in der Tat irgend etwas in seinem 
Angesicht zu verandern begann. Er zog die Schublade auf, holte die 
Zigarren hervor und bot sie dem Doktor an. Er wies stumm auf den 
Lehnstuhl. Jetzt rauchten beide. »Sie haben also wenig Hoffnung?« 
fragte Herr von Trotta endlich. »Eigentlich sehr wenig, um die Wahr- 
heit zu sagen!« erwiderte der Doktor. »In diesem Alter — « Er vollen- 
dete den Satz nicht und sah den Bezirkshauptmann an, als wollte er 
erkennen, ob der Herr um vieles jiinger sei als der Diener. »Er ist nie 
krank gewesen!« sagte der Bezirkshauptmann, als ware das eine Art 
Milderungsgrund und der Doktor eine Instanz, von der das Leben ab- 
hing. »Ja, ja«, sagte der Doktor nur. »Das kommt vor. Wie alt mag er 
sein ?« Der Bezirkshauptmann dachte nach und sagte: »An die acht- 
undsiebzig bis achtzig.« »Ja«, sagte Doktor Sribny, »so hab' ich ihn 



RADET2KYMARSCH 273 

auch geschatzt. Das heifit: erst heute. Solang einer herumlauft, denkt 
man, er wird ewig leben!« 

Hierauf erhob sich der Bezirksarzt und ging an seine Arbeit. 
Herr von Trotta schrieb auf einen Zettel: »Ich bin in der Wohnung 
Jacques'«, legte das Papier unter einen Briefbeschwerer und ging in 
den Hof. 

Er war noch niemals in Jacques 5 Wohnung gewesen. Sie lag, ein winzi- 
ges Hauschen mit einem allzu grofien Schornstein auf dem Dachlein, 
an die riickwartige Hofmauer angebaut. Sie hatte drei Wande aus gelb- 
lichen Ziegeln und eine braune Tiir in der Mitte. Man betrat zuerst die 
Kiiche und dann durch eine Glastiir die Wohnstube. Jacques' zahmer 
Kanarienvogel stand auf dem Kuppelknauf seines Kafigs, neben dem 
Fenster mit der etwas kurzen, weifien Gardine, hinter der die Scheibe 
ausgewachsen erschien. Der glattgehobelte Tisch war an die Wand ge- 
riickt. Uber ihm hing eine blaue Petroleumlampe, mit rundem Spiegel 
und Lichtverstarker. Die Heilige Mutter Gottes stand in einem grofien 
Rahmen auf dem Tisch, gegen die Mauer gelehnt, wie etwa Portrats 
von Verwandten aufgestellt werden. Im Bett, mit dem Kopf gegen die 
Fensterwand, unter einem weifien Berg von Tiichern und Kissen, lag 
Jacques. Er glaubte, der Priester sei gekommen, und seufzte tief und 
befreit, als kame schon zu ihm die Gnade. »Ach, Herr Baron !« sagte er 
dann. Der Bezirkshauptmann trat nahe an den Alten. In einem ahnli- 
chen Zimmer, in den Ubikationen der Laxenburger Invaliden, war der 
Grofivater des Bezirkshauptmanns aufgebahrt gelegen, der Wachtmei- 
ster der Gendarmerie. Der Bezirkshauptmann sah noch den gelben 
Glanz der grofien, weifien Kerzen im Halbdammer des verhangten 
Zimmers, und die iibergrofien Stiefelsohlen der festlich bekleideten 
Leiche erhoben sich hart vor seinem Angesicht. Kam nun bald an 
Jacques die Reihe? Der Alte stiitzte sich auf den Ellenbogen. Er trug 
eine gestickte Schlafmutze aus dunkelblauer Wolle, zwischen den 
dichten Maschen schimmerte sein silbernes Kopfhaar. Sein glattrasier- 
tes Angesicht, knochig und vom Fieber gerotet, erinnerte an gefarbtes 
Elfenbein. Der Bezirkshauptmann setzte sich auf einen Stuhl neben 
dem Bett und sagte: »Na, das ist ja nicht so schlimm, sagt mir eben der 
Doktor. Wird ein Katarrh sein!« »Jawohl, Herr Baron!« erwiderte 
Jacques und machte unter der Decke einen schwachen Versuch, die 
Fersen zusammenzuschlagen. Er setzte sich aufrecht. »Ich bitte um 
Entschuldigung!« fiigte er hinzu. »Morgen, denk' ich, wind's vorbei 



274 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sein!« »In einigen Tagen, ganz gewifi!« »Ich warte auf den Geistlichen, 
Herr Baron!« »Ja, ja«> sagte Herr von Trotta, »er wird schon kommen. 
Dazu ist noch lange 2eit!« »Er ist schon unterwegs!« erwiderte 
Jacques in einem Ton, als sahe er den Geistlichen mit eigenen Augen 
naher kommen. »Er kommt schon«, fuhr er fort, und er schien plotz- 
lich nicht mehr zu wissen, dafi der Bezirkshauptmann neben ihm saE. 
»Wie der selige Herr Baron gestorben ist«, sprach er weiter, »haben 
wir alle nichts gewufit. Am Morgen, oder war's ein Tag vorher, ist er 
noch in den Hof gekommen und hat gesagt: Jacques, wo sind die 
Stiefel?< Ja, ein Tag vorher ist das gewesen. Und am Morgen hat er sie 
nicht mehr gebraucht. Der Winter hat dann gleich angefangen, es war 
ein ganz kalter Winter. Bis zum Winter, glaub' ich, wend' ich auch 
noch durchhalten. Bis zum Winter ist gar nicht mehr so weit, ein we- 
nig Geduld mufi ich halt haben. Jetzt haben wir schon Juli, also Juli, 
Juni, Mai, April, August, November, und zu Weihnachten, denk' ich, 
kann's ausgehn, abmarschieren, Kompanie, marsch!« Erhorte auf und 
sah mit grofien, glanzenden, blauen Augen durch den Bezirkshaupt- 
mann wie durch Glas. 

Herr von Trotta versuchte, den Alten sachte in die Polster zu drucken, 
aber Jacques' Oberkorper war steif und gab nicht nach. Nur sein Kopf 
zitterte, und seine dunkelblaue Nachtmutze zitterte ebenfalls unauf- 
horlich. Auf seiner gelben, hohen und knochigen Stirn glitzerten win- 
zige Schweifiperlchen. Der Bezirkshauptmann trocknete sie von Zeit 
zu Zeit mit seinem Taschentuch, es kamen aber immer wieder neue. Er 
nahm die Hand des alten Jacques, betrachtete die rotliche, schuppige 
und sprode Haut auf dem breiten Handriicken und den kraftigen, weit 
abstehenden Daumen. Dann legte er die Hand wieder sorgfaltig auf die 
Decke, ging in die Kanzlei zunick, befahl dem Amtsdiener, den Geist- 
lichen und eine Barmherzige Sch wester zu holen, Fraulein Hirschwitz, 
inzwischen bei Jacques zu wachen, liefi sich Hut, Stock und Hand- 
schuhe reichen und schritt zu dieser ungewohnten Stunde in den Park, 
zur Uberraschung aller, die sich dort befanden. 

Es trieb ihn aber bald aus dem tiefen Schatten der Kastanien ins Haus 
zuriick. Als er sich seiner Tiir naherte, vernahm er das silberne Gelaute 
des Priesters mit dem Allerheiligsten. Er zog den Hut und neigte den 
Kopf und verharrte so vor dem Eingang. Manche der Voriibergehen- 
den blieben ebenfalls stehn. Nun verlieft der Priester das Haus. Einige 
warteten, bis der Bezirkshauptmann im Hausflur verschwunden war, 



RADETZKYMARSCH 275 

folgten ihm neugierig und erfuhren vom Amtsdiener, dafi Jacques im 
Sterben liege. Man kannte ihn im Stadtchen. Und man widmete dem 
Alten, der von dannen schied, ein paar Minuten ehrfurchtigen Schwei- 
gens. 

Der Bezirkshauptmann durchschritt geradewegs den Hof und trat in 
das Zimmer des Sterbenden. Bedachtig suchte er in der dunklen Ku'che 
nach einem Platz fur Hut, Stock und Handschuhe, versorgte schliefi- 
lich alles in den Fachern der Etagere, zwischen Topfen und Tellern. Er 
schickte Fraulein Hirschwitz hinaus und setzte sich ans Bett. Die 
Sonne stand nun so hoch am Himmel, daft sie den ganzen weiten Hof 
der Bezirkshauptmannschaft erfullte und durch das Fenster in Jacques' 
Stube fiel. Die weifie, kurze Gardine hing jetzt wie ein frohliches, be- 
sonntes Schurzchen vor den Scheiben. Der Kanarienvogel zwitscherte 
munter und ohne Unterlafi; die nackten, blanken Dielenbretter leuch- 
teten gelblich im Sonnenglanz; ein breiter, silberner Sonnenstreifen lag 
iiber dem Fuftende des Bettes, der untere Teil der weifien Bettdecke 
zeigte nunmehr eine starkere, gleichsam himmlische Weifle, und zuse- 
hends kletterte der Sonnenstreifen auch die Wand empor, an der das 
Bett stand. Von Zeit zu Zeit ging ein sanfter Wind im Hof durch die 
paar alten Baume, die dort die Mauern entlang aufgestellt waren und 
die so alt sein mochten wie Jacques oder noch alter und die ihn jeden 
Tag in ihrem Schatten beherbergt hatten. Der Wind ging, und ihre 
Kronen sauselten, und Jacques schien es zu wissen. Denn er erhob sich 
und sagte: »Bitte, Herr Baron, das Fenster! « Der Bezirkshauptmann 
klinkte das Fenster auf, und sofort drangen die heiteren, maienhaften 
Gerausche des Hofes ins kleine Zimmer. Man horte das Sauseln der 
Baume, den sachten Atem des Windchens, das ubermutige Summen 
der funkelnden spanischen Fliegen und das Trillern der Lerchen aus 
blauen, unendlichen Hohen. Der Kanarienvogel schwang sich hinaus, 
aber nur, um zu zeigen, daft er noch fliegen konne. Denn er kam nach 
ein paar Augenblicken wieder, setzte sich aufs Fensterbrett und be- 
gann, mit verdoppelter Kraft zu schmettern. Frohlich war die Welt, 
drinnen und drauflen. Und Jacques beugte sich aus dem Bett, lauschte 
regungslos, die Schweifiperlchen glitzerten auf seiner harten Stirn, und 
sein schmaler Mund offnete sich langsam. Zuerst lachelte er nur 
stumm. Dann kniff er die Augen zu, seine hageren, geroteten Wangen 
falteten sich an den Backenknochen, jetzt sah er aus wie ein alter 
Schelm, und ein diinnes Kichern kam aus seiner Kehle. Er lachte. Er 



276 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

lachte ohne Aufhoren; die Kissen zitterten leise, und das Bettgestell 
stohnte sogar ein wenig. Auch der Bezirkshauptmann schmunzelte. Ja, 
der Tod kam zum alten Jacques wie ein munteres Madchen im Friih- 
ling, und Jacques offnete den alten Mund und zeigte ihm die sparli- 
chen, gelben Zahne. Er hob die Hand, wies auf das Fenster und schiit- 
telte, immerfort kichernd, den Kopf. »Schoner Tag heute!« bemerkte 
der Bezirkshauptmann. »Da kommt er ja, da kommt er ja!« sagte 
Jacques. »Auf dem Schimmel, ganz weifl angezogen, warum reitet er 
denn so langsam? Schau, schau, wie langsam der reitet! Griifi Gott! 
Griifi Gott! Wollen S' nicht naher kommen? Kommen S' nur! Kom- 
men S' nur! Schon ist's heut, was?« Er zog die Hand zuriick, richtete 
den Blick auf den Bezirkshauptmann und sagte: »Wie langsam der rei- 
tet! Das kommt, weil er von driiben ist! Er ist schon lange tot und gar 
nicht mehr gewohnt, hier auf den Steinen herumzureiten! Ja, friiher! 
Weifit noch, wie der ausg'schaut hat? Ich mocht' das Bild sehn. Ob der 
sich wirklich verandert hat? Bring's her, das Bild, sei so gut, bring's 
her! Bitte, Herr Baron!« 

Der Bezirkshauptmann begriff sofort, daft es sich urn das Portrat des 
Helden von Solferino handelte. Er ging gehorsam hinaus. Er nahm auf 
der Treppe sogar zwei Stufen auf einmal, trat schnell ins Herrenzim- 
mer, stieg auf einen Stuhl und holte das Bild des Helden von Solferino 
vom Haken. Es war ein wenig verstaubt; er blies darauf und fuhr mit 
dem Taschentuch dariiber, mit dem er friiher die Stirn des Sterbenden 
getrocknet hatte. Auch jetzt schmunzelte der Bezirkshauptmann un- 
aufhorlich. Er war frohlich. Er war schon lange nicht mehr frohlich 
gewesen. Er ging eilends, das grofie Bildnis unter dem Arm, durch den 
Hof. Er trat an Jacques* Bett. Jacques schaute lange auf das Portrat, 
streckte den Zeigefinger aus, fuhr im Antlitz des Helden von Solferino 
herum und sagte endlich: »Halt's in die Sonne!« Der Bezirkshaupt- 
mann gehorchte. Er hielt das Portrat in den besonnten Streifen am 
Bettende, Jacques richtete sich auf und sagte: »Ja, genau so hat er aus- 
g'schaut!« und legte sich wieder in die Kissen. 

Der Bezirkshauptmann stellte das Bild auf den Tisch, neb en die Mutter 
Gottes, und kehrte ans Bett zuriick. »Da geht's bald aufwarts!« sagte 
Jacques lachelnd und zeigte auf den Suffit. »Hast noch lange Zeit!« 
erwiderte der Bezirkshauptmann. »Nein, nein!« sagte Jacques und 
lachte sehr hell. »Lang genug nab' ich Zeit gehabt. Jetzt geht's hinauf. 
Schau mal nach, wie alt ich bin. Ich hab's vergessen.« »Wo soil ich 



RADETZKYMARSCH 277 

nachsehn?« »Da unten!« sagte Jacques und deutete auf das Bettgestell. 
Es enthielt eine Schublade. Der Bezirkshauptmann zog sie heraus. Er 
sah ein sauber verschntirtes Packchen in braunem Packpapier, daneben 
eine runde Blechschachtel mit einem bunten, aber verblafiten Bild auf 
dem Deckel, das eine Schaferin mit weifter Periicke darstellte, und 
erinnerte sich, daf5 es eine jener Konfektschachteln war, die in seiner 
Kindheit unter manchen Weihnachtsbaumen der Kameraden gelegen 
hatten. »Hier ist das Biichlein!« sagte Jacques. Es war Jacques' Militar- 
buch. Der Bezirkshauptmann setzte den Zwicker auf und las: »Franz 
Xaver Joseph Kromichl.« »Ist das dein Biichl?« fragte Herr von 
Trotta. »Freilich!« sagte Jacques. »Aber du heifk ja Franz Xaver Jo- 
seph?« »Werd' schon so heif$en!« »Warum hast dich denn Jacques ge- 
nannt?« »Das hat er so befohlen!« »So«, sagte Herr von Trotta und las 
das Geburtsjahr. »Dann bist du also zweiundachtzig im August!« 
»Was ist denn heut?« »Der neunzehnte Mai!« »Wie lang haben wir 
noch bis August?« »Drei Monate!« »So!« sagte Jacques ganz ruhig und 
lehnte sich wieder zuriick. »Das erleb' ich also nicht mehr!« 
»Mach die Schachtel auf !« sagte Jacques, und der Bezirkshauptmann 
offnete die Schachtel. »Da liegt der heilige Antonius und der heilige 
Georg«, sprach Jacques weiter. »Die kannst du behalten. Dann ein 
Stuck Lohwurzel, gegen Fieber. Das gibst deinem Sohn, dem Carl Jo- 
seph. Griift ihn schon von mir! Das kann er brauchen, dort ist's sump- 
fig. Und jetzt mach's Fenster zu. Ich mocht' schlafen!« 
Es war Mittag geworden. Das Bett lag jetzt ganz im hellsten Sonnen- 
schein. An den Fenstern klebten reglos grofte spanische Fliegen, und 
der Kanarienvogel zwitscherte nicht mehr, sondern knabberte am 
Zucker. Zwolf Schlage drohnten vom Turm des Rathauses, ihr golde- 
nes Echo verhallte im Hof. Jacques atmete still. Der Bezirkshaupt- 
mann ging ins Speisezimmer. 

»Ich esse nicht !« sagte er zu Fraulein Hirschwitz. Er iiberblickte das 
Speisezimmer. Hier, an dieser Stelle, war Jacques immer mit der Platte 
gestanden, so war er an den Tisch getreten, und so hatte er sie darge- 
reicht. Herr von Trotta konnte heute nicht essen. Er ging in den Hof 
hinunter, setzte sich auf die Bank an der Wand unter das braune Ge- 
balk des holzernen Vorsprungs und wartete auf die Barmherzige 
Schwester. »Er schlaft jetzt !« sagte er, als sie kam. Der zarte Wind 
fachelte von Zeit zu Zeit voriiber. Der Schatten des Gebalks wurde 
langsam breiter und langer. Die Fliegen summten rings um den Bak- 



278 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kenbart des Bezirkshauptmanns. Von Zeit zu Zeit schlug er nach ihnen 
mit der Hand, und seine Manschette schepperte. Zum erstenmal, seit- 
dem er im Dienste seines Kaisers stand, tat er am hellichten Wochentag 
gar nichts. Er hatte niemals das Bediirfnis gehabt, einen Urlaub zu 
nehmen. Zum erstenmal erlebte er einen freien Tag. Er dachte fort- 
wahrend an den alten Jacques und war dennoch frohlich. Der alte 
Jacques starb, aber es war, als feierte er ein grofies Ereignis und der 
Bezirkshauptmann hatte aus diesem Anlafi seinen ersten Ferientag. 
Auf einmal horte er die Barmherzige Schwester aus der Tur treten. Sie 
erzahlte, dafi Jacques, anscheinend bei klarer Vernunft und ohne Fie- 
ber, aus dem Bett aufgestanden und eben im Begriff sei, sich anzu- 
ziehn. In der Tat erblickte der Bezirkshauptmann gleich darauf den 
Alten am Fenster. Er hatte Pinsel, Seife und Rasiermesser auf das Fen- 
sterbrett gelegt, wie er es an gesunden Tagen jeden Morgen zu tun 
pflegte, und den Handspiegel an der Fensterschnalle aufgehangt, und 
er war im Begriff, sich zu rasieren. Jacques offnete das Fenster, und mit 
seiner gesunden, gewohnten Stimme rief er: »Es geht mir gut, Herr 
Baron, ich bin ganz gesund, bitte um Entschuldigung, bitte, sich nicht 
zu inkommodieren!« 

»Na, dann ist alles gut! Das freut mich, freut mich aufierordentlich. 
Jetzt wirst du als Franz Xaver Joseph ein neues Leben beginnen!« 
»Ich bleib' lieber beim Jacques !« 

Herr von Trotta, von solch wunderbarem Ereignis erfreut, aber auch 
ein wenig ratios, kehrte auf seine Bank zuriick, bat die Barmherzige 
Schwester, fur alle Falle noch dazubleiben, und fragte sie, ob ihr derlei 
schnelle Heilungen bei so bejahrten Menschen bekannt seien. Die 
Schwester, die Blicke auf den Rosenkranz gesenkt und die Antwort 
mit den Fingern zwischen den Perlen hervorklaubend, erwiderte, daft 
Gesundung und Erkrankung, schnelle und langsame, in der Hand 
Gottes lagen; und Sein Wille hatte schon oft sehr schnell aus Sterben- 
den Lebendige gemacht. Eine wissenschaftlichere Antwort hatte dem 
Bezirkshauptmann besser gefallen. Und er beschlofi, morgen den Be- 
zirksarzt zu fragen. Vorlaufig ging er in die Kanzlei, von einer groEen 
Sorge zwar befreit, aber auch erfiillt von einer noch grofieren und un- 
erklarlichen Unruhe. Er konnte nicht mehr arbeiten. Dem Wachtmei- 
ster Slama, der schon lange auf ihn gewartet hatte, gab er Anweisungen 
fur das Fest der Sokoln, aber ohne Strenge und Nachdruck. Alle Ge- 
fahren, von denen der Bezirk W. und die Monarchic bedroht waren, 



RADETZKYMARSCH 279 

erschienen Herrn von Trotta auf einmal geringer als am Vormittag. Er 
verabschiedete den Wachtmeister, rief ihn aber gleich darauf zuriick 
und sagte: »H6ren Sie Slama, ist Ihnen schon so was zu Ohren gekom- 
men, der alte Jacques sieht heut vormittag aus, als ob er sterben miifk', 
und jetzt ist er wieder ganz vergniigt!« 

Nein, der Wachtmeister Slama hatte noch nie etwas Ahnliches gehort. 
Und auf die Frage des Bezirkshauptmanns, ob er den Alten sehen 
wolle, sagte Slama, er sei gewifi dazu bereit. Und beide gingen sie in 
den Hof. 

Da safi nun Jacques auf seinem Schemel, eine Reihe militarisch geord- 
neter Stiefelpaare vor sich, die Biirste in der Hand und in die holzerne 
Schachtel mit der Schuhwichse kraftig spuckend. Er wollte sich erhe- 
ben, als der Bezirkshauptmann vor ihm stand, konnte es aber nicht 
schnell genug und fiihlte auch schon die Hande Herrn von Trottas auf 
seinen Schultern. Heiter salutierte er mit der Biirste vor dem Wacht- 
meister. Der Bezirkshauptmann setzte sich auf die Bank, der Wacht- 
meister lehnte das Gewehr an die Wand und setzte sich ebenfalls, in 
gehoriger Entfernung; Jacques blieb auf seinem Schemel und putzte 
die Stiefel, wenn auch sanfter und langsamer ais sonst. In seiner Stube 
safi indessen betend die Barmherzige Schwester. 

»Jetzt is mir eingefallen«, sagte Jacques, »dafi ich heut Herrn Baron du 
gesagt hab*! Ich hab' mich plotzlich erinnert!« 
»Macht nix, Jacques!« sagte Herr von Trotta. »Das war das Fieber!« 
»Ja, da hab 5 ich halt als Leich' geredet. Und wegen Falschmeldung 
miissen S' mich einsperren, Herr Wachtmeister. Weil ich namlich 
Franz Xaver Joseph heifi'! Aber aufm Grabstein hatt' ich auch den 
Jacques gern drauf. Und mein Sparkassenbiichl liegt unterm Militar- 
biichl, da is was furs Begrabnis und eine heilige Mefi, und da heifl' ich 
aber wieder Jacques !« 

»Kommt Zeit, kommt Rat!« sagte der Bezirkshauptmann. »Wir kon- 
nen warten!« 

Der Wachtmeister lachte laut und wischte sich die Stirn. 
Jacques hatte alle Stiefel blank geputzt. Ihn frostelte ein wenig; er ging 
hinein, kam wieder, in seinen winterlichen Pelz gehullt, den er auch im 
Sommer trug, wenn es regnete, und setzte sich auf den Schemel. Der 
Kanarienvogel folgte ihm, flatternd iiber seinem silbernen Haupt, 
suchte eine Weile nach einem Platzchen, hockte sich auf die Reck- 
stange, auf der ein paar Teppiche hingen, und begann zu schmettern. 



280 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sein Gesang weckte Hunderte von Spatzenstimmen in den Kronen der 
wenigen Baume, und ein paar Minuten war die Luft erfullt von einer 
zwitschernden und pfeifenden lustigen Wirrnis. Jacques hob den Kopf 
und lauschte nicht ohne Stolz der siegreichen Stimme seines Kanarien- 
vogels, die alle andern ubertonte. Der Bezirkshauptmann lachelte. Der 
Wachtmeister lachte, das Taschentuch vor dem Mund, und Jacques 
kicherte. Die Schwester selbst horte mit dem Beten auf und lachelte 
durch das Fenster. Die goldene Nachmittagssonne lag schon auf dem 
holzernen Gebalk und spielte hoch oben in den griinen Kronen. Die 
Miicken tanzelten abendlich und mud, in zarten, runden Schwarmen, 
und manchmal surrte schwer ein Maikafer an den Sitzenden voriiber, 
geradewegs ins Laub und ins Verderben und wahrscheinlich in die of- 
fenen Schnabel der Spatzen. Der Wind ging starker. Jetzt schwiegen 
die Vogel. Tiefblau wurde der Ausschnitt des Himmels und rosa die 
weiften Wolkchen. 

»Jetzt gehst du ins Bett!« sagte Herr von Trotta zu Jacques. 
»Ich mud noch das Bild hinauftragen!« murmelte der Alte, ging und 
holte das Portrat des Helden von Solferino und verschwand im Dunkel 
der Treppe. Der Wachtmeister sah ihm nach und sagte: »Merkwiir- 
dig!« 

»Ja, recht merkwiirdig!« antwortete Herr von Trotta. 
Jacques kam zuriick und naherte sich der Bank. Er setzte sich ohne ein 
Wort und iiberraschend zwischen den Bezirkshauptmann und den 
Wachtmeister, offnete den Mund, atmete tief, und ehe sich noch beide 
ihm zugewandt hatten, sank sein alter Nacken auf die Lehne, seine 
Hande fielen auf den Sitz, sein Pelz offnete sich, seine Beine streckten 
sich starr, und die auf warts geschweif ten Pantoffelspitzen ragten in die 
Luft. Der Wind fuhr heftig und kurz durch den Hof. Sachte segelten 
oben die rotlichen Wolkchen dahin. Die Sonne war hinter der Mauer 
verschwunden. Der Bezirkshauptmann bettete den silbernen Schadel 
seines Dieners in seine linke Hand und tastete mit der Rechten nach 
dem Herzen des Ohnmachtigen. Der Wachtmeister stand erschrocken 
da, seine schwarze Mutze lag am Boden. Die Barmherzige Schwester 
kam mit breiten, eiligen Schritten. Sie nahm die Hand des Alten, hielt 
sie eine Weile zwischen den Fingern, legte sie sanft auf den Pelz und 
machte das Zeichen des Kreuzes. Sie sah den Wachtmeister still an. Er 
verstand und griff Jacques unter die Arme. Sie fafite seine Beine. So 
trugen sie ihn in die kleine Stube, legten ihn auf das Bett, falteten ihm 



RADETZKYMARSCH 2Sl 

die Hande und umwanden sie mit dem Rosenkranz und stellten ihm 
das Bild der Mutter Gottes zu Haupten. An seinem Bett knieten sie 
nieder, und der Bezirkshauptmann betete. Er hatte schon lange nicht 
mehr gebetet. Aus verschiitteten Tiefen seiner Kindheit kam ein Gebet 
zu ihm wieder, ein Gebet fur das Seelenheil toter Anverwandter, und 
dieses fliisterte er. Er erhob sich, warf einen Blick auf die Hose, fegte 
den Staub von den Knien und schritt hinaus, gefolgt vom Wachtmei- 
ster. 

»So mocht' ich einmal sterben, lieber Slama!« sagte er statt des ge- 
wohnlichen »Griifi Gott!« und ging ins Herrenzimmen 
Er schrieb die Anordnungen fur die Aufbahrung und das Begrabnis 
seines Dieners auf einen grofien Bogen Kanzleipapier, mit allem Be- 
dacht, wie ein Zeremonienmeister, Punkt fur Punkt, Abteilungen und 
Unterabteilungen. Er fuhr am nachsten Morgen, ein Grab zu suchen, 
auf den Friedhof, kaufte einen Grabstein und gab die Inschrift an: 
»Hier ruht in Gott Franz Xaver Joseph Kromichl, genannt Jacques, ein 
alter Diener und ein treuer Freund« und bestellte ein Leichenbegang- 
nis erster Klasse, mit vier Rappen und acht livrierten Begleitern. Er 
ging drei Tage spater zu Fuft hinter dem Sarg, als einziger Leidtragen- 
der, in gebiihrendem Abstand gefolgt vom Wachtmeister Slama und 
manchen andern, die sich anschlossen, weil sie Jacques gekannt hatten 
und besonders weil sie Herrn von Trotta zu Fufl sahen. So kam es, daft 
eine stattliche Anzahl von Leuten den alten Franz Xaver Joseph Kro- 
michl, genannt Jacques, zu Grabe geleitete. 

Von nun an erschien dem Bezirkshauptmann sein Haus verandert, leer 
und nicht mehr heimisch. Er fand die Post nicht mehr neben seinem 
Friihstiickstablett, und er zogerte audi, dem Amtsdiener neue Anwei- 
sungen zu geben. Er riihrte nicht mehr eine einzige seiner kleinen, 
silbernen Tischglocken an, und wenn er manchmal zerstreut die Hand 
nach ihnen ausstreckte, so streichelte er sie nur. Manchmal, am Nach- 
mittag, lauschte er auf und glaubte, den Geistesschritt des alten Jacques 
auf der Treppe zu vernehmen. Manchmal ging er in die kleine Stube, in 
der Jacques gelebt hatte, und reichte dem Kanarienvogel ein Stiickchen 
Zucker zwischen die Kafigstangen. 

Eines Tages, es war gerade vor dem Sokolfest und seine Anwesenheit 
im Amt nicht ohne Bedeutung, fafke er einen uberraschenden Ent- 
schlufi. 
Davon wollen wir im nachsten Kapitel berichten. 



282 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XI 

Der Bezirkshauptmann beschlofi, seinen Sohn in der fernen Grenzgar- 
nison zu besuchen. Fiir einen Mann von der Art Herrn von Trottas 
war es kein leichtes Unternehmen. Er hatte ungewohnliche Vorstel- 
lungen von der ostlichen Grenze der Monarchic Zwei seiner Schulkol- 
legen waren wegen peinlicher Verfehlungen im Amt in jenes feme 
Kronland versetzt worden, an dessen Randern man wahrscheinlich 
schon den sibirischen Wind heulen horte. Baren und Wolfe und noch 
schlimmere Ungeheuer wie Lause und Wanzen bedrohten dort den 
zivilisierten Osterreicher. Die ruthenischen Bauern opferten heidni- 
schen Gottern, und grausam wiiteten gegen fremdes Hab und Gut die 
Juden. Herr von Trotta nahm seinen alten Trommelrevolver mit. Die 
Abenteuer schreckten ihn keineswegs; vielmehr erlebte er jenes berau- 
schende Gefuhl aus langst verschiitteter Knabenzeit wieder, das ihn 
und seinen alten Freund Moser in die geheimnisvollen Waldgriinde auf 
dem vaterlichen Gut getrieben hatte, zur Jagd und in mitternachtlicher 
Stunde auf den Friedhof. Von Fraulein Hirschwitz nahm er wohlge- 
mut kurzen Abschied mit der unbestimmten und kuhnen Hoffnung, 
sie nie mehr wiederzusehen. Allein fuhr er zur Bahn. Der Kassierer 
hinter dem Schalter sagte: »Oh, endlich eine weite Reise. Gliickliche 
Fahrt!« Der Stationschef eilte auf den Perron. »Sie reisen dienstlich?« 
fragte er. Und der Bezirkshauptmann, in jener aufgeraumten Stim- 
mung, in der man gelegentlich gerne ratselhaft erscheinen mag, ant- 
wortete: »Sozusagen, Herr Stationschef! Man kann schon >dienstlich< 
sagen!« »Fiir langere Zeit?« »Noch unbestimmt.« »Werden wahr- 
scheinlich auch Ihren Sohn besuchen?« »Wenn es sich machen lafit!« - 
Der Bezirkshauptmann stand am Fenster und winkte mit der Hand. Er 
nahm heitern Abschied von seinem Bezirk. Er dachte nicht an die 
Riickkehr. Er las im Kursbuch noch einmal alle Stationen. »In Oder- 
berg umsteigen!« wiederholte er fiir sich. Er verglich die angegebenen 
mit den wirklichen Ankunfts- und Abfahrtszeiten und seine Taschen- 
uhr mit alien Bahnhofsuhren, an denen der Zug voriiberfuhr. Merk- 
wiirdigerweise erfreute, ja erfrischte jede Unregelmafiigkeit sein Herz. 
In Oderberg liefi er einen Zug aus. Neugierig, nach alien Seiten Um- 
schau haltend, ging er iiber die Bahnsteige, durch die Wartesale und ein 
bifichen auch auf dem langen Weg zur Stadt. In den Bahnhof zuriick- 
gekehrt, tat er, als hatte er sich wider Willen verspatet, und sagte aus- 



RADETZKYMARSCH 283 

driicklich dem Portier: »Ich habe meinen Zug versaumt!« Es ent- 
tauschte ihn, dafi sich der Portier nicht wunderte. Er muftte in Krakau 
noch einmal umsteigen. Das war ihm willkommen. Wenn er Carl Jo- 
seph nicht die Ankunft angegeben hatte und wenn in jenem »gefahrli- 
chen Nest« zwei Ziige taglich angekommen waren, hatte er gerne noch 
eine Rast gemacht, um die Welt zu betrachten. Immerhin, auch durch 
das Fenster liefi sie sich in Augenschein nehmen. Der Fruhling griifite 
ihn die ganze Fahrt entlang. Am Nachmittag kam er an. In munterer 
Gelassenheit stieg er vom Trittbrett mit jenem »elastischen Schritt«, 
den die Zeitungen dem alten Kaiser nachzunihmen pflegten und den 
allmahlich viele altliche Staatsbeamte gelernt hatten. Denn es gab um 
jene Zeit in der Monarchic eine ganz besondere, seither vollig verges- 
sene Art, Eisenbahnen und Gefahrte zu verlassen, Gaststatten, Perrons 
und Hauser zu betreten, sich Angehorigen und Freunden zu nahern; 
eine Art des Schreitens, die vielleicht auch von den schmalen Hosen 
der alteren Herren bestimmt wurde und von den Gummistegen, die 
viele von ihnen noch um die Zugstiefel zu schnallen liebten. Mit die- 
sem besonderen Schritt verlieft also Herr von Trotta den Waggon. Er 
umarmte seinen Sohn, der sich vor dem Trittbrett aufgestellt hatte. 
Herr von Trotta war der einzige Fremde, der heute den Waggon erster 
und zweiter Klasse verliefi. Ein paar Urlauber und Eisenbahner und 
Juden in langen, schwarzen, flatternden Gewandern kamen aus der 
dritten. Alle sahen auf den Vater und den Sohn. Der Bezirkshaupt- 
mann beeilte sich, in den Wartesaal zu gelangen. Hier kiifite er Carl 
Joseph auf die Stirn. Am Biifett bestellte er zwei Cognacs. An der 
Wand, hinter den Regalen mit den Flaschen, hing der Spiegel. Wah- 
rend sie tranken, betrachteten Vater und Sohn ihre Gesichter. »Ist der 
Spiegel so miserabel«, fragte Herr von Trotta, »oder siehst du wirklich 
so schlecht aus?« Bist du wirklich so grau geworden? hatte Carl Joseph 
gerne gefragt. Denn er sah viel Silber im dunklen Backenbart und an 
den Schlafen des Vaters schimmern. »Lafi dich anschaun!« fuhr der 
Bezirkshauptmann fort. »Das ist allerdings nicht der Spiegel! Das ist 
der Dienst hier, vielleicht?! Geht's schlimm?!« Der Bezirkshauptmann 
stellte fest, daE sein Sohn nicht so aussah, wie ein junger Leutnant 
auszusehen hatte. Krank ist er vielleicht, dachte der Vater. Es gab 
aufier den Krankheiten, an denen man starb, nur noch jene schreckli- 
chen Krankheiten, von denen Offiziere dem Vernehmen nach nicht 
selten befallen wurden. »Darfst auch Cognac trinken?« fragte er, um 



284 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auf Umwegen den Sachverhalt aufzuklaren. »Ja, gewifi, Papa«, sagte 
der Leutnant. Diese Stimme, die ihn vor Jahren gepriift hatte, an den 
stillen Sonntagvormittagen, sie lag ihm noch in den Ohren, diese nasale 
Stimme des Staatsbeamten, die strenge, immer ein wenig verwunderte 
und forschende Stimme, vor der jede Luge noch auf der Zunge erstarb. 
»Gefallt's dir bei der Infanterie?« »Sehr gut, PapaU »Und dein Pferd?« 
»Hab' ich mitgenommen, Papa!« »Reitest oft?« »Selten, Papa!« 
»Magst nicht?« »Nein, ich hab's nie gemocht, Papa!« »H6r auf mit 
dem >Papa<«, sagte plotzlich Herr von Trotta. »Bist schon groft genug! 
Und ich hab' Ferien!« 

Sie fuhren in die Stadt. »Na, gar so wild ist es hier nicht!« sagte der 
Bezirkshauptmann. »Amusiert man sich hier?« 
»Sehr viel!« sagte Carl Joseph. »Beim Graf en Chojnicki. Da kommt 
alle Welt zusammen. Du wirst ihn sehen. Ich hab* ihn sehr gern.« 
»Das war' also der erste Freund, den du je gehabt hast?« 
»Der Regimentsarzt Max Demant war's auch«, erwiderte Carl Joseph. 
»Hier ist dein Zimmer, Papa!« sagte der Leutnant. »Die Kameraden 
wohnen hier und machen manchmal Larm in der Nacht. Aber es gibt 
kein anderes Hotel. Sie werden sich auch zusammennehmen, solang du 
da bist!« 

»Macht nix, macht nix!« sagte der Bezirkshauptmann. 
Er packte aus dem Koffer eine runde Blechdose, offnete den Deckel 
und zeigte sie Carl Joseph. »Da ist so eine Wurzel - soil gegen Sumpf- 
fieber gut sein. Jacques schickt sie dir!« 
»Was macht er?« 

»Er ist schon driibenU Der Bezirkshauptmann zeigte auf die Decke. 
»Er ist driibenU wiederholte der Leutnant. Dem Bezirkshauptmann 
war es, als sprache ein alter Mann. Der Sohn mochte viele Geheimnisse 
haben. Der Vater kannte sie nicht. Man sagte: Vater und Sohn, aber 
zwischen beiden lagen viele Jahre, grofie Berge! Man wufite nicht viel 
mehr von Carl Joseph als von einem andern Leutnant. Er war zur 
Kavallerie eingeriickt und hatte sich dann zur Infanterie transferieren 
lassen. Die griinen Aufschlage der Jager trug er statt der roten der 
Dragoner. Nun ja! Mehr wufite man nicht! Man wurde offenbar alt. 
Man wurde alt. Man gehorte nicht ganz dem Dienst mehr und nicht 
den Pflichten! Man gehorte zu Jacques und zu Carl Joseph. Man 
brachte die steinharte, verwitterte Wurzel von einem zum andern. 
Der Bezirkshauptmann offnete den Mund, immer noch gebeugt uber 



RADETZKYMARSCH 285 

den Koffer. Er sprach in den Koffer hinein wie in ein offenes Grab. 
Aber er sagte nicht, wie er gewollt hatte: Ich hab* dich lieb, mein 
Sohn!, sondern: »Er ist sehr leicht gestorben! Es war ein echter Mai- 
abend, und alle Vogel haben gepfiffen. Erinnerst dich an den Kanarien- 
vogel? Der hat am lautesten gezwitschert. Jacques hat alle Stiefel ge- 
putzt. Dann erst ist er gestorben, im Hof, auf der Bank! Der Slama ist 
auch dabeigewesen. Am Vormittag nur hat er Fieber gehabt. Ich soil 
dich schon griifien!« 

Dann blickte der Bezirkshauptmann vom Koffer auf und sah seinem 
Sohn ins Gesicht: 

»Genauso mocht' ich auch einmal sterben!« 

Der Leutnant ging in sein Zimmer, offnete den Schrank und legte in 
die oberste Lade das Sttickchen Wurzel gegen Fieber, neben die Briefe 
Katharinas und den Sabel Max Demants. Er zog die Taschenuhr des 
Doktors. Er glaubte, den diinnen Sekundenzeiger hurtiger als je einen 
andern liber das winzige Rund kreisen zu sehn und heftiger das klin- 
gende Ticken zu vernehmen. Die Zeiger hatten kein Ziel, das Ticken 
hatte keinen Sinn. Bald werde ich auch Papas Taschenuhr ticken ho- 
ren, er wird sie mir vermachen. In meiner Stube wird das Portrat des 
Helden von Solferino hangen und der Sabel Max Demants und ein 
Erbstiick von Papa. Mit mir wird alles begraben. Ich bin der letzte 
Trotta! 

Er war jung genug, um sulk Wollust aus seiner Trauer zu schopfen 
und aus der Sicherheit, der Letzte zu sein, eine schmerzliche Wiirde. 
Von den nahen Siimpfen kam das breite und schmetternde Quaken der 
Frosche. Die untergehende Sonne rotete Mobel und Wande des Zim- 
mers. Man horte einen leichten Wagen heranrollen, das weiche Ge- 
trapp der Hufe auf der staubigen Strafte. Der Wagen hielt, eine stroh- 
gelbe Britschka, das sommerliche Vehikel des Grafen Chojnicki. Drei- 
mal unterbrach seine knallende Peitsche den Gesang der Frosche. 
Er war neugierig, der Graf Chojnicki. Keine andere Leidenschaft als 
die Neugierde schickte ihn auf Reisen in die weite Welt, fesselte ihn an 
die Tische der grofien Spielsale, schloft ihn hinter die Turen seines alten 
Jagdpavillons, setzte ihn auf die Bank der Parlamentarier, gebot ihm 
jeden Fruhling die Heimkehr, lieft ihn seine gewohnten Feste feiern 
und verstellte ihm den Weg zum Selbstmord. Lediglich die Neugierde 
erhielt ihn am Leben. Er war unersattlich neugierig. Der Leutnant 
Trotta hatte ihm erzahlt, daft er seinen Vater, den Bezirkshauptmann, 



286 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

erwarte; und obwohl Graf Chojnicki ein gutes Dutzend osterreichi- 
scher Bezirkshauptleute kannte und zahllose Vater von Leutnants, war 
er dennoch begierig, den Bezirkshauptmann Trotta kennenzulernen. 
»Ich bin der Freund Ihres Sohnes«, sagte Chojnicki. »Sie sind mein 
Gast. Ihr Sohn wird es Ihnen gesagt haben! Ich habe Sie iibrigens 
schon irgendwo gesehn. Sind Sie nicht mit dem Doktor Swoboda im 
Handelsministerium bekannt?« »Wir sind Schulkollegen!« »Na also!« 
rief Chojnicki. »Das ist mein guter Freund, der Swoboda. Etwas ver- 
teppert mit der Zeit! Aber ein feiner Mann! Gestatten Sie mir, ganz 
aufrichtig zu sein? - Sie erinnern mich an Franz Joseph. « 
Es wurde einen Augenblick still. Der Bezirkshauptmann hatte niemals 
den Namen des Kaisers ausgesprochen. Bei feierhchen Anlassen sagte 
man: Seine Majestat. Im gewdhnlichen Leben sagte man: der Kaiser. 
Dieser Chojnicki aber sagte: Franz Joseph, wie er soeben Swoboda 
gesagt hatte. »Ja, Sie erinnern mich an Franz Josephs wiederholte 
Chojnicki. 

Sie fuhren. Zu beiden Seiten larmten die unendlichen Chore der Fro- 
sche, dehnten sich die unendlichen, blaugriinen Sumpfe. Der Abend 
schwamm ihnen entgegen, violett und golden. Sie horten das weiche 
Rollen der Rader im weichen Sande des Feldwegs und das helle Knir- 
schen der Achsen. Chojnicki hielt vor dem kleinen Jagdpavillon. 
Die riickwartige Wand lehnte sich an den dunklen Rand des Tannen- 
waldes. Von der schmalen Strafte war er durch einen kleinen Garten 
und ein steinernes Gitter getrennt. Die Hecken, die an beiden Seiten 
den kurzen Weg vom Gartengitter zum Hauseingang saumten, waren 
seit langer Zeit nicht beschnitten worden; so wucherten sie in wilder 
Willkiir hier und da iiber den Weg, bogen ihre Zweige einander entge- 
gen und erlaubten zwei Menschen nicht gleichzeitig den Durchgang. 
Also gingen die drei Manner hintereinander, ihnen folgte das Pferd 
gehorsam, zog das Wagelchen nach, schien mit diesem Pfad vertraut zu 
sein und wie ein Mensch im Pavilion zu wohnen. Hinter den Hecken 
dehnten sich weite Flachen, von Distelbluten bewachsen, von den 
breiten, dunkelgriinen Gesichtern des Huflattichs iiberwacht. Rechts 
erhob sich ein abgebrochener steinerner Pfeiler, Uberrest eines Turms 
vielleicht. Wie ein machtiger, abgebrochener Zahn wuchs der Stein aus 
dem Schoft des Vorgartens gegen den Himmel, mit vielen dunkelgrii- 
nen Moosflecken und schwarzen, zarten Rissen. Das schwere holzerne 
Tor zeigte das Wappen der Chojnickis, ein dreifach geteiltes, blaues 



RADETZKYMARSCH 287 

Schild mit drei goldenen Hirschbocken, deren Geweihe unentwirrbar 
ineinander verwachsen waren. Chojnicki ziindete Licht an. Sie standen 
in einem weiten, niedrigen Raum. Noch fiel der letzte Dammer des 
Tages durch die schmalen Ritzen der griinen Jalousien. Der gedeckte 
Tisch unter der Lampe trug Teller, Flaschen, Kriige, silbernes Besteck 
und Terrinen. »Ich hab' mir erlaubt, Ihnen einen kleinen Imbift vorzu- 
bereiten!« sagte Chojnicki. Er schuttete den wasserklaren Neunziggra- 
digen in drei kleine Glaschen, reichte zwei den Gasten und erhob 
selbst das dritte. Alle tranken. Der Bezirkshauptmann war etwas ver- 
wirrt, als er das Glaschen wieder auf den Tisch stellte. Immerhin wi- 
dersprach die Wirklichkeit der Speisen dem geheimnisvollen Wesen 
des Pavilions, und der Appetit des Bezirkshauptmanns war grofier als 
seine Verwirrung. Die braune Leberpastete, von pechschwarzen Triif- 
feln durchsetzt, stand in einem glitzernden Kranz aus frischen Eiskri- 
stallen. Die zarte Fasanenbrust ragte einsam im schneeigen Teller, um- 
geben von einem bunten Gefolge aus griinen, roten, weifien und gel- 
ben Gemiisen, jedes in einer blaugoldgeranderten und wappenverzier- 
ten Schiissel. In einer geraumigen kristallenen Vase wimmelten Millio- 
nen schwarzgrauer Kaviarperlchen, umrandet von goldenen Zitronen- 
scheiben. Und die runden, rosafarbenen Schinkenrader, von einer gro- 
fien, silbernen, dreizackigen Gabel bewacht, reihten sich gehorsam an- 
einander auf langlicher Schiissel, begleitet von rotbackigen Radieschen, 
die an kleine, knusprige Dorfmadchen erinnerten. Gekocht, gebraten 
und mit siifi-sauerlichen Zwiebeln mariniert, lagen die fetten, breiten 
Karpfenstiicke und die schmalen, schliipfrigen Hechte auf Glas, Silber 
und Porzellan. Runde Brote, schwarz, braun und weift, ruhten in ein- 
fachen, landlich geflochtenen Strohkorbchen wie Kinder in Wiegen, 
kaum sichtbar zerschnitten, und die Scheiben so kunstvoll wieder an- 
einandergefiigt, daft die Brote heil und ungeteilt aussahen. Zwischen 
den Speisen standen fette, bauchige Flaschen und schmale, hochge- 
wachsene, vier- und sechskantige Kristallkaraffen und glatte, runde; 
solche mit langen und andere mit kurzen Halsen; mit und ohne Etiket- 
ten; und alle gefolgt von einem Regiment vielgestaltiger G laser und 
Glaschen. 

Sie begannen zu essen. 

Dem Bezirkshauptmann war diese ungewohnliche Art, zu einer unge- 
wohnlichen Stunde einen »Imbi£« einzunehmen, ein aufkrst angeneh- 
mes Anzeichen fur die auftergewohnlichen Sitten der Grenze. In der 



288 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

alten kaiser- und koniglichen Monarchic waren selbst spartanische Na- 
turen wie Herr von Trotta beachtenswerte Liebhaber von Geniissen. 
Es war schon eine geraume Zeit seit dem Tage verflossen, an dem der 
Bezirkshauptmann auflergewohnlich gegessen hatte. Der Anlafi war 
damals das Abschiedsfest des Statthalters, des Fiirsten M., gewesen, 
der mit einem ehrenvollen Auftrag in die frisch okkupierten Gebiete 
von Bosnien und Herzegowina abgegangen war, dank seinen beruhmt 
gewordenen Sprachkenntnissen und seiner angeblichen Kunst, »wilde 
Volker zu zahmen«. Ja, damals hatte der Bezirkshauptmann unge- 
wohnlich gegessen und getrunken! Und dieser Tag, neben andern 
Trink- und Gelagetagen, hatte sich in seiner Erinnerung ebenso stark 
erhalten wie die besonderen Tage, an denen er eine Belobung der Statt- 
halterei bekommen hatte, wie die Tage, an denen er zum Bezirksober- 
kommissar und spater zum Bezirkshauptmann ernannt worden war. 
Die Vorziiglichkeit der Nahrung schmeckte er mit den Augen wie an- 
dere mit dem Gaumen. Sein Blick schweifte ein paarmal iiber den rei- 
chen Tisch und genofi und verweilte hier und dort im Geniefien. Er 
hatte die geheimnisvolle, ja etwas unheimliche Umgebung beinahe ver- 
gessen. Man afi. Man trank aus den verschiedenen Flaschen. Und der 
Bezirkshauptmann lobte alles, indem er, sooft er von einer Speise zur 
andern uberging, »delikat« und »ausgezeichnet« sagte. Sein Angesicht 
rotete sich langsam. Und die Flugel seines Backenbartes bewegten sich 
fortwahrend. 

»Ich habe die Herren hierher eingeladen«, sagte Chojnicki, »weil wir 
im >neuen Schlofi< nicht ungestort gewesen waren. Dort ist meine Tiir 
sozusagen immer offen, und alle meine Freunde konnen kommen, 
wann sie wollen. Sonst pflege ich hier nur zu arbeiten.« 
»Sie arbeiten?« fragte der Bezirkshauptmann. »Ja«, sagte Chojnicki, 
»ich arbeite. Ich arbeite sozusagen zum Spafi. Ich setze nur die Tradi- 
tion meiner Vorfahren fort, ich meine es, offen gestanden, gar nicht 
immer so ernst, wie es noch mein Grofivater gemeint hat. Die Bauern 
dieser Gegend haben ihn fur einen machtigen Zauberer gehalten, und 
vielleicht ist er auch einer gewesen. Mich selbst halten sie auch fur 
einen, ich bin es nicht. Es ist mir bis jetzt noch nicht gelungen, auch 
nur ein Staubchen herzustellen!« 

»Ein Staubchen ?« fragte der Bezirkshauptmann, »wovon ein Staub- 
chen ?« »Von Gold natiirlich!« sagte Chojnicki, als handele es sich um 
die selbstverstandlichste Sache von der Welt. 



RADET2KYMARSCH 289 

»Ich verstehe was von Chemie«, fuhr er fort, »es ist ein altes Talent in 

unserer Familie. Ich habe hier an den Wanden, wie Sie sehen, die alte- 

sten und die modernsten Apparate.« Er zeigte auf die Wande. Der 

Bezirkshauptmann sah sechs Reihen holzerner Regale an jeder Wand. 

Auf den Regalen standen Morser, kleine und grofie Papiersackchen, 

glaserne Behalter wie in altertiimlichen Apotheken, merkwiirdige Ku- 

geln aus Glas, gefiillt mit bunten Fliissigkeiten, Lampchen, Gasbren- 

ner und Rohren. 

»Sehr seltsam, seltsam, seltsam!« sagte Herr von Trotta. 

»Und ich kann selber nicht genau sagen«, fuhr Chojnicki fort, »ob ich 

es ernst meine oder nicht. Ja, manchmal ergreift mich die Leidenschaft, 

wenn ich am Morgen hierherkomme, und ich lese in den Rezepten 

meines Grofivaters und gehe hin und probiere und lache mich selber 

aus und gehe fort. Und komme immer wieder her und probiere immer 

wieder.« 

» Seltsam, seltsam !« wiederholte der Bezirkshauptmann. 

»Nicht seltsamer«, sagte der Graf, »als alles andere, was ich sonst ma- 

chen konnte. Soil ich Kultus- und Unterrichtsminister werden? Man 

hat's mir nahegelegt. Soil ich Sektionschef im Ministerium des Innern 

werden? Man hat's mir ebenfalls nahegelegt. Soil ich an den Hof, ins 

Obersthofmeisteramt? Auch das kann ich, Franz Joseph kennt 

mich « 

Der Bezirkshauptmann riickte seinen Stuhl um zwei Zoll zuriick. 
Wenn Chojnicki den Kaiser so vertraulich beim Namen nannte, als 
ware er einer jener lacherlichen Abgeordneten, die seit der Einfuhrung 
des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts im Parlament sa- 
15en, oder als ware er, im besten Falle, schon tot und eine Figur der 
vaterlandischen Geschichte, gab es dem Bezirkshauptmann einen Stich 
ins Herz. Chojnicki verbesserte: 
»Seine Majestat kennt mich!« 

Der Bezirkshauptmann riickte wieder naher an den Tisch und fragte: 
»Und warum - Pardon! - ware es genauso iiberfliissig, dem Vaterland 
zu dienen, wie Gold zu machen?« 
»Weil das Vaterland nicht mehr da ist.« 
»Ich verstehe nicht !« sagte Herr von Trotta. 

»Ich hab' mir's gedacht, daft Sie mich nicht verstehen!« sagte Choj- 
nicki. »Wir alle leben nicht mehr!« 
Es war sehr still. Der letzte Dammer des Tages war langst erloschen. 



29O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Man hatte durch die schmalen Sparren der griinen Jalousien schon ein 
paar Sterne am Himmel sehen konnen. Den breiten und schmettern- 
den Gesang der Frosche hatte der leise, metallische der nachtlichen 
Feldgrillen abgelost. Von Zeit zu Zeit horte man den harten Ruf des 
Kuckucks. Der Bezirkshauptmann, vom Alkohol, von der sonderli- 
chen Umgebung und von den ungewohnlichen Reden des Grafen in 
einen nie gekannten, beinahe verzauberten Zustand versetzt, blickte 
verstohlen auf seinen Sohn, lediglich, um einen vertrauten und nahen 
Menschen zu sehn. Aber auch Carl Joseph schien ihm gar nicht mehr 
vertraut und nahe! Vielleicht hatte Chojnicki richtig gesprochen, und 
sie waren in der Tat alle nicht mehr da: das Vaterland nicht und nicht 
der Bezirkshauptmann und nicht der Sohn! Mit grofier Anstrengung 
brachte Herr von Trotta noch die Frage zustande: »Ich verstehe nicht! 
Wie sollte die Monarchic nicht mehr dasein?« 

»Natiirlich!« erwiderte Chojnicki, »wortlich genommen, besteht sie 
noch. Wir haben noch eine Armee« - der Graf wies auf den Leutnant - 
»und Beamte« - der Graf zeigte auf den Bezirkshauptmann. »Aber sie 
zerfallt bei lebendigem Leibe. Sie zerfallt, sie ist schon verf alien! Ein 
Greis, dem Tode geweiht, von jedem Schnupfen gefahrdet, halt den 
alten Thron, einfach durch das Wunder, dafi er auf ihm noch sitzen 
kann. Wie lange noch, wie lange noch? Die Zeit will uns nicht mehr! 
Diese Zeit will sich erst selbstandige Nationalstaaten schaffen! Man 
glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. 
Die Volker gehn nicht mehr in die Kirchen. Sie gehn in nationale Ver- 
eine. Die Monarchic, unsere Monarchic, ist gegriindet auf der From- 
migkeit: auf dem Glauben, dafi Gott die Habsburger erwahlt hat, iiber 
soundso viel christliche Volker zu regieren. Unser Kaiser ist ein weltli- 
cher Bruder des Papstes, es ist Seine K. u. K. Apostolische Majestat, 
keine andere wie er apostolisch, keine andere Majestat in Europa so 
abhangig von der Gnade Gottes und vom Glauben der Volker an die 
Gnade Gottes. Der deutsche Kaiser regiert, wenn Gott ihn verlafit, 
immer noch; eventuell von der Gnade der Nation. Der Kaiser von 
Osterreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber 
hat ihn Gott verlassen !« 

Der Bezirkshauptmann erhob sich. Niemals hatte er geglaubt, daft es 
einen Menschen in der Welt gebe, der sagen konnte, Gott habe den 
Kaiser verlassen. Dennoch schien ihm, der zeit seines Lebens die An- 
gelegenheiten des Himmels den Theologen uberlassen und im ubrigen 



RADETZKYMARSCH 291 

die Kirche, die Messe, die Zeremonie am Fronleichnamstag, den Kle- 
rus und den lieben Gott fur Einrichtungen der Monarchie gehalten 
hatte, auf einmal der Satz des Grafen alle Wirrnis zu erklaren, die er in 
den letzten Wochen und besonders seit dem Tode des alten Jacques 
gefuhlt hatte. Gewift, Gott hatte den aiten Kaiser verlassen! Der Be- 
zirkshauptmann machte ein paar Schritte, unter seinen Fiifien knarrten 
die alten Dielen. Er trat zum Fenster und sah durch die Ritzen der 
Jalousien die schmalen Streifen der dunkelblauen Nacht. Alle Vor- 
gange der Natur und alle Ereignisse des taglichen Lebens erhielten auf 
einmal einen bedrohlichen und unverstandlichen Sinn. Unverstandlich 
war der wispernde Chor der Grillen, unverstandlich das Flimmern der 
Sterne, unverstandlich das samtene Blau der Nacht, unverstandlich 
war dem Bezirkshauptmann seine Reise an die Grenze und sein Auf- 
enthalt bei diesem Grafen. Er kehrte an den Tisch zuriick, mit der 
Hand strich er einen Fliigel seines Backenbartes, wie er es zu tun 
pflegte, wenn er ein wenig ratios war. Ein wenig ratios! So ratios wie 
jetzt war er nie gewesen! 

Vor ihm stand noch ein voiles Glas. Er trank es schnell. »Also«, sagte 
er, »glauben Sie, glauben Sie, daft wir — « 

»verloren sind«, erganzte Chojnicki. »Verloren sind wir, Sie und Ihr 
Sohn und ich. Wir sind, sage ich, die Letzten einer Welt, in der Gott 
noch die Majestaten begnadet und Verriickte wie ich Gold machen. 
Horen Sie! Sehen Sie!« Und Chojnicki erhob sich, ging an die Tiir, 
drehte einen Schalter, und an dem grofien Luster erstrahlten die Lam- 
pen. »Sehen Sie!« sagte Chojnicki, »dies ist die Zeit der Elektrizitat, 
nicht der Alchimie. Der Chemie auch, verstehen Sie! Wissen Sie, wie 
das Ding heifk? Nitroglycerins der Graf sprach jede einzelne Silbe 
getrennt aus. »Nitroglyzerin!« wiederholte er. »Nicht mehr Gold! Im 
Schloft Franz Josephs brennt man oft noch Kerzen! Begreifen Sie? 
Durch Nitroglyzerin und Elektrizitat werden wir zugrunde gehn ! Es 
dauert gar nicht mehr lang, gar nicht mehr lang!« 
Der Glanz, den die elektrischen Lampen verbreiteten, weckte an den 
Wanden auf den Regalen griine, rote und blaue, schmale und breite 
zitternde Reflexe in den Glasrohren. Still und blafi safi Carl Joseph da. 
Er hatte die ganze Zeit getrunken. Der Bezirkshauptmann sah zum 
Leutnant hin. Er dachte an seinen Freund, den Maler Moser. Und da er 
selbst schon getrunken hatte, der alte Herr von Trotta, erblickte er, 
wie in einem sehr entfernten Spiegel, das blasse Abbild seines betrun- 



292 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kenen Sohnes unter den griinen Baumen des Volksgartens, mit einem 
Schlapphut am Kopfe, einer grofien Mappe unter dem Arm, und es 
war, als hatte sich die prophetische Gabe des Grafen, die geschichtliche 
Zukunft zu sehen, auch auf den Bezirkshauptmann iibertragen und ihn 
fahig gemacht, die Zukunft seines Nachkommen zu erkennen. Halb 
geleert und traurig waren Teller, Terrinen, Flaschen und Glaser. Zau- 
berhaft leuchteten die Lichter in den Rohren ringsum an den Wanden. 
Zwei alte, backenbartige Diener, beide dem Kaiser Franz Joseph und 
dem Bezirkshauptmann ahnlich wie Briider, begannen, den Tisch ab- 
zuraumen. Von Zeit zu Zeit fiel der harte Ruf des Kuckucks wie ein 
Hammer auf das Zirpen der Grillen. Chojnicki hob eine Flasche hoch. 
»Den heimischen« - so nannte er den Schnaps - »mussen Sie noch 
trinken. Es ist nur noch ein Rest!« Und sie tranken den letzten Rest 
des »Heimischen«. 

Der Bezirkshauptmann zog seine Uhr, konnte aber den Stand der Zei- 
ger nicht genau erkennen. Es war, als rotierten sie so schnell iiber den 
weifien Kreis des Zifferblattes, dafi es hundert Zeiger gab statt der re- 
gelrechten zwei. Und statt der zwolf Ziffern gab es zwolfmal zwolf! 
Denn die Ziffern drangten sich aneinander wie sonst nur die Striche 
der Minuten. Es konnte neun Uhr abends sein oder schon Mitternacht. 
»Zehn Uhr!« sagte Chojnicki. 

Die backenbartigen Diener fafiten die Gaste sachte bei den Armen und 
fuhrten sie hinaus. Die grofie Kalesche Chojnickis wartete. Der Him- 
mel war sehr nahe, eine gute, vertraute, irdische Schale aus einem ver- 
trauten blauen Glas, lag er, mit der Hand zu greifen, iiber der Erde. 
Der steinerne Pfeiler rechts vom Pavilion schien ihn zu beriihren. Die 
Sterne waren von irdischen Handen in den nahen Himmel mit Steck- 
nadeln gespieftt wie Fahnchen in eine Landkarte. Manchmal drehte 
sich die ganze blaue Nacht um den Bezirkshauptmann, schaukelte 
sachte und hielt wieder still. Die Frosche quakten in den unendlichen 
Siimpfen. Es roch feucht nach Regen und Gras. Die gespenstisch wei- 
8en Pferde vor dem schwarzen Wagen iiberragte der Kutscher im 
schwarzen Mantel. Die Schimmel wieherten, und weich wie Katzen- 
pfoten scharrten ihre Hufe den feuchten, sandigen Boden. 
Der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und sie fuhren. 
Sie fuhren den Weg zuriick, den sie gekommen waren, bo gen in die 
breite, geschotterte Birkenallee und erreichten die Laternen, die das 
»neue Schloft« ankiindigten. Die silbernen Birkenstamme schimmerten 



RADETZKYMARSCH 293 

noch heller als die Laternen. Die starken Gummirader der Kalesche 
rollten glatt und mit einem dumpfen Murmeln iiber den Schotter, man 
horte nur den harten Aufschlag der geschwinden Schimmelhufe. Die 
Kalesche war breit und bequem. Man lehnte in ihr wie in einem Ruhe- 
bett. Leutnant Trotta schlief. Er saf$ neben seinem Vater. Sein blasses 
Angesicht lag fast waagerecht auf der Polsterlehne, durch das offene 
Fenster strich der Wind dariiber. Von Zeit zu Zeit beleuchtete es eine 
Laterne. Dann sah Chojnicki, der seinen Gasten gegeniibersafi, die 
blutlosen, halboffenen Lippen des Leutnants und seine harte, vor- 
springende, knocherne Nase. »Er schlaft gut!« sagte er zum Bezirks- 
hauptmann. Beide kamen sich vor wie zwei Vater des Leutnants. Den 
Bezirkshauptmann ernuchterte der Nachtwind, aber eine unbestimmte 
Furcht nistete noch in seinem Herzen. Er sah die Welt untergehn, und 
es war seine Welt. Lebendig saft ihm gegenuber Chojnicki, allem An- 
schein nach ein lebendiger Mensch, dessen Knie sogar manchmal an 
das Schienbein Herrn von Trottas stiefien, und dennoch unheimlich. 
Der alte Trommelrevolver, den Herr von Trotta mitgenommen hatte, 
driickte in der riickwartigen Hosentasche. Was sollte da ein Revolver! 
Man sah keine Baren und keine Wolfe an der Grenze! Man sah nur den 
Untergang der Welt! 

Der Wagen hielt vor dem gewolbten, holzernen Tor. Der Kutscher 
knallte mit der Peitsche. Die zwei Fliigel des Tores gingen auf, und 
gemessen schritten die Schimmel die sachte Steigung hinan. Aus der 
ganzen Fensterfront fiel gelbes Licht auf den Kies und auf die Grasfla- 
chen zu beiden Seiten des Weges. Man horte Stimmen und Klavier- 
spiel. Es war ohne Zweifel ein »gro£es Fest«. 

Man hatte bereits gegessen. Die Lakaien liefen mit groften, buntfarbi- 
gen Schnapsen umher. Die Gaste tanzten, spielten Tarock und Whist, 
tranken, dort hielt einer eine Rede vor Menschen, die ihm nicht zuhor- 
ten. Einige torkelten durch die Sale, andere schliefen in den Ecken. Es 
tanzten nur Manner miteinander. Die schwarzen Salonblusen der Dra- 
goner preftten sich an die blauen der Jager. In den Zimmern des »neuen 
Schlosses« lieft Chojnicki Kerzen brennen. Aus machtigen, silbernen 
Leuchtern, die auf steinernen Wandbrettern und Vorspriingen aufge- 
stellt waren, oder von Lakaien, die jede halbe Stunde abwechselten, 
gehalten wurden, wuchsen die schneeweiften und wachsgelben dicken 
Kerzen. Ihre Flammchen zitterten manchmal im nachtlichen Wind, 
der durch die offenen Fenster daherzog. Wenn fur ein paar Augen- 



294 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

blicke das Klavier schwieg, horte man die Nachtigallen schlagen und 
die Grillen wispern und von Zeit zu Zeit die Wachstranen mit sachten 
Schlagen auf das Silber tropfen. 

Der Bezirkshauptmann suchte seinen Sohn. Eine namenlose Angst 
trieb den Alten durch die Zimmer. Sein Sohn - wo war er? Weder 
unter den Tanzern noch unter den betrunken Dahertorkelnden, noch 
unter den Spielern, noch unter den alteren, gesitteten Mannern, die da 
und dort in den Winkeln miteinander sprachen. Allein safi der Leut- 
nant in einem abgelegenen Zimmer. Die grofie, bauchige Flasche stand 
zu seinen Fufien, treu und halb geleert. Sie sah neben dem schmalen 
und zusammengesunkenen Trinker allzu machtig aus, beinahe, als 
konnte sie den Trinker verschlingen. Der Bezirkshauptmann stellte 
sich vor dem Leutnant auf, die Spitzen seiner schmalen Stiefel beriihr- 
ten die Flasche. Der Sohn bemerkte zwei und mehr Vater, sie vermehr- 
ten sich mit jeder Sekunde. Er fuhlte sich von ihnen bedrangt, es hatte 
keinen Sinn, so vielen von ihnen den Respekt zu erweisen, der nur dem 
einen gebiihrte, und vor ihnen alien aufzustehn. Es hatte keinen Sinn, 
der Leutnant blieb in seiner merkwiirdigen Stellung, das heifit: Er safi, 
lag und kauerte zu gleicher Zeit. Der Bezirkshauptmann regte sich 
nicht. Sein Gehirn arbeitete sehr geschwind, es gebar tausend Erinne- 
rungen auf einmal. Er sah zum Beispiel den Kadetten Carl Joseph an 
den sommerlichen Sonntagen, an denen er im Arbeitszimmer gesessen 
hatte, die schneeweifien Handschuhe und die schwarze Kadettenmiitze 
auf den Knien, mit klingender Stimme und gehorsamen, kindlichen 
Augen jede Frage beantwortend. Der Bezirkshauptmann sah den 
frisch ernannten Leutnant der Kavallerie in das gleiche Zimmer treten, 
blau, golden und blutrot. Dieser junge Mann aber war von dem alten 
Herrn von Trotta jetzt ganz weit entfernt. Warum tat es ihm so weh, 
einen fremden, betrunkenen Jagerleutnant zu sehn? Warum tat es ihm 
so weh? 

Der Leutnant Trotta riihrte sich nicht. Zwar vermochte er sich zu erin- 
nern, dafi sein Vater vor kurzem angekommen war, und noch zur 
Kenntnis zu nehmen, daE nicht dieser eine, sondern dafi mehrere Vater 
vor ihm standen. Aber weder gelang es ihm, zu begreifen, warum sein 
Vater gerade heute gekommen war, noch, warum er sich so heftig ver- 
mehrte, noch, warum er selbst, der Leutnant, nicht imstande war, sich 
zu erheben. 
Seit mehreren Wochen hatte sich der Leutnant Trotta an den Neunzig- 



RADETZKYMARSCH 295 

gradigen gewohnt. Der ging nicht in den Kopf, er ging, wie die Kenner 
zu sagen liebten, »nur in die Ful5e«. Zuerst erzeugte er eine angenehme 
Warme in der Brust. Das Blut begann, schneller durch die Adern zu 
rollen, der Appetit loste die Ubelkeit ab und die Lust zu erbrechen. 
Dann trank man noch einen Neunziggradigen. Mochte der Morgen 
ktihl und triibe sein, man schritt mutig und in der allerbesten Laune in 
ihn hinein wie in einen ganz sonnigen, gliicklichen Morgen. Wahrend 
der Rast aft man in der Grenzschenke, in der Nahe des Grenzwaldes, 
wo die Jager exerzierten, in Gesellschaft der Kameraden eine Kleinig- 
keit und trank wieder einen Neunziggradigen. Er rann durch die Kehle 
wie ein geschwinder Brand, der sich selber ausloscht. Man fiihlte 
kaum, dafi man gegessen hatte. Man kehrte in die Kaserne zuriick, zog 
sich um und ging zum Bahnhof, Mittag essen. Obwohl man einen wei- 
ten Weg zuriickgelegt hatte, war man gar nicht hungrig. Und man 
trank infolgedessen noch einen Neunziggradigen. Man afi und war so- 
fort schlafrig. Man nahm also einen Schwarzen und hierauf wieder 
einen Neunziggradigen. Und kurz und gut: Es gab niemals im Lauf 
des langweiligen Tages eine Gelegenheit, keinen Schnaps zu trinken. 
Es gab im Gegenteil manche Nachmittage und manche Abende, an 
denen es geboten war, Schnaps zu trinken. 

Denn das Leben wurde leicht, sobald man getrunken hatte! Oh, Wun- 
der dieser Grenze! Sie machte einem Nuchternen das Leben schwer; 
aber wen liefi sie nuchtern bleiben?! Der Leutnant Trotta sah, wenn er 
getrunken hatte, in alien Kameraden, Vorgesetzten und Untergebenen 
alte und gute Freunde. Das Stadtchen war ihm vertraut, als ware er 
darin geboren und aufgewachsen. Er konnte in die winzigen Kramla- 
den gehn, die schmal, dunkel, gewunden und von allerlei Waren voli- 
gestopft wie Hamsterlocher in die dicken Mauern des Basars eingegra- 
ben waren, und unbrauchbare Dinge einhandeln: falsche Korallen, bil- 
lige Spiegelchen, eine miserable Seife, Kamme aus Espenholz und ge- 
flochtene Hundeleinen; lediglich, weil er den Rufen der rothaarigen 
Handler freudig folgte. Er lachelte alien Menschen zu, den Bauerinnen 
mit den bunten Kopftuchern und den grofien Bastkorben unter dem 
Arm, den geputzten Tochtern der Juden, den Beamten der Bezirks- 
hauptmannschaft und den Lehrern des Gymnasiums. Ein breiter 
Strom von Freundlichkeit und Gute rann durch diese kleine Welt. Aus 
alien Menschen griifke es dem Leutnant heiter entgegen. Es gab auch 
nichts Peinliches mehr. Nichts Peinliches im Dienst und aufierhalb des 



296 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Dienstes! Alles erledigte man glatt und geschwind. Onufrijs Sprache 
verstand man. Man kam gelegentlich in eines der umliegenden Dorfer, 
fragte die Bauern nach dem Weg, sie antworteten in einer fremden 
Sprache. Man verstand sic. Man ritt nicht. Man lieh das Pferd dem und 
jenem der Kameraden: guten Reitern, die ein Rofi schatzen konnten. 
Mit einem Wort: Man war zufrieden. Leutnant Trotta wufke nur nicht, 
dafi sein Gang unsicher wurde, seine Bluse Flecken hatte, seine Hose 
keine Bugelfalte, dafi an seinen Hemden Knopfe fehlten, seine Haut- 
farbe gelb am Abend und aschgrau am Morgen war und sein Blick ohne 
Ziel. Er spielte nicht - das allein beruhigte den Major Zoglauer. Es gab 
im Leben eines jeden Menschen Zeiten, in denen er trinken mufite. 
Macht nichts, es ging vo ruber! - Der Schnaps war billig. Die meisten 
gingen nur an den Schulden zugrunde. Der Trotta machte seinen Dienst 
nicht nachlassiger als die andern. Er machte keinen Skandal wie man- 
cher andere. Er wurde im Gegenteil immer sanfter, je mehr er trank. 
Einmal wird er heiraten und nuchtern werden! dachte der Major. Er ist 
ein Gunstling oberster Stellen. Er wird eine schnelle Karriere machen. 
Er wird in den Generalstab kommen, wenn er nur will. 
Herr von Trotta setzte sich vorsichtig an den Rand des Sofas neben 
seinen Sohn und suchte nach einem passenden Wort. Er war nicht ge- 
wohnt, zu Betrunkenen zu sprechen. »Du sollst dich« - sagte er nach 
langerer Uberlegung - »denn doch vor dem Schnaps in acht nehmen! 
Ich zum Beispiel, ich habe nie iiber den Durst getrunken.« Der Leut- 
nant machte eine ungeheure Anstrengung, um aus seiner respektlosen, 
kauernden Stellung in eine sitzende zu gelangen. Seine Miihe war ver- 
geblich. Er betrachtete den Alten, jetzt war es Gott sei Dank nur einer, 
der sich mit dem schmalen Sitzrand begniigen und mit den Handen auf 
den Knien suitzen mufke, und fragte: »Was hast du eben gesagt, 
Papa?« »Du sollst dich vor dem Schnaps in acht nehmen !« wiederholte 
der Bezirkshauptmann. »Wozu?« fragte der Leutnant. »Was fragst 
du?« sagte Herr von Trotta, ein wenig getrostet, weil ihm sein Sohn 
wenigstens klar genug erschien, das Gesagte zu begreifen. »Der 
Schnaps wird dich zu Grund richten, erinnerst dich an den Moser?« 
»Der Moser, der Moser«, sagte Carl Joseph. »Freilich! Er hat aber 
ganz recht! Ich erinnere mich an ihn. Er hat das Bild von Groftvater 
gemaltU »Du hast es vergessen?« sagte Herr von Trotta ganz leise. 
»Ich nab' ihn nicht vergessen«, antwortete der Leutnant, »an das Bild 
nab' ich immer gedacht. Ich bin nicht stark genug fur dieses Bild. Die 



RADETZKYMARSCH 297 

Toten! Ich kann die To ten nicht vergessen! Vater, ich kann gar nichts 
vergessen! Vater !« 

Herr von Trotta safi ratios neben seinem Sohn, er verstand nicht ge- 
nau, was Carl Joseph sagte, aber er ahnte auch, dafi nicht die Trunken- 
heit allein aus dem Jungen sprach. Er fiihlte, daft es um Hilfe aus dem 
Leutnant rief, und er konnte nicht helfen! Er war an die Grenze ge- 
kommen, um selbst ein bifichen Hilfe zu finden. Denn er war ganz 
allein in dieser Welt! Und auch diese Welt ging unter! Jacques lag unter 
der Erde, man war allein, man wollte den Sohn noch einmal sehn, und 
der Sohn war ebenfalls allein und vielleicht, weil er jiinger war, dem 
Untergang der Welt naher. Wie einfach hat die Welt immer ausgesehn! 
dachte der Bezirkshauptmann. Fur jede Lage gab es eine bestimmte 
Haltung. Wenn der Sohn zu den Ferien kam, priifte man ihn. Als er 
Leutnant wurde, begliickwiinschte man ihn. Wenn er seine gehorsa- 
men Briefe schrieb, in denen sowenig stand, erwiderte man mit ein 
paar gemessenen Zeilen. Wie aber sollte man sich benehmen, wenn der 
Sohn betrunken war? wenn er »Vater« rief? wenn es aus ihm »Vater!« 
rief? 

Er sah Chojnicki eintreten und stand heftiger auf, als es seine Art war. 
»Es ist ein Telegramm fur Sie gekommen!« sagte Chojnicki. »Der Ho- 
teldiener hat's gebracht.« Es war ein Diensttelegramm. Es berief Herrn 
von Trotta wieder nach Hause. »Man ruft Sie leider schon zuriick!« 
sagte Chojnicki. »Es wird mit den Sokoln zusammenhangen.« »Ja, das 
ist es wahrscheinlich«, sagte Herr von Trotta. »Es wird Unruhen ge- 
ben!« Er wuftte jetzt, daft er zu schwach war, etwas gegen Unruhen zu 
unternehmen. Er war sehr miide. Ein paar Jahre blieben noch bis zur 
Pensionierung! Aber in diesem Augenblick hatte er den schnellen Ein- 
fall, sich bald pensionieren zu lassen. Er konnte sich um Carl Joseph 
kummern; eine passende Aufgabe flir einen alten Vater. 
Chojnicki sagte: »Es ist nicht leicht, wenn man die Hande gebunden 
hat, wie in dieser verflixten Monarchic, etwas gegen Unruhen zu un- 
ternehmen. Lassen Sie nur ein paar Radelsfiihrer verhaften, und die 
Freimaurer, die Abgeordneten, die Volksfiihrer, die Zeitungen fallen 
iiber Sie her, und alle werden wieder freigelassen. Lassen Sie den So- 
kolverein auflosen - und Sie bekommen eine Riige von der Statthalte- 
rei. Autonomic! Ja, wartet nur! Hier, in meinem Bezirk, endet jede 
Unruhe mit Schieflen. Ja, solange ich hier lebe, bin ich Regierungskan- 
didat und werde gewahlt. Dieses Land ist gliicklicherweise weit genug 



298 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

entfernt von alien modernen Ideen, die sie in ihren dreckigen Redak- 

tionen aushecken!« 

Er trat zu Carl Joseph und sagte mit der Betonung und der Sachkennt- 

nis eines Mannes, der an den Umgang mit Betrunkenen gewohnt ist: 

»Ihr Herr Papa mufi abreisen!« Carl Joseph verstand auch sofort. Er 

konnte sich sogar erheben. Mit verglasten Blicken suchte er den Vater. 

»Es tut mir leid, Vater!« 

»Ich habe einigermafien Sorge um ihn!« sagte der Bezirkshauptmann 

zu Chojnicki. 

»Mit Recht!« antwortete Chojnicki. »Er mufi aus dieser Gegend weg. 

Wenn er Urlaub hat, werde ich versuchen, ihm ein wenig von der Welt 

zu zeigen. Er wird dann keine Lust mehr haben zuriickzukommen. 

Vielleicht verliebt er sich auch-« 

»Ich verlieb' mich nicht«, sagte Carl Joseph sehr langsam. 

Sie fuhren ins Hotel zuriick. 

Es fiel wahrend des ganzen Weges nur ein Wort, ein einziges Wort: 

»Vater!« sagte Carl Joseph und gar nichts mehr. 

Der Bezirkshauptmann erwachte am nachsten Tag sehr spat, man 

horte schon die Trompeten des heimkehrenden Bataillons. In zwei 

Stunden ging der Zug. Carl Joseph kam. Schon knallte unten das Peit- 

schensignal Chojnickis. Der Bezirkshauptmann afi am Tisch der Jager- 

offiziere im Bahnhofsrestaurant. 

Seit der Abreise aus seinem Bezirk W war eine ungeheuer lange Zeit 

verstrichen. Er erinnerte sich muhsam, dafi er erst vor zwei Tagen in 

den Zug gestiegen war. Er safi, aufier dem Grafen Chojnicki der ein- 

zige Zivilist, am langen, hufeisenformigen Tisch der bunten Offiziere, 

dunkel und hager, unter dem Wandbildnis Franz Josephs des Ersten, 

dem bekannten, allseits verbreiteten Portrat des Allerhochsten Kriegs- 

herrn im bliitenweifien Feldmarschallsrock mit blutroter Scharpe. Just 

unter des Kaisers weifiem Backenbart und fast parallel zu ihm ragten 

einen halben Meter tiefer die schwarzen, leicht angesilberten Fliigel des 

Trottaschen Backenbartes. Die jiingsten Offiziere, die an den Enden 

des Hufeisens untergebracht waren, konnten die Ahnlichkeit zwischen 

Seiner Apostolischen Majestat und deren Diener sehn. Auch der Leut- 

nant Trotta konnte von seinem Platz aus das Angesicht des Kaisers mit 

dem seines Vaters vergleichen. Und ein paar Sekunden lang schien es 

dem Leutnant, dafi oben an der Wand das Portrat seines gealterten 

Vaters hange und unten am Tisch lebendig und ein wenig verjiingt der 



RADETZKYMARSCH 299 

Kaiser in Zivil sitze. Und fern und fremd wurden ihm sein Kaiser wie 
sein Vater. 

Der Bezirkshauptmann schickte indessen einen hoffnungslosen, prii- 
fenden Blick rings urn den Tisch, iiber die flaumigen und fast bartlosen 
Gesichter der jungen Offiziere und die schnurrbartigen der alteren. 
Neben ihm safi Major Zoglauer. Ach, mit ihm hatte Herr von Trotta 
noch gerne ein besorgtes Wort iiber Carl Joseph gewechselt! Es war 
keine Zeit mehr. Drauften vor dem Fenster rangierte man schon den 
Zug. 

Ganz verzagt war der Herr Bezirkshauptmann. Von alien Seiten trank 
man auf sein Wohl, seine gliickliche Reise und das gute Gelingen seiner 
beruflichen Aufgaben. Er lachelte nach alien Seiten hin, erhob sich, 
stiefi da und dort an, und sein Kopf war schwer von Sorgen und sein 
Herz bedrangt von diisteren Ahnungen. War doch schon eine unge- 
heuer lange Zeit verstrichen seit seiner Abreise aus seinem Bezirk W. ! 
Ja, der Bezirkshauptmann war heiter und iibermutig in eine abenteuer- 
liche Gegend und zu seinem vertrauten Sohn gefahren. Nun kehrte er 
zuriick, einsam, von einem einsamen Sohn und von dieser Grenze, wo 
der Untergang der Welt bereits so deutlich zu sehen war, wie man ein 
Gewitter sieht am Rande einer Stadt, deren StraSen noch ahnungslos 
und gliickselig unter blauem Himmel liegen. Schon lautete die frohli- 
che Glocke des Portiers. Schon pfiff die Lokomotive. Schon schlug der 
nasse Dampf des Zuges in grauen, feinen Perlen an die Fenster des 
Speisesaals. Schon war die Mahlzeit beendet, und alle erhoben sich. 
Das »ganze Bataillon« begleitete Herrn von Trotta auf den Perron. 
Herr von Trotta hatte den Wunsch, noch etwas Besonderes zu sagen, 
aber es fiel ihm gar nichts Passendes ein. Er schickte noch einen zartli- 
chen Blick zu seinem Sohn. Gleich darauf aber hatte er Angst, man 
wiirde diesen Blick bemerken, und er senkte die Augen. Er driickte 
dem Major Zoglauer die Hand. Er dankte Chojnicki. Er luftete den 
wiirdigen, grauen Halbzylinder, den er auf Reisen zu tragen pflegte. Er 
hielt den Hut in der Linken und schlug die Rechte um den Riicken 
Carl Josephs. Er kiilke den Sohn auf die Wangen. Und obwohl er 
sagen wollte: Mach mir keinen Kummer! Ich liebe dich, mein Sohn!, 
sagte er lediglich: »Halt dich gut!« - Denn die Trottas waren schuch- 
terne Menschen. 

Schon stieg er ein, der Bezirkshauptmann. Schon stand er am Fenster. 
Seine Hand im dunkelgrauen Glacehandschuh lag am of fen en Fenster. 



300 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sein kahler Schadel glanzte. Noch einmal suchte sein bekiimmertes 
Auge das Angesicht Carl Josephs. »Wenn Sie nachstens wiederkom- 
men, Herr Bezirkshauptmann«, sagte der allzeit gutgelaunte Haupt- 
mann Wagner, »finden Sie schon ein kieines Monte Carlo vor!« 
»Wieso?« fragte der Bezirkshauptmann. »Hier wird ein Spielsaal ge- 
griindet!« erwiderte Wagner. Und ehe noch Herr von Trotta seinen 
Sohn heranrufen konnte, um ihn vor dem angekiindigten »Monte 
Carlo« herzlichst zu warnen, pfiff die Lokomotive, die Puffer schlugen 
drohnend aneinander, und der Zug glitt davon. Der Bezirkshaupt- 
mann winkte mit dem grauen Handschuh. Und alle Offiziere salutier- 
ten. Carl Joseph ruhrte sich nicht. 

Er ging auf dem Ruckweg neben dem Hauptmann Wagner. »Ein fa- 
moser Spielsaal wird's!« sagte der Hauptmann. »Ein wirklicher Spiel- 
saal! Ach Gott! Wie lange nab' ich schon kein Roulette gesehn! Weifk, 
wie sie rollt, das hab* ich so gern und dieses Gerausch! Ich freu' mich 
aufierordentlich!« 

Es war nicht nur der Hauptmann Wagner, der die Eroffnung des 
neuen Spielsaals erwartete. Alle warteten. Seit Jahren wartete die 
Grenzgarnison auf den Spielsaal, den Kapturak eroffnen sollte. 
Eine Woche nach der Abreise des Bezirkshauptmanns kam Kapturak. 
Und wahrscheinlich hatte er ein weit grofieres Aufsehen erregt, wenn 
nicht gleichzeitig mit ihm, dank einem merkwiirdigen Zufall, jene 
Dame gekommen ware, der sich die Aufmerksamkeit aller Menschen 
zuwandte. 



XII 

An den Grenzen der osterreichisch-ungarischen Monarchic gab es da- 
mals viele Manner von der Art Kapturaks. Rings um das alte Reich 
begannen sie zu kreisen wie die schwarzen und feigen Vogel, die aus 
unendlicher Feme einen Sterbenden eraugen. Mit ungeduldigen und 
finsteren Fliigelschlagen warteten sie sein Ende ab. Mit steilen Schna- 
beln stoEen sie auf die Beute. Man weifi nicht, woher sie kommen, 
noch, wohin sie fliegen. Die gefiederten Briider des ratselhaften Todes 
sind sie, seine Kiinder, seine Begleiter und seine Nachfolger. 
Kapturak ist ein kleiner Mann von unbedeutendem Angesicht. Ge- 
riichte huschen um ihn, fliegen ihm auf seinen gewundenen Wegen 



RADETZKYMARSCH 301 

voran und folgen den kaum merklichen Spuren, die er hinterlafit. Er 
wohnt in der Grenzschenke. Er verkehrt mit den Agenten der sudame- 
rikanischen Schiffahrtsgesellschaften, die jedes Jahr Tausende russi- 
scher Deserteure auf ihren Damp fern nach einer neuen und grausamen 
Heimat befordern. Er spielt gerne und trinkt wenig. An einer gewissen 
gramvollen Leutseligkeit lafit er es nicht fehlen. Er erzahlt, dafi er jah- 
relang den Schmuggel mit russischen Deserteuren jenseits der Grenze 
betrieben und dort ein Haus, Weib und Kinder zuriickgelassen habe, 
aus Angst, nach Sibirien verschickt zu werden, nachdem man mehrere 
Beamte und Militars ertappt und verurteilt hatte. Und auf die Frage, 
was er hier zu machen gedenke, erwidert Kapturak, biindig und la- 
chelnd: »Geschafte.« 

Der Inhaber des Hotels, in dem die Offiziere logierten, ein gewisser 
Brodnitzer, schlesischer Abstammung und aus unbekannten Griinden 
an die Grenze verschlagen, machte den Spielsaal auf. Er hangte einen 
grofien Zettel an die Fensterscheibe des Cafes. Er verkiindete, dafi er 
Spiele jeder Art bereithalte, eine Musikkapelle allabendlich bis in die 
Morgenstunden »konzertieren« lassen werde und »Tingel-Tangel-San- 
gerinnen von Ruf« engagiert habe. Die »Renovierung« des Lokals be- 
gann mit den Konzerten der Musikkapelle, die aus acht zusammenge- 
klaubten Musikern bestand. Spater traf die sogenannte »Nachtigall aus 
Mariahilf« ein, ein blondes Madchen aus Oderberg. Sie sang Walzer 
von Lehar, dazu das gewagte Lied: »Wenn ich in der Liebesnacht in 
den grauen Morgen wandre...«, ferner als Zugabe: »Unter meinem 
Kleidchen trag' ich rosa Dessous voller plis . . .« Also steigerte Brodnit- 
zer die Erwartungen seiner Kundschaft. Es erwies sich, dafi Brodnitzer 
neben den zahlreichen kurzen und langen Kartentischen in einer schat- 
tigen und verhangten Ecke auch einen kleinen Roulettetisch aufgestellt 
hatte. Hauptmann Wagner erzahlte es alien und weckte Begeisterung. 
Den Mannern, die seit vielen Jahren an der Grenze dienten, schien die 
kleine Kugel (und viele hatten noch nie ein Roulette gesehn) einer jener 
zauberischen Gegenstande der groften Welt, mit deren Hilfe der 
Mensch schone Frauen, teure Pferde, reiche Schlosser auf einmal ge- 
winnt, Wem sollte sie etwa nicht helfen, die Kugel? Alle hatten kiim- 
merliche Knabenjahre in der Stiftsschule verlebt, harte Jiinglingsjahre 
in den Kadettenanstalten, grausame Jahre im Dienst an der Grenze. Sie 
warteten auf den Krieg. Statt seiner war eine Teilmobilisierung gegen 
Serbien gekommen, von der man ruhmlos in die gewohnte Erwartung 



302 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

des mechanischen Avancements zuriickkehrte. Manover, Dienst, Ka- 
sino, Kasino, Dienst und Manover! Sie horten zum erstenmal die 
kleine Kugel rattern und wufiten nun, dafi das Gliick selbst unter ihnen 
rotierte, um heute den und morgen jenen zu treffen. Fremde, blasse, 
reiche und stumme Herren safien da, wie man sie niemals gesehen 
hatte. Eines Tages gewann Hauptmann Wagner funfhundert Kronen. 
Am nachsten Tag waren seine Schulden bezahlt. Er bekam in diesem 
Monat zum erstenmal nach langer Zeit seine Gage unversehrt, ganze 
drei Drittel. Allerdings hatten Leutnant Schnabel und Leutnant 
Griindler je hundert Kronen verloren. Morgen konnten sie tausend 
gewinnen! . . . 

Wenn die weiEe Kugel zu laufen begann, so dafi sie selbst wie ein 
milchiger Kreis aussah, gezogen um die Peripherie schwarzer und ro- 
ter Felder, wenn die schwarzen und roten Felder sich ebenfalls ver- 
mischten zu einem einzigen verschwimmenden Rund von unbestimm- 
barer Farbe, dann erzitterten die Herzen der Offiziere, und in ihren 
Kopfen entstand ein fremdes Tosen, als rotierte in jedem Gehirn eine 
besondere Kugel, und vor ihren Augen wurde es schwarz und rot, 
schwarz und rot. Die Knie wankten, obwohl man safi. Die Augen jag- 
ten mit verzweifelter Hast der Kugel nach, die sie nicht erhaschen 
konnten. Nach eigenen Gesetzen fing sie schliefilich an zu torkeln, 
trunken vom Lauf, und blieb erschopft in einer numerierten Mulde 
liegen. Alle stohnten auf. Auch wer verloren hatte, fuhlte sich befreit. 
Am nachsten Morgen erzahlte es einer dem andern. Und ein grofier 
Taumel ergriff sie alle. Immer mehr Offiziere kamen in den Spielsaal. 
Aus unerforschlichen Gegenden kamen auch die fremden Zivilisten. 
Sie waren es, die das Spiel beheizten, die Kasse fiillten, aus Brieftaschen 
grofie Scheine zogen, aus Westentaschen goldene Dukaten, Uhren und 
Ketten und von den Fingern Ringe. Alle Zimmer des Hotels waren 
besetzt. Die schlafrigen Droschken, die immer auf ihrem Standplatz 
gewartet hatten, mit den gahnenden Kutschern am Bock und den ma- 
geren Schindmahren davor, wie nachgemachte Fuhrwerke im Panopti- 
kum: auch sie erwachten, und siehe da: Die Rader konnten rollen, die 
mageren Mahren trabten mit klappernden Hufen vom Bahnhof zum 
Hotel, vom Hotel zur Grenze und wieder zuriick ins Stadtchen. Die 
verdrossenen Handler lachelten. Lichter schienen die dunklen Laden 
zu werden, bunter die ausgelegten Waren, Nacht fur Nacht sang die 
»Nachtigall von Mariahilf«. Und als hatte ihr Gesang noch andere 



RADETZKYMARSCH 303 

Schwestern geweckt, kamen nie gesehene, neue, geputzte Madchen ins 
Cafe. Man riickte die Tische auseinander und tanzte zu den Walzern 
von Lehar. Die ganze Welt war verandert. - 

Ja, die ganze Welt! An anderen Stellen zeigten sich sonderbare Plakate, 
wie man sie hierorts noch niemals gesehen hat. In alien Landesspra- 
chen fordern sie die Arbeiter der Borstenfabrik auf, die Arbeit nieder- 
zulegen. Die Borstenfabrikation ist die einzige, armselige Industrie 
dieser Gegend. Die Arbeiter sind arme Bauern. Ein Teil von ihnen lebt 
im Winter vom Holzhacken, im Herbst von Erntearbeiten. Im Som- 
mer miissen alle in die Borstenfabrik. Andere kommen aus den niede- 
ren Schichten der Juden. Sie konnen nicht rechnen und nicht handeln, 
sie haben auch kein Handwerk gelernt. Weit und breit, wohl zwanzig 
Meilen in der Runde, gibt es keine andere Fabrik. 
Fur die Herstellung von Borsten bestanden unbequeme und kostspie- 
lige Vorschriften; die Fabrikanten hielten sie nicht gerne ein. Man 
muEte Staub und Bazillen absondernde Masken fiir die Arbeiter an- 
schaffen, grofie und lichte Raume anlegen, die Abfalle zweimal taglich 
verbrennen lassen und anstelle der Arbeiter, die zu husten anfingen, 
andere aufnehmen. Denn alle, die sich mit der Reinigung der Borsten 
abgaben, begannen nach kurzer Zeit, Blut zu spucken. Die Fabrik war 
ein altes, baufalliges Gemauer mit kleinen Fenstern, einem schadhaften 
Schieferdach, umzaunt von einer wildwuchernden Weidenhecke und 
umgeben von einem wiisten, breiten Platz, auf dem seit undenklkhen 
Jahren Mist abgelagert wurde, tote Katzen und Ratten der Faulnis aus- 
geliefert waren, Blechgeschirre rosteten, zerbrochene irdene Topfe ne- 
ben zerschlissenen Schuhen lagerten. Ringsum dehnten sich Felder, 
voll vom goldenen Segen des Korns, durchzirpt vom unaufhorlichen 
Gesang der Grillen, und dunkelgriine Siimpfe, standig widerhallend 
vom frohlichen Larm der Frosche. Vor den kleinen, grauen Fenstern, 
an denen die Arbeiter safien, mit grofien, eisernen Harken das dichte 
Gestriipp der Borstenbiindel unerrmidlich kammend und die trocke- 
nen Staubwolkchen schluckend, die jedes neue Biindel gebar, schossen 
die hurtigen Schwalben vorbei, tanzten die schillernden Sommerflie- 
gen, schwebten weifie und bunte Falter einher, und durch die groEen 
Luken des Daches drang das sieghafte Geschmetter der Lerchen. Die 
Arbeiter, die erst vor wenigen Monaten aus ihren freien Dorfern ge- 
kommen waren, geboren und grofi geworden im stiffen Atem des 
Heus, im kalten des Schnees, im beizenden Geruch des Diingers, im 



304 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schmetternden Larm der Vogel, im ganzen wechselreichen Segen der 
Natur: Die Arbeiter sahen durch die grauen Staubwolkchen Schwalbe, 
Schmetterling und Miickentanz und hatten Heimweh. Wenn die Ler- 
chen trillerten, wurden sie unzufrieden. Friiher hatten sie nicht ge- 
wufit, daft ein Gesetz befahl, fiir ihre Gesundheit zu sorgen; daft es ein 
Parlament in der Monarchic gab; daft in diesem Parlament Abgeord- 
nete safien, die selbst Arbeiter waren. Fremde Manner kamen, schrie- 
ben Plakate, veranstalteten Versammlungen, erklarten die Verfassung 
und die Fehler der Verfassung, lasen aus Zeitungen vor, redeten in 
alien Landessprachen. Sie waren lauter als die Lerchen und die Fro- 
sche: Die Arbeiter begannen zu streiken. 

In dieser Gegend war es der erste Streik. Er erschreckte die politischen 
Behorden. Sie waren seit Jahrzehnten gewohnt, gemachliche Volks- 
zahlungen zu veranstalten, den Geburtstag des Kaisers zu feiern, an 
den jahrlichen Rekrutenaushebungen teilzunehmen und gleichlau- 
tende Berichte an die Statthalterei zu schicken. Hier und da verhaftete 
man russophile Ukrainer, einen orthodoxen Popen, Juden, die man 
beim Schmuggel von Tabak ertappte, und Spione. Seit Jahrzehnten rei- 
nigte man in dieser Gegend Borsten, schickte sie nach Mahren, Boh- 
men, Schlesien in die Biirstenfabriken und bekam aus diesen Landern 
fertige Biirsten. Seit Jahren husteten die Arbeiter, spuckten Blut, wur- 
den krank und starben in den Spitalern. Aber sie streikten nicht. Nun 
muftte man aus der weiteren Umgebung die Gendarmerieposten zu- 
sammenziehen und einen Bericht an die Statthalterei schicken. Diese 
setzte sich mit dem Armeekommando in Verbindung. Und das Ar- 
meekommando verstandigte den Garnisonkommandanten. 
Die jiingeren Offiziere stellten sich vor, daft »das Volk«, das hieft die 
unterste Schicht der Zivilisten, Gleichberechtigung mit den Beamten, 
Adligen und Kommerzialraten verlangte. Sie war keinesfalls zu gewah- 
ren, wollte man eine Revolution vermeiden. Und man wollte keine 
Revolution; und man muftte schieften, ehe es zu spat wurde. Der Ma- 
jor Zoglauer hielt eine kurze Rede, aus der all das klar hervorging. Viel 
angenehmer ist allerdings ein Krieg. Man ist kein Gendarmerie- und 
Polizeioffizier. Aber es gibt vorlaufig keinen Krieg. Befehl ist Befehl. 
Man wird unter Umstanden mit gefalltem Bajonett vorgehen und 
»Feuer!« kommandieren. Befehl ist Befehl! Er hindert vorlaufig keinen 
Menschen, in Brodnitzers Lokal zu gehen und viel Geld zu gewinnen. 
Eines Tages verlor der Hauptmann Wagner viel Geld. Ein fremder 



RADETZKYMARSCH 3°5 

Herr, friiher aktiver Ulan, mit klingendem Namen, Gutsbesitzer in 
Schlesien, gewann zwei Abende hintereinander, lieh dem Hauptmann 
Geld und wurde am dritten durch ein Telegramm nach Hause gerufen. 
Es waren im ganzen zweitausend Kronen, eine Kleinigkeit fur einen 
Kavalleristen. Keine Kleinigkeit fur einen Hauptmann der Jager! Man 
hatte zu Chojnicki gehen konnen, wenn man ihm nicht schon dreihun- 
dert schuldig gewesen ware. 

Brodnitzer meinte: »Herr Hauptmann, gebieten Sie nach Belieben 
uber meine Unterschrift!« 

»Ja«, sagte der Hauptmann, »wer gibt so viel auf Ihre Unterschrift?« 
Brodnitzer dachte eine Weile nach: »Herr Kapturak!« 
Kapturak erschien und sagte: »Es handelt sich also um zweitausend 
Kronen. Ruckzahlbar?« 
»Keine Ahnung!« 
»Viel Geld, Herr Hauptmann !« 
»Ich geb's wieder!« erwiderte der Hauptmann. 

»Wie, in welchen Raten? Sie wissen, daft man nur ein Drittel von der 
Gage pfanden darf. Ferner, daft alle Herren bereits engagiert sind. Ich 
sehe keine M6glichkeit!« 

»Herr Brodnitzer — «, begann der Hauptmann. 

»Herr Brodnitzer« - begann Kapturak, als ware Brodnitzer gar nicht 
anwesend - »ist mir auch viel Geld schuldig. Ich konnte die ge- 
wunschte Summe hergeben, wenn jemand von Ihren Kameraden, der 
noch nicht engagiert ist, einspringen wollte, zum Beispiel der Herr 
Leutnant Trotta. Er kommt von der Kavallerie, er hat ein PferdU 
»Gut«, sagte der Hauptmann. »Ich werde mit ihm sprechen.« Und er 
weckte den Leutnant Trotta. 

Sie standen im langen, schmalen, dunklen Korridor des Hotels. »Un- 
terschreib schnell!« fliisterte der Hauptmann. »Dort warten sie. Sie 
sehen, daft du nicht magst!« - Trotta unterschrieb. 
»Komm sofort herunter!« sagte Wagner. »Ich erwarte dich!« 
An der kleinen Tiir im Hintergrund, durch welche die standigen Mie- 
ter des Hotels das Kaffeehaus zu betreten pflegten, blieb Carl Joseph 
stehen. Er sah zum erstenmal den neueroffneten Spielsaal Brodnitzers. 
Er sah zum erstenmal einen Spielsaal iiberhaupt. Rings um den Rou- 
lettetisch war ein dunkelgriiner Vorhang aus Rips gezogen. Haupt- 
mann Wagner lupfte den Vorhang und glitt hiniiber in eine andere 
Welt. Carl Joseph horte das weiche, samtene Surren der Kugel. Er 



306 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wagte nicht, den Vorhang zu heben. Am andern Ende des Cafes, neben 
dem Strafieneingang, stand das Podium, und auf dem Podium wirbelte 
die unermudliche »Nachtigall aus Mariahilf«. An den Tischen spielte 
man. Die Karten fielen mit klatschenden Schlagen auf den falschen 
Marmor. Die Menschen stiefien unverstandliche Rufe aus. Sie sahen 
aus wie Uniforrmerte, alle in weifien Hemdsarmeln, ein sitzendes Re- 
giment von Spielern. Die Rocke hingen tiber den Lehnen der Stiihle. 
Sachte und gespenstisch schaukelten bei jeder Bewegung der Spieler 
die leeren Armel. Uber den Kopfen lagerte eine dichte Gewitterwoike 
aus Zigarettenrauch. Die winzigen Kopfchen der Zigaretten erglom- 
men rotlich und silbern im grauen Dunst und schickten immer neue, 
blauliche Nebelnahrung zur dichten Gewitterwoike empor. Und unter 
der sichtbaren Wolke von Rauch schien eine zweite aus Larm zu la- 
gern, eine brausende, brummende, summende Wolke. Schlofi man die 
Augen, so konnte man glauben, eine ungeheure Schar von Heuschrek- 
ken sei mit schrecklichem Gesang liber die sitzenden Menschen losge- 
lassen worden. 

Hauptmann Wagner kam vollig verwandelt durch den Vorhang ins 
Cafe zuriick. Seine Augen lagen in violetten Hohlen. Uber seinen 
Mund hing struppig der braune Schnurrbart, dessen eine Halfte seltsa- 
merweise verkiirzt erschien, und am Kinn stand en die rotlich en Bart- 
stoppeln, ein iippiges, kleines Feld von winzigen Lanzen. »Wo bist du, 
Trotta?« rief der Hauptmann, obwohl er Brust an Brust vor dem Leut- 
nant stand. »Zweihundert verloren!« rief er. »Dies verfluchte Rot! Es 
ist aus mit meinem Gliick im Roulette. Man mufi es anders versu- 
chen!« Und er schleppte Trotta zu den Kartentischen. 
Kapturak und Brodnitzer erhoben sich. »Gewonnen?« fragte Kap- 
turak, denn er sah, dafi der Hauptmann verloren hatte. »Verloren, ver- 
loren!« brullte der Hauptmann. 

»Schade, schade!« sagte Kapturak. »Sehen Sie zum Beispiel mich: Wie 
oft habe ich schon gewonnen und verloren! Sehen Sie, alles hatte ich 
schon verloren! Alles hab' ich wiedergewonnen! Nicht immer beim 
selben Spiel bleiben! Nur nicht immer beim selben Spiel bleiben! Das 
ist die Hauptsache!« 

Hauptmann Wagner hakte den Rockkragen auf. Die gewohnliche 
braunliche Rote kehrte wieder in sein Gesicht. Sein Schnurrbart ord- 
nete sich gleichsam von selbst. Er schlug Trotta auf den Riicken. »Du 
hast noch nie eine Karte angeriihrt!« Trotta sah Kapturak ein blankes 



RADETZKYMARSCH }0J 

Spiel neuer Karten aus der Tasche Ziehen und es behutsam auf den 
Tisch legen, wie um dem bunten Angesicht der untersten Karte nicht 
weh zu tun. Er streichelte das Packchen mit seinen hurtigen Fingern. 
Wie dunkelgriine, glatte Spiegelchen glanzen die Riicken der Karten. 
In ihrer sanften Wolbung schwimmen die Lichter der Decke. Einzeine 
Karten erheben sich von selbst, stehen senkrecht auf ihrer scharfen 
Schmalseite, legen sich bald auf den Riicken und bald auf den Bauch, 
sammeln sich zum Haufchen, dieses entblattert sich mit einem sanften 
Geknatter, lafit die schwarzen und roten Gesichter wie ein kurzes, 
buntes Gewitter vorbeirauschen, schliefk sich neuerlich, fallt auf den 
Tisch, verteilt in kleinere Haufchen. Diesen entgleiten einzeine Karten, 
riicken zartlich ineinander, jede den halben Riicken der andern dek- 
kend, runden sich hierauf zu einem Kreis, erinnern an eine seltsame 
umgestiilpte und flache Artischocke, fliegen in eine Reihe zuriick und 
sammeln sich schliefilich zum Packchen. Alle Karten horen auf die 
lautlosen Rufe der Finger. Hauptmann Wagner verfolgt dieses Vor- 
spiel mit hungrigen Augen. Ach, er liebte die Karten! Manchmal ka- 
men jene, die er gerufen hatte, zu ihm, und manchmal flohen sie ihn. 
Er liebte es, wenn seine tollen Wiinsche den Fliehenden nachgalop- 
pierten und sie endlich, endlich zur Umkehr zwangen. Manchmal frei- 
lich waren die Fliichtigen schneller, und die Wiinsche des Hauptmanns 
mufken ermattet umkehren. Im Laufe der Jahre hatte der Hauptmann 
einen schwer iibersichtlichen, aufierst verworrenen Kriegsplan erson- 
nen, in dem keine Methode, das Gliick zu zwingen, aufkr acht gelassen 
war: weder die Mittel der Beschworung noch die der Gewalt, noch die 
der Uberrumpelung, noch die des flehentHchen Gebets und der liebes- 
tollen Lockung. Einmal mufke sich der arme Hauptmann, sobald er 
ein Cceur erwiinschte, verzweifelt stellen und der Unsichtbaren im ge- 
heimen versichern, dafi er, kame sie nicht bald, heute noch Selbstmord 
begehen wiirde; ein anderes Mai hielt er es fur aussichtsreicher, stolz 
zu bleiben und so zu tun, als sei ihm die Heiftersehnte vollkommen 
gleichgiiltig. Ein drittes Mai mufke er, um zu gewinnen, mit eigener 
Hand die Karten mischen, und zwar mit der Linken, eine Geschick- 
lichkeit, die er mit eisernem Willen nach langen Ubungen endlich er- 
worben hatte; und ein viertes Mai war es niitzlicher, an der rechten 
Seite des Bankhalters Platz zu nehmen. In den meisten Fallen aller- 
dings gait es, alle Methoden miteinander zu verbinden oder sie sehr 
schnell zu wechseln, und zwar so, daft die Mitspieler es nicht erkann- 



308 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ten. Denn dieses war wichtig. »Tauschen wir den Platz!« konnte der 
Hauptmann zum Beispiel ganz harmlos sagen. Und wenn er im Ange- 
sicht seines Mitspielers ein erkennendes Lacheln zu sehen glaubte, 
lachte er und fugte hinzu: »Sie irren sich! Ich bin nicht aberglaubisch! 
Das Licht stort mich hier!« Erfuhren namlich die Mitspieler etwas von 
den strategischen Tricks des Hauptmanns, so verrieten ihre Hande den 
Karten seine Absichten. Die Karten bekamen sozusagen Wind von sei- 
ner List und hatten Zeit zu fliehen. Und also begann der Hauptmann, 
sobald er sich an den Spieltisch setzte, so eifrig zu arbeiten wie ein 
ganzer Generalstab. Und wahrend sein Gehirn diese iibermenschliche 
Leistung vollbrachte, zogen durch sein Herz Gluten und Froste, Hoff- 
nungen und Schmerzen, Jubel und Bitterkeit. Er kampfte, er focht, er 
litt schauderhaft. Seit den Tagen, da man hier angefangen hatte, Rou- 
lette zu spielen, arbeitete er schon iiber schlauen Kriegsplanen gegen 
die Tiicke der Kugel. (Aber er wufite wohl, daft sie schwieriger zu 
besiegen war als die Spielkarte.) 

Er spielte fast immer Bakkarat, obwohl es nicht nur zu den verbotenen 
Spielen, sondern auch zu den verponten gehorte. Was aber sollten ihm 
die Spiele, bei denen man rechnen mufite und iiberlegen - in einer 
verntinftigen Art rechnen und iiberlegen-, wenn seine Spekulationen 
schon an das Unerrechenbare und Unerklarliche riihrten, es enthullten 
und haufig sogar bezwangen? Nein! Er wollte unmittelbar mit den 
Ratseln des Geschicks kampfen und sie auflosen! Und er setzte sich 
zum Bakkarat. Und er gewann in der Tat. Und er hatte drei Neuner 
und drei Achter hintereinander, wahrend Trotta lauter Buben und K6- 
nige bekam, Kapturak nur zweimal Vierer und Funfer. Und da vergafi 
sich der Hauptmann Wagner. Und obwohl es zu seinen Grundsatzen 
gehorte, das Gliick nicht merken zu lassen, dafi man seiner sicher sei, 
verdreifachte er plotzlich den Einsatz. Denn er hoffte, den Wechsel 
heute noch »hereinzukriegen«. Und hier begann das Unheil. Der 
Hauptmann verlor, und Trotta hatte gar nicht aufgehort zu verlieren. 
Schliefilich gewann Kapturak funfhundert Kronen. Der Hauptmann 
mufke einen neuen Schuldschein unterschreiben. 
Wagner und Trotta standen auf. Sie fingen an, Cognac mit Neunzig- 
gradigem zu mischen und diesen wieder mit Okocimer Bier. Der 
Hauptmann Wagner schamte sich seiner Niederlage, nicht anders als 
ein General, der besiegt aus einer Schlacht hervorgeht, zu der er einen 
Freund geladen hat, um den Sieg mit ihm zu teilen. Der Leutnant aber 



RADETZKYMARSCH 309 

teilte die Scham des Hauptmanns. Und beide wufiten, dafi sie einander 
unmoglich ohne Alkohol in die Augen sehen konnten. Sie tranken 
langsam, in kleinen, regelmafiigen Schlucken. 

»Auf dein Wohl!« sagte der Hauptmann. »Auf dein Wohl!« sagte 
Trotta. 

Sooft sie diese Wiinsche wiederholten, schauten sie sich mutig an und 
bewiesen einander, dafi ihnen ihr Unheil gleichgultig war. Plotzlich 
aber schien es dem Leutnant, daft der Hauptmann, sein bester Freund, 
der unglucklichste Mann auf dieser Erde sei, und er fing an, bitterlich 
zu weinen. »Warum weinst du?« fragte der Hauptmann, und auch 
seine Lippen bebten schon. »Uber dich, iiber dich!« sagte Trotta, 
»mein armer Freund!« Und sie verloren sich teils in stummen, teils in 
wortreichen Wehklagen. 

In Hauptmann Wagners Erinnerung tauchte ein alter Plan auf. Er be- 
zog sich auf das Pferd Trottas, das er jeden Tag zu reiten pflegte, das er 
Hebgewonnen hatte und zuerst selbst hatte kaufen wollen. Es war ihm 
gleich darauf eingefallen, dafi er, wenn er soviel Geld hatte, wie das 
Pferd kosten mufite, ohne Zweifel ein Vermogen im Bakkarat gewin- 
nen und mehrere Pferde besitzen konnte. Hierauf dachte er daran, dem 
Leutnant das Pferd abzunehmen, es nicht zu zahlen, sondern zu beleh- 
nen, mit dem Geld zu spielen und dann das Tier zurtickzukaufen. War 
das unfair? Wem konnte es schaden? Wie lange dauerte es? Zwei Stun- 
den Spiel, und man hatte alles! Man gewann am sichersten, wenn man 
sich ohne Angst, ohne auch nur ein biftchen zu rechnen, an den Spiel- 
tisch setzte. Oh, wenn man nur ein einziges Mai so spielen hatte kon- 
nen wie ein reicher, unabhangiger Mann! Einmal! Der Hauptmann 
verfluchte seine Gage. Sie war so schabig, dafi sie ihm nicht erlaubte, 
»menschenwtirdig« zu spielen. 

Jetzt, wie sie so geriihrt nebeneinandersaften, alle Welt ringsum verges- 
sen hatten, aber uberzeugt waren, sie waren von aller Welt ringsum 
vergessen worden, glaubte der Hauptmann endlich sagen zu konnen: 
»Verkauf mir dein Pferd !« »Ich schenk's dir«, sagte Trotta geriihrt. Ein 
Geschenk darf man nicht verkaufen, auch nicht voriibergehend, dachte 
der Hauptmann und sagte: »Nein, verkaufenU »Nimm's dir!« flehte 
Trotta. »Ich zahl's«, beharrte der Hauptmann. 

Sie stritten so einige Minuten. Schliefllich erhob sich der Hauptmann, 
taumelte ein wenig und schrie: »Ich befehle Ihnen, es mir zu verkau- 
fenU »Jawohl, Herr HauptmannU sagte Trotta mechanisch. »Ich hab' 



310 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

aber kein Geld!« lallte der Hauptmann, setzte sich und wurde wieder 
giitig. »Das macht nichts! Ich schenk dir's.« »Nein, justament nicht! 
Ich will's auch gar nicht mehr kaufen. Wenn ich nur Geld hatte!« 
»Ich kann's einem andern verkaufen!« sagte Trotta. Er leuchtete vor 
Freude iiber diesen ungewohnlichen Einfall. 

»Famos!« rief der Hauptmann. »Aber wem?« »Chojnicki zum Bei- 
spiel!« »Famos!« wiederholte der Hauptmann. »Ich bin ihm fiinfhun- 
dert Kronen schuldig!« »Ich ubernehme sie!« sagte Trotta. 
Weil er getmnken hatte, war sein Herz erfullt von Mitleid fiir den 
Hauptmann. Dieser arme Kamerad mufke gerettet werden! Er befand 
sich in grofier Gefahr. Er war ihm ganz vertraut und nahe, der liebe 
Hauptmann Wagner. Aufierdem halt es der Leutnant in dieser Stunde 
fiir unumganglich notwendig, ein gutes, trostliches, vielleicht auch ein 
grofies Wort zu sagen und eine hilfreiche Tat zu vollbringen. Edelmut, 
Freundschaft und das Bedurfnis, sehr stark und hilfreich zu erschei- 
nen, rannen in seinem Herzen zusammen, gleich drei warmen Stro- 
men. Trotta erhebt sich. Der Morgen ist angebrochen. Nur einige 
Lampen brennen noch, schon ermattet vor dem Hellgrau des Tages, 
der ubermachtig durch die Jalousien eindringt. Aufier Herrn Brodnit- 
zer und seinem einzigen Kellner ist kein Mensch mchr im Lokal. 
Trostlos und verraten stehen Tische und Stiihle und das Podium, auf 
dem die »Nachtigall aus Mariahilf« wahrend der Nacht herumgehupft 
ist. Alles Wiiste ringsum weckt schreckliche Bilder von einem plotzli- 
chen Aufbruch, der hier stattgefunden haben kann, als hatten die Ga- 
ste, von einer Gefahr iiberrascht, in hellen Scharen das Cafe auf einmal 
verlassen. Lange Zigarettenmundstiicke aus Pappe wimmeln in Haufen 
auf dem Boden neben kurzen Stummeln von Zigarren. Es sind Uberre- 
ste russischer Zigaretten und osterreichischer Zigarren, und sie verra- 
ten, dafi hier Gaste aus dem fremden Lande mit Einheimischen gespielt 
und getrunken haben. 

»Zahlen!« ruft der Hauptmann. - Er umarmt den Leutnant. Er driickt 
ihn lange und herzlich an die Brust. »Also mit Gott!« sagt er, die Au- 
gen voller Tranen. 

Auf der Strafie war bereits der ganze Morgen vorhanden, der Morgen 
einer kleinen ostlichen Stadt, voll vom Duft der Kastanienkerzen, des 
eben erbliihten Flieders und der frischen, sauerlichen, schwarzen 
Brote, die von den Backern in groften Korben ausgetragen wurden. 
Die Vogel larmten, es war ein unendliches Meer aus Gezwitscher, ein 



RADETZKYMARSCH 311 

tonendes Meer in der Luft. Ein blafiblauer, durchsich tiger Himmel 
spannte sich glatt und nahe iiber den grauen, schiefen Schindeldachern 
der kleinen Hauser. Die winzigen Fuhrwerke der Bauern rollten weich 
und langsam und noch schlafrig iiber die staubige Strafte und verstreu- 
ten nach alien Seiten Strohhalme, Hacksel und trockenes Heu vom 
vorigen Jahr. Am freien ostlichen Horizont stieg sehr schnell die 
Sonne empor. Ihr entgegen ging Leutnant Trotta, ein wenig erniichtert 
durch den sachten Wind, der dem Tag voranwehte, und erfullt von der 
stolzen Absicht, den Kameraden zu retten. Es war nicht einfach, das 
Pferd zu verkaufen, ohne vorher den Bezirkshauptmann um Erlaubnis 
zu fragen. Man tat es fur den Freund! Es war auch nicht so einfach - 
und was ware fur den Leutnant Trotta in diesem Leben einfach gewe- 
sen!-, Chojnicki das Pferd anzutragen. Aber je schwieriger das Unter- 
fangen erschien, desto riistiger und entschlossener marschierte ihm 
Trotta entgegen. Schon schlug es vom Turm. Trotta erreichte den Ein- 
gang zum »neuen Schlofi« in dem Augenblick, in dem Chojnicki, ge- 
stiefelt und die Peitsche in der Hand, sein sommerliches Gefahrt be- 
steigen wollte. Er bemerkte die falsche rotliche Frische im hageren und 
unrasierten Gesicht des Leutnants, die Schminke der Trinker. Sie lag 
iiber der wirklichen Blasse des Angesichts wie der Widerschein einer 
roten Lampe iiber einem weiften Tisch. Er geht zugrunde! dachte 
Chojnicki. 

»Ich wollte Ihnen einen Vorschlag machen!« sagte Trotta. »Wollen Sie 
mein Pferd ?« - Die Frage erschreckte ihn selbst. Auf einmal wurde es 
ihm schwer zu sprechen. 

»Sie reiten nicht gern, wie ich weift, Sie sind ja auch von der Kavallerie 
weg, nun ja - es ist Ihnen also einfach unsympathisch, sich um das Tier 
zu sorgen, da Sie es doch nicht gern benutzen, nun ja - aber es konnte 
Ihnen doch leid tun.« 

»Nein!« sagte Trotta. Er wollte nichts verheimlichen. »Ich brauche 
Geld.« 

Der Leutnant schamte sich. Es gehorte nicht zu den unehrenhaften, 
verponten, zweifelhaften Handlungen, Geld bei Chojnicki zu leihen. 
Und dennoch war es Carl Joseph, als beganne er mit der ersten Anleihe 
eine neue Etappe seines Lebens und als bediirfte er dazu der vaterli- 
chen Erlaubnis. Der Leutnant schamte sich. Er sagte: »Um es klar zu 
sagen: Ich habe fur einen Kameraden gebiirgt. Eine grofte Summe. 
Aufierdem hat er noch in dieser Nacht eine kleinere verloren. Ich will 



312 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nicht, daf$ er diesem Cafetier schuldig bleibt. Es ist unmoglich, dafi ich 
leihe. Ja«, wiederholte der Leutnant, »es ist einfach unmoglich. Der 
Betreffende ist Ihnen schon Geld schuldig. « 

»Aber er geht Sie nichts an!« sagte Chojnicki. »In diesem Zusammen- 
hang geht er Sie gar nichts an. Sie werden mir nachstens zuriickzahlen. 
Es ist eine Kleinigkeit! Sehen Sie, ich bin reich, man nennt das reich. 
Ich habe keine Beziehung zum Geld. Wenn Sie mich um einen Schnaps 
bitten, es ist genau das gleiche. Sehen Sie doch, was fur Umstande! 
Sehen Sie«, und Chojnicki streckte die Hand gegen den Horizont aus 
und beschrieb einen Halbkreis, »alle diese Walder gehoren mir. Es ist 
ganz unwichtig, nur, um Ihnen Gewissensbisse zu ersparen. Ich bin 
jedem dankbar, der mir etwas abnimmt. Nein, lacherlich, es spielt 
keine Rolle, es ist schade, dafi wir so viele Worte verlieren. Ich mache 
Ihnen einen Vorschlag: Ich kaufe Ihr Pferd und lasse es Ihnen ein Jahr. 
Nach einem Jahr gehort es mir.« 

Es ist deutlich, dafi Chojnicki ungeduldig wird. Ubrigens mufi das Ba- 
taillon bald ausriicken. Die Sonne steigt rastlos hoher. Der voile Tag ist 
da. 

Trotta hastete der Kaserne zu. In einer halben Stunde war das Bataillon 
gestelit. Er hatte keine Zeit mehr, sich zu rasieren. Major Zoglauer 
kam gegen elf Uhr. (Er liebte keine unrasierten Zugskommandanten. 
Das einzige, worauf er im Laufe der Jahre, in denen er Grenzdienst tat, 
noch acht zu geben gelernt hatte, waren »Sauberkeit und Adjustierung 
im Dienst«.) Nun, es war zu spat! Man lief in die Kaserne. Man war 
wenigstens nuchtern geworden. Man traf Hauptmann Wagner vor ver- 
sammelter Kompanie. »Ja, erledigtU sagte man hastig, und man stellte 
sich vor seinen Zug. Und man kommandierte: »Doppelreihen, rechts 
um. Marsch!« Der Sabel blitzte. Die Trompeten bliesen. Das Bataillon 
riickte aus. 

Hauptmann Wagner bezahlte heute die sogenannte »Erfrischung« in 
der Grenzschenke. Man hatte eine halbe Stunde Zeit, zwei, drei Neun- 
ziggradige zu trinken. Hauptmann Wagner wufke ganz genau, daft er 
angefangen hatte, sein Gliick in die Hand zu bekommen. Er lenkte es 
jetzt ganz allein! Heute nachmittag zweitausendfunfhundert Kronen! 
Man gab funfzehnhundert sofort zuriick und setzte sich, ganz ruhig, 
ganz sorglos, ganz wie ein reicher Mann zum Bakkarat! Man iiber- 
nahm die Bank! Man mischte selbst! Und zwar mit der linken Hand! 
Vielleicht bezahlte man vorlaufig nur tausend und setzte sich mit gan- 



RADETZKYMARSCH 313 

zen fiinfzehnhundert, ganz ruhig, ganz sorglos, ganz wie ein reicher 
Mann zum Spiel, und zwar mit fiinfhundert zum Roulette und mit 
tausend zum Bak! Das ware noch besser! »Anschreiben fur Haupt- 
mann Wagner !« rief er zum Schanktisch. Und man erhob sich, die 
Rast war beendet, und die »Feldiibungen« sollten beginnen. 
Gliicklicherweise verschwand Major Zoglauer heute schon nach 
einer halben Stunde. Hauptmann Wagner iibergab das Kommando 
dem Oberleutnant Zander und ritt schleunigst zu Brodnitzer. Er er- 
kundigte sich, ob er am Nachmittag, gegen vier Uhr, auf Mitspieler 
rechnen konnte. Jawohl, kein Zweifel! Alles liefi sich groEartig an! 
Sogar die »Hausgeister«, jene unsichtbaren Wesen, die Hauptmann 
Wagner in jedem Raum, in dem gespielt wurde, fuhlen konnte, mit 
denen er manchmal unhorbar sprach - und auch dann in einem 
Kauderwelsch, das er sich im Laufe der Jahre zurechtgelegt hatte-, 
sogar diese Hausgeister waren heute von eitel Wohlwollen fiir Wag- 
ner erfullt. Um sie noch besser zu stimmen oder um sie nicht ande- 
rer Meinung werden zu lassen, beschlofi Wagner, heute ausnahms- 
weise im Cafe Brodnitzer Mittag zu essen und sich bis zur Ankunft 
Trottas nicht vom Platz zu ruhren. Er blieb. Gegen drei Uhr nach- 
mittag kamen die ersten Spieler. Hauptmann Wagner begann zu zit- 
tern. Wenn dieser Trotta ihn im Stich liefi und zum Beispiel erst 
morgen das Geld brachte? Dann waren vielleicht schon alle Chancen 
vorbei. Einen so guten Tag wie heute erwischte man vielleicht nie- 
mals mehr! Die Gotter waren gut gelaunt, und es war ein Donners- 
tag. Am Freitag aber! Am Freitag das Gluck rufen, das hiefi ebenso- 
viel wie von einem Oberstabsarzt Kompanie-Exerzieren verlangen! 
Je mehr Zeit verging, desto grimmiger dachte Hauptmann Wagner 
von dem saumigen Leutnant Trotta. Er kam nicht, der junge Schuft! 
Und dazu hatte man sich so angestrengt, den Exerzierplatz zu friih 
verlassen, auf das gewohnte Mittagessen im Bahnhof verzichtet, mit 
den Hausgeistern muhsam verhandelt und gewissermafien den giin- 
stigen Donnerstag aufgehalten! Und dann wurde man im Stich ge- 
lassen. Der Zeiger an der Wanduhr riickte unermiidlich vor, und 
Trotta kam nicht, kam nicht, kam nicht! 

Doch! Er kommt! Die Tiir geht auf, und Wagners Augen leuchten! 
Er gibt Trotta gar nicht die Hand! Seine Finger zittern. Alle Finger 
gleichen ungeduldigen Raubern. Im nachsten Augenblick pressen sie 
schon einen herrlichen, knisternden Umschlag. »Setz dich hin!« be- 



314 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

fahl der Hauptmann. »In einer halben Stunde spatestens siehst du mich 

wieder!« Und er verschwand hinter dem griinen Vorhang. 

Die halbe Stunde verging, noch eine Stunde und noch eine. Es war 

schon Abend, die Lichter brannten. Der Hauptmann Wagner kam 

langsam naher. Er war hochstens noch an seiner Uniform zu erkennen, 

und auch diese hatte sich verandert. Ihre Knopfe standen offen, aus 

dem Kragen ragte das schwarze Halsband aus Kautschuk, der Sabel- 

griff steckte unter dem Rock, die Taschen blahten sich, und Zigarren- 

asche lag verstreut auf der Bluse. Auf dem Kopf des Hauptmanns rin- 

gelten sich die Haare des braunen, zerstorten Scheitels, und unter dem 

zerzausten Schnurrbart standen die Lippen offen. Der Hauptmann ro- 

chelte: »Alles!« und setzte sich. 

Sie hatten einander nichts mehr zu sagen. Ein paarmal machte Trotta 

den Versuch, eine Frage zu tun. Wagner bat mit ausgestreckter Hand 

und gleichsam ausgestreckten Augen um Stille. Dann erhob er sich. Er 

ordnete seine Uniform. Er sah ein, daft sein Leben keinen Zweck mehr 

hatte. Er ging jetzt hin, um endlich Schlufi zu machen. »Leb wohl!« 

sagte er feierlich - und ging. 

Draufien aber umfachelte ihn ein gutiger, schon sommerlicher Abend 

mit hunderttausend Sternen und hundert Wohlgeriichen. Es war 

schliefilich leichter, nie mehr zu spielen, als nie mehr zu leben. Und er 

gab sich sein Ehrenwort, dafi er nie mehr spielen wiirde. Lieber verrek- 

ken als eine Karte anriihren. Nie mehr! Nie mehr war eine lange Zeit, 

man kiirzte sie ab. Man sagte sich: bis zum 31. August kein Spiel! 

Dann wild man ja sehen! Also, Ehrenwort, Hauptmann Wagner! 

Und mit frisch gesaubertem Gewissen, stolz auf seine Festigkeit und 

froh iiber das Leben, das er sich soeben selbst gerettet hat, geht der 

Hauptmann Wagner zu Chojnicki. Chojnicki steht an der Ttir. Er 

kennt den Hauptmann lange genug, um auf den ersten Blick zu sehen, 

dafi Wagner viel verloren und wieder einmal den Entschlufi gefafk hat, 

kein Spiel mehr anzuriihren. Und er ruft: »Wo haben Sie den Trotta 

gelassen?« 

»Nicht gesehn!« 

»Alles?« 

Der Hauptmann senkt den Kopf, schaut auf seine Stiefelspitzen und 

sagt: »Ich habe mein Ehrenwort gegeben-« 

»Ausgezeichnet!« sagt Chojnicki, »es ist Zeit!« 

Er ist entschlossen, den Leutnant Trotta von der Freundschaft mit dem 



RADETZKYMARSCH 315 

irrsinnigen Wagner zu befreien. Weg mit ihm! denkt Chojnicki. Man 
wird ihn vorlaufig fur ein paar Tage in Urlaub schicken, mit Wally! 
Und er fahrt in die Stadt. 

»Ja!« sagt Trotta ohne Zogern. Er hat Angst vor Wien und vor der 
Reise mit einer Frau. Aber er mufi fahren. Er empfindet jene ganz 
bestimmte Bedrangnis, die ihn vor jeder Veranderung seines Lebens 
regelmafiig befallen hat. Er fuhlt, dafi ihn eine neue Gefahr bedroht, 
die grofite der Gefahren, die es geben kann, namlich eine, nach der er 
sich selbst gesehnt hat. Er wagt nicht zu fragen, wer die Frau sei. Viele 
Gesichter fremder Frauen, blaue, braune und schwarze Augen, blonde 
Haare, schwarze Haare, Huften, Briiste und Beine, Frauen, die er viel- 
leicht einmal gestreift hat, als Knabe, als Jiingling; alle schweben hurtig 
an ihm vorbei; alle auf einmal: ein wunderbarer, zarter Sturm von 
fremden Frauen. Er riecht den Duft der Unbekannten; er spurt die 
kiihle und harte Zartheit ihrer Knie; schon liegt um seinen Hals das 
siifie Joch nackter Arme und an seinem Nacken der Riegel ineinander- 
geschlungener Hande. 

Es gibt eine Angst vor der Wollust, die selbst wolliistig ist, wie eine 
gewisse Angst vor dem Tode todlich sein kann. Diese Angst erfiillt 
nun den Leutnant Trotta. 



XIII 

Frau von Taufiig war schon und nicht mehr jung. Tochter eines Sta- 
tionschefs, Witwe von einem jung verstorbenen Rittmeister namens 
Eichberg, hatte sie vor einigen Jahren einen frisch geadelten Herrn 
Tauftig geheiratet, einen reichen und kranken Fabrikanten. Er litt an 
leichtem, sogenanntem zirkularem Irresein. Seine An f alle kehrten re- 
gelmafiig jedes halbe Jahr wieder. Wochenlang vorher fiihlte er sie na- 
hen. Und er fuhr in jene Anstalt am Bodensee, in der verwohnte Irrsin- 
nige aus reichen Hausern behutsam und kostspielig behandelt wurden 
und die Irren waiter zartlich waren wie Hebammen. Kurz vor einem 
seiner Anfalle und auf den Rat eines jener windigen und mondanen 
Arzte, die ihren Patienten »seelische Emotionen« ebenso leichtfertig 
verschreiben wie altertumliche Haus arzte Rhabarber und Rizinus, 
hatte Herr von Taufiig die Witwe von seinem Freund Eichberg gehei- 
ratet. Taufiig erlebte zwar eine »seelische Emotion«, aber sein Anfall 



}l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kam auch schneller und heftiger. Seine Frau hatte wahrend ihrer kur- 
zen Ehe mit Herrn von Eichberg viele Freunde gewonnen und nach 
dem Tode ihres Mannes ein paar herzliche Heiratsantrage zuriickge- 
wiesen. Von ihren Ehebriichen schwieg man aus purer Hochschat- 
zung. Die Zeit war damals strenge, wie man weifi. Aber sie erkannte 
Ausnahmen an und liebte sie sogar. Es war einer jener wenigen aristo- 
kratischen Grundsatze, denen zufolge einfache Burger Menschen 
zweiter Klasse waren, aber der und jener biirgerliche Offizier Leibad- 
jutant des Kaisers wurde; die Juden auf hohere Auszeichnungen kei- 
nen Anspruch erheben konnten, aber einzelne Juden geadelt wurden 
und Freunde von Erzherzogen; die Frauen in einer iiberlieferten Moral 
lebten, aber diese und jene Frau lieben durfte wie ein Kavallerieoffi- 
zier. (Es waren jene Grundsatze, die man heute »verlogene« nennt, 
weil wir soviel unerbittlicher sind; unerbittlich, ehrlich und humor- 
los.) 

Der einzige unter den intimen Freunden der Witwe, der ihr keinen 
Heiratsantrag gemacht hatte, war Chojnicki. Die Welt, in der es sich 
noch lohnte zu leben, war zum Untergang verurteilt. Die Welt, die ihr 
folgen sollte, verdiente keinen anstandigen Bewohner mehr. Es hatte 
also keinen Sinn, dauerhaft zu lieben, zu heiraten und etwa Nachkom- 
men zu zeugen. Mit seinen traurigen, blafiblauen, etwas hervortreten- 
den Augen sah Chojnicki die Witwe an und sagte: »Entschuldige, dafi 
ich dich nicht heiraten mdchte!« Mit diesen Worten beendete er seinen 
Kondolenzbesuch. 

Die Witwe heiratete also den irrsinnigen Taufiig. Sie brauchte Geld, 
und er war bequemer als ein Kind. Sobald sein Anfall vorbei war, bat 
er sie zu kommen. Sie kam, erlaubte ihm einen Kufi und fuhrte ihn 
nach Hause. »Auf frohes Wiedersehn!« sagte Herr von Taufiig dem 
Professor, der ihn bis vor das Gitter der geschlossenen Abteilung be- 
gleitete. »Auf Wiedersehn, recht bald!« sagte die Frau. (Sie liebte die 
Zeiten, in denen ihr Mann krank war.) Und sie fuhren nach Hause. 
Vor zehn Jahren hatte sie zuletzt Chojnicki besucht, damals noch nicht 
mit Taufiig verheiratet, nicht weniger schon als heute und urn ganze 
zehn Jahre jiinger. Auch damals war sie nicht allein zuriickgefahren. 
Ein Leutnant, jung und traurig wie dieser hier, hatte sie begleitet. Er 
hieft Ewald und war Ulan. (Ulanen hatte es hier damals gegeben.) Es 
ware der erste wirkliche Schmerz ihres Lebens gewesen, ohne Beglei- 
tung zuriickzufahren; und eine Enttauschung, etwa von einem Ober- 



RADETZKYMARSCH 317 

leutnant begleitet zu werden. Fur hohere Chargen fiihlte sie sich 
noch lange nicht alt genug. Zehn Jahre spater - vielleicht. 
Aber das Alter nahte mit grausamen und lautlosen Schritten und 
manchmal in tlickischen Verkleidungen. Sie zahlte die Tage, die an 
ihr vorbeirannen, und jeden Morgen die feinen Runzeln, zarthaarige 
Netze, in der Nacht um die ahnungslos schlafenden Augen vom Al- 
ter gesponnen. Ihr Herz aber war ein sechzehnjahriges Madchen- 
herz. Mit standiger Jugend gesegnet, wohnte es mitten im alternden 
Korper, ein schones Geheimnis in einem verfallenden Schlofi. Jeder 
junge Mann, den Frau von Taufiig in ihre Arme nahm, war der 
langersehnte Gast. Er blieb leider nur im Vorzimmer stehen. Sie 
lebte ja gar nicht; sie wartete ja nur! Einen nach dem andern sah sie 
davongehn, mit bekummerten, ungesattigten und verbitterten Au- 
gen. Allmahlich gewohnte sie sich daran, Manner kommen und ge- 
hen zu sehen, das Geschlecht der kindischen Riesen, die tappischen 
Mammutinsekten glichen, fluchtig und dennoch von schwerem Ge- 
wicht; eine Armee von plumpen Toren, die mit bleiernen Fittichen 
zu flattern versuchten; Krieger, die zu erobern glaubten, wenn man 
sie verachtete, zu besitzen, wahrend man sie verlachte, zu geniefien, 
wenn sie kaum gekostet hatten; eine barbarische Horde, auf die man 
trotzdem wartete, solange man lebte. Vielleicht, vielleicht stand ein- 
mal ein einziger aus ihrer verworrenen und finsteren Mitte auf, 
leicht und schimmernd, ein Prinz mit gesegneten Handen. Er kam 
nicht! Man wartete, er kam nicht! Man wurde alt, er kam nicht! 
Frau von Taufiig stellte dem nahenden Alter junge Manner entgegen 
wie Damme. Aus Angst vor ihrem erkennenden Blick ging sie mit 
geschlossenen Augen in jedes ihrer sogenannten Abenteuer. Und sie 
verzauberte mit ihren Wunschen die torichten Manner fur den eige- 
nen Gebrauch. Leider merkten sie nichts davon. Und sie verwandel- 
ten sich nicht im geringsten. 

Sie schatzte den Leutnant Trotta ab. Er sieht alt aus fur seine Jahre - 
dachte sie -, er hat traurige Dinge erlebt, aber er ist nicht an ihnen 
klug geworden. Er liebt nicht leidenschaftlich, aber vielleicht auch 
nicht fluchtig. Er ist bereits so ungliicklich, daft man ihn hochstens 
nur noch glucklich machen kann. 

Am nachsten Morgen erhielt Trotta drei Tage Urlaub »in Familien- 
angelegenheiten«. Um ein Uhr nachmittags verabschiedete er sich 
von den Kameraden im Speisesaal. Er stieg mit Frau von Taufiig, 



318 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

beneidet und umjubelt, in ein Kupee erster Klasse, fiir das er allerdings 
einen Zuschlag gezahlt hatte. 

Als die Nacht einbrach, bekam er Angst wie ein Kind vor der Dunkel- 
heit; und er verliefi das Kupee, um zu rauchen, das heifit: unter dem 
Vor wand, rauchen zu muss en. Er stand im Korridor, erfiillt von ver- 
worrenen Vorstellungen, sah durch das nachtliche Fenster die fliegen- 
den Schlangen, die aus den weifigliihenden Funken der Lokomotive im 
Nu gebildet wurden und im Nu verloschen, die dichte Finsternis der 
Walder und die ruhigen Sterne am Gewolbe des Himmels. Sachte 
schob er die Tiir zuriick und ging auf den Zehen ins Kupee. »Vielleicht 
hatten wir Schlafwagen nehmen sollen!« sagte die Frau iiberraschend, 
ja erschreckend aus der Dunkelheit. »Sie miissen unaufhorlich rau- 
chen! Rauchen durfen Sie auch hier!« Sie schlief also noch immer 
nicht. Das Streichholz beleuchtete ihr Angesicht. Es lag, weifi, vom 
schwarzen, wirren Haar umrandet, auf der dunkelroten Polsterung. Ja, 
vielleicht hatte man Schlafwagen nehmen sollen. Das Kopfchen der 
Zigarette glomm rotlich durch die Finsternis. Sie fuhren iiber eine 
Briicke, die Rader polterten starker- »Die Briicken!« sagte die Frau. 
»Ich habe Angst, sie stiirzen ein!« Ja, dachte der Leutnant, sie sollen 
nur einstiirzen ! Er hatte lediglich zwischen einem plotzlichen Ungliick 
und einem langsam heranschleichenden zu wahlen. Er safi reglos der 
Frau gegentiber, sah die Lichter der voriiberhuschenden Stationen se- 
kundenlang das Abteil erhellen und das bleiche Angesicht der Frau 
von Taufiig noch blasser werden. Er konnte kein Wort hervorbringen. 
Er stellte sich vor, dafi er sie kiissen miisse, statt etwas zu sagen. Er 
verschob den falligen Kufi immer wieder. Nach der nachsten Station, 
sagte er sich. Auf einmal streckte die Frau ihre Hand aus, suchte nach 
dem Riegel an der Kupeetiir, fand ihn und liefi ihn einschnappen. Und 
Trotta beugte sich iiber ihre Hand. 

In dieser Stunde liebte Frau von TaulSig den Leutnant mit der gleichen 
Heftigkeit, mit der sie vor zehn Jahren den Leutnant Ewald geliebt 
hatte, auf der gleichen Strecke, um die gleiche Stunde und, wer weift, 
vielleicht im selben Kupee. Aber ausgeloscht war vorlaufig jener Ulan, 
wie die Fruheren, wie die Spateren. Die Lust brauste uber die Erinne- 
rung hin und schwemmte alle Spuren fort. Frau von TauEig hiefi Vale- 
rie mit Vornamen, man nannte sie mit der landesiiblichen Abkiirzung 
Wally. Dieser 'Name, ihr zugefliistert in alien zartlichen Stunden, klang 
in jeder zartlichen Stunde ganz neu. Eben taufte sie wieder dieser junge 



RADETZKYMARSCH 319 

Mann, sie war ein Kind (und frisch wie der Name). Dennoch machte 
sie jetzt, aus Gewohnheit, die wehmiitige Feststellung, dafi sie »viel 
alter « sei als er: eine Bemerkung, die sie jungen Mannern gegeniiber 
immer wagte, gewissermaften eine tollkuhne Vorsicht. Ubrigens eroff- 
nete diese Bemerkung eine neue Reihe von Liebkosungen. Alle zartli- 
chen Worte, die ihr gelaufig waren und die sie dem und jenem schon 
geschenkt hatte, holte sie wieder hervor. Jetzt kam - wie gut kannte sie 
leider die Reihenfolge! - die standig gieichlautende Bitte des Mannes, 
nicht vom Alter und von der Zeit zu reden. Sie wufite, wie wenig diese 
Bitten bedeuteten - und sie glaubte ihnen. Sie wartete. Aber der Leut- 
nant Trotta schwieg, ein verstockter junger Mann. Sie hatte Angst, das 
Schweigen sei ein Urteil; und sie begann vorsichtig: »Was glaubst, um 
wieviel alter ich bin als du?« Er war ratios. Darauf antwortet man 
nicht, es ging ihn auch gar nichts an. Er fuhlte den schnellen Wechsel 
von glatter Kiihle und ebenso glatter Glut auf ihrer Haut, die jahen 
klimatischen Veranderungen, die zu den zauberhaften Erscheinungen 
der Liebe gehoren. (Innerhalb einer einzigen Stunde haufen sie alle 
Eigenschaften aller Jahreszeiten auf einer einzigen weiblichen Schulter. 
Sie heben tatsachlich die Gesetze der Zeit auf.) »Ich konnt' ja deine 
Mutter sein!« fliisterte die Frau. »Rate mal, wie alt ich bin?« »Ich weift 
nicht!« sagte der Ungliickliche. »Einundvierzig!« sagte Frau Wally. Sie 
war erst vor einem Monat zweiundvierzig geworden. Aber manchen 
Frauen verbietet die Natur selbst, die Wahrheit zu sagen; die Natur, 
die sie davor behiitet, alter zu werden. Frau von Tauftig ware vielleicht 
zu stolz gewesen, ganze drei Jahre zu unterschlagen. Aber der Wahr- 
heit ein einziges, armseliges Jahr zu stehlen war noch kein Diebstahl an 
der Wahrheit. 

»Du lugst!« sagte er endlich, sehr grob, aus Hoflichkeit. Und sie urn- 
armte ihn in einer neuen, aufrauschenden Welle aus Dankbarkeit. Die 
weiften Lichter der Stationen rannen am Fenster vorbei, erleuchteten 
das Kupee, belichteten ihr weiftes Angesicht und schienen ihre Schul- 
tern noch einmal zu entbloften. Der Leutnant lag an ihrer Brust wie ein 
Kind. Sie fuhlte einen wohltatigen, seligen, einen rmitterlichen 
Schmerz. Eine miitterliche Liebe rann in ihre Arme und erfiillte sie mit 
neuer Kraft. Sie wollte ihrem Geliebten Gutes tun wie einem eigenen 
Kind; als hatte ihn ihr Schofi geboren, derselbe, der ihn jetzt empfing. 
»Mein Kind, mem Kind!« wiederholte sie. Sie hatte keine Angst mehr 
vor dem Alter. Ja, zum erstenmal segnete sie die Jahre, die sie von dem 



320 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Leutnant schieden. Als der Morgen, ein strahlender, fruhsommerlicher 
Morgen, durch die dahinschiefienden Kupeefenster brach, zeigte sie 
dem Leutnant furchtlos das noch nicht fur den Tag geriistete Ange- 
sicht. Sie rechnete allerdings ein bifichen mit der Morgenrote. Denn 
zufallig lag der Osten vor dem Fenster, an dem sie saf?. 
Dem Leutnant Trotta erschien die Welt verandert. Infolgedessen 
stellte er fest, dafi er soeben die Liebe kennengelernt habe, das heifit: 
die Verwirklichung seiner Vorstellungen von der Liebe. In Wirklich- 
keit war er nur dankbar, ein gesattigtes Kind. »In Wien bleiben wir 
zusammen, nicht?« - Liebes Kind, liebes Kind! dachte sie fortwah- 
rend. Sie sah ihn an, von mutterlichem Stolz erfiillt, als hatte sie ein 
Verdienst an den Tugenden, die er nicht besafi und die sie ihm zu- 
schrieb wie eine Mutter. 

Eine unendliche Reihe kleiner Feste bereitete sie vor. Es fiigte sich gut, 
daft sie zu Fronleichnam eintrafen. Sie wird zwei Platze auf der Tri- 
bune beschaffen. Sie wird mit ihm den bunten Zug genieflen, den sie 
liebte, wie ihn damals alle osterreichischen Frauen jedes Standes lieb- 
ten. 

Sie beschaffte Platze auf der Tribune. Der frohliche und feierliche 
Pomp der Parade beschenkte sie selbst mit einem warmen und verju'n- 
genden Widerschein. Seit ihrer Jugend kannte sie, wahrscheinlich nicht 
weniger genau als der Obersthofmeister, alle Phasen, Teile und Ge- 
setze des Fronleichnamzuges, ahnlich wie die alten Besucher der ange- 
stammten Opernlogen alle Szenen ihrer geliebten Stiicke. Ihre Lust zu 
schauen verminderte sich nicht etwa, sondern nahrte sich im Gegenteil 
von dieser vertrauten Kennerschaft. In Carl Joseph standen die alten 
kindischen und heldischen Traume auf, die ihn zu Hause, in den Fe- 
rien auf dem vaterlichen Balkon, bei den Klangen des Radetzkymar- 
sches erfiillt und begliickt hatten. Die ganze majestatische Macht des 
alten Reiches zog vor seinen Augen dahin. Der Leutnant dachte an 
seinen Grofivater, den Helden von Solferino, und an den unerschiitter- 
lichen Patriotismus seines Vaters, der einem kleinen, aber starken Fels 
vergleichbar war, mitten unter den ragenden Bergen der habsburgi- 
schen Macht. Er dachte an seine eigene heilige Aufgabe, fur den Kaiser 
zu sterben, jeden Augenblick zu Wasser und zu Lande und auch in der 
Luft, mit einem Worte, an jedem Orte. Die Wendungen des Geliibdes, 
das er ein paarmal mechanisch abgelegt hatte, wurden lebendig. Sie 
erhoben sich, ein Wort nach dem andern erhob sich, jedes eine Fahne. 



RADETZKYMARSCH 321 

Das porzellanblaue Auge des Allerhochsten Kriegsherrn, erkaltet auf 
so vielen Bildern an so vielen Wanden des Reiches, fiillte sich mit 
neuer, vaterlicher Huld und blickte wie ein ganzer blauer Himmel auf 
den Enkel des Helden von Solferino. Es leuchteten die lichtblauen Ho- 
sen der Infanterie. Wie der leibhaftige Ernst der ballistischen Wissen- 
schaft zogen die kaffeebraunen Artilleristen vorbei. Die blutroten Feze 
auf den Kopfen der hellblauen Bosniaken brannten in der Sonne wie 
kleine Freudenfeuerchen, angeziindet vom Islam zu Ehren Seiner 
Apostolischen Majestat. In den schwarzen, lackierten Karossen saften 
die goldgezierten Ritter des Vlieses und die schwarzen, rotbackigen 
Gemeinderate. Nach ihnen wehten wie majestatische Stiirme, die ihre 
Leidenschaft in der Nahe des Kaisers ziigeln, die RofShaarbusche der 
Leibgarde-Infanterie einher. SchliefiHch erhob sich, vom schmettern- 
den Generalmarsch vorbereitet, der kaiser- und konigliche Gesang der 
irdischen, aber immerhin Apostolischen Armee-Cherubim: »Gott er- 
halte, Gott beschiitze« iiber die stehende Volksmenge, die marschie- 
renden Soldaten, die sachte trabenden Rosser und die lautlos rollenden 
Wagen. Er schwebte iiber alien Kopfen, ein Himmel aus Melodie, ein 
Baldachin aus schwarz-gelben Tonen. Und das Herz des Leutnants 
stand still und klopfte heftig zu gleicher Zeit - eine medizinische Ab- 
sonderlichkeit. Zwischen den langsamen Klangen der Hymne flogen 
die Hochrufe auf wie weifte Fahnchen zwischen groften, wappenbe- 
malten Bannern. Der Lipizzanerschimmel kam tanzelnd einher, mit 
der majestatischen Koketterie der beriihmten Lipizzanerpferde, die im 
kaiserlich-koniglichen Gestiit ihre Ausbildung genossen. Ihm folgte 
das Hufgetrappel der Halbschwadron Dragoner, ein zierlicher Parade- 
donner. Die schwarz-goldenen Helme blitzten in der Sonne. Die Rufe 
der hellen Fanfaren ertonten, Stimmen frohlicher Mahner: Habt acht, 
habt acht, der alte Kaiser naht! 

Und der Kaiser kam: Acht blutenweifte Schimmel zogen seinen Wagen. 
Und auf den Schimmeln, in goldbestickten, schwarzen Rocken und 
mit weifien Perucken, ritten die Lakaien. Sie sahen aus wie Gotter, und 
sie waren nur Diener von Halbgottern. Zu beiden Seiten des Wagens 
standen je zwei ungarische Leibgarden mit gelb-schwarzen Pantherfel- 
len iiber der Schulter. Sie erinnerten an die Wachter der Mauern von 
Jerusalem, der heiligen Stadt, deren Konig der Kaiser Franz Joseph 
war. Der Kaiser trug den schneeweiften Rock, den man von alien Bil- 
dern der Monarchie kannte, und einen machtigen griinen Papageienfe- 



322 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

derstraufi iiber dem Hut. Sachte im Wind wehten die Federn. Der Kai- 
ser lachelte nach alien Seiten. Auf seinem alten Angesicht lag das La- 
cheln wie eine kleine Sonne, die er selbst geschaffen hatte. Vom Ste- 
phansdom drohnten die Glocken, die Griifie der romischen Kirche, 
entboten dem Romischen Kaiser Deutscher Nation. Der alte Kaiser 
stieg vom Wagen mit jenem elastischen Schritt, den alle Zeitungen 
riihmten, und ging in die Kirche wie ein einfacher Mann; zu Fuft ging 
er in die Kirche, der Romische Kaiser Deutscher Nation, umdrohnt 
von den Glocken. 

Kein Leutnant der kaiser- und koniglichen Armee hatte dieser Zere- 
monie gleichgiiltig zusehen konnen. Und Carl Joseph war einer der 
Empfindlichsten. Er sah den goldenen Glanz, den die Prozession ver- 
stromte, und er horte nicht den diistern Fliigelschlag der Geier. Denn 
iiber dem Doppeladler der Habsburger kreisten sie schon, die Geier, 
seine bniderlichen Feinde. 

Nein, die Welt ging nicht unter, wie Chojnicki gesagt hatte, man sah 
mit eigenen Augen, wie sie lebte! Uber die breite Ringstrafie zogen die 
Bewohner dieser Stadt, frohliche Untertanen der Apostolischen Maje- 
stat, alles Leute aus seinem Hofgesinde. Die ganze Stadt war nur ein 
riesengrofier Burghof. Machtig in den Torbogen der uralten Palaste 
standen die livrierten Turhiiter mit ihren Staben, die Gotter unter den 
Lakaien. Schwarze Kutschen auf gummibereiften hohen und edlen Ra- 
dern mit zarten Speichen hielten vor den Toren. Die Rosser streichel- 
ten mit fursorglichen Hufen das Pflaster. Staatsbeamte mit schwarzen 
Krappenhiiten, goldenen Kragen und schmalen Degen kamen wiirdig 
und verschwitzt von der Prozession. Die weifien Schulmadchen, Blu- 
ten im Haar und Kerzen in den Handen, kehrten heim, eingezwangt 
zwischen ihre feierlichen Elternpaare, wie deren korperhaft geworde- 
nen, etwas verstorten und vielleicht auch ein wenig verpriigelten See- 
len. Uber den hellen Hiiten der hellen Damen, die ihre Kavaliere spa- 
zierenfiihrten wie an Leinen, wolbten sich die zierlichen Baldachine 
der Sonnenschirme. Blaue, braune, schwarze, gold- und silberverzierte 
Uniformen bewegten sich wie seltsame Baumchen und Gewachse, aus- 
gebrochen aus einem sudlichen Garten und wieder nach der fernen 
Heimat strebend. Das schwarze Feuer der Zylinder glanzte iiber eifri- 
gen und roten Gesichtern. Farbige Scharpen, die Regenbogen der Biir- 
ger, lagen iiber breiten Briisten, Westen und Bauchen. Da wallten iiber 
die Fahrbahn der Ringstrafie in zwei breiten Reihen die Leibgardisten 



RADETZKYMARSCH 323 

in weifien Engelspelerinen mit roten Aufschlagen und weifien Feder- 
biischen, schimmernde Hellebarden in den Fausten, und die Stra- 
fienbahnen, die Fiaker und selbst die Automobile hielten vor ihnen 
an wie vor wohlvertrauten Gespenstern der Geschichte. An den 
Kreuzungen und Ecken begossen die dicken, zehnfach beschiirzten 
Blumenfrauen (stadtische Schwestern der Feen) aus dunkelgriinen 
Kannen ihre leuchtenden Straufte, segneten mit lachelnden Blicken 
voriibergehende Liebespaare, banden Maiglockchen zusammen und 
liefien ihre alten Zungen laufen. Die goldenen Helme der Feuer- 
wehrmanner, die zu den Spektakeln abmarschierten, funkelten, hei- 
tere Mahner an Gefahr und Katastrophe. Es roch nach Flieder und 
Weifidorn. Die Gerausche der Stadt waren nicht laut genug, die 
pfeifenden Amseln in den Garten und die trillernden Lerchen in den 
Liiften zu iibertonen. All das schiittete die Welt iiber den Leutnant 
Trotta aus. Er safi im Wagen neben seiner Freundin, er liebte sie, 
und er fuhr, wie ihm schien, durch den ersten guten Tag seines Le- 
bens. 

Und es war auch in der Tat, als beganne sein Leben. Er lernte Wein 
trinken, wie er an der Grenze den Neunziggradigen getrunken hatte. 
Er afi mit der Frau in jenem beruhmten Speisehaus, dessen Wirtin 
wurdig war wie eine Kaiserin, dessen Raum heiter und andachtig 
war wie ein Tempel, nobel wie ein Schlofi und friedlich wie eine 
Hiitte. Hier aften an angestammten Tischen die Exzellenzen, und die 
Kellner, die sie bedienten, sahen aus wie ihresgleichen, so dafi es 
beinahe war, als wechselten Gaste und Kellner in einem bestimmten 
Turnus miteinander ab. Und jeder kannte jeden beim Vornamen wie 
ein Bruder den andern; aber sie gruftten einander wie ein Furst den 
andern. Man kannte die Jungen und die Alten, die guten Reiter und 
die schlechten, die Galanten und die Spieler, die Flotten, die Ehrgei- 
zigen, die Giinstlinge, die Erben einer uralten, durch die Uberliefe- 
rung geheiligten sprichwortlichen und allseits verehrten Dummheit 
und auch die Klugen, die morgen an die Macht kommen sollten. 
Man horte nur ein zartes Gerausch wohlerzogener Gabeln und Lof- 
fel und an den Tischen jenes lachelnde Gefliister der Essenden, das 
lediglich der Angesprochene hort und das der kundige Nachbar 
ohnehin errat. Von den weiften Tischtuchern kam ein friedlicher 
Glanz, durch die hohen, verhangenen Fenster stromte ein ver- 
schwiegener Tag, aus den Flaschen rann der Wein mit zartHchem 



324 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Gurren, und wer einen Kellner rufen wollte, brauchte nur die Augen 
zu erheben. Denn man vernahm in dieser gesitteten Stille den Auf- 
schlag eines Augenlides wie anderswo einen Ruf. 
Ja, so begann das, was er »das Leben« nannte und was zu jener Zeit 
vielleicht auch das Leben war: die Fahrt im glatten Wagen zwischen 
den dichten Geriichen des gereiften Friihlings, an der Seite einer Frau, 
von der man geliebt wurde. Jeder ihrer zartlichen Blicke schien ihm 
seine junge Uberzeugung zu rechtfertigen, dafi er ein ausgezeichneter 
Mann sei von vielen Tugenden und sogar ein »famoser Offizier« in 
dem Sinne, in dem man innerhalb der Armee diese Bezeichnung an- 
wandte. Er erinnerte sich, dafi er fast sein ganzes Leben traurig gewe- 
sen war, scheu, man konnte schon sagen: verbittert. Aber so, wie er 
sich jetzt zu kennen glaubte, begriff er nicht mehr, warum er traurig, 
scheu und verbittert gewesen war. Der Tod in der Nahe hatte ihn er- 
schreckt. Aber auch aus den wehmutigen Gedanken, die er jetzt Ka- 
tharina und Max Demant nachsandte, bezog er noch einen Genuft. Er 
hatte seiner Meinung nach Hartes durchgemacht. Er verdiente die 
zartlichen Blicke einer schonen Frau. Er sah sie von Zeit zu Zeit den- 
noch ein wenig angstlich an. War's nicht eine Laune von ihr, ihn mit- 
zunehmen wie einen Knaben und ihm ein paar gute Tage zu bereiten? 
Das konnte man sich nicht gefallen lassen. Er war, wie es bereits fest- 
stand, ein ganz famoser Mensch, und wer ihn liebte, muftte ihn ganz 
lieben, ehrlich und bis in den Tod, wie die arme Katharina. Und wer 
weifi, wie viele Manner dieser schonen Frau einfielen, wahrend sie ihn 
ganz allein zu lieben glaubte oder zu lieben vorgab?! War er eifersiich- 
tig? Gewifi, er war eifersiichtig! Und auch ohnmachtig, wie ihm gleich 
darauf einfiel. Eifersiichtig und ohne jedes Mittel, hierzubleiben oder 
mit der Frau weiterzufahren, sie zu behalten, solange ihm beliebte, und 
sie zu erforschen und sie zu gewinnen. Ja, er war ein kleiner, armer 
Leutnant, mit fiinfzig Kronen monatlicher Rente vom Vater, und er 
hatte Schulden . . . 

»Spielt ihr in eurer Garnison?« fragte Frau von Taufiig plotzlich. 
»Die Kameraden«, sagte er. »Hauptmann Wagner zum Beispiel. Er 
verliert enorm!« 
»Und du?« 

»Gar nicht!« sagte der Leutnant. Er wufke in diesem Augenblick, auf 
welche Weise man machtig werden konnte. Er emporte sich gegen sein 
mafiiges Geschick. Er wiinschte sich ein glanzvolles. Wenn er Staatsbe- 



RADETZKYMARSCH 325 

amter geworden ware, hatte er vielleicht Gelegenheit gehabt, einige 
seiner geistigen Tugenden, die er gewift besaft, niitzlich anzuwenden, 
Karriere zu machen. Was war ein Offizier im Frieden?! Was hatte der 
Held von Solferino selbst im Krieg und durch seine Tat gewonnen?! 
»Dafi du nur nicht spielst!« sagte Frau von Taufiig. »Du siehst nicht 
aus wie einer, der Gliick im Spiel hat!« 

Er war gekrankt. Sofort fafite ihn die Begierde, zu beweisen, daft er 
Gliick habe, iiberall! Er begann, geheime Plane zu briiten, flir heute, 
jetzt, fiir diese Nacht. Seine Umarmungen waren gleichsam vorlaufige 
Umarmungen, Proben einer Liebe, die er morgen geben wollte als ein 
Mann, nicht nur ausgezeichnet, sondern auch machtig. Er dachte an 
die Zeit, sah auf die Uhr und iiberlegte schon eine Ausflucht, um nicht 
zu spat fortzukommen. Frau Wally schickte ihn selbst weg. »Es wird 
spat, du mufit gehen!« »Morgen vormittagU »Morgen vormittag!« 
Der Hotelportier nannte einen Spielsaal in der Nahe. Man begriiftte 
den Leutnant mit geschaftiger Hoflichkeit. Er sah ein paar hohere Of- 
fiziere und blieb vor ihnen in der vorgeschriebenen Erstarrung stehen. 
Lassig winkten sie ihm zu, verstandnislos stamen sie ihn an, als begrif- 
fen sie iiberhaupt nicht, daft man sie militarisch behandle; als waren sie 
langst nicht mehr Angehorige der Armee und nur noch nachlassige 
Trager ihrer Uniformen; und als weckte dieser ahnungslose Neuling in 
ihnen eine sehr feme Erinnerung an eine sehr feme Zeit, in der sie noch 
Offiziere gewesen waren. Sie befanden sich in einer anderen, vielleicht 
in einer geheimeren Abteilung ihres Lebens, und nur noch ihre Kleider 
und Sterne erinnerten an ihr gewohnliches, alltagliches Leben, das 
morgen mit dem anbrechenden Tag wieder beginnen wiirde. Der Leut- 
nant uberzahlte seine Barschaft, sie betrug hundertundfiinfzig Kronen. 
Er legte, wie er es beim Hauptmann Wagner gesehen hatte, fiinfzig 
Kronen in die Tasche, den Rest in das Zigarettenetui. Eine Weile saft er 
an einem der beiden Roulettetische, ohne zu setzen - Karten kannte er 
zu wenig, und er wagte sich nicht an sie. Er war ganz ruhig und iiber 
seine Ruhe erstaunt. Er sah die roten, weiften, blauen Haufchen der 
Spielmarken kleiner werden, grofter werden, hierhin und dorthin riik- 
ken. Aber es fiel ihm nicht ein, daft er eigentlich gekommen war, um 
sie alle an seinen Platz wandern zu sehen. Er entschloft sich endlich zu 
setzen, und es war nur wie eine Pflicht. Er gewann. Er setzte die Halfte 
des Gewinstes und gewann noch einmal. Er sah nicht nach den Farben 
und nicht nach den Zahlen. Er setzte gleichmiitig irgendwohin. Er ge- 



}l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wann. Er setzte den ganzen Gewinn. Er gewann zum viertenmal. Ein 
Major gab ihm ein en Wink. Trotta stand auf. Der Major: »Sie sind 
zum erstenmal hier. Sie haben tausend Kronen gewonnen. Es ist bes- 
ser, Sie gehn gleich!« »Jawohl, Herr Major !« sagte Trotta und ging 
gehorsam. Als er die Marken eintauschte, tat es ihm leid, dafi er dem 
Major gehorcht hatte. Er ziirnte sich, weil er imstande war, jedem Be- 
liebigen zu gehorchen. Weshalb liefi er sich wegschicken? Und warum 
hatte er nicht mehr den Mut zuriickzukehren? Er ging, unzufrieden 
mit sich und ungliicklich iiber seinen ersten Gewinn. 
Es war schon spat und so still, dafi man die Schritte einzelner Fufigan- 
ger aus entfernten Strafien horte. An dem Streifen des Himmels iiber 
der schmalen, von hohen Hausern gesaumten Gasse zwinkerten fremd 
und friedlich die Sterne. Eine dunkle Gestalt bog um die Ecke und kam 
dem Leutnant entgegen. Sie schwankte, es war ein Betrunkener, ohne 
Zweifel. Der Leutnant erkannte ihn sofort: Es war der Maler Moser, 
der seine gewohnliche Runde durch die nachtlichen Strafien der inne- 
ren Stadt machte, mit Mappe und Schlapphut. Er salutierte mit einem 
Finger und begann, seine Bilder anzubieten. »Lauter Madchen in alien 
Positionen!« Carl Joseph blieb stehen. Er dachte, dafi ihm das Schick- 
sal selbst den Maler Moser entgegenschickte. Er wufite nicht, dafi er 
seit Jahren jede Nacht um die gleiche Stunde den Professor in irgendei- 
ner Gasse der inneren Stadt hatte treffen konnen. Er zog die aufgespar- 
ten funfzig Kronen aus der Tasche und gab sie dem Alten. Er tat es, als 
hatte es ihm jemand lautlos geboten; wie man einen Befehl vollfuhrt. 
So wie er, so wie er, dachte er, er ist ganz gliicklich, er hat ganz recht! 
Er erschrak u'ber seinen Einfall. Er suchte nach den Griinden, denen 
zufolge der Maler Moser recht haben sollte, fand keine, erschrak noch 
mehr und verspiirte schon den Durst nach Alkohol, den Durst der 
Trinker, der ein Durst der Seele und des Korpers ist. Plotzlich sieht 
man wenig wie ein Kurzsichtiger, hort schwach wie ein Schwerhori- 
ger. Man mufi sofort, auf der Stelle, ein Glas trinken. Der Leutnant 
kehrte um, hielt den Maler Moser auf und fragte: »Wo konnen wir 
trinken ?« 

Es gab ein nachtliches Gasthaus, nicht weit von der Wollzeile. Dort 
bekam man Sliwowitz, leider war er funfundzwanzig Prozent schwa- 
cher als der Neunziggradige. Der Leutnant und der Maler setzten sich 
und tranken. Allmahlich wurde es Trotta klar, dafi er langst nicht mehr 
der Meister seines Glucks war, langst nicht mehr ein ausgezeichneter 



RADETZKYMARSCH }2J 

Mann von allerhand Tugenden. Arm und elend war er vielmehr und 
voller Wehmut iiber seinen Gehorsam gegeniiber einem Major, der ihn 
verhindert hatte, Hunderttausende zu gewinnen. Nein! Fiirs Gliick 
war er nicht geschaffen! Frau von Taufiig und der Major aus dem 
Spielsaal und iiberhaupt alle, alle machten sich iiber ihn lustig. Nur 
dieser erne, der Maler Moser (man konnte ihn schon ruhig einen 
Freund nennen) war aufrichtig, ehrlich und treu. Man sollte sich ihm 
zu erkennen geben! Dieser ausgezeichnete Mann war der alteste und 
der einzige Freund seines Vaters. Man sollte sich seiner nicht schamen. 
Er hatte den Grofivater gemalt! Der Leutnant tat einen tiefen Atem- 
zug, um aus der Luft Mut zu schopfen, und sagte: »Wissen Sie eigent- 
lich, daft wir uns schon lange kennen?« Der Maler Moser reckte den 
Kopf, liefi seine Augen unter den buschigen Brauen blitzen und fragte: 
»Wir - uns - lange - kennen? Personlich? Denn so, als Maler, kennen 
Sie mich natiirlich! Als Maler bin ich weithin bekannt. Ich bedaure, ich 
bedaure, ich furchte, Sie irren sich! Oder« - Moser wurde bekiim- 
mert- »ist es moglich, dafi man mich verwechselt?« 
»Ich heifk Trotta!« sagte der Leutnant. 

Maler Moser schaute aus blicklosen, glasernen Augen auf den Leut- 
nant und streckte die Hand aus. Dann brach ein donnerndes Jauchzen 
aus ihm. Er zog den Leutnant an der Hand halb iiber den Tisch zu 
sich, beugte sich ihm entgegen, und so, in der Mitte des Tisches, kiifi- 
ten sie sich briiderlich und ausdauernd. 

»Und was macht er, dein Vater?« fragte der Professor. »Ist er noch im 
Amt? 1st er schon Statthalter? Hab' nie mehr was von ihm gehort! Vor 
einiger Zeit hab' ich ihn hier getroffen im Volksgarten, da hat er mir 
Geld gegeben, da war er nicht allein, da war er mit seinem Sohn, dem 
Biirscherl - aber halt, das bist du ja eben.« 

»Ja, das war ich damals«, sagte der Leutnant. »Es ist schon lange her, es 
ist schon sehr, sehr lange her.« 

Er erinnerte sich an den Schrecken, den er damals gefiihlt hatte, beim 
Anblick der klebrigen und roten Hand auf dem vaterlichen Schenkel. 
»Ich mufi dich um Vergebung bitten, ja, um Vergebung!« sagte der 
Leutnant. »Ich hab' dich damals miserabel behandelt, miserabel nab' 
ich dich behandelt! Vergib mir, lieber Freund !« 

»Ja, miserabel !« bestatigte Moser. »Ich verzeihe dir! Kein Wort mehr 
davon! Wo wohnst du? Ich will dich begleiten!« 
Man schlofi das Gasthaus. Arm in Arm wankten sie durch die stillen 



328 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Gassen. »Hier bleibe ich«, murmelte der Maler. »Hier meine Adresse! 
Besuch mich morgen, mein Junge!« Und er gab dem Leutnant eine 
seiner unmafiigen Geschaftskarten, die er in den Kaffeehausern zu ver- 
teilen pflegte. 



XIV 



Der Tag, an dem der Leutnant in seine Garnison zuruckfahren mufite, 
war ein betriiblicher und zufallig auch ein triiber Tag. Er ging noch 
einmal iiber die Strafien, durch die zwei Tage friiher die Prozession 
gezogen war. Damals, dachte der Leutnant (damals, dachte er), war er 
eine kurze Stunde stolz auf sich und seinen Beruf gewesen. Heute aber 
schritt der Gedanke an seine Riickkehr neben ihm einher wie ein 
Wachter neben einem Gefangenen. Zum erstenmal lehnte sich der 
Leutnant Trotta gegen das militarische Gesetz auf, das sein Leben be- 
herrschte. Er gehorchte seit seiner frlihesten Knabenzeit. Und er 
wollte nicht mehr gehorchen. Er wufite zwar keineswegs, was die Frei- 
heit bedeutete; aber er fuhlte, dafi sie sich von einem Urlaub unter- 
scheiden mufite wie etwa ein Krieg von einem Manover. Dieser Ver- 
gleich fiel ihm ein, weil er ein Soldat war (und weil der Krieg die Frei- 
heit des Soldaten ist). Es kam ihm in den Sinn, dafi die Munition, die 
man fur die Freiheit brauchte, das Geld sei. Die Summe aber, die er bei 
sich trug, glich gewissermafien den blinden Patronen, die man in den 
Manovern abfeuerte. Besafi er iiberhaupt etwas? Konnte er sich Frei- 
heit leisten? Hatte sein Grofivater, der Held von Solferino, ein Vermo- 
gen hinterlassen? Wiirde er es einmal von seinem Vater erben? Niemals 
waren ihm friiher derlei Uberlegungen bekannt gewesen! Jetzt flogen 
sie ihm zu wie eine Schar fremder Vogel, nisteten sich in seinem Ge- 
hirn ein und flatterten unruhig darin herum. Jetzt vernahm er alle ver- 
wirrenden Rufe der grofien Welt. Seit gestern wufite er, dafi Chojnicki 
in diesem Jahr friiher als gewohnlich seine Heimat verlassen und noch 
in dieser Woche mit seiner Freundin nach dem Siiden fahren wolle. 
Und er lernte die Eifersucht auf einen Freund kennen; und sie be- 
schamte ihn doppelt. Er fuhr an die nordostliche Grenze. Aber die 
Frau und der Freund fuhren nach dem Siiden. Und der »Siiden«, der 
bis zu dieser Stunde eine geographische Bezeichnung gewesen war, 
erglanzte in alien betorenden Farben eines unbekannten Paradieses. 



RADETZKYMARSCH 329 

Der Siiden lag in einem fremden Land! Und siehe da: Es gab also 
fremde Lander, die Kaiser Joseph dem Ersten nicht untertan waren, 
die ihre eigenen Armeen hatten, mit Vieltausenden Leutnants in 
kleinen und groften Garnisonen. In diesen andern Landern bedeu- 
tete der Name des Helden von Solferino gar nichts. Auch dort gab 
es Monarchen. Und diese Monarchen hatten ihre eigenen Lebensret- 
ter. Es war hochst verwirrend, solchen Gedanken nachzugehen; fur 
einen Leutnant der Monarchic genau so verwirrend wie etwa fur un- 
sereinen die Uberlegung, daft die Erde nur einer von Millionen und 
Abermillionen Weltkorpern sei, daft es noch unzahlige Sonnen auf 
der Milchstrafte gebe und daft jede der Sonnen ihre eigenen Planeten 
habe und daft man also selbst ein sehr armseliges Individuum ware, 
um nicht ganz grob zu sagen: ein Haufchen Dreck! 
Von seinem Gewinn besaft der Leutnant noch siebenhundert Kro- 
nen. Einen Spielsaal noch einmal aufzusuchen, hatte er nicht mehr 
gewagt; nicht allein aus Angst vor jenem unbekannten Major, der 
vielleicht vom Stadtkommando bestellt war, jiingere Offiziere zu 
iiberwachen, sondern auch aus Angst vor der Erinnerung an seine 
klagliche Flucht. Ach! Er wuftte wohl, daft er noch hundertmal so- 
fort jeden Spielsaal verlassen wiirde, dem Wunsch und Wink eines 
Hoheren gehorchend. Und wie ein Kind in einer Krankheit verlor 
er sich mit einem gewissen Wohlbehagen in der schmerzlichen Er- 
kenntnis, daft er unfahig sei, das Gluck zu zwingen. Er bedauerte 
sich aufierordentlich. Und es tat ihm in dieser Stunde wohl, sich zu 
bedauern. Er trank einige Schnapse. Und sofort fiihlte er sich hei- 
misch in seiner Ohnmacht. Und wie einem Menschen, der sich in 
eine Haft oder in ein Kloster begibt, erschien dem Leutnant das 
Geld, das er bei sich trug, bedriickend und iiberfliissig. Er beschloft, 
es auf einmal auszugeben. Er ging in den Laden, in dem ihm sein 
Vater die silberne Tabatiere gekauft hatte, und erstand eine Perlen- 
kette fiir seine Freundin. Blumen in der Hand, die Perlen in der 
Hosentasche und mit einem klaglichen Gesicht trat er vor Frau von 
Tauftig. »Ich hab' dir was gebracht«, gestand er, als hatte er sagen 
wollen: Ich hab' was fiir dich gestohlen! Es kam ihm vor, daft er zu 
Unrecht eine fremde Rolle spiele, die Rolle eines Weltmannes. Und 
erst in dem Augenblick, da er sein Geschenk in der Hand hielt, fiel 
ihm ein, daft es lacherlich iibertrieben war, ihn selbst erniedrigte und 
die reiche Frau vielleicht beleidigte. »Ich bitte, es zu entschuldigen!« 



330 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sagte er also. »Ich wollte eine Kleinigkeit kaufen - aber-« Und er 
wufite nichts mehr. Und er wurde rot. Und er senkte die Augen. 
Ach! Er kannte nicht die Frauen, die das Alter nahen sehen, der Leut- 
nant Trotta! Er wufite nicht, dafi sie jedes Geschenk wie eine Zau- 
bergabe empfangen, die sie verjiingt, und dafi ihre klugen und sehn- 
siichtigen Augen ganz anders schatzen! Frau von Taufiig liebte ja iibri- 
gens diese Hilflosigkeit, und je deutlicher seine Jugend wurde, desto 
jiinger wurde sie selbst! Und also flog sie, klug und ungestiim, an sei- 
nen Hals, kiifite ihn wie ein eigenes Kind, weinte, weil sie ihn nun 
verlieren sollte, lachte, weil sie ihn noch hielt, und auch ein wenig, weil 
die Perlen so schon waren, und sagte, durch eine heftige, prachtvolle 
Flut von Tranen: »Du bist lieb, sehr lieb, mein Junge!« Sie bereute 
sofort diesen Satz, insbesondere die Worte: mein Junge! Denn sie 
machten sie alter, als sie in diesem Augenblick tatsachlich war. Zum 
Gliick konnte sie gleich darauf bemerken, dafi er stolz war wie auf eine 
Auszeichnung, die ihm der Oberste Kriegsherr selbst verliehen hatte. 
Er ist zu jung, dachte sie, um zu wissen, wie alt ich bin! . . . 
Aber um auch ihr wirkliches Alter zu vernichten, auszurotten, in dem 
Meer ihrer Leidenschaft zu versenken, griff sie nach den Schultern des 
Leutnants, deren zarte und warme Knochen schon ihre Hande zu ver- 
wirren begannen, und zog ihn zum Sofa. Sie uberfiel ihn mit ihrer 
gewaltsamen Sehnsucht, jung zu werden. In heftigen Flammenbogen 
brach die Leidenschaft aus ihr, fesselte den Leutnant und unterjochte 
ihn. Ihre Augen blinzelten dankbar und selig das junge Angesicht des 
Mannes iiber dem ihrigen an. Sein Anblick allein verjiingte sie. Und 
ihre Wollust, eine ewig junge Frau zu bleiben, war so grofi wie ihre 
Wollust zu lieben. Eine Weile glaubte sie, niemals von diesem Leut- 
nant lassen zu konnen. Einen Augenblick spater sagte sie allerdings: 
»Schade, dafi du heute fahrst! . . .« 

»Werd' ich dich nie mehr sehen?« fragte er fromm, ein junger Liebha- 
ber. 

»Wart auf mich, ich komm' wieder!« Und: »Betriig mich nicht !« fugte 
sie schnell hinzu, mit der Furcht der alternden Frau vor der Untreue 
und vor der Jugend der anderen. 

»Ich liebe nur dich!« antwortete aus ihm die ehrliche Stimme eines 
jungen Mannes, dem nichts so wichtig erscheint wie die Treue. 
Das war ihr Abschied. 
Leutnant Trotta fuhr zur Bahn, kam zu frith und mufite lange warten. 



RADET2KYMARSCH 33 1 

Ihm war es aber, als fuhre er schon. Jede Minute, die er noch in der 
Stadt zugebracht hatte, ware peinvoll, vielleicht so gar schmachvoll ge- 
wesen. Er milderte den Zwang, der ihn befehligte, indem er sich den 
Anschein gab, ein wenig friiher wegzufahren, als er mufite. Er konnte 
endlich einsteigen. Er verfiel in einen gliicklichen, selten unterbroche- 
nen Schlaf und erwachte erst kurz vor der Grenze. 
Sein Bursche Onufrij erwartete ihn und berichtete, dafi Aufruhr in der 
Stadt herrsche. Die Borstenarbeiter demonstrierten, und die Garnison 
hatte Bereitschaft. 

Leutnant Trotta begriff jetzt, warum Chojnicki die Gegend so friih 
verlassen hatte. Da fuhr er also »nach dem Siiden« mit Frau von Tau- 
fiig! Und man war ein schwacher Gefangener und konnte nicht sofort 
umkehren, den Zug besteigen und zuriickfahren! 
Vor dem Bahnhof warteten heute keine Wagen. Leutnant Trotta ging 
also zu Fufi. Hinter ihm ging Onufrij, den Ranzen in der Hand. Die 
kleinen Kramladen des Stadtchens waren geschlossen. Eiserne Balken 
verrammelten die holzernen Turen und Fensterladen der niedrigen 
Hauser. Gendarmen patrouillierten mit aufgepflanzten Bajonetten. 
Man horte keinen Laut, aufier dem gewohnten Quaken der Frosche 
aus den Siimpfen. Den Staub, den diese sandige Erde unermiidlich er- 
zeugte, hatte der Wind aus vollen Handen iiber Dacher, Mauern, Sta- 
ketenzaune, das holzerne Pflaster und die vereinzelten Weiden ge- 
schiittet. Ein Staub von Jahrhunderten schien iiber dieser vergessenen 
Welt zu liegen. Man sah keinen Einwohner in den Gassen, und man 
konnte glauben, sie seien alle hinter ihren verriegelten Turen und Fen- 
stern von einem plotzlichen Tod iiberf alien worden. Doppelte Wacht- 
posten standen vor der Kaserne. Hier wohnten seit gestern alle Offi- 
ziere, und Brodnitzers Hotel stand leer. 

Leutnant Trotta meldete seine Riickkehr beim Major Zoglauer. Von 
dies em Vorgesetzten erfuhr er, dafi ihm die Reise wohlgetan habe. 
Nach den Begriffen eines Mannes, der schon langer als ein Jahrzehnt 
an der Grenze diente, konnte eine Reise nicht anders als wohltun. Und 
als handelte es sich urn eine ganz alltagliche Angelegenheit, sagte der 
Major dem Leutnant, dafi ein Zug Jager morgen friih ausriicken und an 
der Landstrafie, gegenuber der Borstenfabrik, Aufstellung nehmen 
sollte, um gegebenenfalls gegen »staatsgefahrliche Umtriebe« der strei- 
kenden Arbeiter mit der Waffe vorzugehen. Diesen Zug sollte der 
Leutnant Trotta kommandieren. Es sei eigentlich eine Kleinigkeit und 



}}Z ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Anlafi vorhanden, anzunehmen, dafi die Gendarmerie geniige, um die 
Leute in gehorigem Respekt zu halten; man miisse nur kaltes Blut be- 
wahren und nicht zu friih vorgehen; endgiiltig aber wiirde die politi- 
sche Behorde dariiber zu entscheiden haben, ob die Jager vorzugehen 
hatten oder nicht; dies sei fur einen Offizier gewifi nicht sehr ange- 
nehm; denn wie kame man schliefilich dazu, sich etwas von einem Be- 
zirkskommissar sagen zu lassen? Schliefilich aber sei diese delikate 
Aufgabe auch eine Art Auszeichnung fur den jiingsten Leutnant des 
Bataillons; und endlich hatten die anderen Herren keinen Urlaub ge- 
habt, und das einfachste Gebot der Kameradschaftlichkeit wiirde for- 
dernund so writer... 

»Jawohl, Herr Major !« sagte der Leutnant und trat ab. 
Gegen den Major Zoglauer war gar nichts einzuwenden. Er hatte den 
Enkel des Helden von Solferino fast gebeten, statt ihm zu befehlen. 
Der Enkel des Helden von Solferino hatte ja auch einen unerwarteten, 
herrlichen Urlaub gehabt. Er ging jetzt quer iiber den Hof in die Kan- 
tine. Fur ihn hatte das Schicksal diese politische Demonstration vorbe- 
reitet. Deshalb war er an die Grenze gekommen. Er glaubte jetzt genau 
zu wissen, dafi ein tiickisch berechnendes Schicksal besonderer Art 
ihm zuerst den Urlaub beschert hatte, um ihn hierauf zu vernichten. 
Die anderen safien in der Kantine, begriifken ihn mit dem iibertriebe- 
nen Jubel, der mehr ihrer Neugier, »etwas zu erfahren«, entsprang als 
ihrer Herzlichkeit fur den Heimgekehrten, und fragten auch, alle 
gleichzeitig, wie »es« gewesen sei. Nur der Hauptmann Wagner sagte: 
»Wenn morgen alles vorbei ist, kann er's ja erzahlen!« Und alle 
schwiegen plotzlich. 

»Wenn ich morgen erschlagen werde?« sagte der Leutnant Trotta zu 
Hauptmann Wagner. 

»Pfui, Teufel!« erwiderte der Hauptmann. »Ein ekelhafter Tod. Eine 
ekelhafte Sache iiberhaupt! Dabei sind's arme Teufel. Und vielleicht 
haben sie am End' recht!« 

Es war dem Leutnant Trotta noch nicht eingefallen, daft es arme Kerle 
seien und dafi sie recht haben konnten. Die Bemerkung des Haupt- 
manns erschien ihm nun trefflich, und er zweifelte nicht mehr daran, 
dafi es arme Teufel waren. Er trank also zwei Neunziggradige und 
sagte: »Dann werd' ich also einfach nicht schieften lassen! Auch nicht 
mit gefalltem Bajonett vorgehen! Die Gendarmerie soil selber da zu- 
schaun, wie sie fertig wird.« 



RADETZKYMARSCH 333 

»Du wirst tun, was du mufit! Du weifit's ja selbstl« 
Nein! Carl Joseph wufke es nicht in diesem Augenblick. Er trank. Und 
er geriet sehr schnell in jenen Zustand, in dem er sich alles nur Erdenk- 
liche zutrauen konnte. Gehorsamsverweigerung, Austritt aus der Ar- 
mee und gewinnreiches Hasardspiel. Auf seinen Wegen sollte kein To- 
ter mehr liegen! »Verlafi diese Armee!« hatte Doktor Max Demant 
gesagt. Lange genug war der Leutnant ein Schwachling gewesen! Statt 
aus der Armee auszutreten, hatte er sich an die Grenze transferieren 
lassen. Nun sollte alles ein Ende haben. Man liefi sich nicht morgen zu 
einer Art gehobenem Wachmann degradieren! Ubermorgen wird man 
vielleicht Strafiendienst machen und den Fremden Auskunfte erteilen 
miissen! Lacherlich, dieses Soldatenspiel im Frieden! Niemals wird es 
einen Krieg geben! Verfaulen wird man in den Kantinen! Er aber, der 
Leutnant Trotta: Wer weifi, ob er nicht schon nachste Woche um diese 
Stunde im »Siiden« sitzen wiirde! 

All das sagte er zu Hauptmann Wagner, eifrig, mit lauter Stimme. Ein 
paar Kameraden umringten ihn und horten zu. Einigen stand der Sinn 
durchaus nicht nach Krieg. Die meisten waren mit allem zufrieden ge- 
wesen, wenn sie etwas hohere Gagen, etwas bequemere Garnisonen 
und etwas schnellere Avancements gehabt hatten. Manchen war Leut- 
nant Trotta fremd und auch ein wenig unheimlich vorgekommen. Er 
war ein Protektionskind. Er kam eben von einem herrlichen Ausflug 
zuriick. Wie? Und es paftte ihm nicht, morgen auszuriicken? 
Leutnant Trotta fiihlte rings um sich eine feindselige Stille. Zum er- 
stenmal, seitdem er in der Armee diente, beschlofi er, seine Kameraden 
herauszufordern. Und da er wufke, was sie am bittersten kranken 
mufite, sagte er: » Vielleicht lass' ich mich in die StabsschuP schicken!« 
Gewifi, warum nicht? sagten sich die Offiziere. Er war von der Kaval- 
lerie gekommen, er konnte auch zur Stabsschule gehen! Er wiirde be- 
stimmt die Priifungen machen und sogar auftertourlich General wer- 
den, in einem Alter, in dem ihresgleichen gerade Hauptmann wurde 
und Sporen anlegen durfte. Es konnte ihm also nicht schaden, morgen 
zu dem Pallawatsch auszuriicken ! 

Er muEte am nachsten Tag schon zu fruher Stunde ausriicken. Denn 
die Armee selbst regelte den Gang der Stunden. Sie ergriff die Zeit und 
stellte sie auf den Platz, der ihr nach militarischem Ermessen gebiihrte. 
Obwohl die »staatsgefahrlichen Umtriebe« erst gegeri Mittag zu er- 
warten waren, marschierte Leutnant Trotta schon um acht Uhr mor- 



334 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gens auf der breiten, staubigen Landstrafie auf. Hinter den sauberen, 
regelmafiigen Gewehrpyramiden, die friedlich und gefahrlich zugleich 
aussahen, lagen, standen und wandelten die Soldaten. Die Lerchen 
schmetterten, die Grillen sirrten, die Miicken summten. Auf den fer- 
nen Feldern konnte man die bunten Kopftucher der Bauerinnen leuch- 
ten sehen. Sie sangen. Und manchmal antworteten ihnen die Soldaten, 
die in dieser Gegend geboren waren, mit denselben Liedern. Sie hatten 
wohl gewufit, was sie driiben auf den Feldern zu tun hatten! Aber 
worauf sie hier warteten, verstanden sie nicht. War's schon der Krieg? 
Sollten sie heute mittag schon sterben? 

Es gab in der Nahe eine kleine Dorfschenke. Dorthin ging Leutnant 
Trotta, einen Neunziggradigen trinken. Die niedere Schankstube war 
voll. Der Leutnant erkannte, dafi hier die Arbeiter safien, die sich um 
zwolf Uhr vor der Fabrik versammeln sollten. Alle Welt verstummte, 
als er eintrat, klirrend und schrecklich gegiirtet. Er blieb an der Theke 
stehen. Langsam, allzu langsam hantierte der Wirt mit Flasche und 
Glaschen. Hinter dem Riicken Trottas stand das Schweigen, ein massi- 
ves Gebirge aus Stille. Er leerte das Glas auf einen Zug. Er fiihlte, dafi 
sie alle warteten, bis er wieder draufien ware. Und er hatte ihnen gern 
gesagt, dafi er nichts dafiir konne. Aber er war weder imstande, ihnen 
etwas zu sagen, noch auch, sofort hinauszugehen. Er wollte nicht 
furchtsam erscheinen, und er trank noch mehrere Schnapse hinterein- 
ander. Sie schwiegen noch immer. Vielleicht machten sie sich Zeichen 
hinter seinem Riicken. Er wandte sich nicht um. Er verliefi schliefilich 
das Wirtshaus und glaubte zu fuhlen, dafi er sich an dem harten Felsen 
aus Stille vorbeizwangte; und Hunderte Blicke steckten in seinem 
Nacken wie finstere Lanzen. 

Als er wieder seinen Zug erreichte, schien es ihm geboten, »Vergatte- 
rung!« zu kommandieren, obwohl es erst zehn Uhr vormittag war. Er 
langweilte sich, und er hatte auch gelernt, dafi die Truppe durch 
Langeweile demoralisiert werde und daft Gewehnibungen ihre Sitt- 
lichkeit heben. Im Nu stand sein Zug vor ihm in den vorschriftsmafti- 
gen zwei Reihen, und auf einmal, und wohl zum erstenmal in seinem 
soldatischen Leben, kam es ihm vor, da£ die exakten Gliedmaften der 
Manner tote Bestandteile toter Maschinen waren, die gar nichts er- 
zeugten. Der ganze Zug stand reglos, und alle Manner hielten den 
Atem an. Aber dem Leutnant Trotta, der soeben das wuchtige und 
finstere Schweigen der Arbeiter in der Schenke hinter seinem Riicken 



RADETZKYMARSCH 335 

gespiirt hatte, wurde es plotzlich klar, dafi es zwei Arten von Stille 
geben konne. Und vielleicht, dachte er weiter, gab es mehrere Arten 
von Stille, wie es so viele Arten von Gerauschen gab. Niemand hatte 
den Arbeitern, als er die Schenke betrat, Vergatterung kommandiert. 
Dennoch waren sie auf einmal verstummt. Und aus ihrem Schweigen 
strdmte ein finsterer und lautloser Hafi, wie manchmal aus den trachti- 
gen und unendlich schweigsamen Wolken die lautlose, elektrische 
Schwiile des noch vorhandenen Gewitters stromt. 
Leutnant Trotta lauschte. Aber aus dem toten Schweigen seines reglo- 
sen Zuges stromte gar nichts. Ein steinernes Gesicht stand neben dem 
andern. Die meisten erinnerten ein wenig an seinen Burschen Onufrij. 
Sie hatten breite Miinder und schwere Lippen, die sich kaum schliefkn 
konnten, und schmale, helle Augen ohne Blicke. Und wie er so vor 
seinem Zuge stand, der arme Leutnant Trotta, iiberwolbt vom blauen 
Glanz des Friihsommertages, umschmettert von den Lerchen, umsirrt 
von den Grillen und mitten im Summen der Mucken, und dennoch die 
tote Schweigsamkeit seiner Soldaten starker zu horen glaubte als alle 
Stimmen des Tages, uberfiel ihn die Gewiflheit, dafi er nicht hierherge- 
hore. Wohin eigentlich sonst? fragte er sich, wahrend der Zug auf seine 
weiteren Kommandos wartete. Wohin sonst gehore ich? Nicht zu je- 
nen, die dort in der Schenke sitzen! Nach Sipolje vielleicht? Zu den 
Vatern meiner Vater? Der Pflug gehort in meine Hand und nicht der 
Sabel? Und der Leutnant liefi seine Mannschaft in der reglosen Habt- 
acht-Stellung. 

»Ruht!« kommandierte er endlich. »Gewehr bei Fu£! AbtretenU 
Und es war wie zuvor. Hinter den Gewehrpyramiden lagen die Solda- 
ten. Von den fernen Feldern her kam der Gesang der Bauerinnen. Und 
die Soldaten antworteten ihnen mit den gleichen Liedern. 
Aus der Stadt marschierte die Gendarmerie heran, drei verstarkte 
Wachtposten, begleitet vom Bezirkskommissar Horak. Leutnant 
Trotta kannte ihn. Er war ein guter Tanzer, schlesischer Pole, flott und 
bieder zu gleicher Zeit, und er erinnerte, ohne daft jemand seinen Vater 
gekannt hatte, dennoch an diesen. Und sein Vater war ein Brief trager 
gewesen. Heute trug er, wie es Vorschrift im Dienst war, die Uniform, 
schwarz-griin mit violetten Aufschlagen, und den Degen. Sein kurzer, 
blonder Schnurrbart leuchtete weizengolden, und von seinen rosigen, 
vollen Wangen duftete weithin der Puder. Er war frohlich wie ein 
Sonntag und eine Parade. »Ich habe Auftrag«, sagte er zum Leutnant 



}}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Trotta, »die Versammlung sofort aufzulosen. Dann sind Sie bereit, 
Herr Leutnant?« Er ordnete seine Gendarmen rings urn den wiisten 
Platz vor der Fabrik, auf dem die Versammlung stattfinden sollte. 
Leutnant Trotta sagte: »Ja!« und wandte ihm den Riicken. 
Er wartete. Er hatte gerne noch einen Neunziggradigen getrunken, 
aber er konnte nicht mehr in die Schenke. Er sah den Oberjager, den 
Zugsfiihrer, den Unterjager in der Schenke verschwinden und wieder 
zuriickkommen. Er streckte sich ins Gras am Wegrand und wartete. 
Der Tag wurde immer voller, die Sonne stieg holier, und die Lieder der 
Bauerinnen auf den fernen Feldern verstummten. Eine unendlich lange 
Zeit schien dem Leutnant Trotta seit seiner Riickkehr aus Wien ver- 
strichen. Aus jenen fernen Tagen sah er nur noch die Frau, die heute 
schon im »Siiden« sein mochte, die ihn verlassen hatte: Er dachte: ver- 
raten. Da lag er nun in der Grenzgarnison am Wegrand und wartete - 
nicht auf den Feind, sondern auf die Demonstranten. 
Sie kamen. Sie kamen aus der Richtung der Schenke. Ihnen voran 
wehte ihr Gesang, ein Lied, das der Leutnant noch niemals gehort 
hatte. In dieser Gegend hatte man es noch kaum gehort. Es war die 
Internationale, in drei Sprachen gesungen. Der Bezirkskommissar Ho- 
rak kannte es, berufsmafiig. Der Leutnant Trotta verstand kein Wort. 
Aber ihm schien die Melodie jene in Musik verwandelte Stille zu sein, 
die er vorher im Riicken gespiirt hatte. Feierliche Aufregung bemach- 
tigte sich des flotten Bezirkskommissars. Er lief von einem Gendarmen 
zum andern. Notizbuch und Bleistift in der Hand. Noch einmal kom- 
mandierte Trotta: »Vergatterung!« Und wie eine auf Erden gefallene 
Wolke zog die dichte Gruppe der Demonstranten an dem starrenden, 
doppelten Zaun der zwei Reihen Jager vorbei. Den Leutnant ergriff 
eine dunkle Ahnung vom Untergang der Welt. Er erinnerte sich an den 
bunten Glanz der Fronleichnamsprozession, und einen kurzen Augen- 
blick schien es ihm, als wallte die finstere Wolke der Rebellen jenem 
kaiserlichen Zug entgegen. Fur die Dauer eines einzigen hurtigen Au- 
genblicks kam iiber den Leutnant die erhabene Kraft, in Bildern zu 
schauen; und er sah die Zeiten wie zwei Felsen gegeneinanderrollen, 
und er selbst, der Leutnant, ward zwischen beiden zertrummert. 
Sein Zug schulterte das Gewehr, wahrend driiben, von unsichtbaren 
Handen gehoben, Kopf und Oberkorper eines Mannes iiber dem dich- 
ten schwarzen und unaufhorlich bewegten Kreis der Menge erschie- 
nen. Alsbald bildete der schwebende Korper fast den genauen Mittel- 



RADETZKYMARSCH 337 

punkt des Kreises. Seine Hande hoben sich in die Luft. Aus seinem 
Munde hallten unverstandliche Laute. Die Menge schrie. Neben dem 
Leutnant, Notizbuch und Bleistift in der Hand, stand der Kommissar 
Horak. Auf einmal klappte er sein Buch zu und schritt gegen die 
Menge auf die andere Seite der Strafie, langsam zwischen zwei funkeln- 
den Gendarmen. 

»Im Namen des Gesetzes!« rief er. Seine helle Stimme libertonte den 
Redner. Die Versammlung war aufgelost. 

Eine Sekunde war es still. Dann brach ein einziger Schrei aus alien 
Menschen. Neben den Gesichtern erschienen die weiften Fauste der 
Manner, jedes Gesicht flankiert von zwei Fausten. Die Gendarmen 
schlossen sich zur Kette. Im nachsten Augenblick war der Halbbogen 
der Menschen in Bewegung. Alle liefen schreiend gegen die Gendar- 
men. 

»Fallt das Bajonett!« kommandierte Trotta. Er zog den Sabel. Er 
konnte nicht sehen, dafi seine Waffe in der Sonne aufblitzte und einen 
fliichtigen, spielerischen und aufreizenden Widerschein liber die im 
Schatten liegende Seite der Strafte warf, auf der sich die Menge befand. 
Die Helmknaufe der Gendarmen und ihre Bajonettspitzen waren 
plotzlich in der Menge untergegangen. »Direktion die FabrikU kom- 
mandierte Trotta. »Zug Marsch!« Die Jager gingen vor, und ihnen ent- 
gegen flogen dunkle Gegenstande aus Eisen, braune Latten und weifk 
Steine, es pfiff und sauste, schnurrte und schnob. Leicht wie ein Wiesel 
rannte Horak neben dem Leutnant her und fliisterte: »Lassen Sie 
schieEen, Herr Leutnant, um Gottes willen!« 
»Zug halt!« kommandierte Trotta und: »Feuer!« 
Die Jager schossen, wie die Instruktionen Major Zoglauers gelautet 
hatten, die erste Salve in die Luft. Hierauf wurde es ganz still. Eine 
Sekunde lang konnte man alle friedlichen Stimmen des sommerlichen 
Mittags horen. Und man spiirte das giitige Briiten der Sonne durch den 
Staub, den die Soldaten und die Menge aufgewirbelt hatten, und durch 
den verwehenden leichten Brandgeruch der abgeschossenen Patronen. 
Auf einmal schnitt die helle, heulende Stimme einer Frau durch den 
Mittag. Und da einige in der Menge offenbar glaubten, die Schreiende 
sei durch einen Schufi getroffen worden, begannen sie neuerlich, ihre 
wahllosen Geschosse gegen das Militar zu schleudern. Und den weni- 
gen Schiitzen folgten sofort mehrere und schlieftlich alle. Und schon 
sanken ein paar Jager in der ersten Reihe zu Boden, und wahrend 



338 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Leutnant Trotta ziemlich ratios dastand, den Sabel in der Rechten, mit 
der Linken nach der Pistolentasche tastend, horte er an der Seite die 
fliisternde Stimme Horaks: »Schiefien! Lassen Sie um Gottes willen 
schiefien!« In einer einzigen Sekunde rollten durch das aufgeregte Ge- 
hirn Leutnant Trottas Hunderte abgerissener Gedanken und Vorstel- 
lungen, manche gleichzeitig nebeneinander, und verworrene Stimmen 
in seinem Herzen geboten ihm, bald Mitleid zu haben, bald grausam 
zu sein, hielten ihm vor, was sein Grofivater in dieser Lage getan hatte, 
drohten ihm, dafi er im nachsten Augenblick selbst sterben wiirde, und 
liefien ihn zugleich den eigenen Tod als den einzig moglichen und 
wiinschenswerten Ausgang dieses Kampfes erscheinen. Jemand hob 
seine Hand, wie er glaubte, eine fremde Stimme kommandierte aus 
ihm noch einmal: »Feuer!«, und er konnte noch sehen, dafi diesmal die 
Gewehrlaufe gegen die Menge gerichtet waren. Eine Sekunde spater 
wufite er gar nichts mehr. Denn ein Teil der Menge, der zuerst geflo- 
hen zu sein schien oder sich den Anschein gegeben hatte zu fliehen, 
machte nur einen Umweg und kehrte im Lauf hinter dem Riicken der 
Jager wieder, so daf$ der Zug Leutnant Trottas zwischen die zwei 
Gruppen geriet. Wahrend die Jager die zweite Salve abfeuerten, fielen 
Steine und genagelte Latten auf ihre Riicken und Nacken. Und von 
einer dieser Waffen auf den Kopf getroffen, sank Leutnant Trotta be- 
wufitlos zu Boden. Man hieb noch mit allerhand Gegenstanden auf 
den Liegenden ein. Die Jager schossen nun ohne Kommando wahllos 
und nach alien Seiten gegen ihre Angreifer und zwangen sie also zur 
Flucht. Das Ganze hatte kaum drei Minuten gedauert. Als sich die 
Jager unter dem Kommando des Unteroffiziers in Doppelreihen auf- 
stellten, lagen im Staub der Landstrafie verwundete Soldaten und Ar- 
beiter, und es dauerte lange, ehe die Sanitatswagen kamen. Man 
brachte den Leutnant Trotta ins kleine Garnisonspital, stellte einen 
Schadelbruch und einen Bruch des linken Schliisselbeins fest und be- 
fiirchtete eine Gehirnentziindung. Ein offenbar sinnloser Zufall hatte 
dem Enkel des Helden von Solferino eine Verletzung am Schliisselbein 
beschert. (Im iibrigen hatte keiner von den Lebenden, der Kaiser viel- 
leicht ausgenommen, wissen konnen, daft die Trottas ihren Aufstieg 
einer Schliisselbeinverletzung des Helden von Solferino zu verdanken 
haben.) 

Drei Tage spater kam in der Tat eine Gehirnentziindung. Und man 
hatte gewifi den Bezirkshauptmann verstandigt, wenn der Leutnant 



RADETZKYMARSCH 339 

noch am Tage seiner Einlieferung in das Garnisonspital und nach- 
dem er aus seiner Bewufitlosigkeit erwacht war, den Major nicht 
dringlichst gebeten hatte, dem Vater auf keinen Fall Mitteilung von 
dem Ereignis zu machen. Zwar war der Leutnant jetzt wieder ohne 
Bewulksein, und es war sogar Anlafi genug vorhanden, fur sein Le- 
ben zu furchten; aber der Major beschlofi trotzdem, noch zu war- 
ten. So kam es, dafi der Bezirkshauptmann erst zwei Wochen spater 
von der Rebellion an der Grenze und von der unseligen Rolle er- 
fuhr, die sein Sohn gespielt hatte. Er erfuhr es zuerst aus den Zei- 
tungen, in die es durch die oppositionellen Politiker gekommen war. 
Denn die Opposition war entschlossen, die Armee, das Jagerbatail- 
lon und insbesondere den Leutnant Trotta, der den Befehl gegeben 
hatte zu feuern, fiir die Toten und Witwen und Waisen verantwort- 
lich zu machen. Und dem Leutnant drohte in der Tat eine Art Un- 
tersuchung, das heifit: eine formal zur Beruhigung der Politiker an- 
gestellte Untersuchung, ausgefiihrt von Militarbehorden, und eine 
Veranlassung, den Angeklagten zu rehabilitieren und vielleicht sogar 
auf irgendeine Weise auszuzeichnen. Immerhin war der Bezirks- 
hauptmann keineswegs beruhigt. Er telegraphierte sogar zweimal an 
seinen Sohn und einmal an den Major Zoglauer. Dem Leutnant ging 
es damals bereits besser. Er konnte sich noch nicht im Bett bewe- 
gen, aber sein Leben war nicht mehr gefahrdet. Er schrieb an seinen 
Vater einen kurzen Bericht. Und er war im ubrigen nicht um seine 
Gesundheit besorgt . . . Er dachte daran, daft wieder Tote auf seinem 
Wege lagen, und er war entschlossen, endlich den Abschied zu neh- 
men. Mit derlei Uberlegungen beschaftigt, ware es ihm unmoglich 
gewesen, seinen Vater zu sehen und zu sprechen, obwohl er sich 
nach ihm sehnte. Er hatte eine Art Heimweh nach dem Vater, aber 
er wufke zugleich, daft sein Vater nicht mehr seine Heimat war. Die 
Armee war nicht mehr sein Beruf. Und sosehr ihm vor dem Anlafi 
schauderte, der ihn ins Spital gebracht hatte, sosehr begriifke er 
seine Krankheit, weil sie die Notwendigkeit hinausschob, Ent- 
schlusse auszufuhren. Er uberliefi sich dem traurigen Karbolgeruch, 
der schneeweiften Ode der Wande und des Lagers, dem Schmerz, 
dem Verbandswechsel, der strengen und mikterlichen Milde der 
Pfleger und den langweiligen Besuchen der ewig heiteren Kamera- 
den. Er las ein paar jener Biicher wieder - seit der Kadettenzeit 
hatte er nichts mehr gelesen-, die ihm sein Vater als Privatlekture 



34° ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

einst aufgegeben hatte, und jede Zeile erinnerte ihn an den Vater und 
an die stillen, sommerlichen Sonntagvormittage und an Jacques, an Ka- 
pellmeister Nechwal und an den Radetzkymarsch. 
Eines Tages besuchte ihn der Hauptmann Wagner, saft lange am Bett, 
liefi hier und da ein Wort fallen, stand auf und setzte sich wieder. 
Schliefilich zog er seufzend einen Wechsel aus dem Rock und bat 
Trotta zu unterschreiben. Trotta unterschrieb. Es waren funfzehnhun- 
dert Kronen. Kapturak hatte ausdrucklich Trottas Garantie gefordert. 
Hauptmann Wagner wurde sehr lebhaft, erzahlte eine ausfuhrliche 
Geschichte von einem Rennpferd, das er preiswert zu kaufen gedachte 
und das er in Baden laufen lassen wollte, fiigte noch ein paar Anekdo- 
ten hinzu und ging sehr plotzlich weg. 

Zwei Tage spater erschien der Oberarzt bleich und bekummert an 
Trottas Bett und erzahlte, dafi Hauptmann Wagner tot sei. Er hatte 
sich im Grenzwald erschossen. Er hinterliefi einen Abschiedsbrief an 
alle Kameraden und einen herzlichen Grufi fur Leutnant Trotta. 
Der Leutnant dachte keineswegs an die Wechsel und an die Folgen 
seiner Unterschrift. Er verfiel in Fieber. Er traumte - und er sprach 
auch davon-, dafi die Toten ihn riefen und dafi es Zeit fur ihn sei, von 
dieser Erde abzutreten. Der alte Jacques, Max Demant, Hauptmann 
Wagner und die unbekannten erschossenen Arbeiter standen in einer 
Reihe und riefen ihn. Zwischen ihm und den Toten stand ein leerer 
Roulettetisch, auf dem die Kugel, von keiner Hand bewegt, dennoch 
ohne Ende rotierte. 

Zwei Wochen dauerte sein Fieber. Ein willkommener Anlafi fur die 
Militarbehorde, die Untersuchung hinauszuschieben und mehreren 
politischen Stellen bekanntzugeben, dafi die Armee ebenfalls Opfer zu 
beklagen habe und dafi die politische Behorde des Grenzorts die Ver- 
antwortung trtige und dafi die Gendarmerie rechtzeitig hatte verstarkt 
werden miissen. Es entstanden unermefilich grofie Akten iiber den Fall 
Leutnant Trottas, und die Akten wuchsen, und jede Stelle jedes Amtes 
bespritzte sie noch mit etwas Tinte, wie man Blumen begiefk, damit sie 
wachsen, und die ganze Angelegenheit wurde schliefUich dem Militar- 
kabinett des Kaisers unterbreitet, weil ein besonders umsichtiger 
Ober-Auditor entdeckt hatte, dafi der Leutnant ein Enkel jenes ver- 
schollenen Helden von Solferino war, der in ganz vergessenen, jeden- 
falls aber intimen Beziehungen zum Allerhochsten Kriegsherrn gestan- 
den hatte; und dafi also dieser Leutnant allerhochste Stellen interessie- 



RADETZKYMARSCH 341 

ren miifite; und dafi es besser ware abzuwarten, ehe man eine Untersu- 
chung beganne. 

So mufite sich der Kaiser, der soeben aus Ischl zuriickgekehrt war, 
eines Morgens um sieben Uhr mit einem gewissen Carl Joseph Frei- 
herrn von Trotta und Sipolje beschaftigen. Und da der Kaiser schon alt 
war, wenn auch durch den Aufenthalt in Ischl erholt, konnte er es sich 
nicht erklaren, weshalb er beim Lesen dieses Namens an die Schlacht 
bei Solferino denken mufite, und er verliefi seinen Schreibtisch und 
ging mit kurzen Greisenschritten in seinem diirftigen Arbeitszimmer 
auf und ab, auf und ab, so dafi es seinen alten Leibdiener verwunderte 
und dafi dieser, unruhig geworden, an die Tiir klopfte. 
» Herein !« sagte der Kaiser. Und als er seinen Diener erblickte: »Wann 
kommt denn der Montenuovo?« 
»Majestat, um acht Uhr!« 

Es war noch eine halbe Stunde bis acht. Und der Kaiser glaubte, diesen 
Zustand nicht mehr ertragen zu konnen. Warum, warum erinnerte ihn 
nur der Name Trottas an Solferino? Und warum konnte er sich nicht 
mehr an die Zusammenhange erinnern? War er denn schon so alt ge- 
worden? Seitdem er aus Ischl zuriickgekehrt war, beschaftigte ihn die 
Frage, wie alt er eigentlich sei, denn es erschien ihm plotzlich merk- 
wiirdig, dafi man zwar das Geburtsjahr vom laufenden Kalenderjahr 
subtrahieren rmisse, um sein Alter zu wissen, dafi aber die Jahre mit 
dem Monat Januar begannen und dafi sein Geburtstag auf den acht- 
zehnten August fiel! Ja, wenn die Jahre mit dem August begonnen 
hatten! Und wenn er zum Beispiel am achtzehnten Januar geboren 
worden ware, dann war's auch eine Kleinigkeit gewesen! So aber 
konnte man unmoglich genau wissen, ob man zweiundachtzig und im 
dreiundachtzigsten war oder dreiundachtzig und im vierundachtzig- 
sten! Und er mochte nicht fragen, der Kaiser. Alle Welt hatte sowieso 
viel zu tun, und es lag auch gar nichts daran, ob man ein Jahr jiinger 
oder alter war, und am Ende hatte man sich auch als ein Jiingerer nicht 
erinnert, warum dieser verflixte Trotta an Solferino gemahnte. Der 
Obersthofmeister wufite es. Aber er kam erst um acht Uhr! Vielleicht 
aber wufite es auch dieser Leibdiener? 

Und der Kaiser hielt inne, in seinem trippelnden Lauf, und fragte den 
Diener: 

»Sagen Sie mal; Kennen Sie den Namen Trotta ?« 
Der Kaiser hatte eigentlich du zu seinem Diener sagen wollen, wie er 



34 2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

es oft tat, aber es handelte sich diesmal um die Weltgeschichte, und er 

hatte sogar Respekt vor jenen, die er um historische Ereignisse fragte. 

»Trotta!« sagte der Leibdiener des Kaisers. »Trotta!« 

Er war auch schon alt, der Diener, und er erinnerte sich ganz dunkel an 

ein Lesebuchstuck mit der Uberschrift: »Die Schlacht bei Solferino«. 

Und plotzlich erstrahlte die Erinnerung auf seinem Angesicht wie eine 

Sonne. »Trotta!« rief er, »Trotta! Der hat Majestat das Leben geret- 

tet!« 

Der Kaiser trat an den Schreibtisch. Durch das offene Fenster des Ar- 

beitszimmers drang der Jubel der morgendlichen Vogel von Schon- 

brunn. Es schien dem Kaiser, dafi er wieder jung sei, und er horte das 

Knattern der Gewehre, und er glaubte sich an der Schulter ergriffen 

und zu Boden gerissen. Und auf einmal war ihm auch der Name Trotta 

sehr vertraut, genau wie der Name Solferino. 

»Ja, ja«, sagte der Kaiser und winkte mit der Hand und schrieb an den 

Rand der Trottaschen Akten: »Giinstig erledigen!« 

Dann erhob er sich wieder und ging zum Fenster. Die Vogel jubelten; 

und der Alte lachelte ihnen zu, als ob er sie sahe. 



XV 



Der Kaiser war ein alter Mann. Er war der alteste Kaiser der Welt. 
Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mahte und 
mahte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein 
vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete. Seine hellen 
und harten Augen sahen seit vielen Jahren verloren in eine verlorene 
Feme. Sein Schadel war kahl wie eine gewolbte Wiiste. Sein Backen- 
bart war weifi wie ein Fliigelpaar aus Schnee. Die Runzeln in seinem 
Angesicht waren ein verworrenes Gestrupp, darin hausten die Jahr- 
zehnte. Sein Korper war mager, sein Riicken leicht gebeugt. Er ging zu 
Hause mit trippelnden, kleinen Schritten umher. Sobald er aber die 
Strafie betrat, versuchte er, seine Schenkel hart zu machen, seine Knie 
elastisch, seine Fufte leicht, seinen Riicken gerade. Seine Augen fiillte 
er mit kiinstlicher Giite, mit der wahren Eigenschaft kaiserlicher Au- 
gen: Sie schienen jeden anzusehen, der den Kaiser ansah, und sie grii£- 
ten jeden, der ihn griifite. In Wirklichkeit aber schwebten und flogen 
die Gesichter nur an ihnen vorbei, und sie blickten geradeaus auf jenen 



RADETZKYMARSCH 343 

zarten, feinen Strich, der die Grenze ist zwischen Leben und Tod, auf 
den Rand des Horizontes, den die Augen der Greise immer sehen, auch 
wenn ihn Hauser, Walder oder Berge verdecken. Die Leute glaubten, 
Franz Joseph wisse weniger als sie, weil er so viel alter war als sie. Aber 
er wuftte vielleicht mehr als manche. Er sah die Sonne in seinem Reiche 
untergehen, aber er sagte nichts. Er wuftte, daft er vor ihrem Untergang 
noch sterben werde. Manchmal stellte er sich ahnungslos und freute 
sich, wenn man ihn umstandlich iiber Dinge aufklarte, die er genau 
kannte. Denn mit der Schlauheit der Kinder und der Greise liebte er die 
Menschen irrezufiihren. Und er freute sich iiber die Eitelkeit, mit der sie 
sich bewiesen, daft sie kluger waren als er. Er verbarg seine Klugheit in 
der Einfalt: Denn es geziemt einem Kaiser nicht, klug zu sein wie seine 
Ratgeber. Lieber erscheint er einfach als klug. Wenn er auf die Jagd ging, 
wuftte er wohl, daft man ihm das Wild vor die Flinte stellte, und obwohl 
er noch anderes hatte erlegen konnen, schoft er dennoch nur jenes, das 
man ihm vor den Lauf getrieben hatte. Denn es ziemt einem alten Kaiser 
nicht, zu zeigen, daft er eine List durchschaue und besser schiefien 
konne als ein Forster. Wenn man ihm ein Marchen erzahlte, tat er, als ob 
er es glaube. Denn es ziemt einem Kaiser nicht, jemanden auf einer 
Unwahrheit zu ertappen. Wenn man hinter seinem Rlicken lachelte, tat 
er, als wuftte er nichts davon. Denn es ziemt einem Kaiser nicht, zu 
wissen, daft man iiber ihn lachelt; und dieses Lacheln ist auch toricht, 
solange er nichts davon wissen will. Wenn er Fieber hatte und man rings 
urn ihn zitterte und sein Leibarzt vor ihm log, daft er keines habe, sagte 
der Kaiser: »Dann ist ja alles gut!«, obwohl er von seinem Fieber wuftte. 
Denn ein Kaiser straft nicht einen Mediziner Liigen. Aufterdem wuftte 
er, daft die Stunde seines Todes noch nicht gekommen war. Er kannte 
auch die vielen Nachte, in denen ihn das Fieber plagte, ohne daft seine 
Arzte etwas davon wuftten. Denn er war manchmal krank, und niemand 
sah es. Und ein anderes Mai war er gesund, und sie nannten ihn krank, 
und er tat, als ob er krank ware. Wo man ihn fur einen Giitigen hielt, war 
er gleichgiiltig. Und wo man sagte, er sei kalt: dort tat ihm das Herz 
weh. Er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daft es toricht ist, die 
Wahrheit zu sagen. Er gonnte den Leuten den Irrtum, und er glaubte 
weniger als die Witzbolde, die in seinem weiten Reich Anekdoten iiber 
ihn erzahlten, an den Bestand seiner Welt. Aber es ziemt einem Kaiser 
nicht, sich mit Witzbolden und Weltklugen zu messen. Also schwieg 
der Kaiser. 



344 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Obwohl er sich erholt hatte, der Leibarzt mit seinem Puis, seinen Lun- 
gen, seiner Atmung zufrieden war, hatte er seit gestern Schnupfen. Es 
fiel ihm nicht ein, diesen Schnupfen merken zu lassen. Man konnte ihn 
hindern, die Herbstmanover an der ostlichen Grenze zu besuchen, und 
er wollte noch einmal, und einen Tag wenigstens, Manover sehen. Er 
hatte sich durch den Akt dieses Lebensretters, dessen Name ihm schon 
wieder entfallen war, an Solferino erinnert. Er hatte Kriege nicht gern 
(denn er wufite, daft man sie verliert), aber das Militar liebte er, das 
Kriegsspiel, die Uniform, die Gewehriibungen, die Parade, die Defilie- 
rung und das Kompanieexerzieren. Es krankte ihn zuweilen, daft die 
Offiziere hohere Kappen trugen als er selbst, Biigelfalten und Lack- 
schuhe und viel zu hohe Kragen an der Bluse. Viele waren sogar glatt 
rasiert. Unlangst erst hatte er einen giattrasierten Landwehroffizier zu- 
fallig auf der Strafie gesehen, und sein Herz war den ganzen Tag be- 
kiimmert gewesen. Wenn er aber selbst zu den Leuten hinkam, wuftten 
sie wieder, was Vorschrift war und was Firlefanz. Den und jenen 
konnte man derber anfahren. Denn beim Militar schickte sich auch fur 
den Kaiser alles, beim Militar war sogar der Kaiser ein Soldat. Ach! Er 
liebte das Blasen der Trompeten, obwohl er immer so tat, als interes- 
sierten ihn die Aufmarschplane. Und obwohl er wufite, daft Gott 
selbst ihn auf seinen Thron gesetzt hatte, krankte es ihn dennoch in 
mancher schwachen Stunde, daft er nicht Frontoffizier war, und er 
hatte was auf dem Herzen gegen die Stabsoffiziere. Er erinnerte sich, 
daft er nach der Schlacht bei Solferino die disziplinlosen Truppen auf 
dem Riickweg wie ein Feldwebel angebriillt und wieder geordnet 
hatte. Er war iiberzeugt - aber wem durfte er es sagen! -, daft zehn gute 
Feldwebel mehr leisteten als zwanzig Generalstabler. Er sehnte sich 
nachManovern! 

Er beschlofi also, seinen Schnupfen nicht merken zu lassen und sein 
Taschentuch so selten wie nur moglich zu ziehen. Niemand sollte es 
vorher wissen, er wollte die Manover iiberraschen und die ganze Um- 
gebung mit seinem Entschluft. Er freute sich iiber die Verzweiflung der 
Zivilbehorden, die nicht geniigend polizeiliche Vorkehrungen getrof- 
fen haben wiirden. Er hatte keine Angst. Er wuftte genau, daft die 
Stunde seines Todes noch nicht gekommen war. Er erschreckte alle. 
Man versuchte, ihm abzuraten. Er blieb hart. Eines Tages bestieg er 
den Hofzug und rollte nach dem Osten. 
In dem Dorfe 2., nicht mehr als zehn Meilen von der russischen 



RADET2KYMARSCH 345 

Grenze entfernt, bereitete man ihm sein Quartier in einem alten 
Schlofi. Der Kaiser hatte lieber in einer der Hiitten gewohnt, in denen 
die Offiziere untergebracht waren. Seit Jahren liefi man ihn nicht rich- 
tiges Militarleben geniefien. Ein einziges Mai, eben in jenem ungluckli- 
chen italienischen Feldzug, hatte er zum Beispiel einen echten, leben- 
digen Floh in seinem Ben gesehen, aber niemandem was davon gesagt. 
Denn er war ein Kaiser, und ein Kaiser spricht nicht von Insekten. Das 
war damals schon seine Meinung gewesen. 

Man schlofi die Fenster in seinem Schlafzimmer. In der Nacht, er 
konnte nicht schlafen, rings um ihn aber schlief alles, was ihn zu bewa- 
chen hatte, stieg der Kaiser im langen, gefalteten Nachthemd aus dem 
Bett und sachte, sachte, um keinen zu wecken, klinkte er die hohen, 
schmalen Fensterfliigel auf. Er blieb eine Weile stehen, den kiihlen 
Atem der herbstlichen Nacht atmete er, und die Sterne sah er am tief- 
blauen Himmel und die rotlichen Lagerfeuer der Soldaten. Er hatte 
einmal ein Buch iiber sich selbst gelesen, in dem der Satz stand: »Franz 
Joseph der Erste ist kein Romantiker.« Sie schreiben iiber mich, dachte 
der alte Mann, ich sei kein Romantiker. Aber ich liebe die Lagerfeuer. 
Er hatte ein gewohnhcher Leutnant sein mogen und jung. Ich bin viel- 
leicht keineswegs romantisch, dachte er, aber ich mochte jung sein! 
Wenn ich nicht irre, dachte der Kaiser weiter, war ich achtzehn Jahre 
alt, als ich den Thron bestieg. Als ich den Thron bestieg - dieser Satz 
kam dem Kaiser sehr kiihn vor, in dieser Stunde fiel es ihm schwer, 
sich selbst fiir den Kaiser zu halten. Gewift! Es stand in dem Buch, das 
man ihm mit einer der iiblichen, ehrfurchtsvollen Widmungen iiber- 
reicht hatte. Er war ohne Zweifel Franz Joseph der Erste! Vor seinem 
Fenster wolbte sich die unendliche, tiefblaue, bestirnte Nacht. Flach 
und weit war das Land. Man hatte ihm gesagt, dafl diese Fenster nach 
dem Nordosten gingen. Man sah also nach Rutland hiniiber. Aber die 
Grenze war selbstverstandlich nicht zu erkennen. Und Kaiser Franz 
Joseph hatte in diesem Augenblick gern die Grenze seines Reiches ge- 
sehen. Sein Reich! Er lachelte. Die Nacht war blau und rund und weit 
und voller Sterne. Der Kaiser stand am Fenster, mager und alt, in 
einem weiften Nachthemd und kam sich sehr winzig vor im Angesicht 
der unermefilichen Nacht. Der letzte seiner Soldaten, die vor den Zel- 
ten patrouillieren mochten, war machtiger als er. Der letzte seiner Sol- 
daten! Und er war der Allerhochste Kriegsherr! Jeder Soldat schwor 
bei Gott, dem Allmachtigen, Kaiser Franz Joseph dem Ersten Treue. 



346 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er war eine Majestat von Gottes Gnaden, und er glaubte an Gott, den 
Allmachtigen. Hinter dem goldgestirnten Blau des Himmels verbarg er 
sich, der AUmachtige - unvorstellbar! Seine Sterne waren es, die da am 
Himmel glanzten, und Sein Himmel war es, der sich iiber die Erde 
wolbte, und einen Teil der Erde, namlich die osterreichisch-ungarische 
Monarchic, hatte Er Franz Joseph dem Ersten zugeteilt. Und Franz 
Joseph der Erste war ein magerer Greis, stand am offenen Fenster und 
fiirchtete, jeden Augenblick von seinen Wachtern iiberrascht zu wer- 
den. Die Grillen zirpten. Ihr Gesang, unendlich wie die Nacht, weckte 
die gleiche Ehrfurcht im Kaiser wie die Sterne. Zuweilen war es dem 
Kaiser, als sangen die Sterne selbst. Es frostelte ihn ein wenig. Aber er 
hatte noch Angst, das Fenster zu schliefien, es gelang vielleicht nicht 
mehr so glatt wie friiher. Seine Hande zitterten. Er erinnerte sich, dafi 
er vor langer Zeit schon Manover in dieser Gegend besucht haben 
mufke. Auch dieses Schlafzimmer tauchte aus vergessenen Zeiten wie- 
der empor. Aber er wufite nicht, ob zehn, zwanzig oder mehr Jahre 
seit damals verflossen waren. Ihm war, als schwamme er auf dem Meer 
der Zeit - nicht einem Ziel entgegen, sondern regellos auf der Oberfla- 
che herum, oft zuriickgestofien zu den Klippen, die er schon gekannt 
haben mufite. Eines Tages wiirde er an irgendeiner Stelle untergehen. 
Er mufite niesen. Ja, sein Schnupfen! Nichts ruhrte sich im Vorzim- 
mer. Vorsichtig schlofi er wieder das Fenster und tappte mit seinen 
mageren, nackten Fiifien zum Bett zuriick. Das Bild vom blauen, ge- 
stirnten Rund des Himmels hatte er mitgenommen. Seine geschlosse- 
nen Augen bewahrten es noch. Und also schlief er ein, uberwolbt von 
der Nacht, als lage er im Freien. 

Er erwachte wie gewohnlich, wenn er »im Felde« war (und so nannte 
er die Manover), piinktlich um vier Uhr morgens. Schon stand sein 
Diener im Zimmer. Und hinter der Tur warteten schon, er wufite es, 
die Leibadjutanten. Ja, man mufite den Tag beginnen. Man wird den 
ganzen Tag kaum eine Stunde allein sein konnen. Dafiir hatte er sie alle 
in dieser Nacht iiberlistet und war eine gute Viertelstunde am offenen 
Fenster gestanden. An dieses schlau gestohlene Vergniigen dachte er 
jetzt und lachelte. Er schmunzelte den Diener und den Burschen an, 
der jetzt eintrat und leblos erstarrte, erschreckt vom Schmunzeln des 
Kaisers, von den Hosentragern Seiner Majestat, die er zum erstenmal 
in seinem Leben sah, von dem noch wirren, ein bifichen verknauelten 
Backenbart, zwischen dem das Schmunzeln hin und her huschte wie 



RADETZKYMARSCH 347 

ein stilles, miides und altes Vogelchen, vor der gelben Gesichtsfarbe 
des Kaisers und vor der Glatze, deren Haut sich schuppte. Man wuftte 
nicht, ob man mit dem Greis lacheln oder stumm warten sollte. Auf 
einmal begann der Kaiser zu pfeifen. Er spitzte wahrhaftig die Lippen, 
die Fliigel seines Bartes riickten ein bifichen aneinander, und der Kai- 
ser pfiff eine Melodie, eine bekannte, wenn auch ein wenig entstellte 
Melodic Es klang wie eine winzige Hirtenflote. Und der Kaiser sagte: 
»Das pfeift der Hojos immer, das Lied. Ich wiiftt' gern, was es ist!« 
Aber beide, der Diener und der Leibbursch, wuftten es nicht,* und eine 
Weile spater, beim Waschen, hatte der Kaiser das Lied schon verges- 
sen. 

Es war ein schwerer Tag. Franz Joseph sah den Zettel an, auf dem der 
Tagesplan aufgezeichnet war, Stunde fur Stunde. Es gab nur eine grie- 
chische Kirche im Ort. Ein romisch-katholischer Geistlicher wird zu- 
erst die Messe lesen, dann der griechische. Mehr als alles andere streng- 
ten ihn die kirchlichen Zeremonien an. Er hatte das Gefiihl, daft er sich 
vor Gott zusammennehmen miisse wie vor einem Vorgesetzten. Und 
er war schon alt! Er hatte mir so manches erlassen konnen! dachte der 
Kaiser. Aber Gott ist noch alter als ich, und seine Ratschliisse kommen 
mir vielleicht genauso unerforschlich vor wie die meinen den Soldaten 
der Armee! Und wo sollte man da hinkommen, wenn jeder Unterge- 
ordnete seinen Vorgesetzten kritisieren wollte! Durch das hohe, ge- 
wolbte Fenster sah der Kaiser die Sonne Gottes emporsteigen. Er be- 
kreuzigte sich und beugte das Knie. Seit undenklichen Zeiten hatte er 
jeden Morgen die Sonne aufgehen gesehen. Sein ganzes Leben lang war 
er beinahe immer noch vor ihr aufgestanden, wie ein Soldat friiher 
aufsteht als sein Vorgesetzter. Er kannte alle Sonnenaufgange, die feu- 
rigen und frohlichen des Sommers und die umnebelten spaten und trii- 
ben des Winters. Und er erinnerte sich zwar nicht mehr der Daten, 
nicht mehr an die Namen der Tage, der Monate und der Jahre, in de- 
nen Unheil oder Gliick iiber ihn herein gebrochen waren; wohl aber an 
die Morgen, die jeden wichtigen Tag in seinem Leben eingeleitet hat- 
ten. Und er wuftte, daft dieser Morgen triibe und jener heiter gewesen 
war. Und jeden Morgen hatte er das Kreuz geschlagen und das Knie 
gebeugt, wie manche Baume jeden Morgen ihre Blatter der Sonne off- 
nen, ob es Tage sind, an denen Gewitter kommen oder die fallende Axt 
oder der todliche Reif im Friihling, oder aber Tage voller Frieden und 
Warme und Leben. 



34^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Kaiser erhob sich. Sein Friseur kam. Regelmafiig jeden Morgen 
hielt er das Kinn hin, der Backenbart wurde gestutzt und sauberlich 
gebiirstet. An den Ohrmuscheln und vor den Nasenlochern kitzelte 
das kiihle Metall der Schere. Manchmal mufite der Kaiser niesen. Er 
safi heute vor einem kleinen, ovalen Spiegel und verfolgte mit heiterer 
Spannung die Bewegungen der mageren Hande des Friseurs. Nach je- 
dem Harchen, das fiel, nach jedem Strich des Rasiermessers und jedem 
Zug des Kammes oder der Biirste sprang der Friseur zuriick und 
hauchte: »Majestat!«, mit zitternden Lippen. Der Kaiser horte dieses 
gefliisterte Wort nicht. Er sah nur die Lippen des Friseurs in standiger 
Bewegung, wagte nicht zu fragen und dachte schliefilich, der Mann sei 
ein wenig nervos. »Wie heifien S 5 denn?« fragte der Kaiser. Der Fri- 
seur- er hatte die Charge eines Korporals, obwohl er erst ein halbes 
Jahr bei der Landwehr Soldat war, aber er bediente seinen Obersten 
tadellos und erfreute sich aller Gunst seiner Vorgesetzten - sprang mit 
einem Satz bis zur Tiir, elegant wie es sein Metier erforderte, aber auch 
militarisch, es war ein Sprung, eine Verneigung und eine Erstarrung 
gleichzeitig, und der Kaiser nickte wohlgefallig. »Hartenstein!« rief 
der Friseur. »Warum springen S' denn so?« fragte Franz Joseph. Aber 
er erhielt keine Antwort. Der Korporal naherte sich wieder zaghaft 
dem Kaiser und vollendete sein Werk mit eiligen Handen. Er wiinschte 
sich weit fort und wieder im Lager zu sein. »BIeiben S' noch!« sagte 
der Kaiser. »Ach, Sie sind Korporal! Dienen S' schon lang?« »Ein hal- 
bes Jahr, Majestat!« hauchte der Friseur. »So, so! Schon Korporal? Zu 
meiner Zeit«, sagte der Kaiser, wie etwa ein Veteran gesagt hatte, »ist's 
nie so fix gegangen! Aber, Sie sind auch ein ganz fescher Soldat. Wol- 
len S' beim Militar bleiben?« - Der Friseur Hartenstein besafi Weib 
und Kind und einen guten Laden in Olmutz und hatte schon ein paar- 
mal versucht, einen Gelenkrheumatismus zu simulieren, um recht bald 
entlassen zu werden. Aber er konnte dem Kaiser nicht nein sagen. »Ja- 
wohl, Majestat«, sagte er und wufke in diesem Augenblick, dafi er sein 
ganzes Leben verpatzt hatte. - »Na, dann is gut. Dann sind Sie Feld- 
webel! Aber sind S y nicht so nervos !« 

So. Jetzt hatte der Kaiser einen gliicklich gemacht. Er freute sich. Er 
freute sich. Er freute sich. Er hatte ein grofiartiges Werk an diesem 
Hartenstein vollbracht. Jetzt konnte der Tag beginnen. Sein Wagen 
wartete schon. Man fuhr langsam zur griechischen Kirche, den Hugel 
hinan, auf dessen Gipfel sie stand. Ihr goldenes, doppeltes Kreuz fun- 



RADETZKYMARSCH 349 

kelte in der morgendlichen Sonne. Die Militarkapellen spielten »Gott 
erhalte«. Der Kaiser stieg aus und betrat die Kirche. Er kniete vor dem 
Altar, bewegte die Lippen, aber er betete nicht. Er mufke die ganze 
Zeit an den Friseur denken. Der Allmachtige konnte dem Kaiser nicht 
so plotzliche Gunstbezeugungen erweisen wie der Kaiser einem Kor- 
poral, und es war schade darum. Konig von Jerusalem: Es war die 
hochste Charge, die Gott einer Majestat verleihen konnte. Und Franz 
Joseph war bereits Konig von Jerusalem! Schade, dachte der Kaiser. 
Jemand fliisterte ihm zu, dafi draufkn im Dorf noch die Juden auf ihn 
warteten. Man hatte die Juden vollkommen vergessen. Ach, noch diese 
Juden! dachte der Kaiser bekummert. Gut! Mochten sie kommen! 
Aber man mufite sich eilen. Sonst kam man zu spat zum Gefecht. 
Der griechische Priester absolvierte die Messe in grofiter Hast. Noch 
einmal intonierten die Musikkapellen das »Gott erhalte«. Der Kaiser 
kam aus der Kirche. Es war neun Uhr vormittag. Das Gefecht begann 
neun Uhr zwanzig. Franz Joseph beschlofi, jetzt schon sein Pferd zu 
besteigen, nicht mehr den Wagen. Diese Juden konnte man auch zu 
Pferd empfangen. Er liefi den Wagen zuriickfahren und ritt den Juden 
entgegen. Am Ausgang des Dorfes, wo die breite Landstrafie anhub, 
die zu seinem Quartier und zugleich zum Kampfplatz fiihrte, wallten 
sie ihm entgegen, eine finstere Wolke. Wie ein Feld voll seltsamer, 
schwarzer Ahren im Wind neigte sich die Gemeinde der Juden vor 
dem Kaiser. Ihre gebeugten Riicken sah er vom Sattel aus. Dann ritt er 
naher und konnte die langen, wehenden, silberweifien, kohlschwarzen 
und feuerroten Barte unterscheiden, die der sanfte Herbstwind be- 
wegte, und die langen, knochernen Nasen, die auf der Erde etwas zu 
suchen schienen. Der Kaiser saft, im blauen Mantel, auf seinem Schim- 
mel. Sein Backenbart schimmerte in der herbstlichen, silbernen Sonne. 
Von den Feldern ringsum erhoben sich die weifien Schleier. Dem Kai- 
ser entgegen wallte der Anfiihrer, ein alter Mann im weiften, schwarz- 
gestreiften Gebetmantel der Juden, mit wehendem Bart. Der Kaiser 
ritt im Schritt. Des alten Juden Fiifle wurden immer langsamer. 
SchlieElich schien er auf einem Fleck stehenzubleiben und sich den- 
noch zu bewegen. Franz Joseph frostelte es ein wenig. Er hielt plotz- 
lich an, so, daft sein Schimmel baumte. Er stieg ab. Sein Gefolge eben- 
falls. Er ging. Seine blankgewichsten Stiefel bedeckten sich mit dem 
Staub der Landstrafie und an den schmalen Randern mit schwerem, 
grauem Kot. Der schwarze Haufen der Juden wogte ihm entgegen. 



350 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ihre Riicken hoben und senkten sich. Ihre kohlschwarzen, feuerroten 
und silberweifien Barte wehten im sanften Wind. Drei Schritte vor 
dem Kaiser blieb der Alte stehen. Er trug eine grofie purpurne Thora- 
rolle in den Armen, geziert von einer goldenen Krone, deren Glock- 
chen leise lautete. Dann hob der Jude die Thorarolle dem Kaiser entge- 
gen. Und sein wildbewachsener, zahnloser Mund lallte in einer unver- 
standlichen Sprache den Segen, den die Juden zu sprechen haben beim 
Anblkk eines Kaisers. Franz Joseph neigte den Kopf. Uber seine 
schwarze Miitze zog feiner, silberner Altweibersommer, in den Liiften 
schrien die wilden Enten, ein Hahn schmetterte in einem fernen Ge- 
hoft. Sonst war es ganz still. Aus dem Haufen der Juden stieg ein 
dunkles Gemurmel empor. Noch defer beugten sich ihre Riicken. 
Wolkenlos, unendlich spannte sich der silberblaue Himmel liber der 
Erde. »Gesegnet bist du!« sagte der Jude zum Kaiser, »Den Untergang 
der Welt wirst du nicht erleben!« Ich weifi es! dachte Franz Joseph. Er 
gab dem Alten die Hand. Er wandte sich um. Er bestieg seinen Schim- 
mel. 

Er trabte nach links iiber die harten Schollen der herbstlichen Felder, 
gefolgt von seiner Suite. Der Wind trug ihm die Worte zu, die Rittmei- 
ster Kaunitz zu seinem Freund an der Seite sprach: »Ich hab' keinen 
Ton von dem Juden verstanden!« Der Kaiser wandte sich im Sattel um 
und sagte: »Er hat auch nur zu mir gesprochen, lieber Kaunitz!« und 
ritt weiter. 

Er verstand nichts vom Sinn der Manover. Er wufite nur, dafi die 
»Blauen« gegen die »Roten« kampften. Er liefi sich alles erklaren. »So, 
so«, sagte er immer wieder. Es freute ihn, dafi die Leute glaubten, er 
wolle verstehen und konne nicht. Trottel! dachte er. Er schiittelte den 
Kopf. Aber die Leute meinten, er wackle mit dem Kopf, weil er ein 
Greis war. »So, so«, sagte der Kaiser immer wieder. Die Operationen 
waren schon ziemlich vorgeschritten. Der linke Fliigel der Blauen, der 
heute etwa anderthalb Meilen hinter dem Dorf 2. stand, befand sich 
seit zwei Tagen fortwahrend auf dem Riickzug vor der andringenden 
Kavallerie der Roten. Die Mitte hielt das Terrain um P. besetzt, ein 
hiigelreiches Gelande, schwer anzugreifen, leicht zu verteidigen, aber 
auch der Gefahr ausgesetzt, umzingelt zu werden, wenn es gelang - 
und darauf konzentrierte sich in dieser Stunde die Aufmerksamkeit der 
Roten -, den rechten und den linken Fliigel der Blauen von der Mitte 
abzuschneiden. Wahrend der linke Fliigel im Zuriickweichen begriffen 



RADETZKYMARSCH 351 

war, wankte aber der rechte nicht, er stiefi vfelmehr noch langsam vor 
und zeigte die Tendenz, sich gleichzeitig dermaften zu verlangern, daft 
man annehmen konnte, er wolle die Flanke des Feindes umklammern. 
Es war, nach der Meinung des Kaisers, eine recht banale Situation. 
Und wenn er an der Spitze der Roten gestanden ware, hatte er den 
elanvollen Fliigel der Blauen durch ein fortwahrendes Zuriickweichen 
so weit herangelockt und seine Stofikraft so weit am aufiersten Ende zu 
beschaftigen versucht, daft sich schliefilich eine entblofite Stelle zwi- 
schen ihm und der Mitte hatte finden lassen. Aber er sagte nichts, der 
Kaiser. Ihn bekummerte die ungeheuerliche Tatsache, daft der Oberst 
Lugatti, ein Triestiner und eitel, wie nach der unerschiitterlichen Mei- 
nung Franz Josephs nur die Italiener sein konnten, seinen Mantelkra- 
gen hoch geschnitten trug, wie es nicht einmal Blusenkragen sein durf- 
ten, und daft er, um seine Charge dennoch sehen zu lassen, diesen 
abscheulich hohen Mantelkragen auch kokett geoffnet hatte. »Sagen 
Sie, Herr Oberst«, fragte der Kaiser, »wo lassen Sie ihre Mantel nahen? 
In Mailand? Ich hab 3 leider die dortigen Schneider schon vollig verges- 
sen. « Der Stabsoberst Lugatti schlug die Hacken zusammen und 
schloft seinen Mantelkragen. »Jetzt konnt' man Sie fur einen Leutnant 
halten«, sagte Franz Joseph. »Jung schauen S' aus!« - Und er gab sei- 
nem Schimmel die Sporen und galoppierte dem Hiigel zu, auf dem, 
ganz nach dem Muster der alteren Schlachten, die Generalitat zu ste- 
hen hatte. Er war entschlossen, wenn es zu lange dauern sollte, die 
»Kampfhandlungen« abbrechen zu lassen - denn er sehnte sich nach 
der Defilierung. Der Franz Ferdinand machte es gewift anders. Er 
nahm uberhaupt Partei, stellte sich auf irgendeine Seite, begann zu be- 
fehligen und siegte naturlich immer. Wo gab es noch einen General, 
der den Thronfolger besiegt hatte? Der Kaiser Heft seine alten, blaft- 
blauen Augen iiber die Gesichter schweifen. Lauter eitle Burschen! 
dachte er. Vor ein paar Jahren noch hatte er sich dariiber argern kon- 
nen. Heute nicht mehr, heme nicht mehr! Er wuftte nicht ganz genau, 
wie alt er war, aber er fiihlte, wenn die andern ihn umgaben, daft er 
sehr alt sein muftte. Manchmal war es ihm, als schwebte er geradezu 
den Menschen und der Erde davon. Alle wurden sie immer kleiner, je 
langer er sie ansah, und ihre Worte trafen wie aus weiter Feme sein 
Ohr und fielen wieder ab, ein gleichgiiltiger Schall. Und wenn dem 
und jenem ein Ungluck zustieft, sah er wohl, daft sie sich Miihe gaben, 
es ihm behutsam zu erzahlen. Ach, sie wuftten nicht, daft er alles ver- 



352 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

tragen konnte! Die grofien Schmerzen waren schon heimisch in seiner 
Seele, und die neuen Schmerzen kehrten nur wie langst erwartete Brii- 
der zu den alten ein. Er argerte sich nicht mehr so heftig. Er freute sich 
nicht mehr so stark. Er litt nicht mehr so schwer. Nun liefi er tatsach- 
lich die »Kampfhandlungen abbrechen«, und die Defilierung sollte be- 
ginnen. Auf den uferlosen Feldern stellten sie sich auf, die Regimenter 
aller Waffengattungen, leider in Feldgrau (auch so eine moderne Sache, 
die dem Kaiser nicht am Herzen lag). Immerhin brannte noch das blu- 
tige Rot der Kavalleriehosen liber dem diirren Gelb der Stoppelfelder 
und brach aus dem Grau der Infanteristen durch wie Feuer aus Wol- 
ken. Die matten und schmalen Blitze der Sabel zuckten vor den mar- 
schierenden Reihen und Doppelreihen, die roten Kreuze auf weifiem 
Grund leuchteten hinter den Maschinengewehrabteilungen. Wie alte 
Kriegsgotter auf ihren schweren Wagen rollten die Artilleristen heran, 
und die schonen braunen und falben Rosser baumten sich in starker 
und stolzer Gefugigkeit. Durch den Feldstecher sah Franz Joseph die 
Bewegungen jedes einzelnen Zuges, ein paar Minuten lang fiihlte er 
Stolz auf seine Armee und ein paar Minuten auch Bedauern uber ihren 
Verlust. Denn er sah sie schon zerschlagen und verstreut, aufgeteilt 
unter den vielen Volkern seines weiten Reiches. Ihm ging die grofie 
goldene Sonne der Habsburger unter, zerschmettert am Urgrund der 
Weiten, zerfiel in mehrere kleine Sonnenkiigelchen, die wieder als 
selbstandige Gestirne selbstandigen Nationen zu leuchten hatten. Es 
pafk ihnen halt nimmer, von mir regiert zu werden! dachte der Alte. 
Da kann man nix machen! fiigte er im stillen hinzu. Denn er war ein 
Osterreicher. . . 

Also stieg er zum Entsetzen aller Kommandierenden von seinem Hii- 
gel und begann, die reglosen Regimenter zu mustern, beinahe Zug fiir 
Zug. Und gelegentlich ging er zwischen den Reihen durch, betrachtete 
die neuen Tornister und die Brotsacke, zog hier und dort eine Konser- 
venbiichse heraus und fragte, was sie enthielte, sah hier und dort ein 
stumpfes Angesicht und befragte es nach Heimat, Familie und Beruf, 
vernahm kaum diese und jene Antwort, und manchmal streckte er die 
alte Hand aus und klopfte einem Leutnant auf die Schulter. So gelangte 
er auch zum Bataillon der Jager, in dem Trotta diente. 
Es war vier Wochen her, daft Trotta das Spital verlassen hatte. Er stand 
vor seinem Zug, blafi, mager und gleichgultig. Als sich ihm aber der 
Kaiser naherte, begann er, seine Gleichgultigkeit zu bemerken und zu 



RADETZKYMARSCH 353 

bedauern. Er hatte das Gefiihl, eine Pflicht zu versaumen. Fremd ge- 
worden war ihm die Armee. Fremd war ihm der Allerhochste Kriegs- 
herr. Der Leutnant Trotta glich einem Marine, der nicht nur seine Hei- 
mat verloren hatte, sondern auch das Heimweh nach dieser Heimat. Er 
hatte Mitleid mit dem weifibartigen Greis, der ihm immer naher kam, 
Tornister, Brotsacke und Konserven neugierig betastend. Der Leut- 
nant hatte sich jenen Rausch wieder gewiinscht, der ihn in alien festli- 
chen Stunden seiner militarischen Laufbahn erfullt hatte, daheim, an 
den sommerlichen Sonntagen, auf dem Balkon des vaterlichen Hauses, 
und bei jeder Parade und bei der Ausmusterung und noch vor wenigen 
Monaten beim Fronleichnamszug in Wien. Nichts riihrte sich im Leut- 
nant Trotta, als er fiinf Schritte vor seinem Kaiser stand, nichts anderes 
regte sich in seiner vorgestreckten Brust als Mitleid mit einem alten 
Mann. Major Zoglauer schnarrte die vorschriftsmaflige Formel herun- 
ter. Aus irgendeinem Grunde gefiel er dem Kaiser nicht. Franz Joseph 
hatte den Verdacht, daE in dem Bataillon, das dieser Mann komman- 
dierte, nicht alles zum Besten stiinde, und er beschloft, es sich genauer 
anzusehen. Er blickte aufmerksam auf die reglosen Gesichter, zeigte 
auf Carl Joseph und fragte: »Ist er krank?« 

Major Zoglauer berichtete, was sich mit dem Leutnant Trotta zugetra- 
gen hatte. Der Name schlug an das Ohr Franz Josephs wie etwas Ver- 
trautes, zugleich Argerliches, und in seiner Erinnerung erhob sich der 
Vorfall, wie er in den Akten geschildert war, und hinter diesem Vorfall 
erwachte auch jenes langst entschlafene Ereignis aus der Schlacht bei 
Solferino wieder. Er sah noch genau den Hauptmann, der in einer la- 
cherlichen Audienz so beharrlich um die Abschaffung eines patrioti- 
schen Lesebuchstiickes gebeten hatte. Es war das Lesestiick Nummer 
fiinfzehn. Der Kaiser erinnerte sich an die Zahl mit dem Vergniigen, 
das ihm gerade die geringfiigigen Beweise fur sein »gutes Gedachtnis« 
bereiteten. Seine Laune besserte sich zusehends. Wohlgeialliger er- 
schien ihm auch der Major Zoglauer. »Ich erinnere mich noch gut an 
Ihren Vater!« sagte der Kaiser zu Trotta. »Er war sehr bescheiden, der 
Held von Solfenno!« »Majestat«, erwiderte der Leutnant, »es war 
mein Grofivater!« 

Der Kaiser trat einen Schritt zuriick, wie weggedrangt von der gewalti- 
gen Zeit, die sich plotzlich zwischen ihm und dem Jungen aufgetiirmt 
hatte. Ja, ja! Er konnte sich noch an die Nummer eines Lesestiicks 
erinnern, aber nicht mehr an die Unmenge der Jahre, die er zuriickge- 



354 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

legt hatte. »Ach!« sagte er, »das war also der Grofivater! So, so! Und 
Ihr Vater ist Oberst, wie?« »Bezirkshauptmann in W.« »So, so!« wie- 
derholte Franz Joseph. »Ich werd's mir merken!« fiigte er hinzu: eine 
Art Entschuldigung fiir den Fehler, den er soeben gemacht hatte. 
Er stand noch eine Weile vor dem Leutnant, aber er sah weder Trotta 
noch die anderen. Er hatte keine Lust mehr, die Reihen abzuschreiten, 
aber er mufite es wohl tun, damit die Leute nicht merkten, dafi er vor 
seinem eigenen Alter erschrocken war. Seine Augen sahen wieder, wie 
gewohnlich, in die Feme, wo die Rander der Ewigkeit schon auftauch- 
ten. Dabei bemerkte er nicht, dafi an seiner Nase ein glasklarer Trop- 
fen erschien und dafi alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte, der 
endlich, endlich in den dichten, silbernen Schnurrbart fiel und sich 
dort unsichtbar einbettete. 
Und alien ward es leicht urns Herz. Und die Defilierung konnte begin- 



Ende des zweiten Teils 



DRITTERTEIL 



XVI 



Verschiedene wichtige Veranderungen gingen im Haus und im Leben 
des Bezirkshauptmanns vor. Er verzeichnete sie erstaunt und ein we- 
nig grimmig. An kieinen Anzeichen, die er allerdings fur gewaltige 
hielt, bemerkte er, dafi sich rings um ihn die Welt veranderte, und er 
dachte an ihren Untergang und an die Prophezeiungen Chojnickis. Er 
suchte nach einem neuen Diener. Man empfahl ihm viele jiingere und 
offensichtlich brave Manner mit tadellosen Zeugnissen, Manner, die 
drei Jahre beim Militar gedient hatten und sogar Gefreite geworden 
waren. Den und jenen nahm der Bezirkshauptmann »auf Probezeit« 
ins Haus. Aber er behielt niemanden. Sie hieften Karl, Franz, Alexan- 
der, Joseph, Alois oder Christoph oder noch anders. Aber der Bezirks- 
hauptmann versuchte, jeden »Jacques« zu nennen. Hatte doch selbst 
der echte Jacques anders gehetfkn und seinen Namen nur angenom- 
men und ein ganzes langes Leben mit Stolz gefuhrt, so wie etwa ein 
beruhmter Dichter seinen literarischen Namen, unter dem er unsterb- 
liche Lieder und Gedichte schreibt. Es erwies sich jedoch schon nach 
einigen Tagen, daft die Aloise, die Alexanders, die Josephs und die 
anderen auf den groflen Namen Jacques nicht horen wollten, und der 
Bezirkshauptmann empfand diese Widerspenstigkeit nicht nur als 
einen Verstoft gegen den Gehorsam und gegen die Ordnung der Welt, 
sondern auch als eine Krankung des unwiederbringlichen Toten. Wie? 
Es paEte ihnen nicht, Jacques zu heiften?! Diesen Taugenichtsen ohne 
Jahre und ohne Verdienst, ohne Intelligenz und ohne Disziplin?! Denn 
der tote Jacques lebte im Angedenken des Bezirkshauptmanns weiter 
als ein Diener von musterhaften Eigenschaften, als das Muster eines 
Menschen uberhaupt. Und mehr noch als iiber die Widerspenstigkeit 
der Nachfolger wunderte sich Herr von Trotta liber den Leichtsinn 
der Herrschaften und der Behorden, die so miserablen Subjekten giin- 
stige Zeugnisse ausgestellt hatten. Wenn es uberhaupt moglich war, 
daE ein gewisses Individuum namens Alexander Cak - ein Mann, des- 
sen Namen er niemals vergessen wollte, und ein Name, der sich auch 
mit einer gewissen Gehassigkeit aussprechen lieft, so dafl es klang, als 



356 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wurde dieser Cak schon erschossen, wenn der Bezirkshauptmann ihn 
nur erwahnte: wenn es also moglich war, dafi dieser Cak der Sozialde- 
mokratischen Partei angehorte und dennoch bei seinem Regiment Ge- 
freiter geworden war, so konnte man freilich nicht nur an diesem Regi- 
ment, sondern auch an der ganzen Armee verzweifeln. Und die Armee 
war nach der Meinung des Bezirkshauptmanns noch in der Monarchic 
die einzige Macht, auf die man sich verlassen konnte! Es war dem Be- 
zirkshauptmann, als besttinde plotzlich die ganze Welt aus Tschechen: 
einer Nation, die er fur widerspenstig, hartkopfig und dumm hielt und 
uberhaupt fur die Erfinder des Begriffes Nation. Es mochte viele Vol- 
ker geben, aber keineswegs Nationen. Und auflerdem kamen verschie- 
dene, kaum verstandliche Erlasse und Verfiigungen der Statthalterei 
betreffend eine gelindere Behandlung der »nationalen Minoritaten«, 
eines jener Worte, die Herr von Trotta am tiefsten hafite. Denn ratio- 
nale Minoritaten« waren fur seine Begriffe nichts anderes als grofiere 
Gemeinschaften »revolutionarer Individuen«. Ja, er war von lauter re- 
volutionaren Individuen umgeben. Er glaubte sogar zu bemerken, dafi 
sie sich in einer widernaturlichen Weise vermehrten, in einer Weise, 
wie sie dem Menschen nicht entspricht. Es war fur den Bezirkshaupt- 
mann ganz deutlich geworden, daft die »staatstreuen Elemente« immer 
unfruchtbarer wurden und immer weniger Kinder bekamen, wie die 
Statistiken der Volkszahlungen bewiesen, in denen er manchmal blat- 
terte. Er konnte sich nicht mehr den schrecklichen Gedanken verheh- 
len, dafi die Vorsehung selbst mit der Monarchic unzufrieden war, und 
obwohl er im gewohnlichen Sinne ein zwar praktizierender, aber nicht 
sehr glaubiger Christ war, neigte er immer noch zu der Annahme, dafi 
Gott selbst den Kaiser strafe. Er kam allmahlich auf allerlei sonderbare 
Gedanken uberhaupt. Die Wiirde, die er seit dem ersten Tage trug, an 
dem er Bezirkshauptmann in W. geworden war, hatte ihn zwar sofort 
alt gemacht. Auch als sein Backenbart noch ganz schwarz gewesen 
war, ware es keinem Menschen ein gef alien, Herrn von Trotta fur einen 
jungen Mann zu halten. Und dennoch begannen die Menschen in sei- 
nem Stadtchen jetzt erst zu sagen, dafi der Bezirkshauptmann alt 
werde. Allerhand langst vertraute Gewohnheiten hatte er ablegen miis- 
sen. So ging er zum Beispiel seit dem Tode des alten Jacques und seit 
der Riickkehr aus der Grenzgarnison seines Sohnes nicht mehr am 
Morgen vor dem Friihstuck spazieren, aus Angst, eines der so haufig 
wechselnden verdachtigen Subjekte, die bei ihm Dienst taten, konnte 



RADETZKYMARSCH 357 

vergessen haben, die Post auf den Friihstiickstisch zu legen oder gar 
das Fenster zu offnen. Er hafite seine Haushalterin. Er hatte sie schon 
immer gehafit, aber hie und da ein Wort an sie gerichtet. Seitdem der 
alte Jacques nicht mehr serviette, enthielt sich der Bezirkshauptmann 
jeder Bemerkung bei Tisch. Denn in Wirklichkeit waren seine hami- 
schen Worte immer fur Jacques gewesen und gewissermafien Werbun- 
gen um den Beifall des alten Dieners. Jetzt erst, seitdem der Alte tot 
war, wufite Herr von Trotta, daft er nur fur Jacques gesprochen hatte, 
einem Schauspieler ahnlich, der einen langjahrigen Verehrer seiner 
Kunst im Parkett weifi. Und hatte der Bezirkshauptmann immer hastig 
gegessen, so bemiihte er sich jetzt, schon nach den ersten Bissen den 
Tisch zu verlassen. Denn es erschien ihm lasterlich, den Tafelspitz zu 
genieften, dieweil die Wurmer den alten Jacques im Grabe frafien. Und 
wenn er auch dann und wann den Blick nach oben richtete, in der 
Hoffnung und in einem angeborenen glaubigen Gefiihl, daft der Tote 
im Himmel sei und ihn sehen konne, so sah der Bezirkshauptmann 
doch nur den bekannten Plafond seines Zimmers; denn er war dem 
einfachen Glauben entflohen, und seine Sinne gehorchten nicht mehr 
dem Gebot seines Herzens. Ach, es war ein Jammer. 
Hie und da vergaft der Bezirkshauptmann sogar, an gewohnlichen Ta- 
gen ins Amt zu gehen. Und es konnte geschehen, daft er zum Beispiel 
an einem Donnerstagmorgen den schwarzen Schluftrock anlegte, um 
die Kirche zu besuchen. Drauften erst merkte er an allerlei unbezwei- 
felbaren wochentaglichen Anzeichen, daft es nicht Sonntag war, und er 
kehrte um und zog wieder seinen gewohnlichen Anzug an. Umgekehrt 
aber vergaft er an manchen Sonntagen den Kirchenbesuch, blieb trotz- 
dem langer im Bett als gewohnlich und erinnerte sich erst, wenn der 
Kapellmeister Nechwal unten mit seinen Musikanten erschien, daft es 
Sonntag war. Es gab Tafelspitz mit Gemiise wie an alien Sonntagen. 
Und zum Kaffee kam der Kapellmeister Nechwal. Man saft im Her- 
renzimmer. Man rauchte eine Virginier. Auch der Kapellmeister 
Nechwal war alter geworden. Bald sollte er in Pension gehen. Er fuhr 
nicht mehr so haufig nach Wien, und die Witze, die er erzahlte, glaubte 
selbst der Bezirkshauptmann seit langen Jahren genau zu kennen. Er 
verstand sie noch immer nicht, aber er erkannte sie, ahnlich wie man- 
che Menschen, denen er immer wieder begegnete und deren Namen er 
dennoch nicht wuftte. »Was machen die Ihrigen?« fragte Herr von 
Trotta. »Danke, es geht ihnen ausgezeichnet!« sagte der Kapellmeister. 



358 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Die Frau Gemahlin?« »Befindet sich wohl!« »Die Kinder?« (denn der 
Bezirkshauptmann wufite noch immer nicht, ob der Kapellmeister 
Nechwal Sonne oder Tochter hatte, und fragte deshalb seit mehr als 
zwanzig Jahren vorsichtig nach den »Kindern«). »Der alteste ist Leut- 
nant geworden!« erwiderte Nechwal. »Infanterie natiirlich?« fragte ge- 
wohnheitsmafiig Herr von Trotta und erinnerte sich einen Augenblick 
darauf, dafi sein eigener Sohn jetzt bei den Jagern diente und nicht bei 
der Kavallerie. »Jawohl, Infanterie!« sagte Nechwal. »Er kommt nach- 
stens zu Besuch. Ich werde mir erlauben, ihn vorzustellen!« »Bitte, 
bitte, wird mich sehr freuen!« sagte der Bezirkshauptmann. 
Eines Tages kam der junge Nechwal. Er diente bei den Deutschmei- 
stern, war vor einem Jahr ausgemustert worden und sah nach der Mei- 
nung Herrn von Trottas »wie ein Musikant« aus. »Ganz dem Vater 
ahnlich«, sagte der Bezirkshauptmann, »Ihnen aus dem Gesicht ge- 
schnitten«, obwohl der junge Nechwal eher seiner Mutter als dem Ka- 
pellmeister ahnlich war. »Wie ein Musikant« : .Damit meinte der Be- 
zirkshauptmann eine ganze bestimmte unbekiimmerte Forschheit im 
Angesicht des Leutnants, einen winzigen, blonden, aufgezwirbelten 
Schnurrbart, der wie eine waagerechte, geschlungene Klammer unter 
der kurzen, breiten Nase lag, und die wohlgelungenen, schongeform- 
ten, puppenhaft kleinen Ohren, die wie aus Porzellan gemacht waren, 
und das brave, sonnenblonde, in der Mitte gescheitelte Haar. »Fidel 
schaut er aus!« sagte Herr von Trotta zu Herrn Nechwal. »Sind Sie 
zufrieden?« fragte er dann den Jungen. »Offen gestanden, Herr Be- 
zirkshauptmann«, erwiderte der Sohn des Kapellmeisters, »ist es etwas 
langweilig!« »Langweilig?« fragte Herr von Trotta, »in Wien?!« »Ja«, 
sagte der junge Nechwal, »langweilig! Schaun S', Herr Bezirkshaupt- 
mann, wenn man in einer kleinen Garnison dient, dann kommt's 
einem gar nicht zum Bewufitsein, dafi man kein Geld hat!« Der Be- 
zirkshauptmann fiihlte sich gekrankt. Er fand, dafi es sich nicht 
schickte, von Geld zu sprechen, und er fiirchtete, dafi der junge Nech- 
wal auf die besseren finanziellen Verhaltnisse Carl Josephs anspielen 
wollte. »Mein Sohn dient zwar an der Grenze«, sagte Herr von Trotta, 
»aber er ist immer gut ausgekommen. Auch bei der Kavallerie. « Er 
betonte dieses Wort. Es war ihm zum erstenmal peinlich, dafi Carl 
Joseph die Ulanen verlassen hatte. Gewifi kamen derlei Nechwals bei 
der Kavallerie nicht vor! Und der Gedanke, dafi der Sohn dieses Ka- 
pellmeisters sich etwa einbildete, dem jungen Trotta in irgendeiner 



RADETZKYMARSCH 359 

Weise zu gleichen, verursachte dem Bezirkshauptmann fast korperli- 
che Pein. Er beschlofi, »den Musikanten« zu iiberfuhren. Er witterte 
geradezu Vaterlandsverrat in diesem Jungen, dessert Nase ihm »tsche- 
chisch« erschien. »Dienen Sie gern?« fragte der Bezirkshauptmann. 
»Offen gestanden«, sagte der Leutnant Nechwal, »ich konnt' mir einen 
besseren Beruf vorstellen!« »Wieso denn? Einen besseren?« »Einen 
praktischeren!« sagte der junge Nechwal. »Ist es nicht praktisch, fiirs 
Vaterland zu kampfen?« fragte Herr von Trotta, »vorausgesetzt, daft 
man iiberhaupt praktisch veranlagt ist.« Es war deutlich, daft er das 
Wort »praktisch« in einer ironischen Weise betonte. »Aber wir kamp- 
fen ja gar nicht«, entgegnete der Leutnant. »Und wenn wir einmal zum 
Kampfen kommen, ist es vielleicht gar nicht so praktisch.« »Aber 
warum denn?« fragte der Bezirkshauptmann. »Weil wir bestimmt den 
Krieg verlieren«, sagte Nechwal, der Leutnant. »Es ist eine andere 
Zeit«, fiigte er hinzu - und nicht ohne Bosheit, wie es Herrn von 
Trotta vorkam. Er kniff seine kleinen Augen zusammen, so daft sie 
beinahe ganz verschwanden, und in einer Art, die dem Bezirkshaupt- 
mann ganz unertraglich schien, entbloftte seine Oberlippe das Zahn- 
fleisch, der Schnurrbart beriihrte die Nase, und diese glich den breiten 
Nustern irgendeines Tieres, nach der Meinung Herrn von Trottas. - 
Ein ganz widerlicher Bursche, dachte der Bezirkshauptmann. »Eine 
neue 2eit«, wiederholte der junge Nechwal. »Die vielen Volker halten 
nicht lange zusammen !« »So«, sagte der Bezirkshauptmann, »und wo- 
her wollen Sie das alles wissen, Herr Leutnant? « Und der Bezirks- 
hauptmann wufite im gleichen Augenblick, daft sein Hohn stumpf 
war, und er fuhlte sich selbst wie ein Veteran etwa, der seinen unge- 
fahrlichen, ohnmachtigen Sabel gegen einen Feind ziickt. »Alle Welt 
weift es«, sagte der Junge, »und sagt es auch!« »Sagt es?« wiederholte 
Herr von Trotta. »Ihre Kameraden sagen's?« »Ja, sie sagen es!« 
Der Bezirkshauptmann sprach nicht mehr. Es schien ihm plotzlich, 
daft er auf einem hohen Berg stand und ihm gegemiber der Leutnant 
Nechwal in einem tiefen Tal. Sehr klein war der Leutnant Nechwal! 
Aber obwohl er klein war und sehr tief stand, hatte er dennoch recht. 
Und die Welt war nicht mehr die alte Welt. Sie ging unter. Und es war 
in der Ordnung, daft eine Stunde vor ihrem Untergang die Taler recht 
behielten gegen die Berge, die Jungen gegen die Alten, die Dumm- 
kopfe gegen die Verminftigen. Der Bezirkshauptmann schwieg. Es war 
ein sommerlicher Sonntagnachmittag. Die gelben Jalousien im Herren- 



}6o ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zimmer liefien gefilterte goldene Sonne einstromen. Die Uhr tickte. 
Die Fliegen summten. Der Bezirkshauptmann erinnerte sich an den 
Sommertag, an dem sein Sohn Carl Joseph in der Uniform eines Ka- 
vallerieleutnants gekommen war. Wieviel Zeit war seit jenem Tage ver- 
gangen? Ein paar Jahre! In diesen Jahren aber schienen dem Bezirks- 
hauptmann die Ereignisse dichter geworden zu sein. Es war, als wenn 
die Sonne taglich zweimal auf- und zweimal untergegangen ware; und 
jede Woche hatte zwei Sonntage gehabt und jeder Monat sechzig Tage! 
Und die Jahre waren doppelte Jahre gewesen. Und Herr von Trotta 
fu'hlte sich gleichsam von der Zeit betrogen, obwohl sie ihm das Dop- 
pelte geboten hatte; und es war ihm, als hatte ihm die Ewigkeit dop- 
pelte falsche Jahre geboten statt einfacher echter. Und wahrend er den 
Leutnant verachtete, der ihm gegeniiber so tief in seinem Jammertal 
stand, mifkraute er dem Berg, auf dem er selber stand. Ach! Es geschah 
ihm Unrecht! Unrecht! Unrecht! Zum erstenmal in seinem Leben 
glaubte der Bezirkshauptmann, dafi ihm Unrecht geschah. 
Er sehnte sich nach Doktor Skowronnek, dem Mann, mit dem er seit 
einigen Monaten jeden Nachmittag Schach spielte. Denn auch das re- 
gelmafiige Schachspiel gehorte zu den Veranderungen, die im Leben 
des Bczirkshauptmanns vorgegangen waren. Er hatte Doktor Sko- 
wronnek schon lange gekannt, wie er andere Kaffeehausbesucher 
kannte, nicht mehr und nicht weniger. Eines Nachmittags saflen sie 
einander gegeniiber. Jeder halb verdeckt von einer aufgespannten und 
entfalteten Zeitung. Wie auf ein Kommando legten beide die Zeitun- 
gen nieder, und ihre Augen begegneten einander. Gleichzeitig und auf 
einen Schlag erkannten sie, dafi sie denselben Bericht gelesen hatten. Es 
war ein Bericht iiber ein Sommerfest in Hietzing, an dem ein Fleischer- 
meister namens Alois Schinagl dank seiner iibernatiirlichen Gefraftig- 
keit Sieger im Beinfleischessen geblieben war und die »Goldene Me- 
daille des Wettesservereins von Hietzing« erhalten hatte. Und die 
Blicke der beiden Manner sagten zu gleicher Zeit: Wir essen auch 
gerne Beinfleisch, aber diese Idee, eine goldene Medaille fiir so was zu 
verleihen, ist doch eine recht neumodische und verriickte Idee! Ob es 
eine Liebe auf den ersten Blick geben kann, wird mit Recht von Ken- 
nern bezweifelt. Daft es aber eine Freundschaft auf den ersten Blick 
gibt, eine Freundschaft unter bejahrten Mannern, daran gibt es keinen 
Zweifel. Doktor Skowronnek sah iiber die randlosen, ovalen Glaser 
seiner Brille auf den Bezirkshauptmann, und der Bezirkshauptmann 



RADETZKYMARSCH 361 

legte im selben Augenblick den Zwicker ab. Er liiftete den Zwicker. 
Und Doktor Skowronnek trat an den Tisch des Bezirkshauptmanns. 
»Spielen Sie Schach?« fragte Doktor Skowronnek. 
»Gerne!« sagte der Bezirkshauptmann. 

Sie hatten es nicht notig, sich zu verabreden. Sie trafen sich jeden 
Nachmittag urn die gleiche Stunde. Sie kamen gleichzeitig. In ihren 
taglichen Gewohnheiten schien eine abgemachte Ubereinstimmung zu 
herrschen. Wahrend des Schachspiels wechselten sie kaum ein Wort. 
Sie hatten auch nicht das Bediirfnis, miteinander zu sprechen. Auf dem 
engen Schachbrett stiefien manchmal ihre hageren Finger zusammen 
wie Menschen auf einem kleinen Platz, zuckten zunick und kehrten 
wieder heim. Aber so fliichtig diese Beriihrungen auch waren: Als hat- 
ten die Finger Augen und Ohren, vernahmen sie alles voneinander und 
von den Mannern, denen sie gehorten. Und nachdem der Bezirks- 
hauptmann und Doktor Skowronnek ein paarmal mit ihren Handen 
auf dem Schachbrett zusammengestofien waren, kam es beiden Man- 
nern vor, dafi sie sich schon seit langen Jahren kannten und dafi sie 
keine Geheimnisse mehr voreinander hatten. Und also begannen eines 
Tages sanfte Gesprache ihr Spiel zu umranden, und uber die Hande 
hinweg, die langst miteinander vertraut waren, schwebten die Bemer- 
kungen der Manner liber Wetter, Welt, Politik und Menschen. Ein 
schatzenswerter Mann! dachte der Bezirkshauptmann vom Doktor 
Skowronnek. Ein auEerordentlich feiner Mensch! dachte Doktor 
Skowronnek vom Bezirkshauptmann. 

Den grofken Teil des Jahres hatte Doktor Skowronnek gar nichts zu 
tun. Er arbeitete nur vier Monate im Jahr als Badearzt in Franzensbad, 
und seine ganze Weltkenntnis beruhte auf den Gestandnissen seiner 
Patientinnen; denn die Frauen erzahlten ihm alles, wovon sie bedriickt 
zu sein glaubten, und es gab nichts in der Welt, was sie nicht bedriickt 
hatte. Ihre Gesundheit litt unter dem Beruf ihrer Manner ebenso wie 
unter deren Lieblosigkeit, unter der »allgemeinen Not der Zeit«, unter 
der Teuerung, unter den politischen Krisen, unter der standigen 
Kriegsgefahr, unter den Zeitungsabonnements der Gatten, der eigenen 
Beschaftigungslosigkeit, der Treulosigkeit der Liebhaber, der Gleich- 
giiltigkeit der Manner, aber auch unter deren Eifersucht. Auf diese 
Weise lernte Doktor Skowronnek die verschiedenen Stande und ihr 
hausliches Leben kennen, die Kiichen und die Schlafzimmer, die Nei- 
gungen, die Leidenschaften und die Dummheiten. Und da er den 



}6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Frauen nicht alles glaubte, sondern nur drei Viertel von dem, was sie 
ihm berichteten, erlangte er mit der Zeit eine ausgezeichnete Kenntnis 
der Welt, die wertvoller war als seine medizinische. Auch wenn er mit 
Mannern sprach, lag auf seinen Lippen das unglaubige und dennoch 
bereitwillige Lacheln eines Menschen, der alles zu horen erwartet. Eine 
Art abwehrender Giite leuchtete auf seinem kleinen, verkniffenen Ant- 
litz. Und in der Tat hatte er die Menschen ebenso gern, wie er sie 
geringschatzte. 

Ahnte die einfache Seek Herrn von Trottas etwas von der herzlichen 
Schlauheit Doktor Skowronneks? Es war jedenfalls der erste Mensch 
nach dem Jugendfreund Moser, flir den der Bezirkshauptmann eine 
zutrauliche Hochachtung zu fiihlen begann. »Sie leben schon lange 
hier in unserer Stadt, Herr Doktor ?« fragte er. »Seit meiner Geburt!« 
sagte Skowronnek. »Schade, schade«, sagte der Bezirkshauptmann, 
»dafi wir uns so spat kennenlernen!« »Ich kenne Sie schon lange, Herr 
BezirkshauptmannU sagte Doktor Skowronnek. »Ich hab' Sie gele- 
gentlich beobachtet!« erwiderte Herr von Trotta. »Ihr Herr Sohn war 
einmal hier!« sagte Skowronnek. »Es sind ein paar Jahre her!« »Ja, ja! 
Ich erinnere mich!« meinte der Bezirkshauptmann. Er dachte an den 
Nachmittag, an dem Carl Joseph mit den Briefen der toten Frau Slama 
gekommen war. Es war Sommer. Es hatte geregnet. Einen schlechten 
Cognac hatte der Junge am Biifett getrunken. »Er hat sich transferieren 
lassen«, sagte Herr von Trotta. »Er dient jetzt bei den Jagern, an der 
Grenze, in B.« »Und er macht Ihnen Freude?« fragte Skowronnek. 
Aber er wollte »Sorgen« sagen. »Eigentlich - ja! Gewifi! Ja!« erwiderte 
der Bezirkshauptmann. Er stand sehr schnell auf und verliefi den Dok- 
tor Skowronnek. 

Er trug sich schon lange mit dem Gedanken, Doktor Skowronnek alle 
Sorgen zu erzahlen. Er wurde alt, er brauchte einen Zuhorer. Jeden 
Nachmittag fafite der Bezirkshauptmann aufs neue den Entschlufi, mit 
Doktor Skowronnek zu sprechen. Aber er brachte nicht jenes Wort 
hervor, das geeignet gewesen ware, ein vertrautes Gesprach einzulei- 
ten. Doktor Skowronnek erwartete es jeden Tag. Er ahnte, daE die Zeit 
fur den Bezirkshauptmann gekommen war, Gestandnisse abzulegen. 
Seit mehreren Wochen trug der Bezirkshauptmann in der Brusttasche 
einen Brief seines Sohnes. Es gait, ihm zu antworten, aber Herr von 
Trotta konnte es nicht. Indessen wurde der Brief immer schwerer, ge- 
radezu eine Last in der Tasche. Bald war es dem Bezirkshauptmann, 



RADETZKYMARSCH 363 

als triige er den Brief auf seinem alten Herzen. Carl Joseph schrieb 
namlich, daft er gedenke, die Armee zu verlassen. Ja, gleich der erste 
Satz des Briefes lautete: »Ich trage mich mit dem Gedanken, die Armee 
zu verlassen. « Als der Bezirkshauptmann diesen Satz las, unterbrach er 
sich sofort und warf einen Blick auf die Unterschrift, um sich zu iiber- 
zeugen, daft kein anderer als Carl Joseph den Brief geschrieben hatte. 
Dann legte Herr von Trotta den Zwicker, den er zum Lesen benutzte, 
weg und den Brief ebenfalls. Er ruhte aus. Er saft in seiner Kanzlei. Die 
dienstlichen Briefe waren noch nicht aufgeschnitten. Vielleicht enthiel- 
ten sie heute Wichtiges, sofort zu erledigende Angelegenheiten. Alle 
Dinge aber, die den Dienst betrafen, schienen durch die Erwagungen 
Carl Josephs bereits in der ungiinstigsten Weise erledigt. Es geschah 
dem Bezirkshauptmann zum erstenmal, daft er seine dienstlichen Ob- 
liegenheiten von personlichen Erlebnissen abhangig machte. Und ein 
so bescheidener, ja demutiger Diener des Staates er auch war: Die Er- 
wagung seines Sohnes, die Armee zu verlassen, wirkte auf Herrn von 
Trotta etwa so, wie wenn er eine Mitteilung von der gesamten kaiser- 
und koniglichen Armee erhalten hatte, daft sie gesonnen sei, sich auf- 
zulosen. Alles, alles in der Welt schien seinen Sinn verloren zu haben. 
Der Untergang der Welt schien angebrochen! Und es war dem Be- 
zirkshauptmann, als er sich dennoch entschloft, die dienstliche Post zu 
lesen, als erfullte er eine vergebliche und namenlose und heroische 
Pflicht, wie etwa der Telephonist eines sinkenden Schiffes. 
Erst eine gute Stunde spater las er den Brief seines Sohnes weiter. Carl 
Joseph bat ihn um die Zustimmung. Und der Bezirkshauptmann erwi- 
derte folgendes: 

»Mein lieber Sohn! 

Dein Brief hat mich erschuttert. Ich werde Dir nach einiger Zeit mei- 

nen endgultigen Entschluft mitteilen. 

Dein Vater« 

Auf diesen Brief Herrn von Trottas antwortete Carl Joseph nicht 
mehr. Ja, er unterbrach die regelmaftige Reihe seiner gewohnten Be- 
richte, und der Bezirkshauptmann horte also seit einer geraumen Zeit 
nichts von seinem Sohn. Er wartete jeden Morgen, der Alte, und er 
wuEte gleichzeitig, daft er umsonst wartete. Und es war, als fehlte 
nicht jeden Morgen der erwartete Brief, sondern als kame jeden Mor- 



364 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gen die erwartete und gefiirchtete Stille. Der Sohn schwieg. Aber der 
Vater horte ihn schweigen. Und es war, als kiindigte der Sohn jeden 
Tag aufs neue dem Alten den Gehorsam. Und je langer Carl Josephs 
Berichte ausblieben, desto schwieriger war es dem Bezirkshauptmann, 
den angekiindigten Brief zu schreiben. Und war es ihm noch zuerst 
ganz selbstverstandlich erschienen, dem Jungen den Austritt aus der 
Armee einfach zu verbieten, so begann jetzt Herr von Trotta allmah- 
lich zu glauben, dafi er kein Recht mehr habe, etwas zu verbieten. Er 
war recht verzagt, der Herr Bezirkshauptmann. Immer silberner 
wurde sein Backenbart. Seine Schlafen waren schon ganz weift. Sein 
Kopf hing manchmal auf die Brust herab, und sein Kinn und die bei- 
den Flugel seines Backenbarts lagen auf dem gestarkten Hemd. So 
schlief er in seinem Sessel plotzlich ein, fuhr nach einigen Minuten 
wieder auf und glaubte, eine Ewigkeit geschlafen zu haben. Uberhaupt 
entschwand ihm sein peinlich genauer Sinn fur den Gang der Stunden, 
seitdem er diese und jene seiner alten Gewohnheiten aufgegeben hatte. 
Denn eben diese Gewohnheiten zu erhalten, waren ja die Stunden und 
die Tage bestimmt gewesen, und nunmehr glichen sie leeren Gefafien, 
die nicht mehr gefiillt werden konnten und um die man sich nicht 
mehr zu kummern brauchte. Und nur am Nachmittag zur Schachpar- 
tie mit Doktor Skowronnek erschien der Bezirkshauptmann noch 
piinktlich. 

Eines Tages bekam er einen uberraschenden Besuch. Er safi iiber sei- 
nen Papieren in der Kanzlei, als er draufien die wohlbekannte, pol- 
ternde Stimme seines Jugendfreundes Moser vernahm und die vergeb- 
lichen Bemuhungen des Amtsdieners, den Professor abzuweisen. Der 
Bezirkshauptmann klingelte und liefi den Professor kommen. »Griifi 
Gott, Herr Statthalter!« sagte Moser. Mit seinem Schlapphut, seiner 
Mappe und ohne Mantel sah Moser nicht aus wie jemand, der eine 
Reise zuriickgelegt hat und eben aus der Eisenbahn gestiegen ist, son- 
dern als kame er aus einem Haus gegenuber. Und den Bezirkshaupt- 
mann erschreckte der furchterliche Gedanke, daE Moser gekommen 
sein konnte, um sich in W. fur immer niederzulassen. Der Professor 
ging zuerst zur Tur zurtick, drehte den Schlussel um und sagte: »Da- 
mit man uns nicht iiberrascht, mein Lieber! Es konnte deiner Karriere 
schaden!« Dann trat er mit breiten, langsamen Schritten an den 
Schreibtisch, umarmte den Bezirkshauptmann und dnickte ihm einen 
schallenden KuE auf die Glatze. Hierauf lieft er sich im Lehnstuhl ne- 



RADETZKYMARSCH 365 

ben dem Schreibtisch nieder, legte Mappe und Hut vor die Fufie auf 
den Boden und schwieg. 

Herr von Trotta schwieg ebenfalls. Er wufite nun, weshalb Moser ge- 
kommen war. Seit drei Monaten hatte er ihm kein Geld geschickt. 
»Entschuldige!« sagte der Herr von Trotta. »Ich wollt's dir sofort 
nachzahlen! Du mufit entschuldigen! Ich nab' viel Sorgen in der letz- 
ten 2eit!« »Kann mir's denken!« erwiderte Moser. »Dein Herr Sohn 
ist sehr kostspielig! Seh' ihn jede zweite Woche in Wien. Scheint sich 
gut zu amiisieren, der Herr Leutnant!« 

Der Bezirkshauptmann erhob sich. Er griff nach der Brust. Er fiihlte 
den Brief Carl Josephs in der Tasche. Er trat ans Fenster. Den Rucken 
Moser zugewandt, den Blick auf die alten Kastanien im Park gegen- 
iiber gerichtet, fragte er: »Hast du mit ihm gesprochen?« 
»Wir trinken immer ein Glaschen, sooft wir uns treffen«, sagte Moser, 
»nobel ist er ja, dein Herr Sohn!« 
»So! Nobel ist er!« wiederholte Herr von Trotta. 
Er kehrte schnell zum Schreibtisch zuriick, rifi eine Schublade hervor, 
blatterte in Geldscheinen, zog ein paar heraus und gab sie dem Maler. 
Moser legte das Geld in den Hut zwischen das zerschlissene Unterfut- 
ter und den Filz und erhob sich. »Einen Moment!« sagte der Bezirks- 
hauptmann. Er ging zur Tlir, sperrte sie auf und sagte dem Amtsdie- 
ner: »Begleiten Sie den Herrn Professor zur Bahn. Er fahrt nach Wien. 
Der Zug geht in einer Stunde!« »Ergebenster Diener!« sagte Moser 
und machte eine Verbeugung. Der Bezirkshauptmann wartete ein paar 
Minuten. Dann nahm er Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. 
Er hatte sich ein wenig verspatet. Doktor Skowronnek safi schon am 
Tisch, das Schachbrett mit den aufgestellten Figuren vor sich. Herr 
von Trotta setzte sich. »Schwarz oder weift, Herr Bezirkshaupt- 
mann?« fragte Skowronnek. »Ich spiele heme nicht!« sagte der Be- 
zirkshauptmann. Er bestellte einen Cognac, trank ihn und begann: 
»Ich mochte Sie belastigen, Herr Doktor!« 
»Bitte!« sagte Skowronnek. 

»Es handelt sich um meinen Sohn«, begann der Bezirkshauptmann. 
Und in seiner amtlichen, langsamen, ein wenig naselnden Sprache be- 
richtete er von seinen Sorgen, als sprache er von dienstlichen Angele- 
genheiten zu einem Statthaltereirat. Er teilte gewissermafien seine Sor- 
gen in Haupt- und Untersorgen. Und Punkt fur Punkt, mit kleinen 
Absatzen, trug er Doktor Skowronnek die Geschichte seines Vaters 



}66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vor, seine eigene und die seines Sohnes. Als er geendet hatte, waren 
alle Gaste verschwunden und die griinlichen Gasflammen im Spiel- 
zimmer schon entziindet, und ihr eintoniger Gesang summte iiber 
den leeren Tischen. 

»So! Das ist es also!« schlofi der Bezirkshauptmann. 
Es blieb lange still zwischen den beiden Mannern. Der Bezirks- 
hauptmann wagte nicht, den Doktor Skowronnek anzusehen. Und 
der Doktor Skowronnek wagte nicht, den Bezirkshauptmann anzu- 
sehen. Und sie schlugen die Augen voreinander nieder, als hatten sie 
sich gegenseitig auf einer blamablen Tat ertappt. Endlich sagte 
Skowronnek: 

»Vielleicht steckt eine Frau dahinter? Welchen Grund hatte Ihr 
Sohn, so oft in Wien zu sein?« 

Der Bezirkshauptmann hatte in der Tat niemals an eine Frau ge- 
dacht. Es erschien ihm selbst unfafibar, dafi er auf diesen selbstver- 
standlichen Gedanken nicht sofort gekommen war. Denn alles - und 
es war gewifi nicht viel-, was er jemals von dem verderblichen Ein- 
flufi vernommen hatte, den Frauen auf junge Manner auszuiiben im- 
stande waren, sturzte plotzlich wuchtig in sein Gehirn und befreite 
gleichzeitig sein Herz. Wenn es nichts anderes war als eine Frau, die 
in Carl Joseph den Entschlufi geweckt hatte, die Armee zu verlas- 
sen, so liefi sich vielleicht zwar noch nichts reparieren, aber man sah 
wenigstens die Ursache des Unheils, und der Untergang der Welt 
war nicht mehr die Frage unerkennbarer, geheimer, finsterer 
Machte, gegen die man sich nicht wehren konnte. Eine Frau! dachte 
er. Nein! Er wufite nichts von einer Frau! Und er sagte in seinem 
amtlichen Stil: 

»Mir ist nichts von einer Frauensperson zu Ohren gekommen !« 
»Eine Frauensperson !« wiederholte Doktor Skowronnek und la- 
chelte: »Es konnte ja auch zufallig eine Dame sein!« 
»Sie meinen also«, sagte Herr von Trotta, »dafi mein Sohn die ernste 
Absicht hat, eine Ehe zu schliefien.« 

»Auch das nicht«, sagte Skowronnek. »Man muft doch auch Damen 
nicht heiraten.« 

Er erkannte, dafi der Bezirkshauptmann zu jenen einfachen Naturen 
gehorte, die gleichsam noch einmal in die Schule geschickt werden 
muftten. Und er beschlofi, den Bezirkshauptmann wie ein Kind zu 
behandeln, das eben seine Muttersprache lernen soil. Und er sagte: 



RADETZKYMARSCH 367 

»Lassen wir die Damen, Herr Bezirkshauptmann! Es kommt nicht 

darauf an! Aus diesem oder jenem Grunde mochte Ihr Sohn nicht bei 

der Armee bleiben. Und ich verstehe das!« 

»Sie verstehen es?« 

»Gewift, Herr Bezirkshauptmann! Ein junger Offizier unserer Armee 

kann mit seinem Beruf nicht zufrieden sein, wenn er nachdenkt. Seine 

Sehnsucht mufi der Krieg sein. Er weifi aber, dafi der Krieg das Ende 

der Monarchic ist.« 

»Das Ende der Monarchie?« 

»Das Ende, Herr Bezirkshauptmann! Es tut mir leid! Lassen Sie Ihren 

Sohn tun, was ihm behagt. Vielleicht eignet er sich besser zu irgendei- 

nem anderen Beruf!« 

»Zu irgendeinem anderen Beruf !« wiederholte Herr von Trotta. 

»2u irgendeinem anderen BerufU sagte er noch einmal. 

Sie schwiegen eine lange Weile. Dann sagte der Bezirkshauptmann 

zum drittenmal: 

»Zu irgendeinem anderen BerufU 

Er bemuhte sich, mit diesen Worten vertraut zu werden, aber sie blie- 

ben ihm fremd wie die Worte »revolutionar« oder »nationale Minder- 

heiten« zum Beispiel. Und es war dem Bezirkshauptmann, als hatte er 

nicht erst lange auf den Untergang der Welt zu warten. Er schlug mit 

der mageren Faust auf den Tisch, die runde Manschette schepperte, 

und liber dem Tischchen wackelte die griinliche Lampe ein bifkhen, 

und fragte: 

»Was fur einen Beruf, Herr Doktor?« 

»Er konnte«, meinte Doktor Skowronnek, »vielleicht bei der Eisen- 

bahn unterkommen!« 

Der Bezirkshauptmann sah im nachsten Augenblick seinen Sohn in der 

Uniform eines Schaffners, eine Zange zum Knipsen der Fahrkarten in 

der Hand. Das Wort »unterkommen« jagte einen Schauer durch sein 

altes Herz. Er fror. 

»So, meinen Sie?« 

»Sonst weifi ich nichts!« sagte Doktor Skowronnek. 

Und da sich der Bezirkshauptmann jetzt erhob, stand auch Doktor 

Skowronnek auf und sagte: 

»Ich werde Sie begleiten!« 

Sie gingen durch den Park. Es regnete. Der Bezirkshauptmann spannte 

seinen Regenschirm nicht auf. Hier und dort fielen schwere Tropfen 



368 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

aus den dichten Kronen der Baume auf seine Schultern und seinen 
steifen Hut. Es war dunkel und still. Sooft sie an einer der sparlichen 
Laternen vorbeikamen, die ihre silbernen Haupter zwischen dem 
dunklen Laub verbargen, neigten beide Manner die Kopfe. Und als sie 
vor dem Ausgang des Stadtparks standen, zogerten sie noch einen Au- 
genblick. Und Doktor Skowronnek sagte plotzlich: »Auf Wiederse- 
hen, Herr Bezirkshauptmann!« Und Herr von Trotta ging allein iiber 
die Strafe, hiniiber zum breitgewolbten Tor der Bezirkshauptmann- 
schaft. 

Er begegnete seiner Haushalterin auf der Treppe, sagte: »Ich esse heute 
nicht, Gnadigste!« und ging schnell weiter. Er wollte zwei Stufen auf 
einmal nehmen, aber er schamte sich und ging mit gewohnter Wiirde 
geradewegs ins Amt. Zum erstenmal, seitdem er diese Bezirkshaupt- 
mannschaft leitete, saft er zu abendlicher Stunde in seiner Amtskanzlei. 
Er entziindete die griine Tischlampe, die sonst nur im Winter am 
Nachmittag brannte. Die Fenster waren offen. Der Regen schlug heftig 
an die blechernen Fensterbretter. Herr von Trotta zog einen gelblichen 
Kanzleibogen aus der Schublade und schrieb: 

»Lieber Sohn! 

Nach reiflicher Uberlegung habe ich mich entschlossen, die Verant- 
wortung fur Deine Zukunft Dir selbst zu iiberlassen. Ich ersuche Dich 
lediglich, mir Deine Entschliisse mitzuteilen. 

Dein Vater« 

Herr von Trotta blieb lange Zeit vor seinem Brief sitzen. Er las ein 
paarmal die wenigen Satze, die er geschrieben hatte. Sie klangen ihm 
wie sein Testament. Es ware ihm niemals fruher eingefallen, seinen 
vaterlichen Charakter fur wichtiger zu halten als seinen amtlichen. Da 
er nun aber mit diesem Brief die Befehlsgewalt iiber seinen Sohn nie- 
deriegte, schien es ihm, dafi sein ganzes Leben wenig Sinn mehr hatte 
und daft er zugleich auch aufhoren mufke, Beamter zu sein. Es war 
nichts Ehrloses, was er unternahm. Aber es kam ihm vor, dafi er sich 
selbst einen Schimpf zufugte. Er verlieft die Kanzlei, den Brief in der 
Hand, er ging ins Herrenzimmer. Hier entziindete er alle vorhandenen 
Lichter, die Stehlampe in der Ecke und die Hangelampe am Suffit und 
stellte sich vor dem Portrat des Helden von Solferino auf. Das Ange- 
sicht seines Vaters konnte er nicht deutlich sehen. Das Gemalde zerfiel 



RADETZKYMARSCH 369 

in hundert kleine, olige Lichtflecke und Tupfen, der Mund war ein 
blafiroter Strich und die Augen zwei schwarze Kohlensplitter. Der Be- 
zirkshauptmann stieg auf einen Sessel (seit seiner Knabenzeit war er 
nicht auf einem Sessel gestanden), reckte sich, stellte sich auf die Ze- 
henspitzen, hielt den Zwicker vor die Augen und konnte gerade noch 
die Unterschrift Mosers in der Ecke rechts auf dem Portrat lesen. Er 
stieg ein wenig miihsam wieder hinunter, unterdriickte einen Seufzer, 
wich, riickwartsschreitend, bis zur Wand gegeniiber, stiefi sich heftig 
und schmerzlich an der Kante des Tisches und begann, das Bild aus der 
Feme zu studieren. Er loschte die Deckenlampe aus. Und im tiefen 
Dammer glaubte er, das Angesicht seines Vaters lebendig schimmern 
zu sehen. Bald naherte es sich ihm, bald entfernte es sich, schien hinter 
die Wand zu entweichen und wie aus einer unermeftlichen Weite durch 
ein offenes Fenster ins Zimmer zu schauen. Herr von Trotta verspurte 
eine grofie Miidigkeit. Er setzte sich in den Sessel, riickte ihn so zu- 
recht, dafi er gerade dem Bildnis gegeniibersafi, und offnete seine We- 
ste. Er horte die immer sparlicheren Tropfen des nachlassenden Re- 
gens in harten, unregelmafiigen Schlagen an den Fensterscheiben und 
von Zeit zu Zeit den Wind in den alten Kastanien gegeniiber rauschen. 
Er schlofi die Augen. Und er schlief ein, den Brief im Umschlag in der 
Hand und die Hand reglos iiber der Lehne des Sessels. 
Als er erwachte, stromte der voile Morgen schon durch die drei gro- 
ften, gewolbten Fenster. Der Bezirkshauptmann erblickte zuerst das 
Portrat des Helden von Solferino, dann fiihlte er den Brief in seiner 
Hand, sah die Adresse, las den Namen seines Sohnes und erhob sich 
seufzend. Seine Hemdbrust war zerdriickt, seine breite, dunkelrote 
Krawatte mit den weiften Tupfen war nach links verschoben, und auf 
der gestreiften Hose bemerkte Herr von Trotta zum erstenmal, seit- 
dem er Hosen trug, abscheuliche Querfalten. Er betrachtete sich eine 
Weile im Spiegel. Und er sah, daft sein Backenbart zerzaust war und 
dafi sich ein paar klimmerliche, graue Harchen auf seiner Glatze rin- 
gelten und daft seine stichligen Augenbrauen kreuz und quer durchein- 
anderstanden, als ware ein kleiner Sturm iiber sie hingegangen. Der 
Bezirkshauptmann schaute auf die Uhr. Und da der Friseur bald kom- 
men mufite, beeilte er sich, die Kleider abzulegen und geschwind ins 
Bett zu schliipfen, um dem Barbier einen normalen Morgen vorzutau- 
schen. Aber den Brief behielt er in der Hand. Und er hielt ihn, wah- 
rend er eingeseift und rasiert wurde, und spater, als er sich wusch, lag 



370 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Brief am Rande des Tischchens, auf dem das Waschbecken stand. 
Erst als sich Herr von Trotta zum Friihstuck setzte, ubergab er den 
Brief dem Amtsdiener und befahl, ihn zusammen mit der nachsten 
Dienstpost abgehen zu lassen. 

Er ging, wie jeden Tag, an seine Arbeit. Und niemand ware imstande 
gewesen zu erkennen, dafi Herr von Trotta seinen Glauben verloren 
hatte. Denn die Sorgfalt, mit der er heute seine Geschafte erledigte, 
war keineswegs eine geringere als an anderen Tagen. Nur war diese 
Sorgfalt eine ganz, ganz andere. Sie war lediglich die Sorgfalt der 
Hande, der Augen, des Zwickers sogar. Und Herr von Trotta glich 
einem Virtuosen, in dem das Feuer erloschen, in dessen Seele es taub 
und leer geworden ist und dessen Finger nur noch in kalter, seit Jahren 
erworbener Dienstfertigkeit dank ihrem eigenen toten Gedachtnis 
richtige Klange erzeugen. Aber niemand bemerkte es, wie gesagt. Und 
am Nachmittag kam, wie gewohnlich, der Wachtmeister Slama. Und 
Herr von Trotta fragte ihn: »Sagen Sie, lieber Slama, haben Sie eigent- 
lich wieder geheiratet?« Er wuftte selbst nicht, warum er diese Frage 
heute stellte und warum ihn plotzlich das Privatleben des Gendarmen 
etwas anging. »Nein, Herr Baron !« sagte Slama. »Ich werde auch nicht 
mehr heiraten!« »Da haben Sie recht!« sagte Herr von Trotta. Aber er 
wufite auch nicht, weshalb der Wachtmeister mit seinem Entschluft, 
nicht wieder zu heiraten, recht haben sollte. 

Das war die Stunde, in der er taglich im Kaffeehaus erschien, und also 
begab er sich auch heute dorthin. Das Schachbrett stand schon auf dem 
Tisch. Doktor Skowronnek kam zu gleicher Zeit, sie setzten sich. 
»Schwarz oder weifi, Herr Bezirkshauptmann?« fragte der Doktor wie 
alle Tage. »Nach Belieben!« sagte der Bezirkshauptmann. Und sie be- 
gannen zu spielen. Herr von Trotta spielte heute sorgfaltig, andachtig 
beinahe, und gewann. »Sie werden ja allmahlich ein wahrer Schachmei- 
ster!« sagte Skowronnek. Der Bezirkshauptmann fiihlte sich wahrhaf- 
tig geschmeichelt. »Vielleicht hatte ich einer werden konnenU erwi- 
derte er. Und er dachte, dafi es besser gewesen ware, daE alles besser 
gewesen ware. 

»Ich habe iibrigens meinem Sohn geschrieben«, begann er nach einer 
Weile. »Er mag tun, was ihm gefallt!« 

»Das scheint mir das Richtige !« sagte Doktor Skowronnek. »Man 
kann keine Verantwortung tragen! Kein Mensch darf fiir den andern 
eine Verantwortung tragen. « 



RADETZKYMARSCH 371 

»Mein Vater hat sic fiir mich getragen«, sagte der Bezirkshauptmann, 
»mein GroEvater fiir meinen Vater.« 

»Es war damals anders«, erwiderte Skowronnek. »Nicht einmal der 
Kaiser tragt heute die Verantwortung fiir seine Monarchic Ja, es 
scheint, dafi Gott selbst die Verantwortung fiir die Welt nicht mehr 
tragen will. Es war damals leichter! Alles war gesichert. Jeder Stein lag 
auf seinem Platz. Die Strafien des Lebens waren wohl gepflastert. Die 
sicheren Dacher lagen iiber den Mauern der Hauser. Aber heute, Herr 
Bezirkshauptmann, heute liegen die Steine auf den Straiten quer und 
verworren und in gefahrlichen Haufen, und die Dacher haben Locher, 
und in die Hauser regnet es, und jeder mufi selber wissen, welche 
Strafie er geht und in was fiir ein Haus er zieht. Wenn Ihr seliger Herr 
Vater gesagt hat, aus Ihnen wiirde kein Landwirt, sondern ein Beam- 
ter, so hat er recht gehabt. Sie sind ein musterhafter Beamter gewor- 
den. Aber als Sie Ihrem Sohn sagten, er solle Soldat werden, haben Sie 
unrecht gehabt. Er ist kein musterhafter Soldat !« 
»Ja, ja!« bestatigte Herr von Trotta. 

»Und deshalb soil man alles gehen lassen, jedes seinen eigenen Weg! 
Wenn niir meine Kinder nicht gehorchen, bemiihe ich mich nur noch, 
nicht die Wiirde zu verlieren. Es ist alles, was man tun kann. Ich sehe 
sie mir manchmal an, wenn sie schlafen. Ihre Gesichter scheinen mir 
dann ganz fremd, kaum zu erkennen, und ich sehe, daft sie fremde 
Menschen sind, aus einer Zeit, die erst kommen wird und die ich nicht 
mehr erleben werde. Sie sind noch ganz jung, meine Kinder! Das eine 
ist acht, das andere zehn, und sie haben runde, rosige Gesichter im 
Schlaf. Dennoch ist sehr viel Grausames in diesen Gesichtern, wenn sie 
schlafen. Manchmal scheint es mir, dafi es schon die Grausamkeit ihrer 
Zeit ist, der Zukunft, die im Schlaf iiber die Kinder kommt. Ich 
mochte nicht diese Zeit erleben !« 
»Ja, ja!« sagte der Bezirkshauptmann. 

Sie spielten noch eine Partie, aber diesmal verlor Herr von Trotta. »Ich 
werde kein Meister!« sagte er milde und gleichsam ausgesohnt mit sei- 
nen Mangeln. Es war auch heute spat geworden, die griinlichen Gas- 
lampen, die Stimmen der Stille, surrten schon, und das Kaffeehaus war 
leer. Sie gingen wieder durch den Park nach Hause. Heute war der 
Abend heiter, und heitere Spazierganger begegneten ihnen. Sie spra- 
chen iiber die haufigen Regen dieses Sommers und von der Trocken- 
heit des vergangenen und der vorauszusehenden Strenge des kommen- 



372 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den Winters. Skowronnek ging bis zur Tiir der Bezirkshauptmann- 
schaft. »Sie haben recht getan mit Ihrem Brief, Herr Bezirkshaupt- 
mann!« sagte er. 

»Ja, ja!« bestatigte Herr von Trotta. 

Er ging an den Tisch und afi hastig sein halbes Huhn mit Salat, ohne 
ein Wort. Die Haushalterin warf ihm verstohlene, angstliche Blicke zu. 
Sie bediente selbst, seitdem Jacques tot war. Sie verliefi das Zimmer 
noch vor dem Bezirkshauptmann, mit einem mifilungenen Knicks, wie 
sie ihn vor dreifiig Jahren als kleines Madchen vor ihrem Schuldirektor 
ausgefiihrt hatte. Der Bezirkshauptmann winkte ihr nach mit einer 
Handbewegung, mit der man Fliegen verscheucht. Dann erhob er sich 
und ging schlafen. Er fiihlte sich mude und fast krank, die vergangene 
Nacht lag als ein ferner Traum in seiner Erinnerung, aber als ein ganz 
naher Schrecken noch in seinen Gliedern. 

Er schlief ruhig ein, er glaubte, das Schwerste hatte er uberstanden. Er 
wufite nicht, der alte Herr von Trotta, dafi ihm das Schicksal bitteren 
Kummer spann, dieweil er schlief. Alt war er und mude, und der Tod 
wartete schon auf ihn, aber das Leben liefi ihn noch nicht frei. Wie ein 
grausamer Gastgeber hielt es ihn am Tische fest, weil er noch nicht 
alles Bittere gekostet hatte, das fiir ihn bereitet war. 



XVII 

Nein, der Bezirkshauptmann hatte noch nicht alles Bittere gekostet! 
Carl Joseph erhielt den Brief seines Vaters zu spat, das heifit zu einer 
Zeit, in der er langst beschlossen hatte, keine Briefe mehr zu offnen 
und keine zu schreiben. Was Frau von Taufiig betraf, so telegraphierte 
sie. Wie flinke, kleine Schwalben kamen jede zweite Woche ihre Tele- 
gramme, ihn zu rufen. Und Carl Joseph stiirzte zum Kleiderschrank, 
holte den grauen Zivilanzug hervor, seine bessere, wichtigere und ge- 
heime Existenz, und zog sich um. Sofort fiihlte er sich heimisch in der 
Welt, in die er sich begeben sollte, er vergaE sein militarisches Leben. 
An Stelle Hauptmann Wagners war Hauptmann Jedlicek von den Ein- 
ser-Jagern zum Bataillon gekommen, ein »guter Kerl« von enormen 
korperlichen Ausmaften, breit, heiter und sanft wie jeder Riese und 
jeder guten Zurede offen. Welch ein Mann! Gleich als er ankam, wufi- 
ten alle, daE er diesem Sumpf gewachsen war und dafi er starker war als 



RADETZKYMARSCH 373 

die Grenze. Man konnte sich auf ihn verlassen! Er verstiefi gegen alle 
militarischen Gebote, aber es war, als ob er sie umstiefie! Er hatte ein 
neues Dienstreglement erfinden und einfuhren und durchsetzen kon- 
nen : So sah er aus ! Er brauchte viel Geld, aber es stromte ihm auch von 
alien Seiten zu. Die Kameraden borgten ihm, unterschrieben Wechsel 
fur ihn, versetzten fur ihn ihre Ringe und ihre Uhren, schrieben an ihre 
Vater fur ihn und an ihre Tanten. Nicht, dafi man ihn geradezu geliebt 
hatte! Denn die Liebe hatte sie ihm nahegebracht, und er schien nicht zu 
wiinschen, dafi man ihm nahekomme, Aber es ware auch schon aus 
korperlichen Griinden nicht leicht gewesen; seine Grofie, seine Breite, 
seine Wucht wehrten alle ab, und es fiel ihm also nicht schwer, gutmiitig 
zu sein. »Fahr du nur ruhig!« sagte er zum Leutnant Trotta. »Ich u'ber- 
nehme die Verantwortung!« Er ubernahm die Verantwortung, und er 
konnte sie auch tragen. Und er benotigte jede Woche Geld. Leutnant 
Trotta bekam es von Kapturak. Er brauchte selbst Geld, der Leutnant 
Trotta. Es erschien ihm jammer lich, ohne Geld bei Frau von Tauftig 
anzukommen. Wehrlos hatte er sich da in ein bewaffnetes Lager bege- 
ben. Welch ein Leichtsinn! - Und er steigerte allmahlich seine Bediirf- 
nisse, und er erhohte die Summen, die er mitnahm, und er kam dennoch 
von jedem Ausflug mit der allerletzten Krone zuriick, und er beschlofi 
immer wieder, das nachstemal mehr mitzunehmen. Manchmal ver- 
suchte er, sich Rechenschaft iiber das verlorene Geld zu geben. Aber es 
gelang ihm niemals, sich an die einzelnen Ausgaben zu erinnern, und oft 
kamen auch einfache Additionen nicht mehr zustande. Er konnte nicht 
rechnen. Seine kleinen Notizbiicher hatten von seinen trostlosen Bermi- 
hungen, Ordnung zu halten, zeugen konnen. Unendliche Zahlenkolon- 
nen standen auf jeder Seite. Sie verwirrten und vermischten sich aber, er 
verlor sie gleichsam aus den Handen, sie addierten sich selbst und trogen 
ihn mit falschen Summen, sie galoppierten vor seinen sehenden Augen 
davon, sie kehrten im nachsten Augenblick verwandelt zuriick und 
waren nicht mehr zu erkennen. Es gelang ihm nicht einmal, seine Schul- 
den zu addieren. Auch die Zinsen begriff er nicht. Was er geliehen hatte, 
verschwand hinter dem, was er schuldig war, wie ein Hugel hinter 
einem Berg. Und er begriff nicht, wie Kapturak eigentlich rechnete. 
Und mifttraute er auch Kapturaks Ehrlichkeit, so traute er doch noch 
weniger seiner eigenen Fahigkeit zu rechnen. Schliefilich langweilte ihn 
jede Zahl. Und er gab ein fur allemal jeden Rechenversuch auf, mit dem 
Mut, den Ohnmacht und Verzweiflung erzeugen. 



374 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sechstausend Kronen war er Kapturak und Brodnitzer schuldig. Diese 
Summe war selbst fur seine mangelhafte Vorstellung von Zahlen rie- 
sengrofi, wenn er sie mit seiner monatlichen Gage verglich. (Und von 
der wurde noch ein Drittel regelmafiig abgezogen.) Dennoch hatte er 
sich mit der Zahl 6000 allmahlich vertraut gemacht wie mit einem 
iibermachtigen, aber ganz alten Feind, Ja, in guten Stunden konnte es 
ihm sogar scheinen, dafi die Zahl abnehme und Krafte verliere. In 
schlechten Stunden aber schien es ihm, daft sie zunehme und Krafte 
gewinne. 

Er fuhr zu Frau von Taufiig. Seit Wochen unternahm er diese kurzen 
und verstohlenen Fahrten zu Frau von Taufiig, siindige Wallfahrten. 
Den naiven Frommen ahnlich, fur die eine Pilgerfahrt eine Art Genufi 
ist, eine Zerstreuung und manchmal sogar eine Sensation, verband 
Leutnant Trotta das Ziel, zu dem er pilgerte, mit der Umgebung, in der 
es lebte, mit seiner ewigen Sehnsucht nach einem freien Leben, wie er 
es sich vorstellte, mit dem Zivil, das er anlegte, und mit dem Reiz des 
Verbotenen. Er liebte seine Reisen. Er liebte diese zehn Minuten Fahrt 
im geschlossenen Wagen zum Bahnhof, wahrend welcher er sich ein- 
bildete, dafi er von niemandem erkannt wurde. Er liebte die paar gelie- 
henen Hundertkronenscheine in der Brusttasche, die heute und mor- 
gen ihm allein gehorten und denen man nicht ansah, daft sie geliehen 
waren und dafi sie schon zu wachsen und zu schwellen begannen in 
den Notizbuchern Kapturaks. Er liebte diese zivile Anonymitat, in der 
er den Wiener Nordbahnhof passierte und verliefi. Niemand erkannte 
ihn. Offiziere und Soldaten gingen an ihm vorbei. Er griifite nicht und 
wurde nicht gegriifit. Manchmal erhob sich sein Arm zum militari- 
schen Grufi von selbst. Er erinnerte sich schnell an sein Zivil und liefi 
ihn wieder sinken. Die Weste zum Beispiel machte dem Leutnant 
Trotta ein kindisches Vergniigen. Er steckte die Hande in alle ihre Ta- 
schen, die er nicht zu gebrauchen wufite. Und er liebkoste mit eitlen 
Fingern den Knoten der Krawatte iiber dem Ausschnitt, der einzigen, 
die er besaE - Frau von Tauftig hatte sie ihm geschenkt - und die er 
trotz unzahliger Bemiihungen nicht zu kniipfen verstand. Der simpel- 
ste Kriminalbeamte hatte im Leutnant Trotta auf den ersten Blick den 
Offizier in Zivil erkannt. 

Frau von Taufiig stand am Nordbahnhof auf dem Perron. Vor zwanzig 
Jahren - sie dachte, es sei vor funfzehn gewesen, denn sie hatte so lange 
ihr Alter verleugnet, daft sie selbst uberzeugt war, ihre Jahre hielten im 



RADETZKYMARSCH 375 

Lauf inne und gingen nicht zu Ende-, vor zwanzig Jahren hatte sie 
ebenfalls am Nordbahnhof auf einen Leutnant gewartet, der allerdings 
ein Kavallerist gewesen war. Sie stieg auf den Perron wie in ein Verjiin- 
gungsbad. Sie tauchte unter im beizenden Dunst der Steinkohle, in den 
Pfiffen und Dampfen der rangierenden Lokomotiven, im dichten Ge- 
klingel der Signale. Sie trug einen kurzen Reiseschleier. Sie hatte die 
Vorstellung, dafi er vor fiinfzehn Jahren Mode gewesen war. Dieweil 
waren es bereits fiinfundzwanzig Jahre her, und nicht einmal zwanzig! 
Sie liebte es, auf dem Bahnsteig zu warten. Sie liebte den Augenblick, 
in dem der Zug einrollte und sie das lacherliche, dunkelgriine Hiitchen 
Trottas am Kupeefenster erblickte und sein geliebtes, mioses, junges 
Angesicht. Denn sie machte Carl Joseph jiinger, ebenso wie sich selbst, 
diimmer und ratloser, ebenso wie sich selbst. In dem Augenblick, in 
dem der Leutnant das unterste Trittbrett verliefi, offneten sich ihre 
Arme wie vor zwanzig beziehungsweise fiinfzehn Jahren. Und aus 
dem Gesicht, das sie heute trug, tauchte jenes fruhe rosige und falten- 
lose auf, das sie vor zwanzig beziehungsweise vor fiinfzehn Jahren ge- 
tragen hatte, ein Madchengesicht, sufi und etwas erhitzt. Um ihren 
Hals, in dessen Haut sich heute schon zwei parallele Rillen gruben, 
hatte sie jene kindliche, diinne Goldkette geschlungen, die vor zwanzig 
beziehungsweise fiinfzehn Jahren ihr einziger Schmuck gewesen war. 
Und wie vor zwanzig beziehungsweise fiinfzehn Jahren fuhr sie mit 
dem Leutnant in eines jener kleinen Hotels, in denen die verborgene 
Liebe bliihte, in bezahlten, armseligen, quietschenden und kostlichen 
Bettparadiesen. Die Spaziergange begannen. Die Liebesviertelstunden 
im jungen Griin des Wienerwalds, die kleinen, plotzlichen Gewitter 
des Bluts. Die Abende im rotlichen Dammer der Opernlogen, hinter 
vorgezogenen Vorhangen. Die Liebkosungen, wohlbekannte und den- 
noch iiberraschende Liebkosungen, auf die das erfahrene und dennoch 
ahnungslose Fleisch wartete. Das Ohr kannte die oft gehorte Musik, 
aber die Augen kannten nur Bruchteile der Szenen. Denn Frau von 
Tauftig hatte immer hinter vorgezogenem Vorhang oder mit geschlos- 
senen Augen in der Oper gesessen. Die Zartlichkeiten, von der Musik 
geboren und den Handen des Mannes gleichsam vom Orchester anver- 
traut, kamen kiihl und heifi zugleich zur Haut, langst vertraute und 
ewig junge Schwestern, Geschenke, die man oft schon empfangen, 
aber wieder vergessen und lediglich vorgetraumt zu haben glaubte. Die 
stillen Restaurants offneten sich. Die stillen Nachtmahler begannen, in 



376 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Winkeln, in denen der Wein, den man trank, auch zu wachsen schien, 
gereift von der Liebe, die hier im Dunkeln ewig leuchtete. Der Ab- 
schied kam, eine letzte Umarmung am Nachmittag, von der standig 
tickenden Mahnung der Taschenuhr, die auf dem Nachttisch lag, be- 
gleitet und schon erfiillt von der Freude auf das nachste Wiedersehen; 
und die Hast, mit der man zum Zug drangte; und der allerletzte Kuft 
auf dem Trittbrett und die im letzten Augenblick aufgegebene Hoff- 
nung, doch noch mitzufahren. 

Miide, aber erfiillt von alien Siiftigkeiten der Welt und der Liebe, kam 
Leutnant Trotta wieder in seinem Garnisonort an. Sein Diener Onufrij 
hielt die Uniform schon bereit. Trotta zog sich im Hinterzimmer des 
Restaurants um und fuhr in die Kaserne. Er ging in die Kompanie- 
kanzlei. Alles in Ordnung, nichts vorgefallen. Hauptmann Jedlicek 
war froh, heiter, wuchtig und gesund wie immer. Leutnant Trotta 
fiihlte sich erleichtert und zugleich enttauscht. In einem verborgenen 
Winkel seines Herzens hatte er eine Katastrophe erhofft, die ihm den 
weiteren Dienst in der Armee unmoglich gemacht hatte. Er ware dann 
sofort umgekehrt. Aber es war nichts vorgefallen. Und also muftte er 
noch zwolf Tage hier warten, eingesperrt zwischen den vier Mauern 
des Kasernenhofes, innerhalb der wiisten Gaftchen dieser Stadt. Er 
warf einen Blick auf die Schieftfiguren rings an den Wanden des Kaser- 
nenhofes. Kleine, blaue Mannchen, von Schiissen zerfetzt und wieder 
nachgemalt, erschienen sie dem Leutnant wie boshafte Kobolde, 
Hausgeister der Kaserne, sie selbst drohend mit Waffen, von denen sie 
getroffen wurden, keine Ziele mehr, sondern gefahrliche Schutzen. So- 
bald er ins Hotel Brodnitzer kam, sein kahles Zimmer betrat, sich aufs 
eiserne Bett warf, fafite er den Entschluft, von seinem nachsten Urlaub 
nicht mehr in die Garnison zuriickzukehren. 

Diesen Entschluft auszufuhren, war er nicht imstande. Er wufite es 
auch. Und er wartete in Wirklichkeit auf irgendein merkwiirdiges 
Gliick, das ihm eines Tages in die Arme fallen und ihn befreien wiirde 
fur alle Zeiten: von der Armee und von der Notwendigkeit, sie aus 
freien Stiicken zu verlassen. Alles, was er tun konnte, bestand darin, 
daft er aufhorte, seinem Vater zu schreiben, und daft er ein paar Briefe 
des Bezirkshauptmanns liegenlieft, um sie spater einmal zu of men; 
spater einmal . . . 

Die nachsten zwolf Tage rollten voruber. Er offnete den Kleiderka- 
sten, betrachtete seinen Zivilanzug und wartete auf das Telegramm. 



RADETZKYMARSCH }JJ 

Immer kam es um diese Stunde, in der Dammerung, kurz vor dem 
Anbruch der Nacht, wie ein Vogel, der heimkehrt in sein Nest. Aber 
heute kam es nicht, auch nicht, als die Nacht schon eingebrochen war. 
Der Leutnant ziindete kein Licht an, um die Nacht nicht zur Kenntnis 
zu nehmen. Angekleidet und mit offenen Augen lag er auf dem Bett. 
Alle vertrauten Stimmen des Friihlings wehten durch das offene Fen- 
ster herein: der tiefe Larm der Frosche und liber ihm sein sanfter und 
heller Bruder, der Gesang der Grillen, dazwischen der feme Ruf des 
nachtlichen Hahers und die Lieder der Burschen und Magde aus dem 
Grenzdorf. Das Telegramm kam schlieftlich. Es teilte dem Leutnant 
mit, dafi er diesmal nicht kommen konne. Frau von Taufcg ware zu 
ihrem Mann gefahren. Sie wollte bald zuriick, wiifite nur nicht, wann. 
Mit »tausend Kiissen« schloft der Text. Ihre Zahl beleidigte den Leut- 
nant. Sie hatte nicht sparen diirfen, dachte er. Hunderttausend hatte sie 
auch telegraphieren konnen! Es fiel ihm ein, daE er sechstausend Kro- 
nen schuldig war. Mit ihnen verglichen, waren tausend Kiisse eine 
kummerliche Zahl. Er stand auf, um die offene Tur des Kleider- 
schranks zu schlieften. Da hing, sauber und gerade, eine gebiigelte Lei- 
che, der freie, dunkelgraue, zivilistische Trotta. Uber ihm schlofi sich 
der Kasten. Ein Sarg: begraben! begraben! 

Der Leutnant offnete die Tur zum Korridor. Immer safi Onufrij dort, 
schweigsam oder leise summend oder die Mundharmonika vor den 
Lippen und die Hande gewolbt iiber dem Instrument, um die Tone zu 
dampfen. Manchmal safi Onufrij auf einem Stuhl. Manchmal hockte er 
auf der Schwelle. Vor einem Jahr schon hatte er das Militar verlassen 
sollen. Er blieb freiwillig. Sein Dorf Burdlaki lag in der Nahe. Immer, 
wenn der Leutnant wegfuhr, ging er in sein Dorf. Er nahm einen 
Kniippel aus Weichselholz mit, ein wei^es, blaugebliimtes Tuch, legte 
ratselhafte Gegenstande in dieses Tuch, hangte das Biindel an das 
Kniippelende, schulterte den Stock, begleitete den Leutnant zur Bahn, 
wartete bis zum Abgang des Zuges, stand salutierend und erstarrt am 
Bahnsteig, auch wenn Trotta nicht aus dem Kupeefenster blickte, und 
begann dann seine Wanderung nach Burdlaki, zwischen den Siimpfen, 
auf dem schmalen Pfad, an dem die Weiden wuchsen, auf dem einzigen 
sicheren Weg, auf dem keine Gefahr war zu versinken. Onufrij kam 
rechtzeitig wieder, um Trotta zu erwarten. Und er setzte sich vor die 
Tur Trottas, schweigsam, summend oder auf der Mundharmonika 
spielend unter den gewolbten Handen. 



378 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Leutnant offnete die Tiir zum Korridor. »Du kannst diesesmal 
nicht nach Burdlaki! Ich fahre nicht weg!« »Jawohl, Herr Leutnant !« 
Onufrij stand, erstarrt und salutierend, im weifien Korridor, ein dun- 
kelblauer, gerader Strich. »Du bleibst hier!« wiederholte Trotta; er 
glaubte, Onufrij habe ihn nicht verstanden. 

Aber Onufrij sagte nur noch einmal: »Jawohl!« Und wie, um zu be- 
weisen, dafi er noch mehr begriffe, als man ihm sagte, ging er hinunter 
und kam mit einer Flasche Neunziggradigem zuriick. 
Trotta trank. Das kahle Zimmer wurde heimlicher. Die nackte elektri- 
sche Birne am geflochtenen Draht, umschwirrt von Nachtfaltern, ge- 
schaukelt vom nachtlichen Wind, weckte in der braunlichen Politur 
des Tisches trauliche, fliichtige Reflexe. Allmahlich verwandelte sich 
auch Trottas Enttauschung in wohliges Weh. Er schlofi eine Art Biind- 
nis mit seinem Kummer. Alles in der Welt war heute im hochsten 
Mafie traurig, und der Leutnant war der Mittelpunkt dieser erbarmli- 
chen Welt. Fur ihn larmten heute so jammerlich die Frosche, und auch 
die schmerzerfiillten Grillen wehklagten fiir ihn. Seinetwegen fiillte 
sich die Friihlingsnacht mit einem so gelinden, siifien Weh, seinetwe- 
gen standen die Sterne so unerreichbar hoch am Himmel, und ihm 
allein blinkte ihr Licht so vergeblich sehnsuchtig zu. Der unendliche 
Schmerz der Welt pafite vollkommen zu dem Elend Trottas. Er litt in 
vollendeter Eintracht mit dem leidenden All. Hinter der tiefblauen 
Schale des Himmels sah Gott selbst auf ihn mitleidig hernieder. Trotta 
offnete noch einmal den Kasten. Da hing, gestorben fiir immer, der 
freie Trotta. Daneben blinkte der Sabel Max Dem ants, des toten 
Freundes. Im Koffer lag das Andenken des alten Jacques, die steinharte 
Wurzel, neben den Briefen der toten Frau Slama. Und auf dem Fen- 
sterbrett lagen nicht weniger als drei nicht geoffnete Briefe seines Va- 
ters, der vielleicht auch schon gestorben war! Ach! Der Leutnant 
Trotta war nicht nur traurig und ungliicklich, sondern auch schlecht, 
ein grundschlechter Charakter! Carl Joseph kehrte an den Tisch zu- 
riick, schenkte sich noch ein Glas ein und leerte es auf einen Zug. Im 
Korridor, vor der Tiir, begann eben Onufrij, ein neues Lied auf der 
Mundharmonika zu blasen, das wohlbekannte Lied. »Oh, unser Kai- 
ser. . .« Die ersten ukrainischen Worte kannte Trotta nicht mehr: »Oj 
nasch cisar, cisarewa.« Es war ihm nicht gelungen, die Landessprache 
zu erlernen. Er war nicht nur ein grundschlechter Charakter, sondern 
auch ein miider, torichter Kopf. Und kurz und gut: Sein ganzes Leben 



RADETZKYMARSCH 379 

war verfehlt! Seine Brust preftte sich zusammen, die Tranen quollen 

schon in seiner Kehle, bald wtirden sie in die Augen steigen. Und er 

trank noch ein Glas, um ihnen den Weg zu erleichtern. Schliefilich 

brachen sie aus seinen Augen. Er legte die Arme auf den Tisch, bettete 

den Kopf in die Arme und begann, jammerlich zu schluchzen. So 

weinte er wohl eine Viertelstunde. Er horte nicht, daft Onufrij sein 

Spiel unterbrochen hatte und daft er an die Tiir klopfte. Erst als sie ins 

Schloft fiel, hob er den Kopf. Und er erblickte Kapturak. 

Es gelang ihm, die Tranen zuriickzuhalten und mit einer scharfen 

Stimme zu fragen: »Wie kommen Sie hierher?« 

Kapturak, die Miitze in der Hand, stand hart an der Tiir; er ragte nur 

wenig liber die Klinke. Sein gelblichgraues Angesicht lachelte. Er war 

grau angezogen. Er trug Schuhe aus grauer Leinwand. Ihre Rander 

zeigten den grauen, frischen, glanzenden Friihlingsschlamm der Stra- 

ften dieses Landes. Auf seinem winzigen Schadel ringelten sich deut- 

lich ein paar graue Lockchen. »Guten Abend!« sagte er und machte 

eine kleine Verbeugung. Gleichzeitig flitzte an der weiften Tiir sein 

Schatten empor und sank sofort wieder zusammen. 

»Wo ist mein Bursche?« fragte Trotta - »und was wiinschen Sie?« 

»Sie sind diesmal nicht nach Wien gefahren!« begann Kapturak. 

»Ich fahre iiberhaupt nicht nach Wien!« sagte Trotta. 

»Sie haben diese Woche kein Geld benotigt!« sagte Kapturak. »Ich 

habe heute Ihren Besuch erwartet. Ich hab' mich erkundigen wollen. 

Ich komme eben von Herrn Hauptmann Jedlicek. Er ist nicht zu 

Hause!« 

»Er ist nicht zu HauseU wiederholte Trotta gleichgiiltig. 

»Ja«, sagte Kapturak. »Er ist nicht zu Hause, es ist was mit ihm pas- 

siert!« 

Trotta horte wohl, daft etwas mit dem Hauptmann Jedlicek passiert 

sei. Aber er fragte nicht. Er war erstens nicht neugierig. (Er war heute 

nicht neugierig.) Zweitens schien es ihm, daft mit ihm selbst ungeheuer 

viel passiert sei, zu viel, und daft ihn alle andern wenig kiirnmern diirf- 

ten; drittens hatte er durchaus keine Lust, sich von Kapturak etwas 

erzahlen zu lassen. Er war ergrimmt iiber die Anwesenheit Kapturaks. 

Er hatte nur nicht die Kraft, irgendwas gegen den kleinen Mann zu 

unternehmen. Eine sehr vage Erinnerung an die sechstausend Kronen, 

die er dem Besucher schuldig war, tauchte immer wieder in ihm auf; 

eine peinliche Erinnerung: Er versuchte, sie zuriickzudrangen. Das 



380 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Geld, versuchte er sich im stillen einzureden, hat nichts mit seinem 
Besuch zu tun. Es sind zwei verschiedene Leute: Der eine, dem ich 
Geld schuldig bin, ist nicht hier; der andere, der hier im Zimmer steht, 
will mir nur etwas Gleichgiiltiges iiber Jedlicek erzahlen. Er starrte auf 
Kapturak. Fiir ein paar Augenblicke schien es dem Leutnant, dafi sein 
Gast zerfliefie und sich aus undeutlichen, grauen Flecken wieder 
zusammensetze. Trotta wartete, bis Kapturak vollig hergestellt war. Es 
bedurfte einiger Miihe, um den Augenblick schnell auszunutzen; denn 
die Gefahr bestand, dafi der kleine, graue Mann sofort wiederum zer- 
ging und sich aufloste. Kapturak trat einen Schritt naher, als wiifke er, 
dafi er dem Leutnant nicht deutlich sichtbar war, und wiederholte et- 
was lauter: 

»Mit dem Hauptmann ist was passiert!« 

»Was ist denn mit ihm schliefilich passiert?« fragte Trotta vertraumt 
wie aus dem Schlaf. 

Kapturak kam noch einen Schritt naher an den Tisch und fliisterte, die 
gewolbten Hande vor dem Mund, so dafi sein Flustern wie ein Rau- 
schen wurde: »Man hat ihn verhaftet und verschickt. Wegen Spionage- 
verdachts.« 

Bei diesem Wort erhob sich der Leutnant. Er stand jetzt, beide Hande 
auf den Tisch gestiitzt. Seine Beine spiirte er kaum. Es war ihm, als 
stiinde er lediglich auf den Handen. Er grub sie fast in die Tischplatte. 
»Ich wiinsche nichts von Ihnen dariiber zu horen«, sagte er. »Gehen 
Sie!« 

»Leider nicht moglich, nicht moglich!« sagte Kapturak. 
Er stand jetzt nahe am Tisch, neben Trotta. Er senkte den Kopf, wie 
um ein schamhaftes Gestandnis abzulegen, und sagte: »Ich muE auf 
einer Teilzahlung bestehen!« 
»Morgen!« sagte Trotta. 

»Morgen!« wiederholte Kapturak. »Morgen ist es vielleicht unmog- 
lich! Sie sehen, was da jeden Tag fiir Uberraschungen vorkommen. Ich 
habe am Hauptmann ein Vermogen verloren. Wer weift, ob man ihn 
jemals wiedersehen wird. Sie sind sein Freund!« 

»Was sagen Sie?« fragte Trotta. Er hob die Hande vom Tisch und 
stand plotzlich sicher auf seinen Fiiften. Er begriff piotzlich, daE Kap- 
turak ein ungeheuerliches Wort gesagt hatte, obwohl es die Wahrheit 
war; und ungeheuerlich schien es nur, weil es die Wahrheit sagte. Zu- 
gleich erinnerte sich der Leutnant an die einzige Stunde seines Lebens, 



RADETZKYMARSCH 381 

in der er andern Menschen gefahrlich gewesen war. Er wiinschte sich, 
jetzt ebenso geriistet zu sein wie damals, mit Sabel, Pistole, seinen Zug 
im Riicken. Der kleine, graue Mann war heute weitaus gefahrlicher, als 
es damals die Hunderte waren. Und um seine Wehrlosigkeit wettzu- 
machen, suchte Trotta sein Herz mit einem fremden Zorn zu erfiillen. 
Er ballte die Fauste; er hatte es noch nie getan, und er spiirte, daft er 
nicht bedrohlich sein, sondern hochstens einen Bedrohlichen spielen 
konnte. An seiner Stirn schwoll eine blaue Ader an, sein Angesicht 
rotete sich, das Blut stieg auch in seine Augen, und sein Blick wurde 
starr. Es gelang ihm, sehr gefahrlich auszusehen. Kapturak wich zu- 
riick. 

»Was sagen Sie?« wiederholte der Leutnant. 
»Nichts!« sagte Kapturak. 

»Wiederholen Sie, was Sie gesagt haben!« befahl Trotta. 
»Nichts!« antwortete Kapturak. 

Er zerrann wiederum fur einen Augenblick in undeutliche, graue 
Flecke. Und den Leutnant Trotta ergriff eine ungeheuere Angst, dafi 
der Kleine die gespenstische Fahigkeit habe, in Stiicke zu zerfallen und 
sich wieder in ein Ganzes zusammenzufiigen. Und ein unwiderstehli- 
ches Verlangen, die Substanz Kapturaks zu erfahren, erfiillte den Leut- 
nant Trotta, ahnlich der unbezwinglichen Leidenschaft eines For- 
schers. Am Bettpfosten, hinter seinem Riicken, hing der Sabel, seine 
Waffe, der Gegenstand seiner militarischen und privaten Ehre und in 
diesem Augenblick merkwurdigerweise auch ein magisches Instru- 
ment, geeignet, das Gesetz unheimlicher Gespenster zu enthiillen. Er 
fiihlte den blinkenden Sabel im Riicken und eine Art magnetischer 
Kraft, die von der Waffe ausging. Und, gleichsam von ihr angezogen, 
machte er riickwarts einen Satz, den Blick auf den fortwahrend zerfal- 
lenden und sich wieder zusammensetzenden Kapturak gerichtet, er- 
griff mit der Linken die Waffe, zog mit der Rechten blitzschnell die 
Klinge, und wahrend Kapturak einen Sprung zur Tiir machte, die 
Miitze seinen Handen entfiel und vor den grauen Leinenschuhen lie- 
genblieb, folgte ihm Trotta, den Sabel ziickend. Und ohne dafi der 
Leutnant wuftte, was er tat, hielt er die Spitze der Klinge gegen die 
Brust des grauen Gespenstes, fiihlte durch die ganze Lange des Stahls 
den Widerstand der Kleider und des Korpers, atmete auf, weil ihm 
endlich erwiesen schien, daft Kapturak ein Mensch war - und konnte 
dennoch nicht die Klinge sinken lassen. Es war nur ein Augenblick. 



382 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Aber in diesem Augenblick horte, sah und roch Leutnant Trotta alles, 
was in der Welt lebte, die Stimmen der Nacht, die Sterne am Himmel, 
das Licht der Lampe, die Gegenstande im Zimmer, seine eigene Ge- 
stalt, als triage er sie nicht selbst, sondern als stiinde sie vor ihm, den 
Tanz der Miicken um das Licht, den feuchten Dunst der Siimpfe und 
den kiihlen Hauch des nachtlichen Windes. Auf einmal breitete Kap- 
turak die Arme aus. Seine mageren, kleinen Hande krallten sich am 
linken und am rechten Tiirpfosten fest. Sein kahler Kopf mit den ge- 
ringelten, grauen Harchen sank auf die Schulter. Gleichzeitig setzte er 
einen Fufi vor den andern und verschlang die lacherlichen, grauen 
Schuhe zu einem Knoten. Und hinter ihm, an der weiften Tiir, erhob 
sich vor den erstarrten Augen Leutnant Trottas auf einmal schwarz 
und schwankend der Schatten eines Kreuzes. 

Trottas Hand zitterte und liefi die Klinge fallen. Mit einem leisen, klir- 
renden Wimmern fiel sie nieder. Im gleichen Augenblick liefi Kapturak 
die Arme sinken. Sein Kopf rutschte von der Schulter und fiel vorn- 
iiber auf die Brust. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Lippen zit- 
terten. Sein ganzer Korper zitterte, Es war still. Man horte das Flattern 
der Miicken um das Lampenlicht und durch das offene Fenster die 
Frosche, die Grillen und dazwischen das nahe Bellen eines Hundes. 
Leutnant Trotta wankte. Er kehrte um. »Setzen Sie sich!« sagte er und 
wies auf den einzigen Stuhl im Zimmer. 
»Ja«, sagte Kapturak, »ich will mich setzen!« 

Er ging munter an den Tisch, munter, als wenn nichts geschehen ware, 
wie es Trotta vorkam. Seine Fuftspitze beriihrte den Sabel am Boden. 
Er biickte sich und hob ihn auf. Als hatte er die Aufgabe, Ordnung im 
Zimmer zu machen, ging er, den nackten Sabel zwischen zwei Fingern 
einer erhobenen Hand, zum Tisch, auf dem die Scheide lag, und ohne 
den Leutnant anzusehen, versorgte er den Sabel und hangte ihn wieder 
an den Bettpfosten. Dann umkreiste er den Tisch und setzte sich dem 
stehenden Trotta gegenuber. Jetzt erst schien er ihn zu erblicken. 
»Ich bleibe nur einen Augenblick«, sagte er, »um mich zu erholen.« 
Der Leutnant schwieg. 

»Ich bitte Sie nachste Woche um diese Zeit und genau zu dieser Stunde 
um das ganze Geld«, sagte Kapturak weiter. »Ich mochte mit Ihnen 
keine Geschafte machen. Es sind siebentausendzweihundertfiinfzig 
Kronen im ganzen. Ich mochte Ihnen ferner mitteilen, daft Herr Brod- 
nitzer hinter der Tiir steht und alles gehort hat. Der Herr Graf Choj- 



RADETZKYMARSCH 383 

nicki kommt in diesem Jahr, wie Sie wissen, erst spater und vielleicht 
gar nicht. Ich mochte gehen, Herr Leutnant!« 

Er erhob sich, ging zur Tiir, biickte sich, hob seine Miitze auf und sah 
sich noch einmal urn. Die Tiir fiel zu. 

Der Leutnant war jetzt vollig niichtern. Dennoch kam es ihm vor, daft 
er alles getraumt hatte. Er offnete die Tiir. Onufrij sal? auf seinem Stuhl 
wie immer, obwohl es schon sehr spat sein mufite. Trotta sah auf seine 
Uhr. Es war halb zehn. »Warum schlafst du noch nicht?« fragte er. 
»Wegen Besuch!« erwiderte Onufrij. »Hast alles gehort?« » Alles !« 
sagte Onufrij. »War Brodnitzer hier?« »Jawohl!« bestatigte Onufrij. 
Es gab keinen Zweifel mehr, alles hatte sich so zugetragen, wie Leut- 
nant Trotta es erlebt hatte. Er mufite also morgen friih die ganze Ange- 
legenheit melden. Noch waren die Kameraden nicht heimgekehrt. Er 
ging von einer Tiir zur andern, die Zimmer waren leer. Sie safien jetzt 
in der Messe und besprachen den Fall des Hauptmanns Jedlicek, den 
grauenhaften Fall des Hauptmanns Jedlicek. Man wiirde ihn vor das 
Standgericht stellen, degradieren und erschieften. Trotta schnallte den 
Sabel urn, nahm die Miitze und ging hinunter. Er mufke die Kamera- 
den unten erwarten. Er patrouillierte auf und ab vor dem Hotel. Wich- 
tiger als die Szene, die er jetzt mit Kapturak erlebt hatte, war ihm 
seltsamerweise die Affare des Hauptmanns. Er glaubte, die tiickischen 
Schliche einer finsteren Macht zu erkennen, unheimlich erschien ihm 
der Zufall, dafi Frau von Taufiig gerade heute zu ihrem Mann hatte 
reisen miissen, und allmahlich sah er auch alle diisteren Ereignisse sei- 
nes Lebens in einen diisteren Zusammenhang gefiigt und abhangig von 
irgendeinem gewaltigen, gehassigen, unsichtbaren Drahtzieher, dessen 
Ziel es war, den Leutnant zu vernichten. Es war deutlich, es lag, wie 
man zu sagen pflegt, auf der Hand, daft Leutnant Trotta, der Enkel des 
Helden von Solferino, teils andern den Untergang bereitete, teils mit- 
gezogen ward von denen, die untergingen, und in jedem Falle zu jenen 
unseligen Wesen gehorte, auf die eine bose Macht ein boses Auge ge- 
worfen hatte. Er ging auf und ab in der stillen Gasse, sein Schritt halite 
vor den beleuchteten und verhiillten Fenstern des Cafes wider, in dem 
die Musik spielte, Karten auf die Tische klatschten und statt der alten 
»Nachtigall« irgendeine neue sang und tanzte: die alten Lieder und die 
alten Tanze. Heute saft gewift keiner der Kameraden dort. Auf jeden 
Fall wollte Trotta nicht nachsehen. Denn die Schande des Hauptmanns 
Jedlicek lag auch auf ihm, obwohl ihm der Dienst bei der Armee seit 



384 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

langem verhafk war. Die Schande des Hauptmanns lag auf dem ganzen 
Bataillon. Die militarische Erziehung Leutnant Trottas war stark ge- 
nug, um es ihm wenig begreiflich erscheinen zu lassen, dafi sich die 
Offiziere des Bataillons nach diesem Fall Jedlicek noch in der Garni- 
son in Uniform auf die Strafie wagten. Ja, dieser Jedlicek! Grofi, stark 
und heiter war er, ein guter Kamerad, und sehr viel Geld brauchte er. 
Alles nahm er auf seine breiten Schultern, Zoglauer liebte ihn, die 
Mannschaft liebte ihn. Allen war er starker erschienen als der Sumpf 
und die Grenze. Und er war ein Spion gewesen! Aus dem Kaffeehaus 
tonte die Musik, scholl Stimmengewirr und Tassenklirren und versank 
immer wieder im nachtlichen Chor der unermudlichen Frosche. Der 
Friihling war da! Chojnicki aber kam nicht! Der einzige, der mit sei- 
nem Geld hatte helfen konnen. Es waren langst keine sechstausend 
mehr, sondern siebentausendzweihundertfiinfzig! Nachste Woche ge- 
nau um dieselbe Stunde zu bezahlen! Wenn er nicht bezahlte, liefi sich 
gewifi irgendein Zusammenhang zwischen ihm und dem Hauptmann 
Jedlicek herstellen. Er war sein Freund gewesen! Aber alle waren 
schliefilich seine Freunde gewesen. Dennoch konnte man just bei die- 
sem unseligen Leutnant Trotta auf alies gefafit sein! Das Schicksal, sein 
Schicksal! Vor vierzehn Tagen noch um diese Zeit war er ein froher 
und freier junger Mann in Zivil gewesen. Um diese Stunde hatte er den 
Maler Moser getroffen und einen Schnaps getrunken! Und heute be- 
neidete er den Professor Moser. 

Er horte um die Ecke bekannte Schritte, die Kameraden kehrten heim. 
Alle kamen sie, die im Hotel Brodnitzer wohnten, in einem stummen 
Rudel gingen sie einher. Er trat ihnen entgegen. »Ah, du bist nicht 
weg!« sagte Winter. »Du weiftt also schon! Furchtbar! Entsetzlich!« 
Sie gingen, einer hinter dem andern, ohne ein Wort und jeder bemuht, 
moglichst leise zu sein, die Treppe hinauf. Sie stahlen sich fast die 
Treppe hinauf. »Alle auf Nummer neun!« kommandierte Oberleut- 
nant Hruba. Er bewohnte Nummer neun, das geraumigste Zimmer im 
Hotel. Sie traten alle, die Kopfe gesenkt, in das Zimmer Hrubas. 
»Wir mussen was unternehmen!« begann Hruba. »Ihr habt den Zo- 
glauer gesehen! Er ist verzweifelt! Er wird sich erschienen! Wir miis- 
sen was unternehmen!« 

»Unsinn, Herr Oberleutnant!« sagte der Leutnant Lippowitz. Er hatte 
sich spat aktivieren lassen, nach zwei Semestern Jura, es gelang ihm 
niemals, den »Zivilisten« abzulegen, und man begegnete ihm mit dem 



RADETZKYMARSCH 385 

etwas scheuen und auch etwas spottischen Respekt, den man den Re- 

serveoffizieren zollte. »Hier konnen wir nichts machen«, sagte Lippo- 

witz. »Schweigen und weiter dienen! Es ist nicht der erste Fall. Es wird 

leider auch nicht der letzte in der Armee sein!« 

Niemand antwortete. Sie sahen wohl ein, dafi gar nichts zu machen 

war. Und jeder von ihnen hatte doch gehofft, dafi sie, in einem Zimmer 

versammelt, auf allerhand Auswege kommen wiirden. Nun aber er- 

kannten sie mit einem Schlage, dafi sie lediglich der Schrecken zueinan- 

der getrieben hatte, weil jeder von ihnen fiirchtete, mit seinem Schrek- 

ken allein zwischen seinen vier Wanden zu bleiben; aber auch, dafi es 

ihnen gar nichts half, wenn sie sich zusammenrotteten, und dafi jeder 

einzelne mitten unter den andern dennoch allein war mit seinem 

Schrecken. Sie hoben die Kopfe und sahen sich an und liefien die 

Kopfe wieder sinken. So waren sie schon einmal zusammengesessen, 

nach dem Selbstmord Hauptmann Wagners. Jeder von ihnen dachte an 

den Vorganger Hauptmann Jedliceks, den Hauptmann Wagner, jeder 

von ihnen wiinschte heute, auch Jedlicek hatte sich erschossen. Und 

jedem kam plotzlich der Verdacht, dafi sich auch ihr toter Kamerad 

Wagner vielleicht nur erschossen hatte, weil er sonst verhaftet worden 

ware. 

»Ich werde hingehen, ich dring' schon vor«, sagte Leutnant Haber- 

mann, »und werde ihn niederknallen.« 

»Du dringst eben erstens nicht vor!« erwiderte Lippowitz. »Zweitens 

ist schon dafiir gesorgt, dafi er sich selber umbringt. Sobald man alles 

von ihm erfahren hat, gibt man ihm eine Pistole mit und spent ihn mit 

ihr ein.« 

»Ja, richtig, so ist es!« riefen einige. Sie atmeten auf. Sie begannen zu 

hoffen, dafi sich der Hauptmann in dieser Stunde schon umgebracht 

habe. Und es war ihnen, als hatten sie alle soeben dank ihrer eigenen 

Klugheit diesen verniinftigen Usus der Militargerichtsbarkeit einge- 

fiihrt. 

»Um ein Haar hatt' ich heut einen Mann umgebracht!« sagte Leutnant 

Trotta. 

»Wen, wieso, warum?« fragten alle durcheinander. 

»Es ist Kapturak, den ihr alle kennt«, begann Trotta. Er erzahlte lang- 

sam, suchte nach Worten, verfarbte sich, und als er zum Ende kam, 

war es ihm unmoglich zu erklaren, weshalb er nicht zugestofien hatte. 

Er fiihlte, dafi sie ihn nicht verstehen wiirden. Ja, sie begriffen ihn jetzt 



386 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nicht mehr. »Ich hatt* ihn erschlagen!« rief einer. »Ich auch«, ein zwei- 
ter. »Und ich«, ein dritter. 

»Es ist eben nicht so leicht!« rief Lippowitz dazwischen. 
»Dieser Blutsauger, der Jud«, sagte jemand - und alle wurden starr, 
weil sie sich erinnerten, dafi Lippowitz* Vater auch Jude war. 
»Ja, ich habe plotzlich«, begann Trotta wieder - und es verwunderte 
ihn hochlichst, dafi er in diesem Augenblick an den toten Max Demant 
denken mufke und an dessen Grofivater, den weiftbartigen Konig un- 
ter den Schankwirten-, »ich nab' plotzlich ein Kreuz hinter ihm gese- 
hen!« Einer lachte. Ein anderer sagte kiihl: »Bist besoffen gewesen!« 
»Also SchlufiU befahl endlich Hruba. »Das alles wind morgen dem 
Zoglauer gemeldet!« 

Trotta sah ein Gesicht nach dem andern an; miide, schlaffe, aufgeregte, 
aber noch in der Miidigkeit und in der Aufregung aufreizend heitere 
Gesicher. Wenn der Demant jetzt lebte, dachte Trotta. Man konnte 
mit ihm reden, mit dem Enkel des weifibartigen Konigs der Schank- 
wirte! Er versuchte, unbemerkt hinauszugehen. Er ging in sein Zim- 
mer. 

Am nachsten Morgen meldete er den Vorfall. Er berichtete in der Spra- 
che der Armee, in der er seit seiner Knabenzeit zu melden und zu 
erzahlen gewohnt war, in der Sprache der Armee, die seine Mutter- 
sprache war. Aber er fuhlte wohl, dafi er nicht alles und nicht einmal 
das Wichtige gesagt hatte und dafi zwischen seinem Erlebnis und dem 
Bericht, den er erstattete, ein weiter und ratselhafter Abstand lag, 
gleichsam ein ganzes merkwurdiges Land. Er vergaft auch nicht, den 
Schatten des Kreuzes zu melden, den er gesehen zu haben glaubte. 
Und der Major lachelte genau so, wie Trotta es erwartet hatte, und 
fragte: »Wieviel hatten Sie getrunken?« »Eine halbe Flasche!« sagte 
Trotta. »Na also!« bemerkte Zoglauer. 

Er hatte nur einen Augenblick gelachelt, der geplagte Major Zoglauer. 
Es war eine ernste Geschichte. Die ernsten Geschichten hauften sich 
leider. Eine peinliche Sache, jedenfalls hoheren Orts zu vermelden. 
Man konnte warten. »Haben Sie das Geld?« fragte der Major. »Nein!« 
sagte der Leutnant. Und sie sahen einander einen Augenblick ratios an, 
mit leeren, starren Augen, mit den armen Augen von Menschen, die 
sich nicht einmal gestehen durften, daft sie ratios waren. Es stand nicht 
alles im Reglement, man konnte die Buchl von vorn nach hinten und 
wieder von hinten nach vorn durchblattern, es stand nicht alles drin! 



RADETZKYMARSCH 387 

War der Leutnant im Recht gewesen? Hatte er zu friih nach dem Sabel 
gegriffen? War der Mann im Recht, der ein Vermogen verliehen hatte 
und es zuriickforderte? Und wenn der Major auch alle seine Herren 
zusammenrief und sich mit ihnen beriet: Wer hatte einen Rat gewufk? 
Wer durfte kliiger sein als der Kommandant des Bataillons? Und was 
war nur los mit diesem unseligen Leutnant? Es hatte schon Miihe ge- 
kostet, jene Streikgeschichte niederzuschlagen, Unheil, Unheil haufte 
sich iiber dem Kopf Major Zoglauers, Unheil iiber Trotta, Unheil iiber 
diesem Bataillon. Er hatte gern die Hande gerungen, der Major Zo- 
glauer, wenn es nur moglich gewesen ware, im Dienst die Hande zu 
ringen. Und wenn auch alle Offiziere des Bataillons fur Leutnant 
Trotta gutstanden, die Summe kam nicht zusammen! Und die Ge- 
schichte verwickelte sich nur mehr, wenn die Summe nicht bezahlt 
wurde. »Wozu haben S' denn so viel gebraucht?« fragte Zoglauer, 
erinnerte sich aber im Nu, dafi er alles wufite. Er winkte mit der Hand. 
Er wiinschte keine Auskunft. »Schreiben Sie an Ihren Herrn Papa vor 
alien Dingen!« sagte Zoglauer. Es kam ihm vor, daft er da eine glan- 
zende Idee ausgedriickt hatte. Und der Rapport war beendet. 
Und Leutnant Trotta ging nach Haus und setzte sich hin und begann, 
an den Herrn Papa zu schreiben. Er konnte es ohne Alkohol nicht. 
Und er stieg hinunter ins Cafe, bestellte einen Neunziggradigen, Tinte, 
Feder und Papier. Er begann. Welch ein schwerer Brief! Welch ein 
unmoglicher Brief! Leutnant Trotta setzte ein paarmal an, vernichtete 
die Anfange, begann wieder. Nichts ist schwieriger fur einen Leutnant, 
als Ereignisse aufzuschreiben, die ihn selbst betreffen und sogar ge- 
fahrden. Es erwies sich bei dieser Gelegenheit, daft Leutnant Trotta, 
dem der Dienst in der Armee seit langem schon verhafk war, noch 
genug soldatischen Ehrgeiz besafl, um sich nicht aus der Armee entfer- 
nen zu lassen. Und wahrend er seinem Vater den verwickelten Sach- 
verhalt darzustellen versuchte, verwandelte er sich wieder unversehens 
in den Kadettenschuler Trotta, der einst auf dem Balkon des vaterli- 
chen Hauses bei den Klangen des Radetzkymarsches fur Habsburg 
und Osterreich zu sterben gewiinscht hatte. (So merkwurdig, so wan- 
delbar und so verworren ist die menschliche Seele.) 
Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis Trotta den Sachverhalt zu Papier 
gebracht hatte. Es war spater Nachmittag geworden. Schon versam- 
melten sich die Karten- und die Roulettespieler im Kaffeehaus. Auch 
der Wirt, Herr Brodnitzer, kam. Seine Hoflichkeit war ungewohnlich 



388 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und erschreckend. Er machte eine so tiefe Verbeugung vor dem Leut- 
nant, dafi dieser sofort erkannte, der Wirt wolle ihn an die Szene mit 
Kapturak erinnern und an die eigene authentische Zeugenschaft. 
Trotta erhob sich, um nach Onufrij zu suchen. Er ging in den Flur und 
rief ein paarmal den Namen Onufrijs zur Treppe hinauf. Aber Onufrij 
meldete sich nicht. Brodnitzer aber kam und berichtete: »Ihr Diener 
ist heute friih weggegangen!« 

Der Leutnant machte sich also selbst auf den Weg zur Bahn, um seinen 
Brief zu befordern. Erst unterwegs fiel es ihm auf, dafi Onufrij wegge- 
gangen war, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben. Seine militarische 
Erziehung diktierte ihm Zorn gegen den Diener. Er selbst, der Leut- 
nant, war oft nach Wien gefahren - und in Zivil und ohne Erlaubnis. 
Vielleicht hatte der Bursche sich nur nach dem Beispiel seines Herrn 
aufgefiihrt. Vielleicht hat Onufrij ein Madchen, es wartet auf ihn, 
dachte der Leutnant weiter. Ich werd' ihn einsperren, bis er blau wird! 
dachte der Leutnant Trotta. Aber gleichzeitig spiirte er wohl, dafi er 
diese Phrase nicht selbstandig gedacht und nicht ernst gemeint hatte. 
Es war eine mechanische Wendung, ewig parat in seinem militarischen 
Gehirn, eine von den zahllosen mechanischen Wendungen, die in den 
militarischen Gehirnen Gedanken ersetzen und Entscheidungen vor- 
wegnehmen. 

Nein, der Bursche Onufrij hatte kein Madchen in seinem Dorf. Er 
hatte viereinhalb Morgen Feld, von seinem Vater ererbt, von seinem 
Schwager verwaltet, und zwanzig goldene Zehn-Kronen-Dukaten in 
der Erde vergraben, neben der dritten Weide vor der Hutte links, auf 
dem Pfad, der zum Nachbarn Nikofor fiihrte. Der Bursche Onufrij 
hatte sich noch vor dem Aufgang der Sonne erhoben, Montur und 
Stiefel des Leutnants geputzt, die Stiefel vor die Tur gestellt und die 
Montur iiber den Sessel gehangt. Er nahm seinen Kniippel aus Weich- 
selholz und begann, nach Burdlaki zu marschieren. Er ging den schma- 
len Pfad entlang, auf dem die Weiden wuchsen, auf dem einzigen Weg, 
der die Trockenheit des Bodens anzeigte. Denn die Weiden verbrauch- 
ten alle Feuchtigkeit des Sumpfes. Zu beiden Seiten des schmalen 
Wegs, den er ging, stiegen die grauen, vielgestaltigen und gespensti- 
schen Nebel des Morgens auf, wallten ihm entgegen und zwangen ihn, 
sich zu bekreuzigen. Unaufhorlich murmelte er mit zitternden Lippen 
das Vaterunser. Dennoch war er guten Mutes. Jetzt kamen links die 
grofien, schiefergedeckten Magazine der Eisenbahn und trosteten ihn 



RADETZKYMARSCH 389 

einigermafien, weil sie auf dem Platz standen, auf dem er sie erwartet 
hatte. Er bekreuzigte sich noch einmal, diesmal aus Dankbarkeit fur 
die Giite Gottes, welche die Magazine der Eisenbahn an ihrem ge- 
wohnten Platz stehengelassen hatte. Er erreichte das Dorf Burdlaki 
eine Stunde nach Sonnenaufgang. Seine Schwester und sein Schwager 
waren schon auf den Feldern. Er betrat die vaterliche Hiitte, in der sie 
wohnten. Die Kinder schliefen noch, in den Wiegen, die am Plafond 
aufgehangt waren, mit dicken Seilen, an mehrfach gewundenen, eiser- 
nen Haken. Er nahm Spaten und Harke aus dem Gemusegartchen hin- 
ter dem Haus und begab sich auf die Suche nach der dritten Weide 
links von der Hiitte. Am Ausgang stellte er sich auf, den Riicken der 
Tur zugewandt und das Auge gegen den Horizont gerichtet. Es dau- 
erte eine Weile, bis er sich bewiesen hatte, dafi sein rechter Arm der 
rechte, sein linker der linke war, dann ging er links, bis zur dritten 
Weide, in der Richtung zum Nachbarn Nikofor. Hier begann er zu 
graben. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick ringsum, urn sich zu 
iiberzeugen, dafi ihm niemand zusehe. Nein! Niemand sah, was er tat. 
Er grub und grub. Die Sonne stieg so schnell hoch am Himmel, dafi er 
glaubte, der Mittag sei schon gekommen. Aber es war erst neun Uhr 
morgens. Endlich horte er die eiserne Zunge des Spatens an etwas Har- 
tes, Klingendes stolen. Er legte den Spaten weg, begann, mit der 
Harke zartlich die gelockerte Erde zu streicheln, warf die Harke weg, 
legte sich auf den Boden und kammte mit alien zehn Fingern die locke- 
ren Knimchen der feuchten Erde beiseite. Er tastete zuerst ein Ta- 
schentuch aus Leinen, suchte nach dem Knoten, zog es heraus. Da war 
sein Geld: zwanzig goldene Zehn-Kronen-Dukaten. 
Er gab sich keine Zeit nachzuzahlen. Er verbarg den Schatz in der 
Hosentasche und ging zum judischen Schankwirt des Dorfes Burdlaki, 
einem gewissen Hirsch Beniower, dem einzigen Bankier der Welt, den 
er personlich kannte. »Ich kenne dich!« sagte Hirsch Beniower, »ich 
habe auch deinen Vater gekannt! - Brauchst du Zucker, Mehl, russi- 
schen Tabak oder Geld?« 
»Geld!« sagte Onufrij. 
»Wieviel brauchst du?« fragte Beniower. 

»Sehr viel!« sagte Onufrij - und streckte die Arme aus, soweit er 
konnte, um zu zeigen, wieviel er brauche. 
»Gut«, sagte Beniower, »wir wollen sehen, wieviel du hast!« 
Und Beniower schlug ein grofies Buch auf. In diesem Buch stand ver- 



390 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zeichnet, dafi Onufrij Kolohin viereinhalb Morgen besafi. Beniower 
war bereit, dreihundert Kronen darauf zu leihen. 
»Gehn wir zum Biirgermeister!« sagte Beniower. Er rief seine Frau, 
iibergab ihr den Laden und ging mit Onufrij Kolohin zum Burgermei- 
ster. 

Hier gab er Onufrij dreihundert Kronen. Onufrij setzte sich an einen 
wurmstichigen, braunen Tisch und begann, seinen Namen unter ein 
Schriftstuck zu schreiben. Er legte die Miitze ab. Die Sonne stand 
schon hoch am Himmel. Auch durch die winzigen Fenster der Bauern- 
hiitte, in welcher der Burgermeister von Burdlaki amtierte, vermochte 
sie ihre bereits brennenden Strahlen zu schicken. Onufrij schwitzte. 
Auf seiner kurzen Stirn wuchsen die Schweifiperlen wie kristallene, 
durchsichtige Beulen. Jeder Buchstabe, den Onufrij schrieb, weckte 
eine kristallene Beule auf seiner Stirn. Diese Beulen rannen, rannen 
hinunter wie Tranen, die das Gehirn Onufrij s geweint hatte. Endlich 
stand sein Name unter dem Schriftstuck. Und die zwanzig goldenen 
Zehn-Kronen-Dukaten in der Hosentasche und die dreihundert papie- 
renen Kronenscheine in der Tasche der Bluse, begann Onufrij Kolohin 
seine Riickwanderung. 

Er erschien am Nachmittag im Hotel. Er ging ins Cafe, fragte nach 
seinem Herrn und stellte sich inmitten der Kartenspieler auf, als er 
Trotta erblickte, so unbekummert, als stiinde er mitten im Kasernen- 
hof. Sein ganzes, breites Angesicht leuchtete wie eine Sonne. Trotta 
sah ihn lange an, Zartlichkeit im Herzen und Strenge im Blick. »Ich 
werde dich einsperren, bis du schwarz wirst!« sagte der Mund des 
Leutnants, dem Diktat gehorchend, das ihm sein militarisches Hirn 
befahl. »Komm ins Zimmer!« sagte Trotta und stand auf. 
Der Leutnant ging die Treppe hinauf. Genau drei Stufen hinter ihm 
folgte Onufrij. Sie standen im Zimmer. Onufrij, immer noch mit son- 
nigem Angesicht, meldete: »Herr Leutnant, hier ist Geld!«, und er zog 
aus Hosen- und Blusentasche alles, was er besafi, trat naher und legte 
es auf den Tisch. An dem dunkelroten Taschentuch, das die zwanzig 
goldenen Zehn-Kronen-Dukaten so lange unter der Erde geborgen 
hatte, klebten noch silbergraue Schlammstuckchen. Neben dem Ta- 
schentuch lagen die blauen Geldscheine. Trotta zahlte sie. Dann 
kniipfte er das Tuch auf. Er zahlte die Golds tucke. Dann legte er die 
Scheine zu den Goldstiicken in das Tuch, schlang den Knoten wieder 
zusammen und gab Onufrij das Bundel zuriick. 



RADETZKYMARSCH 391 

»Ich darf leider kein Geld von dir nehmen, verstehst du?« sagte Trotta. 
»Das Reglement verbietet es, verstehst du? Wenn ich das Geld von dir 
nehme, werde ich aus der Armee entlassen und degradiert, verstehst 
du?« 

Onufrij nickte: 

Der Leutnant stand da, das Biindel in der erhobenen Hand. Onufrij 
nickte fortwahrend mit dem Kopf. Er streckte die Hand aus und er- 
griff das Biindel. Es schwankte eine Weile in der Luft. 
»Abtreten!« sagte Trotta, und Onufrij ging mit dem Biindel. 
Der Leutnant erinnerte sich an jene Herbstnacht in der Kavalleriegar- 
nison, in der er hinter seinem Riicken Onufrij s stamp fenden Schritt 
vernommen hatte. Und er dachte an die Militarhumoresken, die er in 
schmalen, griingebundenen Bandchen in der Bibliothek des Spitals ge- 
lesen hatte. Dort wimmelte es von riihrenden Offiziersburschen, unge- 
schlachten Bauernjungen mit goldenen Herzen. Und obwohl Leutnant 
Trotta keinerlei literarischen Geschmack besaft und obwohl ihm, wenn 
er zufallig einmal das Wort Literatur horte, lediglich das Drama 
»Zriny« von Theodor Korner einfiel und gar nichts mehr, hatte er 
doch immer einen dumpfen Widerwillen gegen die wehmiitige Sanft- 
heit jener Biichlein und gegen ihre goldenen Gestalten empfunden. Er 
war nicht erfahren genug, der Leutnant Trotta, um zu wissen, daft es 
auch in der Wirklichkeit ungeschlachte Bauernburschen mit edlen 
Herzen gab und da£ viel Wahres aus der lebendigen Welt in schlechten 
Biichern abgeschrieben wurde; nur eben schlecht abgeschrieben. 
Er hatte uberhaupt noch wenig erfahren, der Leutnant Trotta. 



XVIII 

An einem frischen und sonnigen Fruhlingsmorgen erhielt der Bezirks- 
hauptmann den unglucklichen Brief des Leutnants. Herr von Trotta 
wog das Schreiben in der Hand, bevor er es offnete. Es schien schwerer 
zu sein als alle Briefe, die er von seinem Sohn bis nun erhalten hatte. Es 
mufite ein Brief von zwei Bogen sein, ein Brief von einer ungewohn- 
lichen Lange. Das gealterte Herz Herrn von Trottas erfiillte sich mit 
Kummer, vaterlichem Zorn, Freude und banger Ahnung zugleich. An 
seiner alten Hand schepperte die harte Manschette ein bifkhen, als er 
das Kuvert offnete. Er hielt den Zwicker, der im Laufe der letzten 



39 2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Monate etwas zittrig geworden schien, mit der Linken fest und brachte 
den Brief mit der Rechten ziemlich nahe vor das Angesicht, so dafi die 
Rander des Backenbartes leise raschelnd das Papier streiften. Die deut- 
liche Hast der Schriftziige erschreckte Herrn von Trotta im gleichen 
Mafie wie der aufiergewohnliche Inhalt. Auch zwischen den Zeilen 
noch suchte der Bezirkshauptmann nach etwa verborgenen neuen 
Schrecken; denn es war ihm auf einmal, als enthielte der Brief nicht der 
Schrecken genug und als hatte er seit langem schon, und besonders, 
seitdem der Sohn zu schreiben aufgehort hatte, Tag fur Tag auf die 
furchtbarste Botschaft gewartet. Deshalb wohl war er gefafit, als er das 
Schreiben weglegte. Er war ein alter Mann einer alten Zeit. Die alten 
Manner aus der Zeit vor dem grofien Kriege waren vielleicht torichter 
als die jungen von heute. Aber in den Augenblicken, die jenen schreck- 
lich vorkamen und die nach den Begriffen der Tage, in denen wir le- 
ben, wahrscheinlich mit einem fluchtigen Scherz erledigt waren, be- 
wahrten sie, die braven, alten Manner, einen heldenhaften Gleichmut. 
Heutzutage sind die Begriffe von Standesehre und Familienehre und 
personlicher Ehre, in denen der Herr von Trotta lebte, Uberreste un- 
glaubwiirdiger und kindischer Legenden, wie es uns manchmal 
scheint. Damals aber hatte einen osterreichischen Bezirkshauptmann 
von der Art Herrn von Trottas die Kunde vom plotzlichen Tod seines 
einzigen Kindes weniger erschiittert als die von einer auch nur schein- 
baren Unehrenhaftigkeit dieses einzigen Kindes. Nach den Vorstellun- 
gen jener verschollenen und wie von den frischen Grabhugeln der Ge- 
fallenen verschiitteten Epoche war ein Offizier der kaiser- und konigli- 
chen Armee, der einen Angreifer seiner Ehre scheinbar deshalb nicht 
getotet hatte, weil er ihm Geld schuldig war, ein Ungluck und schlim- 
mer als ein Ungluck: namlich eine Schande fur seinen Erzeuger, fur die 
Armee und fur die Monarchic Und im ersten Augenblick regte sich 
auch nicht das vaterliche, sondern gewissermafien das amtliche Herz 
Herrn von Trottas. Und es sagte: Leg sofort dein Amt nieder! Geh 
friihzeitig in Pension. Im Dienst deines Kaisers hast du nichts mehr zu 
suchen! Im nachsten Augenblick aber schrie das vaterliche Herz: Die 
Zeit ist schuld! Die Grenzgarnison ist schuld! Du selbst bist schuld! 
Dein Sohn ist aufrichtig und edel! Nur schwach ist er leider! Und man 
mufi ihm helfen! 

Man muflte ihm helfen! Man muEte verhiiten, daft der Name der Trot- 
tas entehrt und geschandet wiirde. Und in diesem Punkte waren sich 



RADETZKYMARSCH 393 

beide Herzen Herrn von Trottas einig, das vaterliche und das amtliche. 
Also gait es vor allem, Geld zu beschaffen, siebentausendzweihundert- 
fiinfzig Kronen! Die fiinftausend Florin, einstmals von der kaiserli- 
chen Gnade dem Sohn des Helden von Solferino gespendet, wie das 
ererbte Geld des Vaters waren langst nicht mehr vorhanden. Sie waren 
dem Bezirkshauptmann unter den Handen zerronnen, fur dies und 
jenes, fur den Haushalt, fur die Kadettenschule in Mahrisch-Weiftkir- 
chen, fiir den Maler Moser, fiir das Pferd, fiir wohltatige Zwecke, Herr 
von Trotta hatte immer darauf gehalten, reicher zu erscheinen, als er 
war. Er hatte die Instinkte eines wahren Herrn. Und es gab um jene 
Zeit (und es gibt vielleicht auch heute noch) keine kostspieligeren In- 
stinkte. Die Menschen, die mit derlei Fliichen begnadet sind, wissen 
weder, wieviel sie besitzen, noch, wieviel sie ausgeben. Sie schopfen 
aus einem unsichtbaren Quell. Sie rechnen nicht. Sie sind der Meinung, 
ihr Besitz konne nicht geringer sein als ihre Grofimut. 
Zum erstenmal in seinem nunmehr so langen Leben stand Herr von 
Trotta vor der unmoglichen Aufgabe, eine verhaltnismafiig grofte 
Summe auf der Stelle zu beschaffen. Er hatte keine Freunde, jene 
Schulkollegen und Studiengenossen ausgenommen, die heute in Am- 
tern saften wie er und mit denen er seit Jahren nicht verkehrt hatte. Die 
meisten waren arm. Er kannte den reichsten Mann dieser Bezirksstadt, 
den alten Herrn von Winternigg. Und er begann, sich langsam an den 
schauderhaften Gedanken zu gewohnen, daft er zu Herrn von Winter- 
nigg gehen wiirde, morgen, iibermorgen oder schon heute, um ein 
Darlehen bitten. Er hatte keine uberaus starke Vorstellungskraft, der 
Herr von Trotta. Dennoch gelang es ihm, sich jeden Schritt dieses 
schrecklichen Bittganges mit qualvoller Deutlichkeit auszumalen. Und 
zum erstenmal in seinem nunmehr langen Leben mufke der Bezirks- 
hauptmann erfahren, wie schwer es ist, hilflos zu sein und wiirdig zu 
bleiben. Wie ein Blitz fiel diese Erfahrung auf ihn nieder, zerbrach in 
einem Nu den Stolz, den Herr von Trotta so lange sorgfaltig gehiitet 
und gepflegt, den er ererbt hatte und weiterzuvererben entschlossen 
war. Schon war er gedemiitigt wie einer, der seit vielen Jahren nutzlose 
Bittgange unternimmt. Der Stolz war friiher der starke Genosse seiner 
Jugend gewesen, spater eine Stiitze seines Alters geworden, nun war 
ihm der Stolz genommen, dem armen, alten Herrn Bezirkshauptmann! 
Er beschlofi, sofort einen Brief an Herrn von Winternigg zu schreiben. 
Kaum aber hatte er die Feder angesetzt, als es ihm deutlich wurde, daft 



394 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

er nicht einmal imstande war, einen Besuch anzukiindigen, der eigent- 
lich ein Bittgang genannt werden mufite. Und es schien dem alten 
Trotta, dafl er sich in eine Art Betrug einlasse, wenn er nicht von An- 
fang an den Zweck seines Besuches zumindest andeute. Es war aber 
unmoglich, eine Wendung zu finden, die dieser Absicht einigermafien 
entsprochen hatte. Und also blieb er lange sitzen, die Feder in der 
Hand, iiberlegte und stilisierte und verwarf jeden Satz wieder. Man 
konnte freilich auch mit Herrn von Winternigg telephonieren. Aber 
seitdem es ein Telephon in der Bezirkshauptmannschaft gab - und das 
war nicht langer her als zwei Jahre-, hatte Herr von Trotta es nur zu 
dienstlichen Gesprachen benutzt. Unvorstellbar, dafi er etwa an den 
braunen, grofien, ein wenig auch unheimlichen Kasten getreten ware, 
die Klingel gedreht hatte, um mit jenem schauderhaften Hallo!, das 
Herrn von Trotta fast beleidigte (weil es ihm das kindische Losungs- 
wort eines ungeziemenden Ubermuts zu sein schien, mit dem ernste 
Leute an die Besprechung ernster Sachen gingen), ein Gesprach mit 
Herrn von Winternigg anzufangen. Unterdessen fiel es ihm ein, dafi 
sein Sohn auf eine Antwort wartete, eine Depesche vielleicht. Und was 
sollte der Bezirkshauptmann telegraphieren! Etwa: Werde alles versu- 
chen, Naheres folgt? Oder: Warte geduldig Weiteres ab? Oder: Versu- 
che andere Mittel, hierorts unmoglich? - Unmoglich! Ein langes, 
schreckliches Echo weckte dieses Wort. Was war unmoglich? Die Ehre 
der Trottas zu retten? Das mufite ja moglich sein. Das durfte ja nicht 
unmoglich sein! Auf und ab, auf und ab ging der Bezirkshauptmann 
durch die Kanzlei, wie an jenen Sonntagvormittagen, an denen er den 
kleinen Carl Joseph gepriift hatte. Eine Hand hielt er am Rucken und 
an der anderen Hand schepperte die Manschette. Dann ging er in den 
Hof hinunter, getrieben von dem wahnwitzigen Einfall, dafi der tote 
Jacques noch dort sitzen konnte, im Schatten des Gebalks. Leer war 
der Hof. Das Fenster des kleinen Hauschens, in dem Jacques gewohnt 
hatte, stand offen, und der Kanarienvogel lebte noch. Er safi auf dem 
Fensterrahmen und schmetterte. Der Bezirkshauptmann kehrte um, 
nahm Hut und Stock und verlieft das Haus. Er hatte sich entschlossen, 
etwas Aufiergewohnliches zu unternehmen, namlich den Doktor 
Skowronnek zu Hause aufzusuchen. Er uberquerte den kleinen 
Marktplatz, bog in die Lenaugasse ein, suchte an den Haustiiren nach 
einem Schild, denn er wufke die Hausnummer nicht, und mufite sich 
nach der Adresse Skowronneks schliefilich bei einem Kaufmann er- 



RADETZKYMARSCH 395 

kundigen, obwohl es ihm wie eine Indiskretion vorkam, einen Frem- 
den mit der Bitte um eine Auskunft zu belastigen. Aber auch das iiber- 
stand Herr von Trotta starkmiitig und zuversichtlich, und er trat in das 
Haus, das man ihm bezeichnete. Er traf Doktor Skowronnek im klei- 
nen Garten hinter dem Flur, mit einem Buch unter einem riesigen Son- 
nenschirm. »Um Gottes willen!« rief Skowronnek. Denn er wufite 
wohl, dafi etwas Ungewohnliches geschehen sein mufite, wenn der Be- 
zirkshauptmann ihn zu Hause aufsuchte. 

Herr von Trotta gebrauchte eine ganze Anzahl umstandlicher Ent- 
schuldigungen, ehe er begann. Und er erzahlte, sitzend auf der Bank 
im kleinen Garten, den Kopf gesenkt und mit der Stockspitze sto- 
chernd im bunten Kies des schmalen Pfades. Dann gab er den Brief 
seines Sohnes in Skowronneks Hande. Dann schwieg er, hielt einen 
Seufzer zuriick und atmete tief. 

»Meine Ersparnisse«, sagte Skowronnek, »betragen zweitausend Kro- 
nen, ich stelle sie Ihnen zur Verfiigung, Herr Bezirkshauptmann, wenn 
Sie mir erlauben.« Er sagte diesen Satz sehr schnell, so, als furchte er, 
der Bezirkshauptmann kdnnte ihn unterbrechen, und aus Verlegenheit 
griff er nach dem Stock Herrn von Trottas und begann selbst, im Kies 
herumzustochern; denn es kam ihm vor, dafi er nach diesem Satz nicht 
mehr mit unbeschaftigten Handen dasitzen konne. 
Herr von Trotta sagte: »Danke, Herr Doktor, ich nehme sie. Ich will 
Ihnen einen Schuldschein geben. Ich zahle, wenn Sie erlauben, in Ra- 
ten zuriick. « 

»Davon kann keine Rede sein!« sagte Skowronnek. 
»Gut!« sagte der Bezirkshauptmann. Es kam ihm auf einmal unmdg- 
lich vor, viele unniitze Worte zu sagen, wie er sie sein ganzes Leben 
lang aus Hoflichkeit Fremden gegenuber gebraucht hatte. Die Zeit 
drangte ihn plotzlich. Die paar Tage, die er noch vor sich hatte, 
schrumpften auf einmal zusammen und wurden ein Nichts. 
»Der Rest«, fuhr Skowronnek fort, »der Rest kann nur durch Herrn 
von Winternigg aufgetrieben werden. Sie kennen ihn?« 
»Fluchtig.« 

»Es bleibt nichts anderes ubrig, Herr Bezirkshauptmann! Aber ich 
glaube, Herrn von Winternigg zu kennen. Ich habe einmal seine 
Schwiegertochter behandelt. Er ist, scheint mir, ein Unmensch, wie 
man so sagt. Und es konnte sein, es konnte sein, Herr Bezirkshaupt- 
mann, daft Sie sich einen Refus holen.« 



396 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Hierauf schwieg Skowronnek. Der Bezirkshauptmann nahm dem Dok- 
tor wieder den Stock aus der Hand. Und es war ganz still. Man horte nur 
das Scharren der Stockspitze im Kies. 

»Einen Refus!« flusterte der Bezirkshauptmann. »Ich fiirchte keinen«, 
sagte er laut. »Aber was dann?« 

»Dann«, sagte Skowronnek, »gibt es nur etwas Merkwiirdiges, es geht 
mir so durch den Kopf, aber es scheint mir selbst zu phantastisch. Ich 
meine, in Ihrem Falle ist es vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich. An 
Ihrer Stelle wiirde ich direkt hingehn, direkt zum Alten, zum Kaiser, 
meine ich. Denn es handelt sich ja nicht urns Geld allein. Die Gefahr 
besteht doch, verzeihen Sie, dafi ich so offen rede, dafi Ihr Sohn aus der 
Armee, aus der Armee« - »fliegt« wollte Skowronnek sagen. Aber er 
sagte: »ausscheiden mufi!« 

Nachdem Skowronnek dieses Wort ausgesprochen hatte, schamte er 
sich sofort. Und er fiigte hinzu : »Es ist vielleicht doch eine kindische 
Idee. Und wahrend ich sie ausdriicke, kommt es mir vor, dafi wir zwei 
Knaben sind, die unmogliche Dinge iiberlegen. Ja, so alt sind wir gewor- 
den, und wir haben schweren Kummer, und dennoch ist etwas Uber- 
miitiges in meiner Idee. Entschuldigen Sie!« 

Der einfachen Seele Herrn von Trottas erschien der Einfall Doktor 
Skowronneks gar nicht kindisch. Immer, bei jedem Akt, den er auf- 
setzte oder unterzeichnete, bei jeder geringfugigen Anweisung, die er 
dem Kommissar oder auch nur dem Gendarmeriewachtmeister Slama 
erteilte, stand er unmittelbar unter dem ausgestreckten Zepter des Kai- 
sers. Und es war ganz selbstverstandlich, dafi der Kaiser mit Carl Joseph 
gesprochen hatte. Der Held von Solferino hatte Blut fur den Kaiser 
vergossen, Carl Joseph auch, in einem gewissen Sinne, indem er namlich 
gegen die turbulenten und verdachtigen »Individuen« und »Elemente« 
gekampft hatte. Nach den einfachen Begriffen Herrn von Trottas war es 
nicht ein Mifibrauch der kaiserlichen Gnade, wenn der Diener Seiner 
Majestat vertrauensselig zu Franz Joseph ging wie ein Kind in der Not 
zu seinem Vater. Und Doktor Skowronnek erschrak und begann, an der 
Vernunft des Bezirkshauptmanns zu zweifeln, als der Alte ausrief: 
»Ausgezeichnete Idee, Herr Doktor, das Einfachste von der Welt!« 
»So einfach ist sie nicht !« sagte Skowronnek. »Sie haben nicht viel Zeit. 
In zwei Tagen lafit sich keine Privataudienz ermoglichen.« 
Der Bezirkshauptmann gab ihm recht. Und sie beschlossen, dafi Herr 
von Trotta zuerst zu Winternigg gehen miisse. 



RADETZKYMARSCH 397 

»Auch im Falle einer Absage!« sagte der Bezirkshauptmann. 
»Auch im Falle einer Absage!« wiederholte Doktor Skowronnek. 
Und der Bezirkshauptmann machte sich sofort auf den Weg zu 
Herrn von Winternigg. Er fuhr im Fiaker. Es war Mittagszeit. Er 
hatte selbst nichts gegessen. Er hielt vor dem Kaffeehaus und nahm 
einen Cognac. Er iiberlegte, dafi er ein hdchst unpassendes Unter- 
nehmen begann. Er wird den alten Winternigg beim Essen storen. 
Aber er hat keine Zeit. Heute nachmittag muE es entschieden sein. 
Ubermorgen ist er beim Kaiser. Und er lafit noch einmal halten. Er 
steigt vor der Post aus und schreibt mit fester Hand ein Telegramm 
an Carl Joseph: »Wird erledigt. Grufi, Vater.« Er ist ganz sicher, 
dafi alles gutgeht. Denn mag es vielleicht unmoglich sein, das Geld 
aufzubringen, noch weniger moglich ist es, daft die Ehre der Trottas 
gefahrdet werde. Ja, der Bezirkshauptmann bildet sich ein, dafi ihn 
der Geist seines Vaters, des Helden von Solferino, bewache und be- 
gleite. Und der Cognac warmt sein altes Herz. Es schlagt ein bifi- 
chen heftiger. Er ist aber ganz ruhig. Und er bezahlt den Kutscher 
vor dem Eingang zur Villa Winterniggs und salutiert wohlwollend 
mit einem Finger, wie er immer kleine Leute zu griifien pflegt. 
Wohlwollend lachelt er auch dem Diener zu. Mit Hut und Stock in 
der Hand wartet er. 

Herr von Winternigg kam, winzig und gelb. Er streckte dem Be- 
zirkshauptmann sein diirres Handchen entgegen, fiel nieder in einen 
breiten Sessel und verschwand fast in der griinen Polsterung. Seine 
farblosen Augen richtete er gegen die grofien Fenster. In seinen Au- 
gen lebte kein Blick, oder sie verbargen geradezu seinen Blick; sie 
waren matte, alte Spiegelchen, der Bezirkshauptmann sah nur sein 
eigenes kleines Abbild in ihnen. Er begann, gelaufiger, als er es sich 
selbst zugetraut hatte, mit wohlgesetzten Entschuldigungen, und er 
erklarte, wieso es ihm unmoglich gewesen sei, seinen Besuch anzu- 
kiindigen. Dann sagte er: »Herr von Winternigg, ich bin ein alter 
Mann.« Er hatte diesen Satz gar nicht sagen wollen. Die gelben, 
runzligen Lider Winterniggs klappten ein paarmal auf und nieder, 
und der Bezirkshauptmann hatte die Empfindung, er sprache zu 
einem alten, diirren Vogel, der die menschliche Sprache nicht ver- 
stand. 

»Sehr bedauerlich!« sagte dennoch Herr von Winternigg. Er sprach 
sehr leise. Seine Stimme hatte keinen Klang, wie seine Augen keinen 



398 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Blick. Er hauchte, wenn er sprach, und entblofite dabei ein kraftiges, 
iiberraschendes Gebifi, breite, gelbliche Zahne, ein starkes Schutzgit- 
ter, das die Worte bewachte. 

»Sehr bedauerlich!« sagte Herr von Winternigg noch einmal. »Ich hab' 
ja gar kein Bargeld!« 

Der Bezirkshauptmann erhob sich sofort. Auch Winternigg schnellte 
auf. Er stand, winzig und gelb, vor dem Bezirkshauptmann, bartlos 
vor einem silbrigen Backenbart, und Herr von Trotta schien zu wach- 
sen und glaubte auch selbst zu fiihlen, dafi er wachse. War sein Stolz 
gebrochen? Keineswegs. War er gedemiitigt? Er war es nicht! Er hatte 
die Ehre des Helden von Solferino zu retten, wie es die Aufgabe des 
Helden von Solferino gewesen war, das Leben des Kaisers zu retten. 
So leicht waren eigentlich die Bittgange! Mit Verachtung, zum ersten- 
mal fullte sich das Herz Herrn von Trottas mit wirklicher Verachtung, 
und die Verachtung war fast so grofi wie sein Stolz. Er, empfahl sich. 
Und er sagte mit seiner alten, hochmutig naselnden Stimme des Beam- 
ten: »Ich empfehle mich, Herr von Winternigg !« Er ging zu Fufi, auf- 
recht, langsam, schimmernd in der ganzen Wiirde seines Silbers durch 
die lange Allee, die vom Hause Winterniggs zur Stadt fuhrte. Die Allee 
war leer, die Spatzen hiipften uber den Weg, und die Amseln pfiffen, 
und die alten, griinen Kastanien saumten den Weg des Herrn Bezirks- 
hauptmanns. 

Zu Hause ergriff er nach langer Zeit wieder die silberne Tischglocke. 
Ihr diinnes Stimmchen lief hurtig durch das ganze Haus. »Meine Gna- 
digste«, sagte Herr von Trotta zu Fraulein Hirschwitz, »ich mochte 
meinen Koffer in einer halben Stunde gepackt sehen. Meine Uniform, 
mit Krappenhut und Degen, den Frack und die weifie Krawatte bitte! 
In einer halben Stunde !« Er zog die Uhr, horbar klappte der Deckel 
auf. Er setzte sich in den Lehnstuhl und schlofi die Augen. 
Im Schrank hing seine Paradeuniform, an fiinf Haken: Frack, Weste, 
Hose, Krappenhut und Degen. Stuck fur Stuck trat die Uniform aus 
dem Kasten, wie selbstandig, und von den vorsichtigen Handen der 
Hausdame nicht getragen, sondern nur begleitet. Der groEe Koffer des 
Bezirkshauptmanns in der Schutzhulle aus braunem Leinen offnete 
seinen Schlund, ausgestattet mit knisterndem Seidenpapier, und nahm 
Stuck fur Stuck der Uniform auf. Der Degen ging gehorsam in sein 
ledernes Futteral. Die weiEe Krawatte umhiillte sich mit einem zarten, 
papierenen Schleier. Die weifien Handschuhe betteten sich in das Un- 



RADETZKYMARSCH 399 

terfutter der Weste. Dann schlofi sich der Koffer. Und Fraulein 
Hirschwitz ging hin und meldete, daft alles bereit sei. 
Und also fuhr der Herr Bezirkshauptmann nach Wien. 
Er kam spat am Abend an. Aber er wufite, wo die Manner zu finden 
waren, die er brauchte. Er kannte die Hauser, in denen sie wohnten, 
und die Lokale, in denen sie aften. Und der Regierungsrat Smekal und 
der Hofrat Pollak und der Oberrechnungsrat Pollitzer und der Ober- 
magistratsrat Busch und der Statthaltereirat Leschnigg und der Polizei- 
rat Fuchs: sie alle und noch manche andere sahen an diesem Abend den 
sonderbaren Herrn von Trotta eintreten, und obwohl er genauso alt 
war wie sie, dachte doch jeder von ihnen bekummert, wie alt der Be- 
zirkshauptmann geworden sei. Denn er war viel alter als sie alle. Ja, 
ehrwiirdig erschien er ihnen, und sie scheuten sich fast, ihm du zu 
sagen. Man sah ihn an diesem Abend an vielen Orten und beinahe 
gleichzeitig an alien auftauchen, und er erinnerte sie an einen Geist, an 
einen Geist der alten Zeit und der alten habsburgischen Monarchic; 
der Schatten der Geschichte. Und so merkwurdig das auch klang, was 
er ihnen anvertraute, namlich sein Unterfangen, innerhalb von zwei 
Tagen eine Privataudienz beim Kaiser zu erwirken, viel merkwiirdiger 
erschien er ihnen selbst, der Herr von Trotta, der friih Gealterte und 
gleichsam von Anbeginn Alte, und allmahlich fanden sie sein Unter- 
nehmen gerecht und selbstverstandlich. 

In Montenuovos Obersthofmeisteramt saft der Gliickspilz, der Gustl, 
den sie alle beneideten, obwohl man wufite, daft seine Herrlichkeit mit 
dem Tode des Alten und der Thronbesteigung Franz Ferdinands ein 
schmahliches Ende finden wiirde. Sie warteten schon darauf. Indessen: 
Er hatte geheiratet, und zwar die Tochter eines Fugger, er, ein Biirger- 
licher, den sie all kannten, aus der dritten Bank, linke Ecke, dem sie 
alle vorgesagt hatten, sooft er gepriift wurde, und dessen »Gluck« sie 
mit bitteren Spriichen seit dreifiig Jahren begleiteten. Gustl wurde ge- 
adelt und saft im Obersthofmeisteramt. Er hiefi nicht mehr Hassel- 
brunner, er hiefi von Hasselbrunner. Sein Dienst war einfach, ein Kin- 
derspiel, wahrend sie alle, die andern, unertragliche und aufierst ver- 
wickelte Angelegenheiten zu erledigen hatten. Der Hasselbrunner! Er 
allein konnte da was machen. 

Und am nachsten Morgen, um neun Uhr schon, stand der Bezirks- 
hauptmann vor der Tiir Hasselbrunners, im Obersthofmeisteramt. Er 
erfuhr, daft Hasselbrunner verreist war und vielleicht heute nachmittag 



400 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zuruckkommen wiirde. Zufallig kam der Smetana vorbei, den er ge- 
stern nicht hatte finden konnen. Und Smetana, schnellstens eingeweiht 
und flink wie immer, wufite vieles. Wenn Hasselbrunner auch verreist 
war, so safi doch nebenan der Lang. Und Lang war ein netter Kerl. 
Und also begann des unermudlichen Bezirkshauptmanns Irrgang von 
einer Kanzlei zur andern. Er kannte die geheimen Gesetze keineswegs, 
die in den kaiser-koniglichen Wiener Behorden giiltig waren. Jetzt 
lernte er sie kennen. Diesen Gesetzen zufolge waren die Amtsdiener 
murrisch, bevor er seine Visitkarte herauszog; hierauf, sobald sie sei- 
nen Rang kannten, untertanig. Die hoheren Beamten begriifiten ihn 
samt und sonders mit herzlichem Respekt. Jeder von ihnen, ohne Aus- 
nahme, schien in der ersten Viertelstunde bereit, seine Karriere und 
sogar sein Leben fur den Bezirkshauptmann wagen zu wollen. Und 
erst in der nachsten Viertelstunde triibten sich ihre Augen, erschlafften 
ihre Gesichter; der grofte Kummer zog in ihre Herzen und lahmte ihre 
Bereitschaft, und jeder von ihnen sagte: »Ja, wenn's was andres war*! 
Mit Freuden! So aber, lieber, lieber Baron Trotta, selbst fur unserei- 
nen, na, Ihnen brauch' ich ja eh nix zu sagen.« Und so und ahnlich 
redeten sie an dem unerschutterlichen Herrn von Trotta vorbei. Er 
ging durch Kreuzgang und Lichthof, in den dritten Stock, in den vier- 
ten, zuriick in den ersten, dann ins Parterre. Und dann beschloE er, auf 
Hasselbrunner zu warten. Er wartete bis zum Nachmittag, und er er- 
fuhr, dafi Hasselbrunner gar nicht in Wirklichkeit verreist, sondern zu 
Hause geblieben war. Und der unerschrockene Kampfer fur die Ehre 
der Trottas drang in Hasselbrunners Wohnung vor. Hier endlich 
zeigte sich eine schwache Aussicht. Sie fuhren zusammen zu dem und 
jenem, Hasselbrunner und der alte Herr von Trotta. Es gait, bis zu 
Montenuovo selbst vorzudringen. Und es gelang schlieftlich um die 
sechste Abendstunde, einen Freund Montenuovos in jener beriihmten 
Konditorei aufzustobern, in der sich die genaschigen und heiteren 
Wiirdentrager des Reiches gelegentlich am Nachmittag einfanden. Dafi 
sein Vorhaben unausfuhrbar sei, horte der Bezirkshauptmann heute 
schon zum fiinfzehntenmal. Aber er blieb unerschutterlich. Und die 
silberne Wiirde seines Alters und die leicht sonderbare und etwas 
wahnwitzige Festigkeit, mit der er von seinem Sohne sprach und von 
der Gefahr, die seinem Namen drohte, die Feierlichkeit, mit der er 
seinen verschollenen Vater den Helden von Solferino nannte und nicht 
anders, den Kaiser Seine Majestat und nicht anders, bewirkten in den 



RADET2KYMARSCH 4 01 

Zuhorern, dafi ihnen selbst das Vorhaben Herrn von Trottas allmah- 
lich gerecht und fast selbstverstandlich vorkam. Wenn es nicht anders 
ging, sagte dieser Bezirkshauptmann aus W., wlirde er, ein alter Diener 
Seiner Majestat, der Sohn des Helden von Solferino, sich vor den Wa- 
gen werfen, in dem der Kaiser jeden Vormittag von Schonbrunn in die 
Hofburg fuhr, wie ein gewohnlicher Markthelfer vom Naschmarkt. 
Er, der Bezirkshauptmann Franz von Trotta, mufke die ganze Angele- 
genheit ordnen. Nun war er dermafkn begeistert von seiner Aufgabe, 
mit Hilfe des Kaisers die Ehre der Trottas zu retten, dafi es ihm vor- 
kam, durch diesen Unfall seines Sohnes, wie er die ganze Affare fur 
sich nannte, hatte sein langes Leben erst den rechten Sinn bekommen. 
Ja, dadurch allein hatte es seinen Sinn bekommen. 
Es war schwer, das Zeremoniell zu durchbrechen. Man sagte es ihm 
fiinfzehnmal. Er antwortete, dafi sein Vater, der Held von Solferino, 
das Zeremoniell ebenfalls durchbrochen hatte. »So, mit der Hand, hat 
er Seine Majestat an der Schulter gepackt und niedergerissen!« sagte 
der Bezirkshauptmann. Er, der nur mit leisem Schaudern heftige oder 
iiberflussige Bewegungen an andern wahrnehmen konnte, erhob sich 
selbst, griff nach der Schulter des Herrn, dem er die Szene gerade schil- 
derte, und versuchte, die historische Lebensrettung an Ort und Stelle 
zu spielen. Und keiner lachelte. Und man suchte nach einer Moglich- 
keit, das Zeremoniell zu umgehen. 

Er ging in einen Papierladen, kaufte einen Bogen vorschriftsmaftigen 
Kanzleipapiers, ein Flaschchen Tinte und eine Stahlfeder, Marke Ad- 
ler, die einzige, mit der er schreiben konnte. Und mit fliegender Hand, 
aber mit seiner gewohnlichen Schrift, die noch die Gesetze von »Haar 
und Schatten« streftg einhielt, setzte er das vorschriftsmaftige Gesuch 
an Seine K. und K. Apostolische Majestat auf, und er zweifelte nicht 
einen Augenblick, das heiftt: Er gestattete sich nicht, einen Augenblick 
daran zu zweifeln, daft es »im gunstigen Sinne« erledigt wiirde. Er 
ware bereit gewesen, Montenuovo selbst mitten in der Nacht zu wek- 
ken. Im Laufe dieses Tages war nach der Auffassung Herrn von Trot- 
tas die Sache seines Sohnes zu der des Helden von Solferino und somit 
zu einer Sache des Kaisers geworden: gewissermaEen zur Sache des 
Vaterlands. Er hatte seit seiner Abreise aus W. kaum etwas gegessen. 
Er sah hagerer aus als gewohnlich, und er erinnerte seinen Freund 
Hasselbrunner an einen jener exotischen Vogel im Schonbrunner Tier- 
park, die einen Versuch der Natur darstellten, die Physiognomie der 



402 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Habsburger innerhalb der Fauna zu wiederholen. Ja, der Bezirks- 
hauptmann erinnerte alle Menschen, die den Kaiser gesehen hatten, an 
Franz Joseph selbst. Sie waren keineswegs an diesen Grad der Ent- 
schiedenheit gewohnt, die der Bezirkshauptmann demonstrierte, die 
Herren von Wien! Und der alte Herr von Trotta erschien ihnen, die 
mit den federleichten, in den Kaffeehausern der Residenzstadt formu- 
lierten Witzen noch weit schwierigere Angelegenheiten des Reiches 
abzutun gewohnt waren, als eine Personlichkeit, nicht einer geogra- 
phisch, sondern einer geschichtlich entfernten Provinz entstiegen, Ge- 
spenst vaterlandischer Historie und verkorperte Mahnung des patrioti- 
schen Ge wis sens. Die ewige Bereitschaft zum Witz, mit dem sie alle 
Anzeichen ihres eigenen Untergangs zu begrufien beflissen waren, er- 
starb fur die Dauer einer Stunde, und der Name »Solferino« weckte in 
ihnen Schauder und Ehrfurcht, der Name der Schlacht, die zum er- 
stenmal den Untergang der kaiser- und koniglichen Monarchic ange- 
kundigt hatte. Beim Anblick und bei den Reden, die dieser merkwur- 
dige Bezirkshauptmann ihnen bot, erschauerten sie selbst. Sie spurten 
vielleicht schon den Atem des Todes, der ein paar Monate spater sie 
alle ergreifen sollte, am Nacken ergreifen! Und sie verspiirten im Nak- 
ken den eisigen Hauch des Todes. 

Drei Tage im ganzen hatte Herr von Trotta noch Zeit. Und es gelang 
ihm, innerhalb einer einzigen Nacht, in der er nicht schlief, nicht afi 
und nicht trank, das eiserne und das goldene Gesetz des Zeremoniells 
zu durchbrechen. So wie der Name des Helden von Solferino in den 
Geschichtsbuchern oder in den Lesebuchern fur osterreichische 
Volks- und Burgerschulen nicht mehr gefunden werden konnte, 
ebenso fehlt der Name des Sohnes des Helden von Solferino in den 
Protokollen Montenuovos. Aufier Montenuovo selbst und dem jiingst 
verstorbenen Diener Franz Josephs weift kein Mensch in der Welt 
mehr, dafi der Bezirkshauptmann Franz Freiherr von Trotta eines 
Morgens vom Kaiser empfangen worden ist, und zwar knapp vor der 
Abfahrt nach Ischl. 

Es war ein wunderbarer Morgen. Der Bezirkshauptmann hatte die 
ganze Nacht hindurch die Paradeuniform probiert. Er liefl das Fenster 
offen. Es war eine helle Sommernacht. Von Zeit zu Zeit trat er ans 
Fenster. Die Gerausche der schlummernden Stadt horte er dann und 
den Ruf eines Hahns aus entfernten Gehoften. Er roch den Atem des 
Sommers; er sah die Sterne am Ausschnitt des nachtlichen Himmels, er 



RADETZKYMARSCH 403 

horte den gleichmafiigen Schritt des patrouillierenden Polizisten. Er 
erwartete den Morten, Er trat, zum zehntenmal, vor den Spiegel, rich- 
tete die Fliigel der weifien Krawatte liber den Ecken des Stehkragens, 
fuhr noch einmal liber die goldenen Knopfe seines Fracks mit dem 
weifien, batistenen Taschentuch, putzte den goldenen Griff des De- 
gens, biirstete seine Schuhe, kammte seinen Backenbart, bezwang mit 
dem Kamm die sparlichen Harchen seiner Glatze, die sich immer wie- 
der aufzustellen und zu ringeln schienen, und biirstete noch einmal die 
Schofie des Fracks. Er nahm den Krappenhut in die Hand. Er stellte 
sich vor den Spiegel und wiederholte: »Majestat, ich bitte urn Gnade 
fur meinen Sohn!« Er sah im Spiegel, wie sich die Fliigel seines Bak- 
kenbartes bewegten, und er hielt es fur ungehorig, und er begann, den 
Satz so zu sprechen, dafi der Bart sich nicht riihrte und dafi die Worte 
trotzdem deutlich horbar waren. Er verspiirte keinerlei Miidigkeit. Er 
trat noch einmal ans Fenster, wie man an ein Ufer tritt. Und er erwar- 
tete sehnsiichtig den Morgen, wie man ein heimatliches Schiff erwartet. 
Ja, er hatte Heimweh nach dem Kaiser. Er stand am Fenster, bis der 
graue Schimmer des Morgens den Himmel erhellte, der Morgenstern 
erstarb und die verworrenen Stimmen der Vogel den Aufgang der 
Sonne verkiindeten. Dann loschte er die Lichter im Zimmer. Er 
driickte die Klingel an der Tiir. Er befahl den Friseur. Er zog den 
Frack aus. Er setzte sich. Er liefi sich rasieren. »Zweimal«, sagte er zu 
dem schlaftrunkenen jungen Mann, »und gegen den Strich!« Nun 
schimmerte blaulich sein Kinn zwischen den silbernen Fittichen seines 
Bartes. Der Alaunstein brannte, der Puder kiihlte seinen Hals. Fur acht 
Uhr dreiftig war er bestellt. Noch einmal biirstete er seinen schwarz- 
griinen Frack. Dann wiederholte er vor dem Spiegel: »Majestat, ich 
bitte um Gnade fur meinen Sohn!« Dann schlofi er das Zimmer. Er 
stieg die Treppe hinunter. Noch schlief das ganze Haus. Er zog an den 
weiften Handschuhen, glattete die Finger, streichelte die lederne Haut, 
blieb noch einen Augenblick vor dem grolkn Spiegel auf der Treppe 
zwischen dem ersten und dem zweiten Stock und versuchte, sein Profil 
zu erhaschen. Dann stieg er vorsichtig, nur mit den Fufispitzen die 
Stufen beriihrend, die rotgepolsterte Treppe hinunter, silberne Wiirde 
verbreitend, Duft von Puder und Kolnischem Wasser und den schar- 
fen Geruch der Schuhwichse. Der Portier verbeugte sich tief. Der 
Zweispanner hielt vor der Drehtur. Der Bezirkshauptmann fegte mit 
dem Taschentuch uber den Polstersitz des Fiakers und setzte sich. 



404 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Schonbrunnl« befahl er. Und er sal? wahrend der ganzen Fahrt starr 
im Fiaker. Die Hufe der Rosser schlugen frohlich aufs frisch bespritzte 
Pflaster, und die eilenden weiflen Backerjungen blieben stehn und sa- 
hen dem Wagen nach wie einer Parade. Wie das Glanzstuck einer Pa- 
rade rollte Herr von Trotta zum Kaiser. 

Er liefi den Wagen in einer Entfernung halten, die ihm angemessen 
erschien. Und er ging, mit seinen blendenden Handschuhen an beiden 
Seiten des schwarz-griinen Fracks, sorgfaltig einen Fufi vor den andern 
setzend, um die glanzenden Zugstiefel vor dem Staub der Allee zu 
bewahren, den geraden Weg zum Schonbrunner Schlofi empor. Uber 
ihm jubelten die morgendlichen Vogel. Der Duft des Flieders und Jas- 
mins betaubte ihn. Von den weifien Kastanienkerzen fiel hier und dort 
ein Blattchen auf seine Schulter. Er knipste es mit zwei Fingern weg. 
Langsam ging er die strahlenden, flachen Stufen empor, die schon weifl 
in der Morgensonne lagen. Der Posten salutierte, der Bezirkshaupt- 
mann von Trotta betrat das Schlofi. 

Er wartete. Er wurde, wie es Vorschrift war, von einem Beamten des 
Obersthofmeisteramtes gemustert. Sein Frack, seine Handschuhe, 
seine Hosen, seine Stiefel waren tadellos. Es ware unmoglich gewesen, 
einen Fehler an Herrn von Trotta zu entdecken. Er wartete. Er wartete 
in dem grofien Raum vor dem Arbeitszimmer der Majestat, durch des- 
sen sechs grofie, gewolbte und noch morgendlich verhangene, aber be- 
reits geoffnete Fenster der ganze Reichtum des Fruhsommers drang, 
alle sufien Geriiche und alle tollen Stimmen der Vogel von Schon- 
brunn. 

Er schien nichts zu horen, der Bezirkshauptmann. Er schien auch den 
Herrn nicht zu beachten, dessen diskrete Pflicht es war, die Besucher 
des Kaisers zu mustern und ihnen Verhaltungsmafiregeln zu geben. 
Vor der silbernen, unnahbaren Wiirde des Bezirkshauptmanns ver- 
stummte er und unterliefi seine Pflicht. An beiden Fliigeln der hohen, 
weiften, goldgesaumten Tur standen zwei iibergrofie Wachter wie tote 
Standbilder. Der braungelbe Parkettboden, den der rotliche Teppich 
nur in der Mitte bedeckte, spiegelte den unteren Teil Herrn von Trot- 
tas undeutlich wider, die schwarze Hose, die vergoldete Spitze der De- 
genscheide und auch die wallenden Schatten der Frackschofte. Herr 
von Trotta erhob sich. Er ging mit zagen, lautlosen Schritten uber den 
Teppich. Sein Herz klopfte. Aber seine Seele war ruhig. In dieser 
Stunde, fiinf Minuten vor der Begegnung mit seinem Kaiser, war es 



RADETZKYMARSCH 405 

Herrn von Trotta, als verkehrte er hier seit Jahren und als ware er 
gewohnt, jeden Morgen Seiner Majestat Kaiser Franz Joseph dem Er- 
sten personlich Bericht zu erstatten iiber die Vorfalle des vergangenen 
Tages im mahrischen BezirkW. Ganz heimisch fiihlte sich der Herr 
Bezirkshauptmann im Schlosse seines Kaisers. Hochstens storte ihn 
der Gedanke, dafi er es vielleicht notig hatte, noch einmal mit kam- 
menden Fingern durch seinen Backenbart zu fahren, und dafi jetzt 
keine Gelegenheit mehr war, die weifien Handschuhe abzustreifen. 
Kein Minister des Kaisers und nicht einmal der Obersthofmeister 
selbst hatte sich hier heimischer fiihlen konnen als der Herr von 
Trotta. Von Zeit zu Zeit blahte der Wind die sonnengelben Vorhange 
vor den hohen, gewolbten Fenstern, und ein Stuck sommerliches Griin 
stahl sich in das Gesichtsfeld des Bezirkshauptmanns. Immer lauter 
larmten die Vogel. Schon begannen ein paar schwere Fliegen zu sum- 
men, im torichten, verfriihten Glauben, der Mittag sei gekommen, und 
allmahlich fing auch die sommerliche Hitze an, fuhlbar zu werden. 
Der Bezirkshauptmann blieb in der Mitte des Raums stehn, den Krap- 
penhut an der rechten Hiifte, die linke, weifiblendende Hand am gol- 
denen Degengriff, das Angesicht gegen die Tur des Zimmers starr ge- 
richtet, in dem der Kaiser safi. So stand er wohl zwei Minuten. Durch 
die offenen Fenster wehten die goldenen Glockenschlage entfernter 
Turmuhren herein. Da gingen auf einmal die zwei Flugel der Tur auf. 
Und mit gerecktem Kopf, vorsichtigen, lautlosen und dennoch festen 
Schritten trat der Bezirkshauptmann vor. Er machte eine tiefe Verbeu- 
gung und verharrte ein paar Sekunden so, das Angesicht gegen das 
Parkett und ohne einen Gedanken. Als er sich erhob, war die Tur hin- 
ter seinem Riicken geschlossen. Vor ihm, hinter dem Schreibtisch, 
stand Kaiser Franz Joseph, und es war dem Bezirkshauptmann, als 
stiinde hinter dem Schreibtisch sein alterer Bruder. Ja, der Backenbart 
Franz Josephs war etwas gelblich, um den Mund besonders, aber im 
iibrigen genauso weifi wie der Backenbart Herrn von Trottas. Der Kai- 
ser trug die Uniform eines Generals, und der Herr von Trotta die Uni- 
form eines Bezirkshauptmanns. Und sie glichen zwei Briidern, von 
denen der eine ein Kaiser, der andere ein Bezirkshauptmann geworden 
war. Sehr menschlich, wie diese ganze, in den Protokollen niemals ver- 
zeichnete Audienz Herrn von Trottas beim Kaiser, war die Bewegung, 
die Franz Joseph in diesem Augenblick vollfuhrte. Da er befurchtete, 
ein Tropfen konnte an seiner Nase hangen, zog er sein Taschentuch 



406 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

aus der Hosentasche und fuhr damit iiber den Schnurrbart. Er warf 
einen Blick auf den Akt. Aha, der Trotta! dachte er. Gestern hatte er 
sich die Notwendigkeit dieser plotzlichen Audienz erklaren lassen, 
aber nicht genau zugehort. Seit Monaten schon horten die Trottas 
nicht auf, ihn zu belastigen. Er erinnerte sich, dafi er bei den Manovern 
den jungsten Abkommling dieser Familie gesprochen hatte. Es war ein 
Leutnant, ein merkwiirdig blasser Leutnant gewesen. Dies hier war 
gewifi sein Vater! Und schon hatte der Kaiser wieder vergessen, ob 
ihm der Grofivater oder der Vater des Leutnants das Leben in der 
Schlacht bei Solferino gerettet hatte. War der Held von Solferino 
plotzlich Bezirkshauptmann geworden? Oder war es gar der Sohn des 
Helden von Solferino? Und er stiitzte sich mit den Handen auf den 
Schreibtisch. »Na, mein lieber Trotta?« fragte er. Denn es war seine 
kaiserliche Pflicht, seine Besucher verbliiffenderweise beim Namen zu 
kennen. »Majestat!« sagte der Bezirkshauptmann und verbeugte sich 
noch einmal tief: »Ich bitte um Gnade fur meinen Sohn!« »Was fur 
einen Sohn hat Er?« fragte der Kaiser, um Zeit zu gewinnen und nicht 
sofort zu verraten, dafi er in der Familiengeschichte der Trottas nicht 
bewandert war. »Mein Sohn ist Leutnant bei den Jagern in B.«, sagte 
Herr von Trotta. »Ah so, ah so!« sagte der Kaiser. »Das ist der junge 
Mann, den ich bei den letzten Manovern gesehen hab M . Ein braver 
Mensch!« Und weil sich seine Gedanken ein wenig verwirrten, fiigte er 
hinzu: »Er hat mir beinah das Leben gerettet. Oder waren Sie es?« 
»Majestat! Es war mein Vater, der Held von Solferino !« bemerkte der 
Bezirkshauptmann, indem er sich noch einmal verneigte. 
»Wie alt ist er jetzt?« fragte der Kaiser. »Die Schlacht bei Solferino. 
Das war doch der mit dem Lesebuch?« 
»Jawohl, Majestat!« sagte der Bezirkshauptmann. 
Und der Kaiser erinnerte sich plotzlich genau an die Audienz des 
merkwurdigen Hauptmanns. Und wie damals, als der sonderbare 
Hauptmann bei ihm erschienen war, verlieft Franz Joseph der Erste 
auch jetzt den Platz hinter dem Schreibtisch, ging seinem Besucher ein 
paar Schritte entgegen und sagte: »Kommen $' doch naher!« 
Der Bezirkshauptmann trat naher. Der Kaiser streckte seine magere, 
zitternde Hand aus, eine Greisenhand mit blauen Aderchen und klei- 
nen Knoten an den Fingergelenken. Der Bezirkshauptmann ergriff die 
Hand des Kaisers und verbeugte sich. Er wollte sie kiissen. Er wufite 
nicht, ob er wagen diirfte, sie zu halten oder seine eigene Hand so in 



RADETZKYMARSCH 407 

die des Kaisers zu legen, dafi dieser in jeder Sekunde die Moglichkeit 
hatte, die seine zuriickzuziehen. »Majestat!« wiederholte der Bezirks- 
hauptmann zum drittenmal, »ich bitte um Gnade flir meinen Sohn!« 
Sie waren wie zwei Briider. Ein Fremder, der sie in diesem Augenblick 
erblickt hatte, ware imstande gewesen, sie fur zwei Briider zu halten. 
Ihre weifien Backenbarte, ihre abfallenden, schmalen Schultern, ihr 
gleiches korperliches Mafi erweckte in beiden den Eindruck, dafi sie 
ihren eigenen Spiegelbildern gegeniiberstanden. Und der eine glaubte, 
er hatte sich in einen Bezirkshauptmann verwandelt. Und der andere 
glaubte, er hatte sich in den Kaiser verwandelt. Zur linken Hand des 
Kaisers und zur rechten Herrn von Trottas standen die zwei grofien 
Fenster des Zimmers offen, auch sie noch verhullt von sonnengelben 
Vorhangen. »Schones Wetter heut!« sagte plotzlich Franz Joseph. 
»Wunderschones Wetter heut!« sagte der Bezirkshauptmann. Und 
wahrend der Kaiser mit der Linken nach dem Fenster deutete, streckte 
der Bezirkshauptmann seine Rechte in die gleiche Richtung aus. Und 
es war dem Kaiser, als stiinde er vor seinem eigenen Spiegelbild. 
Auf einmal fiel es dem Kaiser ein, daft er vor seiner Abreise nach Ischl 
noch viel zu erledigen hatte. Und er sagte: »Es 1st gut! Es wird alles 
erledigt! Was hat er denn angestellt? Schulden? Es wird erledigt! Grii- 
fien Sie Ihren Papa!« 

»Mein Vater ist tot!« sagte der Bezirkshauptmann. 
»So, tot!« sagte der Kaiser. »Schade, schade!« Und er verlor sich in 
Erinnerungen an die Schlacht bei Solferino. Und er kehrte an seinen 
Schreibtisch zuriick, setzte sich, driickte den Knopf der Glocke und 
sah nicht mehr, wie der Bezirkshauptmann hinausging, den Kopf ge- 
senkt, den Degengriff an der linken, den Krappenhut an der rechten 
Hiifte. 

Der morgendliche Larm der Vogel erfiillte das ganze Zimmer. Bei aller 
Wertschatzung, die der Kaiser fiir die Vogel empfand als eine Art be- 
vorzugter Gottesgeschopfe, hegte er doch auch gegen sie ein gewisses 
Mifitrauen auf dem Grunde seines Herzens, ahnlich jenem gegen die 
Kunstler. Und nach seinen Erfahrungen in den letzten Jahren waren 
die zwitschernden Vogel immer der Anlafi seiner kleinen Vergeftlich- 
keiten gewesen. Deshalb notierte er schnell »Affare Trotta« auf den 
Akt. 

Dann wartete er auf den taglichen Besuch des Obersthofmeisters. 
Schon schlug es neun. Jetzt kam er. 



408 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XIX 

Die fatale Angelegenheit Leutnant Trottas wurde in einer fursorgli- 
chen Stille begraben. Der Major Zoglauer sagte nur: »Von Allerhoch- 
ster Stelle aus ist Ihre Affare beigelegt. Ihr Herr Papa hat das Geld 
geschickt. Mehr ist dariiber nicht zu sagen.« Trotta schrieb hierauf an 
seinen Vater. Er berichtete, daf5 die Gefahr fur seine Ehre von Aller- 
hochster Stelle abgewandt worden sei. Er bat um Verzeihung fur die 
frevelhaft lange Zeit, in der er geschwiegen und Briefe des Bezirks- 
hauptmanns nicht beantwortet hatte. Er war bewegt und geriihrt. Er 
bemuhte sich, seine Riihrung auch aufzuzeichnen. Aber in seinem kar- 
gen Wortschatz fanden sich keine Ausdriicke fur Reue, Wehmut und 
Sehnsucht. Es war ein bitteres Snick Arbeit. Als er den Brief unter- 
schrieben hatte, fiel ihm der Satz ein: »Ich gedenke, bald um einen 
Urlaub einzukommen und dich miindlich um Verzeihung zu bitten. « 
Als Nachschrift war dieser gluckliche Satz aus formalen Griinden 
nicht unterzubringen. Der Leutnant machte sich also daran, das Ganze 
umzuschreiben. Nach einer Stunde war er fertig. Durch das Umschrei- 
ben hatte die aufiere Form des Briefes nur gewonnen. Somit schien ihm 
alles erledigt, die ganze ekelhafte Sache begraben. Er bewunderte selbst 
sein »phanomenales Gliick«. Auf den alten Kaiser konnte sich der En- 
kel des Helden von Solferino in jeder Lage verlassen. Nicht minder 
erfreulich war die nunmehr erwiesene Tatsache, dafi der Vater Geld 
besafi. Unter Umstanden, nachdem jetzt die Gefahr, aus der Armee 
ausgeschlossen zu werden, vermieden war, konnte man sie freiwillig 
verlassen, in Wien mit Frau von Taufiig leben, vielleicht in den Staats- 
dienst treten, Zivil tragen. Man war schon lange nicht mehr in Wien 
gewesen. Man horte nichts von der Frau. Man sehnte sich nach ihr. 
Man trank einen Neunziggradigen, und man sehnte sich noch mehr, 
aber es war schon jener wohltatige Grad der Sehnsucht, der es gestat- 
tet, ein biftchen zu weinen. Die Tranen lagen in der letzten Zeit ganz 
locker unter den Augen. Leutnant Trotta betrachtete noch einmal mit 
Wohlgefallen den Brief, gelungenes Werk seiner Hande, steckte ihn in 
den Umschlag und make heiter die Adresse. Zur Belohnung bestellte 
er einen doppelten Neunziggradigen. Herr Brodnitzer selbst brachte 
den Schnaps und sagte: 
»Kapturak ist weg!« 
Ein gliicklicher Tag, kein Zweifel! Der kleine Mann, der den Leutnant 



RADETZKYMARSCH 409 

immer an eine der schlimmsten Stunden hatte erinnern konnen, war 
also ebenfalls aus der Welt geschafft. 
»Warum?« 

»Man hat ihn einfach ausgewiesen!« 

Ja, so weit reichte also der Arm Franz Josephs, des alten Mannes, der 
mit Leutnant Trotta gesprochen hatte, einen blinkenden Tropfen an 
der kaiserlichen Nase. So weit reichte also auch das Andenken des 
Helden von Solferino. 

Eine Woche nach der Audienz des Bezirkshauptmanns hatte man Kap- 
turak weggeschafft. Nachdem die politischen Behorden einmal einen 
erhabenen Wink erhalten hatten, verboten sie auch den Spielsaal Brod- 
nitzers. Von Hauptmann Jedlicek war nicht mehr die Rede. Er versank 
in jene ratselhafte, stumme Vergessenheit, aus der man ebensowenig 
wiederkehren konnte wie aus dem Jenseits. Er versank in den militari- 
schen Untersuchungsgefangnissen der alten Monarchic, in den Blei- 
kammern Osterreichs. Wenn den Offizieren gelegentlich sein Name 
einfiel, verscheuchten sie ihn sofort. Das gelang den meisten dank ihrer 
naturlichen Anlage, alles zu vergessen. Ein neuer Hauptmann kam, ein 
gewisser Lorenz: ein behabiger, untersetzter, gutrmitiger Mann mit 
einer unbezwinglichen Neigung zur Nachlassigkeit in Dienst und Hal- 
tung, jederzeit bereit, den Rock auszuziehen, obwohl es verboten war, 
und eine Partie Billard zu spielen. Dabei zeigte er seine kurzen, 
manchmal geflickten und ein wenig verschwitzten Hemdsarmel. Er 
war Vater dreier Kinder und Gatte einer vergramten Frau. Er wurde 
schnell heimisch. Man gewohnte sich sofort an ihn. Seine Kinder, die 
einander ahnlich waren wie Drillinge, traten zu dritt im Kaffeehaus 
auf, urn ihn abzuholen. Allmahlich verzogen sich die verschiedenen 
tanzenden »Nachtigallen«, die aus Olmiitz, Hernals und Mariahilf. 
Nur zweimal wochentlich spielte die Musik im Cafe. Aber es fehlte ihr 
bereits an Verve und Temperament, sie wurde aus Mangel an Tanze- 
rinnen klassisch und schien eher den alten Zeiten nachzuweinen als 
aufzuspielen. Die Offiziere begannen, sich wieder zu langweilen, wenn 
sie nicht tranken. Wenn sie aber tranken, wurden sie wehmutig und 
hatten herzliches Mitleid mit sich selbst. Der Sommer war sehr schwiil. 
Wahrend der Exerzieriibungen machte man zweimal am Vormittag 
Rast. Die Gewehre und die Mannschaften schwitzten. Aus den Trom- 
peten der Blaser schlugen die Tone taub und unmutig gegen die 
schwere Luft. Ein dunner Nebel iiberzog den ganzen Himmel gleich- 



410 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

mafiig, ein Schleier aus silbernem Blei. Er lag auch iiber den Siimpfen 
und dampfte sogar den allezeit muntern Larm der Frosche. Die Weiden 
riihrten sich nicht. Alle Welt wartete auf einen Wind. Aber alle Winde 
schliefen. 

Chojnicki war in diesem Jahr nicht heimgekehrt. Alle grollten ihm, als 
ware er ein vertragsbriichiger Erheiterer, den die Armee zu allsommerli- 
chen Gastspielen verpflichtet hatte. Damit das Leben in der verlorenen 
Garnison trotzdem einen neuen Glanz erhalte, war Rittmeister Graf 
Zschoch von den Dragonern auf den genialen Einfall gekommen, ein 
grofies Sommerfest zu veranstalten. Genial war dieser Einfall einfach 
deshalb, weil das Fest als eine Probe fur die grofie Jahrhundertfeier des 
Regiments gelten konnte. Der hundertste Geburtstag des Dragonerre- 
giments sollte erst in einem Jahr stattfinden, aber es war, als konnte es 
sich nicht ganze neunundneunzig Jahre in Geduld fassen, so ganz ohne 
Jubel. Man sagte allgemein, der Einfall sei genial. Der Oberst Festetics 
sagte es auch und bildete sich sogar ein, dafi er allein und zuerst diese 
Bezeichnung gepragt hatte. Er hatte ja auch mit den Vorbereitungen fur 
die grofie Jahrhundertfeier seit einigen Wochen begonnen. Jeden Tag, in 
freien Stunden, diktierte er in der Regimentskanzlei den untertanigen 
Einladungsbrief, der ein halbes Jahr spater an den Inhaber des Regi- 
ments, einen kleinen reichsdeutschen Fursten aus leider etwas vernach- 
lassigter Nebenlinie, abgeschickt werden sollte. Allein die Stilisierung 
dieses hofischen Schreibens beschaftigte zwei Manner, den Obersten 
Festetics und den Rittmeister Zschoch. Manchmal gerieten sie auch in 
heftige Diskussionen iiber stilistische Fragen. So hielt zum Beispiel der 
Oberst die Wendung »Und erlaubt sich das Regiment untertanigst« fur 
gestattet, wahrend der Rittmeister der Ansicht war, daft sowohl das 
»und« falsch sei als auch das »untertanigst« nicht ganz zulassig. Sie 
hatten beschlossen, jeden Tag zwei Satze zu verfassen, und das gelang 
ihnen auch. Jeder von ihnen diktierte einem Schreiber, der Rittmeister 
einem Gefreiten, der Oberst einem Zugsfuhrer. Dann verglichen sie die 
Satze. Beide lobten einander iiber die Maften. Der Oberst verschlofi 
hierauf die Entwiirfe im grofien Kasten der Regimentskanzlei, zu dem 
er allein die Schlussel hatte. Er legte die Skizzen zu den andern Planen, 
die er schon gemacht hatte, betreffend die grofle Parade und das Offi- 
ziers- sowie das Mannschaftsturnier. Alle Plane lagen in der Nahe der 
groften, unheimlichen, versiegelten Umschlage, in denen die geheimen 
Befehle fur den Fall einer Mobilisierung geborgen waren. 



RADETZKYMARSCH 411 

Nachdem also Rittmeister Zschoch den genialen Einfall verkiindet 
hatte, unterbrach man die Stilisierung des Briefes an den Fursten und 
machte sich daran, gleichlautende Einladungen in alie vier Richtungen 
der Welt zu verschicken. Diese knapp gehaltenen Einladungen erfor- 
derten weniger literarische Bemiihung und kamen auch innerhalb eini- 
ger Tage zustande. Es gab nur ein paar Diskussionen uber den Rang 
der Gaste. Denn zum Unterschied vom Obersten Festetics war Graf 
Zschoch der Meinung, man miiftte die Einladungen der Reihe nach 
zuerst an die vornehmsten, hierauf an die minder Vornehmen absen- 
den. »Alle gleichzeitig!« sagte der Oberst. »Ich befehle es Ihnen!« Und 
obwohl die Festetics zu den besten ungarischen Familien gehorten, 
glaubte Graf Zschoch, aus dem Befehl auf eine blutmaftig bedingte 
demokratische Neigung des Obersten schliefien zu mussen. Er 
riimpfte die Nase und versandte die Einladungen gleichzeitig. 
Der Standesfiihrer wurde befohlen. In seinen Handen befanden sich 
alle Adressen der Reserveoffiziere und der in den Ruhestand Versetz- 
ten. Sie alle wurden eingeladen. Eingeladen wurden ferner die naheren 
Verwandten und die Freunde der Dragoneroffiziere. Diesen teilte man 
mit, daft es sich um eine Probe fur das hundertste Geburtstagsfest 
handle. Also gab man ihnen zu verstehen, daft sie Aussicht hatten, mit 
dem Regimentsinhaber personlich zusammenzutreffen, dem reichs- 
deutschen Fursten aus einer leider und allerdings wenig ansehnlichen 
Nebenlinie. Manche von den Eingeladenen waren von alterem Stamme 
als der Inhaber des Regiments. Sie hielten trotzdem etwas von einer 
Beriihrung mit dem mediatisierten Fursten. Man beschloft, da es ein 
»Sommerfest« werden sollte, das Waldchen des Grafen Chojnicki in 
Anspruch zu nehmen. »Das Waldchen« unterschied sich von den Wal- 
dern Chojnickis dadurch, daft es von der Natur selbst und von seinem 
Besitzer fur Feste bestimmt zu sein schien. Es war jung. Es bestand aus 
kleinen und lustigen Fichtenstammchen, es bot Kuhlung und Schatten, 
geebnete Wege und ein paar kleine Lichtungen, die offensichtlich zu 
nichts anderem taugten, als von Tanzboden bedeckt zu werden. Man 
mietete also das Waldchen. Man bedauerte bei dieser Gelegenheit noch 
einmal die Abwesenheit Chojnickis. Man lud ihn dennoch ein in der 
Hoffnung, daft er einer Einladung zum Fest des Dragonerregiments 
nicht werde widerstehen konnen und daft er sogar imstande sein 
wiirde, »ein paar charmante Menschen mitzunehmen«, wie Festetics 
sich ausdriickte. Man lud die Hulins und die Kinskys ein, die Pod- 



412 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

statzkis und die Schonborns, die Familie Albert Tassilo Larisch, die 
Kirchbergs, die Weifienhorns und die Babenhausens, die Sennyis, die 
Benkyos, die Zuschers und die Dietrichsteins. Jeder von ihnen hatte 
irgendeine Beziehung zu diesem Dragonerregiment. Als der Rittmei- 
ster Zschoch noch einmal die Liste der Eingeladenen durchsah, sagte 
er: »Donnerwetter, HimmelherrgottsakraU Und er wiederholte diese 
originelle Bemerkung ein paarmal. Es war schlimm, aber unvermeid- 
lich, dafi man zu einem so grofiartigen Fest auch die schlichten Offi- 
ziere des Jagerbataillons einladen mufite. Man wird sie schon an die 
Wand driicken! dachte der Oberst Festetics. Genau das gleiche dachte 
auch der Rittmeister Zschoch. Wahrend sie die Einladungen an die 
Offiziere des Jagerbataillons diktierten, der eine dem Gefreiten, der 
andere dem Zugsfuhrer, sahen sie einander mit grimmigen Augen an. 
Und jeder von ihnen machte den andern fiir die Pflicht verantwortlich, 
das Bataillon der Jager einzuladen. Ihre Gesichter erhellten sich, als der 
Name des Freiherrn von Trotta und Sipolje fiel. »Schlacht bei Solfe- 
rino«, warf der Oberst hin, nebenbei. »Ah!« sagte Rittmeister 
Zschoch. Er war uberzeugt, dafi die Schlacht bei Solferino bereits im 
sechzehnten Jahrhundert stattgefunden hatte. 

Alle Kanzleischreiber drehten grune und rote Girlanden aus Papier. 
Die Offiziersburschen safien auf den diinnen Fichtenstammen des 
»Waldchens« und spannten Drahte von einem Baumchen zum andern. 
Dreimal in der Woche riickten die Dragoner nicht aus. Sie hatten 
»Schule« in der Kaserne. Man unterwies sie in der Kunst, mit vorneh- 
men Gasten umzugehen. Eine halbe Schwadron wurde voriibergehend 
dem Koch zugeteilt. Hier lernten die Bauern, wie man Kessel putzt, 
Tabletts serviert, Weinglaser halt und den Bratspiefi dreht. Jeden Mor- 
gen hielt der Oberst Festetics strenge Visite in Kiiche, Keller und in 
der Messe ab. Fiir alle Mannschaftspersonen, denen die geringste Aus- 
sicht drohte, mit den Gasten in irgendeiner Weise zusammenzustofien, 
hatte man weifie Zwirnhandschuhe angeschafft. Jeden Morgen mufiten 
die Dragoner, denen die Laune der Wachtmeister diese harte Aus- 
zeichnung beschert hatte, die ausgestreckten, weiEbekleideten Hande, 
alle Finger gespreizt, dem Obersten vor die Augen halten. Er priifte 
die Sauberkeit, den Sitz, die Haltbarkeit der Nahte. Er war aufge- 
raumt, von einer besonderen, verborgenen, inneren Sonne durchleuch- 
tet. Er bewunderte seine eigene Tatkraft, riihmte sie und verlangte Be- 
wunderung. Er entwickelte eine ungewohnliche Phantasie. Jeden Tag 



RADETZKYMARSCH 413 

schenkte sie ihm mindestens zehn Einfalle, wahrend er friiher mit 
einem einzigen wochentlich ganz gut ausgekommen war. Und die Ein- 
falle betrafen nicht nur das Fest, sondern auch die groften Fragen des 
Lebens, das Exerzierreglement zum Beispiel, die Adjustierung und so- 
gar die Taktik. In diesen Tagen wurde es dem Obersten Festetics klar, 
daft er ohne weiteres General sein konnte. 

Jetzt waren die Drahte von Stamm zu Stamm gespannt, nun handelte 
es sich darum, die Girlanden an den Drahten anzubringen. Man hangte 
sie also probeweise auf. Der Oberst besichtigte sie. Unleugbar war die 
Notwendigkeit vorhanden, auch Lampions anzubringen. Aber da es, 
trotz den Nebeln und der Schwule, so lange nicht mehr geregnet hatte, 
muftte man jeden Tag ein iiberraschendes Gewitter erwarten. Der 
Oberst bestimmte also eine standige Wache im Waldchen, deren Auf- 
gabe es war, bei den geringsten Anzeichen eines nahenden Gewitters 
die Girlanden wie die Lampions abzunehmen. »Auch die Drahte ?« 
fragte er vorsichtig den Rittmeister. Denn er wuftte wohl, daft grofte 
Manner den Rat ihrer kleineren Heifer gerne horen. »Den Drahten 
passiert nix!« sagte der Rittmeister. Man Heft sie also an den Baumen. 
Es kamen keine Gewitter. Es blieb schwul und schwer. Dagegen er- 
fuhr man aus manchen Absagen der Eingeladenen, daft an dem Sonn- 
tag, an dem das Fest der Dragoner stattfinden sollte, auch das Fest 
eines bekannten Adelsklubs in Wien gefeiert wurde. Manche unter den 
Eingeladenen schwankten zwischen ihrer Begierde, alle Neuigkeiten 
aus der Gesellschaft zu vernehmen (was nur auf dem Ball des Klubs 
moglich war), und dem abenteuerlichen Vergniigen, die fast sagenhafte 
Grenze zu besuchen. Die Exotik erschien ihnen genauso verfuhrerisch 
wie der Klatsch, wie die Gelegenheit, eine giinstige Gesinnung oder 
eine gehassige zu erspahen, eine Protektion anzuwenden, urn die man 
gerade gebeten worden war, eine andere zu erringen, die man grad 
notig hatte. Einige versprachen, im letzten Augenblick allerdings, eine 
Depesche. Diese Antworten und die Aussicht auf Depeschen vernich- 
teten beinahe vollends die Sicherheit, die sich der Oberst Festetics in 
den letzten Tagen erworben hatte. »Es ist ein Ungliick!« sagte er. »Es 
ist ein Ungliick!« wiederholte der Rittmeister. Und sie lieften die 
Kopfe hangen. 

Wie viele Zimmer sollte man vorbereiten? Hundert oder nur funfzig? 
Und wo? Im Hotel? Im Hause Chojnickis? Er war ja leider nicht da 
und hatte nicht einmal geantwortet! »Der ist tiickisch, der Chojnicki. 



414 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ich nab' ihm nie getraut!« sagte der Rittmeister. »Du hast ganz recht!« 
bestatigte der Oberst. Da klopfte es, und die Ordonnanz meldete den 
Grafen Chojnicki. 

»Famoser Bursche!« riefen beide gleichzeitig. 

Es wurde eine herzliche Begriifiung. Im stillen fiihlte der Oberst, dafi 
sein Genie ratios geworden war und einer Unterstiitzung bedurfte. 
Auch der Rittmeister Zschoch fiihlte, dafi er sein Genie bereks er- 
schopft hatte. Sie umarmten den Gast abwechselnd, jeder dreimal. 
Und jeder wartete ungeduldig, bis die Umarmung des andern vorbei 
ware. Dann bestellten sie Schnaps. 

Alle schweren Sorgen verwandelten sich auf einmal in leichtfertige, 
anmutige Vorstellungen. Wenn Chojnicki zum Beispiel sagte: »Dann 
werden wir hundert Zimmer bestellen, und wenn fiinfzig leer bleiben, 
dann 1st eben nix zu machen!«, riefen beide wie aus einem Munde: 
»Genial!« Und sie fielen noch einmal mit heiften Umarmungen uber 
den Gast. 

In der Woche, die noch bis zum Fest verblieb, regnete es nicht. Alle 
Girlanden blieben hangen, alle Lampions. Manchmal erschreckte den 
Unteroffizier und die vier Mann, die am Rande des Waldchens wie 
eine Feldwache lagerten und nach Westen spahten, nach der Richtung 
des himmlischen Feindes, ein femes Grollen, Echo eines fernen Don- 
ners. Manchmal flammte ein fahles Wetterleuchten am Abend uber die 
graublauen Nebel, die sich am westlichen Horizont verdichteten, um 
die untergehende rote Sonne sachte einzubetten. Weit von hier, wie in 
einer anderen Welt, mochten sich die Gewitter entladen. In dem stum- 
men Waldchen knisterte es von den trockenen Nadeln und von den 
verdorrten Rinden der Fichtenstamme. Matt und schlafrig piepsten die 
Vogel. Der weiche, sandige Boden zwischen den Stammen gliihte. 
Kein Gewitter kam. Die Girlanden blieben an den Drahten. 
Am Freitag kamen ein paar Gaste. Telegramme hatten sie angekiindigt. 
Der Offizier vom Dienst holte sie ab. Die Aufregung in beiden Kaser- 
nen wuchs von Stunde zu Stunde. In Brodnitzers Kaffeehaus hielten 
die Kavalleristen mit den Fufttruppen Beratungen ab, aus nichtigen 
Griinden und lediglich zu dem Zweck, die Unruhe noch zu vergro- 
fiern. Es war niemandem moglich, allein zu bleiben. Die Ungeduld 
trieb einen zum andern. Sie flusterten, sie wufiten plotzlich lauter 
merkwurdige Geheimnisse, die sie seit Jahren verschwiegen hatten. Sie 
vertrauten einander riickhaltlos, sie liebten einander. Sie schwitzten 



RADETZKYMARSCH 415 

eintrachtig in der gemeinsamen Erwartung. Das Fest verdeckte den 
Horizont, ein machtiger, feierlicher Berg. Alle waren iiberzeugt, dafi 
es nicht nur eine Abwechslung war, sondern dafi es auch eine vol- 
lige Veranderung ihres Lebens bedeutete. Im letzten Augenblick be- 
kamen sie Angst vor ihrem eigenen Werk. Selbstandig begann das 
Fest freundlich zu winken und gefahrlich zu drohen. Es verfinsterte 
den Himmel, es erhellte ihn. Man biirstete und biigelte die Parade- 
uniformen. Sogar der Hauptmann Lorenz wagte in diesen Tagen 
keine Billardpartie. Die wohlige Gemachlichkeit, in der er den Rest 
seines militarischen Lebens zu verbringen beschlossen hatte, war 
zerstort. Er betrachtete seinen Paraderock mit mifttrauischen Blik- 
ken, und er glich einem behabigen Gaul, der seit Jahren im kiihlen 
Schatten des Stalls gestanden hat und der plotzlich gezwungen wird, 
an einem Trabrennen teilzunehmen. 

Der Sonntag brach schliefilich an. Man zahlte vierundfiinfzig Gaste. 
»Donnerwetter, Sapperlot!« sagte Graf Zschoch ein paarmal. Er 
wufite wohl, in welch einem Regiment er diente, aber im Anblick 
der vierundfiinfzig klangreichen Namen auf der Liste der Gaste kam 
es ihm vor, daft er die ganze Zeit nicht stolz genug auf dieses Regi- 
ment gewesen war. Um ein Uhr nachmittags begann das Fest, mit 
einer einstundigen Parade auf dem Exerzierplatz. Man hatte zwei 
Militarkapellen aus grofteren Garnisonen erbeten. Sie spielten in 
zwei holzernen, runden, offenen Pavilions im kleinen Waldchen. 
Die Damen saflen in zeltiiberdeckten Bagagewagen, trugen sommer- 
liche Kleider iiber steifen Miedern und radergrofte Hiite, auf denen 
ausgestopfte Vogel nisteten. Ob wohl es ihnen heifi war, lachelten 
sie, jede eine heitere Brise. Sie lachelten mit den Lippen, den Augen, 
den Briisten, die hinter duftigen und festverrammelten Kleidern ge- 
fangen waren, mit den durchbrochenen Spitzenhandschuhen, die bis 
an die Ellenbogen reichten, mit den winzigen Taschentiichlein, die 
sie in der Hand hielten und mit denen sie manchmal sachte, sachte 
an die Nase tupften, um sie nicht zu zerbrechen. Sie verkauften 
Bonbons, Sekt und Lose fur das Glucksrad, das vom Standesfiihrer 
eigenhandig behandelt wurde, und bunte Sackchen mit Konfetti, von 
dem sie alle iiberschuttet waren und das sie mit neckisch gespkzten 
Miindern wegzublasen versuchten. Auch an Papierschlangen fehlte 
es nicht. Sie umwanden Halse und Beine, hingen von den Baumen 
herab und verwandelten alle natiirlichen Fichten im Nu in kiinst- 



416 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

liche. Denn sie waren dichter und iiberzeugender als das Griin der 
Natur. 

Am Himmel iiber dem Wald waren unterdessen die langst erwarteten 
Wolken heraufgezogen. Der Donner kam immer naher, aber die Mili- 
tarkapellen iibertonten ihn. Als der Abend iiber Zelte, Wagen, Kon- 
fetti und Tanz hereinbrach, ziindete man die Lampions an, und man 
bemerkte nicht, dafi sie von plotzlichen Windstofien starker geschau- 
kelt wurden, als es sich fur festliche Lampions schicken mochte. Das 
Wetterleuchten, das immer heftiger den Himmel erhellte, konnte sich 
mit dem Feuerwerk, das die Mannschaft hinter dem Waldchen ab- 
knallte, noch lange nicht vergleichen. Und man war allgemein geneigt, 
die Blitze, die man zufallig bemerkte, fur mifilungene Raketen zu hal- 
ten. »Es gibt ein Gewitter!« sagte plotzlich einer. Und das Geriicht 
vom Gewitter begann sich im Waldchen zu verbreiten. 
Man riistete also zum Aufbruch und begab sich zu Fufi, zu Pferde und 
im Wagen in das Haus Chojnickis. Alle Fenster standen offen. Der 
Glanz der Kerzen stromte frei, im machtigen, flackernden Facher- 
schein gegen die weite Allee, vergoldete den Boden und die Baume, die 
Blatter sahen aus wie Metall. Es war noch zeitig, aber schon dunkel, 
dank den Heerscharen der Wolken, die von alien Seiten gegeneinan- 
derriickten und sich vereinigten. Vor dem Eingang zum Schlofl in der 
breiten Allee und auf dem ovalen, kiesbestreuten Vorplatz sammelten 
sich jetzt die Pferde, die Wagen, die Gaste, die bunten Frauen und die 
noch bunteren Offiziere. Die Reitpferde, von Soldaten am Zaun gehal- 
ten, und die Wagenpferde, von den Kutschern miihsam gezugelt, wur- 
den ungeduldig; wie ein elektrischer Kamm strich der Wind iiber ihr 
glanzendes Fell, sie wieherten angstlich nach dem Stall und scharrten 
den Kies mit zitternden Hufen. Auch den Menschen schien sich die 
Aufregung der Natur und der Tiere mitzuteilen. Die munteren Zurufe, 
mit denen sie noch vor einigen Minuten Ball gespielt hatten, erstarben. 
Alle sahen, etwas angstlich, zu den Tiiren und Fenstern. Jetzt ging die 
grofie, zweifliigelige Tur auf, und man begann, sich in Gruppen dem 
Eingang zu nahern. Sei es nun, dafi man mit den zwar nicht unge- 
wohnlichen, aber dennoch den Menschen immer wieder erregenden 
Vorgangen des Gewitters zu sehr beschaftigt war, sei es, daft man von 
den verworrenen Klangen der beiden Militarkapellen abgelenkt wurde, 
die bereits im Innern des Hauses ihre Instrumente zu stimmen began- 
nen: Niemand vernahm den rapiden Galopp der Ordonnanz, die jetzt 



RADETZKYMARSCH 4 X 7 

auf den Vorplatz heransprengte, mit plotzlichem Ruck anhielt und in 
ihrer dienstlichen Adjustierung, mit blinkendem Helm, umgeschnall- 
tem Karabiner am Rucken und Patronentaschen am Gurt, umflackert 
von weiften Blitzen und von violetten Wolken umdiistert, einem thea- 
tralischen Kriegsboten nicht unahnlich war. Der Dragoner stieg ab 
und erkundigte sich nach dem Obersten Festetics. Es hieft, der Oberst 
sei schon drinnen. Einen Augenblick hierauf trat er heraus, nahm einen 
Brief von der Ordonnanz entgegen und kehrte ins Haus zuriick. Im 
rundlichen Vorraum, in dem es keine Deckenbeleuchtung gab, blieb er 
stehen. Ein Diener trat hinter seinen Riicken, den Armleuchter in der 
Hand. Der Oberst rift den Umschlag auf. Der Diener, obgleich seit 
seiner friihesten Jugend in der groften Kunst des Dienens erzogen, 
konnte dennoch nicht seine plotzlich zitternde Hand beherrschen. Die 
Kerzen, die er hielt, begannen heftig zu flackern. Ohne daft er etwa 
versucht hatte, iiber die Schulter des Obersten zu lesen, fiel der Text 
des Schreibens in das Blickfeld seiner wohlerzogenen Augen, ein einzi- 
ger Satz aus iibergroften, mit blauem Kopierstift sehr deutlich ge- 
schriebenen Worten. Ebensowenig wie er etwa vermocht hatte, hinter 
geschlossenen Lidern einen der Blitze nicht zu fuhlen, die jetzt in im- 
mer schnellerer Folge in alien Richtungen des Himmels aufzuckten, 
•ebensowenig ware es ihm auch moglich gewesen, seinen Blick von der 
furchtbaren, groften, blauen Schrift abzuwenden: »Thronfolger ge- 
hichtweise in Sarajevo ermordet«, sagten die Buchstaben. 
Die Worte fielen wie ein einziges, ohne Pause, in das Bewufttsein des 
Obersten und in die Augen des hinter ihm stehenden Dieners. Der 
Oberst Heft den Umschlag fallen. Der Diener, den Leuchter in der Lin- 
ken, biickte sich, um ihn mit der Rechten aufzuheben. Als er wieder 
aufrecht stand, sah er geradewegs in das Angesicht des Obersten Feste- 
tics, der sich ihm zugewandt hatte. Der Diener trat einen Schritt zu- 
riick. Er hielt den Leuchter in der einen, den Umschlag in der anderen 
Hand, und seine beiden Hande zitterten. Der Schein der Kerzen flak- 
kerte iiber das Angesicht des Obersten und erhellte und verdunkelte es 
abwechselnd. Das gewohnliche, gerotete, von einem groften, grau- 
blonden Schnurrbart gezierte Angesicht des Obersten wurde bald vio- 
lett, bald kreideweift. Die'Lippen bebten ein wenig, und der Schnurr- 
bart zuckte. Aufter dem Diener und dem Obersten war kein Mensch in 
der Vorhalle. Aus dem Innern des Hauses horte man schon den ersten 
gedampften Walzer der beiden Militarkapellen, Klirren von Glasern 



418 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und das Gemurmel der Stimmen. Durch die Tur, die zum Vorplatz 
fiihrte, sah man den Widerschein ferner Blitze, horte man den schwa- 
chen Widerhall ferner Donner. Der Oberst sah den Diener an. »Haben 
Sie gelesen?« fragte er. »Jawohl, Herr Oberst!« »Mund halten!« sagte 
Festetics und legte den Zeigefinger an die Lippen. Er entfernte sich. Er 
schwankte ein wenig. Vielleicht war es das flackernde Kerzenlicht, in 
dem sein Gang unsicher erschien. 

Der Diener, neugierig und durch das Schweigegebot des Obersten 
ebenso erregt wie durch die blutige Nachricht, die er soeben wahrge- 
nommen hatte, wartete auf einen seiner Kollegen, um diesem seinen 
Dienst und den Leuchter zu iibergeben, in die Zimmer zu gehen und 
dort vielleicht Naheres zu erfahren. Auch war es ihm, obwohl er ein 
aufgeklarter, vernunftiger Mann in mittleren Jahren war, allmahlich 
unheimlich in diesem Vorraum, den er mit seinen Kerzen nur sparlich 
beleuchten konnte und der nach jedem der heftigen, blaulichweifien 
Blitze in eine noch tiefere, braune Dunkelheit versank. Schwere Wel- 
len geladener Luft lagen im Raum, das Gewitter zogerte. Der Diener 
brachte den Zufall des Gewitters mit der schrecklichen Kunde in einen 
ubernaturlichen Zusammenhang. Er bedachte, dafi die Stunde endlich 
gekommen sei, in der sich ubernaturliche Gewalten der Welt deutlich 
und grausam kundgeben wollten. Und er bekreuzigte sich, den Leuch- 
ter in der Linken. In diesem Augenblick trat Chojnicki heraus, sah 
verwundert auf ihn und fragte, ob er sich denn so vor dem Gewitter 
furchte. Es sei nicht nur das Gewitter, antwortete der Diener. Denn 
obwohl er versprochen hatte zu schweigen, war es ihm nicht mehr 
moglich, die Last seiner Mitwisserschaft zu tragen. »Was denn sonst?« 
fragte Chojnicki. Der Herr Oberst Festetics hatte eine schreckliche 
Nachricht erhalten, sagte der Mann. Und er zitierte ihren Wortlaut. 
Chojnicki befahl zuerst, alle Fenster, die schon des Unwetters wegen 
geschlossen worden waren, auch dicht zu verhangen, hierauf, den Wa- 
gen fertigzumachen. Er wollte in die Stadt. Wahrend man draufkn die 
Pferde anspannte, fuhr eine Droschke vor, mit aufgerollter, triefender 
Plache, an der man erkannte, daft sie aus einer Gegend kam, in der das 
Gewitter bereits niedergegangen war. Aus dem Fiaker stieg jener mun- 
tere Bezirkskommissar, der die politische Versammlung der streiken- 
den Borstenarbeiter aufgelost hatte, eine Aktentasche unter dem Arm. 
Er berichtete zuerst, als ware er vornehmlich zu diesem Zweck gekom- 
men, daft es im Stadtchen regne. Hierauf teilte er Chojnicki mit, daft 



RADETZKYMARSCH 419 

man den Thronfolger der osterreichisch-ungarischen Monarchic 
wahrscheinlich in Sarajevo erschosssen habe. Reisende, die vor drei 
Stunden angekommen seien, hatten zuerst die Nachricht verbreitet. 
Dann sei ein verstummeltes, chiffriertes Telegramm von der Statthal- 
terei angelangt. Offenbar infolge des Gewitters sei der telegraphische 
Verkehr gestort, eine Riickfrage also bis jetzt unbeantwortet geblie- 
ben. Uberdies sei heute Sonntag und nur wenig Personal in den Am- 
tern vorhanden. Die Aufregung in der Stadt und selbst in den Dor- 
fern wachse aber standig, und trotz des Gewitters standen die Leute 
in den Gassen. 

Wahrend der Kommissar hastig und flusternd erzahlte, horte man aus 
den Raumen die schleifenden Schritte der Tanzenden, das helle Klir- 
ren der Glaser und von Zeit zu Zeit ein tiefes Gelachter der Manner. 
Chojnicki beschloft, zuerst ein paar seiner Gaste, die er fur mafige- 
bend, vorsichtig und noch nuchtern hielt, in einem abgesonderten 
Zimmer zu versammeln. Indem er allerhand Ausreden gebrauchte, 
brachte er den und jenen in den vorgesehenen Raum, stellte ihnen 
den Bezirkskommissar vor und berichtete. Zu den Eingeweihten ge- 
horten der Oberst des Dragonerregiments, der Major des Jagerbatail- 
lons mit ihren Adjutanten, mehrere von den Tragern beriihmter Na- 
men, und unter den Offizieren des Jagerbataillons Leutnant Trotta. 
Das Zimmer, in dem sie sich befanden, enthielt wenig Sitzgelegenhei- 
ten, so dafi mehrere sich ringsum an die Wande lehnen mufken, 
einige sich ahnungslos und iibermutig, bevor sie noch wufiten, 
worum es sich handle, auf den Teppich setzten, mit gekreuzten Bei- 
nen. Aber es erwies sich bald, dafi sie in ihrer Lage verblieben, auch 
als man ihnen alles mitgeteilt hatte. Manche mochte der Schreck ge- 
lahmt haben, andere waren einfach betrunken. Die dritten waren von 
Natur gleichgliltig gegen alle Vorgange in der Welt und sozusagen 
aus angeborener Vornehmheit gelahmt, und es schien ihnen, daft es 
sich fur sie nicht schicke, lediglich wegen einer Katastrophe ihren 
Korper zu inkommodieren. Manche hatten nicht einmal die bunten 
Papierschlangenfetzen und die runden Koriandoliblattchen von ihren 
Schultern, Halsen und Kopfen entfernt. Und ihre narrischen Abzei- 
chen verstarkten noch den Schrecken der Nachricht. 
In dem kleinen Raum wurde es nach einigen Minuten heifi. »Offnen 
wir ein Fenster)« sagte einer. Ein anderer klinkte eines der ho hen und 
schmalen Fenster auf, lehnte sich hinaus und prallte im nachsten Au- 



420 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

genblick zuriick. Em weifigliihender Blitz von einer ungewohnlichen 
Heftigkeit schlug in den Park, in den das Fenster fiihrte. Zwar konnte 
man die Stelle nicht unterscheiden, die er getroffen hatte, aber man 
horte das Splittern gefallter Baume. Schwarz und schwer rauschten 
ihre umsinkenden Kronen. Und selbst die iibermutig Kauernden, die 
Gleichgiiltigen, sprangen auf, die Angeheiterten begannen zu taumeln, 
und alle erbleichten. Sie wunderten sich, dafi sie noch lebten. Sie hiel- 
ten den Atem an, sahen aufeinander mit aufgerissenen Augen und war- 
teten auf den Donner. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis er er- 
folgte. Aber zwischen dem Blitz und dem Donner drangte sich die 
Ewigkeit selbst zusammen. Alle versuchten, einander naher zu kom- 
men. Sie bildeten ein Bundel von Leibern und Kopfen rings urn den 
Tisch. Einen Augenblick zeigten ihre Gesichter, so verschiedene Ziige 
sie auch trugen, eine briiderliche Ahnlichkeit. Es war, als erlebten sie 
iiberhaupt zum erstenmal ein Gewitter. In Furcht und Ehrfurcht war- 
teten sie den knatternden, kurzen Donner ab. Dann atmeten sie auf. 
Und wahrend vor den Fenstern die schweren Wolken, die der Blitz 
aufgetrennt hatte, mit jubelndem Getose niederschaumten, begannen 
die Manner, ihre Platze wieder einzunehmen. 
»Wir miissen das Fest abbrechen!« sagte Major Zoglauer. 
Der Rittmeister Zschoch, ein paar Konfettisternchen im Haar und den 
Rest einer rosa Papierschlange um den Nacken, sprang auf. Er war 
beleidigt, als Graf, als Rittmeister, als Dragoner im besonderen, als 
Kavallerist im allgemeinen und ganz besonders als er selbst, als Indivi- 
duum von aufiergewohnlicher Art, als Zschoch kurzweg. Seine kur- 
zen, dichten Augenbrauen stellten sich auf und bildeten zwei drau- 
ende, gegen den Major Zoglauer gerichtete Hecken aus kleinen, star- 
renden Stacheln. Seine grofien, torichten, hellen Augen, in denen sich 
alles zu spiegeln pflegte, was sie vor Jahren aufgenommen haben 
mochten, selten das, was sie im Augenblick sahen, schienen jetzt den 
Hochmut der Zschochschen Ahnen auszudriicken, einen Hochmut 
aus dem fiinfzehnten Jahrhundert. Er hatte den Blitz, den Donner, die 
fiirchterliche Nachricht, alle Ereignisse der vergangenen Minuten bei- 
nahe vergessen. In seiner Erinnerung bewahrte er nur noch die An- 
strengungen, die er fur das Fest, seinen genialen Einfall, unternommen 
hatte. Er konnte auch nicht viel vertragen, er hatte Sekt getrunken, und 
sein kleines Sattelnaschen schwitzte ein wenig. 
»Die Nachricht ist nicht wahr«, sagte er, »sie ist halt nicht wahr. Es 



RADETZKYMARSCH 421 

soil mir einer nachweisen, dafi es wahr ist, blode Luge, dafiir spricht 
schon allein das Wort >geriichtweise< oder >wahrscheinlich< oder wie das 
politische Zeug heifit!« 
»Auch ein Geriicht genugt!« sagte Zoglauer. 

Hier mischte sich Herr von Babenhausen, Rittmeister der Reserve, in 
den Zwist. Er war angeheitert, fachelte sich mit dem Taschentuch, das er 
bald in den Armel steckte, bald wieder hervorzog. Er loste sich von der 
Wand, trat an den Tisch und kniff die Augen zusammen: 
»Meine Herren«, sagte er, »Bosnien ist weit von uns entfernt. Auf Ge- 
riichte geben wir nix! Was mich betrifft, ich pfeiP auf Geriichte! Wann's 
wahr is, werden wir's eh friih genug erfahren!« 

»Bravo!« rief Baron Nagy Jeno, der von den Husaren. Er hielt, obwohl 
er zweifellos von einem jiidischen Grofivater aus Odenburg abstammte 
und obwohl erst sein Vater die Baronie gekauft hatte, die Magyaren fur 
eine der adligsten Rassen der Monarchic und der Welt, und er bemuhte 
sich mit Erfolg, die semitische, der er entstammte, zu vergessen, indem 
er alle Fehler der ungarischen Gentry annahm. 

»Bravo!« wiederholte er noch einmal. Es war ihm gelungen, alles, was 
der nationalen Politik der Ungarn giinstig oder abtragHch erschien, zu 
lieben beziehungsweise zu hassen. Er hatte sein Herz angespornt, den 
Thronfolger der Monarchic zu hassen, weil es allgemein hieft, er sei den 
slawischen Volkern giinstig gesinnt und den Ungarn bose. Der Baron 
Nagy war nicht eigens zu einem Fest an der verlorenen Grenze aufge- 
brochen, um es sich hier durch einen Zwischenfall storen zu lassen. Er 
hielt es iiberhaupt fur einen Verrat an der magyarischen Nation, wenn 
sich einer ihrer Angehorigen die Gelegenheit, einen Csardas zu tanzen, 
zu dem er aus Rassegriinden verpflichtet war, durch ein Geriicht verder- 
ben lieft. Er klemmte das Monokel fester, wie immer, wenn er national 
zu fiihlen hatte, ahnlich wie ein Greis seinen Stock starker fafk, wenn er 
eine Wanderung beginnt, und sagte in dem Deutsch der Ungarn, das wie 
eine Art weinerlichen Buchstabierens klang: »Herr von Babenhausen 
hat sehr recht! Sehr recht! Wann der Herr Thronfolger wirklich ermor- 
det ist, so gibt es noch andere Thronfolger!« 

Herr von Sennyi, magyarischer von Gebliit als Herr von Nagy und von 
plotzlicher Angst erfaftt, ein Judenstammling konnte ihn in ungarischer 
Gesinnung iibertreffen, erhob sich und sagte: »Wann der Herr Thron- 
folger ermordet ist, so erstens wissen wir noch nichts Sicheres davon, 
zweitens geht uns das gar nichts an!« 



422 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Es geht uns etwas an«, sagte der Graf Benkyo, »aber er ist gar nicht 
ermordet. Es ist ein Gerucht!« 

Draufien rauschte der Regen mit steter Gewalt. Die blauweifien Blitze 
wurden immer seltener, der Donner entfernte sich. 
Oberleutnant Kinsky, an den Ufern der Moldau aufgewachsen, be- 
hauptete, der Thronfolger sei jedenfalls eine hochst unsichere Chance 
der Monarchic gewesen - vorausgesetzt, daft man das Wort »gewesen« 
iiberhaupt anwenden konne. Er selbst, der Oberleutnant, sei der Mei- 
nung seiner Vorredner: Die Ermordung des Thronfolgers musse als 
ein falsches Geriicht aufgefafit werden. Man sei hier so weit von dem 
angeblichen Tatort entfernt, dafi man gar nichts kontrollieren konne. 
Und die voile Wahrheit wiirde man jedenfalls erst spat nach dem Fest 
erfahren. 

Der betrunkene Graf Battyanyi begann hierauf, sich mit seinen Lands- 
leuten auf ungarisch zu unterhalten. Man verstand kein Wort. Die an- 
deren blieben still, sahen die Sprechenden der Reihe nach an und war- 
teten, immerhin ein wenig bestiirzt. Aber die Ungarn schienen munter 
fortfahren zu wollen, den ganzen Abend; also mochte es ihre nationale 
Sitte heischen. Man bemerkte, obwohl man weit davon entfernt war, 
auch nur eine Silbe zu begreifen, an ihren Mienen, dafi sie allmahlich 
anfingen, die Anwesenheit der andern zu vergessen. Manchmal lachten 
sie gemeinsam auf. Man fiihlte sich beieidigt, weniger, weil das Gelach- 
ter in dieser Stunde unpassend erschien, als weil man seine Ursache 
nicht feststellen konnte. Jelacich, ein Slowene, geriet in Zorn. Er hafite 
die Ungarn ebenso, wie er die Serben verachtete. Er liebte die Monar- 
chic Er war ein Patriot. Aber er stand da, die Vaterlandsliebe in ausge- 
breiteten, ratlosen Handen, wie eine Fahne, die man irgendwo anbrin- 
gen mufi und fur die man keinen Dachfirst findet. Unmittelbar unter 
der ungarischen Herrschaft lebte ein Teil seiner Stammesgenossen, 
Slowenen und ihre Vettern, die Kroaten. Ganz Ungarn trennte den 
Rittmeister Jelacich von Osterreich und von Wien und vom Kaiser 
Franz Joseph. In Sarajevo, beinahe in seiner Heimat, vielleicht gar von 
der Hand eines Slowenen, wie der Rittmeister Jelacich selbst einer war, 
war der Thronfolger getbtet worden. Wenn der Rittmeister nun an- 
ting, den Ermordeten gegen die Schmahungen der Ungarn zu verteidi- 
gen (er allein in dieser Gesellschaft verstand Ungarisch), so konnte 
man ihm erwidern, seine Volksgenossen seien ja die Morder. Er fiihlte 
sich in der Tat ein bifichen mitschuldig. Er wufite nicht, warum. Seit 



RADETZKYMARSCH 423 

etwa hundertfiinfzig Jahren diente seine Familie redlich und ergeben 
der Dynastie der Habsburger. Aber schon seine beiden halbwiichsigen 
Sonne sprachen von der Selbstandigkeit aller Sudslawen und verbargen 
vor ihm Broschiiren, die aus dem feindlichen Belgrad stammen moch- 
ten. Nun, er liebte seine Sonne! Jeden Nachmittag um ein Uhr, wenn 
das Regiment das Gymnasium passierte, stiirzten sie ihm entgegen, sie 
flatterten aus dem groften, braunen Tor der Schule, mit zerrauftem 
Haar und Gelachter in den offenen Mundern, und vaterliche Zartlich- 
keit zwang ihn, vom Pferd zu steigen und die Kinder zu umarmen. Er 
schlofi die Augen, wenn er sie verdachtige Zeitungen lesen sah, und die 
Ohren, wenn er sie Verdachtiges reden horte. Er war klug, und er 
wufite, daft er ohnmachtig zwischen seinen Ahnen und seinen Nach- 
kommen stand, die bestimmt waren, die Ahnen eines ganz neuen Ge- 
schlechts zu werden. Sie hatten sein Gesicht, die Farbe seiner Haare 
und seiner Augen, aber ihre Herzen schlugen einen neuen Takt, ihre 
Kopfe gebaren fremde Gedanken, ihre Kehlen sangen neue und fremde 
Lieder, die er nicht kannte. Und mit seinen vierzig Jahren fuhlte sich 
der Rittmeister wie ein Greis, und seine Sonne kamen ihm vor wie 
unbegreifliche Urenkel. 

Es ist alles gleich, dachte er in diesem Augenblick, trat an den Tisch 
und schlug mit der flachen Hand auf die Platte. »Wir bitten die Her- 
ren«, sagte er, »die Unterhaltung auf deutsch fortzusetzen.« 
Benkyo, der gerade gesprochen hatte, hielt ein und antwortete: »Ich 
will es auf deutsch sagen: Wir sind ubereingekommen, meine Lands- 
leute und ich, daft wir froh sein konnen, wann das Schwein hin is!« 
Alle sprangen auf. Chojnicki und der muntere Bezirkskommissar ver- 
lieften das Zimmer. Die Gaste blieben allein. Man hatte ihnen zu ver- 
stehen gegeben, dafi Zwistigkeiten innerhalb der Armee keine Zeugen 
vertrugen. Neben der Tiir stand der Leutnant Trotta. Er hatte viel ge- 
trunken. Sein Gesicht war fahl, seine Glieder waren schlaff, sein Gau- 
men trocken, sein Herz hohl. Er fuhlte wohl, daft er berauscht war, 
aber er vermiftte zu seiner Verwunderung den gewohnten wohltatigen 
Nebel vor den Augen. Vielmehr kam es ihm vor, als sahe er alles deut- 
licher, wie durch blankes, klares Eis. Die Gesichter, die er heute zum 
erstenmal erblickt hatte, glaubte er schon seit langem zu kennen. Diese 
Stunde war ihm iiberhaupt ganz vertraut, die Verwirklichung einer oft 
vorgetraumten Begebenheit. Das Vaterland der Trottas zerfiel und 
zersplitterte. 



424 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Daheim, in der mahrischen Bezirkshauptstadt W., war vielleicht noch 
Osterreich. Jeden Sonntag spielte die Kapelle Herrn Nechwals den Ra- 
detzkymarsch. Einmal in der Woche, am Sonntag, war Osterreich. Der 
Kaiser, der weifibartige, vergefiliche Greis mit dem blinkenden Trop- 
fen an der Nase, und der alte Herr von Trotta waren Osterreich. Der 
alte Jacques war tot. Der Held von Solferino war tot. Der Regiments- 
arzt Doktor Demant war tot. »Verlal5 diese Armee!« hatte er gesagt. 
Ich werde diese Armee verlassen, dachte der Leutnant. Auch mein 
Grofivater hat sie verlassen. Ich werd's ihnen sagen, dachte er weiter. 
Wie vor Jahren im Lokal der Frau Resi fuhlte er den Zwang, etwas zu 
tun. Gab es da kein Bild zu retten? Er fuhlte den dunklen Blick des 
Grofivaters im Nacken. Er machte einen Schritt gegen die Mitte des 
Zimmers. Er wufite noch nicht, was er sagen wollte. Einige sahen ihm 
schon entgegen. »Ich weifi«, begann er, und er wufke noch immer 
nichts. »Ich weifi«, wiederholte er und trat noch einen Schritt vor- 
warts, »dafi Seine Kaiser-Konigliche Hoheit, der Herr Erzherzog 
Thronfolger, wirklich ermordet ist.« 

Er schwieg. Er kniff die Lippen ein. Sie bildeten einen schmalen, blafi- 
rosa Streifen. In seinen kleinen, dunklen Augen glomm ein helles, fast 
weifies Licht auf. Sein schwarzes, verworrenes Haar uberschattete die 
kurze Stirn und verfinsterte die Falte iiber der Nasenwurzel, die Hohle 
des Zorns, das Erbteil der Trottas. Er hielt den Kopf gesenkt. An den 
schlaffen Armen hingen die Fauste geballt. Alle blickten auf seine 
Hande. Wenn den Anwesenden das Portrat des Helden von Solferino 
bekannt gewesen ware, hatten sie glauben konnen, der alte Trotta sei 
auferstanden. 

»Mein Gro8vater«, begann der Leutnant wieder, und er fuhlte den 
Blick des Alten im Nacken, »mein Grofrvater hat dem Kaiser das Le- 
ben gerettet. Ich, sein Enkel, ich werde nicht zugeben, daft das Haus 
unseres Allerhochsten Kriegsherrn beschimpft wird. Die Herren be- 
tragen sich skandalos!« Er hob die Stimme. »Skandal!« schrie er. Er 
horte sich zum erstenmal schreien. Niemals hatte er, wie seine Kame- 
raden, vor der Mannschaft geschrien. »Skandal!« wiederholte er. Das 
Echo seiner Stimme halite wider in seinen Ohren. Der betrunkene 
Benkyd torkelte einen Schritt gegen den Leutnant. 
»Skandal!« schrie der Leutnant zum drittenmal. 
»Skandal!« wiederholte der Rittmeister Jelacich. 
»Wer noch ein Wort gegen den Toten sagt«, fuhr der Leutnant fort, 



RADETZKYMARSCH 425 

»den schief?' ich nieder!« Er griff in die Tasche. Da der betrunkene 
Benkyo etwas zu murmeln anfing, schrie Trotta: »Ruhe!«, mit einer 
Stimme, die ihm wie eine geliehene vorkam, einer donnernden Stimme, 
vielleicht war es die Stimme des Helden von Solferino. Er fiihlte sich 
eins mit seinem Grofivater. Er selbst war der Held von Solferino. Sein 
eigenes Bildnis war's, das unter dem Suffit des vaterlichen Herrenzim- 
mers verdammerte. 

Der Oberst Festetics und der Major Zoglauer standen auf. Zum ersten- 
mal, seitdem es eine osterreichische Armee gab, befahl ein Leutnant 
Rittmeistern, Majoren und Obersten Rime. Keiner von den Anwesen- 
den glaubte noch, die Ermordung des Thronfolgers sei lediglich ein 
Geriicht. Sie sahen den Thronfolger in einer roten, dampfenden Blutla- 
che. Sie fiirchteten, auch hier, in diesem Zimmer, in der nachsten Se- 
kunde Blut zu sehen. »Befehlen Sie ihm zu schweigen!« fliisterte der 
Oberst Festetics. 

»Herr Leutnant«, sagte Zoglauer, »verlassen Sie uns!« 
Trotta wandte sich zur Tiir. In diesem Augenblick wurde sie aufgesto- 
fien. Viele Gaste stromten herein, Konfetti und Papierschlangen auf 
Kopfen und Schultern. Die Tiir blieb offen. Man horte aus den ande- 
ren Raumen die Frauen lachen und die Musik und die schleifenden 
Schritte der Tanzer. Jemand rief : 
»Der Thronfolger ist ermordet!« 
»Den Trauermarsch!« schrie Benkyo. 
»Den Trauermarsch!« wiederholten mehrere. 

Sie stromten aus dem Zimmer. In den zwei grofien Salen, in denen man 
bis jetzt getanzt hatte, spielten beide Militarkapellen, dirigiert von den 
lachelnden, knallroten Kapellmeistern, den Trauermarsch von Chopin. 
Ringsum wandelten ein paar Gaste im Kreis, im Kreis, zum Takt des 
Trauermarsches. Bunte Papierschlangen und Koriandolisterne lagen 
auf ihren Schultern und Haaren. Manner in Uniform und in Zivil fiihr- 
ten Frauen am Arm. Ihre Fiifte gehorchten schwankend dem makabren 
und stolpernden Rhythmus. Die Kapellen spielten namlich ohne No- 
ten, nicht dirigiert, sondern begleitet von den langsamen Schleifen, die 
der Kapellmeister schwarze Taktstocke durch die Luft zeichneten. 
Manchmal blieb eine Kapelle hinter der anderen zuriick, suchte die 
vorauseilende zu erhaschen und mufke ein paar Takte auslassen. Die 
Gaste marschierten im Kreis rings um das leere, spiegelnde Rund des 
Parketts. Sie kreisten so umeinander, jeder ein Leidtragender hinter 



426 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Leiche des Vordermanns und in der Mitte die unsichtbaren Lei- 
chen des Thronfolgers und der Monarchic Alle waren betrunken. Und 
wer noch nicht geniigend getrunken hatte, dem drehte sich der Kopf 
vom unermiidlichen Kreisen. Allmahlich beschleunigten die Kapellen 
den Takt, und die Beine der Wandelnden fingen an zu marschieren. 
Die Trommler trommelten ohne Unterlafi, und die schweren Kloppel 
der grofien Pauke begannen zu wirbeln wie junge, muntere Schlegel. 
Der betrunkene Pauker schlug plotzlich an den silbernen Triangel, und 
im selben Augenblick machte Graf Benkyo einen Freudensprung. 
»Das ScWein ist hin!« schrie der Graf auf ungarisch. Aber alle ver- 
standen es, als ob er deutsch gesprochen hatte. Plotzlich begannen 
einige zu hiipfen. Immer schneller schmetterten die Kapellen den 
Trauermarsch. Dazwischen lachelte der Triangel silbern, hell und be- 
trunken. 

Schliefilich begannen die Lakaien Chojnickis, die Instrumente abzu- 
raumen. Die Musiker liefien es sich lachelnd gefallen. Mit aufgerisse- 
nen Augen glotzten die Violinisten ihren Geigen nach, die Cellisten 
ihren Celli, die Hornisten den Hornern. Einige strichen noch mit den 
Bogen, die sie behalten hatten, iiber das taubstumme Tuch ihrer Armel 
und wiegten die Kopfe zu den unhorbaren Melodien, die in ihren trun- 
kenen Kopfen rumoren mochten. Als man dem Trommler seine 
Schlaginstrumente fortschleppte, fuchtelte er immer noch mit Kloppel 
und Schlegel in der leeren Luft herum. Die Kapellmeister, die am mei- 
sten getrunken hatten, wurden schliefilich von je zwei Dienern wegge- 
zogen wie die Instrumente. Die Gaste lachten. Dann wurde es still. 
Niemand gab einen Laut von sich. Alle blieben, wie sie gestanden oder 
gesessen hatten, und riihrten sich nicht mehr, Nach den Instrumenten 
raumte man auch die Flaschen weg. Und dem und jenem, der noch ein 
halbvolles Glas in Handen hielt, wurde es weggenommen. 
Leutnant Trotta verliefi das Haus. Auf den Stufen, die zum Eingang 
fiihrten, saften Oberst Festetics, Major Zoglauer und Rittmeister 
Zschoch. Es regnete nicht mehr. Es tropfte nur noch von Zeit zu Zeit 
aus den schiitter gewordenen Wolken und von den Vorspriingen des 
Daches. Den drei Mannern hatte man weifte, grofie Tiicher iiber die 
Steine gebreitet. Und es war, als safien sie schon auf ihren eigenen 
Leichentuchern. Grofie, zackige Regenwasserflecke stamen auf ihren 
dunkelblauen Riicken. Die Fetzen einer Papierschlange klebten feucht 
und nunmehr unlosbar am Nacken des Rittmeisters. 



RADETZKYMARSCH 427 

Der Leutnant stellte sich vor ihnen auf. Sie riihrten sich nicht. Sie 
hielten die Kopfe gesenkt. Sie erinnerten an eine wachserne militari- 
sche Gruppe im Panoptikum. 

»Herr Major !« sagte Trotta zu Zoglauer, »ich werde morgen um mei- 
nen Abschied bitten !« 

Zoglauer erhob sich. Er streckte die Hand aus, wo lite etwas sagen 
und brachte keinen Laut hervor. Es wurde allmahlich hell, ein sanfter 
Wind zerrifi die Wolken, man konnte im schimmernden Silber der 
kurzen Nacht, in die sich schon eine Ahnung vom Morgen mischte, 
deutlich die Gesichter sehen. In dem hageren Gesicht des Majors war 
alles in Bewegung. Die Faltchen schoben sich ineinander, die Haut 
zuckte, das Kinn wanderte hin und her, es schien geradezu zu pen- 
deln, um die Backenknochen spielten ein paar winzige Muskelchen, 
die Augenlider flatterten, und die Wangen zitterten. Alles war in Be- 
wegung geraten, vom Aufruhr, den die wirren, unausgesprochenen 
und unaussprechlichen Worte innerhalb des Mundes verursachen 
mochten. Eine Ahnung von Wahnsinn flackerte iiber diesem Ange- 
sicht. Zoglauer preEte Trottas Hand, sekundenlang, Ewigkeiten. Fe- 
stetics und Zschoch kauerten immer noch regungslos auf den Stufen. 
Man roch den starken Holunder. Man horte das sachte Tropfen des 
Regens und das zarte Rauschen der nassen Baume, und schon began- 
nen die Stimmen der Tiere zaghaft zu erwachen, die vor dem Gewit- 
ter verstummt waren. Die Musik im Innern des Hauses war still ge- 
worden. Nur die Reden der Menschen drangen durch die geschlosse- 
nen und verhangten Fenster. 

»Vielleicht haben Sie recht, Sie sind jung!« sagte Zoglauer endlich. Es 
war der lacherlichste, armlichste Teil dessen, was er in diesen Sekun- 
den gedacht hatte. Den Rest, ein grofies, verworrenes Knauel von 
Gedanken, verschluckte er wieder. 

Es war lange nach Mitternacht. Aber im Stadtchen standen noch die 
Menschen vor den Hausern, auf den holzernen Biirgersteigen, und 
sprachen. Sie blieben still, wenn der Leutnant vorbeikam. 
Als er das Hotel erreichte, graute der Morgen schon. Er offnete den 
Schrank. Zwei Uniformen, den Zivilanzug, die Wasche und den Sabel 
Max Demants legte er in den Koffer. Er arbeitete langsam, um die 
Zeit auszufullen. Er berechnete nach der Uhr die Dauer jeder Bewe- 
gung. Er dehnte die Bewegungen. Er furchtete die leere Zeit, die vor 
dem Rapport noch zuriickbleiben mufke. 



428 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Morgen war da, Onufrij brachte die Dienstuniform und die glan- 
zend gewichsten Stiefel. 

»Onufrij«, sagte der Leutnant, »ich verlasse die Armee. « 
»Jawohl, Herr Leutnant!« sagte Onufrij. Er ging hinaus, den Korridor 
entlang, die Treppe hinunter, in die Kammer, die er bewohnte, packte 
seine Sachen in ein buntes Tuch, band es an den Griff seines Knuppels 
und legte alles aufs Bett. Er beschlofi heimzukehren, nach Burdlaki, 
die Erntearbeiten begannen bald. Er hatte nichts mehr in der kaiser- 
und koniglichen Armee zu suchen. Man nannte so was »desertieren« 
und wurde dafiir erschossen. Die Gendarmen kamen nur einmal in der 
Woche nach Burdlaki, man konnte sich verbergen. Wie viele hatten es 
schon gemacht! Panterlejmon, der Sohn Ivans, Grigorij, der Sohn Ni- 
kolajs, Pawel, der Blatternarbige, Nikofor, der Rothaarige. Nur einen 
hatte man gefangen und verurteilt, aber das war schon lange her! 
Was den Leutnant Trotta betraf, so brachte er seine Bitte um die Ent- 
lassung aus der Armee beim Offiziersrapport vor. Er bekam sofort 
einen Urlaub. Auf dem Exerzierplatz verabschiedete er sich von den 
Kameraden. Sie wufiten nicht, was sie ihm sagen sollten. Sie standen im 
lockeren Kreis um ihn, bis endlich Zoglauer die Abschiedsformel fand. 
Sie war hochst einfach. Sie hiefi: »Alles Gute!«, und jeder wiederholte 
sie. 

Der Leutnant fuhr bei Chojnicki vor. »Bei mir ist immer Platz!« sagte 
Chojnicki. »Ich werde Sie iibrigens abholen!« 

Eine Sekunde lang dachte Trotta an Frau von Tauflig. Chojnicki erriet 
es und sagte: »Sie ist bei ihrem Mann. Sein Anfall wird diesmal lange 
dauern. Vielleicht bleibt er immer dort. Und er hat recht. Ich beneide 
ihn. Ich hab 5 sie iibrigens besucht. Sie ist alt geworden, lieber Freund, 
sie ist alt geworden !« 

Am nachsten Morgen, zehn Uhr vormittags, trat Leutnant Trotta in 
die Bezirkshauptmannschaft. Der Vater safi im Amt. Sobald man die 
Tiir aufgemacht hatte, sah man ihn sofort. Er safl der Tur gegenuber, 
neben dem Fenster. Durch die griinen Jalousien zeichnete die Sonne 
schmale Streifen auf den dunkelroten Teppich. Eine Fliege summte, 
eine Wanduhr tickte. Es war kuhl, schattig und sommerlich still, wie 
einst in den Ferien. Dennoch ruhte heute auf den Gegenstanden dieses 
Zimmers ein unbestimmter, neuer Glanz. Man wufite nicht, woher er 
kam. Der Bezirkshauptmann erhob sich. Er selbst verbreitete den 
neuen Schimmer. Das reine Silber seines Bartes farbte das grunge- 



RADETZKYMARSCH 429 

dampfte Licht des Tages und den rotlichen Glanz des Teppichs. Es 
atmete die leuchtende Milde eines unbekannten, vielleicht eines jen- 
seitigen Tags, der schon mitten im irdischen Leben Herrn von Trot- 
tas anbrach, wie die Morgen dieser Welt zu grauen beginnen, wah- 
rend die Sterne der Nacht noch leuchten. Vor vielen Jahren, wenn 
man aus Mahrisch-Weifikirchen zu den Ferien gekommen war, war 
der Backenbart des Vaters noch eine kleine, schwarze, zweigeteilte 
Wo Ike gewesen. 

Der Bezirkshauptmann blieb am Schreibtisch stehen. Er liefi den 
Sohn herankommen, legte den Zwicker auf die Akten und breitete die 
Arme aus. Sie kufiten sich fliichtig. »Setz dich!« sagte der Alte und 
wies auf den Lehnstuhi, auf dem Carl Joseph als Kadettenschiiler ge- 
sessen hatte, an den Sonntagen, von neun bis zwolf, die Miitze auf 
den Knien und die leuchtenden, schneeweiften Handschuhe auf der 
Miitze. 

»Vater!« begann Carl Joseph. »Ich verlasse die Armee.« 
Er wartete. Er fiihlte sofort, dafl er nichts erklaren konnte, solange er 
saft. Er stand also auf, stellte sich dem Vater gegemiber, an das andere 
Ende des Schreibtisches, und sah auf den silbernen Backenbart. 
»Nach diesem Ungluck«, sagte der Vater, »das uns vorgestern getrof- 
fen hat, gleicht so ein Abschied einer - einer - Desertion. « 
»Die ganze Armee ist dersertiert«, antwortete Carl Joseph. 
Er verlieft seinen Platz. Er begann, auf und ab durchs Zimmer zu ge- 
hen, die Linke am Riicken, mit der Rechten begleitete er seine Erzah- 
lung. Vor vielen Jahren war der Alte so durch das Zimmer gegangen. 
Eine Fliege summte, die Wanduhr tickte. Die Sonnenstreifen auf dem 
Teppich wurden immer starker, die Sonne stieg schnell hoher, sie 
mufke schon hoch am Himmel stehen. Carl Joseph unterbrach seine 
Erzahlung und warf einen Blick auf den Bezirkshauptmann. Der Alte 
safi, beide Hande hingen schlaff und halbverdeckt von den steifen, 
runden, glanzenden Manschetten an den Armlehnen. Sein Kopf sank 
auf die Brust, und die Flugel seines Bartes ruhten auf den Rockklap- 
pen. Er ist jung und toricht, dachte der Sohn. Er ist ein lieber, junger 
Tor mit weiften Haaren. Ich bin vielleicht sein Vater, der Held von 
Solferino. Ich bin alt geworden, er ist nur bejahrt. Er ging auf und ab, 
und er erlauterte: »Die Monarchic ist tot, sie ist tot!« schrie er auf 
und blieb still. 
»Wahrscheinlich!« murmelte der Bezirkshauptmann. 



43° ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er klingelte und befahl dem Amtsdiener: »Sagen Sie Fraulein Hirsch- 
witz, dafi wir heute zwanzig Minuten spater essen.« 
»Komm!« sagte er, stand auf, nahm Hut und Stock. Sie gingen in den 
Stadtpark. 

»Frische Luft kann nicht schaden!« sagte der Bezirkshauptmann. Sie 
vermieden den Pavilion, in dem das blonde Fraulein Soda mit Himbeer 
ausschenkte. »Ich bin miide!« sagte der Bezirkshauptmann. »Wirwol- 
len uns setzen!« Zum erstenmal, seitdem Herr von Trotta in dieser 
Stadt amtierte, nahm er auf einer gewohnlichen Bank im Garten Platz. 
Er zeichnete sinnlose Striche und Figuren mit dem Stock auf die Erde 
und sagte dazwischen: 

»Ich war beim Kaiser. Ich hab's dir eigentlich nicht sagen wollen. Der 
Kaiser selbst hat deine Affare erledigt. Kein Wort mehr daruber!« 
Carl Joseph schob seine Hand unter den Arm des Vaters. Er fiihlte 
jetzt den mageren Arm des Alten wie vor Jahren beim abendlichen 
Spaziergang in Wien. Er entfernte die Hand nicht mehr. Sie standen 
zusammen auf. Sie gingen Arm in Arm nach Hause. 
Fraulein Hirschwitz kam im sonntaglich grauseidenen Kleid. Ein 
schmaler Streifen ihrer hohen Frisur iiber der Stirn hatte die Farbe 
ihres festlichen Kleides angenommen. Sie hatte noch in aller Eile ein 
sonntagliches Essen ermoglicht: Nudelsuppe, Rinderspitz und Kirsch- 
knodel. 

Aber der Bezirkshauptmann verlor kein Wort daruber. Es war, als afie 
er ein ganz gewohnliches Schnitzel. 



XX 



Eine Woche spater verliefi Carl Joseph seinen Vater. Sie umarmten sich 
im Hausflur, bevor sie den Fiaker bestiegen. Nach der Meinung des 
alten Herrn von Trotta durften Zartlichkeiten nicht auf dem Perron, 
vor zufalligen Zeugen, stattfinden. Die Umarmung war fliichtig wie 
immer, umweht vom feuchten Schatten des Flurs und vom kiihlen 
Atem der steinernen Fliesen. Fraulein Hirschwitz wartete schon auf 
dem Balkon, gefafit wie ein Mann. Vergeblich hatte Herr von Trotta 
ihr zu erklaren versucht, dafi es iiberfliissig sei zu winken. Sie mochte 
es fiir eine Pflicht halten. Obwohl es nicht regnete, spannte Herr von 
Trotta den Regenschirm auf. Leichte Bewolkung des Himmels schien 



RADETZKYMARSCH 431 

ihm ein hinreichender Grund dazu. Unter dem Schutz des Regen- 
schirms stieg er in den Fiaker. Also konnte ihn Fraulein Hirschwitz 
vom Balkon aus nicht sehen. Er sprach kein Wort. Erst als der Sohn 
schon im Zug stand, hob der Alte die Hand, mit ausgestrecktem Zeige- 
finger: »Es ware gunstig«, sagte er, »wenn du krankheitshalber abgehn 
konntest. Man verlafit die Armee nicht ohne wichtige Ursache! . . .« 
»Jawohl, Papa!« sagte der Leutnant. 

Knapp vor der Abfahrt des Zuges verliefi der Bezirkshauptmann den 
Perron. Carl Joseph sah ihn dahingehen, mit straffem Riicken und den 
zusammengerollten Regenschirm mit auf w arts gerichteter Spitze wie 
einen gezogenen Sabel im Arm. Er wandte sich nicht mehr urn, der alte 
Herr von Trotta. 

Carl Joseph bekam seinen Abschied. »Was willst denn jetzt machen?« 
fragten die Kameraden. »Ich hab' einen Posten!« sagte Trotta, und sie 
fragten nicht mehr. 

Er erkundigte sich nach Onufrij. Man sagte ihm in der Regiments- 
kanzlei, dafi der Bursche Kolohin desertiert sei. 
Der Leutnant Trotta ging ins Hotel. Er kleidete sich langsam um. Zu- 
erst schnallte er den Sabel ab, die Waffe und das Abzeichen seiner 
Ehre. Vor diesem Augenblick hatte er Angst gehabt. Er wunderte sich, 
es ging ohne Wehmut. Eine Flasche Neunziggradiger stand auf seinem 
Tisch, er mufite nicht einmal trinken. Chojnicki kam, um ihn abzuho- 
len, schon knallte unten seine Peitsche; jetzt war er im Zimmer. Er 
setzte sich und sah zu. Es war Nachmittag, drei Uhr schlug es vom 
Turm. Alle satten Stimmen des Sommers stromten zum offenen Fen- 
ster herein. Der Sommer selbst rief den Leutnant Trotta. Chojnicki, in 
hellgrauem Anzug mit gelben Stiefeln, das gelbe Peitschenrohr in der 
Hand, war ein Abgesandter des Sommers. Der Leutnant fuhr mit dem 
Armel iiber die matte Scheide des Sabels, zog die Klinge, hauchte sie 
an, wischte mit dem Taschentuch iiber den Stahl und bettete die Waffe 
in ein Futteral. Es war, als putzte er eine Leiche vor der Bestattung. 
Bevor er das Futteral an den Koffer schnallte, wog er es noch einmal in 
der flachen Hand. Dann bettete er den Sabel Max Demants dazu. Er las 
noch die eingeritzte Inschrift unter dem Griff. »Verlafi diese Armee !« 
hatte Demant gesagt. Nun verliefi man diese Armee . . . 
Die Frosche quakten, die Grillen zirpten, unten vor dem Fenster wie- 
herten die Braunen Chojnickis, zogen ein bifkhen am leichten Wagel- 
chen, die Achsen der Rader stohnten. Der Leutnant stand da, im auf- 



432 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

geknopften Rock, das schwarze Halsband aus Kautschuk zwischen 
den offenen, griinen Aufschlagen der Bluse. Er wandte sich um und 
sagte: »Das Ende einer Karriere !« 

»Die Karriere ist zu Ende!« bemerkte Chojnicki. »Die Karriere selbst 
ist am Ende angelangt!« 

Jetzt legte Trotta den Rock ab, den Rock des Kaisers. Er spannte die 
Bluse iiber den Tisch, so wie man es in der Kadettenschule gelernt 
hatte. Er stiilpte zuerst den steifen Kragen um, faltete hierauf die Ar- 
mel und bettete sie in das Tuch. Dann schlug er die untere Halfte der 
Bluse auf, schon war sie ein kleines Packchen, das graue Moireeunter- 
futter schillerte. Dann kam die Hose dariiber, zweimal geknickt. Jetzt 
zog Trotta den grauen Zivilanzug an, den Riemen behielt er, letztes 
Andenken an seine Karriere (den Umgang mit Hosentragern hatte er 
niemals verstanden). »Mein Grofivater«, sagte er, »diirfte auch eines 
Tages seine militarische Personlichkeit so ahnlich eingepackt haben!« 
»Wahrscheinlich!« bestatigte Chojnicki. 

Der Koffer stand noch offen, die militarische Personlichkeit Trottas 
lag drinnen, eine vorschriftsmafiig zusammengefaltete Leiche. Es war 
Zeit, den Koffer zu schliefien. Nun ergriff der Schmerz plotzlich den 
Leutnant, die Tranen stiegen ihm in den Hals, er wandte sich Choj- 
nicki zu und wollte etwas sagen. Mit sieben Jahren war er Stift gewor- 
den, mit zehn Kadettenschiiler. Er war sein Leben lang Soldat gewe- 
sen. Man mufite den Sold at en Trotta begraben und beweinen. Man 
senkte nicht eine Leiche ins Grab, ohne zu weinen. Es war gut, dafi 
Chojnicki danebensafi. 

»Trinken wir«, sagte Chojnicki. »Sie werden wehmiitigU 
Sie tranken. Dann stand Chojnicki auf und schlofi den Koffer des 
Leutnants. 

Brodnitzer selbst trug den Koffer zum Wagen. »Sie waren ein lieber 
Mieter, Herr Baron!« sagte Brodnitzer. Er stand, den Hut in der 
Hand, neben dem Wagen. Chojnicki hielt schon die Zugel. Trotta 
fiihlte eine plotzliche Zartlichkeit fur Brodnitzer - Leben Sie wohl! 
wollte er sagen. Aber Chojnicki schnalzte mit der Zunge, und die 
Pferde zogen an, sie hoben die Kopfe und die Schwanze gleichzeitig, 
und die leichten, hohen Rader des Wagelchens rollten knirschend 
durch den Sand der Strafie wie durch ein weiches Bett. 
Sie fuhren zwischen den Sumpfen dahin, die vom Larm der Frosche 
widerhallten. 



RADETZKYMARSCH 433 

»Hier werden Sie wohnen!« sagte Chojnicki. 

Es war ein kleines Haus, am Rande des Waldchens, mit griinen Jalou- 
sien, wie sie vor dem Fenster der Bezirkshauptmannschaft angebracht 
waren. Jan Stepaniuk hauste hier, ein Unterforster, ein alter Mann mit 
herabhangendem, langem Schnauzbart aus oxydiertem Silber. Er hatte 
zwolf Jahre beim Militar gedient. Er sagte »Herr Leutnant« zu Trotta, 
heimgekehrt zur rnilitarischen Muttersprache. Er trug ein grobgeweb- 
tes Leinenhemd mit schmalem, blau-rot besticktem Kragen. Der Wind 
blahte die breiten Armel des Hemdes, es sah aus, als waren seine Arme 
Fliigel. 

Hier blieb der Leutnant Trotta. 

Er war entschlossen, niemanden von seinen Kameraden wiederzuse- 
hen. 

Beim Schein der flackernden Kerze, in seiner holzernen Stube, schrieb 
er dem Vater, auf gelblichem, fasrigem Kanzleipapier, die Anrede vier 
Finger Abstand vom oberen Rand, den Text zwei Finger Abstand vom 
seitlichen. Alle Brief e glichen einander wie Dienstzettel. 
Er hatte wenig Arbeit. Er trug die Namen der Lohnarbeiter in grofte, 
schwarz-griin gebundene Biicher ein, die Lohne, den Bedarf der Gaste, 
die bei Chojnicki wohnten. Er addierte die Zahlen, guten Willens, aber 
falsch, berichtete vom Stand des Gefliigels, von den Schweinen, von 
dem Obst, das man verkaufte oder behielt, von dem kleinen Gelande, 
in dem der gelbe fiopfen wuchs, und von der Darre, die jedes Jahr an 
einen Kommissionar vermietet wurde. 

Er kannte nun die Sprache des Landes. Er verstand einigermafkn, was 
die Bauern sagten. Er handelte mit den rothaarigen Juden, die schon 
Holz fur den Winter einzukaufen begannen. Er lernte die Unter- 
schiede zwischen dem Wert der Birken, der Fichten, der Tannen, der 
Eichen, der Linden und des Ahorns kennen. Er knauserte. Genauso 
wie sein Groftvater, der Held von Solferino, der Ritter der Wahrheit, 
zahlte er mit hageren, harten Fingern harte Silbermiinzen, wenn er in 
die Stadt kam, am Donnerstag, zum Schweinemarkt, um Sattel, Kum- 
met, Joch und Sensen einzukaufen, Schleifsteine, Sicheln, Harken und 
Samen. Wenn er zufallig einen Offizier vorbeigehen sah, senkte er den 
Kopf. Es war eine iiberflussige Vorsicht. Sein Schnurrbart wuchs und 
wucherte, seine Bartstoppeln starrten hart, schwarz und dicht an sei- 
nen Wangen, man konnte ihn kaum erkennen. Schon bereitete man 
sich allenthalben fur die Ernte vor, die Bauern standen vor den Hiitten 



434 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und schliffen die Sensen an den runden, ziegelroten Steinen. Uberall 
im Land sirrte der Stahl an den Steinen und iibertonte den Gesang der 
Grillen. In der Nacht horte der Leutnant manchmal Musik und Larm 
aus dem »neuen SchloE« Chojnickis. Er nahm diese Stimmen in seinen 
Schlaf hinuber wie das nachtliche Krahen der Hahne und das Gebell 
der Hunde bei Vollmond. Er war endlich zufrieden, einsam und still. 
Es war, als hatte er niemals ein anderes Leben gefuhrt. Wenn er nicht 
schlafen konnte, erhob er sich, ergriff den Stock, ging durch die Felder, 
mitten durch den vielstimmigen Chor der Nacht, erwartete den Mor- 
gen, begriifite die rote Sonne, atmete den Tau und den sachten Gesang 
des Windes, der den Tag verkiindet. Er war frisch wie nach durch- 
schlafenen Nachten. 

Jeden Nachmittag ging er durch die angrenzenden Dorfer. »Gelobt sei 
Jesus Christus!« sagten die Bauern. »In Ewigkeit. Amen!« erwiderte 
Trotta. Er ging wie sie, die Knie geknickt. So waren die Bauern von 
Sipolje gegangen. 

Eines Tages kam er durch das Dorf Burdlaki. Der winzige Kirchturm 
stand, ein Finger des Dorfes, gegen den blauen Himmel. Es war ein 
stiller Nachmittag. Die Hahne krahten schlaf rig. Die Miicken tanzel- 
ten und summten die ganze Dorfstrafie entlang. Plotzlich trat ein voll- 
bartiger, schwarzer Bauer aus seiner Hutte, stellte sich mitten in den 
Weg und grufite: »Gelobt sei Jesus Christus!« 
»In Ewigkeit. Amen!« sagte Trotta und wollte weitergehen. 
»Herr Leutnant, hier ist Onufrij!« sagte der bartige Bauer. Der Bart 
umhullte sein Angesicht, ein gespreizter, schwarzer, dichtgefiederter 
Facher. »Warum bist du desertiert?« sagte Trotta. »Bin nur nach 
Hause gegangen !« sagte Onufrij. Es hatte keinen Sinn, so torichte Fra- 
gen zu stellen. Man verstand Onufrij gut. Er hatte dem Leutnant ge- 
dient wie der Leutnant dem Kaiser. Es gab kein Vaterland mehr. Es 
zerbrach, es zersplitterte. »Hast du keine Angst?« fragte Trotta. Onu- 
frij hatte keine Angst. Er wohnte bei seiner Schwester. Die Gendarmen 
gingen jede Woche durchs Dorf, ohne sich umzusehen. Es waren iibri- 
gens Ukrainer, Bauern wie Onufrij selbst. Wenn man beim Wachtmei- 
ster keine schriftliche Anzeige erstattete, brauchte er sich um nichts zu 
kummern. In Burdlaki erstattete man keine Anzeigen. 
»Leb wohl, Onufrij !« sagte Trotta. Er ging die gebogene Strafte hinauf, 
die unversehens in die weiten Felder miindete. Bis zur Biegung folgte 
ihm Onufrij. Er horte den Schritt der genagelten Soldatenstiefel auf 



RADETZKYMARSCH 435 

dem Schotter des Weges. Die ararischen Stiefel hatte Onufrij mitge- 
nommen. Man ging zum Juden Abramtschik in die Dorfschenke. Man 
bekam doit Kernseife, Schnaps, Zigaretten, Knaster und Briefmarken. 
Der Jude hatte einen feuerroten Bart. Er safi vor dem gewolbten Tor 
seiner Schenke und leuchtete weithin, iiber zwei Kilometer der Land- 
strafie. Wenn er einmal alt wird, dachte der Leutnant, ist er ein weifi- 
bartiger Jude wie der Grofivater Max Demants. 

Trotta trank einen Schnaps, kaufte Tabak und Briefmarken und ging. 
Von Burdlaki fuhrte der Weg an Oleksk vorbei, zum Dorfe Sosnow, 
dann zu Bytok, Leschnitz und Dombrowa. Jeden Tag ging er diesen 
Weg. Zweimal passierte er die Bahnstrecke, zwei schwarz-gelbe, ver- 
waschene Bahnschranken und die glasernen, unaufhorlich klingenden 
Signale in den Wachterhauschen. Das waren die frohlichen Stimmen 
der grofien Welt, die den Baron Trotta nicht mehr kiimmerten. Ausge- 
loscht war die grofie Welt. Ausgeloscht waren die Jahre beim Militar, 
als ware man immer schon iiber Felder und Landstrafien gegangen, den 
Stock in der Hand, niemals den Sabel an der Hiifte. Man lebte wie der 
Grofivater, der Held von Solferino, und wie der Urgroflvater, der In- 
valide im Schlofipark von Laxenburg, und vielleicht wie die namenlo- 
sen, unbekannten Ahnen, die Bauern von Sipolje. Immer den gleichen 
Weg, an Oleksk vorbei, nach Sosnow, nach Bytok, nach Leschnitz und 
Dombrowa. Diese Dorfer lagen im Kreis um Chojnickis Schloft, alle 
gehorten ihm. Von Dombrowa fuhrte ein weidenbestandener Pfad zu 
Chojnicki. Es war noch fruh. Schritt man starker aus, so erreichte man 
ihn noch vor sechs Uhr und traf keinen der friiheren Kameraden. 
Trotta verlangerte die Schritte. Jetzt stand er unter den Fenstern. Er 
pfiff. Chojnicki erschien am Fenster, nickte und kam heraus. 
»Es ist endlich soweit!« sagte Chojnicki. »Der Krieg ist da. Wir haben 
ihn lang erwartet. Dennoch wird er uns uberraschen. Es ist, scheint es, 
einem Trotta nicht beschieden, lange in Freiheit zu leben. Meine Uni- 
form ist bereit. In einer Woche, denke ich, oder in zwei werden wir 
einriicken.« 

Es schien Trotta, als ware die Natur niemals so friedlich gewesen wie 
in dieser Stunde. Man konnte schon mit freiem Aug' in die Sonne blik- 
ken, sie sank, in sichtbarer Schnelligkeit, dem Westen entgegen. Sie zu 
empfangen, kam ein heftiger Wind, krauselte die weiflen Wolkchen am 
Himmel, wellte die Weizen- und Kornahren auf der Erde und strei- 
chelte die roten Gesichter des Mohns. Ein blauer Schatten schwebte 



4}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

iiber die griinen Wiesen. Im Osten versank das Waldchen in schwarzli- 
chem Violett. Das kleine, weifie Haus Stepaniuks, in dem Trotta 
wohnte, leuchtete am Rande des Waldchens, in den Fenstern brannte 
das schmelzende Licht der Sonne. Die Grillen zirpten heftiger auf. 
Dann trug der Wind ihre Stimmen in die Feme, es wurde einen Augen- 
blick still, man vernahm den Atem der Erde. Plotzlich horte man von 
oben, unter dem Himmel, ein schwaches, heiseres Kreischen. Choj- 
nicki erhob die Hand. »Wissen Sie, was es ist? Wilde Ganse! Sie verlas- 
sen uns friih. Es ist noch mitten im Sommer. Sie horen schon die 
Schiisse. Sie wissen, was sie tun!« 

Es war Donnerstag heute, der Tag der »kleinen Feste«. Chojnicki 
kehrte um. Trotta ging langsam den glitzernden Fenstern seines Haus- 
chens zu. 

In dieser Nacht schlief er nicht. Er horte um Mitternacht den heiseren 
Schrei der wilden Ganse. Er kleidete sich an. Er trat vor die Tiir. Stepa- 
niuk lag im Hemd vor der Schwelle, seine Pfeife glomm rotlich. Er lag 
flach auf der Erde und sagte, ohne sich zu riihren: »Man kann heute 
nicht schlafen!« 
»Die Ganse!« sagte Trotta. 

»So ist es, die Ganse !« bestatigte Stepaniuk. »Seitdem ich lebe, habe ich 
sie noch nicht so friih im Jahr gehort. Horen Sie, horen Sie! . . .« 
Trotta sah den Himmel an. Die Sterne blinzelten wie immer. Es war 
nichts anderes am Himmel zu sehen. Dennoch schrie es unaufhorlich 
heiser unter den Sternen. »Sie iiben«, sagte Stepaniuk. »Ich liege schon 
lange hier. Manchmal kann ich sie sehen. Es ist nur ein grauer Schatten. 
Schaun Sie!« Stepaniuk streckte den glimmenden Pfeifenkopf gegen 
den Himmel. Man sah in diesem Augenblick den winzigen, weifien 
Schatten der wilden Ganse unter dem kobaltenen Blau. Zwischen den 
Sternen wehten sie dahin, ein kleiner, heller Schleier. » Das ist noch 
nicht alles!« sagte Stepaniuk. »Heute morgen habe ich viele Hunderte 
Raben gesehen wie noch nie. Fremde Raben, sie kommen aus fremden 
Gegenden. Sie kommen, glaub' ich, aus RuEland. Man sagt bei uns, 
dafi die Raben die Propheten unter den Vogeln sind.« 
Am nordostlichen Horizont lag ein breiter, silberner Streifen. Er 
wurde zusehends heller. Ein Wind erhob sich. Er brachte ein paar ver- 
worrene Klange aus dem Schlofi Chojnickis heriiber. Trotta legte sich 
neben Stepaniuk auf den Boden. Er sah schlafrig die Sterne an, lauschte 
auf das Geschrei der Ganse und schlief ein. 



RADETZKYMARSCH 437 

Er erwachte beim Aufgang der Sonne. Es war, als hatte er eine halbe 
Stunde geschlafen, aber es mufiten mindestens vier vergangen sein. 
Statt der gewohnten zwitschernden Vogelstimmen, die jeden Morgen 
begriifit hatten, erscholl heute das schwarze Krachzen viel Hunderter 
Raben. An der Seite Trottas erhob sich Stepaniuk. Er nahm die Pfeife 
aus dem Mund (sie war kalt geworden, wahrend er geschlafen hatte) 
und deutete mit dem Pfeifenstiel auf die Baume ringsum. Die grofien 
schwarzen Vogel safien Starr auf den Zweigen, unheimliche Fruchte, 
aus den Liiften herabgef alien. Sie safien unbeweglich, die schwarzen 
Vogel, und krachzten nur. Stepaniuk warf Steine gegen sie. Aber die 
Raben schlugen nur ein paarmal mit den Fliigeln. Sie hockten wie an- 
gewachsene Fruchte auf den Zweigen. »Ich werde schiefien«, sagte Ste- 
paniuk. Er ging ins Haus, er holte die Flinte, er schofi. Ein paar Vogel 
fielen nieder, der Rest schien den Knall nicht gehort zu haben. Alle 
blieben auf den Zweigen hocken. Stepaniuk las die schwarzen Leichen 
auf, er hatte ein gutes Dutzend geschossen, er trug seine Beute in bei- 
den Handen zum Haus, das Blut tropfte auf das Gras. »Merkwiirdige 
Raben«, sagte er, »sie ruhren sich nicht. Es sind die Propheten unter 
den V6geln.« 

Es war Freitag. Am Nachmittag ging Carl Joseph wie gewohnlich 
durch die Dorfer. Die Grillen zirpten nicht, die Frosche quakten nicht, 
nur die Raben schrien. Uberall safien sie, auf den Linden, auf den Ei- 
chen, auf den Birken, auf den Weiden. Vielleicht kommen sie jedes 
Jahr vor der Ernte, dachte Trotta. Sie horen, wie die Bauern die Sensen 
schleifen, dann versammeln sie sich eben. - Er ging durch das Dorf 
Burdlaki, er hoffte im stillen, dafi Onufrij wieder kommen wiirde. 
Onufrij kam nicht. Vor den Hiitten standen die Bauern und schliffen 
den Stahl an den rotlichen Steinen. Manchmal sahen sie auf, das Krach- 
zen der Raben storte sie, und schossen schwarze Fluche gegen die 
schwarzen Vogel ab. 

Trotta kam an der Schenke Abramtschiks vorbei, der rothaarige Jude 
saE vor dem Tor, sein Bart leuchtete. Abramtschik erhob sich. Er liif- 
tete das schwarze Samtkappchen, deutete in die Luft und sagte: »Ra- 
ben sind gekommen! Sie schreien den ganzen Tag! Kluge Vogel! Man 
muE achtgeben!« 

»Vielleicht, ja, vielleicht haben Sie recht!« sagte Trotta und ging weiter, 
den gewohnten, weidenbestandenen Pfad, zu Chojnicki. Jetzt stand er 
unter den Fens tern. Er pfiff. Niemand kam. 



438 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Chojnicki war sicherlich in der Stadt. Trotta ging den Weg zur Stadt, 
zwischen den Siimpfen, um niemandem zu begegnen. Nur die Bauern 
benutzten diesen Weg. Einige kamen ihm entgegen. Der Pfad war so 
schmal, dafi man einander nicht ausweichen konnte. Einer mufite ste- 
henbleiben und den andern vorbeilassen. Alle, die Trotta heute entge- 
genkamen, schienen hastiger dahinzugehen als sonst. Sie griifiten 
fluch tiger als sonst. Sie machten grofiere Schritte. Sie gingen mit ge- 
senkten Kopfen wie Menschen, die von einem wichtigen Gedanken 
erfullt sind. Und auf einmal, Trotta sah schon den Zollschranken, hin- 
ter dem das Stadtgebiet begann, vermehrten sich die Wanderer, es war 
eine Gruppe von zwanzig und mehr Menschen, die jetzt einzeln abfie- 
len und hintereinander den Pfad betraten. Trotta blieb stehen. Er 
merkte, dafi es Arbeiter sein mufiten, Borstenarbeiter, die in die Dorfer 
heimkehrten. Vielleicht befanden sich unter ihnen Menschen, auf die 
er geschossen hatte. Er blieb stehen, um sie vorbeizulassen. Sie haste- 
ten stumm dahin, einer hinter dem andern, jeder mit einem Packchen 
am geschulterten Stock. Der Abend schien schneller einzubrechen, als 
verstarkten die dahineilenden Menschen seine Dunkelheit. Der Him- 
mel war leicht bewolkt, rot und klein ging die Sonne unter, der silber- 
graue Nebel erhob sich iiber den Siimpfen, der irdische Bruder der 
Wolken, der seinen Schwestern entgegenstrebte. Plotzlich begannen 
alle Glocken des Stadtchens zu lauten. Die Wanderer hielten einen Au- 
genblick ein, lauschten und gingen weiter. Trotta hielt einen der letz- 
ten an und fragte, warum die Glocken lauteten. »Es ist wegen des Krie- 
ges«, antwortete der Mann, ohne den Kopf zu heben. 
»Wegen des Krieges«, wiederholte Trotta. Selbstverstandlich gab es 
Krieg. Es war, als hatte er es seit heute morgen, seit gestern abend, seit 
vorgestern, seit Wochen gewufit, seit dem Abschied und dem unseli- 
gen Fest der Dragoner. Das war der Krieg, auf den er sich schon als 
Siebenjahriger vorbereitet hatte. Es war sein Krieg, der Krieg des En- 
kels. Die Tage und die Helden von Solferino kehrten wieder. Die 
Glocken drohnten ohne Unterlafi. Jetzt kam der Zollschranken. Der 
Wachter mit dem Holzbein stand vor seinem Hauschen, von Men- 
schen umringt, an der Tiir hing ein leuchtendes, schwarz-gelbes Pla- 
kat. Die ersten Worte, schwarz auf gelbem Grund, konnte man auch 
aus der Feme lesen. Wie schwere Balken ragten sie iiber die Kopfe der 
angesammelten Menschen: »An meine V6lker!« 
Bauern in kurzen und stark riechenden Schafspelzen, Juden in flattern- 



RADETZKYMARSCH 439 

den, schwarz-griinen Kaftans, schwabische Landwirte aus den deut- 
schen Kolonien in griinem Loden, polnische Burger, Kaufleute, Hand- 
werker und Beamte umringten das Hauschen des Zollwachters. An 
jeder der vier freistehenden Wande klebten die grofien Plakate, jedes in 
einer anderen Landessprache, jedes beginnend mit der Anrede des Kai- 
sers: »An meine V6lkerl« Die des Lesens kundig waren, lasen laut die 
Plakate vor. Ihre Stimmen vermis ch ten sich mit dem drohnenden Ge- 
sang der Glocken. Manche gingen von einer Wand zur anderen und 
lasen den Text in jeder Sprache. Wenn eine der Glocken verhallt war, 
begann sofort eine neue zu drohnen. Aus dem Stadtchen stromten die 
Menschen herbei, in die breite Strafte, die zum Bahnhof fuhrte. Trotta 
ging ihnen entgegen in die Stadt. Es war Abend geworden, und da es 
ein Freitagabend war, brannten die Kerzen in den kleinen Hauschen 
der Juden und erleuchteten die Burgersteige. Jedes Hauschen war wie 
eine kleine Gruft. Der Tod selbst hatte die Kerzen angeziindet. Lauter 
als an den andern Feiertagen der Juden scholl ihr Gesang aus den Hau- 
sern, in denen sie beteten. Sie griifiten einen aufterordentlichen, einen 
blutigen Sabbat. Sie stiirzten in schwarzen, hastigen Rudeln aus den 
Hausern, sammelten sich an den Kreuzungen, und bald erhob sich ihr 
Wehklagen um jene unter ihnen, die Soldaten waren und morgen 
schon einriicken mufiten. Sie gaben sich die Hande, sie kiifken sich auf 
die Backen, und wo zwei sich umarmten, vereinigten sich ihre roten 
Barte wie zu einem besonderen Abschied, und die Manner muEten mit 
den Handen die Barte voneinander trennen. Uber den Kopfen schlu- 
gen die Glocken. Zwischen ihren Gesang und die Rufe der Juden fielen 
die schneidenden Stimmen der Trompeten aus den Kasernen. Man 
blies den Zapfenstrekh, den letzten Zapfenstreich. Schon war die 
Nacht gekommen. Man sah keinen Stern. Triib, niedrig und flach hing 
der Himmel liber dem Stadtchen! 

Trotta kehrte um. Er suchte nach einem Wagen, es gab keinen. Er ging 
mit schnellen, groften Schritten zu Chojnicki. Das Tor stand of fen, alle 
Zimmer waren erleuchtet wie bei den »grofien Festen«. Chojnicki kam 
ihm im Vorraum entgegen, in Uniform, mit Helm und Patronentasch- 
chen. Er liefi einspannen. Er hatte drei Meilen bis zu seiner Garnison, 
er wollte in der Nacht fort. »Wart einen AugenblickU sagte er. Er 
sagte zum erstenmal du zu Trotta, vielleicht aus Unachtsamkeit, viel- 
leicht, weil er schon in Uniform war. »Ich fahr' dich noch vorbei und 
dann in die Stadt. « 



440 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie fuhren vor Stepaniuks Hauschen. Chojnicki setzt sich. Er sieht zu, 
wie Trotta sein Zivil ablegt und die Uniform anzieht. Stuck fur Stuck. 
So hat er vor einigen Wochen erst - aber lang ist es her! - in Brodnk- 
zers Hotel zugesehen, wie Trotta seine Uniform ausgezogen hatte. 
Trotta kehrte in seine Montur zuriick, in seine Heimat. Er zieht den 
Sabel aus dem Funeral. Er schnallt die Feldbinde urn, die riesigen, 
schwarz-gelben Quasten streicheln zartlich das schimmernde Metall 
des Sabels. Jetzt schliefit Trotta den Koffer. 

Sie haben nur wenig Zeit, Abschied zu nehmen. Sie halten vor der 
Kaserne der Jager. »Adieu!« sagt Trotta. Sie dnicken sich die Hand 
sehr lange, die Zeit vergeht fast horbar hinter dem breiten, unbewegli- 
chen Riicken des Kutschers. Es ist, als ware es nicht genug, die Hande 
zu driicken. Sie fiihlen, dafi man mehr tun miifite. »Bei uns kiifit man 
sich«, sagt Chojnicki. Sie umarmen sich also und kiissen sich schnell. 
Trotta steigt ab. Der Posten vor der Kaserne salutiert. Die Pferde Zie- 
hen an. Hinter Trotta fallt das Tor der Kaserne zu. Er steht noch einen 
Augenblick und hort den Wagen Chojnickis wegfahren. 



XXI 



Noch in dieser Nacht marschierte das Bataillon der Jager in Richtung 
nach Nordosten gegen die Grenze Woloczyska. Es begann zuerst 
sachte, dann immer starker zu regnen, und der weifte Staub der Land- 
strafte verwandelte sich in silbergrauen Schlamm. Der Kot schlug klat- 
schend iiber den Stiefeln der Soldaten zusammen und bespritzte die 
tadellosen Uniformen der Offiziere, die vorschriftsmafiig in den Tod 
gingen. Die langen Sabel storten sie, und an ihren Huften hingen die 
prachtvollen, langhaarigen Quasten der schwarz-goldenen Feldbin- 
den, verfilzt, durchnafit und bespritzt von tausend kleinen Schlamm- 
klumpchen. Beim Morgengrauen erreichte das Bataillon sein Ziel, ver- 
einigte sich mit zwei fremden Infanterieregimentern und bildete 
Schwarmlinien. So warteten sie zwei Tage, und es war nichts vom 
Krieg zu sehen. Manchmal horten sie aus der Feme, zu ihrer Rechten, 
verlorene Schiisse. Es waren kleinere Grenzgeplankel zwischen berit- 
tenen Truppen. Man sah manchmal verwundete Grenzfinanzer, auch 
hie und da einen toten Grenzgendarmen. Sanitater schafften Verwun- 
dete wie Leichen weg, an den wartenden Soldaten vorbei. Der Krieg 



RADETZKYMARSCH 441 

wollte nicht anfangen. Er zogerte, wie manchmal Gewitter tagelang 
zogern, bevor sie ausbrechen. 

Am dritten Tag karri der Befehl zum Riickzug, und das Bataillon for- 
mierte sich zum Abmarsch. Die Offiziere wie die Mannschaften waren 
enttauscht. Es verbreitete sich das Geriicht, dafi zwei Meilen ostlich 
ein ganzes Dragonerregiment aufgerieben worden sei Kosaken sollten 
bereits im eigenen Lande eingebrochen sein. Man marschierte schweig- 
sam und mifimutig nach Westen. Man merkte bald, dafi ein unvorbe- 
reiteter Riickzug stattfand, denn man stiefi auf ein verworrenes Ge- 
wimmel verschiedenster Waffengattungen an den Kreuzungen der 
Landstraften und in Dorfern und kleinen Stadtchen. Vom Armeekom- 
mando kamen zahlreiche und sehr verschiedene Befehle. Die meisten 
bezogen sich auf die Evakuierung der Dorfer und Stadte und auf die 
Behandlung der russisch gesinnten Ukrainer, der Geistlichen und der 
Spione. Voreilige Standgerichte verkiindeten in den Dorfern voreilige 
Urteile. Geheime Spitzel lieferten unkontrollierbare Berichte iiber 
Bauern, Popen, Lehrer, Photographen, Beamte. Man hatte keine Zeit. 
Man mufke sich schleunigst zuriickziehen, aber auch die Verrater 
schleunigst bestrafen. Und wahrend sich Sanitatswagen, Trainkolon- 
nen, Feidartillerie, Dragoner, Ulanen und Infanteristen im standigen 
Regen auf den aufgeweichten Strafien in ratlosen und plotzlich ent- 
standenen Knaueln zusammenfanden, Kuriere hin und her galoppier- 
ten, die Einwohner der kleinen Stadtchen in endlosen Scharen nach 
dem Westen fluchteten, umflattert vom weiften Schrecken, beladen mit 
weiften und roten Bettpolstern, grauen Sacken, braunen Mobelstiicken 
und blauen Petroleumlampen, knallten von den Kirchplatzen der Wei- 
ler und Dorfer die Schlisse der hastigen Vollstrecker hastiger Urteile, 
und der diistere Trommelwirbel begleitete die eintonigen Urteilssprii- 
che der Auditoren, und die Weiber der Ermordeten lagen kreischend 
um Gnade vor den kotbedeckten Stiefeln der Offiziere, und loderndes 
rotes und silbernes Feuer schlug aus Hiitten und Scheunen, Stallen und 
Schobern. Der Krieg der osterreichischen Armee begann mit Militar- 
gerichten. Tagelang hingen die echten und die vermeintlichen Verrater 
an den Baumen auf den Kirchplatzen, zur Abschreckung der Lebendi- 
gen. Aber weit und breit waren die Lebenden geflohen. Rings um die 
hangenden Leichen an den Baumen brannte es, und schon begann das 
Laub zu knistern, und das Feuer war starker als der standige, leise 
rieselnde, graue Landregen, der den blutigen Herbst einleitete. Die alte 



44 2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Rinde der uralten Baume verkohlte langsam, und schwelende, winzige, 
silberne Funken krochen zwischen den Rillen empor, feurige Wiirmer, 
erfafiten die Blatter, das griine Blatt rollte sich zusammen und wurde 
rot, dann schwarz, dann grau; die Stricke losten sich, und die Leichen 
fielen zu Boden, die Gesichter verkohlt und die Korper noch unver- 
sehrt. 

Eines Tages machten sie Rast im Dorfe Krutyny. Sie kamen am Nach- 
mittag, sie sollten am nachsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, wei- 
ter nach Westen. An diesem Tage hatte der Landregen aufgehort, und 
die Sonne eines spaten Septembertages spann ein gutiges, silbernes 
Licht liber die weiten Felder, auf denen das Getreide noch stand, das 
lebendige Brot, das nicht mehr gegessen werden sollte. Der Altweiber- 
sommer zog langsam durch die Luft. Sogar die Raben und Krahen 
verhielten sich still, getauscht von dem fluchtigen Frieden dieses Tages 
und also ohne Hoffnung auf das erwartete Aas. Man war seit acht 
Tagen nicht aus den Kleidern gekommen. Die Stiefel hatten sich mit 
Wasser vollgesogen, die FuEe waren geschwollen, die Knie steif, die 
Waden schmerzten, die Riicken konnten sich nicht mehr biegen. Man 
war in den Hiitten untergebracht, versuchte, aus den Koffern trockene 
Kleidungsstiicke zu holen und sich an den sparlichen Brunnen zu wa- 
schen. In der Nacht, sie war klar und still, und nur die vergessenen und 
verlassenen Hunde in einzelnen Gehoften heulten vor Hunger und 
Angst, konnte der Leutnant nicht schlafen. Und er verliefi die Hiitte, 
in der er einquartiert wan Er ging die langgestreckte Dorfstrafie ent- 
lang, in die Richtung des Kirchturms, der sich mit seinem griechischen 
doppelten Kreuz gegen die Sterne erhob. Die Kirche mit schindelge- 
decktem Dach stand in der Mitte des kleinen Friedhofs, umgeben von 
schiefen, holzernen Kreuzen, die im nachtlichen Licht zu tanzeln 
schienen. Vor dem grofien, grauen, weitgeoffneten Tor des Friedhofs 
hingen drei Leichen, in der Mitte ein bartiger Priester, zu beiden Seiten 
zwei junge Bauern in sandgelben Joppen, grobgeflochtene Bastschuhe 
an den reglosen Fufien. Die schwarze Kutte des Priesters, der in der 
Mitte hing, reichte bis zu seinen Schuhen. Und manchmal bewegte der 
Nachtwind die Fiifie des Priesters so, dafi sie wie stumme Kloppel 
einer taubstummen Glocke an das Rund des Pries tergewandes schlu- 
gen und, ohne einen Klang hervorzurufen, dennoch zu lauten schie- 
nen. 
Leutnant Trotta ging naher an die Gehenkten heran. Er sah in ihre 



RADETZKYMARSCH 443 

aufgedunsenen Gesichter. Und er glaubte in den dreien den und jenen 
seiner Soldaten zu erkennen. Das waren die Gesichter des Volkes, mit 
dem er jeden Tag exerziert hatte. Der schwarze, gespreizte Facherbart 
des Priesters erinnerte ihn an den Bart Onufrijs. So hatte Onufrij zu- 
letzt ausgesehen. Und wer weifi, vielleicht war Onufrij der Bruder die- 
ses aufgehangten Priesters. Leutnant Trotta sah sich um. Er lauschte. 
Es war kein menschlicher Laut zu horen. Im Glockenturm der Kirche 
rauschten die Fledermause. In den verlassenen Gehoften bellten die 
verlassenen Hunde. Da zog der Leutnant seinen Sabel und schnitt die 
drei Gehenkten ab, einen nach dem andern. Dann nahm er eine Leiche 
nach der andern auf die Schulter und trug sie alle, eine nach der andern, 
in den Kirchhof. Dann begann er, mit dem blanken Sabel die Erde auf 
den Wegen zwischen den Grabern aufzulockern, so lange, bis er Platz 
fur drei Leichen gefunden zu haben glaubte. Dann legte er sie alle drei 
hin, schaufelte die Erde iiber sie, mit Sabel und Scheide, trat noch mit 
den Fufien auf der Erde herum und stampfte sie fest. Dann machte er 
das Zeichen des Kreuzes. Seit der letzten Messe in der Mahrisch-Weifi- 
kirchener Kadettenschule hatte er nicht mehr das Kreuz geschlagen. Er 
wollte noch ein Vaterunser sagen, aber seine Lippen bewegten sich 
nur, ohne daft er einen Laut hervorbrachte. Irgendein nachtlicher Vo- 
gel schrie. Die Fledermause rauschten. Die Hunde heulten. 
Am nachsten Morgen, vor dem Aufgang der Sonne, marschierten sie 
weiter. Die silbernen Nebel des herbstlichen Morgens verhiillten die 
Welt. Bald aber entstieg ihnen die Sonne, gliihend wie im Hochsom- 
mer. Sie bekamen Durst. Sie marschierten durch eine verlassene, san- 
dige Gegend. Manchmal schien es ihnen, als horten sie irgendwo Was- 
ser rauschen. Einige Soldaten liefen in die Richtung, aus der das Ge- 
rausch des Wassers zu kommen schien, und kehrten sofort wieder um. 
Kein Bach, kein Teich, kein Brunnen. Sie kamen durch ein paar Dor- 
fer, aber die Brunnen waren verstopft von Leichen Erschossener und 
Hingerichteter. Die Leichen hingen, manchmal in der Mitte gefaltet, 
iiber die holzernen Rander der Brunnen. Die Soldaten sahen nicht 
mehr in die Tiefe. Sie kehrten zuriick. Man marschierte weiter. 
Der Durst wurde starker. Der Mittag kam. Sie horten Schusse und 
legten sich flach auf die Erde. Der Feind hatte sie wahrscheinlich schon 
iiberholt. Sie schlangelten sich weiter, auf die Erde gednickt. Bald be- 
gann, sie sahen es bereits, der Weg breiter zu werden. Schon leuchtete 
eine verlassene Bahnstation. Hier fingen die Schienen an. Im Lauf- 



444 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schritt erreichte das Bataillon die Station, hier war man sicher; ein paar 
Kilometer weit war man zu beiden Seiten von den Bahndammen ge- 
deckt. Der Feind, vielleicht eine dahingaloppierende Sotnia Kosaken, 
mochte sich jenseits des Dammes auf gleicher Hohe befinden. Still und 
gedriickt marschierten sie zwischen den Bahndammen. Plotzlich rief 
einer: »Wasser!« Und im nachsten Augenblick hatten alle auch schon 
den Brunnen auf dem Grat des Bahndammes neben einem Wachter- 
hauschen erblickt. »Hierbleiben!« kommandierte Major Zoglauer. 
»Hierbleiben!« wiederholten die Offiziere. Die durstigen Manner aber 
waren nicht zu halten. Einzeln zuerst, dann in Gruppen, liefen die 
Manner den Abhang hinan; Schiisse knallten, und die Manner fielen. 
Die feindlichen Reiter jenseits des Bahndammes schossen auf die dur- 
stigen Manner, und immer mehr durstige Manner liefen dem todlichen 
Brunnen entgegen. Und als sich der zweite Zug der zweiten Kompanie 
dem Brunnen naherte, lag schon ein Dutzend Leichen auf dem griinen 
Abhang. 

»Zug halt!« kommandierte Leutnant Trotta. Er trat seitwarts und 
sagte: »Ich werde euch Wasser bringen! Dafi keiner sich riihrt! Hier 
warten! Eimer her!« Man brachte ihm zwei Eimer aus wasserdichtem 
Leinen von der Maschinengewehrabteilung. Er nahm beide, je einen 
Eimer in jede Hand. Und er ging den Abhang hinauf, dem Brunnen 
zu. Die Kugeln umpfiffen ihn, fielen vor s einen Fiifien nieder, flogen 
an seinen Ohren vorbei und an seinen Beinen und iiber seinen Kopf 
hinweg. Er beugte sich iiber den Brunnen. Er sah auf der anderen Seite, 
jenseits des Abhangs, die zwei Reihen der zielenden Kosaken. Er hatte 
keine Angst. Es fiel ihm nicht ein, daft er getroffen werden konnte wie 
die anderen. Er horte schon die Schiisse, die noch nicht gefallen waren, 
und gleichzeitig die ersten trommelnden Takte des Radetzkymarsches. 
Er stand auf dem Balkon des vaterlichen Hauses. Unten spielte die 
Militarkapelle. Jetzt hob Nechwal den schwarzen Taktstock aus Eben- 
holz mit dem silbernen Knauf. Jetzt senkte Trotta den zweiten Eimer 
in den Brunnen. Jetzt schmetterten die Tschinellen. Jetzt hob er den 
Eimer hoch. In jeder Hand einen vollen, iiberquellenden Eimer, von 
den Kugeln umsaust, setzte er den linken Fuft an, um hinabzugehen. 
Jetzt tat er zwei Schritte. Jetzt ragte gerade noch sein Kopf iiber den 
Rand des Abhangs. 

Jetzt schlug eine Kugel an seinen Schadel. Er machte noch einen Schritt 
und fiel nieder. Die vollen Eimer wankten, stiirzten und ergossen sich 



RADETZKYMARSCH 445 

liber ihn. Warmes Blut rann aus seinem Kopf auf die ku'hle Erde des 
Abhangs. Von unten her riefen die ukrainischen Bauern seines Zuges 
im Chor: »Gelobt sei Jesus Christus!« 

In Ewigkeit. Amen! wollte er sagen. Es waren die einzigen rutheni- 
schen Worte, die er sprechen konnte. Aber seine Lippen riihrten sich 
nicht mehr. Sein Mund blieb offen. Seine weifien Zahne stamen gegen 
den blauen Herbsthimmel. Seine Zunge wurde langsam blau, er fiihlte 
seinen Korper kalt werden. Dann starb er. 

Das war das Ende des Leutnants Carl Joseph, Freiherrn von Trotta. 
So einfach und zur Behandlung in Lesebuchern fiir die kaiser- und 
koniglichen osterreichischen Volks- und Burgerschulen ungeeignet 
war das Ende des Enkels des Helden von Solferino. Der Leutnant 
Trotta starb nicht mit der Waffe, sondern mit zwei Wassereimern in 
der Hand. Major Zoglauer schrieb an den Bezirkshauptmann. Der alte 
Trotta las den Brief ein paarmal und liefi die Hande sinken. Der Brief 
fiel ihm aus der Hand und flatterte auf den rotlichen Teppich. Herr 
von Trotta nahm den Zwicker nicht ab. Der Kopf zitterte, und der 
wacklige Zwicker flatterte mit seinen ovalen Scheibchen wie ein glaser- 
ner Schmetterling auf der Nase des Alten. Zwei schwere, kristallene 
Tranen tropften gleichzeitig aus den Augen Herrn von Trottas, triib- 
ten die Glaser des Zwickers und rannen weiter in den Backenbart. Der 
ganze Korper Herrn von Trottas blieb ruhig, nur sein Kopf wackelte 
von hinten nach vorn und von links nach rechts, und fortwahrend flat- 
terten die glasernen Flugel des Zwickers. Eine Stunde oder langer safi 
der Bezirkshauptmann so vor dem Schreibtisch. Dann stand er auf und 
ging mit seinem gewohnlichen Gang in die Wohnung. Er holte aus 
dem Kasten den schwarzen Anzug, die schwarze Krawatte und die 
Trauerschleifen aus schwarzem Krepp, die er nach dem Tode des Va- 
ters um Hut und Arm getragen hatte. Er kleidete sich um. Er sah dabei 
nicht in den Spiegel. Immer noch wackelte sein Kopf. Er bemuhte sich 
zwar, den unruhigen Schadel zu zahmen. Aber je mehr sich der Be- 
zirkshauptmann anstrengte, desto starker zitterte der Kopf. Der Zwik- 
ker safi immer noch auf der Nase und flatterte. Endlich gab der Be- 
zirkshauptmann alle Bemuhungen auf und und lieft den Schadel wak- 
keln. Er ging, im schwarzen Anzug, das schwarze Trauerband um den 
Armel, zu Fraulein Hirschwitz ins Zimmer, blieb an der Tiir stehen 
und sagte: »Mein Sohn ist tot, Gnadigste!« Er schlofi schnell die Tiir, 
ging ins Amt, von einer Kanzlei zur andern, steckte nur den wackeln- 



446 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den Kopf durch die Tiiren und verkiindete iiberall: »Mein Sohn ist tot, 
Herr Soundso! Mein Sohn ist tot, Herr Soundso!« Dann nahm er Hut 
und Stock und ging auf die Strafie. Alle Leute griifiten ihn und betrach- 
teten verwundert seinen wackelnden Kopf. Den und jenen hielt der 
Bezirkshauptmann an und sagte: »Mein Sohn ist tot!« Und er wartete 
nicht die Beileidsspriiche der Bestiirzten ab, sondern ging weiter, zu 
Doktor Skowronnek. Doktor Skowronnek war in Uniform, ein Ober- 
arzt, vormittags im Garnisonspital, nachmittags im Kaffeehaus. Er er- 
hob sich, als der Bezirkshauptmann eintrat, sah den wackelnden Kopf 
des Alten, das Trauerband am Armel und wufite alles. Er nahm die 
Hand des Bezirkshauptmanns und blickte auf den unruhigen Kopf 
und auf den flatternden Zwicker. »Mein Sohn ist tot!« wiederholte 
Herr von Trotta. Skowronnek behielt die Hand seines Freundes lange, 
ein paar Mmuten. Beide blieben stehen, Hand in Hand. Der Bezirks- 
hauptmann setzte sich, Skowronnek legte das Schachbrett auf einen 
anderen Tisch. Als der Kellner kam, sagte der Bezirkshauptmann: 
»Mein Sohn ist tot, Herr Ober!« Und der Kellner verbeugte sich sehr 
tief und brachte einen Cognac. 

»Noch einen!« bestellte der Bezirkshauptmann. Er nahm endlich den 
Zwicker ab. Er erinnerte sich, dafi die Todesnachricht auf dem Tep- 
pich der Kanzlei liegengeblieben war, stand auf und kehrte in die Be- 
zirkshauptmannschaft zuriick. Hinter ihm folgte Doktor Skowron- 
nek. Herr von Trotta schien es nicht zu merken. Aber er war auch gar 
nicht iiberrascht, als Skowronnek, ohne zu klopfen, die Kanzleitiir 
aufmachte, eintrat und stehenblieb. »Hier ist der Brief !« sagte der Be- 
zirkshauptmann. 

In dieser Nacht und in vielen der folgenden Nachte schlief der alte 
Herr von Trotta nicht. Sein Kopf zitterte und wackelte auch in den 
Kissen. Manchmal traumte der Bezirkshauptmann von seinem Sohn. 
Der Leutnant Trotta stand vor seinem Vater, die Offiziersmiitze mit 
Wasser gefiillt, und sagte: »Trink, Papa, du hast Durst !« Dieser Traum 
wiederholte sich oft und immer often Und allmahlich gelang es dem 
Bezirkshauptmann, seinen Sohn jede Nacht zu rufen, und in manchen 
Nachten kam Carl Joseph sogar einigemal. Herr von Trotta begann, 
sich also nach der Nacht und nach dem Bett zu sehnen, der Tag machte 
ihn ungeduldig. Und als der Friihling kam und die Tage langer wur- 
den, verdunkelte der Bezirkshauptmann die Zimmer des Morgens und 
am Abend und verlangerte auf eine kiinstliche Weise seine Nachte. 



RADETZKYMARSCH 447 

Sein Kopf horte nicht mehr auf zu zittern. Und er selbst und alle ande- 
ren gewohnten sich an das standige Zittern des Kopfes. 
Der Krieg schien Herrn von Trotta wenig zu kiimmern. Eine Zeitung 
nahm er nur zur Hand, um seinen zitternden Schadel hinter ihr zu 
verbergen. Zwischen ihm und Doktor Skowronnek war von Siegen 
und Niederlagen niemals die Rede. Meist spielten sie Schach, ohne ein 
Wort zu wechseln. Manchmal aber sagte einer zum andern: »Erinnern 
Sie sich noch? Die Partie vor zwei Jahren? Damals haben Sie genauso- 
wenig aufgepafit wie heute.« Es war, als sprachen sie von Ereignissen, 
die vor Jahrzehnten stattgefunden hatten. 

Lange Zeit war seit der Todesnachricht vergangen, die Jahreszeiten 
hatten einander abgewechselt, nach den alten, unbeirrbaren Gesetzen 
der Natur, aber den Menschen unter dem roten Schleier des Krieges 
dennoch kaum fuhlbar - und dem Bezirkshauptmann von alien Men- 
schen am allerwenigsten. Sein Kopf zitterte noch standig wie eine 
grofie, aber leichte Frucht an einem allzu diinnen Stengel. Der Leut- 
nant Trotta war schon langst vermodert oder von den Raben zerfres- 
sen, die damals iiber den todlichen Bahndammen kreisten, aber dem 
alten Herrn von Trotta war es immer noch, als hatte er gestern erst die 
Todesnachricht erhalten. Und der Brief Major Zoglauers, der ebenfalls 
schon gestorben war, lag in der Brusttasche des Bezirkshauptmanns, 
jeden Tag wurde er aufs neue gelesen und in seiner fiirchterlichen Fri- 
sche erhalten, wie ein Grabhiigel erhalten wird von sorgenden Han- 
den. Was gingen den alten Herrn von Trotta die hunderttausend neuen 
Toten an, die seinem Sohn inzwischen gefolgt waren? Was gingen ihn 
die hastigen und verworrenen Verordnungen seiner vorgesetzten Be- 
horde an, die Woche fur Woche erfolgten? Und was ging ihn der Un- 
tergang der Welt an, den er jetzt noch deutlicher kommen sah als einst- 
mals der prophetische Chojnicki? Sein Sohn war tot. Sein Amt war 
beendet. Seine Welt war untergegangen. 

Ende des dritten Teils 



EPILOG 



Es bleibt uns nur noch iibrig, von den letzten Tagen des Herrn Be- 
zirkshauptmanns Trotta zu berichten. Sie vergingen fast wie ein einzi- 
ger. Die Zek floft an ihm vorbei, ein breiter, gleichmafiiger Strom, mit 
eintonigem Rauschen. Die Nachrichten aus dem Kriege und die ver- 
schiedenen aufterordentlichen Bestimmungen und Erlasse der Statthal- 
terei kummerten den Bezirkshauptmann wenig. Langst ware er ja 
ohnehin in Pension gegangen. Er diente nur weiter, weil der Krieg es 
erforderte. Und also war es ihm zuweilen, als lebte er nur noch ein 
zweites, ein blasseres Leben, und sein erstes und echtes hatte er langst 
vorher beschlossen. Seine Tage - so schien es ihm - eilten nicht dem 
Grabe entgegen wie die Tage aller anderen Menschen. Versteinert, wie 
sein eigenes Grabmal, stand der Bezirkshauptmann am Ufer der Tage. 
Niemals hatte Herr von Trotta so sehr dem Kaiser Franz Joseph gegli- 
chen. Zuweilen wagte er sogar selbst, sich mit dem Kaiser zu verglei- 
chen. Er dachte an seine Audienz in der Burg zu Schonbrunn, und 
nach der Art der einfachen alten Manner, die von einem gemeinsamen 
Ungliick sprechen, sagte er in Gedanken zu Franz Joseph: Was?! 
Wenn uns jemand damals das gesagt hatte! Uns beiden Alten! . . . 
Herr von Trotta schlief sehr wenig. Er aft, ohne zu merken, was man 
ihm vorsetzte. Er unterschrieb Aktenstiicke, die er nicht genau gelesen 
hatte. Es kam vor, daft er am Nachmittag im Kaffeehaus erschien, und 
Doktor Skowronnek war noch nicht da. Dann griff Herr von Trotta 
zu einem »Fremdenblatt«, das drei Tage alt war, und las also noch 
einmal, was er schon lange kannte. Sprach der Doktor Skowronnek 
aber von den letzten Neuigkeiten des Tages, so nickte der Bezirks- 
hauptmann nur, ganz so, als hatte er die Neuigkeiten schon seit langem 
gewuftt. 

Eines Tages erhielt er einen Brief. Eine gewisse, ihm ganzlich unbe- 
kannte Frau von Tauftig, derzeit freiwillig Krankenschwester in der 
Wiener Irrenanstalt Steinhof, teilte dem Herrn von Trotta mit, daft der 
Graf Chojnicki, vor ein paar Monaten wahnsinnig vom Schlachtfeld 
zuriickgekehrt, sehr oft von dem Bezirkshauptmann spreche. In seinen 
verworrenen Reden wiederholte er die Behauptung immer, daft er dem 
Herrn von Trotta etwas Wichtiges zu sagen habe. Und wenn der Be- 



RADETZKYMARSCH 449 

zirkshauptmann zufallig die Absicht hatte, nach Wien zu kommen, so 
konnte sein Besuch bei dem Kranken vielleicht eine unerwartete Kla- 
rung des Gemiits hervorrufen, wie es schon hie und da in ahnlichen 
Fallen vorgekommen sei. Der Bezirkshauptmann erkundigte sich bei 
Doktor Skowronnek. »Alles ist moglich!« sagte Skowronnek. »Wenn 
Sie es ertragen, leicht ertragen, mem' ich...« Herr von Trotta sagte: 
»Ich kann alles ertragen. « Er entschlofi sich, sofort abzureisen. Viel- 
leicht wufite der Kranke etwas Wichtiges vom Leutnant. Vielleicht 
hatte er dem Vater etwas von der Hand des Sohnes zu iibergeben. Herr 
von Trotta fuhr nach Wien. 

Man fuhrte ihn in die Militarabteilung der Irrenanstalt. Es war spater 
Herbst, ein triiber Tag; die Anstalt lag im grauen Landregen, der seit 
Tagen iiber die Welt niederrann. Im blendendweifien Korridor safi 
Herr von Trotta, schaute durch das vergitterte Fenster auf das dichtere 
und zartere Gitter des Regens und dachte an den Abhang des Bahn- 
damms, auf dem sein Sohn gestorben war. Jetzt wird er ganz nafl, 
dachte der Bezirkshauptmann; als ware der Leutnant erst heute oder 
gestern gefallen und die Leiche noch frisch. Die Zeit verging langsam. 
Man sah Menschen mit irren Gesichtern und grausamen Verrenkungen 
der Gliedmaften vorbeigehen, aber fur den Bezirkshauptmann bedeu- 
tete Wahnsinn nichts Schreckliches, obwohl er zum erstenmal in einem 
Irrenhaus war. Schrecklich war nur der Tod. Schade! dachte Herr von 
Trotta. Wenn Carl Joseph vernickt geworden ware, statt zu fallen, ich 
hatte ihn schon verniinftig gemacht. Und wenn ich es nicht gekonnt 
hatte, so ware ich doch jeden Tag zu ihm gekommen! Vielleicht hatte 
er den Arm so grauenhaft verrenkt wie dieser Leutnant hier, den man 
eben vorbeifiihrt. Aber es ware doch sein Arm gewesen, und man kann 
auch einen verrenkten Arm streicheln. Man kann auch in verdrehte 
Augen sehen! Hauptsache, dafi es die Augen meines Sohnes sind. 
Gliicklich die Vater, deren Sonne vernickt sind! 

Frau von Tauftig kam endlich, eine Krankenschwester wie die anderen. 
Er sah nur ihre Tracht, was kummerte ihn ihr Gesicht! Sie aber be- 
trachtete ihn lange und sagte dann: »Ich habe Ihren Sohn gekannt!« 
Jetzt erst richtete der Bezirkshauptmann seinen Blick auf ihr Ange- 
sicht. Es war das Angesicht einer gealterten Frau, die immer noch 
schon war. Ja, die Schwesternhaube verjiingte sie wie alle Frauen, weil 
es in ihrer Natur tiegt, von Giite und Mitleid verjungt zu werden und 
auch von den aufierlichen Abzeichen des Mitleids. Sie kommt aus der 



450 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

grofien Welt, dachte Herr von Trotta. »Wie lang ist es her«, fragte er, 
»dafi Sie meinen Sohn gekannt haben ?« »Es war vor dem Krieg!« sagte 
Frau von Taufiig. Dann nahm sie den Arm des Bezirkshauptmanns, 
fiihrte ihn den Korridor entlang, wie sie gewohnt war, Kranke zu ge- 
leiten, und sagte leise: »Wir haben uns geliebt, Carl Joseph und ich!« 
Der Bezirkshauptmann fragte: »Verzeihen Sie, war das Ihretwegen, 
diese dumme Affare?« 

»Auch meinetwegen!« sagte Frau von Tauftig. »So, so«, sagte Herr von 
Trotta, »auch Ihretwegen.« Dann driickte er den Arm der Kranken- 
schwester ein bifichen und fuhr fort: »Ich wollte, Carl Joseph konnte 
noch Affaren haben, Ihretwegen !« 

»Jetzt gehen wir zum Patienten!« sagte Frau von Taufiig. Denn sie 
fiihlte Tranen aufsteigen, und sie war der Meinung, dafi sie nicht wei- 
nen diirfe. 

Chojnicki safi in einer kahlen Stube, aus der man alle Gegenstande 
weggeraumt hatte, weil er manchmal wiitend werden konnte. Er safi 
auf einem Sessel, dessen vier Fiifie im Boden festgeschraubt waren. Als 
der Bezirkshauptmann eintrat, erhob er sich, ging dem Gast entgegen 
und sagte zu Frau von Taufiig: »Geh hinaus, Wally! Wir haben was 
Wichtiges zu besprechen!« Nun waren sie allein. Es gab ein Guckloch 
an der Tiir. Chojnicki ging zur Tiir, verdeckte mit dem Riicken das 
Guckloch und sagte: »Willkommen in meinem Hause!« Sein kahler 
Schadel erschien Herrn von Trotta aus ratselhaften Griinden noch 
kahler. Von den etwas vorgewolbten blauen, grofien Augen des Kran- 
ken schien ein eisiger Wind auszugehen, ein Frost, der liber das gelbe 
verfallene und zu gleicher Zeit aufgedunsene Angesicht dahinwehte 
und uber die Wiiste des Schadels. Von Zeit zu Zeit zuckte der rechte 
Mundwinkel Chojnickis. Es war, als ob er mit dem rechten Mundwin- 
kel lacheln wollte. Seine Fahigkeit zu lacheln hatte sich justament im 
rechten Mundwinkel festgesetzt und den Rest des Mundes fur immer 
verlassen. »Setzen Sie sich!« sagte Chojnicki. »Ich habe Sie kommen 
lassen, urn Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Verraten Sie es nieman- 
dem! Aufier Ihnen und mir weift es heute kein Mensch: Der Alte 
stirbt!« 

»Woher wissen Sie das?« fragte Herr von Trotta. 
Chojnicki, immer noch an der Tiir, hob den Finger gegen die Zimmer- 
decke, legte ihn dann an die Lippen und sagte: »Von oben!« 
Dann wandte er sich um, offnete die Tiir, rief : »Schwester Wally!« und 



RADET2KYMARSCH 45 1 

sagte zu Frau von Taufiig, die sofort erschienen war: »Die Audienz ist 
beendet!« 

Er verbeugte sich. Herr von Trotta ging hinaus. 

Er ging durch die langen Korridore, begleitet von Frau von TauEig, die 
breiten Stufen hinunter. »Vielleicht hat es gewirkt!« sagte sie. 
Herr von Trotta empfahl sich und fuhr zum Bahnrat Stransky. Er 
wufke selbst nicht genau, warum. Er fuhr zu Stransky, der sich mit 
einer geborenen Koppelmann vermahlt hatte. Die Stranskys waren zu 
Hause. Man erkannte den Bezirkshauptmann nicht sofort. Man be- 
griifite ihn dann, verlegen und wehmiitig und kalt zugleich, wie ihm 
schien. Man gab ihm Kaffee und Cognac. »Carl Joseph!« sagte Frau 
Stransky, geborene Koppelmann. »Wie er Leutnant war, ist er sofort 
zu uns gekommen. Er war ein lieber Junge!« 

Der Bezirkshauptmann kammte seinen Backenbart und schwieg. Dann 
kam der Sohn der Familie Stransky. Er hinkte, es war haftlich anzuse- 
hen. Er hinkte sehr stark. Carl Joseph hat nicht gehinkt! dachte der 
Bezirkshauptmann. »Der Alte soil im Sterben liegen!« sagte der Ober- 
bahnrat Stransky plotzlich. 

Da erhob sich der Bezirkshauptmann sofort und ging. Er wufke ja, dafi 
der Alte starb. Chojnicki hatte es gesagt, und Chojnicki hatte immer 
schon alles gewufit. Der Bezirkshauptmann fuhr zu seinem Jugend- 
freund Smetana ins Obersthofmeisteramt. »Der Alte stirbt!« sagte 
Smetana. 

»Ich mochte nach Schonbrunn!« sagte Herr von Trotta. Und er fuhr 
nach Schonbrunn. 

Der unermiidliche, diinne Landregen hiillte das Schlofi von Schon- 
brunn ein, genau wie die Irrenanstalt Steinhof. Herr von Trotta ging 
die Allee hinan, die gleiche Allee, iiber die er vor langer, langer Zeit 
gegangen war, zu der geheimen Audienz, in Angelegenheit des Sohnes. 
Der Sohn war tot. Und auch der Kaiser starb. Und zum erstenmal, 
seitdem Herr von Trotta die Todesnachricht erhalten hatte, glaubte er 
zu wissen, dafi sein Sohn nicht zufallig gestorben war. Der Kaiser kann 
die Trottas nicht iiberleben! dachte der Bezirkshauptmann. Er kann sie 
nicht iiberleben! Sie haben ihn gerettet, und er uberlebt die Trottas 
nicht. 

Er blieb draufien. Er blieb draufien, unter den Leuten des niederen 
Gesindes. Ein Gartner aus dem Schonbrunner Park kam, in griiner 
Schiirze, den Spaten in der Hand, fragte die Umstehenden: »Was 



452 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

macht er jetzt?« Und die Umstehenden, Forster, Kutscher, niedere Be- 
amte, Portiers und Invaliden, wie der Vater des Helden von Solferino 
einer gewesen war, antworteten dem Gartner: »Nichts Neues! Er 
stirbt!« 

Der Gartner entfernte sich, mit dem Spaten ging er dahin, die Beete 
umgraben, die ewige Erde. 

Es regnete, leise, dicht und immer dichter. Herr von Trotta nahm den 
Hut ab. Die umstehenden niederen Hofbeamten hielten ihn fur ihres- 
gleichen oder fiir einen der Brieftrager vom Postamt Schonbrunn. Und 
der und jener sagte zum Bezirkshauptmann: »Hast ihn gekannt, den 
Alten?« 

»Ja«, erwiderte Herr von Trotta. »Er hat einmal mit mir gesprochen.« 
»Jetzt stirbt er!« sagte ein Forster. 

Um diese Zeit betrat der Geistliche mit dem Allerheiligsten das Schlaf- 
zimmer des Kaisers. 

Franz Joseph hatte neununddreifiig drei, soeben hatte man ihn gemes- 
sen. »So, so«, sagte er zum Kapuziner. »Das ist also der Tod!« Er 
richtete sich in den Kissen auf. Er horte das unermudliche Gerausch 
des Regens vor den Fenstern und dazwischen hie und da das Knirschen 
von vorubergehenden Fiifien auf dem Kies. Es schien dem Kaiser ab- 
wechselnd, dafi die Gerausche sehr fern waren und sehr nahe. Manch- 
mal erkannte er, dafi der Regen das sanfte Rieseln vor dem Fenster 
verursachte. Bald darauf aber vergafi er, dafi es der Regen war. Und er 
fragte ein paarmal seinen Leibarzt: »Warum sauselt es so?« Denn er 
konnte nicht mehr das Wort »rieseln« hervorbringen, obwohl es ihm 
auf der Zunge lag. Nachdem er aber nach dem Grund des Sauselns 
gefragt hatte, glaubte er in der Tat, lediglich ein »Sauseln« zu horen. Es 
sauselte der Regen. Es sauselten auch die Schritte vorbeigehender 
Menschen. Das Wort und auch die Gerausche, die es fiir ihn bezeich- 
nete, gefielen dem Kaiser immer besser. Im (ibrigen war es gleichgiiltig, 
was er fragte, denn man horte ihn nicht mehr. Er bewegte nur die 
Lippen, aber ihm selbst schien es, dafi er spreche, alien horbar, wenn 
auch ein wenig leise, nicht anders jedoch als in den letzten Tagen. Zu- 
weilen wunderte er sich dariiber, dafi man ihm nicht antwortete. Bald 
darauf aber vergafi er sowohl seine Fragen als auch seine Verwunde- 
rung iiber die Stummheit der Befragten. Und wieder ergab er sich dem 
sanften »Sauseln« der Welt, die rings um ihn lebte, indes er starb - und 
er glich einem Kinde, das jeden Widerstand gegen den Schlaf aufgibt, 



RADETZKYMARSCH 453 

bezwungen vom Schlaflied und in diesem eingebettet. Er schlofi die 
Augen. Nach einer Weile aber offnete er sie wieder und erblickte 
das einfache, silberne Kreuz und die blendenden Kerzen auf dem 
Tisch, die den Priester erwarteten. Und da wufite er, dafi der Pater 
bald kommen wiirde. Und er bewegte seine Lippen und begann, wie 
man ihn gelehrt hatte als Knaben: »In Reue und Demut beichte ich 
meine Siinden-« Aber auch das horte man nicht mehr. Ubrigens sah 
er gleich darauf, dafi der Kapuziner schon da war. »Ich nab' lang 
warten miissen!« sagte er. Dann uberlegte er seine Siinden. »Hof- 
fart!« fiel ihm ein. »Hoffartig war ich halt!« sagte en Eine Sunde 
nach der andern ging er durch, wie sie im Katechismus standen. Ich 
bin zu lange Kaiser gewesen! dachte er. Aber es kam ihm vor, dafl 
er es laut gesagt hatte. »Alle Menschen miissen sterben. Auch der 
Kaiser stirbt.« Und es war ihm zugleich, als stiirbe irgendwo, weit 
von hier, jener Teil von ihm, der kaiserlich gewesen war. »Der 
Krieg ist auch eine Sunde!« sagte er laut. Aber der Priester horte ihn 
nkht. Franz Joseph wunderte sich aufs neue. Jeden Tag kamen die 
Verlustlisten, seit 1914 dauerte der Krieg. »Schlufl machen!« sagte 
Franz Joseph. Man horte ihn nicht. »WaV ich nur bei Solferino ge- 
fallen !« sagte er. Man horte ihn nicht. Vielleicht, dachte er, bin ich 
schon tot und rede als ein Toter. Deshalb verstehen sie mich nicht. 
Und er schlief ein. 

Drauften unter dem niederen Gesinde wartete Herr von Trotta, der 
Sohn des Helden von Solferino, den Hut in der Hand, im standig 
niederrieselnden Landregen. Die Baume im Schonbrunner Park 
rauschten und raschelten, der Regen peitschte sie, sacht, geduldig, 
ausgiebig. Der Abend kam. Neugierige kamen. Der Park fiillte sich. 
Der Regen horte nicht auf. Die Wartenden losten sich ab, sie gin- 
gen, sie kamen. Herr von Trotta blieb. Die Nacht brach ein, die 
Stufen waren leer, die Leute gingen schlafen. Herr von Trotta 
driickte sich gegen das Tor. Er horte Wagen vorfahren, manchmal 
klinkte jemand iiber seinem Kopf ein Fenster auf. Stimmen riefen. 
Man offnete das Tor, man schloft es wieder. Man sah ihn nicht. Der 
Regen rieselte, unermudlich, sacht, die Baume raschelten und 
rauschten. 

Endlich begannen die Glocken zu drohnen. Der Bezirkshauptmann 
entfernte sich. Er ging die flachen Stufen hinunter, die Allee entlang 
bis vor das eiserne Gitter. Es war offen in dieser Nacht. Er ging den 



454 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ganzen langen Weg zur Stadt, barhauptig, den Hut in der Hand, er 
begegnete niemandem. Er ging sehr langsam, wie hinter einem Lei- 
chenwagen. Als der Morgen graute, erreichte er das Hotel. 
Er fuhr nach Hause. Es regnete auch in der Bezirksstadt W. Herr von 
Trotta liefi Fraulein Hirschwitz kommen und sagte: »Ich geh' zu Bett, 
Gnadigste! Ich bin mude!« Und er legte sich, zum erstenmal in seinem 
Leben, bei Tag ins Bett. 

Er konnte nicht einschlafen. Er lieiS den Doktor Skowronnek kom- 
men. »Lieber Doktor Skowronnek«, sagte er, »wiirden Sie mir den 
Kanarienvogel holen lassen?« Man brachte den Kanarienvogel aus dem 
Hauschen des alten Jacques. »Geben Sie ihm ein Stuck Zucker!« sagte 
der Bezirkshauptmann. Und der Kanarienvogel bekam ein Stuck Zuk- 
ker. 

»Dieses liebe Vieh!« sagte der Bezirkshauptmann. 
Skowronnek wiederholte: »Ein liebes Vieh!« 
»Es iiberlebt uns alle!« sagte Trotta. »Gott sei Dank!« 
Dann sagte der Bezirkshauptmann: »Bestellen Sie den Geistlichen! 
Kommen Sie aber wieder!« 

Doktor Skowronnek wartete den Geistlichen ab. Dann kam er wieder. 
Der alte Herr von Trotta lag still in den Kissen. Er hielt die Augen halb 
geschlossen. Er sagte: »Ihre Hand, lieber Freund! Wollen Sie mir das 
Bild bringen?« 

Doktor Skowronnek suchte das Herrenzimmer auf, stieg auf einen 
Stuhl und holte das Bildnis des Helden von Solferino vom Haken. Als 
er zuriickkam, das Bild in beiden Handen, war Herr von Trotta nicht 
mehr imstande, es zu sehen. Der Regen trommelte sacht an die 
Scheibe. 

Doktor Skowronnek wartete, das Portrat des Helden von Solferino auf 
den Knien. Nach einigen Minuten erhob er sich, nahm die Hand 
Herrn von Trottas, beugte sich gegen die Brust des Bezirkshaupt- 
manns, atmete tief und schloft die Augen des Toten. 
Es war der Tag, an dem man den Kaiser in die Kapuzinergruft ver- 
senkte. Drei Tage spater lieft man die Leiche Herrn von Trottas ins 
Grab hinunter. Der Burgermeister der Stadt W. hielt eine Rede. Auch 
seine Grabrede begann, wie alle Reden jener Zeit uberhaupt, mit dem 
Krieg. Weiter sagte der Burgermeister, daft der Bezirkshauptmann sei- 
nen einzigen Sohn dem Kaiser gegeben und trotzdem weiter gelebt 
und gedient hatte. Indessen rann der unermudliche Regen iiber alle 



RADETZKYMARSCH 455 

entblofiten Haupter der urn das Grab Versammelterij und es rauschte 
und raschelte ringsum von den nassen Strauchern, Kranzen und Blu- 
men. Doktor Skowronnek, in der ihm ungewohnten Uniform eines 
Landsturmoberarztes, bemiihte sich, eine sehr militarische Habt-acht- 
Stellung einzunehmen, obwohl er sie keineswegs fiir einen mafigebli- 
chen Ausdruck der Pietat hielt. - Zivilist, der er war. Der Tod ist 
schliefilich kein Generalstabsarzt! dachte der Doktor Skowronnek. 
Dann trat er als einer der ersten an das Grab. Er verschmahte den 
Spaten, den ihm ein Totengraber hinhielt, sondern er biickte sich und 
brach eine Scholle aus der nassen Erde und zerkriimelte sie in der Lin- 
ken und warf mit der Rechten die einzelnen Krumen auf den Sarg. 
Dann trat er zuriick. Es fiel ihm ein, daE jetzt Nachmittag war, die 
Stunde des Schachspiels nahte heran. Nun hatte er keinen Partner 
mehr; er beschlofi dennoch, ins Kaffeehaus zu gehn. 
Als sie den Friedhof verliefien, lud ihn der Burgermeister in den Wa- 
gen. Doktor Skowronnek stieg ein. »Ich hatte noch gern erwahnt«, 
sagte der Burgermeister, »dafi Herr von Trotta den Kaiser nicht iiber- 
leben konnte. Glauben Sie nicht, Herr Doktor ?« »Ich weift nicht«, 
erwiderte der Doktor Skowronnek, »ich giaube, sie konnten beide 
Osterreich nicht iiberleben.« 

Vor dem Kaffeehaus lieft Doktor Skowronnek den Wagen halten. Er 
ging, wie jeden Tag, an den gewohnten Tisch. Das Schachbrett stand 
da, als ob der Bezirkshauptmann nicht gestorben ware. Der Kellner 
kam, um es wegzuraumen, aber Skowronnek sagte: »Lassen Sie nur!« 
Und er spielte mit sich selbst eine Partie, schmunzelnd, von Zeit zu 
Zeit auf den leeren Sessel gegemiber blickend und in den Ohren das 
sanfte Gerausch des herbstlichen Regens, der noch immer unermiid- 
lich gegen die Scheiben rann. 

Ende 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 

1933 



I 



Das merkwiirdige Schicksal des osterreichischen Stationschefs Adam 
Fallmerayer verdient, ohne Zweifel, aufgezeichnet und festgehalten zu 
werden. Er verlor sein Leben, das, nebenbei gesagt, niemals ein glan- 
zendes - und vielleicht nicht einmal ein dauernd zufriedenes - gewor- 
den ware, auf eine verbliiffende Weise. Nach allem, was Menschen 
voneinander wissen konnen, ware es unmoglich gewesen, Fallmerayer 
ein ungewohnKches Geschick vorauszusagen. Dennoch erreichte es 
ihn, es ergriff ihn - und er selbst schien sich ihm sogar mit einer gewis- 
sen Wollust auszuliefern. 

Seit 1908 war er Stationschef. Er heiratete, kurz nachdem er seinen 
Posten auf der Station L. an der Siidbahn, kaum zwei Stunden von 
Wien entfernt, angetreten hatte, die brave und ein wenig beschrankte, 
nicht mehr ganz junge Tochter eines Kanzleirats aus Briinn. Es war 
eine »Liebesehe« - wie man es zu jener Zeit nannte, in der die soge- 
nannten »Vernunft-Ehen« noch Sine und Herkommen waren. Seine 
Eltern waren tot. Fallmerayer folgte, als er heiratete, immerhin einem 
sehr maftvollen Zuge seines maKvollen Herzens, keineswegs dem Dik- 
tat seiner Vernunft. Er zeugte zwei Kinder - Madchen und Zwillinge. 
Er hatte einen Sohn erwartet. Es lag in seiner Natur begriindet, einen 
Sohn zu erwarten und die gleichzeitige Ankunft zweier Madchen als 
eine peinliche Uberraschung, wenn nicht als eine Bosheit Gottes anzu- 
sehen. Da er aber materiell gesichert und pensionsberechtigt war, ge- 
wohnte er sich, kaum waren drei Monate seit der Geburt verflossen, an 
die Freigebigkeit der Natur, und er begann, seine Kinder zu lieben. Zu 
lieben: das heiftt: sie mit der uberlieferten biirgerlichen Gewissenhaf- 
tigkeit eines Vaters und braven Beamten zu versorgen. 
An einem Marztag des Jahres 19 14 safl Adam Fallmerayer, wie ge- 
wohnlich, in seinem Amtszimmer. Der Telegraphenapparat tickte un- 
aufhorlich. Und drauften regnete es. Es war ein verfruhter Regen. Eine 
Woche vorher hatte man noch den Schnee von den Schienen schaufeln 
miissen, und die Ziige waren mit erschrecklicher Verspatung ange- 
kommen und abgefahren. Eines Nachts auf einmal hatte der Regen 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 457 

angefangen. Der Schnee verschwand. Und gegeniiber der klefnen Sta- 
tion, wo die unerreichbare, blendende Herrlichkeit des Alpenschnees 
die ewige Herrschaft des Winters versprochen zu haben schien, 
schwebte seit einigen Tagen ein unnennbarer, ein namenloser grau- 
blauer Dunst: Wolke, Himmel, Regen und Berge in einem. 
Es regnete, und die Luft war lau. Niemals hatte der Stationschef Fall- 
merayer einen so friihen Friihling erlebt. An seiner winzigen Station 
pflegten die Exprefiziige, die nach dem Siiden fuhren, nach Meran, 
nach Triest, nach Italien, niemals zu halten. An Fallmerayer, der zwei- 
mal taglich, mit leuchtend roter Kappe griifiend, auf den Perron trat, 
rasten die Exprefiziige hemmungslos vorbei; sie degradierten beinahe 
den Stationschef zu einem Bahnwarter. Die Gesichter der Passagiere 
an den groften Fenstern verschwammen zu einem grauweifien Brei. 
Der Stationschef Fallmerayer hatte selten das Angesicht eines Passa- 
giers sehen konnen, der nach dem Siiden fuhr. Und der »Siiden« war 
fur den Stationschef mehr als lediglich eine geographische Bezeich- 
nung. Der »Siiden« war das Meer, ein Meer aus Sonne, Freiheit und 
Gliick. 

Eine Freikarte fur die ganze Familie in der Ferienzeit gehorte gewifi- 
lich zu den Rechten eines hoheren Beamten der Siidbahn. Als die Zwil- 
linge drei Jahre alt gewesen waren, hatte man mit ihnen eine Reise nach 
Bozen gemacht. Man fuhr mit dem Personenzug eine Stunde bis zu der 
Station, in der die hochmiitigen Expreflzuge hielten, stieg ein, stieg 
aus - und war noch lange nicht im Siiden. Vier Wochen dauerte der 
Urlaub. Man sah die reichen Menschen der ganzen Welt - und es war, 
als seien diejenigen, die man gerade sah, zufallig auch die reichsten. 
Einen Urlaub hatten sie nicht. Ihr ganzes Leben war ein einziger Ur- 
laub. So weit man sah - weit und breit -, hatten die reichsten Leute der 
Welt auch keine Zwillinge; besonders nicht Madchen. Und iiberhaupt: 
Die reichen Leute waren es erst, die den Siiden nach dem Siiden brach- 
ten. Ein Beamter der Siidbahn lebte standig mitten im Norden. 
Man fuhr also zuriick und begann seinen Dienst von neuem. Der Mor- 
seapparat tickte unaufhorlich. Und der Regen regnete. 

Fallmerayer sah von seinem Schreibtisch auf. Es war fiinf Uhr nach- 
mittags. Obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, dammerte 
es bereits, vom Regen kam es. Auf den glasernen Vorsprung des Per- 
rondachs trommelte der Regen ebenso unaufhorlich, wie der Telegra- 



45^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

phenapparat zu ticken pflegte - und es war eine gemiitliche, unaufhor- 
liche Zwiesprache der Technik mit der Natur. Die groften, blaulichen 
Quadersteine unter dem Glasdach des Perrons waren trocken. Die 
Schienen aber - und zwischen den Schienenpaaren die winzigen Kie- 
selsteine - funkelten trotz der Dunkelheit im nassen Zauber des Re- 
gens. 

Obwohl der Stationschef Fallmerayer keine phantasiebegabte Natur 
war, schien es ihm dennoch, dafi dieser Tag ein ganz besonderer 
Schicksalstag sei, und er begann, wie er so zum Fenster hinausblickte, 
wahrhaftig zu zittern. In sechsunddreifiig Minuten erwartete er den 
Schnellzug nach Meran. In sechsunddreifiig Minuten - so schien es 
Fallmerayer - wiirde die Nacht vollkommen sein - eine furchterliche 
Nacht. Uber seiner Kanzlei, im ersten Stock, tobten die Zwillinge wie 
gewohnlich; er hone ihre trippelnden, kindlichen und dennoch ein 
wenig brutalen Schritte. Er machte das Fenster auf. Es war nicht mehr 
kalt. Der Fruhling kam iiber die Berge gezogen. Man horte die Pfiffe 
rangierender Lokomotiven wie jeden Tag und die Rufe der Eisenbahn- 
arbeiter und den dumpf scheppernden Anschlag der verkoppelten 
Waggons. Dennoch hatten heute die Lokomotiven einen besonderen 
Pfiff - so war es Fallmerayer. Er war ein ganz gewohnlicher Mensch. 
Und nichts schien ihm sonderbarer, als dafi er an diesem Tage in all 
den gewohnten, keineswegs iiberraschenden Gerauschen die unheimli- 
che Stimme eines ungewohnlichen Schicksals zu vernehmen glaubte. 
In der Tat aber ereignete sich an diesem Tage die unheimliche Kata- 
strophe, deren Folgen das Leben Adam Fallmerayers vollstandig ver- 
andern sollten. 



II 

Der Exprefizug hatte schon von B. aus eine geringe Verspatung ange- 
kiindigt. Zwei Minuten, bevor er auf der Station L. einlaufen sollte, 
stiefi er infolge einer falsch gestellten Weiche auf einen wartenden 
Lastzug. Die Katastrophe war da. 

Mit eilig ergriffener und vollig zweckloser Laterne, die irgendwo auf 
dem Bahnsteig gestanden hatte, lief der Stationschef Fallmerayer die 
Schienen entlang dem Schauplatz des Unglxicks entgegen. Er hatte das 
Bedurfnis gefuhlt, irgendeinen Gegenstand zu ergreifen. Es schien ihm 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 459 

unmoglich, mit leeren, gewissermafien unbewaffneten Handen dem 
Unheil entgegenzurennen. Er rannte zehn Minuten, ohne Mantel, die 
standigen Peitschenhiebe des Regens auf Nacken und Schultern. 
Als er an der Ungliicksstelle ankam, hatte man die Bergung der Toten, 
der Verwundeten, der Eingeklemmten bereits begonnen. Es fing an, 
heftiger zu dunkeln, so, als beeilte sich die Nacht selber, zum ersten 
Schrecken zurechtzukommen und ihn zu vergrofiern. Die Feuerwehr 
aus dem Stadtchen kam mit Fackeln, die mit Geprassel und Geknister 
dem Regen miihsam standhielten, Dreizehn Waggons lagen zertrum- 
mert auf den Schienen. Den Lokomotivfuhrer wie den Heizer - sie 
waren beide tot - hatte man bereits fortgeschafft. Eisenbahner und 
Feuerwehrmanner und Passagiere arbeiteten mit wahllos aufgelesenen 
Werkzeugen an den Trummern. Die Verwundeten schrien jammerlich, 
der Regen rauschte, die Fackelfeuer knisterten. Den Stationschef fro- 
stelte im Regen. Seine Zahne klapperten. Er hatte die Empfindung, dafi 
er etwas tun musse wie die andern, und gleichzeitig Angst, man wiirde 
es ihm verwehren zu helfen, weil er selbst das Unheil verschuldet ha- 
ben konnte. Dem und jenem unter den Eisenbahnern, die ihn erkann- 
ten und im Eifer der Arbeit fluchtig griifken, versuchte Fallmerayer 
mit tonloser Stimme irgend etwas zu sagen, was ebensogut ein Befehl 
wie eine Bitte um Verzeihung hatte sein konnen. Aber niemand horte 
ihn. So iiberfliissig in der Welt war er sich noch niemals vorgekom- 
men. Und schon begann er zu beklagen, dafi er sich nicht selbst unter 
den Opfern befinde, als sein ziellos umherirrender Blick auf eine Frau 
fiel, die man soeben auf eine Tragbahre gelegt hatte. Da lag sie nun, 
von den Helfern verlassen, von denen sie gerettet worden war, die 
grofien, dunklen Augen auf die Fackeln in ihrer nachsten Nahe gerich- 
tet, mit einem silbergrauen Pelz bis zu den Hiiften zugedeckt und of- 
fenbar nicht imstande, sich zu riihren. Auf ihr groftes, blasses und brei- 
tes Angesicht fiel der unermiidliche Regen, und das schwankende 
Feuer der Fackeln zuckte dariiber hin. Das Angesicht selbst leuchtete, 
ein nasses, silbernes Angesicht, im zauberhaften Wechsel von Flamme 
und Schatten. Die langen, weifien Hande lagen liber dem Pelz, re- 
gungslos auch sie, zwei wunderbare Leichen. Es schien dem Stations- 
vorsteher, daft diese Frau auf der Bahre auf einer groften, weiflen Insel 
aus Stille ruhe, mitten in einem betaubenden Meer von Larm und Ge- 
rausch, und dafi sie sogar Stille verbreite. In der Tat war es, als ob all 
die hurtigen und geschaftigen Menschen einen Bogen um die Bahre 



460 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

machen wollten, auf der die Frau ruhte. War sie schon gestorben? 
Brauchte man sich nicht mehr um sie zu kummern? Der Stationschef 
Fallmerayer naherte sich langsam der Bahre. 

Die Frau lebte noch. Unverletzt war sie geblieben. Als Fallmerayer 
sich zu ihr niederbeugte, sagte sie, ohne seine Frage abzuwarten - ja 
sogar wie in einer gewissen Angst vor seinen Fragen-, ihr fehle nichts, 
sie glaube, sie konne aufstehn. Sie habe hochstens lediglich den Verlust 
ihres Gepacks zu beklagen. Sie konne sich bestimmt erheben. Und sie 
machte sofort Ans taken aufzustehn. Fallmerayer half ihr. Er nahm den 
Pelz mit der Linken, umfafke die Schulter der Frau mit der Rechten, 
wartete, bis sie sich erhob, legte den Pelz um ihre Schultern, hierauf 
den Arm um den Pelz, und so gingen sie beide, ohne ein Wort, ein paar 
Schritte iiber Schienen und Geroll in das nahe Hauschen eines Wei- 
chenwarters, die wenigen Stufen hinauf, in die trockene, lichtvolle 
Warme. 

»Hier bleiben Sie ein paar Minuten ruhig sitzen«, sagte Fallmerayer. 
»Ich habe draufien zu tun. Ich komme gleich wieder.« 
Im selben Augenblick wufite er, dafi er log, und er log wahrscheinlich 
zum erstenmal in seinem Leben. Dennoch war ihm die Luge selbstver- 
standlich. Und obwohl er in dieser Stunde nichts sehnlicher gewunscht 
hatte, als bei der Frau zu bleiben, ware es ihm doch furchterlich gewe- 
sen, in ihren Augen als ein Nutzloser zu erscheinen, der nichts anderes 
zu tun hatte, wahrend draufien tausend Hande halfen und retteten. Er 
begab sich also eilig hinaus - und fand, zu seinem eigenen Erstaunen, 
jetzt den Mut und die Kraft, zu helfen, zu retten, hier einen Befehl zu 
erteilen und dort einen Rat, und obwohl er die ganze Zeit, wahrend er 
half, rettete und schaffte, an die Frau im Hauschen denken mufke und 
obwohl die Vorstellung, er konnte sie spater nicht wiedersehn, grau- 
sam war und grauenhaft, blieb er dennoch tatig auf dem Schauplatz der 
Katastrophe, aus Angst, er konnte viel zu friih zuriickkehren und also 
seine Nutzlosigkeit vor der Fremden beweisen. Und als verfolgten ihn 
ihre Blicke und feuerten ihn an, gewann er sehr schnell Vertrauen zu 
seinem Wort und zu seiner Vernunft, und er erwies sich als flinker, 
kluger und mutiger Heifer. 

Also arbeitete er zwei Stunden etwa, standig denkend an die wartende 
Fremde. Nachdem Arzt und Sanitater den Verletzten die notwendige 
Hilfe geleistet hatten, machte sich Fallmerayer daran, in das Hauschen 
des Weichenstellers zuruckzukehren. Dem Doktor, den er kannte, 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 461 

sagte er hastig, driiben sei noch ein Opfer der Katastrophe. Nicht ganz 

ohne Selbstbewufitsein betrachtete er seine zerschurften Hande und 

seine beschmutzte Uniform. Er fuhrte den Arzt in die Stube des Wei- 

chenwarters und begriifke die Fremde, die sich nicht von ihrem Platz 

geriihrt zu haben schien, mit dem frohlich-selbstverstandlichen La- 

cheln, mit dem man langst Vertrauten wiederzubegegnen pflegt. 

»Untersuchen Sie die Dame!« sagte er zum Arzt. Und er selbst wandte 

sich zur Tiir. 

Er wartete ein paar Minuten drauften. Der Arzt kam und sagte: »Ein 

kleiner Schock, nichts weiter. Am besten, sie bleibt hier. Haben Sie 

Platz in Ihrer Wohnung?« 

»Gewifi, gewifi!« antwortete Fallmerayer. Und gemeinsam fiihrten sie 

die Fremde in die Station, die Treppe hinauf, in die Wohnung des Sta- 

tionschefs. 

»In drei, vier Tagen ist sie vollig gesund«, sagte der Arzt. 

In diesem Augenblick wiinschte Fallmerayer, es mochten viel mehr 

Tage vergehen. 



Ill 

Der Fremden iiberlieft Fallmerayer sein Zimmer und sein Bett. Die 
Frau des Stationsvorstehers handelte geschaftig zwischen der Kranken 
und den Kindern. Zweimal taglich kam Fallmerayer selbst. Die Zwil- 
linge wurden zu strenger Ruhe angehalten. 

Einen Tag spater waren die Spuren des Ungliicks beseitigt, die iibliche 
Untersuchung eingeleitet, Fallmerayer vernommen, der schuldige 
Weichensteller vom Dienst entfernt. Zweimal taglich rasten die Ex- 
preEziige wie bisher am griifienden Stationschef vorbei. 
Am Abend nach der Katastrophe erfuhr Fallmerayer den Namen der 
Fremden: Es war eine Grafin Walewska, Russin, aus der Umgebung 
von Kiew, auf der Fahrt von Wien nach Meran begriffen. Ein Teil ihres 
Gepacks fand sich und wurde ihr zugestellt: braune und schwarze le- 
derne Koffer. Sie rochen nach Juchten und unbekanntem Parfiim. So 
roch es nun in der ganzen Wohnung Fallmerayers. 
Er schlief jetzt - da man sein Bett der Fremden gegeben hatte - nicht in 
seinem Schlafzimmer, neben Frau Fallmerayer, sondern unten, in sei- 
nem Dienstzimmer. Das heiftt: Er schlief uberhaupt nicht. Er lag 



462 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wach. Am Morgen gegen neun Uhr betrat er das Zimmer, in dem die 
fremde Frau lag. Er fragte, ob sie gut geschlafen und gefruhstiickt 
habe, ob sie sich wohl fiihle. Ging mit frischen Veilchen zu der Vase 
auf der Konsole, wo die alten gestern gestanden hatten, entfernte die 
alten Blumen, setzte die neuen in frisches Wasser und blieb dann am 
Fufiende des Bettes stehen. Vor ihm lag die fremde Frau, auf seinem 
Kissen, unter seiner Decke. Er murmelte etwas Undeutliches. Mit gro- 
fien, dunklen Augen, einem weifien, starken Angesicht, das weit war 
wie eine fremde und stifie Landschaft, auf den Kissen, unter der Decke 
des Stationsvorstehers, lag die fremde Frau. »Setzen Sie sich doch«, 
sagte sie y jeden Tag zweimal. Sie sprach das harte und fremde Deutsch 
einer Russin, eine tiefe, fremde Stimme. Alle Pracht der Weite und des 
Unbekannten war in ihrer Kehle, 

Fallmerayer setzte sich nicht. »Entschuldigen schon, ich nab' viel zu 
tun«, sagte er, machte kehrt und entfernte sich. 
Sechs Tage ging es so. Am siebenten riet der Doktor der Fremden 
weiterzufahren. Ihr Mann erwartete sie in Meran. Sie fuhr also und 
hinterliefi in alien Zimmern und besonders im Bett Fallmerayers einen 
unausloschbaren Duft von Juchten und einem namenlosen Parfum. 



IV 

Dieser merkwiirdige Duft blieb im Hause, im Gedachtnis, ja, man 
konnte sagen, im Herzen Fallmerayers viel langer haften als die Kata- 
strophe. Und wahrend der folgenden Wochen, in denen die langwieri- 
gen Untersuchungen iiber genauere Ursachen und detaillierteren Her- 
gang des Ungliicks ihren vorschriftsmafiigen Verlauf nahmen und Fall- 
merayer ein paarmal einvernommen wurde, horte er nicht auf, an die 
fremde Frau zu denken, und wie betaubt von dem Geruch, den sie 
rings um ihn und in ihm hinterlassen hatte, gab er beinahe verworrene 
Auskiinfte auf prazise Fragen. Ware sein Dienst nicht verhaltnismaftig 
einfach gewesen und er seit Jahren nicht bereits selbst zu einem fast 
mechanischen Bestandteil des Dienstes geworden, er hatte ihn nicht 
mehr guten Gewissens versehen konnen. Im stillen hoffte er von einer 
Post zur andern auf eine Nachricht der Fremden. Er zweifelte nicht 
daran, dafi sie noch einmal schreiben wurde, wie es sich schickte, um 
fur die Gastfreundschaft zu danken. Und eines Tages traf wirklich ein 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 463 

grofier, dunkelblauer Brief aus Italien ein. Die Walewska schrieb, daft 
sie mit ihrem Mann weiter siidwarts gefahren sei. Augenblicklich be- 
fande sie sich in Rom. Nach Sizilien wollten sie und ihr Mann fahren. 
Fiir die Zwillinge Fallmerayers kam einen Tag spater ein niedlicher 
Korb mit Friichten und vom Mann der Grafin Walewska fiir die Frau 
des Stationschefs ein Paket sehr zarter und duftender blasser Rosen. Es 
hatte lange gedauert, schrieb die Grafin, ehe sie Zeit gefunden habe, 
ihren giitigen Wirten zu danken, aber sie sei auch eine langere Zeit 
nach ihrer Ankunft in Meran erschuttert und der Erholung bediirftig 
gewesen. Die Friichte und die Blumen brachte Fallmerayer sofort in 
seine Wohnung. Den Brief aber, obwohl er einen Tag friiher gekom- 
men war, behielt der Stationschef noch etwas langer. Sehr stark dufte- 
ten Friichte und Rosen aus dem Suden, aber Fallmerayer war es, als 
roche der Brief der Grafin noch kraftiger. Es war ein kurzer Brief. 
Fallmerayer kannte ihn auswendig. Er wufite genau, welche Stelle je- 
des Wort einnahm. Mit lila Tinte, in grofien, fliegenden Ziigen ge- 
schrieben, nahmen sich die Buchstaben aus wie eine schone Schar 
fremder, seltsam gefiederter, schlanker Vogel, dahinschwebend auf 
tiefblauem Himmelsgrund. »Anja Walewska« lautete die Unterschrift. 
Auf den Vornamen der Fremden, nach dem er sie zu fragen niemals 
gewagt hatte, war er langst begierig gewesen, als ware ihr Vorname 
einer ihrer verborgenen korperlichen Reize. Nun, da er ihn kannte, 
war es ihm eine Weile, als hatte sie ihm ein siifies Geheimnis geschenkt. 
Und aus Eifersucht, um es fiir sich allein zu bewahren, entschlofi er 
sich, erst zwei Tage spater den Brief seiner Frau zu zeigen. Seitdem er 
den Vornamen der Walewska wufke, kam es ihm zu Bewufksein, daft 
der seiner Frau - sie hiefi Klara - nicht schon war. Als er nun sah, mit 
welch gleichgiiltigen Handen Frau Klara den Brief der Fremden entfal- 
tete, kamen ihm auch die fremden Hande der Schreiberin in Erinne- 
rung - so, wie er sie zum erstenmal erblickt hatte, iiber dem Pelz, 
regungslose Hande, zwei schimmernde, silberne Hande. Damals hatte 
ich sie kiissen sollen - dachte er einen Augenblick. »Ein sehr netter 
Brief «, sagte seine Frau und legte den Brief weg. Ihre Augen waren 
stahlblau und pflichtbewufk, nicht einmal bekummert. Frau Klara 
Fallmerayer besafi die Fahigkeit, sogar Sorgen als Pflichten zu werten 
und im Kummer eine Genugtuung zu finden. Das glaubte Fallme- 
rayer- dem derlei Uberlegungen oder Einfalle immer fremd gewesen 
waren- auf einmal zu erkennen. Und er schutzte heute nacht eine 



464 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dringende dienstliche Obliegenheit vor, mied das gemeinsame Zimmer 
und legte sich unten im Dienstraum schlafen und versuchte sich einzu- 
reden, oben, iiber ihm, in seinem Bett, schiiefe noch immer die 
Fremde. 

Die Tage vergingen, die Monate. Aus Sizilien flogen noch zwei bunte 
Ansichtskarten heran, mit fluchtigen Griifien. Der Sommer kam, ein 
heifier Sommer. Als die Zeit des Urlaubs herannahte, beschlofi Fallme- 
rayer, nirgends hinzufahren. Frau und Kinder schickte er in eine Som- 
merfrische nach Osterreich. Er blieb und versah seinen Dienst weiter. 
Zum erstenmal seit seiner Verheiratung war er von seiner Frau ge- 
trennt. Im stillen hatte er sich zuviel von dieser Einsamkeit verspro- 
chen. Erst als er allein geblieben war, begann er zu merken, dafi er 
keineswegs allein hatte sein wollen. Er kramte in alien Fachern; er 
suchte nach dem Brief der fremden Frau. Aber er fand ihn nicht mehr. 
Frau Fallmerayer hatte ihn vielleicht langst vernichtet. 
Frau und Kinder kamen zuriick, der Juli ging zu Ende. 
Da war die allgemeine Mobilisierung da. 



Fallmerayer war Fahnrich in der Reserve im Einundzwanzigsten Ja- 
gerbataillon. Da er einen verhaltnismafiig wichtigen Posten versah, 
ware es ihm, wie mehreren seiner Kollegen, moglich gewesen, noch 
eine Weile im Hinterland zu bleiben. Allein Fallmerayer legte seine 
Uniform an, packte seinen Koffer, umarmte seine Kinder, kufite seine 
Frau und fuhr zu seinem Kader. Dem Bahnassistenten ubergab er den 
Dienst. Frau Fallmerayer weinte, die Zwillinge jubelten, weil sie ihren 
Vater in einer ungewohnten Kleidung sahen. Frau Fallmerayer ver- 
fehlte nicht, stolz auf ihren Mann zu sein - aber erst in der Stunde der 
Abfahrt. Sie unterdriickte die Tranen. Ihre blauen Augen waren erfiillt 
von bitterem PflichtbewuEtsein. 

Was den Stationschef selbst betraf, so empfand er erst, als er mit eini- 
gen Kameraden in einem Abteil geblieben war, die grausame Entschie- 
denheit dieser Stunden. Dennoch glaubte er zu fiihlen, dafi er sich 
durch eine ganz unbestimmte Heiterkeit von all den in seinem Abteil 
anwesenden Offizieren unterschied. Es waren Reserveoffiziere. Jeder 
von ihnen hatte ein geliebtes Haus verlassen. Und jeder von ihnen war 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 465 

in dieser Stunde begeisterter Soldat. Jeder zugleich auch ein trostloser 
Vater, ein trostloser Sohn. Fallmerayer allein schien es, daft ihn der 
Krieg aus einer aussichtslosen Lage befreit hatte. Seine Zwillinge ka- 
men ihm gewifl bedauernswert vor. Auch seine Frau. Gewifl, auch 
seine Frau. Wahrend aber die Kameraden, begannen sie von der Hei- 
mat zu sprechen, alle zartliche Herzlichkeit, derer sie fahig sein moch- 
ten, in Mienen und Gebarden offenbarten, war es Fallmerayer, als 
miifite er, um es ihnen gleichzutun, sobald er von den Seinen zu erzah- 
len begann, wenn auch keine liignerische, so doch eine ubertriebene 
Bangigkeit in Blick und Stimme legen. Und eigentlich hatte er eher 
Lust, mit den Kameraden von der Grafin Walewska zu sprechen als 
von seinem Haus. Er zwang sich zu schweigen. Und es kam ihm vor, 
dafi er doppelt log: einmal, weil er verschwieg, was ihn im Innersten 
bewegte, und zweitens, weil er hie und da von seiner Frau und seinen 
Kindern erzahlte - von denen er in dieser Stunde viel weiter entfernt 
war als von der Grafin Walewska, der Frau eines feindlichen Landes. 
Er begann, sich ein wenig zu verachten. 



VI 



Er riickte ein. Er ging ins Feld. Er kampfte. Er war ein tapferer Soldat. 
Er schrieb die iiblichen herzlichen Feldpostbriefe nach Hause. Er 
wurde ausgezeichnet, zum Leutnant ernannt. Er wurde verwundet. Er 
kam ins Lazarett. Er hatte Anspruch auf Urlaub. Er verzichtete und 
ging wieder ins Feld. Er kampfte im Osten. In freien Stunden, zwi- 
schen Gefecht, Inspizierung, Sturmangriff, begann er, aus zufallig ge- 
fundenen Buchern Russisch zu lernen. Beinahe mit Wollust. Mitten im 
Gestank des Gases, im Geruch des Bluts, im Regen, im Sumpf, im 
Schlamm, im Schweifl der Lebendigen, im Dunst der faulenden Kada- 
ver verfolgte Fallmerayer der fremde Duft von Juchten und das na- 
menlose Parfum der Frau, die einmal in seinem Bett, auf seinem Kis- 
sen, unter seiner Decke gelegen hatte. Er lernte die Muttersprache die- 
ser Frau und stellte sich vor, er sprache mit ihr, in ihrer Sprache. Zart- 
lichkeiten lernte er, Verschwiegenheiten, kostbare russische Zartlich- 
keiten. Er sprach mit ihr. Durch einen ganzen groEen Weltkrieg war er 
von ihr getrennt, und er sprach mit ihr. Mit kriegsgefangenen Russen 
unterhielt er sich. Mit hundertfach gescharftem Ohr vernahm er die 



466 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zartesten Tonungen, und mit gelaufiger Zunge sprach er sie nach. Mit 
jedem neuen Klang der fremden Sprache, den er lernte, kam er der 
fremden Frau naher. Nichts mehr wufite er von ihr, als was er zuletzt 
von ihr gesehn hatte: fliichtigen Grufi und fliichtige Unterschrift auf 
einer banalen Ansichtskarte. Aber fiir ihn lebte sie; auf ihn wartete sie; 
bald sollte er mit ihr sprechen. 

Er kam, weil er Russisch konnte, ais sein Bataillon an die Sudfront 
abkommandiert wurde, zu einem der Regimenter, die eine kurze Zeit 
spater in die sogenannte Okkupationsarmee eingereiht wurden. Fall- 
merayer wurde zuerst als Dolmetscher zum Divisionskommando ver- 
setzt, hierauf zur »Kundschafter- und Nachrichtenstelle«. Er gelangte 
schliefilich in die Nahe von Kiew. 



VII 



Den Namen Solowienki hatte er wohl behalten. Mehr als behalten: 
Vertraut und heimisch war ihm dieser Name geworden. 
Ein leichtes war es, den Namen des Gutes herauszufinden, das der 
Familie Walewski gehorte. Solowki hiefi es und lag drei Werst sudlich 
von Kiew. Fallmerayer geriet in siifie, beklemmende und schmerzliche 
Erregung. Er hatte das Gefuhl einer unendlichen Dankbarkeit gegen 
das Schicksal, das ihn in den Krieg und hierhergefiihrt hatte, und zu- 
gleich eine namenlose Angst vor allem, was es ihm jetzt erst zu berei- 
ten begann. Krieg, Sturmangriff, Verwundung, Todesnahe: Es waren 
ganz blasse Ereignisse, verglichen mit jenem, das ihm nun bevorstand. 
Lediglich eine - wer weifl : vielleicht unzulangliche - Vorbereitung fiir 
die Begegnung mit der Frau war alles gewesen. War er wirklich fiir alle 
Falle geriistet? War sie uberhaupt in ihrem Hause? Hatte sie nicht der 
Einmarsch der feindlichen Armee in gesichertere Gegenden getrieben? 
Und wenn sie zu Hause lebte, war ihr Mann mit ihr? Man muEte auf 
alle Falle hingehn und sehn. 
Fallmerayer lieft einspannen und fuhr los. 

Es war ein ziemlich friiher Morgen im Mai. Man fuhr im leichten, 
zweiradrigen Wagelchen an bluhenden Wiesen vorbei, auf gewunde- 
ner, sandiger Landstrafte, durch eine fast unbewohnte Gegend. Solda- 
ten marschierten klappernd und rasselnd dahin, zu den iiblichen Exer- 
zieriibungen. Im lichten und hohen blauen Gewolbe des Himmels ver- 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 467 

borgen trillerten die Lerchen. Dichte, dunkle Flecken kleiner Tannen- 
waldchen wechselten ab mit dem hellen, frohlichen Silber der Birken. 
Und der Morgenwind brachte aus weiter Feme abgebrochenen Gesang 
der Soldaten aus entlegenen Baracken. Fallmerayer dachte an seine 
Kindheit, an die Natur seiner Heimat. Nicht weit von der Station, an 
der er bis zum Kriege Dienst getan hatte, war er geboren worden und 
aufgewachsen. Auch sein Vater war Bahnbeamter gewesen, niederer 
Bahnbeamter, Magazineur. Die ganze Kindheit Fallmerayers war, wie 
sein spateres Leben, erfiillt gewesen von den Gerauschen und Gerii- 
chen der Eisenbahn wie von denen der Natur. Die Lokomotiven pfif- 
fen und hielten Zwiesprache mit dem Jubel der Vogel. Der schwere 
Dunst der Steinkohle lagerte iiber dem Duft der bliihenden Felder. 
Der graue Rauch der Bahnen verschwamm mit dem blauen Gewolk 
iiber den Bergen zu einem einzigen Nebel aus suffer Wehmut und 
Sehnsucht. Wie anders war diese Welt hier, heiter und traurig in einem, 
keine heimliche Giite mehr auf mildem, sanftem Abhang, sparlicher 
Flieder hier, keine vollen Dolden mehr hinter sauber gestrichenen 
Zaunen. Niedere Hiitten mit breiten, tiefen Dachern aus Stroh, wie 
Kapuzen, winzige Dorfer, verloren in der Weite und sogar in dieser 
iibersichtlichen Flache doch gleichsam verborgen. Wie verschieden 
waren die Lander! Waren es auch die menschlichen Herzen? Wird sie 
mich auch begreifen? - fragte sich Fallmerayer. Wird sie mich auch 
begreifen? - Und je naher er dem Gute der Walewskis kam, desto 
heftiger loderte die Frage in seinem Herzen. Je naher er kam, desto 
sicherer schien es ihm auch, daft die Frau zu Hause war. Bald zweifelte 
er gar nicht mehr daran, daft ihn noch Minuten nur von ihr trennten. 
Ja, sie war zu Hause. 

Gleich am Anfang der schiitteren Birkenallee, die den sachten Aufstieg 
zum Herrenhaus ankttndigte, sprang Fallmerayer aus dem Wagen. Zu 
Fufi legte er den Weg zuriick, damit es noch ein wenig langer dauere. 
Ein alter Gartner fragte nach seinen Wiinschen. Er mochte die Grafin 
sehen, sagte Fallmerayer. Er wolle es ausrichten, meinte der Mann, 
entfernte sich langsam und kam bald wieder. Ja, die Frau Grafin war da 
und erwartete den Besuch. 

Die Walewska erkannte Fallmerayer selbstverstandlich nicht, Sie hielt 
ihn fur einen der vielen militarischen Besucher, die sie in der letzten 
Zeit hatte empfangen mussen. Sie bat ihn, sich zu setzen. Ihre Stimme, 
tief, dunkel, fremd, erschreckte ihn und war ihm wohlvertraut zu- 



468 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gleich, ein heimischer Schauder, ein wohlbekannter, liebevoll begriifi- 
ter, seit undenklichen Jahren sehnsiichug erwarteter Schrecken. »Ich 
heifie Fallmerayer!« sagte der Offizier. - Sie hatte natiirlich den Na- 
men vergessen. »Sie erinnern sich«, begann er wieder, »ich bin der 
Stationschef von L.« Sie trat naher zu ihm, fafite seine Hande, er roch 
ihn wieder, den Duft, der ihn undenkliche Jahre verfolgt, umgeben, 
gehegt, geschmerzt und getrostet hatte. Ihre Hande lagen einen Au- 
genblick auf den seinen. 

»Oh, erzahlen Sie, erzahlen Sie!« rief die Walewska. Er erzahlte kurz, 
wie es ihm ging. »Und Ihre Frau, Ihre Kinder?« fragte die Grafin. »Ich 
habe sie nicht mehr gesehen!« sagte Fallmerayer. »Ich habe nie Urlaub 
genommen.« 

Hierauf entstand eine kleine Stille. Sie sahen sich an. In dem breiten 
und niederen, weilS getiinchten und fast kahlen Zimmer lag die Sonne 
des jungen Vormittags golden und satt. Fliegen summten an den Fen- 
stern. Fallmerayer sah still auf das breite, weifte Gesicht der Grafin. 
Vielleicht verstand sie ihn. Sie erhob sich, um eine Gardine vor das 
mittlere der drei Fenster zu Ziehen. »2u hell?« fragte sie. »Lieber dun- 
kel!« antwortete Fallmerayer. Sie kam an das Tischchen zuriick, riihrte 
ein Glockchen, der alte Diener kam; sie bestellte Tee. Die Stille zwi- 
schen ihnen wich nicht: Sie wuchs im Gegenteil, bis man den Tee 
brachte. Fallmerayer rauchte. Wahrend sie ihm den Tee einschenkte, 
fragte er plotzlich: »Und wo ist Ihr Mann?« 

Sie wartete, bis sie die Tasse gefullt hatte, als miifite sie erst eine sehr 
vorsorgliche Antwort iiberlegen. »An der Front natiirlich !« sagte sie 
dann. »Ich hore seit drei Monaten nichts mehr von ihm. Wir konnen ja 
jetzt nicht korrespondieren!« »Sind Sie sehr in Sorge?«iragte Fallme- 
rayer. »Gewifi«, erwiderte sie, »nicht weniger als Ihre Frau um Sie 
wahrscheinlich.« »Verzeihen Sie, Sie haben recht, ich war recht 
dumm«, sagte Fallmerayer. Er blickte auf die Teetasse. 
Sie hatte sich geweigert, erzahlte die Grafin weiter, das Haus zu verlas- 
sen. Andere seien geflohen. Sie fliehe nicht, vor ihren Bauern nicht und 
auch nicht vor dem Feind. Sie lebe hier mit vier Dienstboten, zwei 
Reitpferden und einem Hund. Geld und Schmuck habe sie vergraben. 
Sie suchte lange nach einem Wort, sie wuftte nicht, wie man »vergra- 
ben« auf deutsch sage, und zeigte auf die Erde. Fallmerayer sagte das 
russische Wort. »Sie konnen Russisch?« fragte sie. »Ja«, sagte er, »ich 
habe es gelernt, im Felde gelernt.« Und auf russisch fugte er hinzu: 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 469 

»Ihretwegen, fiir Sie, urn einmal mit Ihnen sprechen zu konnen, habe 

ich Russisch gelernt.« 

Sie bestatigte ihm, dafi er vorziiglich spreche, so als hatte er seinen 

inhaltsschweren Satz nur gesprochen, um seine sprachlichen Fahigkei- 

ten zu beweisen. Auf diese Weise verwandelte sie sein Gestandnis in 

eine bedeutungslose Stiliibung. Aber gerade diese ihre Antwort bewies 

ihm, dafi sie ihn gut verstanden habe. 

Nun will ich gehen, dachte er. Er stand auch sofort auf. Und ohne ihre 

Einladung abzuwarten und wohl wissend, dafi sie seine Unhoflichkeit 

richtig deuten wiirde, sagte er: »Ich komme in der nachsten Zeit wie- 

der!« - Sie antwortete nicht. Er kiifite ihre Hand und ging. 



VIII 

Er ging - und zweifelte nicht mehr daran, dafi sein Geschick anfing, 
sich zu erfullen. Es ist ein Gesetz, sagte er sich. Es ist unmoglich, 
dafi ein Mensch einem andern so unwiderstehlich entgegengetrieben 
wird und dafi der andere zugeschlossen bleibt. Sie fiihlt, was ich 
fuhle. Wenn sie mich noch nicht liebt, so wird sie mich bald lieben, 
Mit der gewohnten sicheren Soliditat des Beamten und Offiziers er- 
ledigte Fallmerayer seine Obliegenheiten. Er beschlofi, vorlaufig 
zwei Wochen Urlaub zu nehmen, zum erstenmal, seitdem er einge- 
rikkt war. Seine Ernennung zum Oberleutnant mufite in einigen Ta- 
gen erfolgen. Diese wollte er noch abwarten. 

Zwei Tage spater fuhr er noch einmal nach Solowki. Man sagte ihm, 
die Grafin Walewska sei nicht zu Hause und wiirde vor Mittag 
nicht erwartet. »Nun«, sagte er, »so werde ich im Garten so lange 
bleiben.« Und da man nicht wagte, ihn hinauszuweisen, liefi man 
ihn in den Garten hinter dem Hause. 

Er sah zu den zwei Reihen der Fenster hinauf. Er vermutete, dafi 
die Grafin zu Hause war und sich verleugnen liefi. In der Tat 
glaubte er, bald hinter diesem, bald hinter jenem Fenster den Schim- 
mer eines hellen Kleides zu sehen. Er wartete geduldig und geradezu 
gelassen. 

Als es zwolf Uhr vom nahen Kirchturm schlug, ging er wieder ins 
Haus. Frau Walewska war da. Sie kam gerade die Treppe herunter, in 
einem schwarzen, engen und hochgeschlossenen Kleid, eine diinne 



47° ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schnur kleiner Perlen um den Kragen und ein silbernes Armband um 
die enge linke Manschette. Es schien Fallmerayer, daft sie sich seinet- 
wegen gepanzert hatte - und es war, als ob das Feuer, das ewig in 
seinem Herzen fur sie brannte, noch ein neues, ein besonderes, kleines 
Feuerchen geboren habe. Neue Lichter ziindete die Liebe an. Fallme- 
rayer lachelte. »Ich habe lange warten miissen«, sagte er, »aber ich 
habe gern gewartet, wie Sie wissen. Ich habe hinten im Garten zu den 
Fenstern hinaufgeschaut und habe mir eingebildet, daft ich das Gliick 
habe, Sie zu sehn. So ist mir die Zeit vergangen.« 
Ob er essen wolle, fragte die Grafin, da es gerade Zeit sei. Gewifi, sagte 
er, er habe Hunger. Aber von den drei Gangen, die man dann servierte, 
nahm er nur die lacherlichsten Brocken. 

Die Grafin erzahlte vom Ausbruch des Krieges. Wie sie in hochster 
Eile aus Kairo nach Hause heimgekehrt seien. Vom Garderegiment 
ihres Mannes. Von dessen Kameraden. Von ihrer Jugend hierauf. Von 
Vater und Mutter. Von der Kindheit dann. Es war, als suchte sie sehr 
krampfhaft nach Geschichten und als ware sie sogar bereit, etwelche 
zu erfinden - alles nur, um den ohnehin schweigsamen Fallmerayer 
nicht sprechen zu lassen. Er strich seinen kleinen, blonden Schnurrbart 
und schien genau zuzuhoren. Er aber horte viel starker auf den Duft, 
den die Frau ausstromte, als auf die Reden, die sie fiihrte. Seine Poren 
lauschten, Und im ubrigen: Auch ihre Worte dufteten, ihre Sprache. 
Alles, was sie erzahlen konnte, erriet er ohnedies. Nichts von ihr 
konnte ihm verborgen bleiben. Was konnte sie ihm verbergen? Ihr 
strenges Kleid schiitzte ihren Korper keineswegs vor seinem wissen- 
den Blick. Er fuhlte die Sehnsucht seiner Hande nach ihr, das Heim- 
weh seiner Hande nach der Frau. Als sie aufstanden, sagte er, daft er 
noch zu bleiben gedenke, Urlaub habe er heute, einen viel langeren 
Urlaub nehme er in einigen Tagen, sobald er Oberleutnant geworden 
sei. Wohin er fahren wolle? fragte die Grafin. »Nirgendwohin!« sagte 
Fallmerayer. »Bei Ihnen will ich bleiben !« Sie lud ihn ein, zu bleiben, 
solange er wolle - heute und spater. Jetzt miisse sie ihn allein lassen 
und sich im Hause ein wenig umsehen. Wolle er kommen - es gabe 
Zimmer genug im Hause - und so viele, daft sie es nicht notig hatten, 
einander zu storen. 

Er verabschiedete sich. Da sie nicht mit ihm bleiben konne, sagte er, 
zoge er es vor, in die Stadt zuruckzukehren. 
Als er in den Wagen stieg, wartete sie auf der Schwelle, im strengen, 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 4/1 

schwarzen Kleid, mit ihrem weiten, hellen Antlitz dariiber - und wah- 
rend er die Peitsche ergriff, hob sie sachte die Hand zu einem halben, 
gleichsam angestrengt geziigelten Grufi. 



IX 

Ungefahr eine Woche nach diesem Besuch erhielt der neuernannte 
Oberleutnant Adam Fallmerayer seinen Urlaub. Allen Kameraden 
sagte er, er wolle nach Hause fahren. Indessen begab er sich in das 
Herrenhaus der Walewskis, bezog ein Zimmer im Parterre, das man 
fur ihn vorbereitet hatte, aft jeden Tag mit der Frau des Hauses, sprach 
mit ihr iiber dies und jenes, Gleichgultiges und Femes, erzahlte von 
der Front und gab nie acht auf den Inhalt seiner Rede, lieE sich erzah- 
len und horte nicht zu. In der Nacht schlief er nicht, schlief er ebenso- 
wenig wie vor Jahren daheim im Stationsgebaude, wahrend der sechs 
Tage, an denen die Grafin iiber ihm, in seinem Zimmer, genachtigt 
hatte. Auch heute ahnte er sie in den Nachten iiber sich, iiber seinem 
Haupt, iiber seinem Herzen. 

Eines Nachts, es war schwiil, ein linder, guter Regen fiel, erhob sich 
Fallmerayer, kleidete sich an und trat vor das Haus. Im geraumigen 
Treppenhaus brannte eine gelbe Petroleumlaterne. Still war das Haus, 
still war die Nacht, still war der Regen, er fiel wie auf zarten Sand, und 
sein eintoniges Singen war der Gesang der nachtlichen Stille selbst. Auf 
einmal knarrte die Treppe. Fallmerayer horte es, obwohl er sich vor 
dem Tor befand. Er sah sich um. Er hatte das schwere Tor offengelas- 
sen. Und er sah die Grafin Walewska die Treppen hinuntersteigen. Sie 
war vollkommen angezogen, wie bei Tag. Er verneigte sich, ohne ein 
Wort zu sagen. Sie kam nahe zu ihm heran. So blieben sie, stumm, ein 
paar Sekunden. Fallmerayer horte sein Herz klopfen. Auch war ihm, 
als klopfte das Herz der Frau so laut wie das seine - und im gleichen 
Takt mit diesem. Schwiil schien auf einmal die Luft geworden zu sein, 
kein Zug kam durch das offene Tor. Fallmerayer sagte: »Gehen wir 
durch den Regen, ich hole Ihnen den Mantel !« Und ohne eine Zustim- 
mung abzuwarten, stiirzte er in sein Zimmer, kam mit dem Mantel 
zuriick, legte ihn der Frau um die Schultern, wie er ihr einmal den Pelz 
umgelegt hatte, damals, an dem unvergeftlichen Abend der Katastro- 
phe, und hierauf den Arm um den Mantel. Und so gingen sie in die 
Nacht und in den Regen. 



47^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie gingen die Allee entlang, trotz der nassen Finsternis leuchteten sil- 
bern die diinnen, schiitteren Stamme wie von einem im Innern entzun- 
deten Licht. Und als erweckte dieser silberne Glanz der zartlichsten 
Baume der Welt Zartlichkeit im Herzen Fallmerayers, driickte er sei- 
nen Arm fester um die Schulter der Frau, spiirte durch den harten, 
durchnafiten Stoff des Mantels die nachgiebige Giite des Korpers, fur 
eine Weile schien es ihm, dafi sich ihm die Frau zuneige, ja, dafi sie sich 
an in schmiege, und doch war einen hurtigen Augenblick spater wieder 
geraumer Abstand zwischen ihren Korpern. Seine Hand verliefi ihre 
Schultern, tastete sich empor zu ihrem nassen Haar, strich iiber ihr 
nasses Ohr, beriihrte ihr nasses Angesicht. Und im nachsten Augen- 
blick blieben sie beide gleichzeitig stehn, wandten sich einander zu, 
umfingen sich, der Mantel sank von ihren Schultern nieder und fiel 
taub und schwer auf die Erde - und so, mitten in Regen und Nacht, 
legten sie Gesicht an Gesicht, Mund an Mund und kiifiten sich lange. 



Einmal sollte Oberleutnant Fallmerayer nach Shmerinka versetzt wer- 
den, aber es gelang ihm, mit vieler Anstrengung, zu bleiben. Fest ent- 
schlossen war er zu bleiben. Jeden Morgen, jeden Abend segnete er 
den Krieg und die Okkupation. Nichts furchtete er mehr als einen 
plotzlichen Frieden. Fiir ihn war der Graf Walewski seit langem tot, an 
der Front gefallen oder von meuternden kommunistischen Soldaten 
umgebracht. Ewig hatte der Krieg zu wahren, ewig der Dienst Fallme- 
rayers an diesem Ort, in dieser Stellung. 
Nie mehr Frieden auf Erden. 

Dem Ubermut war Fallmerayer eben anheimgefallen, wie es manchen 
Menschen geschieht, denen das Ubermafi ihrer Leidenschaft die Sinne 
blendet, die Einsicht raubt, den Verstand betort. Allein, schien es ihm, 
sei er auf der Erde, er und der Gegenstand seiner Liebe. Selbstver- 
standlich aber ging, unbekummert um ihn, das grofte und verworrene 
Schicksal der Welt weiter. Die Revolution kam. Der Oberleutnant und 
Liebhaber Fallmerayer hatte sie keineswegs erwartet. 
Doch scharfte, wie es in hochster Gefahr zu geschehen pflegt, der hef- 
tige Schlag der aufiergewohnlichen Schicksalsstunde auch seine einge- 
schlaferte Vernunft, und mit verdoppelter Wachsamkeit erkannte er 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 473 

schnell, daft es gait, das Leben der geliebten Frau, sein eigenes und vor 
allem ihrer beider Gemeinsamkeit zu retten. Und da ihm, mitten in der 
Verwirrung, welche die plotzlichen Ereignisse angerichtet hatten, dank 
seiner militarischen Grade und der besonderen Dienste, die er versah, 
immer noch einige, fiirs erste geniigende Hilfs- und sogar Machtmittel 
verblieben waren, bemiihte er sich, diese schnell zu nutzen; und also 
gelang es ihm, innerhalb der ersten paar Tage, in denen die osterreichi- 
sche Armee zerfiel, die deutsche sich aus der Ukraine zuriickzog, die 
russischen Roten ihren Einmarsch begannen und die neuerlich revol- 
tierenden Bauern gegen die Gutshofe ihrer bisherigen Herren mit 
Brand und Pliinderung anriickten, zwei gut geschiitzte Autos der Gra- 
fin Walewska zur Verfiigung zu stellen, ein halbes Dutzend ergebener 
Mannschaften mit Gewehren und Munition und einem Mundvorrat 
fur ungefahr eine Woche. 

Eines Abends - die Grafin weigerte sich immer noch, ihren Hof zu 
verlassen - erschien Fallmerayer mit den Wagen und seinen Soldaten 
und zwang seine Geliebte mit heftigen Worten und beinahe mit kor- 
perlicher Gewalt, den Schmuck, den sie im Garten vergraben hatte, zu 
holen und sich zur Abreise fertigzumachen. Das dauerte eine ganze 
Nacht. Als der triibe und feuchte Spatherbstmorgen zu grauen begann, 
waren sie fertig, und die Flucht konnte beginnen. In dem geraumige- 
ren, von Zeltleinwand iiberdachten Auto befanden sich die Soldaten. 
Ein Militarchauffeur lenkte das Personen-Automobil, das dem ersten 
folgte und in dem die Grafin und Fallmerayer safien. Sie hatten be- 
schlossen, nicht westwarts zu fahren, wie damals alle Welt tat, sondern 
sudlich. Man konnte mit Sicherheit annehmen, daft alle Straften des 
Landes, die nach dem Westen fuhrten, von ruckflutenden Truppen 
verstopft sein wiirden. Und wer weift, was man noch an den Grenzen 
der neu entstan denen westlichen Staaten zu erwarten hatte! Moglich 
war immerhin - und wie es sich spater zeigte, war es sogar Tatsache-, 
daft man an den westlichen Grenzen des russischen Reiches neue 
Kriege angefangen hatte. In der Krim und im Kaukasus hatte die Gra- 
fin Walewska aufterdem reiche und machtige Anverwandte. Hilfe war 
von ihnen selbst unter diesen veranderten Verhaltnissen immerhin 
noch zu erwarten, sollte man ihrer bediirftig werden. Und was das 
wichtigste war: Ein kluger Instinkt sagte den beiden Liebenden, daft in 
einer Zeit, in der das wahrhaftige Chaos auf der ganzen Erde herrschte, 
das ewige Meer die einzige Freiheit bedeuten miisse. An das Meer 



474 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wollten sie zuallererst gelangen. Sie versprachen den Mannern, die sie 
bis zum Kaukasus begleiten sollten, jedem eine ansehnliche Summe in 
purem Gold. Und wohlgemut, wenn auch in natiirlicher Aufregung, 
fuhren sie dahin. 

Da Fallmerayer alles sehr wohl vorbereitet und auch jeden moglichen 
und unwahrscheinlichen Zufall im voraus berechnet hatte, gelang es 
ihnen, innerhalb einer sehr kurzen Frist - vier Tage waren es im gan- 
zen - nach Tiflis zu kommen. Hier entliefien sie die Begleiter, zahlten 
ihnen den ausgemachten Lohn und behielten lediglich den Chauffeur 
bis Baku. Auch nach dem Suden und nach der Krim hatten sich viele 
Russen aus den adligen und gutburgerlichen Schichten gefliichtet. Man 
vermied, obwohl man es sich vorgenommen hatte, Verwandte zu tref- 
fen, von Bekannten gesehen zu werden. Vielmehr bemuhte sich Fall- 
merayer, ein Schiff zu finden, das ihn und seine Geliebte unmittelbar 
von Baku nach dem nachsten Hafen eines weniger gefahrdeten Landes 
bringen konnte. Dabei lieft es sich nicht vermeiden, dafi man andre, 
mit den Walewskis mehr oder weniger bekannte Familien traf, die 
ebenfalls, wie Fallmerayer, nach einem rettenden Schiff Ausschau hiel- 
ten - und daft die Grafin iiber die Person Fallmerayers wie liber ihre 
Beziehungen zu ihm liigenhafte Auskiinfte geben mulke. Schliefilich 
sah man ein, dafi man nur in Gemeinschaft mit den andern die geplante 
Art der Flucht bewerkstelligen konnte. Man einigte sich also mit acht 
andern, die Rutland auf dem Seewege verlassen wollten, fand schliefi- 
lich einen zuverlassigen Kapitan eines etwas gebrechlich aussehenden 
Dampfers und fuhr zuerst nach Konstantinopel, von wo aus regelma- 
Eige Schiffe nach Italien und Frankreich immer noch abgingen. 
Drei Wochen spater gelangte Fallmerayer mit seiner geliebten Frau 
nach Monte Carlo, wo die Walewskis vor dem Kriege eine kleine Villa 
gekauft hatten. Und nun glaubte sich Fallmerayer auf dem Hohepunkt 
seines Glucks und seines Lebens. Von der schonsten Frau der Welt 
wurde er geliebt. Mehr noch: Er liebte die schonste Frau der Welt. 
Neben ihm war sie jetzt standig, wie ihr starkes Abbild jahrelang in 
ihm gelebt hatte. In ihr lebte er jetzt selbst. In ihren Augen sah er 
stiindlich sein eigenes Spiegelbild, wenn er ihr nahe kam - und kaum 
gab es eine Stunde im Tag, in der sie beide einander nicht ganz nahe 
waren. Diese Frau, die kurze Zeit vorher noch zu hochmutig gewesen 
ware, um dem Wunsch ihres Herzens oder ihrer Sinne zu gehorchen: 
diese Frau war nun ohne Ziel und ohne Willen ausgeliefert der Leiden- 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 475 

schaft Fallmerayers, eines Stationschefs der osterreichischen Siidbahn, 
sein Kind war sie, seine Geliebte, seine Welt. Wunschlos wie FalJme- 
rayer war die Grafin Walewska. Der Sturm der Liebe, der seit der 
Schicksalsnacht, in der sich die Katastrophe auf der Station L. zugetra- 
gen hatte, im Herzen Fallmerayers zu wachsen angefangen hatte, nahm 
die Frau mit, trug sie davon, entfernte sie tausend Meilen weit von 
ihrer Herkunft, von ihren Sitten, von der Wirklichkeit, in der sie gelebt 
hatte. In ein wildfremdes Land der Gefuhle und Gedanken wurde sie 
entfuhrt. Und dieses Land war ihre Heimat geworden. Was alles in der 
grofien, ruhelosen Welt vorging, bekiimmerte die beiden nicht. Das 
Gut, das sie mitgenommen hatte, sicherte ihnen auf mehrere Jahre hin- 
aus ein arbeitsloses Leben. Auch machten sie sich keine Sorgen um die 
Zukunft. Wenn sie den Spielsaal besuchten, geschah es aus Ubermut. 
Sie konnten es sich leisten, Geld zu verlieren - und sie verloren in der 
Tat, wie um dem Sprichwort gerecht zu werden, das sagt, wer Gliick in 
der Liebe habe, verliere im Spiel. Uber den Verlust waren beide be- 
gliickt; als bediirften sie noch des Aberglaubens, um ihrer Liebe sicher 
zu sein. Aber wie alle Gliicklichen waren sie geneigt, ihr Gliick auf 
eine Probe zu stellen, um es, bewahrte es sich, womoglich zu vergro- 
fiern. 



XI 

Hatte die Grafin Walewska auch ihren Fallmerayer ganz fur sich, so 
war sie doch - wie es sonst nur wenige Frauen konnen - keineswegs 
imstande, langere Zeit zu lieben, ohne den Verlust des Geliebten zu 
fiirchten (denn es ist oft die Furcht der Frauen, sie konnten den gelieb- 
ten Mann verlieren, die ihre Leidenschaft steigert und ihre Liebe). So 
begann sie denn eines Tages, obwohl Fallmerayer keinen Anlafl dazu 
gegeben hatte, von ihm zu fordern, er moge sich von seiner Frau schei- 
den lassen und auf Kinder und Amt verzichten. Sofort schrieb Adam 
Fallmerayer seinem Vetter Heinrich, der ein hoheres Amt im Wiener 
Unterrichtsministerium bekleidete, daft er seine friihere Existenz end- 
giiltig aufgegeben habe. Da er aber nach Wien nicht kommen wolle, 
moge, wenn dies iiberhaupt moglich, ein geschickter Advokat die 
Scheidung veranlassen. 
Ein merkwurdiger Zufall - so erwiderte ein paar Tage spater der Vetter 



476 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Heinrich - habe es gefiigt, dafi Fallmerayer schon vor mehr als zwei 
Jahren in der Liste der Vermifiten gestanden habe. Da er auch niemals 
habe von sich horen lassen, sei er von seiner Frau und von seinen weni- 
gen Blutsverwandten bereits zu den Toten gezahlt worden. Langst ver- 
waltete ein neuer Stationschef die Station L. Langst habe Frau Fallme- 
rayer mit den Zwillingen Wohnung bei ihren Eltern in Brunn genom- 
men. Am besten sei es, man schweige weiter, vorausgesetzt, dafi Fall- 
merayer bei den auslandischen Vertretungen Osterreichs keine 
Schwierigkeiten habe, was den Pafi und dergleichen betreffe. 
Fallmerayer dankte seinem Vetter, versprach, ihm allein fernerhin zu 
schreiben, bat um Verschwiegenheit und zeigte den Briefwechsel der 
Geliebten. Sie war beruhigt. Sie zitterte nicht mehr um Fallmerayer. 
Allein einmal von der ratselhaften Angst befallen, welche die Natur in 
die Seelen der so stark liebenden Frauen gesat hat (vielleicht, wer weifi, 
um den Bestand der Welt zu sichern), forderte die Grafin Walewska 
von ihrem Geliebten ein Kind - und seit der Minute, in der dieser 
Wunsch in ihr aufgetaucht war, begann sie, sich den Vorstellungen von 
der vorziiglichen Bes chaff enheit dieses Kindes zu ergeben; gewisser- 
mafien sich der unerschiitterlichen Hingabe an dieses Kind zu weihen. 
Unbedacht, leichtsinnig, beschwingt, wie sie war, erblickte sie in ihrem 
Geliebten, dessen mafilose Liebe ja erst ihre schone, natiirliche Unbe- 
sonnenheit geweckt hatte, dennoch das Muster der vernunftigen, mafi- 
vollen Uberlegenheit. Und nichts erschien ihr wichtiger, als ein Kind 
in die Welt zu setzen, das ihre eigenen Vorziige mit den unubertreffli- 
chen ihres geliebten Mannes vereinigen sollte. 

Sie wurde schwanger. Fallmerayer, wie alle verliebten Manner dem 
Schicksal dankbar wie der Frau, die es erfullen half, konnte sich vor 
Freude nicht lassen. Keine Grenzen mehr hatte seine Zartlichkeit. Un- 
widerleglich bestatigt sah er seine eigene Personlichkeit und seine 
Liebe. Erfiillung wurde ihm jetzt erst. Das Leben hatte noch gar nicht 
begonnen. In sechs Monaten erwartete man das Kind. Erst in sechs 
Monaten sollte das Leben beginnen. 
Indessen war Fallmerayer funfundvierzig Jahre alt geworden. 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 477 

XII 

Da erschien eines Tages in der Villa der Walewskis ein Fremder, ein 
Kaukasier namens Kirdza-Schwili, und teilte der Grafin mit, dafi der 
Graf Walewski dank einem gliicklichen Geschick und wahrscheinlich 
gerettet durch ein besonders geweihtes, im Kloster von Pokroschni 
geweihtes Bildnis des heiligen Prokop der Unbill des Krieges wie den 
Bolschewiken entronnen und auf dem Wege nach Monte Carlo begrif- 
fen sei. In ungefahr vierzehn Tagen sei er zu erwarten. Er, der Bote, 
friiherer Ataman Kirdza-Schwili, sei auf dem Wege nach Belgrad, im 
Auftrag der zaristischen Gegenrevolution. Seines Auftrages habe er 
sich nunmehr entledigt. Er wolle gehn. 

Dem Fremden stellte die Grafin Walewska Fallmerayer als den ge- 
treuen Verwalter des Hauses vor. Wahrend der Anwesenheit des Kau- 
kasiers schwieg Fallmerayer. Er begleitete den Gast ein Stuck Weges. 
Als er zuruckkam, fuhlte er zum erstenmal in seinem Leben einen 
scharfen, jahen Stich in der Brust. 
Seine Geliebte safi am Fenster und las. 

»Du kannst ihn nicht empfangen!« sagte Fallmerayer. »Fliehen wir!« 
»Ich werde ihm die ganze Wahrheit sagen«, erwidene sie. »Wir war- 
ten !« 

»Du hast ein Kind von mir!« sagte Fallmerayer, »eine unmogliche Si- 
tuation. « 

»Du bleibst hier, bis er kommt! Ich kenne ihn! Er wird alles verstehn!« 
antwortete die Frau. 

Sie sprachen seit dieser Stunde nicht mehr iiber den Grafen Walewski. 
Sie warteten. 

Sie warteten, bis eines Tages eine Depesche von ihm eintraf. An einem 
Abend kam er. Sie holten ihn beide von der Bahn ab. 
Zwei Schaffner hoben ihn aus dem Waggon, und ein Gepacktrager 
brachte einen Rollstuhl herbei. Man setzte ihn in den Rollstuhl. Er 
hielt sein gelbes, knochiges, gestrecktes Angesicht seiner Frau entge- 
gen, sie beugte sich uber ihn und kiifke ihn. Mit langen, blaugefrore- 
nen, knochernen Handen versuchte er, immer wieder umsonst, zwei 
braune Decken uber seine Beine zu ziehen. Fallmerayer half ihm. 
Fallmerayer sah das Angesicht des Grafen, ein langliches, gelbes, kno- 
chernes Angesicht, mit scharfer Nase, hellen Augen, schmalem Mund, 
dariiber einen herabhangenden, schwarzen Schnurrbart. Man rollte 



47^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den Grafen wie eines der vielen Gepackstucke den Perron entlang. 

Seine Frau ging hinter dem Wagen her, Fallmerayer voran. 

Man mufke ihn - Fallmerayer und der Chauffeur - ins Auto heben. 

Der Rollwagen wurde auf das Dach des Autos veriaden. 

Man mufke ihn in die Villa hineintragen. Fallmerayer hielt den Kopf 

und die Schultern, der Diener die Fiifie. 

»Ich bin hungrig«, sagte der Graf Walewski. 

Als man den Tisch richtete, erwies es sich, dafi Walewski nicht allein 

essen konnte. Seine Frau mufite ihn fiittern. Und als, nach einem grau- 

sam schweigenden Mahl, die Stunde des Schlafs nahte, sagte der Graf: 

»Ich bin schlafrig. Legt mich ins Bett.« 

Die Grafin Walewska, der Diener und Fallmerayer trugen den Grafen 

in sein Zimmer im ersten Stock, wo man ein Bett bereitet hatte. 

»Gute Nacht!« sagte Fallmerayer. Er sah noch, wie seine Geliebte die 

Kissen zurechtriickte und sich an den Rand des Bettes setzte. 



XIII 
Hierauf reiste Fallmerayer ab; man hat nie mehr etwas von ihm gehort. 



TARABAS 

Ein Gast auf dieser Erde 
*934 



ERSTERTEIL DIEPRUFUNG 



I 



Im August des Jahres neunzehnhundertvierzehn lebte in New York 
ein junger Mann namens Nikolaus Tarabas. Er war der Staatsangeho- 
rigkeit nach Russe. Er entstammte einer jener Nationen, die damals 
noch der grofie Zar beherrschte und die man heute als »westliche 
Randvolker« bezeichnet. 

Tarabas war der Sohn einer begiiterten Familie. Er hatte in Petersburg 
die Technische Hochschule besucht. Weniger aus echter Gesinnung als 
infolge der ziellosen Leidenschaft seines jungen Herzens schlofi er sich 
im dritten Semester seiner Studien einer revolutionaren Gruppe an, die 
sich einige Zeit spater an einem Bombenattentat gegen den Gouver- 
neur von Cherson beteiligte. Tarabas und seine Kameraden kamen 
vors Gericht. Einige von ihnen wurden verurteilt, andere freigespro- 
chen. Zu diesen gehorte Tarabas. Sein Vater verwies ihn von Haus und 
Hof und versprach ihm Geld fur den Fall, dafi er sich entschlosse, nach 
Amerika auszuwandern. Der junge Tarabas verliefi die Heimat, unbe- 
sonnen, wie er zwei Jahre vorher Revolutionar geworden war. Er 
folgte der Neugier, dem Ruf der Feme, sorglos und kraftig und voller 
Zuversicht auf ein »neues Leben«. 

Allein, schon zwei Monate nach seiner Ankunft in der grofien, steiner- 
nen Stadt erwachte das Heimweh in ihm. Obwohl die Welt noch vor 
ihm lag, schien es ihm manchmal, sie lage hinter ihm bereits. Zuweilen 
fiihlte er sich wie ein alter Mann, der sich nach einem verlorenen Leben 
sehnt und dem keine Zeit mehr bleibt, ein neues anzufangen. Also liefi 
er sich denn gehen, wie man sagt, machte keinerlei Versuche, sich an 
die neue Umgebung anzupassen und nach einem Unterhalt zu suchen. 
Er sehnte sich nach dem zartblauen Dunst seiner vaterlichen Felder, 
den gefrorenen Schollen im Winter, dem unaufhorlich schmetternden 
Gesang der Lerchen im Sommer, dem siiftlichen Duft bratender Kar- 
toffeln auf herbstlichen Ackern, dem quakenden Lied der Frosche in 
den Siimpfen und dem scharfen Gewisper der Grillen auf den Wiesen. 
Das Heimweh trug Nikolaus Tarabas im Herzen. Er hafke New York, 
die hohen Hauser, die breiten Strafkn und iiberhaupt alles, was Stein 
war. Und New York war eine steinerne Stadt. 



482 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ein paar Monate nach seiner Ankunft hatte er Katharina kennenge- 
lernt, ein Madchen aus Nischnij Nowgorod. Sie war Kellnerin in einer 
Bar. Tarabas liebte sie wie seine verlorene Heimat. Er konnte mit ihr 
sprechen, er durfte sie lieben, schmecken und riechen. Sie erinnerte ihn 
an die vaterlichen Felder, an den heimischen Himmel, an den siifien 
Duft bratender Kartoffeln auf den herbstlichen Ackern der Heimat. 
Zwar stammte Katharina nicht aus seiner Gegend. Aber er verstand 
ihre Sprache. Sie begriff seine Launen und fugte sich ihnen. Sie mil- 
derte und verstarkte zugleich sein Heimweh. Sie sang die Lieder, die er 
auch in seiner Heimat gelernt hatte, und sie kannte Menschen genau 
von der Art, wie auch er sie kannte. 

Er war eifersiichtig, wild und zartlich, bereit, zu priigeln und zu kiis- 
sen. Stundenlang trieb er sich in der Nahe der Bar herum, in der Ka- 
tharina bedienstet war. Er safi oft lange an einem der Tische, die zu 
ihrem Rayon gehorten, beobachtete sie, die Kellner und die Gaste und 
ging manchmal in die Kiiche, um auch noch den Koch zu beobachten. 
Allmahlich begann man, sich in der Anwesenheit Nikolaus Tarabas' 
unbehaglich zu fuhlen. Der Wirt drohte, Katharina zu entlassen. Tara- 
bas drohte, den Wirt zu erschlagen. Katharina bat ihren Freund, nicht 
mehr in die Bar zu kommen. Dahin aber trieb ihn immer wieder die 
Eifersucht. Eines Abends beging er eine Gewalttat, die den Lauf seines 
Lebens verandern sollte. Vorher aber geschah folgendes: 
An einem schwiilen Spatsommertag geriet er auf einen der fliegenden 
Jahrmarkte, die in New York nicht selten sind. Er ging, ohne bestimm- 
tes Ziel, von einem Zelt zum andern. Gegen wertloses Porzellan 
schleuderte er sinnlos holzerne Kugeln, mit Flinte, Pistole und alter- 
tumlichem Bogen schofi er auf torichte Figuren und versetzte sie in 
torichte Bewegungen, auf zahlreichen Karussells liefi er sich rundum 
treiben, rittlings auf Pf erden, Eseln und Kamelen, auf einem Kahn fuhr 
er durch Grotten voll mechanischer Gespenster und duster gurgelnder 
Gewasser, auf einer Berg- und Talbahn genofi er die Angste jaher Auf- 
und Abwartsbewegung, und in den Schreckenskammern betrachtete er 
grausame Anomalien der Natur, Geschlechtskrankheiten und be- 
riihmte Morder. Er blieb schliefilich vor der Bude einer Zigeunerin 
stehn, die das Schicksal der Menschen aus den Handen zu weissagen 
versprach. Er war aberglaubisch. Er hatte bis jetzt viele Gelegenheiten 
wahrgenommen, einen Blick in die Zukunft zu tun, Kartenleger und 
Sterndeuter befragt und sich selbst mit allerhand Broschiiren liber 



TARABAS 483 

Astrologie, Hypnose, Suggestion beschaftigt. Schimmel und Schorn- 
steinfeger, Nonnen, Monche und Geistliche, denen er begegnete, be- 
stimmten seine Wege, die Richtung seiner Spaziergange und seine ge- 
ringfiigigsten Entschliisse. Alten Frauen wich er am Morgen sorgfaltig 
aus, ebenso rothaarigen Menschen. Und Juden, die er zufallig am 
Sonntag traf, hielt er fur sichere Unheilsbringer. Mit diesen Dingen 
fullte er einen grofien Teil seiner Tage aus. 

Auch vor dem Zelt der Zigeunerin blieb er stehn. Auf dem umgestiilp- 
ten Fafi, vor dem sie auf einem Schemel hockte, lagen allerhand Gegen- 
stande, deren sie zu ihrer Zauberei bedurfte, eine glaserne Kugel, ge- 
fiillt mit einer griinen Fliissigkeit, eine gelbe Wachskerze, Spielkarten 
und ein Haufchen Silbermiinzen, ein Stabchen aus rostbraunem Holz 
und Sterne verschiedener Grofie aus blinkendem Goldlack. Viele Men- 
schen drangten sich vor der Bude der Wahrsagerin, aber keiner ge- 
traute sich, vor sie hinzutreten. Sie war jung, schon und gleichgiiltig. 
Sie schien nicht einmal die Menschen zu sehen. Sie hielt die braunen, 
beringten Hande gefaltet im Schofi und ihre Augen auf die Hande ge- 
senkt. Unter ihrer grellroten, seidenen Bluse sah man den lebendigen 
Atem ihrer vollen Brust. Es zitterten sachte die grofien goldenen Taler 
ihrer schweren, dreimal um den Hals gelegten Kette. An den Ohren 
trug sie die gleichen Taler. Und es war, als ginge ein Klirren von all 
dem Metall aus, obwohl man in Wirklichkeit keinen Klang vernahm. 
Es war, als sei die Zigeunerin gar nicht darauf bedacht, bezahlte Mittle- 
rin zwischen unheimlichen Gewalten und irdischen Wesen zu sein, 
sondern vielmehr eine der Machte, die das Geschick der Menschen 
nicht deuten, sondern selbst bestimmen. 

Tarabas zwangte sich durch die Menge, trat vor das Fafi und streckte 
ohne ein Wort die Hand aus. Langsam hob die Zigeunerin die Augen. 
Sie sah Tarabas ins Gesicht, bis er, unsicher geworden, eine Bewegung 
machte, als wollte er die Hand zuriickziehn. Nun erst griff die Zigeu- 
nerin nach ihr. Tarabas fuhlte die Warme der braunen Finger und die 
Kiihle der silbernen Ringe auf seiner flachen Hand. Allmahlich, sehr 
sanft, zog ihn die Frau zu sich heriiber, liber das FaE, so dafi sein 
Ellenbogen die glaserne Kugel streifte, sein Gesicht ganz nahe vor dem 
ihren stand. Die Leute hinter ihm drangten naher, im Riicken fuhlte er 
ihre Neugier. Es war, als stiefte ihn diese ihre Neugier zur Wahrsagerin 
hiniiber - und er ware gerne iiber das Fafi gestiegen, um endlich ge- 
trennt von den Menschen zu sein und allein mit der Zigeunerin. Er 



4#4 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte Angst, sie konnte laut iiber ihn sprechen, was die anderen ver- 
nehmen wiirden - und schon wollte er sein Vorhaben aufgeben. »Ha- 
ben Sie keine Angst«, sagte sie in der Sprache seiner Heimat, »keiner 
wird mich verstehen. Aber geben Sie mir zuerst zwei Dollar, und so, 
dafi es die andern sehn! Viele werden dann weggehn.« 
Er erschrak, weil sie seine Muttersprache erraten hatte. Sie nahm mit 
der Linken das Geld, hielt es eine Weile hoch, damit die Menschen es 
sahen, und legte es dann auf das Fafi. Hierauf sagte sie in Tarabas 5 
Muttersprache: »Sie sind sehr ungliicklich, Herr! Ich lese in Ihrer 
Hand, dafi Sie ein Morder sind und ein Heiliger! Ein ungliickseligeres 
Schicksal gibt es nicht auf dieser Welt. Sie werden siindigen und bu- 
fien - alles noch auf Erden.« 

Dann liefi die Zigeunerin Tarabas' Hand frei. Sie senkte die Augen, 
verschrankte die Hande im Schofi und blieb unbeweglich. Tarabas 
wandte sich, um zu gehen. Die Leute machten ihm Platz, voller Hoch- 
schatzung vor einem Mann, der einer Zigeunerin zwei Dollar gegeben 
hatte. Die einzelnen Worte der Wahrsagerin steckten in seinem Ge- 
dachtnis, ohne Zusammenhang, er konnte sie wiederholen, so, wie sie 
ihm gesagt worden waren. Gleichgultig ging er zwischen Schiefi- und 
Zauberbuden einher, kehrte um, beschloft, das Fest zu verlassen, 
dachte an Katharina, die er bald, wie gewohnt, abholen sollte, glaubte 
zu fiihlen, dafi sie ihm fremd geworden war, und wehrte sich gegen 
dieses Gefuhl. Es war Ende August . . . Der Himmel war bleiern und 
grau, ein schmaler Himmel aus Stein in schmalen StraEen, zwischen 
hohen, steinernen Hausern. Gewitter versprach man sich seit Tagen. 
Es kam nicht. Andere Gesetze herrschten in diesem Land, die Natur 
liefi sich von den praktischen Menschen dieses Landes bestimmen. Sie 
brauchten augenblicklich kein Gewitter. Tarabas sehnte sich nach 
einem Blitz, einem zackigen Blitz aus schweren Wolken, aus einem 
trachtigen, tief iiber weiten, goldenen Feldern hangenden Himmel. Es 
kam kein Gewitter. Tarabas verlieft den Rummelplatz. Er ging zur Bar, 
zu Katharina. Er war also ein Morder und ein Heiliger. Zu groften 
Dingen war er ausersehen. 

Je naher er der Bar Katharinas kam, desto klarer wurde ihm auch, so 
glaubte er, der Sinn der Weissagung. Die Worte der Zigeunerin began- 
nen, sich zu einer sinnvollen Kette aneinanderzureihen. Ich werde 
also - dachte Tarabas - zuerst ein Morder werden und dann ein Heili- 
ger. (Es war nicht moglich, dem Schicksal, das gewifi ohne Rucksicht 



TARABAS 485 

auf Tarabas seine Faden spann, gewissermafien auf halbem Wege ent- 
gegenzukommen und also das Leben vom nachsten Augenblick an 
freiwillig zu verandern.) 

Als Tarabas die Bar betrat, auf den ersten Blick unter den bedienenden 
Madchen Katharina nicht traf und auf die Frage, wo sie sei, die Ant- 
wort erhielt, sie habe heute um einen freien Tag angesucht, auch die 
Erlaubnis hierzu erhalten und solle gegen neun Uhr abends zuriick- 
kommen, war er betroffen; und er sah bereits in diesem Vorfall den 
Anfang des Schicksals, das man ihm prophezeit hatte. Er setzte sich an 
einen Tisch und bestellte einen Gin bei der Kellnerin, der er als ein 
Freund Katharinas wohlbekannt war; und er verbarg seine Unrast hin- 
ter einer der iiblichen witzigen Wendungen, die alte Stammgaste Kell- 
nern gegeniiber anzuwenden belieben. Da ihm aber die Zeit zu lang 
wurde, bestellte er nach dem ersten auch noch ein zweites und ein 
drittes Glas. Und da er von Natur ein schwacher Trinker war, verlor er 
bald den sichern Sinn fur die Dinge dieser Welt und fur die Umstande, 
in denen er sich befand, und begann, in uberflussiger Weise Larm zu 
schlagen. 

Hierauf trat der Wirt, ein kraftiger und wohlgefiitterter Bursche, der 
Tarabas seit langem nicht mehr wohlgesinnt war, auf ihn zu und for- 
derte ihn auf, die Bar zu verlassen. Tarabas fluchte, zahlte, verlieft die 
Bar, blieb aber, zum Kummer des Wirtes, vor der Tiir stehn, um Ka- 
tharina zu erwarten. Ein paar Minuten spater kam sie, das Angesicht 
gerotet, die Haare zerzaust, offenbar in hochster Eile, Angst in den 
Augen, und, wie es Tarabas schien, schoner als je zuvor. »Wo warst 
du?« fragte er. »Bei der Post«, sagte Katharina. »Es ist ein Brief ge- 
kommen, rekommandiert, ich mufite ihn holen, ich war nicht zu 
Hause, als der Brief trager kam. Der Vater ist krank. Er wird vielleicht 
sterben. Ich mufi nach Hause! So schnell wie moglich! Kannst du mir 
helfen!HastduGeld?« 

Eifersiichtig und mifttrauisch versuchte Tarabas, im Auge, in der 
Stimme und im Angesicht seiner Geliebten eine Luge und einen Betrug 
zu erkennen. Er sah sie mit forschender, vorwurfsvoller Wehmut lange 
an, und da sie, nunmehr vollig verwirrt, den Kopf senkte, sagte er - 
und schon kochte in ihm der Zorn-: »Du lugst also! Wo warst du 
wirklich?« Im gleichen Augenblick fiel ihm ein, daft heute Mittwoch 
war, ein Tag, an dem der Koch frei war - und sein Verdacht ergriff nun 
etwas Wirkliches, eine lebendige Gestalt. Schreckliche Bilder rollten 



486 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

blitzschnell durch Tarabas' Gehirn. Schon ballte er die Faust und stiefi 
sie Katharina in die Rippen. Sie taumelte, verlor den Hut und liefi das 
Handtaschchen fallen. Dieses hob Tarabas hastig auf, durch wiihlte es, 
fortwahrend die Frage wiederholend, wo denn der Brief vom Vater sei. 
Der Brief fand sich nicht. »Ich mufi ihn verloren haben! Ich war so 
aufgeregt!« lallte Katharina, und in ihren Augen standen grofie Tranen. 
»So, verloren!« briillte Tarabas. 

Schon wurden einige Passanten aufmerksam und blieben stehen. Jetzt 
trat der Wirt aus der Bar. Er legte den Arm zum Schutz um Katharina 
und schob sie hinter sich; den rechten streckte er gegen Tarabas und 
rief: »Machen Sie vor meinem Geschaft keinen Skandal! Scheren Sie 
sich weg! Ich verbiete Ihnen hier den Aufenthalt!« Tarabas erhob die 
Faust und liefi sie mitten in das Angesicht des Wirtes sausen. Ein win- 
ziger Blutstropfen zeigte sich an der breiten Nasenwurzel des Wirtes, 
flofi die Wange hinunter, wurde ein schmaler, roter Streifen. Ein scho- 
ner Schlag, dachte Tarabas, sein Herz freute sich und fiillte sich mit 
noch heifierem Grimm. Das Blut, das er vergossen hatte, entziindete 
seine Lust, noch mehr Blut zu sehn. Es war, als ob der Wirt erst in dem 
Augenblick, in dem sein Blut zu fliefien begonnen hatte, sein wirkli- 
cher, grofier Feind geworden ware, der einzige Feind, den es im gewal- 
tigen, steinernen New York gab. Als nun der Feind in die Tasche griff, 
nach einem Tuch suchend, das Blut zu trocknen, vermeinte Tarabas, 
der Wirt suche nach einer Waffe. Deshalb stiirzte sich Tarabas auf ihn, 
bifi sich mit gekrallten Handen an seinem Halse fest, wurgte, bis der 
Wirt niederfiel, mit dem Kopf gegen die glaserne Tur der Bar. Ein 
ungeheuerlicher Larm erflillte Tarabas' Kopf. Das Splittern und Kra- 
chen des Glases, der dumpfe Aufschlag des feindlichen Korpers, der 
gemeinsame Schrei gaffender, belustigter und zugleich erschrockener 
Passanten, der Kellnerinnen und Gaste vereinigte sich zu einem Ozean 
aus schrecklichen Gerauschen. Mit dem Wirt zusammen, die Hande an 
dessen machtigem Hals, war auch Tarabas hingefallen. Er fiihlte des 
Wirtes gespannten muskulosen Bauch durch Rock und Weste. Der ge- 
offnete Mund des Feindes zeigte den roten Rachen, den blafigrauen 
Gaumen, darinnen sich die Zunge bewegte wie ein seltsames Tier, das 
blendende Weifi der kraftigen Zahne. Tarabas sah den perlenden 
Schaum an den Mundwinkeln, die blaulich angelaufenen Lippen, das 
aufwartsgereckte Kinn. Eine unbekannte Faust fafite Tarabas plotzlich 
am Nacken, kniff ihn, wurgte ihn, hob ihn hoch. Dem Schmerz und 



TARABAS 487 

der Gewalt konnte er nicht widerstehen. Seine Faust wurde locker. Er 
sah sich nicht mehr um. Er sah iiberhaupt nichts mehr. Furcht erfiillte 
ihn plotzlich. Mit kraftigen Stofien zerteilte er die Menge, Larm noch 
im Ohr, unbestimmten, riesigen Schrecken in der Brust. Mit groften 
Spriingen setzte er iiber die Strafte, Verfolger und Rufe und den schril- 
len Pfiff eines Polizisten hinter sich. Er lief. Er fuhlte sich laufen. Er 
lief, als hatte er zehn Beine, eine groftartige Kraft in Schenkeln und 
Fiiften, die Freiheit vor Augen, den Tod im Riicken. In eine Seiten- 
strafie lief er und warf einen Blick zuriick. Kein Mensch mehr hinter 
ihm. Er rettete sich in ein dunkles Tor, kauerte hinter der Stiege, sah 
und horte die Schar seiner Verfolger am Haus voriiberrennen. Leute 
kamen die Treppe herunter. Er hielt seinen Atem an. Eine Ewigkeit, so 
diinkte es ihn, hockte er still. - Es war wie in einem Grab. In einem 
Sarg hockte er. Ein Saugling jammerte irgendwo. Kinder schrien im 
Hof. Diese Stimmen beruhigten Tarabas. Er riickte das Hemd, den 
Anzug, die Krawatte zurecht. Er stand auf und ging sachte ans Haus- 
tor. Die Strafte hatte ein gewohnliches Aussehen. Tarabas verlieft das 
Haus. Schon war der Abend da. Schon brannten die Laternen, und die 
Fenster der Laden waren schon hell erleuchtet. 



II 

Tarabas bemerkte bald zu seinem Schrecken, daft er im Begriffe war, 
sich wieder der Bar zu nahern. Nun kehrte er um, bog um die Ecke, 
verlor sich in einer Seitenstrafte, war iiberzeugt, daft er die linke Rich- 
tung einhalten miisse, und erkannte ein paar Sekunden hierauf, daft er 
im Rechteck herumgegangen war und sich nun zum zweitenmal in der 
Nahe der Bar befand. Unterdessen hielt er, wie es seine Art war, Aus- 
schau nach einem der Zeichen, die Gliick oder Unheil bringen konn- 
ten, einem Schimmel, einer Nonne, einem rothaarigen Menschen, 
einem rothaarigen Juden, einer Greisin, einem Buckligen. Da sich kein 
einziges Zeichen begab, beschloft er, anderen Dingen schicksalhafte 
Bedeutung zuzutrauen. Er begann, Laternen und Pflastersteine zu 
zahlen, die kleinen, viereckigen Netzlocher der Kanalgitter, die ge- 
schlossenen und die offenen Fenster dieser und jener Hauser und die 
Zahl seiner eigenen Schritte von einem bestimmten Punkt der Strafte 
aus bis zum nachsten Ubergang. Also beschaftigt mit der Priifung ver- 



488 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schiedenartigster Orakel, gelangte er vor eines jener langen, schmalen 
und wohltatig dunklen Kinotheater, die damals noch »Bioskope« oder 
»Kinematographen« hiefien und manchmal die ganze Nacht bis zum 
Morgengrauen ihr vielfaltiges Programm abrollen lieften, ohne Unter- 
brechung. Weil es Tarabas nun vorkam, daft dieses Theater vor ihm 
pldtzlich auftauchte (und nicht, daft er davorgelangt war), nahm er es 
als ein Zeichen, kaufte eine Karte und betrat den finsteren Raum, gelei- 
tet von der gelblichen Lampe des Billetteurs. 

Er setzte sich - und zwar nicht, wie er es sonst gewohnt war, auf einen 
Eckplatz, sondern in die Mitte, zwischen die anderen, nahe der Lein- 
wand, obwohl er hier die Bilder weniger genau sehen konnte. Er war 
aber entschlossen, seine ganze Aufmerksamkeit den Vorgangen auf der 
Leinwand zu schenken. Dies wollte ihm eine Zeitlang nicht gelingen, 
sei es, weil er gerade in die Mitte der Handlung geraten war, sei es, weil 
er zu nahe der Leinwand Platz genommen hatte. Er muftte den Kopf 
recken, weil die Reihe, in der er safi, viel zu tief gelegen war, und bald 
schmerzte ihn der Nacken. Allmahlich nahm ihn die Handlung gefan- 
gen, deren Anfang er zu erraten versuchte, als hatte er eines der Ratsel 
zu losen, die in den illustrierten Zeitschriften standen und mit denen er 
sich oft die Stunden zu vertreiben pflegte, in welchen er auf Katharina 
warten muftte. Nunmehr erkannte er, daft es auf der Leinwand um das 
Schicksal eines sonderbaren Mannes ging, der unschuldig, und sogar 
aus edlen Griinden, namlich um eine schutzlose Frau zu verteidigen, 
ein Verbrecher geworden war, ein Morder, Dieb und Einbrecher - und 
der, unverstanden von der schutzlosen Dame, derentwegen er so viel 
Grausiges veriibt hatte, ins Gefangnis kam in eine fiirchterliche Zelle, 
zum Tode verurteilt wurde und zum Schafott schlieftlich gefiihrt. Als 
man ihn, wie es ublich ist, nach seinem letzten Wunsch fragte, bat er 
um die Erlaubnis, mit seinem Blut den Namen der Geliebten an die 
Zellenwand malen zu durfen, und um das Versprechen der Behorde, 
daft sie niemals diesen Namen ausloschen lassen wiirde. Er schnitt sich 
mit dem Messer, das ihm der Henkersknecht geliehen hatte, in die 
linke Hand, tauchte den rechten Zeigefinger in das Blut und schrieb an 
die steinerne Wand der Zelle den siiftesten aller Namen: »Evelyn«. Die 
ganze Geschichte spielte, wie an den Kostiimen zu erkennen war, nicht 
in Amerika, auch nicht in England, sondern in einem der sagenhaften 
Balkanlander Europas. Unbewegt starb der Held auf dem Schafott. 
Die Leinwand wurde still und leer. Das angenehme Surren des Appa- 



TARABAS 489 

rates verstummte, ebenso das Klavier, das die Dramen begleitete. Ein 
paar Augenblicke war Tarabas der Uberlegung iiberlassen, ob das 
Stuck, das er gesehen hatte, einen so deutlichen Hinweis auf sein eige- 
nes Erlebnis bedeuten mochte, dafi er es als eines der besonderen Zei- 
chen nehmen diirfe, die ihm, seiner Meinung nach, der Himmel zu 
schicken pflegte. Gewift war jedenfalls ein Zusammenhang zwischen 
ihm und dem Helden vorhanden, zwischen Katharina und Evelyn. Ehe 
Tarabas noch dazu gelangen konnte, diesen Zusammenhang genauer 
festzustellen, belichtete sich wieder die Leinwand, und ein neuer Film 
begann. 

Der behandelte eine biblische Geschichte, namlich die Art, wie Dalila 
Simson die Haare abschnitt, um ihn schwach zu machen und gefiigig 
den Philistern. War Tarabas bereits unter dem Einflufi des vorigen 
Stiickes geneigt gewesen, sich der irdischen Gerechtigkeit zu iiberlie- 
fern und das heldenmutige Geschick zu erleiden, das ihn dem Mann 
auf dem Schafott anzunahern geschienen hatte, so wurde er jetzt durch 
die Gestalt Simsons, der noch als Geblendeter Rache an den Philistern 
und an Dalila nahm, verfuhrt, sich eher den viel heroischeren Tod Sim- 
sons zu wiinschen. Und eine Beziehung herstellend zwischen Dalila 
und Katharina, begann er, die beiden zu verwechseln. Er iiberlegte, auf 
welche Weise es moglich ware, unter den ganzlich von den biblischen 
verschiedenen amerikanischen Umstanden an der Welt der Philister 
Rache zu nehmen, nach der Art des judaischen Helden. Mufite es doch 
auch in New York Wunder geben wie im alten Lande Israel. Und mit 
Hilfe Gottes, der wahrscheinlich ein Gonner Tarabas' war, konnte 
man die machtigen Saulen der Gefangnisse und Gerichte stiirzen. Kraft 
fiihlte Tarabas in seinen Muskeln. Ein starker Glaube lebte in seinem 
Herzen. Er war Katholik. Lange schon hatte er nicht mehr die Kirche 
besucht. Als junger Mann und Student, der Revolution ergeben, hatte 
er dem gefurchteten Gott seiner Kindheit den Gehorsam und den 
Glauben gekiindigt und war kurz hierauf dem Aberglauben an Schorn- 
steinfeger, Schimmel und rothaarige Juden anheimgef alien. Aber im- 
mer noch hegte und liebte er die Vorstellung von einem Gott, der die 
Glaubigen nicht verlieE und der die Sunder liebte. Gewifi: Gott liebte 
ihn, Nikolaus Tarabas. Er war entschlossen, nach dem Ende des Pro- 
gramms sich der irdischen Gerechtigkeit zu stellen, in frommer Zuver- 
sicht auf die himmlische Gnade. 
Allein, Mudigkeit iiberfiel ihn - und aufterdem begann das Programm 



490 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

von neuem. Tarabas blieb sitzen, wahrend vor, hinter ihm und neben 
ihm die alten Zuschauer gingen und neue Zuschauer kamen. Fiinfmal 
sah er das Programm des Kinematographen ablaufen. Endlich kam 
der Morgen, und man schlofi das Haus. 



Ill 

Es hatte in der Nacht geregnet. Der Morgen war frisch, die Pflaster- 
steine waren noch nafi. Sie trockneten aber schnell im herben, bestan- 
digen Morgen wind. Schon ratterte der Spritzwagen durch die Strafien 
und netzte das Pflaster aufs neue. 

Tarabas beschlofi, sich dem ersten Polizisten auszuliefern, der ihm 
begegnen wiirde. Da aber vorlaufig keiner kam, iiberlegte Tarabas, 
dafi es giinstiger ware, erst den dritten anzusprechen - und zwar der 
Zahl Drei wegen, die ihm immer Gliick gebracht hatte. Ob der Wirt 
tot war oder am Leben, hing hochstwahrscheinlich davon ab. 
Der erste Polizist (iberholte Tarabas. Es war eigentlich keine Begeg- 
nung. Jene, die ihm Angesicht in Angesicht entgegenkamen, waren 
fur Tarabas Begegnungen. Nun kam einer, schlenkernd mit dem 
Gummikniippel, morgenmiid und gahnend: der erste also. Um die 
Begegnung mit dem zweiten so lange wie moglich hinauszuschieben, 
bog Tarabas in die nachste Seitengasse. Aber hier stiefi er auf einen 
andern, der munter und jugendlich aussah, als hatte er soeben erst 
den Dienst angetreten. Tarabas lachelte ihm zu und kehrte sofort um. 
Nicht vor dem Gesetz, das ihn bereits verfolgen mochte, furchtete er 
sich, sondern davor, dafi die Prophezeiung schneller erfullt werden 
konnte, als er gedacht hatte. Nun bleibt mir noch der letzte, dachte 
Tarabas, und dann ist alles in Gottes Hand! 

Auf der Hauptstrafie aber, in die er zuriickgekehrt war, zeigte sich 
wohl eine halbe Stunde lang kein Polizist mehr. Schon begann Tarabas, 
sich geradezu nach einem dritten zu sehnen. In dem Augenblick aber, 
in dem einer auftauchte, am aufiersten Ende der breiten Strafie und in 
deren Mitte - und der schwarze Helm ragte gegen das tiefe Grun des 
Parks, der die Strafte abschlofi-, in diesem Augenblick erscholl die 
helle Stimme eines der ersten Zeitungsjungen von New York. 
»Krieg zwischen Osterreich und Ru£land!« schmetterte die Stimme 
des Jungen. - »Krieg zwischen Osterreich und Rutland !« - »Krieg 
zwischen Osterreich und Rutland !« Eines der frischesten Blatter - 



TARABAS 491 

feucht war es noch vom Tau des Morgens und von der Drucker- 
schwarze der Nacht - kaufte Tarabas. »Krieg zwischen Osterreich und 
Rufiland« las er. 

Der Polizist kam heran und blickte in die morgenfrische Zeitung, Ta- 
rabas iiber die Schulter. 

»Es ist Krieg«, sagte Tarabas zum Polizisten, »und ich werde in diesen 
Krieg gehn!« 

»Dann kommen Sie auch lebendig zuriick!« sagte der Polizist, hob die 
Hand an den Helm und entfernte sich. 

Tarabas lief ihm nach und fragte, wie man am raschesten zur russi- 
schen Botschaft komme. Hierauf, nachdem ihm Auskunft zuteil ge- 
worden, rannte er, mit langen Schritten, der Botschaft entgegen, dem 
Krieg entgegen. Und Katharina, der Wirt und seine Missetat waren 
ausgeloscht und vergessen. 

IV 

Angesichts des gewaltigen Hafens von New York, der grofien, braut- 
lich-weifien Schiffe, vor dem ewigen Anschlag eintoniger, dunkelgru- 
ner Wellen an Planke und Stein, dem Gewoge der Trager, der Matro- 
sen, der Beamten, der Zuschauer, der Handler, verlor Nikolaus Tara- 
bas vollends die Erinnerung an den vorhergegangenen Tag. Die Her- 
zen kiihner, torichter und leicht berauschter Menschen sind uner- 
griindlich; nachtliche Brunnen sind es, in denen die Gedanken, die 
Geftihle, die Erinnerungen, die Angste, die Hoffnungen, ja die Reue 
selbst versinken konnen und zeitweise auch die Furcht vor Gott. Tief 
und dunkel, ein wahrer Brunnen, war Nikolaus Tarabas' Herz. In sei- 
nen grofien, hellen Augen aber leuchtete die Unschuld. 
Immerhin: Als er das Schiff bestieg, kaufte er alle Zeitungen, die in der 
letzten Stunde erreichbar waren, um nachzulesen, ob sich nicht doch 
irgendeine Nachricht von dem Mord eines gewissen Tarabas an einem 
gewissen Wirt einer bestimmten Bar fande. Es war, als suchte Tarabas 
nach dem Bericht eines Vorgangs, dessen Zeuge lediglich er gewesen 
ware. Wichtiger schien ihm das Schiff, die Kabine, die er bewohnen 
sollte, schienen ihm die merkwurdigen Passagiere, die es fiihren 
mochte, der Krieg und die Heimat, denen er entgegenfuhr. Den hei- 
matlichen Feldern fuhr er entgegen, dem Geschmetter der Lerchen, 
dem Gewisper der Grillen, dem suftlichen Duft bratender Kartoffeln 



49 2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auf den Ackern, dem silbernen Staketenzaun, ringsum geschlungen um 
das vaterliche Gehoft wie ein geflochtener Ring aus Birkenholz, dem 
Vater, der Nlkolaus friiher grausam erschienen war und nach dem er 
sich jetzt wieder sehnte. In zwei machtigen, schwarzgrauen Halften lag 
der Schnurrbart des Vaters iiber dem Mund, eine gewaltige Kette aus 
struppigem Haar, oft im Laufe des Tages geburstet und gekammt, na- 
tiirliches Abzeichen hauslicher Allgewalt. Sanft und blond war Tara- 
bas' Mutter. Liebling des Vaters waren die zwolfjahrige Luisa gewesen 
und die Cousine, Tochter des friihverstorbenen, sehr reichen Onkels, 
Maria. Ein funfzehnjahriges Madchen, oft im Streit mit Nikolaus Tara- 
bas, zanksuchtig und hiibsch. Alles lag weit, unsichtbar noch, aber 
schon fiihlbar, hinter den dunkelgriinen Wogenkammen des Ozeans 
und weiter, dort, wo er sich dem Himmel entgegenwolbte, um sich mit 
ihm zu vereinigen. 

In den Zeitungen stand nichts von einem Mord an einem Barwirt. Ta- 
rabas warf sie, alle auf einmal, ins Meer. Wahrscheinlich war der Wirt 
nicht gestorbeh. Eine kleine Schlagerei war es gewesen, nichts mehr. In 
New York und in aller Welt kamen taglich Tausende dergleichen vor. 
Als Tarabas sah, wie Wind und Wasser die Zeitungen davontrugen, 
dachte er, nun sei Amerika endgiiltig erledigt. Eine Weile spater fiel 
ihm Katharina ein. Er war gut zu ihr gewesen, sie hatte ihm die Heimat 
ersetzt - und ihn nur ein einziges Mai belogen. Glucklich war Tarabas 
in diesem Augenblick. (Gliick allein konnte seine Grofimut wecken.) 
Moge sie sehen, dachte er, was ich fur ein Mann bin und was sie an mir 
verloren hat. Trauern wird sie um mich, vielleicht wird sie auch, wenn 
es wahr ist, was sie mir erzahlt hat, ihren kranken Vater besuchen. 
Trauern soil sie jedenfalls um mich! Und er ging hin und schrieb ein 
paar Zeilen an Katharina. Der Krieg riefe ihn. Ausharren mochte Ka- 
tharina. Treue erwarte er von ihr. Geld schickte er ihr eben. Und er 
Schick te ihr in der Tat funfzig Rubel, die Halfte des Reisegeldes, das er 
von der Botschaft bekommen hatte. 

Erleichtert (und auch ein wenig stolz) betrieb er dann weiter den Mu- 
fiiggang eines Schiffspassagiers, spielte Karten mit Fremden, fuhrte 
Gesprache ohne Sinn; sah die hubschen Frauen oft mit begierigen Au- 
gen an, und kam es mit einer von ihnen zu einer Unterhaltung, vergafi 
er nicht zu erwahnen, dafi er als russischer Leutnant der Reserve in den 
Krieg ziehe. Hie und da glaubte er auch in den Augen der Frauen 
Bewunderung - und Verheiftungen - zu lesen. Aber dabei liefi er es 



TARABAS 493 

bewenden. Die Seereise behagte ihm. Sein Appetit war machtig, sein 
Schlaf ausgezeichnet. Cognac und Whisky trank er viel. Auf dem 
Meere vertrug man sie weitaus besser als zu Lande. 
Gebraunt, gekraftigt, neugierig auf die Heimat und begierig auf den 
Krieg, verliefi Tarabas eines Morgens im Hafen von Riga das Schiff. 



V 



Er mufite nach Cherson einriicken, zum Kader seines Regiments. Mit 
ihm verliefien zwei junge Manner das Schiff, Soldaten, Offiziere. Er 
hatte sie wahrend der Seefahrt nicht gesehn. Nun fragte er sie, ob sie 
auch einriickten. Jawohl, sagten sie, in die Petersburger Garnison, sie 
seien aber aus Kiew. Ware man einmal beim Regiment, wer weifi, ob 
man da noch Urlaub bekame, die Heimat zu sehn. Also fuhren sie 
zuerst nach Hause, und dann erst zum Regiment. Sie rieten ihm, das 
gleiche zu tun. 

Dies leuchtete Tarabas ein. Der Krieg hatte eine briiderliche Ahnlich- 
keit mit dem Tode bekommen. Wer weifi, ob man da noch Urlaub 
erhielt - sagten die beiden. In Tarabas' Zimmer, im Schrank, hing die 
Uniform, die er liebte, ahnlich liebte wie Vater, Mutter, Schwester und 
Haus. Dank seinen Beziehungen und seinem Geld war es dem alten 
Tarabas gelungen, die Gnade des Zaren anzurufen und dem Sohn die 
Charge eines Leutnants zu erhalten - ein paar Monate schon, nachdem 
der unselige Prozefi vergessen worden war. Dies erschien Nikolaus 
Tarabas nur selbstverstandlich. Seiner Meinung nach war er es, der 
dem Zaren die Gnade erwies, im Dreiundneunzigsten Infanterieregi- 
ment als Leutnant zu dienen. Es ware ein schwerer Schaden der russi- 
schen Armee widerfahren, wenn man Tarabas degradiert hatte. 
Tarabas stieg also in den Zug, der in seine Heimat fuhr. Er kiindigte 
seine Ankunft nicht an. Uberraschungen zu erleben, Uberraschungen 
zu bereiten war seine Lust. Wie ein Befreier wollte er heimkommen! 
Wie mochten sie sich flirchten, so nahe der Grenze! Sicherheit und 
Sieg wollte er ihnen bringen! 

Frohgemut lieft sich Tarabas im iiberfiillten Zug nieder, gab dem 
Schaffner ein uberraschendes Trinkgeld, erklarte, er sei ein »besonde- 
rer Kurier« in besonderen Angelegenheiten des Kriegs, schob den Rie- 
gel vor und betrachtete mit Wollust die Passagiere, die, trotz ihrem 



494 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

unbestreitbaren Recht, in seinem Kupee Platz zu nehmen, dennoch im 
Korridor stehen mufiten. Eine aufiergewohnliche Zeit, die Leute hat- 
ten die Pflicht, sich mit ihr abzufinden und einem aufiergewohnlichen 
»Kurier des Zaren« die Bequemlichkeit zu lassen, die fur seine beson- 
dere Aufgabe unentbehrlich war. Von Zeit zu Zeit ging Tarabas in den 
Korridor, musterte hochmutig die Armen, die da stehen mufiten, 
zwang die Miiden, die auf ihren umgestiilpten Koffern safien, aufzu- 
stehn und ihm Platz zu machen, stellte befriedigt fest, dafi alle ohne 
Widerspruch seinem blitzblauen Auge gehorchten und ihn sogar mit 
einigem Wohlgefallen ansahen, und mit ubertriebener Strenge gab er 
dem Schaffner, so dafi es alle horen konnten, Befehle, Tee zu kochen 
und dies und jenes von den Stationen zu holen. Manchmal rifi er die 
Kupeetiir auf und beschwerte sich iiber die allzu lauten Gesprache der 
Passagiere im Korridor. Sie brachen in der Tat sofort ihre Unterhal- 
tungen ab, wenn sie Tarabas erblickten. 

Befriedigt und belustigt von der eigenen Klugheit wie von der Torheit 
der anderen, verliefi Nikolaus Tarabas den Zug am Morgen nach einem 
ungestorten, gesunden Schlaf. Kaum zwei Werst trennten ihn noch 
vom vaterlichen Hause. Freilich erkannten und begriiftten ihn der Sta- 
tionschef, der Portier, die Gepacktrager. Auf ihre herzlichen Fragen 
erwiderte er mit amtlicher Geschaftigkeit, er sei in all erwichtigs tern 
und allerhochstem Auftrag aus Amerika zuriickberufen worden, im- 
mer den gleichen Satz wiederholend, ohne das freundliche Lacheln zu 
verlieren und den Glanz seiner blitzblauen Kinderaugen. Als ihn der 
und jener fragte, ob er zu Hause angekiindigt worden sei, legte Tarabas 
einen Finger an den Mund. Also gebot er Schweigen und weckte Re- 
spekt. Und als er sich ohne Gepack, so, wie er New York verlassen 
hatte, vom Bahnhof entfernte und den schmalen Landweg einschlug, 
der zum Hause des Geschlechtes Tarabas fiihrte, legte einer der Beam- 
ten nach dem anderen den Finger an den Mund, genauso, wie es Tara- 
bas getan hatte, und alle glaubten sie zu wissen, da£ Tarabas, ihnen seit 
seiner Kindheit vertraut, ein grofies Staatsgeheimnis mit sich trage. 
Um die Stunde, in der man, wie er wufke, zu Hause Mittag aft, kam 
Nikolaus an. Er ging, um die »Uberraschung« vollkommen zu ma- 
chen, nicht den breiten Weg hinan, der zu seinem Hause fiihrte und 
den die schlanken, zarten und so lang entbehrten Birken zu beiden 
Seiten begleiteten, sondern iiber den feuchten, schmalen Pfad zwischen 
den breiten Sumpfen, den die vereinzelten Weiden, zuverlassige Weg- 



TARABAS 495 

weiser, bezeichneten und der im halben Bogen hinter das Haus fiihrte 
und unter dem Fenster Nikolaus Tarabas' endete. Im Dachgiebel Jag 
sein Zimmer. Wildes Weinlaub, alt schon, feste und biegsame Ruten, 
von hartem Draht durchflochten, wucherten an der Wand, bis zu den 
grauen Schindeln des Daches. Statt der Stiege die Weinlaubruten zu 
benutzen war fur Tarabas eine Kleinigkeit. Das Fenster - mochte es 
auch geschlossen sein - mit einem seit der Kindheit geiibten Griff zu 
lockern und lautlos aufzustofien schien ihm ebenso leicht. Er zog die 
Schuhe aus und steckte sie in die Rocktaschen, wie er in der Kindheit 
getan hatte. Und gewandt, ohne Laut, wie er es als Knabe gewohnt 
gewesen, klomm er die Wand empor; zufallig war das Fenster of fen; 
einen Augenblick spater stand er in seinem Zimmer. Er schlich zur Tiir 
und schob den Riegel vor. Der Schlussel steckte noch im Schrank. Man 
mufite sich sachte mit der Schulter gegen den Schrank lehnen, wollte 
man verhuten, daft er knarre. Jetzt war er offen. Sauberlich uber Bii- 
geln hing die Uniform. Tarabas legte den Zivilanzug ab. Er zog die 
Uniform an. Den Sabel befreite er mit geschwinden Handen von der 
papierenen Hiille. Der Giirtel knarrte. Schon war Tarabas geriistet. Er 
ging auf Zehen die Treppe hinunter, klopfte an die Tiir des Speisezim- 
mers und trat ein. 

Vater und Mutter, die Schwester und die Cousine Maria saften auf 
ihren gewohnten Platzen. Man aft Kascha. • 

Zuerst begriifite er den langentbehrten heiften Duft dieser Speise, einen 
Duft aus gerosteten Zwiebeln und gleichzeitig eine Wolke gewordene 
selige Erinnerung an Feld und Getreide. Zum erstenmal, seitdem er das 
Schiff verlassen hatte, verspiirte er wieder Hunger. Hinter dem leisen 
Dunst, der aus der vollen Schussel in der Mine des Tisches aufstieg, 
verschwammen die Gesichter der Familie. Sekunden spater erst be- 
merkte Tarabas ihr Erstaunen, vernahm er erst das Kiirren der hinge- 
legten Bestecke, das Gerausch der riickenden Stiihle. Als erster stand 
der alte Tarabas auf. Er breitete die Arme aus. Nikolaus eilte ihm ent- 
gegen und konnte nicht umhin, zwei, drei Korner der langentbehrten 
Speise im Schnurrbart des Vaters zu bemerken. Dieser Anblick ver- 
minderte betrachtlich die Zartlichkeit des Jungen. Nachdem sie sich 
gerauschvoll gekiifit hatten, begrufite Nikolaus die Mutter, die sich 
eben schluchzend erhob, die Schwester, die ihren Platz verlieE und 
rings um den Tisch ging, den Bruder zu erreichen, und die Cousine 
Maria, die sich ihm, der Schwester folgend, langsamer naherte. Niko- 



49^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

laus umarmte sie. »Ich hatte dich niemals erkannt«, sagte er zu Maria. 
Durch das feste Tuch seiner Uniform spiirte er ihre warme Brust. In 
diesem Augenblick begehrte er die Cousine Maria so heftig und unge- 
duldig, dafi er den Hunger vergafi. Die Cousine huschte nur mit ge- 
spitzten, kiihlen Lippen iiber seine Wange. Der alte Tarabas riickte 
einen Stuhl herbei und hiefi den Sohn, sich an seine Rechte zu setzen. 
Nikolaus setzte sich. Er lechzte wieder nach der Kascha. Er sah gleich- 
zeitig Maria an und schamte sich seines Hungers. »Hast du gegessen?« 
fragte die Mutter. 

»Nein!« sagte Nikolaus; fast rief er es. 

Man schob ihm Teller und Loffel hin. Wahrend er afi und erzahlte, wie 
er gekommen, ungesehn in sein Zimmer geklettert war und die Uni- 
form angezogen hatte, beobachtete er die Cousine. Sie war kraftig, ein 
beinahe gedrungenes Madchen. Ihre zwei braunen Zopfe hingen ziich- 
tig und zuchtlos zugleich iiber ihre Schultern und begegneten einan- 
der, unter dem Tischtuch, wahrscheinlich im Schoft. Manchmal nahm 
Maria die Hande vom Tisch und spielte mit den Enden ihrer Zopfe. In 
ihrem jungen, bauerlichen, gleichgultigen und ausdruckslosen Ange- 
sicht fielen die sanften, schwarzen, seidigen, langen und aufwartsgebo- 
genen Wimpern auf, zarte Vorhange vor den halbgeschlossenen, 
grauen Augen. Auf ihrer Brust lag ein kraftiges, silbernes Kreuz. 
Siinde, dachte Tarabas: Das Kreuz erregte ihn. Ein heiliger Wachter 
war es iiber der lockenden Brust Marias. 

Hiibsch, breitschultrig, schmalhiiftig sah Tarabas in der Uniform aus. 
Man bat ihn, von Amerika zu erzahlen. Man wartete: Er schwieg. Man 
begann, vom Krieg zu sprechen. Der alte Tarabas sagte, der Krieg 
wiirde drei Wochen dauern. Nicht alle Soldaten fielen, und von den 
Offizieren stiirben bestimmt nur wenige. Nun fing die Mutter zu wei- 
nen an. Darauf achtete der alte Tarabas keineswegs. Als gehorte es zu 
den selbstverstandlichen Eigenschaften einer Mutter, Tranen zu ver- 
gieften, dieweil die anderen essen und sprechen, hielt er weitlaufige 
Vortrage iiber die Schwache der Feinde und die Starke der Russen; und 
nicht fiir einen Augenblick wurde ihm klar, daE der finstere Tod schon 
seine hageren Hande iiber dem ganzen Lande kreuzte und auch iiber 
Nikolaus, seinem Sohn. Taub und stumpf war der alte Tarabas. Die 
Mutter weinte. 

Der Staketenzaun aus silbernen Birkenknuppeln umringte noch das 
vaterliche Gehoft; und es war gerade die Zeit, wo die Knechte die 



TARABAS 497 

Apfelbaume schiittelten, die Magde hoch hinauf in die Zweige kro- 
chen, um die Friichte zu pfliicken, und auch, um von den Knechten 
besser gesehen zu werden. Sie hoben die leuchtend roten Rocke und 
zeigten die weifien, starken Waden und die Schenkel. Die spaten 
Schwalben flogen in grofien, dreieckigen Schwarmen nach dem Su'den. 
Die Lerchen schmetterten immer noch, unsichtbar im Blau. Offen 
standen die Fenster. Und man horte das scharfe, schwirrende Singen 
der Sensen - man schnitt schon die letzten Halme von den Feldern - in 
grofiter Hast, wie der Vater erzahlte. Denn die Bauem mufiten einriik- 
ken, morgen, iibermorgen oder in einer Woche. 
All dies gelangte zum heimgekehrten Tarabas wie aus einer unendli- 
chen Feme. Er wunderte sich, dafi Haus, Hof, Land, Vater und Mutter 
ihm naher gewesen waren im weiten, steinernen New York als hier, 
und obwohl er doch hierhergekommen war, sie zu umarmen und sei- 
nem Herzen nahe zu ftihlen. Tarabas war enttauscht. Dafi sie ihn als 
heimgekehrten verlorenen Sohn begriifien wiirden, als Retter und als 
Helden: so hatte er es sich ausgemalt. Man behandelte ihn allzu gleich- 
gu'ltig. Die Mutter weinte: Aber so sei ihre Natur, meinte Tarabas. In 
New York hatte er eine andere Mutter gesehn, eine zartlichere, ver- 
zweifelte Mutter, wie sie sein eitles Kinderherz brauchte. Hatte man 
sich wahrend seiner langen Abwesenheit daran gewohnt, das Haus Ta- 
rabas ohne den einzigen Sohn zu sehn? Eine Uberraschung hatte er 
ihnen bereiten wollen, durchs Fenster war er gestiegen, immer noch 
harmlos wie als Knabe, die Uniform hatte er angezogen und war ins 
Zimmer getreten, so, als ware er gar niemals in Amerika gewesen. Ih- 
nen aber schien es ganz selbstverstandlich, dafi er so plotzlich daher- 
kam! 

Er afi, gekrankt, stumm und mit gutem Appetit. Er fuhrte wortlos 
einen Loffel nach dem andern zum Mund, es war ihm, als afie er nicht 
selbst, als fiitterte ihn ein anderer. Nun war er gesattigt. Mit einem 
Blick auf die Cousine Maria sagte er: »Ich mufi also morgen fruh abrei- 
sen. Ich mufi spatestens iibermorgen beim Regiment sein.« Bat man 
ihn etwa zu bleiben? - Keineswegs! - »Recht, rechtU sagte der Vater. 
Ein wenig heftiger schluchzte die Mutter auf. Unbewegt blieb die 
Schwester. Maria senkte die Augen. Das grofie Kreuz an ihrer Brust 
glanzte. Man erhob sich schliefiiich vom Tisch. 

Am Nachmittag stattete Tarabas ein paar Besuche ab, beim Pfarrer, bei 
Gutsnachbarn. Er liefi einspannen. Und im Glanz seiner Uniform, eine 



498 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

grofiartige Erscheinung aus Blau und Silber, fuhr er, ein wenig fremd, 
durch das Griin und Gold des Herbstes, mit der Zunge schnalzend - 
und sooft er irgendwo hielt, wendete er in einem eleganten und kiih- 
nen Bogen, die Ziigel straffend, und die Pferde blieben stehen, wie 
erzene Pferde auf Monumenten. Das war immer schon Tarabas' Art 
gewesen. Alle kleinen Bauern grufiten ihn, die Fenster offneten sich, 
eine grofie, sonnendurchglanzte Staubwolke lieE er hinter sich. Seine 
Fahrt befriedigte ihn, auch gefiel ihm der Respekt, den man ihm iiber- 
all unterwegs zollte. Dennoch glaubte er eine grofie, unbekannte Angst 
in den Gesichtern zu sehen. Der Krieg hatte noch nicht begonnen, und 
schon wohnte sein Schrecken in den Menschen. Und wenn sie Tarabas 
etwas Angenehmes sagen wollten, qualten sie sich, und sie sagten ihm 
nicht alles, was sie im Herzen trugen. Fremd war Tarabas in seinem 
Lande - der Krieg war hier heimisch geworden. 

Der Abend kam. Tarabas zogerte, nach Hause zu fahren. Locker liefi 
er die Ziigel und die Rosse im traumerischen Schritt. Als er den Anfang 
der Birkenallee erreichte, die geradeaus zum Hause fuhrte, stieg er ab. 
Die Pferde kannten den Weg. Vor den grofien Stallen, linker Hand 
vom Hause, blieben sie stehen und wieherten klug und gaben ihre An- 
kunft zu erkennen, und der Hofhund bellte, weil der Knecht nicht 
sofort kam. Die Pferde all ein hatten Tarabas erkannt. Zartlichkeit er- 
fiillte ihn, er streichelte die heifien, rostbraunen, glanzenden Leiber, 
legte seine Stirn an die Stirn jedes Tieres, atmete den Dunst ihrer Nii- 
stern und fiihlte die wohlige Kiihle der ledernen Haut. In den grofien, 
glanzenden Augen der Pferde glaubte er alle Liebe der Welt zu sehen. 
Er schlug zum zweitenmal den Seitenweg ein, zwischen den Weiden, 
wie am Morgen. Die Frosche larmten zu beiden Seiten, es roch nach 
Regen, obwohl der Himmel wolkenrein war und die herbstliche Sonne 
in glanzender Reinheit unterging. Sie blendete ihn. Er mufke den Blick 
senken, um auf den Weg zu achten, den Pfad nicht zu verlieren. Also 
sah er nicht, da£ ihm jemand entgegenkam. Oberrascht nahm er einen 
Schatten dicht vor seinen Fiifien wahr, ahnte im Nu, wem er gehorte, 
blieb stehen. Maria kam ihm entgegen. Sie hatte ihn also vermifk. Die 
hochgeschnurten Stiefel setzte sie zierlich und achtsam auf den schma- 
len Pfad. Es geliistete Tarabas plotzlich, die" vielfaltig geflochtenen 
Schnure aufzuschneiden. Wut und Wollust erfiillten ihn. Es gab kein 
Ausweichen. Er lief? Maria herankommen. Er legte einen Arm um sie - 
und so, sorgfaltig und hart aneinandergedriickt aus Angst vor dem 



TARABAS 499 

Sumpf zu beiden Seiten (und auch aus Heimweh), beriihrten sich 
manchmal ihre Fiifie auf dem schmalen Pfad. Sie kehrten zuriick in den 
Wald. Spate Vogel riefen. Sie sprachen kein Wort. Sie umarmten sich 
plotzlich. Sie wandten sich, beide gleichzeitig, einander zu, umschlan- 
gen sich, taumelten und sanken auf die Erde. 

Als sie aufstanden, blinkten die Sterne durch die Baumkronen. Es fro- 
stelte sie. Sie klammerten sich aneinander und kehrten auf dem Haupt- 
weg ins Haus zuriick. Vor dem Eingang blieben sie stehen, kiifiten sich 
lange, als nahmen sie Abschied fur immer. »Du gehst zuerst hinein«, 
sagte Tarabas. Es war der einzige Satz, der die ganze Zeit iiber zwi- 
schen beiden gefallen war. 
Tarabas folgte langsam. 

Man sammelte sich zum Abendessen. Wann er weg musse, fragte der 
Alte den Sohn. Um vier Uhr morgens, sagte Nikolaus, damit er ja 
nicht den Zug versaume. Das hatte er also richtig vorausbedacht, sagte 
der Alte. Man trug das besondere Mahl auf, das er am Nachmittag 
angeordnet hatte: Griitze in dampfender Milch, gekochtes Schweine- 
fleisch mit Kartoffeln, Wodka und hellen Burgunder dazwischen und 
weifien Schafkase zum Beschlufl. Man wurde laut. Der Alte fragte. 
Nikolaus erzahlte von Amerika. Er erfand fur den Augenblick eine 
Fabrik, in der er soeben zu arbeiten angefangen hatte, eine Fabrik. 
Dort stellte man Filme her. Eine recht amerikanische Fabrik. Als er, 
wie schon seit Wochen, jeden Morgen um fiinf Uhr fruh im Begriff 
war, sich an seine Arbeitsstelle zu begeben, riefen die Zeitungsjungen 
die Nachricht vom Kriege aus - und also fuhr er dann geradewegs in 
die russische Botschaft. Einen Abend vorher hatte es noch zwischen 
ihm, Tarabas, und einem ekelhaften Barwirt eine Schlagerei gegeben. 
Der Wirt hatte ein unschuldiges Madchen, wahrscheinlich seine Kell- 
nerin, beschimpft und sogar angegriffen. Solche Menschen gab es in 
New York. 

Selbst die gleichgultige Schwester horchte auf, als Nikolaus diese Ge- 
schichte erzahlte, und immer wieder sagte die Mutter: »Gott segne 
dich, mein Junge!« Tarabas selbst war iiberzeugt, daft er die pure 
Wahrheit erzahlte. 

Und man erhob sich. Man feierte im Stehen Abschied. Und der alte 
Tarabas sagte, daE man den Sohn in vier Wochen wiedersehen werde. 
Und alle kufken ihn. Er wo lite morgen fruh niemanden mehr sehn. 
Maria kiifite ihn fliichtig. Die Mutter hielt ihn eine Weile in den Armen 



JOO ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und wiegte ihn so im Stehen. Vielleicht erinnerte sie sich an die Zeit, in 
der sie ihn noch im Schofi gewiegt hatte. 

Das Gesinde kam. Mit jedem, Knecht und Magd, tauschte Nikolaus 
den Abschiedskufl. 

Er ging in sein Zimmer. Er legte sich, so wie er war, Schlamm an den 
Stiefeln, aufs Bett. Er schlief wohl eine Stunde, erwachte dann infolge 
eines unbekannten Gerausches, sah, dafi seine Tiir offen war, ging hin, 
um sie zu schliefien. Ein Windstofi hatte sie geoffnet. Auch das Fenster 
gegeniiber war offen. 

Er konnte nicht mehr einschlafen. Es kam ihm in den Sinn, daft es 
nicht just der Wind gewesen sein mufite. Hatte Maria versucht, ihn 
wiederzutreffen? - Warum schlief sie nicht mit ihm, in der letzten 
Nacht, die er in diesem Hause verbrachte? Ihr Zimmer kannte er. Im 
Hemd lag sic nun, das Kreuz iiber dem Bett. (Es schreckte ihn ein 
wenig.) 

Er offnete die Tiir. Er lief? sich mit beiden Handen das Gelander der 
Treppe hinuntergleiten, um nicht mit den schweren Stiefeln die Stufen 
zu betreten. Jetzt offnete er Marias Tiir. Er riegelte sie ab. Er blieb eine 
Weile reglos. Dort war das Bett, er kannte es, als Knabe hatte er mit 
Maria und der Schwester die Laken abgezogen, um Leichenzug zu 
spielen. Eines nach dem anderen hatten sie sich totgestellt. Durch das 
grofie Rechteck des Fensters leuchtete die hellblaue Nacht. Tarabas 
trat ans Bett. Die Diele knarrte, und Maria fuhr auf. Halb noch im 
Schlaf und ganz vom Schrecken gefangen, breitete sie die Arme aus. Sie 
empfing Tarabas, so wie er war, geriistet und gestiefelt, fiihlte mit 
Wonne seine harten Bartstoppeln auf dem Angesicht und haschte mit 
ungelenken Handen nach seinem Nacken. 

Satt, herrisch und larmend erhob er sich. Sanft und schon ein wenig 
ungeduldig legte er Marias Hande, die sie ihm entgegenstreckte, auf 
das Bett zuriick. »Du gehorst mir!« sagte Tarabas; »wir heiraten, bis 
ich zunickkomme. Du bist treu. Du siehst keinen Mann an. Leb 
wohl!« - Und er verliefl das Zimmer, ging, ohne auf den Larm zu 
achten, den er verursachen mochte, die Treppe hinauf, um seine Sa- 
chen zu holen. 

Oben, in der Stube, safi der alte Tarabas. Man spioniert also, dachte 
Nikolaus im Nu. Man spioniert mich aus. Der alte Grimm gegen den 
Vater erwachte wieder, der Grimm gegen den Alten, der einen grau- 
sam vertrieben hatte, in das grausame New York. Der Vater erhob 



TARABAS 5OI 

sich, sein Schlafrock klaffte auseinander, man sah das Bauernhemd und 
die langen Schlauche der Unterhosen aus Sackleinwand, zusammenge- 
bunden iiber den machtigen Knocheln. Mit beiden Handen ergriff der 
Vater Nikolaus an den Epauletten. »Ich degradiere dich!« sagte der 
Alte. Oh, man kannte diese Stimme sehr gut, sie war nicht lauter als 
gewohnlich. Nur der Adams apfel bewegte sich auf und nieder, hef tiger 
als sonst - und in den Augen stand der kalte Zorn, Zorn aus blankem 
Eis. Jetzt geschieht was, dachte Nikolaus, die Angst um seine Epaulet- 
ten verwirrte ihn. »Lafi los!« schrie er. Im nachsten Augenblick sauste 
die vaterliche Hand gegen seine Wange. Nikolaus wich zuriick, indes 
der Alte den Schlafrock wieder zusammenraffte. 
»Wenn du gesund heimkehrst, heiratest du.'« sagte der Alte. »Und nun 
geh! Sofort! Verschwinde!« 

Tarabas griff nach Sabel und Mantel und wandte sich zur Tur. Er off- 
nete sie, zogerte einen Augenblick, kehrte noch einmal um und 
spuckte aus. Dann schlug er die Tur zu und hastete hinaus. Pferde, 
Knecht und Wagen erwarteten ihn schon, um ihn zur Bahn zu fuhren. 



VI 



Der Krieg wurde seine Heimat. Der Krieg wurde seine grofie, blutige 
Heimat. Von einem Teil der Front zum andern kam er. Er kam in 
friedliches Gebiet, setzte Dorfer in Brand, liefi die Triimmer kleiner 
und grofierer Stadte zuriick, klagende Frauen, verwaiste Kinder, ge- 
schlagene, aufgehangte und ermordete Manner. Er kehrte um, erlebte 
die Unrast auf der Flucht vor dem Feind, nahm Rache im letzten Au- 
genblick an vermeintlichen Verratern, zerstorte Briicken, Strafien, Ei- 
senbahnen, gehorchte und befahl, und alles mit gleicher Lust. Er war 
der mutigste Offizier in seinem Regiment. Patrouillen fiihrte er mit der 
Vorsicht und Schlauheit, mit der die nachtlichen Raubtiere auf Beute 
ausgehn, und mit der zuversichtlichen Kiihnheit eines torichten Man- 
nes, der seines Lebens nicht achtet. Mit Pistole und Peitsche trieb er 
seine zaghaften Bauern zum Sturm, den Mutigen aber gab er ein Bei- 
spiel: Er lief ihnen voran. In der Kunst, unsichtbar, maskiert durch 
Pflanze, Baum und Strauch, geborgen von der Nacht oder in den mor- 
gendlichen Nebel gehiillt, sich an Drahtverhaue heranzuschleichen, 
um den Feind zu vernichten, erreichte ihn keiner. Karten brauchte er 



502 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nicht zu lesen, die Geheimnisse jedes Terrains errieten seine gescharf- 
ten Sinne. Verhiillte und entfernte Gerausche vernahm sein hurtiges 
Ohr. Flink ergriff sein wachsames Auge alle verdachtigen Bewegun- 
gen. Seine sichere Hand griff zu, schofi und verfehlte kein Ziel, hielt, 
was sie gefafit hatte, schlug unerbittlich auf Gesichter und Riicken, 
ballte sich zur Faust mit grausamen Knocheln, offnete sich aber bereit- 
willig und mit stahlerner Zartlichkeit zu kameradschaftlichem Druck. 
Tarabas liebte nur seinesgleichen. Er wurde ausgezeichnet und zum 
Hauptmann befordert. Wer immer in seiner Kompanie Neigung zum 
Zaudern verriet, geschweige denn Feigheit, war sein Feind, wie der 
Feind, gegen den die ganze Armee kampfte. Wer aber, wie Tarabas 
selbst, das Leben nicht liebte und den Tod nicht scheute, war der 
Freund seines Herzens. Hunger und Durst, Schmerz und Mudigkeit, 
durchwanderte Tage und Nachte ohne Schlaf starkten sein Herz, er- 
freuten es sogar. Vollkommen aufterstande, strategisches Talent zu be- 
weisen und, was man in der Militarsprache »grofiere Aktionen« nennt, 
zu begreifen, war er ein aufierordentlicher Frontoffizier, ein ausge- 
zeichneter Jager auf kleinen Jagdabschnitten. Ja, ein Jager war er, ein 
wilder Jager war Nikolaus Tarabas. 

Die schwere Trunkenheit iernte er kennen und die fluchtige Liebe. 
Vergessen waren Haus, Hof, Vater und Mutter und die Cousine Ma- 
ria. Als er sich ihrer aller eines Tages erinnerte, war es zu spat, ihnen 
Nachricht zu geben; denn Tarabas' Heimat war damals vom Feinde 
besetzt. Wenig bekiimmerte ihn dies, der Krieg war seine grofte, blu- 
tige Heimat geworden. Vergessen waren New York und Katharina. 
Dennoch, in manchen Pausen, zwischen Gefahr und Gefecht, Trun- 
kenheit und Niichternheit, fliichtigem Rausch und fliichtigem Mord, 
ward es Tarabas sekundenlang (aber auch nur so lange) klar, dafi er seit 
der Stunde, in der ihm die Zigeunerin auf dem New Yorker Jahrmarkt 
geweissagt hatte, als ein Verwandelter lebte, ein Verwandelter, ein Ver- 
zauberter und wie in einem Traum Befangener. Ach, es war nicht sein 
Leben mehr! - Zuweilen war es ihm, als sei er gestorben und das Le- 
ben, das er jetzt fiihrte, bereits ein Jenseits. Doch verflogen diese Se- 
kunden der Besinnung, und Tarabas versank aufs neue im Rausch des 
Blutes, das rings um ihn floft und das er flieEen liefi, im Geruch der 
Kadaver, im Dunst der Brande und in seiner Liebe zum Verderben. 
So ging er denn, so lieE er sich kommandieren, von Brand zu Brand, 
von Mord zu Mord, und nichts Boses widerfuhr ihm. Eine hohere 



TARABAS 503 

Gewalt hielt Wacht iiber ihn und bewahrte ihn auf fur sein merkwiir- 
diges Leben. Seine Soldaten liebten ihn und fiirchteten ihn auch. Sei- 
nem Blick gehorchten sie und dem leisesten Wink seiner Hand. Und 
lehnte sich einer unter ihnen gegen Tarabas' Grausamkeit auf, so hielt 
fast keiner der anderen zu dem Emporer. Alle liebten sie Tarabas; und 
alle fiirchteten sie ihn. 

Auch Tarabas liebte seine Leute, in seiner Art liebte er seine Leute, 
weil er ihr Gebieter war. Er sah viele von ihnen sterben. Ihr Tod gefiel 
ihm. Es gefiel ihm iiberhaupt, wenn man rings um ihn starb, und wenn 
er, wie er auch mitten zwischen den Schlachten als einziger im Regi- 
ment zu tun gewohnt war, durch den Schiitzengraben ging, die Namen 
seiner Leute verlas und die Antwort »gefallen« von den Kameraden 
horte, so zeichnete er ein Kreuz in sein Notizbuch. In diesen Augen- 
blicken genoE er manchmal die Vorstellung, er sei ja iiberhaupt selbst 
schon tot; alles, was er da erfuhr, geschahe im Jenseits; und die ande- 
ren, die Gefallenen, seien so gewift in ein drittes Leben eingekehrt wie 
er selbst nunmehr in sein zweites. 

Er wurde niemals verwundet und niemals krank; er bat auch niemals 
um einen Urlaub. Der einzige war er im Regiment, der keine Post 
bekam und keine erwartete. Von seinem Haus sprach er niemals. Und 
dies befestigte die Meinung, die man von ihm hatte, daft er ein gar 
Sonderbarer sei. 
So verlebte er den Krieg. 

Als die Revolution ausbrach, behielt er seine Kompanie ingrimmig in 
der Gewalt, mit Gebarden, Fausten, Blick, Pistole und Stock. Es war 
nicht seine Sache, zu verstehen, was in der Politik vorging. Es kiim- 
merte ihn nicht, ob der Zar abgesetzt war. In seiner Truppe war er 
selbst der Zar. Es war ihm nur angenehm, dafi seine Vorgesetzten, der 
Stab, das Armeekommando, verworrene und widerspruchs voile Be- 
fehle auszuteilen begannen. Er brauchte sich nicht um sie zu kiim- 
mern. Bald gewann er, weil er der einzige im ganzen Regiment war, 
den die Revolution nicht verwirrt und nicht verwandelt hatte, mehr 
Macht als der Oberst selbst. Er kommandierte das Regiment. Und er 
verlegte es nach seinem Gutdiinken dahin und dorthin, fiihrte selb- 
standige Kampfe, brach in gleichgultige Dorter und Stadtchen ein, 
frisch und munter wie in den ersten Wochen des Krieges. 
Eines Tages - es war ein Sonntag - tauchte in seinem Regiment ein 
Soldat auf, den Tarabas noch niemals gesehen hatte. Zum erstenmal, 



504 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

seitdem er eingeriickt war, erschrak er gewaltig vor einem ganz ge- 
wohnlichen Infanteristen. Sie lagen in einem winzigen, halbzerschos- 
senen galizischen Dorf. Der Hauptmann Tarabas hatte sich in einer der 
noch ziemlich gut erhaltenen Hiitten einquartiert, die Nacht mit der 
vierzehnjahrigen Tochter der Bauerin verbracht, am Morgen bei sei- 
nem Burschen Kaffee mit Schnaps bestellt. Es war ein sonniger Tag, 
gegen neun Uhr morgens. In frischgewichsten Stiefeln, in gesauberten, 
lederbespannten, breiten Reithosen, ein Reitstockchen in der Hand, 
rasiert und mit dem ganzen Wohlgefuhl ausgestattet, das einen Mann 
wie Tarabas nach einer wohlig verbrachten Nacht an einem glanzen- 
den Herbstmorgen erfiillen konnte, verliefi der Hauptmann die Hiitte 
und das Madchen, das im Hemd vor der Tiir hockte. Tarabas schlug es 
mit seiner Reitgerte zartlich auf die Schulter. Das Madchen erhob sich. 
Er fragte, wie es heifie: »Der Herr hat mich schon gestern abend nach 
meinem Namen gefragt«, sagte das Madchen, »als ich ins Bett kam.« In 
ihren winzigen, griinen, tief in die Wangen gebetteten Augen stand ein 
schelmisches und boses Feuerchen. Tarabas sah ihre junge Brust unter 
dem Hemd, ein diinnes Kettchen am Hals, dachte an das Kreuz, das 
Maria getragen hatte, und sagte, indem er ihren Scheitel mit der Reit- 
peitsche berlihrte: »Du heifit Maria, von nun ab, solange ich hier- 
bleibe!« »Jawohl, Euer Gnaden!« sagte das Madchen. Und pfeifend 
ging Tarabas von dannen. 

Er war, wie gesagt, in herrlicher Laune. Mit seinem Reitstockchen ver- 
suchte er, die blinkenden Faden des Altweibersommers zu zerteilen. 
Es gelang ihm nicht; diese merkwiirdigen Kreaturen aus Nichts 
schlangen sich vielmehr um das Stockchen, umschmeichelten es gera- 
dezu. Auch dies gefiel Tarabas. Hierauf drehte er sich eine Zigarette 
aus dem Tabak, den er lose in der Tasche trug, und verlangsamte den 
Schritt. Er naherte sich dem Lager seiner Leute. Schon kam der Unter- 
offizier, ihm Bericht zu erstatten. Sonntag war heute. Die Soldaten 
lagen faul und matt an den Wiesenabhangen und auf den Stoppelfel- 
dern. »Liegenbleiben!« rief Tarabas, als er sich ihnen naherte. Trotz- 
dem erhob sich einer, einer der ersten, vom Wegrand. Und obwohl 
dieser Soldat vorschriftsmafiig und sogar ehrerbietig grufke, unbeweg- 
lich wie ein Pfahl, lag in seiner ganzen Erscheinung fur das Gefuhl des 
Hauptmanns Tarabas etwas Widerspenstiges, Freches, etwas unbe- 
greiflich Uberlegenes. Nein, der war nicht von Tarabas' Hand erzogen 
worden! Ein Fremder war's in dieser Kompanie! 



TARABAS 505 

Tarabas trat naher - und gleich darauf einen Schritt zuriick. In diesem 
Augenblick begann die Glocke der kleinen griechischen Kirche zu Jau- 
ten. Die ersten Bauerinnen zeigten sich schori auf dem Weg, der zur 
Kirche fiihrte. Sonntag war es. Tarabas bekreuzigte sich - immer den 
Blick auf den fremden Soldaten gerichtet. Und es war, als ob er aus 
Angst vor ihm das Kreuz geschlagen hatte. In diesem Augenblick nam- 
lich sah er es deutlich: Der fremde Soldat war ein rothaariger Jude. Ein 
rothaariger Jude. Rothaarig, Jude - und es war Sonntag! 
Zum erstenmal, seitdem er zur Armee gekommen war, erwachte in 
Nikolaus Tarabas der alte Aberglaube wieder. Sofort wufite er auch, 
dafi von diesem Augenblick an sein Schicksal sich verandern sollte. 
»Wie kommst du daher?« fragte Tarabas. Der Soldat zog aus seiner 
Tasche ein Papier. Man ersah daraus, dafi er von dem aufgeriebenen, 
zum Teil desertierten, zum Teil zu den Bolschewiken iibergelauienen 
Infanterieregiment Nummer zweiundfunfzig gekommen war. »Es ist 
gut!« sagte der Hauptmann Tarabas. »Bist du Jude?« »Ja!« sagte der 
Soldat, »meine Eltern waren Juden! Ich aber kenne keinen Gott!« 
Nikolaus Tarabas trat noch einen Schritt zuriick. Er klopfte mit dem 
Reitstockchen gegen die Stiefel. Der Rothaarige hatte griingraue Au- 
gen und flammende, kurze Buschel dariiber statt der Brauen. »Also, 
ein Gottloser bist du!« sagte der Hauptmann. »So, so!« 
Er ging weiter. Der Soldat legte sich wieder an den Wegrand. Einmal 
noch wandte sich Tarabas um. Da sah er das rote Haar des Fremden 
zwischen dem sparlichen Griin des Abhangs leuchten; ein kleines Feu- 
erchen an der grauen, staubigen Strafte. 



VII 

Von diesem Tag an begann sich die Welt des Hauptmanns Tarabas zu 
verandern. Seine Leute gehorchten nicht mehr wie zuvor, schienen ihn 
weniger zu lieben und weniger zu furchten. Und ziichtigte er einen 
von ihnen, so verspiirte er einen unerklarlichen, unsichtbaren, unhor- 
baren Groll in den Reihen. Die Manner sahen ihm nicht mehr gerade 
in die Augen. Eines Tages verschwanden zwei Unteroffiziere, die be- 
sten Leute des Regiments, die mit Tarabas seit dem ersten Tag ge- 
kampft hatten. Ihnen folgten eine Woche spater ein paar Infanteristen. 
Aber der rothaarige Gottlose entfernte sich nicht, der einzige, dessen 



506 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Desertion der Hauptmann Tarabas ersehnte. Es war im iibrigen ein 
Soldat ohne Makel. Piinktlich und gehorsam war er. Aber selten er- 
teilte ihm der Hauptmann Tarabas einen Befehl. Die anderen fuhlten 
es. Ja, sie wufiten es. Manchmal beobachtete Tarabas, dafi der Rothaa- 
rige zu den Soldaten sprach. Sie horten ihm zu, umringten ihn, lausch- 
ten. Tarabas rief einen Beliebigen zu sich. »Was erzahlt er denn, der 
Rothaarige?« »Geschichten!« sagte der Soldat. »Was fiir Geschich- 
ten?« »So, eben lustige Weibergeschichten!« Und Tarabas wufite, dafi 
der Mann log. Aber er schamte sich, dafi man ihn belogen hatte, und er 
fragte nicht weiter. 

Eines Morgens fand der Hauptmann bei seinem Burschen eine der bol- 
schewistischen Broschuren, die er noch nie gesehen hatte. Er zundete 
sie mit einem Streichholz an, die Blatter brannten nur bis zur Halfte 
ab, erloschen dann, und Tarabas warf sie wieder hin. Er beobachtete 
von nun an den Burschen aufmerksamer. »Stepan«, sagte er, »hast du 
mir nichts zu erzahlen? - Wo ist deine Mundharmonika, Stepan, 
mochtest mir was vorspielen?« »Hab' sie verloren, Euer Hochwohlge- 
boren!« sagte Stepan, demutig und traurig. 

Auch Stepan verschwand plotzlich, an einem Abend, kein Mensch 
wufite Auskunft zu geben. 

Der Hauptmann Tarabas liefi alle Welt antreten und verlas die Namen 
seiner Kompanie. Mehr als die Halfte der Leute war desertiert. Den 
Rest liefi er eine Stunde exerzieren. Der Rothaarige exerzierte tapfer, 
fleifiig, ohne Fehl, ein tadelloser Soldat. 

Ein paar Tage spater, in der Stunde, in der Tarabas gerade mit dem 
Obersten und den iibrigen Offizieren beriet, wie man die Desertionen 
verhindern konnte, erschien der Rothaarige, zwei Handgranaten im 
Giirtel, eine Pistole in der Hand, begleitet von zwei Unteroffizieren. 
»Biirger«, sagte der rothaarige Gottlose, »die Revolution hat gesiegt. 
Geben Sie die Waffen ab, Sie haben freies Geleit. Und Sie, Burger Ta- 
rabas, und was sonst bei uns Ihre Landsleute sind, konnen in Ihre 
Heimat zuriick. Einen eigenen Staat haben jetzt eure Leute. « 
Er war ganz still. Man horte nur die grofie Taschenuhr des Obersten 
ticken, die auf dem Tisch lag, mit aufgeklapptem Deckel. Sie steppte 
die Zeit wie eine Nahmaschine. 



TARABAS *■ 507 

VIII 

Nachdem der Rothaarige mit seinen Leuten das Zimmer verlassen 
hatte, stand der Oberst auf, wartete einen Augenblick, als iiberlegte er 
irgendeinen Plan, als hatte er in dieser Stunde, da die ganze Armee, das 
Regiment, er selbst endgiiltig verloren waren, noch die Gnade eines 
rettenden Einfalls erfahren. Tarabas sah von seinem Sitz zum Obersten 
empor, mit einem fragenden Blick. Der Oberst wandte sich um. Er 
stiefi den Sessel weg. Die solide, ledergepolsterte Lehne schlug dumpf 
auf den holzernen Boden. Der Oberst ging ans Fenster. Sein breiter 
Riicken bedeckte fast den ganzen Rahmen. Tarabas ruhrte sich nicht. 
Plotzlich schluchzte der Oberst auf. Es klang wie ein kurzer, jaher, 
schnell erstickter Ruf, fremd, als kame er nicht aus der Kehle des 
Obersten, sondern unmittelbar aus dem Herzen; ja, als hatte das Herz 
eine eigene, eine ganz besondere Kehle, durch die es sein ganz beson- 
deres Weh in die Welt rief. Die machtigen Schultern hoben und senk- 
ten sich, eine Sekunde lang. Dann machte der alte Mann wieder kehrt 
und trat zum Schreibtisch. Er blickte eine Weile auf die grofie, aufge- 
klappte, unerbittlich-regelmaftig tickende Uhr, als sahe er zum ersten- 
mal das hurtige Rucken ihres feinen Sekundenzeigers. Tarabas schaute 
ebenfalls auf die Uhr. Nichts regte sich in ihm, leer war sein Kopf, kalt 
war sein Herz. Er glaubte, es klopfen zu horen, es tickte im gleichen 
Rhythmus wie die Uhr auf dem Tisch. Nichts horte man sonst. Es war 
Tarabas, als ware schon eine unendlich lange Zeit seit dem Abgang des 
Rothaarigen vergangen. 

SchlieElich begann der Oberst: »Tarabas«, sagte er, »nehmen Sie diese 
Uhr zum Andenken!« 

Der Oberst zog sein Taschenmesser heraus und offnete den riickwarti- 
gen Deckel. Er las die eingravierte russische Inschrift: »Meinem Sohn 
Ossip Iwanowitsch Kudra« und zeigte sie Tarabas. 
»Ich habe die Uhr bekommen, als ich die Kadettenschule verliefi. Mein 
Vater war sehr stolz. Ich auch. Ich komme aus ganz kleiner Familie. 
Der Vater meines Vaters noch war Leibeigener der Zarizyns gewesen. 
Ich war mein Leben lang kein besonderer Soldat, Hauptmann Tarabas! 
Ich glaube, ich war faul und nachlassig. Es gab viele solcher Offiziere 
bei uns. Wenn Sie mir die Ehre erweisen, diese Uhr anzunehmen, Bru- 
der Tarabas ?« 
»Ich nehme sie«, sagte Tarabas und erhob sich. Der Oberst klappte 



508 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

beide Deckel zu und reichte die Uhr Tarabas iiber den Tisch. Dann 

stand er noch eine Weile da, den grauen Kopf gesenkt. Dann sagte er: 

» Pardon, ich will nach meinen Sachen sehn!« - gmg langsam um den 

Tisch, an Tarabas vorbei, zur Tiir hinaus. 

Im nachsten Augenblick knallte ein Schufi. Er hat sich erschossen! 

dachte Tarabas im Nu. Er offnete die Tiir. Der Oberst lag ausgestreckt 

neben der Schwelle. Er mufite sich zuerst vorsorglich hingelegt und 

dann erst erschossen haben. Sein Rock war geoffnet. Das Blut sickerte 

durch das Hemd. Die Hande des Toten waren noch warm. Noch lag 

der Zeigefinger der Rechten am Hahn der Pistole. 

Tarabas loste die Waffe aus der Hand des Obersten. Dann faltete er die 

Hande des Toten iiber der Brust. 

Ein paar Soldaten umstanden die Leiche und den knienden Tarabas. 

Sie nahmen die Miitzen ab, wufiten nicht, was sie hier sollten, blieben 

aber stehen. 

Tarabas erhob sich. »Wir werden ihn sofort begraben, hier, vor dem 

Haus«, befahl Tarabas. »Richtet ein Grab! Hierauf antreten. Mit Ge- 

wehr! Ruft den Konzew!« 

Der Feldwebel Konzew kam. »Es bleiben mir nur sechsundzwanzig 

Mann«, sagte er. 

»Alle antreten !« befahl Tarabas. 

Zwei Stunden spater begrub man den Obersten, zehn Schritte vor dem 

Tor des Hauses. Sechsundzwanzig Mann, der ganze treue Rest des 

Regiments, feuerte auf Tarabas' Kommando dreimal in die Luft. 

Sechs armselige Doppelreihen machten kehrt. 

Tarabas aber marschierte an ihrer Spitze, als fiihrte er noch ein ganzes, 

ein unversehrtes Regiment; er war keineswegs entschlossen, den Un- 

tergang seiner Welt, das Ende des Krieges, anzuerkennen. 

Mit den sechsundzwanzig Mannern, von denen einige seine Landsleute 
waren, trat Tarabas den Weg in die Heimat an, in die neue Heimat des 
neuen Landes. Hier hatte man in der Eile funkelnagelneue Minister, 
Gouverneure, Generale ernannt und gar hastig eine provisorische, 
kleine Armee gebildet. Es gab einen grofien Wirrwarr im Lande; zwi- 
schen Machthabern und Bewohnern des Landes, und auch unter den 
Machthabern selbst herrschte Verwirrung. Tarabas aber, erfiillt von 
unermiidlicher Lust zum Abenteuer und einer ehrlichen, heiften Ge- 
hassigkeit gegen die vielen Amter und Beamten, gegen Kanzleien und 



TARABAS 509 

Papiere, war entschlossen, sein Leben fortzusetzen. Er war Soldat, 
nichts anderes. Er hatte seine sechsundzwanzig Getreuen hierherge- 
bracht, die sechsundzwanzig, denen der Krieg, wie ihm selber, die ein- 
zige Heimat gewesen war und denen er, wie sich selbst, eine neue Hei- 
mat schuldete. Mit diesen sechsundzwanzig ein ganzes neues Regiment 
zu begriinden - welch eine Aufgabe fur einen Tarabas! Er war nicht 
der Mann, sich selbst das Leben zu nehmen wie der brave Oberst. Die 
Weltgeschichte, die da von alten Vaterlandern winzige neue absplittern 
lieft, ging den Hauptmann Tarabas gar nichts an. Solange er lebte, 
wollte er den sogenannten Willen der Geschichte nicht kennen. Er 
hatte sein en sechsundzwanzig Rechenschaft abzugeben. Was bedeu- 
tete ihm der neue Kriegsminister eines neuen Landes? Weniger als ein 
Gefreiter seiner eigenen Kompanie! 

Er begab sich zum Kriegsminister, wohlgeriistet, schwer bewaffnet, 
von seinen sechsundzwanzig Getreuen gefolgt, Diener, Schreiber und 
Kanzlisten, die ihn nach seinem Begehr fragten, durch donnernde Be- 
fehle einschiichternd, im Vorzimmer schon machtiger als der Minister 
selbst. In diesem erkannte er allerdings nach einigen Worten einen Vet- 
ter seiner Familie mutterlicherseits. 

Als eine ganz selbstverstandliche, eine gebuhrliche Belohnung fur 
seine kriegerischen Leistungen verlangte Tarabas das Kommando liber 
eines der neu aufzustellenden heimischen Regimenter. Dieser Wunsch 
des Hauptmanns, nachdriicklich unterstiitzt von seinem gewalttatigen 
und herrischen Gebaren, von der Pistole, der Reitpeitsche und dem 
Eindruck, den auch das Gefolge auf den Kriegsminister machte, wurde 
kaum ein paar Stunden spater erfullt. 

Der Hauptmann Tarabas stieg also aus den Trummern der alten Armee 
als neuer Oberst herauf. Er bekam den Auftrag, in der Garnison Ko- 
ropta ein Regiment aufzustellen. 



IX 



In dem kleinen Stadtchen Koropta herrschte eine grofie Verwirrung, 
als Tarabas mit seinen Getreuen ankam. Manner in den verschieden- 
sten Uniformen, herbeigeschwarmt und herangeschwemmt von alien 
Teilen der Front und aus dem Innern des Landes, Gefangene aus den 
plotzlich aufgelosten Lagern, Verwahrloste und Betrunkene, manche 



510 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

angelockt von der Moglichkeit, mitten in der allgemeinen Verwirrung 
irgendeinen abenteuerlichen Gewinn zu ergattern, ihr Gluck und Gott 
selbst zu versuchen, trieben sich in den Gafichen herum, lagerten auf 
dem weiten, wiisten Rund des Marktplatzes, hockten auf ziellos hin 
und her rollenden Bauernfuhren und Militarautomobilen, kauerten auf 
den hellen Stufen des grofien Gerichtsgebaudes, auf den alten Grab- 
steinen des Friedhofs am Hiigel, auf dessen Gipfel sich die kleine, gelb- 
leuchtende Kirche erhob. Es war ein klarer, vortrefflicher Herbsttag. 
In seinem vollkommenen, blauen Glanz nahmen sich die verfallenen 
Hauschen mit den schiefen Schindeldachern, die holzernen Biirger- 
steige, der getrocknete, silbern schimmernde Strafienkot in der Mitte, 
die zerlumpten Uniformen wie eine unaufhorlich bewegte, festliche 
Malerei aus, ein im Entstehen begriffenes Bild; seine einzelnen Teile 
und Gestalten schienen noch den ihnen gebiihrenden Platz zu suchen. 
Zwischen den farbigen Soidaten sah man die hurtigen und furchtsamen 
dunklen Schatten der Juden in langen Kaftanen und die hellgelben 
Schafspelze der Bauern und Bauerinnen. Frauen mit bunten, geblum- 
ten Kopftiichern hockten auf den niedrigen Schwellen in den offenen 
Tiiren der kleinen Hauschen, und man horte ihr aufgeregtes, zielloses 
Geschwatz. Die Kinder spielten in der Mitte der Hauptstrafie. Und 
durch den silbernen Schlamm wateten Ganse und Enten den vereinzel- 
ten, von der trocknenden Sonne noch verschont gebliebenen, schwar- 
zen Tiimpeln entgegen. 

Mitten in diesem Frieden waren die armen Einwohner des Stadtchens 
Koropta ganz ratios und sehr aufgeregt. Sie erwarteten etwas Fiirchter- 
liches; vielleicht sollte es noch schlimmer sein als alles, was ihnen bis- 
her der Krieg gebracht hatte. Seine gewaltigen, brennenden Stiefel hat- 
ten zwischen den armlichen Hauserzeilen Koroptas verkohlte und wii- 
ste Spuren hinterlassen. In der niedrigen, alten Mauer rings um den 
Kirchhof am Hiigel fanden sich zahllose Locher unsinnig verirrter Ge- 
schosse; da hatte der Krieg seine morderischen Finger in den Stein 
gegraben. Mit diesen Fingern eben hatte er auch viele Sonne des Stadt- 
chens Koropta erwiirgt. Friedlich zu leben waren die Menschen von 
Koropta seit jeher gewohnt gewesen, hingegeben ihren kiimmerlichen 
Tagen und ihren stillen Nachten, den gewohnlichen Wandlungen eines 
gewohnlichen Geschicks. Plotzlich dann vom Krieg iiberfallen, er- 
starrten sie zuerst vor seinem schrecklichen Antlitz, duckten sich hier- 
auf, flohen bald, kehrten zuriick, beschlossen zu bleiben, gebannt in 



TARABAS 511 

seinem feurigen Atem. Unschuldig waren sie, fremd waren ihnen die 
morderischen Gesetze der Geschichte, gleichgliltig und ergeben ertru- 
gen sie die Schlage Gottes, wie sie lange, undenkliche Jahre die Gesetze 
des Zaren ertragen hatten. Kaum konnten sie die Kunde glauben, daft 
dieser nicht mehr auf seinem goldenen Throne in Petersburg safi, ja die 
zweite, noch fiirchterlichere, daft man ihn erschossen hatte wie einen 
alten, unbrauchbar gewordenen Hund. Nun erzahlte man ihnen, sie 
seien nicht mehr ein Teil von Rufiland, sondern ein selbstandiges 
Land. Sie seien nunmehr, sagten die Lehrer, die Advokaten, die Gebil- 
deten, eine erloste und freie Nation. Was bedeuteten diese Reden? 
Und was fur furchtbare Gefahren verhieft dieser Tumult? 
Der Hauptmann Tarabas kummerte sich ebensowenig um die Gesetze 
der Geschichte wie die Bewohner des Stadtchens Koropta. Die Befrei- 
ung der Nation machte es ihm moglich, sein soldatisches Leben fort- 
zusetzen. Was ging ihn die Politik an? Eine Angelegenheit der Lehrer, 
der Advokaten, der Gebildeten! Der Hauptmann Tarabas war nun- 
mehr Oberst geworden. Es war seine Aufgabe, ein untadeliges Regi- 
ment zusammenzustellen und es zu kommandieren. Kein anderer als 
Nikolaus Tarabas ware imstande gewesen, mit einer Handvoll Manner 
ein ganzes Regiment zu sammeln. Er hatte einen ganz bestimmten 
Plan. Auf dem winzigen Bahnhof von Koropta und just vor der hoi- 
zernen Baracke, in der noch ein alter russischer Major einen Unteroffi- 
zier und die Bahnwache befehligte, stellte Tarabas seine Leute in zwei 
Reihen auf, kommandierte ihnen ein paar Exerzieriibungen, lieft sie 
niederknien, das Gewehr in Anschlag bringen, ein paar Salven in die 
Luft abgeben, alles in Anwesenheit einiger erstaunter Menschen in Zi- 
vil und in LIniform, der Bahnwache und ihres Kommandanten, des 
alten Majors. Hierauf hielt Tarabas, sichtlich befriedigt von der erheb- 
lichen Anzahl der Zeugen, die, herbeigelockt von den zwecklosen Sal- 
ven, dem merkwiirdigen Beginnen beiwohnten, eine Ansprache. »Ihr 
Manner«, so sagte Tarabas, »die ihr mir gefolgt seid in vielen Schlach- 
ten und in der Rast, im Krieg gegen den Feind und gegen die Revolu- 
tion, ihr habt jetzt keine Lust mehr, das Gewehr abzulegen und fried- 
lich heimzukehren. Ihr, so wie ich, wir werden als Soldaten sterben, 
nicht anders! Mit eurer Hilfe werde ich hier ein neues Regiment auf- 
stellen, fur das neue Vaterland, das uns das Schicksal beschert hat. Ab- 
treten!« - Die kleine Schar schulterte die Gewehre. Alle waren sie 
furchtbar anzusehn, weit furchtbarer als die bedrohlichen und zer- 



512 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

lumpten Gestalten im Stadtchen und auf dem Bahnhof. Sie besafien 
namlich die ganze wohlausgeriistete, rasselnde, klirrende, gespornte, 
die gepflegte Furchtbarkeit ihres Fiihrers und Herrn. Blank schimmer- 
ten die fleifiig gefetteten Laufe ihrer Gewehre, die kraftigen Riemen 
kreuzten sich iiber den breiten Schultern und Briisten und gurteten die 
schlanken Rocke ohne Fleck und Fehl. Wie Tarabas, ihr Fiihrer und 
Herr, trugen alle kriegerische, sauber gebiirstete und gewaltige 
Schnurrbarte in den wohlgenahrten Gesichtern. Und aller Augen wa- 
ren hart und kalt, ein guter, ein wachsamer Stahl. Tarabas selbst, ob- 
wohl er es beileibe keineswegs notig hatte, seine Entschlossenheit 
durch irgendeinen ihn ermutigenden Anblick zu nahren und zu star- 
ken, fuhlte seine eigene Kraft bestatigt, wenn er seine Leute ansah. 
Jeder von ihnen war sein getreues und ergebenes Abbild. Alle zusam- 
men waren sie gleichsam sechsundzwanzig Tarabasse, sechsundzwan- 
zig Ebenbilder des grofien Nikolaus Tarabas, und ohne ihn unmoglich. 
Seine sechsundzwanzig Spiegelbilder waren sie eben. 
Warten hiefi er sie vorlaufig und ging klirrenden Fufies in das Bahn- 
hofskommando. Hier fand er niemanden vor. Denn der alte Major, 
ebenso wie der Unteroffizier, befanden sich noch draufien, auf dem 
Perron, wo sie der merkwiirdigen Kommandos Tarabas 5 und der 
merkwiirdigen Disziplin seiner Leute Zeugen gewesen waren. Der 
Oberst Tarabas klopfte mit seinem Reitstock auf den Tisch. Man 
mufke dieses Klopfen weithin auf dem still gewordenen Bahnhof ho- 
ren. Der Major erschien auch alsbald. »Ich bin der Oberst Tarabas«, 
sagt Nikolaus. »Ich habe die Aufgabe, in dieser Stadt ein Regiment zu 
bilden. Ich ubernehme bis auf weiteres auch das Kommando iiber diese 
Stadt. Vorlaufig wiinsche ich von Ihnen zu wissen, wo ich Verpflegung 
fur mich und meine sechsundzwanzig Mann bekomme.« 
Der alte Major verharrte still auf der Stelle neben der Tur, durch die er 
soeben eingetreten war. Lange schon hatte er solch eine Sprache nicht 
mehr vernommen. Das war die seit der Kindhek vertraute, seit dem 
Ausbruch der Revolution nicht mehr gehorte Musik des Soldaten, eine 
langst verloren geglaubte Melodie. Der grauhaarige Major - Kisilajka 
hiefi er und war ein Ukrainer - fuhlte wahrend der Rede Tarabas', wie 
sich seine Glieder strafften. Er fuhlte, daft sich seine Knochen harteten, 
seine alten, armen Knochen, seine Muskeln spannten sich und ge- 
horchten der militarischen Sprache. »Zu Befehl, Herr Oberst !« sagte 
der Major Kisilajka. »Die Verpflegungsbaracke ist einen halben Kilo- 



TARABAS 



513 



meter von hier entfernt. Es gibt aber wenig Lebensmittel dort. Ich 
weifi nicht-« »Ich marschiere keinen Schritt weiter«, sagte der Oberst 
Tarabas. »Die Lebensmittel werden hierhergebracht. Was sind das fur 
Leute, die sich auf dem Bahnhof herumtreiben? Sie werden uns die 
Verpflegung holen. Ich lasse die Ausgange besetzen.« Und Tarabas 
begab sich wieder zu seinen Mannern. »Keiner der hier Anwesenden 
verlafit den Bahnhof«, rief Tarabas. Und alle erstarrten. Aus purer 
Neugier und leichtsinniger Miifiigkeit hatten sie sich eingefunden und 
in der Nahe der merkwurdigen Ankommlinge ausgeharrt. Gefangene 
waren sie nun. Sie waren gewohnt, Hunger, Durst und Entbehrungen 
aller Art seit langer Zeit zu ertragen. Aber die Freiheit hatten sie beses- 
sen. Auf einmal verloren war nunmehr auch ihre Freiheit. Gefangene 
waren sie. Sie wagten nicht mehr, sich umzusehn. Einer nur von den 
Zuschauern, ein kleiner, magerer Jude in Zivil, versuchte, in angstli- 
chem Leichtsinn und Gott weiE welcher Hoffnung auf ein Wunder, 
einen der Ausgange zu gewinnen. Im gleichen Augenblick aber schofi 
Tarabas auf den Fliichtigen - und der Arme fiel nieder, mit lautem, 
unmenschlichem Gebriill fiel er hin, in den linken Schenkel getroffen, 
genau an der Stelle, in die Tarabas gezielt hatte; das knocherne, diinne 
Kopfchen mit dem schutteren Ziegenbartchen lag, aufwartsgereckt, 
hart am Rande eines Schotterhaufens, welcher der Lokomotive Halt 
anzukundigen bestimmt war, und die kummerlichen Stiefel mit den 
zerschlissenen Sohlen ragten mit den gekrummten Spitzen gegen das 
glaserne Perrondach. Tarabas selbst ging zu dem Verletzten, hob den 
federleichten Juden auf, trug ihn auf beiden Armen, als triige er ein 
diinnes Birkenstammchen, in die Stube des Bahnhofskommandos. Al- 
les schwieg still. Nachdem der Schuft verhallt war, horte man keinen 
Laut. Es war, als waren sie alle, die da herumstanden, getroffen wor- 
den und im Stehen erstarrt. Tarabas legte den gewichtlosen Korper 
seines ohnmachtigen Opfers auf den mit Papieren bedeckten Tisch des 
Majors, rift die alte, glanzende, dunkelgraukarierte Hose des Juden 
auf, zog ein Taschentuch heraus, betrachtete die Wunde und sagte 
»Streifschufi« zu dem erschrockenen Major. »Verbinden!« rief er 
dann. Und einer seiner Leute, der Friseur gewesen war und den Dienst 
als Sanitater versah, trat ein und begann, den verwundeten Juden flink 
und behutsam zu behandeln. 

Der erstarrten Zuschauer auf dem Bahnhof gab es etwa vierzig. Diese 
lief? Tarabas aufstellen. Zweien seiner Manner ubergab er das Kom- 



514 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mando. Essen sollten sie holen. Der Rest verblieb auf dem besonnten, 
grofien Perron und wartete. Tarabas stand am Rande des Bahnsteigs 
und blickte auf die blaulich schimmernden, schmalen und eiligen 
Schienenbander, indessen drinnen im Biiro des Majors der verletzte 
Jude wieder zu sich kam. Man horte sein jammerliches, schwaches 
Schluchzen durch die offene Tiir. In der blauen Luft zwitscherten die 
Spatzen. 

Alsbald kamen auch die Leute mit dem Essen zuriick. Man horte das 
Klappern der blechernen Geschirre und die gleichmafiigen Schritte der 
Manner. Sie kamen an. Man begann, das Essen zu verteilen. Tarabas 
bekam als erster eine Schussel. Mitten aus der grauen, undurchsichti- 
gen Suppe ragte ein Stuck dunkelbraunen Fleisches wie ein Fels aus 
einem See. 

Tarabas zog einen Loffel aus dem Stiefel, und seine Manner taten im 
selben Augenblick das gleiche. Die vierzig Gefangenen, die das Essen 
gebracht hatten, standen reglos da. In ihren grofien Augen wohnte der 
Hunger. In ihren Mundern sammelte sich feuchter Speichel. Sie konn- 
ten das hurtige Klappern der blechernen Loffel gegen das Geschirr 
kaum horen. Und einige unter ihnen versuchten, sich mit den Fingern 
die Ohren zu verstopfen. 

Tarabas setzte als erster den Loffel ab. Dem ersten der Gefangenen, 
der in seiner Nahe stand, reichte er den Rest seines Essens, samt dem 
Loffel. Und ohne dafi Tarabas ein Wort gesagt hatte, taten alle seine 
Manner das gleiche. Jeder von ihnen setzte mit einem Ruck die Schale 
ab und reichte sie dem nachststehenden Gefangenen. All dies vollzog 
sich, ohne dafi ein Wort gefallen ware. Man horte nichts mehr als das 
Klappern der Blechgeschirre, das Schmatzen der Lippen und das Mah- 
len der Zahne und das Zwitschern der Sperlinge unter dem glasernen 
Dach des Perrons. 

Nachdem alle gegessen hatten, gebot der Oberst Tarabas den Ab- 
marsch in die Stadt. Den so zufallig und plotzlich Gefangenen erschien 
auf einmal ihre veranderte Lage angenehmer. Sie liefien sich von Tara- 
bas' Mannern in die Mitte nehmen. Und umgeben von einer lebendi- 
gen Mauer aus Bewaffneten, marschierten sie, zufrieden, gleichgiiltig, 
manche unter ihnen freudig, unter Tarabas' Befehl in das Stadtchen 
Koropta. 

Sie marschierten durch den halbgetrockneten, silbergrauen Schlamm 
der Straftenmitte - und die Ganse, die Enten und die Kinder liefen 



TARABAS 515 

schreiend und jammernd vor ihnen her. Der kleine Trupp verbreitete 
einen absonderlichen Schrecken. Die Bewohner wufiten nicht, was fur 
eine neue Art Krieg eben ausgebrochen sein mochte. Denn eine neue 
Art von Krieg schien ihnen der Einmarsch des Obersten Tarabas zu 
sein. Fiirchterliche und hurtige Geriichte flogen Tarabas voran. Er sei 
der neue Konig des neuen Landes, sagten einige. Und andere be- 
haupteten, er sei der Sohn des Zaren selbst und eben gekommen, sei- 
nen Vater zu rachen. Was aber die Juden betraf, deren ein paar Hun- 
dert in diesem Stadtchen Koropta safien, so beeilten sie sich, weil es 
gerade ein Freitag war und der Sabbat mit heiligem Schritt herannahte, 
die winzigen Laden zu schlieften, in grofier Hast; und in dem festen 
Glauben, ihr Sabbat konne den unerbittlichen Gang der Geschichte 
ebenso aufhalten, wie er ihre Geschafte aufhielt. 
Tarabas, an der Spitze seines gefahrlichen Trupps, begriff nicht, wes- 
halb die kleinen Kramladen so eilig geschlossen wurden, und er fiihlte 
sich gekrankt. Die schwatzenden Weiber erhoben sich von den 
Schwellen, sobald er sich naherte. Man horte das eiserne Gerassel der 
Ketten und Riegel und Schlosser vor den holzernen Kramladen. Hier 
und dort huschte der schwarze Schatten eines Juden vorbei, Tarabas 
entgegen, geduckt in den kiimmerlichen Schutz der Hauser. Vor sich 
auf seinem Weg sah Tarabas lauter Fliehende. Dafi man vor ihm Angst 
haben konnte, verstand er nicht. Bekummert wurde er im Verlauf sei- 
nes Marsches, bekummert. Ja, Kummer bereitete ihm die Stadt Ko- 
ropta. Er hielt vor dem Gouvernementsgebaude, stieg, von zwei seiner 
Bewaffneten gefolgt, die breite Treppe hinauf und offnete die zweiflii- 
gelige Tiir, hinter der er den Kommandanten der Polizei vermutete. 
Hier safi er in der Tat, ein armseliger Greis, hager und winzig und 
verloren in dem gewaltigen Lehnstuhl, ein Mann aus alten Zeiten. »Ich 
habe das Kommando dieser Stadt iibernommen«, sagte Tarabas. »Es ist 
meine Aufgabe, hier ein Regiment zusammenzustellen. Geben Sie mir 
die Aufzeichnung der wichtigsten Gebaude. Wo ist die Kaserne? Sie 
diirfen dann ruhig heimgehn.« 

»Sehr gerne«, sagte das Greislein. Und begann, mit einem verstaubten, 
aufterordentlich diinnen Stimmchen, das kam, wie aus einem altertiim- 
lichen Spind, das Gewiinschte herzusagen. Dann erhob sich der Greis. 
Sein kahler, gelblicher, fleckiger Schadel reichte knapp bis zur Hohe 
der Sessellehne. Hut und Stock holte er von den Haken, verneigte sich 
lachelnd und ging. 



516 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Setz dkh dorthin!« sagte Tarabas zu einem seiner Begleiter. »Bis ich 
wiederkomme, bist du der Polizeikommandant!« Und Tarabas ging 
und sauberte eines der wenigen in Koropta befindlichen Amter nach 
dem andern. Die leere Kaserne bezog er hierauf, versammelte die Ge- 
fangenen im Hof und fragte: »Wer von euch war Soldat? Wer von euch 
mochte unter mir weiter Soldat bleiben?« 
Alle traten sie vor. Alle wollten sie unter Tarabas Soldaten sein. 



X 



Als die Kunde von der Ankunft des schrecklichen Tarabas und seiner 
schrecklichen Begleiter in den Gasthof »Zum weifien Adler« gedrun- 
gen war, beschlofi der Wirt, der Jude Nathan Kristianpoller, unver- 
ziiglich seine Wohnung zu raumen und seine Frau sowie seine sieben 
Kinder zu den Schwiegereltern nach Kyrbitki zu schicken. Einigemal 
schon hatte die Familie Kris tianp oilers diese Reise gemacht. Zuerst, als 
der Krieg ausbrach, hierauf, ais ein fremdes Kosakenregiment in das 
Stadtchen Koropta einriickte, spater, als die Deutschen einmarschier- 
ten und die westlichen Teile Rufilands besetzten. Bei der ersten Fahrt 
waren es fiinf Kinder gewesen, hierauf sechs, zuletzt nicht weniger als 
sieben, Madchen und Knaben. Denn unabhangig von den unaufhorlich 
_ wechselnden Schrecken des Krieges erteilte die Natur der Familie Kri- 
stianpoller ihren gleichen unerbittlichen und freundlichen Segen. 
Den Gasthof »Zum weifien Adler« - es war der einzige im Stadtchen 
Koropta - hatte der Jude Kristianpoller von seinen Vorfahren geerbt. 
Seit mehr als hundertfunfzig Jahre besaften und verwalteten die Kri- 
stianpollers diesen Gasthof. Der Erbe Nathan Kristianpoller wufke 
nichts mehr von den Schicksalen seiner Grofivater. Er war in diesem 
alten Gasthof aufgewachsen, hinter der dicken, verfallenden, von vie- 
len Spriingen gezeichneten, von wildem Weinlaub bewachsenen 
Mauer, die ein groftes, rotbraun gestrichenes, zweifliigeliges Tor un- 
terbrach und gleichzeitig verband, wie ein Stein einen Ring unterbricht 
und verbindet. Vor diesem Tor hatten der Groftvater und der Vater 
Nathan Kristianpollers die Bauern erwartet und begriiftt, die Donners- 
tag und Freitag auf den Markt nach Koropta kamen, ihre Schweine zu 
verkaufen und Sensen, Sicheln, Hufeisen und bunte Kopftiicher in den 
kleinen Laden der Handler zu erstehen. Bis zu der Stunde, in welcher 



TARABAS 517 

der grofie Krieg ausbrach, hatte der Gastwirt Kristianpoller keine Ver- 
anlassung gehabt, an eine Veranderung zu denken. Spater aber ge- 
wohnte er sich sehr schnell an die verwandelte Welt, und es gelang 
ihm, wie vielen seiner Briider, die Gefahren zu umgehen, mit List und 
mit Hilfe Gottes der Gewalt heimischer und fremder Soldaten die an- 
geborene und eingeubte Schlauheit entgegenzuhalten wie einen Schild 
und, was das wichtigste war, das nackte Leben zu bewahren, das 
eigene und das der Familie. 

Jetzt aber, nach der Ankunft des schrecklichen Tarabas, ergriff den 
Gastwirt Kristianpoller ein ganz fremder, ihm vollig unbekannter 
Schrecken. Eine neue Bangnis erfullte sein Herz, das sich schon mit 
den heimischen, gewohnten Bangnissen vertraut gemacht hatte. Wer 
ist dieser Tarabas? fragte das Herz Kristianpollers. Wie ein schim- 
mernder Konig aus Stahl kommt er nach Koropta. Gefahrlich neue 
und eiserne Note bringt er nach Koropta. Andere Zeiten werden an- 
brechen und, Gott weift, welche neuen Gesetze! Erbarme Dich unser 
aller, Herr, und insbesondere Nathan Kristianpollers! 
Zwar wohnten schon seit zwei Wochen im Gasthof »Zum weiften Ad- 
ler« die Offiziere der neuen Armee des jungen Landes mit ihren Bur- 
schen. Zwar larmten sie jede Nacht im grofien, weiten Saal der Gast- 
stube unter dem braunen Gebalk der niedrigen, holzernen Decke und 
spater noch in ihren Zimmern. Kristianpoller aber hatte bald erkannt, 
daft sie nur aus harmlosem Ubermut wiiteten und tranken und daft sie 
eines Meisters und Gebieters harrten, der sie noch unbekannten, gewift 
aber gefahrlichen Zielen entgegenfuhren wiirde. Und gewift war Tara- 
bas dieser Gebieter. Infolgedessen lud Kristianpoller seine ganze Fami- 
lie, wie er es schon gewohnt war, in den groften Landauer, der im 
Schuppen des Gasthofs bereitstand, und schickte alle Teuern nach 
Kyrbitki. Er selbst blieb. Die zwei geraumigen Zimmer, zu denen eine 
kaum sichtbare Tiir hinter dem Schanktisch fiihrte und in denen er mit 
den Seinigen gewohnt hatte, verlieft er und schlug sich ein Lager aus 
Stroh auf dem Boden der Kiiche au£ Im weiten Hof, neben dem 
Schuppen, befand sich noch ein kleines Gebaude aus gelben Ziegeln, 
halb verfallen und zu keinen sichtlichen Zwecken erbaut, nur vorlaufi- 
gen und zufalligen dienlich. Dort lagerte allerlei Hausgerat, leere Fas- 
ser, Troge und Korbe, gespaltenes Holz fur den Winter und rundge- 
biindelte Kienspane, alte, ausgediente Samoware und was sich sonst 
Niitzliches und Nutzloses im Lauf der Zeit angesammelt hatte. 



518 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Nicht ohne ein gewisses Schaudern hatte Kristianpoller in seiner ersten 
Jugend dieses Gebaude betreten. Manche erzahlten namlich, vor un- 
denklichen Zeiten, als noch die ersten christlichen Missionare in dieses 
hartnackige heidnische Land gekommen waren, hatten sie an dieser 
Stelle, just in diesem Hofe, eine Kapelle errichtet. Diese Erzahlungen 
bewahrte der Jude Kristianpoller wohl in seiner Brust, er verriet sie 
nicht, denn er ahnte, dafi sie eine Wahrheit enthielten. Ware er iiber- 
zeugt gewesen, dafi es Marchen seien, so hatte er sich nicht gehiitet, 
ihrer vielleicht bei passenden Gelegenheiten zu erwahnen, statt seiner 
Frau oder seinen Kindern Schweigen zu gebieten, wenn eins von ihnen 
jemals auf die merkwiirdige Vergangenheit der Kammer zu sprechen 
kam. Man moge kein torichtes Marchen wiederholen, pflegte Kristian- 
poller zu sagen. 

Dem Stallknecht Fedja gab er jetzt den Auftrag, die »Kammer« zu 
reinigen und herzurichten. Er selbst ging in den Keller, wo die kleinen, 
rundlichen Schnapsfasser lagerten und die grofieren Weinfasser, die 
schon sehr alt waren und glucklicherweise sogar den Krieg und alle 
wechselnden Invasionen uberdauert hatten. Es war ein geraumiges 
Kellergewolbe, angelegt in zwei Stockwerken, mit steinernen Wanden, 
steinernem Boden und einer steilen Wendeltreppe. Hatte man deren 
letzte Stufe erreicht, so trat der Fufi auf eine grofie Platte, die man mit 
Hilfe eines grofien, eisernen Ringes ein wenig heben und dann mit 
einem schweren, eisernen Stab hochstemmen konnte. Den Ring hatte 
Kristianpoller aus der Ose gelost und verborgen, damit kein Unberu- 
fener etwa auf den Gedanken komme, dafi ein tieferes Stockwerk des 
Kellers vorhanden sei. Tief unten befand sich der alte, kostbare Wein. 
Schnaps und Bier lagen, jedermann erreichbar, in der oberen Abtei- 
lung. 

Die eiserne Stange wie den Ring holte nun Kristianpoller aus dem Ver- 
steck und schleppte sie in seine Schankstube. Er war ein ziemlich kraf- 
tiger Mann, wohlgerotet durch den Atem des Alkohols, der ihn seit 
seinen Kindertagen umwehte, waren sein Gesicht und sein Nacken, 
und kraftig spannten sich seine Muskeln dank der gewohnten Arbeit 
an den schweren Fassern und an den Fuhrwerken der bauerischen Ga- 
ste. Dem Dienst bei der Armee und also den unmittelbaren Gefahren 
des Krieges war Kristianpoller nur infolge eines geringen korperlichen 
Fehlers entgangen: ein zartes, weifies Hautchen verschleierte sein lin- 
kes Auge. Auf seinen entblofiten Unterarmen, unter den aufgerollten 



TARABAS 519 

Hemdsarmeln wucherten Walder von dichten, schwarzen Haaren. Der 
ganze Mann hatte etwas Furchtbares, und sein verschleiertes Auge 
machte sein braunbartiges Angesicht zuweilen sogar grimmig. Uner- 
schrocken war er von Natur. Dennoch wohnte jetzt die Angst in sei- 
nem Herzen. 

Allmahlich, im Laufe der Vorbereitungen, die er traf, gelang es ihm, 
sich ein wenig zu beruhigen und die Furcht vor dem unbekannten Ta- 
rabas zuriickzudrangen. Ja, er machte sich sogar langsam mit der Vor- 
stellung vertraut, dafi er der Grausamkeit des fremden, eisernen Man- 
nes zum Opfer fallen konnte. Und sollte es auch ein schreckliches 
Ende werden, dachte Kristianpoller, so sollte es auch ein mutiges sein. 
Und er betrachtete die eiserne Stange, die er aus dem Keller geholt 
hatte und die neben dem Schanktisch lehnte. Sie war ein wenig rostig 
von der Feuchtigkeit des Kellers. An altes Blut erinnerten ihre braunen 
Flecke. 

Die Mittagsstunde war da, und Kristianpoller begriifite die Offiziere, 
die bei ihm wohnten und die jetzt mit sehr viel Geklirr und lauten 
Rufen in die Gaststube traten. Er hafke sie. Seit nunmehr vier Jahren 
ertrug er mit lachelndem Angesicht, bald Zorn und bald Schrecken im 
Herzen, die verschiedenen Uniformen, das Scheppern der verschiede- 
nen Sabel, den dumpfen Aufschlag der Karabiner und Gewehre auf die 
holzernen Dielen dieser Gaststube, das Klirren der Sporen und den 
brutalen Tritt der Stiefel, das knarrende Lederzeug, an dem die Pisto- 
len hingen, und das Klappern der Menageschalen, die gegen die Feld- 
flaschen anschlugen. Der Wirt Kristianpoller hatte gehofft, nachdem 
der Krieg zu Ende gegangen war, endlich wieder eine andere Art von 
Gasten sehn zu konnen, Bauern aus den Dorfern, Handler aus den 
Stadten, scheue, schlaue Juden, die verbotenen Branntwein verkauften. 
Aber die kriegerische Mode horte offenbar in dieser Welt nicht mehr 
auf. Nun erfand man noch neue Monturen und allerneueste Abzei- 
chen. Kristianpoller kannte nicht einmal mehr die Chargen seiner Ga- 
ste. Er sagte zur Sicherheit einem jeden Herr Oberst. Und er war ent- 
schlossen, Tarabas mit dem Titel »Exzellenz« und »Herr General« zu 
begriifien. 

Er trat vor den Schanktisch, lachelte und verneigte sich unaufhorlich 
und wiinschte im stillen jedem Gast, ohne Ausnahme, einen qualvollen 
Tod. Sie fraften und tranken, aber sie zahlten nicht, seitdem dieses neue 
Land auferstanden war. Sie erhielten keine Gage und konnten demzu- 



$20 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

folge auch gar nicht zahlen. Verdachtig erschienen dem Juden Kri- 
stianpoller die Finanzen seines neuen Landes. Diese Herren warteten 
gewifi auf Tarabas, auf das neue Regiment. Sie sprachen unaufhorlich 
von ihm, und das feine und schlaue Ohr Kristianpollers lauschte flei- 
fiig, wahrend er die Gaste bediente. Es schien ihm alsbald, dafi sie vor 
Tarabas beinahe ebensoviel Angst hatten wie er selbst, ja vielleicht 
furchteten sie ihn noch mehr. Naheres iiber Tarabas zu fragen, wagte 
der Jude nicht. Gewifi hatten sie ihm Auskunft geben konnen. Alle 
kannten sie ihn schon. 

Auf einmal, wahrend sie noch afien, wurde die Tiir aufgestofien. Einer 
von Tarabas* Bewaffneten trat ein, schlug salutierend die Absatze zu- 
sammen und blieb an der Tiir stehn, eine furchterliche Bildsaule. Das 
ist Tarabas 5 Bote, sagte sich der Wirt. Bald kommt er selber. 
In der Tat horte man einen Augenblick spater die klirrenden Schritte 
von Soldaten. Durch die offene Tiir trat der Oberst Tarabas, gefolgt 
von seinen Getreuen. Die Tiir blieb offen. Alle Offiziere sprangen auf. 
Oberst Tarabas salutierte und gab ihnen ein Zeichen, sich wieder zu 
setzen. Zum Juden Kris tianp oiler wandte er sich, der die ganze Zeit 
gebiickt vor seiner Theke stand, und befahl ihm, Essen, Trinken und 
Lager fur zwolf Mann unverzuglich herzurichten. Er selbst werde hier 
wohnen, sagte Tarabas. Ein geraumiges Zimmer brauche er. Ein Bett 
vor der Tiir fur seinen Diener. Zwolf seiner Leute wolle er in der nach- 
sten Umgebung wissen. Piinktlichkeit, Sauberkeit und Gehorsam ver- 
lange er auch vom Wirt und dessen Personal, falls solches vorhanden. 
Und er schlofi mit dem Satz: »Wiederhole, Jude, was ich eben gesagt 
habe!« 

Wort fur Wort wiederholte nun Kristianpoller alle Wunsche des Ober- 
sten Tarabas. Ja, es war ihm ein leichtes, sie zu wiederholen. Eingegra- 
ben hatten sich die Worte Tarabas' in den Kopf Kristianpollers wie 
harte Nagel in Wachs. Fur ewige Zeiten steckten sie drin. Er wieder- 
holte Wort fur Wort, das Angesicht immer noch gegen den Fufiboden 
geneigt, den Blick auf die glanzenden Stiefelkappen Tarabas* gerichtet 
und auf den silbernen Saum, den der Schlamm an den Stiefelrandern 
zuriickgelassen hatte. Er konnte verlangen, dachte Kristianpoller, dafi 
ich den Rand seiner Stiefel mit der Zunge saubere. Wehe, wenn er es 
fordert. 

»Sieh mir ins Auge, Jude!« sagte Tarabas. Kristianpoller erhob sich. 
»Was hast du zu erwidern?« fragte Tarabas. 



TARABAS 521 

»Euer Hochwohlgeboren und Exzellenz«, antwortete Kristianpoller, 

»es ist alles bereit und in Ordnung. Ein grofies Zimmer steht Euer 

Hochwohlgeboren zur Verfugung. Eine geraumige Kammer ist fur 

Euer Hochwohlgeboren Begleiter bereit. Und vor dem Zimmer wollen 

wir ein Bett bereitstellen, ein bequemes Bett!« 

»Recht, recht«, sagte Tarabas. Und er befahl seinen Leuten, Essen aus 

der Kiiche zu holen. Und er setzte sich an einen freien Tisch. 

Es war ganz still im Schankzimmer geworden. Die Offiziere ruhrten 

sich nicht mehr. Sie sprachen nicht mehr. Ihre Gabeln und Loffel lagen 

unbeweglich neben den Tellern. 

»Guten Appetit!« rief Tarabas, zog sein Messer aus dem Stiefel und 

betrachtete es sorgfaltig. Er leckte seinen Daumen ab und fuhr mit dem 

nassen Finger sachte iiber die Schneide. 

Der Jude Kristianpoller nahte mit dampfender Schussel in der Rech- 

ten, Loffel und Gabel in der Linken. Erbsen und Sauerkraut brachte 

er, dazwischen eine rosa leuchtende Schweinsrippe. Zarter, grauer 

Dunstschleier lag iiber dem Ganzen. 

Nachdem Kristianpoller die Schussel niedergesetzt hatte, verneigte er 

sich und schritt riicklings gegen den Schanktisch. 

Von hier aus beobachtete er unter halbgeschlossenen Lidern den au- 

fierst gesunden Appetit des gefahrlichen Tarabas. Er wagte nicht, ohne 

besondere Aufforderung der Stimme seines Herzens zu gehorchen, die 

ihm da zuflusterte, er mochte dem gewaltigen Manne Alkohol anbie- 

ten. Vielmehr wartete er auf einen Befehl. 

»Trinken!« rief endlich der furchterliche Tarabas. 

Kristianpoller verschwand und erschien einen Augenblick spater mit 

drei grofien Flaschen auf einer soliden, holzernen Platte: Wein, Bier 

und Schnaps. 

Er stellte die drei Flaschen sowie drei verschiedene Glaser vor den 

Obersten Tarabas, verbeugte sich tief und zog sich zuriick. Tarabas 

priifte zuerst die Flaschen, indem er jede einzelne nacheinander hob 

und in der Luft betrachtete, wie um sie mit Hand und Blick zu wagen, 

und entschlofi sich hierauf fur den Branntwein. Er trank, wie es die 

Gewohnheit aller Schnapstrinker ist, ein Glaschen auf einen Zug und 

schenkte sich ein neues ein. Vollkommene Stille herrschte in der Wirts- 

stube. Die Offiziere safien steif vor ihren Tellern, Bestecken und Gla- 

sern und schielten zu Tarabas himiber. Kristianpoller stand reglos, mit 

gesenktem Kopf vor seiner Theke, in harrender Dienstfertigkeit, jeden 



522 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Moment bereit, auf einen Wink, ja auf ein Zucken der Augenbrauen 
des Obersten Tarabas herbeizueilen. So stand Kristianpoller da, lau- 
schend und lauernd auf die Wiinsche des Kriegsgottes von Koropta, 
die sich in des sen Innerem langsam oder, wer weifi, auch plotzlich 
bilden mochten. Man horte deutlich das gurgelnde Rinnen des Brannt- 
weins, wenn der Oberst ein neues Glaschen fullte; und hierauf die 
anerkennenden Worte des Furchtbaren: »Ein guter Schnaps, mein lie- 
ber Jude!« - ein Satz, den Tarabas immer haufiger und mit immer lau- 
terer Stimme wiederholte. Schliefilich, nachdem der Oberst sechs 
Glaschen getrunken hatte, schien es dem jiingsten der anwesenden Of- 
fiziere, dem Leutnant Kulin, an der Zeit, die allgemeine, von Respekt 
und Furcht geladene Stille zu unterbrechen. Er erhob sich, ein gefulltes 
Glas Branntwein in der Hand, und naherte sich dem Tisch des Ober- 
sten. Die Hand des Leutnants Kulin zitterte nicht, aus dem bis zum 
Rande gefullten Glas fiel kein Tropfen, als er in soldatischer Haltung 
vor Tarabas stehenblieb. »Wir trinken auf das Wohl unseres ersten 
Obersten !« sagte der Leutnant Kulin. Alle Offiziere erhoben sich. 
Auch Tarabas stand auf. »Es lebe die neue Armee!« sagte Tarabas. »Es 
lebe die neue Armee!« wiederholten alle. Und mitten in das Geklirr 
der aneinanderstofienden Glaser brach, ein etwas verspatetes und 
schuchternes Echo, die Stimme des Juden Kristianpoller: »Es lebe un- 
sere neue Armee!« 

Sofort nachdem er diese Worte ausgestofien hatte, erschrak Nathan 
Kristianpoller gewaltig. Und er eilte hinter die Theke, schlug die 
kleine, holzerne Tiir auf, die in den Hof ging, rief nach dem Haus- 
knecht Fedja und befahl ihm, zwei Fafkhen Branntwein aus dem Kel- 
ler zu holen. Indessen hub drinnen in der Stube eine allgemeine Ver- 
bruderung an. Einzeln zuerst, hierauf in kleinen Gruppen, verliefien 
die Manner ihre Sitze, naherten sich, immer mutiger und vertraulicher, 
dem Obersten Tarabas und leerten ihre Glaser auf sein Wohl. Tarabas 
fiihlte sich immer wohler und heimischer. Mehr noch als der Schnaps 
warmte ihn die untertanige Freundschaft der Offiziere, Eitelkeit 
warmte sein Herz. »Du, mein Freund«, sagte er bald wahllos dem und 
jenem. Alsbald riickten sie auch die Tische zusammen. Keuchend und 
die Stirnen schweiflbedeckt, kamen Kristianpoller und der Hausknecht 
Fedja mit den Schnapsfassern. Eine Weile spater rann der wasserklare 
Branntwein in die geraumigen, funkelnden Weinglaser, sechsunddrei- 
fiig an der Zahl, die auf dem Schanktisch warteten. Sobald eines gefiillt 



TARABAS 523 

war, wurde es von Hand zu Hand gereicht wie Wassereimer bei einem 
Brand. Dann, als galte es, ein Feuer zu loschen, stellten sich die Offi- 
ziere in einer Kette auf, von der Theke Kristianpollers bis zum Tisch, 
an dem der furchtbare Tarabas saft, und reichten einander die gefullten 
Glaser. So reichten sie einander ein voiles Glas nach dem andern wei- 
ter,* und ordentliche Glaser waren es. 

Auf einen Wink des Majors Kulubeitis erhoben alle gleichzeitig die 
Glaser, brullten ein unheimliches »Hurra«, das den Juden Kristianpol- 
ler vollends verzagt machte, den Knecht Fedja aber dermafien erfreute, 
daft er uberraschend aus vollem Herzen zu lachen anfing. Er mufite 
sich biicken, so schuttelte ihn sein eigenes Gelachter. Dabei schlug er 
mit seinen schweren Handen auf seine vollen Schenkel. Anstatt daft 
dieses torichte Gelachter die Herren beleidigt hatte, wie Kristianpoller 
bereits zu befiirchten begann, steckte es im Gegenteil auch die gutge- 
launten Offiziere an, und alle Welt lachte nun, stiefi mit den Glasern 
an, prustete, schuttelte sich, briillte und hustete. Alle waren sie plotz- 
lich von einer unerbittlichen Frohlichkeit unterjocht worden, preisge- 
geben und ausgeliefert waren sie ihrem eigenen Gelachter. J a, Tarabas 
selbst, der Gewaltige, winkte unter dem unaufhorlichen Jubel aller den 
lachenden Fedja heran und befahl ihm zu tanzen. Und damit die Musik 
nicht fehle, liefi Tarabas einen der Seinen hereinrufen, einen gewissen 
Kalejczuk, der vortrefflich die Ziehharmonika zu handhaben verstand. 
Dieser begann aufzuspielen, sein Instrument in beiden Handen vor der 
gereckten Brust. Er spielte den weitbekannten Kosakentanz, denn er 
hatte sofort erkannt, daft der Knecht Fedja sein Landsmann war. Und 
sofort - gleichsam Herz und Fiifie getroffen von den Klangen der 
Ziehharmonika - begann Fedja zu tanzen. Die Kette, welche die Offi- 
ziere bis jetzt gebildet hatten, rundete sich zu einem Ring, in dessen 
Mitte Fedja herumhupfte und Kalejczuk die Ziehharmonika bearbei- 
tete. Freiwillig, ja gluckselig zuerst hatte Fedja zu tanzen begonnen. 
Allmahlich aber, unter der Gewalt der Musik, die ihn befehligte und 
der er sich in suftem und zugleich qualvollem Gehorsam fugte, er- 
starrte sein lachelndes Gesicht, und sein offener Mund konnte sich 
nicht mehr schlieften. Zwischen seinen gelben Zahnen zeigte sich von 
Zeit zu Zeit die lechzende Zunge, als galte es, die Luft zu lecken, an der 
es den Lungen fehlte. Er drehte sich um die eigene Achse, Heft sich 
hierauf fallen und wirbelte hockend in den Knien im Kreise herum, 
erhob sich wieder, um einen Luftsprung zu vollfuhren: alles, wie es die 



524 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Gesetze des Kosakentanzes vorschrieben. Man sah ihm an, daft er 
gerne innegehalten hatte. Zuweilen schien es, daft den Tanzer alle 
Krafte zu verlassen drohten, ja, daft sie ihn schon verlassen hatten und 
daft er nur noch getrieben und belebt ward von den wehklagenden und 
feurigen Klangen des Instruments und von den rhythmischen, klat- 
schenden Schlagen, welche die rundum als Wachter des Tanzes aufge- 
stellten Offiziere mit ihren Handen vollfiihrten. Auch den Musikanten 
Kalejczuk ergriff alsbald die Lust, sich zu bewegen. Die Musik, die er 
machte, iiberwaltigte ihn selbst so, daft er sich, die riihrigen Finger 
immer noch unablassig in den Klappen der Ziehharmonika, plotzlich 
zu drehen begann, zu hiipfen, sich in die Knie fallen zu lassen und dem 
unermiidlichen Fedja entgegenzutanzen. Schlieftlich sprangen auch 
einige Offiziere aus dem Kreis, tanzten, so gut sie konnten, mit den 
beiden um die Wette, und die iibrigen, die noch dastanden, stampften 
zum Takt mit den Stiefeln und horten nicht auf, in die Hande zu klat- 
schen. Ein ungeheuerlicher Larm erhob sich. Es drohnten die Stiefel 
auf dem Boden, die Fensterscheiben schepperten, die Sporen klirrten 
und die noch leeren Glaser, die nebeneinander auf dem blechernen 
Schanktisch standen und auf neue Trinker zu warten schienen. Der 
Jude Kristianpoller wagte nicht, den Platz zu verlassen, auf dem er 
stehengeblieben war. Merkwiirdigerweise beruhigte ihn dieser ganze 
Larm in der gleichen Weise, wie er ihn erschreckte. Er furchtete, man 
wiirde auch ihn im nachsten Augenblick tanzen lassen, wie Fedja, den 
Knecht. Haft war in seinem Herzen und Bangnis. Zugleich wiinschte 
er, diese Leute mochten noch mehr trinken, obwohl sie ja, wie er be- 
reits wuftte, kein Geld hatten, zu bezahlen. Reglos stand er neben sei- 
ner Theke da, ein Fremder in seinem eigenen Hause. Und er wufite 
nicht, was er da zu tun hatte. Und er wollte seinen Schanktisch verlas- 
sen - und er wuftte auch, daft es unmoglich sei. Ratios, armselig und 
geschaftig, trotz seiner Unbeweglichkeit, stand er da, der Jude Kri- 
stianpoller. 

Nun, der goldige Herbsttag ging indessen zu Ende. Und den drei gro- 
fien Fenstern gegeniiber, auf den Schragen, an denen die gebraunten, 
fettigen Ledergiirtel hingen und die blitzenden Sabel, spiegelte sich die 
rotlich untergehende Sonne des Herbstes. Auf sie richtete der Jude 
Nathan Kristianpoller seinen Blick. Ein Zeichen schien es ihm, daft der 
alte Gott noch bestehe. Er wuftte, der Jude, daft die Sonne im Westen 
unterging und daft sie jeden wolkenlosen Tag auf diesen Schragen fiel: 



TARABAS 525 

Dennoch schopfte er in diesem Augenblick Trost aus langst vertrau- 
tem und selbstverstandlichem Tatbestand. Mochte Tarabas, der Fiirch- 
terliche, auch gekommen sein. Die Sonne Gottes ging noch unter, wie 
jeden Tag zuvor. Es war die Zeit gekommen, das Abendgebet zu sa- 
gen, das Antlitz gegen Osten gewendet, das heifk eben gegen den 
Schragen, den Kris tianpo Her jetzt betrachtete. Wie konnte er beten? 
Immer noch verstarkte sich der Larm. Alle Schrecken des Kriegs und 
der bisherigen verschiedenen Besatzungen erschienen Kristianpoller in 
diesem Augenblick harmlos, verglichen mit dem eigentlich ganz unge- 
fahrlichen Gestampf und Gebriill der Manner um Tarabas. Dieser safi 
iibrigens, als der einzige, an seinem Tisch. Er lehnte sich weit zuriick, 
fast lag er mehr, als er safi, die Beine in den prallen Hosen auseinander- 
gespreizt, die Ftifie in den funkelnden Stiefeln weit vor sich hinge- 
streckt. Von Zeit zu Zeit fiihlte er sich bewogen, in die Hande zu 
klatschen, wie die andern es unaufhorlich taten. Nun stand schon ein 
gutes Dutzend geleerter Glaschen auf seinem Tisch - und immer noch 
gesellte sich ein neues, gefiilltes dazu, dargebracht wie ein Opfer von 
den fursorglichen Handen der im Rund aufgestellten Offiziere. Aufier 
Tarabas trank seit einer halben Stunde kein anderer mehr. Von seinem 
Platz an der Theke aus konnte der Jude Kristianpoller merken, wann 
es an der Zeit sei, ein neues Glaschen zu fiillen. Eigentlich starrte er die 
ganze Zeit nur noch auf den Tisch des Obersten Tarabas, und weder 
der Larm, der ihn fast betaubte, noch der vielfaltige Kummer, der ihn 
erfullte, konnte ihn von der im Augenblick allerwichtigsten Sorge ab- 
lenken: ob der Fiirchterliche noch mehr zu trinken wiinsche. Aus der 
Flasche, die Kristianpoller vorher auf den Tisch gestellt hatte, schiittete 
Tarabas nichts mehr nach. Offenbar gefiel es ihm besser, wenn ihn die 
Offiziere bedienten. Nunmehr fing er an, wie Kristianpoller zu bemer- 
ken glaubte, der Mudigkeit anheimzufallen. Er mochte, nach der ober- 
flachlichen Schatzung des Wirtes, bereits das sechzehnte Glas geleert 
haben. Er gahnte, der Grofie; Kristianpoller sah es ganz deutlich. Und 
diese unzweifelhafte AuEerung einer allgemeinen menschlichen 
Schwache beruhigte den Juden. 

Indessen verschwand der abendliche Widerschein der Sonne sehr 
schnell aus der Gasthausstube. Es wurde dunkel, auf einmal fast. 
Plotzlich horte man einen schweren Fall. Fedja lag da, auf dem Riik- 
ken, die Arme ausgestreckt, und die Ziehharmonika brach ab, als hatte 
sie jemand in der Mine entzweigeschnitten. »Wasser!« rief einer. Kri- 



526 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

stianpoller stiirzte mit dem Eimer herbei, der immer hinter der Theke 
bereitstand, und gofi einen schweren, kalten Schwall auf Fedjas Ange- 
sicht. Ringsum beobachtete man genau, mit mehr Eifer als Schrecken, 
wie Fedja aus der Ohnmacht erwachte, prustete und sofort nach seiner 
Riickkehr ins Leben, liegend noch, ein schallendes Gelachter be- 
gann . . . ahnlich, wie ein Neugeborenes das Licht der Welt mit jam- 
merlichem Weinen begriifit. Es war inzwischen vollig dunkel gewor- 
den. »Macht Licht!« rief Tarabas und erhob sich. Kristianpoller ent- 
ziindete zuerst die Laterne, die stets auf dem Schanktisch stand, und an 
ihr, wie er es immer gewohnt war, mit Hilfe eines zusammengerollten 
Papierchens die Petroleumlampe. Das gelbliche, fettige Licht fiel ge- 
rade auf Fedja, der sich lachend erhob. Er prustete, schnaufte, Wasser 
rann von seinem Kopf und von seinen Schultern. Alle anderen schwie- 
gen. Keiner rtihrte sich. »Zahlen!« rief plotzlich Tarabas. Wie lange 
schon hatte der Jude Kristianpoller diesen Ruf nicht mehr gehort! Wer 
hatte »Zahlen!« gerufen? 

»Euer Hochwohlgeboren, Euer Exzellenz, Herr General«, sagte Kri- 
stianpoller, »ich bitte um Vergebung, ich habe nicht gezahlt . . .« »Von 
morgen an wirst du zahlen!« sagte Tarabas. »Ich schlage einen Spazier- 
gang vor, meine Herren.« 

Und alle giirteten sich hastig. Mit Geklirr und Gepolter gingen sie 
hinaus, in die Nacht des kleinen Stadtchens Koropta, in einem Rudel 
hinter Tarabas, der Kaserne entgegen, um zu sehen, wie sich die Mann- 
schaft des neuen Regiments in der Finsternis betrage. 



XI 

In den folgenden Tagen fiihlte sich Oberst Tarabas, der furchtbare K6- 
nig von Koropta, nicht mehr heimisch in seinem Reich. Erwachte er 
des Morgens in dem breiten und gefalligen Bett, das ihm der Gastwirt 
Kristianpoller bereitet hatte, so wufke der Konig Tarabas nicht mehr, 
was sich gestern alles zugetragen hatte. Und die Erwartung der Dinge, 
die sich heute noch ereignen sollten, verwirrte ihn noch mehr. Denn 
wahrhaft verwirrend waren die Ereignisse, die sich in diesen Tagen 
rings um den Obersten hauften, teuflische Ereignisse. Teuflische Pa- 
piere brachten die haufigen Kuriere, die herbeikamen aus der Haupt- 
stadt, zu Fufi, in Wagen, beritten und in alten Militarautomobilen. Es 



TARABAS 527 

war fur Tarabas kein Zweifel, dafi in diesem seinem neuen Vaterland 
ein papierener Teufel regierte. Unter seinem Befehl safien tausend wii- 
tige Schreiber in der neuen Hauptstadt und sannen auf listige Plane, 
Tarabas zu verderben. Rothaarige Schreiber waren es, rothaarige Juden 
vielleicht. Der Bursche mufite den Obersten am Morgen ankleiden, 
rasieren und biirsten. Er muflte ihm die schweren, engen Stiefel anpas- 
sen, neben dem Herrn vor dem Bett niederknien, Kopf und Oberkor- 
per zwischen den gespreizten Beinen des Obersten bald vorstrecken 
und bald zuriickziehen, die starken, braunen Fauste abwechselnd an 
den Schaften und Zuglappen des rechten und an denen des linken Stie- 
fels, hierauf geduckt vorkriechen und kraftig gegen Fersen und Sohlen 
klopfen, damit der Fuft Tarabas' endlich bequem in seine Behausung 
gelange. Denn es war, als ob sich der ganze Widerwille Tarabas' gegen 
den neuen Tag, der sich da drohend vor dem Fenster erhob, in den 
widerspenstigen Fiifien gesammelt hatte. Um sie an die Erde wieder zu 
gewohnen, stampfte er ein paarmal drohnend auf den Boden, reckte 
dabei die Arme hoch, gahnte, mit einem langgezogenen, hohlen Schrei, 
und liefi sich den Riemen mit Dolch und Pistole umgurten. Es sah aus, 
als wiirde ein konigliches Roft angeschirrt. Das war der Augenblick, in 
dem der Jude Kristianpoller, der seit dem ersten Morgengrauen hinter 
der Tiir gelauscht hatte, auf lautlosen Pantoffeln in die Schenke eilte, 
den Tee zu bereiten. Kam dann der Oberst in die Schankstube, so rief 
Kristianpoller ein lautes »Guten Morgen !«, das wie bestimmt war, eine 
ganze Stadt zu begriifien. Es war, als schallte die ganze grofie Freude 
des Juden, seinen erhabenen Gast endlich wiederzusehn, in diesem 
Grufi. »Guten Morgen, Jude!« erwiderte der Furchtbare. Es war ihm 
angenehm, der larmende Grufi Kristianpollers weckte ihn erst eigent- 
lich, bestatigte ihm auch, daft er noch machtiger war als der anbre- 
chende Tag; mochte der noch viele neue Papiere bringen. Gierig, mit 
gewaltigen Schlucken trank er den gluhenden Tee, erhob sich, griiftte 
und rasselte in die Kaserne. Alle, die ihm unterwegs begegneten, wi- 
chen ihm aus und verbeugten sich tief. Er aber sah niemanden an. 
Neues Ungluck erwartete ihn in der Kanzlei. Er war ein gebildeter 
Mensch, Akademiker sogar. Einmal, vor Jahren, hatte er ganz verteu- 
felte Formeln begriffen, Priifungen bestanden. Ach, kein schlechtes 
Kopfchen war der Tarabas gewesen! Heute hatte er zwei Hauptleute 
zu Hilfe genommen; vier Schreiber, befehligt von einem kundigen Un- 
teroffizier, saften da und schrieben (auch sie wie Teufel). Alle zusam- 



528 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

men verwickelten noch mehr die unzahligen Erlasse, die aus der 
Hauptstadt kamen, verwickelten die Anfragen, losten keines der vie- 
len Ratsel, verdichteten den Nebel, der sich aus den Papieren zu er- 
heben schien, traten vor Tarabas mit verwirrenden Berichten, f rag- 
ten ihn, ob sie dies und jenes zu tun hatten, und sagte er ihnen, sie 
mochten ihn in Ruhe lassen, so verschwanden sie wie Gespenster, 
vom Erdboden verschluckt, und liefien ihn allein mit der Qual der 
Verantwortung! Ach, er sehnte sich nach dem Kriege, der gewaltige 
Tarabas! Die wahllos Zusammengelaufenen, aus denen sich sein 
neues Regiment zusammensetzte, waren nicht seine alten Soldaten. 
Aus Hunger waren sie zu Tarabas gekommen, aus keinem andern 
Grunde. Jeden Tag meldete man ihm Desertionen. Jeden Tag, wenn 
er den Exerzierplatz besuchte, bemerkte er neue Liicken in den ein- 
zelnen Ziigen. Man exerzierte faul und schlafrig. Ja, einige seiner 
Offiziere hatten nicht einmal eine Ahnung von Kompanieexerzieren. 
Welch Greuel fiir einen Tarabas! Nur auf seine wenigen Getreuen, 
die er hierher nach Koropta mitgebracht hatte, konnte er sich noch 
verlassen. Die andern ftirchteten ihn zwar noch; aber schon fiihlte 
er, dafi diese Furcht auch den Verrat gebaren konnte und den Meu- 
chelmord. Gehorchte man noch seinen Befehlen? - Man nahm sie 
nur ohne Widerspruch entgegen. Auflehnung ware ihm genehmer 
gewesen. 

Und Tarabas erinnerte sich an den unseligen Sonntag, an dem der 
rote Fremdling zum erstenmal vor ihm erschienen war und mit dem 
das groEe Unheil angefangen hatte. Zeitweilig erfiillte ihn ein grim- 
miger Haft gegen seine Untergebenen, wie er ihn niemals gegen den 
Feind gekannt hatte. Und er erhob sich am Abend, wenn er sicher 
war, dafi sie alle, seine Feinde, schon lange schliefen, vom friedli- 
chen Tisch des Gasthofs, verliefi ohne Grufi die Gesellschaft der ze- 
chenden Kameraden und eilte, Rachedurst im Herzen, mit grofien 
Schritten in die Kaserne. Er visitierte die Wachen, lieft die Zimmer 
offnen, rift die Decken von den nackten Leibern der Schlafenden, 
durchsuchte Lager und Strohsacke, Rucksacke und Biindel, Taschen 
und Kissen, kontrollierte das Klosett, drohte, den und jenen zu er- 
schieEen, fragte nach den Militarpassen, den Papieren, den Schlach- 
ten, die der und jener mitgemacht hatte, wurde plotzlich geriihrt, 
war nahe daran, sich zu entschuldigen, dann von neuem Grimm ge- 
gen sich selbst erfiillt, hierauf von Wehmut und Mitleid. Tief be- 



TARABAS 529 

schamt, aber die Scham geborgen hinter klirrender Furchtbarkeit, 
stampfte er von dannen (und wie gerne hatte er seinen Schritt kudos 
gemacht), zuriick in den Gasthof. 

Noch hatte er keine Lohnung fur seine Mannschaft bekommen, keine 
Gage fiir sich und seine Offiziere. Seine Getreuen stahlen und raubten, 
was sie brauchten, wie sie gewohnt waren, in Hausern und Gehoften. 
Der Bevolkerung hatte er, der Sitten eingedenk, die in eroberten Ge- 
bieten galten, befohlen, vorlaufig jeden Nachmittag dem Regiment Le- 
bensmittel zu liefern. Piinktlich jeden Nachmittag um vier Uhr stan- 
den die Einwohner von Koropta mit Korben und Biindeln im Hof der 
Kaserne. Sie bekamen fiir Fleisch, Eier, Butter und Kase sogenannte 
Quittungen, winzige Zettelchen. Uberreste und Fetzen aus altem ver- 
gilbtem Kanzleipapier, beschrieben von der ungelenken Hand des 
Feldwebels Konzew, gezeichnet von Tarabas mit einem kraftvollen T. 
Einmal sollten, nach Tarabas 5 Kundgebung, die drei seiner Manner un- 
ter heftigem Trommeln in Koropta verlautbart hatten, diese Quittun- 
gen eingelost und bezahlt werden. Man traute den Trommlern nicht. 
Wie oft schon im Verlauf dieses Krieges hatten die Menschen von Ko- 
ropta Trommler vernommen ! Aber furchtsam wie bisher brachten sie 
in die Kaserne, was sie an entbehrlicher Nahrung besafien oder gekauft 
hatten - und auch die Armsten trugen noch eine Kleinigkeit herbei, ein 
Topfchen Schmalz, eine Schnitte Brot, Kartoffeln, Zuckerriiben, Ret- 
tich und gebratene Apfel. 

Die unersattlichen Offiziere verpflegte der Jude Kristianpoller. Der 
alte, hilfreiche und grausame Gott schenkte dem Juden Kristianpoller 
an jedem neuen Tag ein neues Geschenk. Aus dem Dorfchen Hupki 
kam der gute Schwager Leib mit einem halben Ochsen. Und am nach- 
sten Tage erschien unerwartet der Schinder Kuropkin, der ein gestoh- 
lenes Schwein gegen einen Liter Schnaps umzutauschen gehofft hatte. 
Nicht vergeblich war seine Hoffnung gewesen. Zwei Liter gab ihm 
Kristianpoller. Dafiir schlachtete Kuropkin eigenhandig das Schwein 
und briet es im Hof im offenen Feuer. Mit Geld hatte bis jetzt nur der 
furchtbare Tarabas bezahlt. Von den anderen hatte Kristianpoller nicht 
einmal Quittungen erhalten. Aber was bedeutete auch das neue, in der 
Hast hergestellte Papiergeld, das der neue Staat auslieferte? Wurde es 
noch zu Lebzeiten Kristianpollers in bares Gold umgetauscht werden? 
Bares Gold, fiinf meterhohe Rollen aus goldenen Zehn-Rubel-Stiik- 
ken, bewahrte Kristianpoller im zweiten Stockwerk seines Kellers auf. 



530 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schon bereitete er sich auf den Tag vor, an dem er, die Gefrafiigkeit 
seiner verhafiten Gaste zu befriedigen, in den Keller steigen wiirde, um 
etwas von einer der Rollen abzuheben. Aber er betete, dieser Tag 
mochte noch sehr feme liegen. 

Schon hatte Tarabas Botschaft nach der Hauptstadt geschickt, es fehle 
an Geld und er konne, wenn es ausbliebe, Meuterei und Unruhe er- 
warten. An einem der nachsten Tage erschien ein eleganter Leutnant in 
der neuen Uniform des Landes in Koropta, just zu einer Zeit, in der 
Oberst Tarabas bereits in der Gesellschaft der Kameraden trank. Der 
Leutnant meldete, daE am nachsten Tage die Exzellenz, der General 
Lakubeit, die Garnison inspizieren werde. Tarabas erhob sich. »Bringt 
er Geld, der General ?« fragte er. »Gewifi!« sagte der Leutnant. »Setz 
dich und trink!« befahl Tarabas. 

Der Leutnant setzte sich gehorsam. Er trank sehr wenig. Er war der 
Adjutant eines niichternen Generals. 



XII 

Am nachsten Morgen traf der General Lakubeit ein. Tarabas erwartete 
ihn am Bahnhof. Der Anblick des Generals, eines schwachlichen, klei- 
nen Mannes, iiberraschte den Obersten Tarabas; ja, er fiihlte sich 
durch die Winzigkeit des Generals uberrumpelt. Es war ihm, als ver- 
hiefie der schwache Korper der Exzellenz seinem eigenen, sehr krafti- 
gen wenig Gutes. Vom Trittbrett schon reichte ihm der General die 
Hand. Aber es war, als suchte die Exzellenz eher sich auf Tarabas* 
machtige Hand beim Absteigen zu stiitzen, als sie zur Begriifiung zu 
driicken. Das diirre, zerbrechliche Handchen des Generals fiihlte Ta- 
rabas einen Augenblick in seiner machtigen Faust wie einen kleinen, 
warmen, hilflosen Vogel. Der Oberst Tarabas war geriistet, einen Ge- 
neral zu empfangen, wie er deren viele kannte: zumeist machtige und 
mannliche Erscheinungen, bartige, zumindest schnurrbartige Herren, 
mit geradeaus gerichtetem, soldatischem Blick, mit harten Handen und 
festen Schritten. Solch einem General zu begegnen, war Tarabas gerii- 
stet gewesen. Lakubeit aber war bestimmt einer der sonderbarsten Ge- 
nerate der Welt. Sein glattrasiertes, gelbes, verkniffenes Gesichtchen 
wuchs, irgendeiner fremden, alten, verrunzelten Frucht ahnlich, aus 
dem hohen, breiten, blutroten Kragen und barg sich im Schatten des 



TARABAS 531 

riesigen, schwarzen Daches, mit dem die graue, goldbetrefite Miitze 
eigens zu dem Zweck versehen zu sein schien, um das alte Kopfchen 
vor weiterer Verwelkung zu schiitzen. Die diinnen Beine Lakubeits 
versanken in den hohen Stiefeln, die gewohnlichen Bauernstiefeln gli- 
chen und nicht mit Sporen versehen waren. Ein lockeres Jackchen um- 
flatterte die diirren Rippen der Exzellenz. Eine Vogelscheuche war es 
eher, kein General . . . 

Ein so kummerliches Aussehn hielt Tarabas fur eine besondere Tiicke. 
Er liebte seinesgleichen. Er liebte seine Ebenbilder. Sehr tief, geborgen 
auf dem Grunde seines Herzens, ruhte schlafend noch, aber von Zeit 
zu Zeit aus dem Schlaf murmelnd und mahnend, die Ahnung, dafi der 
gewaltige Tarabas einmal eine entscheidende, eine schicksalhafte Be- 
gegnung haben werde mit einer der vielen schwachlichen Personchen, 
die sich auf dieser Erde herumtrieben, uberfliissig und listig und zu 
nichts Rechtem zu gebrauchen. Als er an die Seite des Generals trat, 
um ihn zum Ausgang zu geleiten, bemerkte er, dafi Lakubeit ihm bis 
zur Hohe des Ellbogens reichte, und aus Hoflichkeit und Disziplin sah 
sich der Oberst Tarabas gezwungen, sich kleiner zu machen, so gut es 
ging, den Riicken zu beugen, den langen Schritt zu verkiirzen, die 
Stimme zu damp fen. Seine Sporen klirrten. Lautlos aber waren die 
Stiefel des Generals. »Mein Lieber!« sagte der General mit ganz leiser 
Stimme. Tarabas beugte den Riicken noch tiefer, um genau zu horen. 
»Mein Lieber«, sagte der General Lakubeit, »ich danke Ihnen fur den 
Empfang. Ich weifi viel von Ihnen. Ich kenne Sie schon lange, dem 
Namen nach. Ich freue mich, Sie zu serin !« - Sprach so ein General? - 
Tarabas wufke nichts Rechtes zu erwidern. 

Unterwegs, als sie im Wagen safien - es war der Wagen Kristianpollers, 
und einer der Manner Tarabas' lenkte ihn-, sprach der General Laku- 
beit gar nicht. Zusammengeschrumpft, ein winziges Kind, safi er neben 
Tarabas und lieft seine blanken, dunklen Auglein flink uber die Land- 
schaft gleiten. Man sah es, wenn er die grofie, goldbetrelke Miitze ab- 
nahm (was er ein paarmal wahrend der Fahrt tat, obwohl es gar nicht 
heifi war). Ein paarmal versuchte auch Tarabas, ein Gesprach anzufan- 
gen. Sobald er aber zu einem Wort ansetzte, war es ihm, als sei der 
General Lakubeit viele Meilen von ihm entfernt. Schlimme Ahnungen 
durphzogen das Herz des gewaltigen Tarabas, dunkle Ahnungen! Als 
sie in das Stadtchen kamen und links und rechts auf den holzernen 
Biirgersteigen die Einwohner von Koropta in gewohnter Unterwiirfig- 



532 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

keit griifken, begann der General Lakubeit, nach alien Seiten hin zu 
lacheln und die Griifie zu erwidern, den kahlen, gelblichen Schadel 
entblofit, die Miitze auf den Knien. Die schmalen Lippen offneten sich 
und zeigten einen zahnlosen Mund. Nun war Tarabas seiner Sache 
sicher: Der oberste der gefahrlichen papierenen Teufel war dieser La- 
kubeit. 

Sie hielten vor dem Gasthof Kristianpollers, und der General sprang 
hurtig ab, ohne sich um Tarabas zu kiimmern. Dem Gastwirt nickte er 
freundlich zu, die Miitze setzte er sich eiligst aufs Kopfchen und 
sprang geradezu in das Innere des Gasthof s. Er bestellte einen Tee und 
ein hartes Ei. Und Tarabas riihrte den Schnaps nicht an, den Kristian- 
poller wie gewohnlich, ohne zu fragen, vor den Obersten hingestellt 
hatte. Der General klopfte das Ei sachte gegen den Rand der Unter- 
tasse, wahrend der elegante Leutnant, sein Adjutant, eintrat und sich 
vor dem Tisch aufpflanzte. »Setzen Sie sich«, murmelte der General 
und schalte mit durrem Zeigefinger das Ei blofi. 
Nachdem er also in vollkommener Stille das Ei gegessen und den Tee 
getrunken hatte, sagte der General Lakubeit: »Jetzt wollen wir uns das 
Regiment ansehn!« Gewifi, der Oberst Tarabas hatte alles vorbereitet. 
Seit dem friihen Morgen wartete das Regiment vor der Kaserne auf den 
General. Auch in den Mannschaftsstuben war alles in bester Ordnung. 
Dennoch sagte der Oberst Tarabas: »Ich kann nicht fur alles garantie- 
ren. Ich hatte keine Lohnung, keine Uniformen, nicht einmal die Ka- 
serne war brauchbar, als ich ankam. Auch kann ich nicht fur jeden 
Mann des Regiments die Verantwortung ubernehmen. Viele sind de- 
sertiert. Es ist viel Gesindel dabei.« 
»Trinken Sie zuerst Ihren Schnaps «, sagte der General. 
Tarabas trank. 

»Und Sie auch!« sagte der General zum Leutnant. 
»Zwei Kisten mit Geld kommen heute nach«, sagte dann der General. 
»Somit diirften die Hauptschwierigkeiten behoben sein. Es ist Geld fur 
zwei Monatsgagen und Lohnung fur sechs Dekaden. Ferner ist noch 
da ein Uberschuft fur Bier und Schnaps. Die gute Laune ist das wich- 
tigste. Das wissen Sie, Oberst Tarabas. « 
Ja, der Oberst wufite es. 

Schweigsam bestiegen sie den Wagen und rollten in die Kaserne. 
Mit hastigen, kleinen Schritten trippelte der General Lakubeit an den 
Reihen des aufgestellten Regiments vorbei. Er nahm oft, wie es seine 



TARABAS 533 

Gewohnheit zu sein schien, die Miitze ab. So, barhaupt, mit seinem 
nackten Schadelchen, reichte er gerade bis zu den Kolben der geschul- 
terten Gewehre, und man mufite annehmen, daft seine flinken Auglein 
lediglich die Koppeln und das Stiefelzeug der Manner zu mustern im- 
stande waren. Die Leute vollzogen die iiblichen Kopfwendungen, aber 
ihre Augen sahen hoch iiber dem Kopfchen Lakubeits in die Luft. 
Manchmal aber, erschreckend und jah, hob der General den Kopf, 
blieb stehen, seine flinken Augen wurden starr und bohrten sich im 
Angesicht, im Korper, im Riemenzeug eines beliebigen Mannes oder 
Offiziers fest. 

Es war, als priifte der General Lakubeit gar nicht, wie sonst alle Gene- 
rale der Welt, die militarischen Eigenschaften der Menschen, die er 
anblickte. Auf ihre militarischen Tugenden gepruft zu werden, waren 
sie alle gewohnt Sie kannten den Krieg, die Gefangenschaft, Schlach- 
ten und Wunden, den Tod selbst: Was konnte ihnen ein General anha- 
ben? Dieser winzige Lakubeit aber schien, wenn er so iiberraschend 
stehenblieb, das Innerste, die Seele zu erforschen. Gleichsam um diese 
vor ihm zu verbergen, panzerten sich die Manner mit einer militari- 
schen Strammheit, hiillten sich in Disziplin, erstarrten wie in den er- 
sten Rekrutenjahren und hatten doch das peinigende Gefiihl, dafi alles 
umsonst war. Die meisten glaubten an den Teufel. Und sie, wie ihr 
Oberst Tarabas, glaubten auch, kleine Hollenfeuerchen in den Auglein 
Lakubeits glimmen zu sehn. 

Sehr schnell beendete Lakubeit die Inspizierung. Er ging mit Oberst 
Tarabas in die Kanzlei, befahl, die Schreiber wegzuschicken, setzte 
sich, blatterte in den Papieren, ordnete sie mit seinen geschickten, ma- 
geren Handchen in einzelne Hauflein, lachelte manchmal, glattete 
zartlich einen Haufen und dann den andern, sah auf Tarabas, der ihm 
gegemibersaft, und sagte: 

» Oberst Tarabas, diese Sache verstehn Sie nicht !« 
Nun gab es also eine Sache, die der gewaltige Tarabas nicht verstand; 
und man weift, daft es, seitdem Tarabas in den Krieg gezogen war, eine 
solche Sache nicht gegeben hatte. 

»Ja«, wiederholte der General Lakubeit mit seiner diinnen Stimme, 
» diese Sache verstehn Sie nicht, Oberst Tarabas. « 
»Nein«, sagte der gewaltige Tarabas, »nein, in der Tat, ich verstehe 
diese Sache nicht. Die beiden Hauptleute, die ich fur Sachverstandige 
hielt, sie waren Rechnungshauptleute im Krieg, und die Schreiber, die 



534 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ich bestellt habe: Sie begreifen die Angelegenheit auch nicht. Sie erstat- 
ten mir Berichte, die ich nicht verstehe, es ist wahr! Ich fiirchte, sie 
verwirren all die Angelegenheiten noch mehr.« 

»Ganz richtig«, sagte der General Lakubeit. »Ich werde Ihnen, Oberst 
Tarabas, einen Adjutanten schicken. Einen jungen Mann. Behandeln 
Sie ihn nicht geringschatzig! Er hat den Krieg nicht mitgemacht. 
Schwach gewesen. Kranklich! Ja, keine Soldatennatur wie Sie, gottlob, 
eine sind, Oberst! Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Er war mein Ge- 
hilfe, zehn Jahre lang, im Frieden. Ich bin namlich, miissen Sie wis- 
sen- und ich hoffe, es macht Ihnen nichts-, Advokat gewesen. Im 
Krieg war ich Auditor, kein Krieger. Sie werden es bemerkt haben. Im 
librigen, Oberst Tarabas, bin ich der Advokat Ihres Herrn Vaters ge- 
wesen. Ich habe ihn erst vor einer Woche gesprochen, Ihren alten 
Herrn Vater. Er hat mir keine Griifie fur Sie mitgegeben . . .« 
Der General Lakubeit machte eine Pause. Seine eindringlichen, einto- 
nigen Worte standen gleichsam noch im Raum, jedes einzeln, hart, 
scharf und still standen sie rings um den Obersten Tarabas wie ein 
Zaun aus diinnen, geschliffenen Pfahlchen. Unter ihnen ragte nur das 
Wortchen »Vater« ein wenig hervor. Auf einmal glaubte der Oberst 
Tarabas zu fiihlen, wie er klein und immer kleiner werde, eine gera- 
dezu korperliche Veranderung, ohne Zweifel. Und wie er friiher, aus 
Disziplin und Hoflichkeit, vergeblich versucht hatte, geringfugiger als 
der General zu erscheinen, so gab er sich jetzt Miihe, seine korperli- 
chen Mafie zu bewahren, steil und aufrecht dazusitzen, gewaltiger Ta- 
rabas, der er war. Noch konnte er iiber den kahlen Kopf General La- 
kubeits hinwegsehn, zum Fenster hinaus, er nahm es mit Genugtuung 
zur Kenntnis. Sonniger Herbst war draufien. Ein goldener, halbent- 
blatterter Kastanienbaum stand vor dem Fenster. Dahinter, zum Grei- 
fen nahe, schimmerte das eindringliche Blau des Himmels. Zum er- 
stenmal seit seiner Kindheit empfand der Oberst Tarabas die Kraft und 
Starke der Natur, ja, er roch den Herbst hinter dem Fenster, und er 
wiinschte sich, wieder ein Knabe zu sein. Eine kurze Weile verlor er 
sich in Erinnerungen an seine Kinderzeit, und er wufite zugleich, dafi 
er nur vor dieser Stunde floh, zuriick in die Vergangenheit rettete er 
sich, der gewaltige Tarabas, und wurde somit nur noch kleiner und 
winziger und saft schlieElich vor dem General Lakubeit da wie ein 
Knabe. 
»Ich hatte die Absicht«, log er, »meine Eltern bald zu besuchen.« 



TARABAS 535 

Der General Lakubeit aber schien diesen Satz nicht zu horen. »Ich 

habe Sie gekannt«, sagte Lakubeit, »als Sie noch ein Knabe waren. Ich 

bin oft bei Ihrem Vater gewesen. Sie waren dann in diese Petersburger 

Affare verwickelt. Sie erinnern sich noch. Es hat damals schwere Miihe 

gekostet. Und Geld, schweres Geld auch, Sie sind dann nach Amerika 

gegangen. Dann war diese Affare mit dem Wirt, den Sie geschlagen 

haben . . .« 

»Der Wirt?« sagte Tarabas. 

Wie lange schon hatte er an diesen Wirt nicht mehr gedacht, und nicht 

mehr an Katharina. Nun sah er wieder Katharina, den gewaltigen, ro- 

ten Rachen des Wines, die Cousine Maria, das schwere, silberne Kreuz 

zwischen ihren Briisten, die grofie, glaserne Kugel, dahinter das Ge- 

sicht der Zigeunerin. 

»In New York«, begann plotzlich Tarabas, und es war, als erzahlte 

jemand anderer, als erzahlte ein anderer aus ihm, »in New York, auf 

einem Jahrmarkt, hat mir eine Zigeunerin geweissagt, ich wurde ein 

Morder und ein Heiliger werden . . . Ich glaube schon, dafi der erste 

Teil dieser Prophezeiung . . .« 

»Oberst Tarabas«, sagte der kleine Lakubeit, und er hielt sein mageres 

Handchen vor das Gesicht und spreizte die Finger, »der erste Teil der 

Prophezeiung ist noch nicht in Erfiillung gegangen. Den New Yorker 

Wirt haben Sie nicht umgebracht. Er lebt allerdings auch nicht mehr. 

Er ist in den Krieg gegangen und gefallen. Bei Ypern; um ganz genau 

zu sein. Die Geschichte hat viel Miihe gekostet. Sehn Sie: Die Justiz - 

entschuldigen Sie die Abschweifung - hat sich durch den Krieg nicht 

beirren lassen. Man hat Sie verfolgt. Sie hatten eine neue Degradierung 

erlebt, wenn Sie den braven Mann damais totgemacht hatten. Ubrigens 

hat der junge Mann, den ich Ihnen zu schicken gedenke, Ihre Sache 

damals gefuhrt. Sie haben ihm einiges zu danken! Ihr Vater war aufge- 

regt damals. « 

Es war ganz still. Die eintonige Stimme Lakubeits wehte daher; ein 

sanfter Wind, wehte sie dem Obersten Tarabas entgegen. Ein sanfter, 

hartnackiger, unausweichlicher Wind. Wohlvertraut auch und zu- 

gleich peinlich. Er kam aus langstvergangenen, wohlvertrauten, unan- 

genehmen Jahren. 

»Meine Cousine Maria?« fragte Tarabas. 

»Sie ist verheiratet«, sagte Lakubeit. »Sie ist mit einem deutschen Offi- 

zier verheiratet. Sie hat sich offenbar in ihn verliebt.« 



53^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich habe sie auch geliebt«, sagte Tarabas. 

Dann war es ganz still. Lakubeit verschrankte die Hande. Seine inein- 
ander verschlungenen Finger bildeten ein knochiges Gitter auf dem 
Tisch vor den sauberlichen Aktenhaufen. 

Der Oberst Tarabas aber liefi die Hande locker und kraftlos auf den 
Schenkeln ruhn. Es war ihm, als konnte er die Hande nicht mehr von 
den Schenkeln, die Fiifie nicht mehr vom Fufiboden heben. Maria hatte 
sich in einen fremden Offizier verliebt. Verrat am gewaltigen Tarabas ! 
Unrecht war ihm geschehen, dem furchterlichen Tarabas, der bis jetzt 
nur den anderen Unrecht und Gewalt zugefugt hatte. Grofies, bitteres 
Unrecht ftigt man dem armen Tarabas zu. Es mildert ein bifichen die 
eigene Gewalt, es ist eigentlich ein giitiges Unrecht. Man biifit, man 
biifit, oh, gewaltiger Tarabas ! 

»Das wichtigste«, begann der General Lakubeit, »das wichtigste ist: 
dafi Sie Ihr Regiment saubern. Sie werden mindestens die Halfte hin- 
auswerfen. Wir werden genauen Bericht liber die Herkunft jedes ein- 
zelnen haben miissen, den Sie behalten. Oberst Tarabas, wir bauen 
jetzt eine neue Armee. Eine zuverlassige Armee. Wir werden die frem- 
den Leute, die Sie nicht behalten konnen, ausweisen oder einsperren 
oder den verschiedenen Konsulaten tibergeben. Kurz: wir werden sie 
los, auf irgendeine Weise. Es ist eigentlich gleichgiiltig, wieso. Behalten 
Sie Musiker! Musik ist wichtig. Behalten Sie, soweit es geht, Leute, die 
lesen und schreiben konnen. Allen aber zahlen Sie die Lohnung aus! 
Auch jenen, die Sie wegschicken. Damit Sie ihnen leichter die Waffen 
abnehmen, lassen Sie morgen und ubermorgen Bier ausschenken. Sa- 
gen Sie meinetwegen, der Herr General hatte es geschenkt. - So, das ist 
alles!« schlofi Lakubeit und erhob sich. 

Schweigsam, wie sie hierhergekommen waren, fuhren sie zum Bahn- 
hof. Der Abend war da. Der Bahnhof lag im Westen von Koropta. Auf 
der schnurgeraden StrafSe fuhr man der Abendsonne entgegen, die 
durch die Rauchwolken rangierender Lokomotiven iiber dem gelben 
Giebel des Bahnhofsgebaudes ein wehmiitig-rotes Angesicht zeigte. 
Sie spiegelte sich im riesigen, schwarzen Lackschirm der hohen Gene- 
ralsmiitze. Der elegante Leutnant auf dem Riicksitz starrte stumm und 
krampfhaft auf dieses Spiegelbild. 

»Alles Gute!« sagte der General Lakubeit, bevor er einstieg. Merkwiir- 
dig warm war sein diirres Handchen, ein hilfloser Vogel in des machti- 
gen Tarabas machtiger Faust. »Und vergessen Sie das Bier nicht, und 



TARABAS 537 

auch den Schnaps nicht, wenn notig«, sagte Lakubeit noch aus dem 
offenen Fenster. 

Dann fuhr der Zug davon - und der gewaltige Tarabas blieb allein; 
allein, so schien es ihm, wie noch nie in seinem Leben, 



XIII 



Deshalb trank er am Abend dieses unseligen Tages viel mehr, als seine 
Gewohnheit war. Er trank so viel, dafi der Jude Kristianpoller nachzu- 
sinnen begann, auf welche Weise man unbemerkt dem Branntwein 
Wasser zumischen konnte. Das Leben freute den Gastwirt Kristian- 
poller nicht mehr, obwohl er bereits wufke, dafi zwei Kisten mit Loh- 
nung fiir die Manns chaft und Gage fiir die Offiziere am spaten Nach- 
mittag gekommen waren. Zwei Unteroffiziere, sechs Mann, alle mit 
Karabinern in der Hand, hatten das Auto begleitet. Noch stand es im 
Hof Kristianpollers. Die Kisten lagerten in der Kammer. Der Wacht- 
posten marschierte auf und ab vor dem Eingang. Er war es eben, der 
den Juden verhinderte, den Branntwein zu verwassern. Eine Laterne 
pendelte sachte im nachtlichen Wind vor dem Eingang zur Kammer 
und verbreitete einen gelblichen, fettigen Schimmer im Hof. In der 
Gaststube horte man die regelmaftigen, genagelten Schritte des Po- 
stens, obwohl alle Offiziere, wie gewohnlich, an ihren Tischen saflen. 
Aber sie sprachen nicht, sie fliisterten. Denn mitten, wie auf einer Insel 
des Schweigens und wie umzaunt von einer Mauer aus blankem und 
stummem Eis, saft der gefurchtete Oberst Tarabas allein an seinem 
Tisch. Er trank. 

Die ganze Welt hatte Tarabas verlassen. Vergessen und ausgespuckt 
hatte ihn die Welt. Zu Ende war der Krieg. Der Krieg selbst hatte 
Tarabas verlassen. Keine Gefahr mehr wartete auf ihn. Verraten fiihlte 
sich Tarabas vom Frieden. Die Sache mit dem Regiment verstand er 
nicht. Die Cousine Maria hatte ihn verraten. Vater und Mutter schick- 
ten ihm keinen Grufi. Sie verrieten ihn. Vergessen, verlassen, ausge- 
spuckt und verraten war der Oberst Tarabas. 

Das Regiment, das er aufgestellt hatte, taugte nichts. Er wufite es ja 
selber. Morgen mufite man die Halfte wegschicken; entwaffnen und 
wegschicken. Er erhob sich, er schwankte schon ein bifkhen. Er ging 
in den Hof, seine Getreuen aufzusuchen. 



538 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er rief Konzew, seinen altesten Feldwebel. Seit mehr als drei Jahren 
diente Konzew Herrn Tarabas. 

»Mein Lieber!« sagte Tarabas. »Mein Lieber!« wiederholte Tarabas; er 
lallte schon ein bifichen. 

Die machtige Gestalt des Feldwebels Konzew unter dem gestirnten 
Gewolbe der klaren Nacht, sparlich beleuchtet von der gelblich schim- 
mernden Laterne, blieb unbeweglich vor dem Obersten stehn. »Komm 
mit!« sagte Tarabas. Und der Kolofi Konzew setzte sich in Bewegung. 
Da er sah, dafi Tarabas ein wenig schwankte, biickte er sich, dermafien 
dem Obersten die Schulter als Stiitze darbietend. Tarabas umschlang 
die Schulter Konzews. Er versuchte, das bartige, grofie Angesicht des 
Feldwebels dem seinigen anzunahern, er roch mit Wohlbehagen den 
Schnurrbart Konzews, den Atem aus Tabak und Alkohol, oh, den gan- 
zen wohlvertrauten Geruch des Feldsoldaten, die feuchte Ausdun- 
stung des wolligen Uniformstoffes, den erdigen Duft der schweren, 
klobigen Hande, den siifilichen Juchtengeruch der Stiefelschafte und 
des Riemenzeugs. Diese Geriiche konnten den Obersten Tarabas zu 
Tranen riihren. Schon stahlen sich zwei heifte Tropfen aus seinen Au- 
gen. Tarabas konnte nicht sprechen. Er wankte, mit dem Arm den 
gebiickten, gleichsam verkurzten Kolofi Konzew umschlingend, in die 
aufierste, dunkelste Ecke des Hofes. 

»Konzew«, begann Tarabas, und es war das erstemal, daft er so zu 
seinem Feldwebel sprach, »mein lieber, alter Konzew, unser Regiment 
taugt nichts, der General hat es mir heute gesagt, aber wir zwei haben 
es ja auch so schon gewufit, nicht wahr, mein Konzew? Ach, mein 
lieber Konzew, wir miissen sie morgen wegschicken, die schlimme 
Halfte, und wir miissen sie morgen besoffen machen.« 
»Jawohl, Herr Oberst«, sagte da der Feldwebel Konzew, »wir werden 
sie besoffen machen, und wir werden sie auch los werden. Wir werden 
ihnen die Gewehre abnehmen. Und die Munition auch«, sagte Kon- 
zew nach einer Weile als einen ganz besonderen Trost. Er war gut zehn 
Jahre alter und fiinf Zentimeter grofier als der Ob erst Tarabas, und er 
benahm sich ganz vaterlich. 

»Wei£t du noch«, sagte dann der Oberst, »der Krieg? - Es war eine 
grofiartige Sache. Man hatte es da nicht ndtig, Regimenter zusammen- 
zustellen. Man schofi einfach, man krepierte. Ganz einfach. Nicht, 
mein lieber Konzew ?« 

»Ja, ja«, sagte der Koloft Konzew, »der Krieg, das war eine Sache! Nie 
mehr, nie mehr werden wir einen neuen erleben.« 



TARABAS 539 

»Und er war schon!« sagte Tarabas. 
»Er war herrlich!« bestatigte Konzew 

»Wir werden morgen nicht ausriicken«, sagte Tarabas. »Wir werden 
sagen, der General hat einen Tag zum Trinken freigegeben. Um sechs 
Uhr morgens werden die Leute zu trinken beginnen. Am Abend wer- 
den wir sie unter Bewachung hinausschaffen.« 

»Wir haben vier Lastautos«, bestatigte Konzew, »Kehren wir um, 
Herr Oberst!« Und er geleitete gebiickt, um gute drei Zentimeter kiir- 
zer, als ihn die Natur geschaffen hatte, den Obersten Tarabas zuriick 
in die Wirtsstube. 

»Lafi dich umarmen«, sagte Tarabas, bevor er eintrat. Konzew aber 
sprang einen Schritt vor, stiefi die Tiir zur Gaststube auf, blieb an der 
Schwelle reglos stehn und wartete, bis Tarabas eingetreten war. Hier- 
auf salutierte er, verliefi mit einem einzigen gewaltigen Schritt die 
Stube, und eine Weile horte man noch seine machtigen Stiefel auf der 
nachtlichen Erde des Hofes herumstampfen. 

Tarabas setzte sich wieder an den Tisch und blieb auch daselbst, und 
vor ihm reihten sich die Schnapsglaser auf wie funkelnde Soldaten. 
Allmahlich verliefien die Offiziere, einer nach dem andern, die Gast- 
stube, jeder mit wortlosem Grufi vor dem Obersten. Allein blieb Tara- 
bas am Tisch. Hinter der Theke saft der Gastwirt Kristianpoller. 
Der Oberst Tarabas gedachte offenbar nicht mehr, sich zu erheben. 
Uber dem Schanktisch schlug die Wanduhr Kristianpollers eine Stunde 
nach der anderen. Dazwischen horte man nur ihr starkes, eisernes Tik- 
ken und aus dem Hof die regelmaEigen, genagelten Schritte des 
Wachtpostens. Sooft der Oberst Tarabas ein Glaschen an den Mund 
fuhrte, schrak Kristianpoller auf und machte sich bereit, ein neues zu 
fullen. Unheimlicher noch als der unaufhorlich trinkende Tarabas er- 
schien dem Wirt die vollkommene Stille dieser Nacht, dermafien, dafi 
er ordentlich froh wurde, sobald der Oberst trank. Von Zeit zu Zeit 
blickten beide Manner nach dem Fenster, auf das schmale Rechteck 
des dunkelblauen, gestirnten Himmels. Hierauf begegneten einander 
ihre Augen. Und je haufiger ihre Augen sich trafen, des to vertrauter 
schienen die Manner miteinander zu werden. Ja, ja, du Jude! sagten die 
Augen des Obersten Tarabas. Und: Ja, ja, du armer Held! sagte das 
eine, das gesunde Auge des Juden Kristianpoller. 



540 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XIV 

Der Morgen brach an. Ein heiterer Morgen. Er stieg mit sanftem 
Gleichmut aus zarten Nebeln. Kristianpoller erwachte zuerst. Er war 
hinter seinem Schanktisch eingeschlafen, er konnte sich nicht mehr 
erinnern, zu welcher Stunde. Aufier ihm war noch der Oberst Tarabas 
da. Er schlief. Er schnarchte machtig, den Kopf in den verschrankten 
Armen iiber dem Tisch, vor der unregelmafiigen, funkelnden Schar der 
leeren Glaser. Der breite, leicht gebeugte Riicken des Obersten hob 
und senkte sich mit jedem der schweren Atemzuge. Kristianpoller be- 
trachtete zuerst den schlafenden Tarabas und uberlegte, ob er es selbst 
wagen diirfe, ihn zu wecken. Halb neun zeigte schon die Uhr iiber 
dem Schanktisch. Kristianpoller erinnerte sich an den miiden, sanften, 
menschlichen Blick, der in den trunkenen Augen des Obersten Tara- 
bas gestern in spater Nacht geleuchtet hatte, und er trat entschlossen 
an den Tisch und beriihrte eine Schulter des Furchterlichen mit zaghaf- 
tem Finger. Tarabas sprang sofort auf, heiter, ja ausgelassen. Er hatte 
kurz, unbequem und sehr tief geschlafen. Er fiihlte sich stark. Er war 
munter. Er verlangte den Tee. Er rief nach seinem Burschen, streckte 
die Beine aus, liefi sich, wahrend er den Tee trank, die Stiefel putzen, 
bifi in ein machtiges Butterbrot, verlangte zu gleicher Zeit nach einem 
Spiegel, den der Jude Kristianpoller von der Wand nahm, an den Tisch 
brachte und vor Tarabas hinhielt. »Rasieren!« befahl Tarabas. Und der 
Bursche brachte Seife und Messer, und Tarabas legte den roten Nacken 
auf die harte Lehne des Stuhls. Wahrend er rasiert wurde, pfiff er eine 
muntere, willkurliche Melodie und schlug mit der flachen Hand den 
Takt auf die prallen Schenkel. Immer goldiger und heiterer wurde der 
Morgen. »Mach das Fenster auf!« befahl Tarabas. Durch das offene 
Fenster stromte das friihe und schon satte Blau des herbstlicheri Him- 
mels. Man horte das ausgelassene Geschwatz der Spatzen wie an einem 
warmen Vorfriihlingstag. Es war, als sollte in diesem Jahr iiberhaupt 
kein Winter kommen. 

Erst im Hof, als er sah, daE sein Feldwebel Konzew mit fiinf anderen 
Getreuen fehlte, erinnerte sich Tarabas, daE heute besondere Ereig- 
nisse zu erwarten seien. Er trat aus dem Gasthof. Er bemerkte eine 
ungewohnliche Bewegung in der einzigen, langgestreckten Haupt- 
straEe von Koropta. Vor ihren kleinen Kramladen hatten die judischen 
Handler auf Stiihlen, Tischen und Kisten ihre Waren ausgelegt, Glas- 



TARABAS 541 

perlen, falsche Korallen, dunkelblaues, goldenes und silbernes Zierpa- 
pier, lange, blutrote Karamellenstangen, feurig gebliimte Kattunschiir- 
zen, funkelnde Sicheln, grofie Taschenmesser mit rosa gefarbten Holz- 
griffen, tiirkische Kopftiicher fiir Frauen. Kleine Bauernfuhren trabten 
friedlich hintereinander, wie an einer Schnur aufgereiht, iiber die 
Strafie, hie und da wieherte ein Pferdchen, und die in den Wagelchen 
ohnmachtig daliegenden, an den Hinterpfoten gefesselten Schweine 
grunzten frohlich und klagend zugleich gegen den Himmel. »Was ist 
denn das?« fragte Tarabas. »Freitag und Schweinemarkt!« sagte der 
Bursche. »Das Pferd!« befahl Tarabas. Er fuhlte sich nicht mehr ganz 
behaglich. Der Freitag miEfiel ihm, der Schweinemarkt mififiel ihm 
auch. Wenn er heute, wie alle Tage, zu Fufi in die Kaserne gehen sollte, 
konnte es leicht irgendwelche Zwischenfalle geben. Er hatte grofie 
Lust, die ausgebreiteten Waren der Kramer so im Vorbeigehen mit der 
Hand umzustofien, von dem hohen, holzernen Biirgersteig hinunter in 
die tiefe Strafienmitte auf die Fahrbahn, vor die rollenden Wagelchen 
der Bauern. Er fuhlte schon, dafi sich ein grofier Zorn in ihm vorberei- 
tete. Der Freitag! Er wollte durch den Freitag lieber reiten, diesen Tag 
unter den Hufen wissen. Er bestieg das Pferd und ritt im Schritt zwi- 
schen den Bauernfuhren, da und dort einen donnernden Fluch ab- 
schieEend, wenn ihm jemand nicht rechtzeitig auswich, manches Mai 
in kiihnem Bogen auf den ahnungslosen Nacken eines Bauern spuk- 
kend, manchmal das erschrockene Angesicht eines andern mit der le- 
dernen Reitstocklasche kitzelnd. 

Als er die Kaserne erreichte, sah er auf den ersten Blick, dafi der brave 
Konzew seine Arbeit getan hatte. Die Fasser voll Bier und Schnaps, die 
heute friih mit der Bahn gekommen waren, standen in zwei Reihen an 
der Mauer des Kasernenhofes, bewacht von den fiinf Getreuen. Die 
Mannschaft hatte Rast. Die Offiziere saften in der frischgehobelten, 
holzernen Baracke, in der man seit Tarabas' Ankunft die Kantine ein- 
gerichtet hatte. Man horte ihr schwatzhaftes und drohnendes Gelach- 
ter. Konzew kam. Er blieb stehn und salutierte, ohne ein Wort zu 
sagen. Er erstattete einen ganz stummen, aufterst beredten Bericht. Ta- 
rabas verstand ihn, Heft ihn ruhig stehn, ging weiter. Die Mannschaft 
und die Unteroffiziere lagen und hockten auf der Erde. Freundlich, 
immer warmer schien die Sonne auf den kahlen Boden des Hofes. Alle 
warteten, heiter, zufrieden und festlich. 
Gegen elf Uhr vormittags traten sie zum Essenholen an. Die Menage- 



54 2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schalen klapperten in der Reihe, klatschend fiel der heifie, dicke Brei 
von dem geraumigen Kiichenkessel aus dem riesigen Schopfloffel des 
Kochs in die Gefafie. Der Oberst Tarabas stand neben der Fahrkiiche. 
Einer nach dem andern gingen die Leute an ihm vorbei. Ihre Gesichter 
betrachtete er. Er wollte erkennen, wer von diesen Mannern etwas 
taugte, wer von ihnen ausgeschaltet werden muftte. Ja, an den Gesich- 
tern wollte Tarabas die Menschen erkennen. Vergebliches Beginnen! 
Der General Lakubeit konnte es! Alle Gesichter erschienen heute dem 
Obersten Tarabas stumpf, grausam, verlogen, tiickisch. Im Krieg war 
es anders. Im Krieg konnte man genau sehn, wer etwas taugte. Rothaa- 
rige waren nicht dabei. Leider waren sie nicht dabei. Das ware ein 
deutliches Zeichen gewesen. Jeden Rothaarigen hatte der Oberst Tara- 
bas sofort ausgeschieden. 

Man afi heute in grofier Hast. Wer einen Loffel hatte, behielt ihn lieber 
im Stiefel. Man setzte die Schalen an die Lippen und schlang den 
schweren Brei hinunter, sog dann an den Knochen, schmifi sie in gro- 
fiem Bogen iiber die Mauer des Kasernenhofes, alles nur, um bald an 
das verheifiene Bier zu gelangen. Konzew fiihrte die Wirtschaft. Nun, 
da es Mittag von der Kirche schlug und die Sonne so ziemlich brannte, 
erschienen wie durch einen Zauber zahllose Trinkgefafie verschieden- 
ster Art, Gefafie aus Glas, aus Holz, aus Blech, aus Ton, Kannen und 
Kannchen, eiligst von Soldaten herbeigetragen, biindelweise auf den 
Armen und behutsam vor die Fasser gestellt. Und alsbald wurden auf 
einen Wink Konzews die Hahne geoffnet. Es hub ein lautes Schaumen 
und Rauschen an. Und iiber die gesattigten und dennoch gierigen Ge- 
sichter der Soldaten, in deren Barten noch die breiigen Spuren der ge- 
nossenen Speise zu sehen waren und in deren Miindern sich schon der 
durstige Speichel zu sammeln begann, zog eine flammende, beinahe 
heilige Begeisterung, die alle einander ahnlich machte: ein Regiment 
aus lauter Brudern. In dichten Schwarmen hasteten sie in die Nahe der 
Fasser. 

Ein gewaltiges Trinken begann. Die Gefafte reichten nicht aus, sie 
wurden herumgereicht, mit Ungeduld erwartete man ihre Riickkehr, 
vier, sechs Hande hielten je eines vor die fruchtbaren, endlos fruchtbar 
quellenden Hahne. Man trank Bier. Der weifte Schaum rann iiber die 
Rander, versickerte im Boden, stand in den Mundwinkeln und auf den 
Schnurrbarten der Manner, die Zungen schleckten ihn von den Barten 
weg, und die Gaumen schmeckten ihn nach, diese besondere gnadige 



TARABAS 543 

Zugabe eines iiberhaupt gnadenreichen Tags. Oh, welch ein Tag! Kon- 
zew mit seinen fiinf Leuten, jeder einen blechernen Krug, gefiillt mit 
klarem Branntwein, in der Hand, bahnte sich einen Weg durch die 
zuchtlosen Haufen, wahlte und besann sich, traktierte den und jenen, 
je nach Laune, wie es den Leuten schien, mit dankbarem Lacheln be- 
lohnt von den Beschenkten, von den trostlos enttauschten Blicken der 
Unbeschenkten gehassig verfolgt. Wer einen machtigen Schluck vom 
Branntwein getan hatte, dem brannte der Rachen, und er verlangte 
sofort nach neuem Bier. Mancher fiel sofort, schwer und grofi, wie er 
war, mit Getose auf den Boden, vom klaren Blitz getroffen. Und es sah 
nicht danach aus, als ob er sich noch jemals wiirde erheben konnen. 
Schaum perlte an seinen Mundwinkeln, blau waren seine Lippen, die 
Lider schlossen sich nicht ganz, sondern lieften noch den unteren blau- 
lich-weiften Rand der Augapfel sehn, das Angesicht war verzerrt und 
zugleich zufrieden, erfiillt von einem grausamen, verbissenen Gliick. 
Wer also hingeschlagen war, wurde eine Weile spater von zwei krafti- 
gen Burschen hochgehoben und aus der Kaserne hinausgeschafft. Vier 
grofte Wagen warteten vor dem Kasernentor. Ein Lastauto war bereits 
halb gefiillt. Da lagen ein paar Manner, sorgfaltig nebeneinandergelegt, 
eine Art eingepackter, iibermachtiger Zinnsoldaten. Man schlug ein 
wohltatig bergendes Leinenzelt uber die Bewufttlosen. 
Es erwies sich alsbald, daft der vorsichtige Konzew nicht mit der un- 
iiberwindlichen Natur mancher Manner gerechnet hatte. Einige, denen 
der Branntwein und das Bier gar nichts anhaben konnten, benutzten in 
der allgemeinen Verwirrung die langstersehnte Gelegenheit, den Aus- 
gang zu erreichen. Zuerst lautlos schleichend, hierauf, nachdem sie die 
Kaserne verlassen hatten, unter lallendem Gesang, schwankten sie auf 
Umwegen dem Stadtchen Koropta zu, das sie lange nicht mehr genau 
gesehen hatten und nach dem sie jetzt ein wahrhaftiges Heimweh er- 
griff. Groll hegten und pflegten sie gegen den furchtbaren Tarabas, 
seitdem er sie in die Kaserne gelockt und unter sein hartes Joch ge- 
zwungen hatte. Nur seine Getreuen hatten es gut. Diesen grollte man 
fast noch mehr als dem Obersten selbst. Es war ein paarmal vorgekom- 
men, daft die Unzufriedenen versuchten, sich zu verabreden, zu einer 
Flucht oder zu einer offenen Auflehnung. Die Unzufriedenen! Wer 
gehorte nicht dazu - aufter den Getreuen, die Tarabas nach Koropta 
mitgebracht hatte? Nachdem sie alle, die so schnell herbeigestromt wa- 
ren, ihren Hunger und Durst gestillt hatten, begannen sie, sich nach 



544 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Freiheit zu sehnen, nach der Freiheit, der stiffen Schwester des 
bitteren Hungers. Exerzieren fur ein neues Vaterland, von dem man 
noch nicht wissen konnte, wem es eigentlich gehorte, war sinnlos, kin- 
disch und anstrengend. Sooft aber eine Verabredung unter den Frei- 
heitsdurstigen im Gange war, wurde sie auf eine abscheuliche Weise 
(und auf eine unerklarliche) dem Feldwebel Konzew verraten. Die 
Strafen waren furchtbar. Manche wurden verurteilt, sechs Stunden mit 
geknickten Knien auf dem schmalen Rand der Kasernenmauer zu hok- 
ken, bewacht von zwei Mann mit schufibereiten Gewehren, von denen 
einer im Innern des Kasernenhofes, der andere aufterhalb der Mauer 
stand, Aug' und Gewehrmundung auf den Verurteilten gerichtet. Un- 
iibertrefflich war Konzew in der Kunst, Strafe und Plage zu ersinnen. 
Manchen band er mit eigenen Handen die ausgestreckten Arme an 
zwei Sprossen einer langen Leiter fest, die der Unselige dann vor sich 
her tragen muftte, im Laufschritt, beim gewohnlichen und beim Para- 
demarsch. Andere wieder mufSten in voller Ausriistung und mit dem 
Gewehr zehnmal hintereinander, ohne Pause, mit entsprechendem 
Anlauf den steilen Damm hinaufrennen, der am auftersten Rande des 
Kasernenhofes aufgerichtet war und hinter dem die Soldaten sonst zu 
Schieftiibungen anzutreten pflegten. Nachdem diese und ahnliche Stra- 
fen ein paarmal vorgekommen waren, horte man mit den geheimen 
Verabredungen auf. Aber der Groll in den Herzen blieb und wuchs. 
Endlich waren sie frei. Den ersten acht, die sich aus der Kaserne ge- 
schlichen hatten, folgten noch weitere Gruppen, obwohl sie sich dies- 
mal gar nicht verabredet hatten. Es war, als waren jene, die der Alko- 
hol nicht zu fallen imstande war, durch dessen Genuf? sehr hellsichtig 
geworden. Und wahrend ihre Korper das Gleichgewicht verloren, 
wurde es in ihren Kopfen bestandig und licht. Es dauerte nicht lange - 
und ehe noch Konzew und die Seinen bemerken konnten, wie viele 
ihnen entwichen waren, hatten die Fluchtigen bereits, dank dem zu- 
verlassigen Tastsinn der Trunkenen, den Gasthof Kristianpollers er- 
reicht. Sie traten ein, in drei, vier Haufen; sie brachen ein. 
Das Tor des Gasthofes stand heute offen. Es gab wieder, nach langer 
Zeit, einen Schweinemarkt in Koropta. Der Jude Kristianpoller lobte 
die Wunder Gottes. Groft war Er in all Seiner Unverstandlichkeit, sehr 
grofl in Seiner unerforschlichen Giite. Es war durch menschliche Ver- 
nunft unergriindlich, weshalb gerade heute wieder der altgewohnte, 
gute Schweinemarkt stattfand, der das Herz Kristianpollers so er- 



TARABAS 545 

freute. Gestern hatte noch keine Seele etwas ahnen konnen! Aber, 
siehe da: Wenn es der Wille Gottes war, daft wieder einmal, nach lan- 
ger Zeit, ein Schweinemarkt in Koropta stattfinde, so wufiten es in 
einem Nu aile Bauern der Umgebung; und, wer weifi, vielleicht wufi- 
ten es auch die Schweine. 

Als die ersten, langstersehnten baurischen Gaste im Gasthof »2um 
weifien Adler« erschienen, befahi Kristianpoller dem Knecht Fedja, 
beide Fliigel des Tores zu offnen; wie in alten guten Zeiten, vor langen 
Jahren, als noch kein Bewaffneter aufier dem friedlichen Polizisten die 
Schwelle des Gasthofes iiberschritten hatte. Ja, als in den ersten Mor- 
genstunden die ersten Bauerlein ankamen, so selbstverstandlich, als 
waren sie in der vorigen Woche ebenfalls dagewesen, als hatte es kei- 
nen Krieg, keine Revolution und kein neues Vaterland gegeben, in den 
vertrauten, scharf riechenden, gelblichweifien Schafspelzen ohne 
Knopfe, von dunkelblauen Leinengurteln zusammengehalten; als diese 
heimischen Gestalten nach langer Zeit wieder auftauchten, vergafl der 
Jude Kristianpoller die durchwachte Nacht, den Schrecken, seine Ga- 
ste, die Offiziere und sogar Tarabas. Es war, als seien diese Bauern die 
ersten sicheren Boten eines neuen, vollig wiederhergestellten Friedens. 
Noch wahrend Kristianpoller in freudiger und glaubiger Hast seine 
Gebetsriemen abschnallte und zusammenwickelte, erschienen die er- 
sten baurischen Gaste in der Wirtsstube. In eiligen Verbeugungen ver- 
suchte der Wirt, sich von Gott, zu dem er eben gebetet hatte, zu verab- 
schieden und zu gleicher Zeit mit derselben Bewegung die Bauern zu 
begriifien. Oh, wie sufi und friedlich war der scharfe Geruch ihrer 
Pelze! Wie wunderbar grunzten drauften im Stroh auf den kleinen 
Fuhren die gefesselten Schweine! Kein Zweifel: Es waren die echten 
Stimmen des langst verlorenen, su'fien Friedens. Der Friede kehrte wie- 
der in die Welt ein und hielt Rast im Gasthof Kristianpollers. 
Und wie in alten Zeiten lieE der Jude Kristianpoller die kleinen, dick- 
bauchigen Fafilein aus dem Keller kommen und nicht nur im Hof, 
sondern auch draufien vor dem geoffneten Tor einige aufstellen, um 
die ohnedies trinkbereiten Ankommlinge noch mehr aufzumuntern. 
Eine grofie glaubige Dankbarkeit erfiillte Nathan Kristianpoller. Gott, 
der Unerforschliche, hatte zwar Krieg und Verwiistung iiber die Welt 
ausgeschiittet; aber inzwischen liefi Er auch Hopfen und Malz im 
Uberfluft wachsen, woraus das Bier gemacht wurde, das Werkzeug der 
Wirte; und so viele Menschen auch im Kriege gefallen waren, immer 



546 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

neue Bauern, trinkfeste und durstige, wuchsen heran, sie selber iippig 
wie Hop fen und Malz. Oh, grofie Gnade! Oh, siifier Frieden! 
Aber wahrend der fromme Kristianpoller bewunderte und lobte, be- 
reitete sich schon das Unheil vor, das grofie, blutige Unheil von Ko- 
ropta, und zugleich die unselige Verirrung des gewaltigen Nikolaus 
Tarabas. 



XV 



Die Getreuen des Obersten Tarabas, die in der »Kammer« im Hofe 
Kristianpollers verblieben waren, empfingen die Deserteure mit ge- 
heucheltem Vergnxigen. Sie schickten sogleich dem Feldwebel Konzew 
in die Kaserne die Meldung, dafi sich die Betrunkenen ahnungslos in 
eine neue Gefangenschaft begeben hatten. Was den Obersten Tarabas 
betraf, so safJ er schon lange mit den Offizieren in der Baracke, um den 
»Freitag zu vergessen« und iiberhaupt die Aufregungen dieses unge- 
wohnlichen Tages. Der Feldwebel Konzew meldete ihm das Gesche- 
hene; aber der Oberst Tarabas horte nicht mehr alles. 
Unterdessen riickte der Abend heran, ein Freitagabend. Und die Juden 
von Koropta begannen wie gewohnlich zum Sabbat zu riisten. Auch 
Kristianpoller riistete. Wahrend er in der Kiiche, in der er seit der Ab- 
reise der Seinen schlief, den Tisch deckte und die Kerzen aufstellte, 
gedachte er seiner Frau und der Kinder, und eine gewisse Hoffnung 
erfullte ihn, dafi sie bald alle zuriickkehren wiirden. Der Schweine- 
markt war ein sicheres Zeichen fur die Wiederkehr des Friedens, des 
endgultigen Friedens. Vorausgesetzt, dafi die neuen Banknoten des 
neuen Vaterlandes, mit denen die Bauern bezahlten, einen wirklichen 
Goldwert hatten wie die alten, guten Rubel, waren die Einnahmen des 
heutigen Tages grofiartig, wie in alten Zeiten vor dem Krieg. Kristian- 
poller begann, die Scheine, die zerknullt in der Schublade seines 
Schanktisches lagen, zu ordnen, zu glatten und in den zahlreichen Fa- 
chern seiner zwei dicken, ledernen Taschen unterzubringen. Am 
Schragen, knapp uber seinem Kopfe, erschien jetzt, wie alle Tage bis- 
her, der goldene Abglanz der herbstlichen Sonne, die sich zum ge- 
wohnten, heiteren Untergang anschickte. Drauften, in der Hauptstrafie 
und im Hof, bereiteten die Bauern schon ihre Heimfahrt vor. Sie hat- 
ten Tiicher, Korallen, Sicheln und Hiite eingekauft. Sie hatten viel ge- 



TARABAS 547 

trunken und waren guter Laune. Alle stiilpten die neugekauften Hike 
iiber die alten, die Taschentiicher trugen sie um den Hals, das Geld fur 
die verkauften Schweine in graubraunen Leinensackchen iiber der 
Brust. Sie waren miide und heiter, zufrieden mit sich und dem verflos- 
senen Tag. Friedlich krahten die Hahne, und zwischen dem verstreu- 
ten Hacksel in der Strafienmitte suchte das wohlgelaunte Gefliigel nach 
einer besonderen festlichen Jahrmarktsnahrung. Sogar die Hunde, die 
man von den Ketten losgebunden hatte, liefen zwischen Enten und 
Gansen herum, ohne zu bellen und ohne die schwacheren Tiere zu 
bedrohen. 

Den ganzen seligen Frieden dieses untergehenden irdischen Freitags, 
der dem heiligen und himmlischen Samstag entgegenzustreben schien, 
nahm Nathan Kristianpoller mit offenem Herzen auf. Morgen abend 
gedachte er, einen Brief an seine Frau nach Kyrbitki zu schreiben, sie 
moge nach Hause zuruckkehren. Mein liebes Herz! - so wollte er 
schreiben - mit Gottes Hilfe sind wir vom Kriege erlost, und der Frie- 
den ist uns zuriickgegeben. Wir haben leider Gottes immer noch Ein- 
quartierung, aber der Oberst ist nicht so gefahrlich, wie er aussieht, 
sondern, wenn man bedenkt, daE er ein grower Offizier ist, kein ganz 
wilder Mensch. Ich glaube, dafi er kein schlechter Mann ist und dafi er 
Gott sogar furchtet . . . 

Wahrend Kristianpoller diesen Brief zurechtlegte, schnitt er sich, dem 
nahenden Sabbat zu Ehren, die Fingernagel mit dem Taschenmesser 
und sah immer wieder durch das Fenster auf die Strafte hinaus, ob 
nicht noch neue Gaste kamen. Plotzlich erstarrte sein Herz. Er 
lauschte. Sechs Pistolenschusse - ach, wie gut konnte er sie von Ge- 
wehrschiissen unterscheiden! - knallten hintereinander im Hof. Alle 
friedlichen Gerausche drauften waren auf einmal erstorben: das 
Schnattern und Gackern des Gefliigels, die heiteren Zurufe der Bau- 
ern, das Wiehern der Pferdchen, das Gelachter der Bauerinnen. Durch 
das Fenster sah Kristianpoller, wie die Bauern auf der Strafie die Miin- 
der offneten, sich bekreuzigten und flugs von den Fuhren sprangen, 
auf denen sie schon, zur Abfahrt bereit, gesessen waren. Als hatten die 
plotzlichen Schiisse gleichsam auch den Tag getroffen, schien es auf 
einmal rapide dunkler zu werden. Gegeniiber der Schenke, beim Gla- 
sermeister Nuchim in der kleinen Stube, herrschte geradezu tiefe Fin- 
sternis, obwohl die Fenster offenstanden. Es leuchtete nur silbern das 
wei£e Tischtuch, das man fur den Sabbat vorbereitet hatte. 



548 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Eine bose Ahnung gebot Kristianpoller, vorlaufig durch das Fenster 
den Gasthof zu verlassen. Er kletterte hinaus, auf die Strafie, und 
huschte zum blauen, verfallenen Hauschen des Glasermeisters Nu- 
chim hiniiber. »Bei mir schiefien sie!« sagte er hastig. »Ziindet keine 
Kerzen an! Spent die Tiir zu!« 

In der Tat, man schofi in der »Kammer« Kristianpollers. Da die Ge- 
treuen des Obersten Tarabas in harmlosem Vertrauen auf ihre eigene 
Uberlegenheit und in der Erwartung, dafi der Feldwebel Konzew je- 
den Augenblick zuruckkehren miisse, angefangen hatten, mit den De- 
serteuren aus der Kaserne gemeinsam weiterzutrinken, hatten sie als- 
bald Miidigkeit, Schlaf und auch Gleichgiiltigkeit iibermannt. Allmah- 
lich wurde aus der falschen Briiderlichkeit, die Tarabas' Getreue ge- 
geniiber den Deserteuren zuerst geheuchelt hatten, eine fluchtige, ver- 
logene, aber immerhin riihrselige Freundschaft. Von beiden Seiten 
wurden gar viele falsche, heifie Tranen vergossen. Man hatte sich ein- 
fach betrunken. 

»Wir wollen ein bifichen schiefien, nur damit wir sehen, ob wir noch 
zielen konnen«, sagte der schlaueste unter den Deserteuren, ein gewis- 
ser Ramsin. 

»Groftartig!« sagten die anderen. 

»Wir wollen uns ein paar schone Ziele an die Wand malen!« sagte 
Ramsin. Und er begann mit einer Kreide, die er aus seiner Hosentasche 
hervorgeholt hatte, an die dunkelblau getiinchte Wand der Kammer 
allerhand Figuren und Figiirchen in drei iibereinanderliegenden Rei- 
hen zu zeichnen. Er war ein geschickter Mann, der Ramsin. Er hatte 
immer allerlei Kunststucke verstanden, Zauberwerk und Taschenspie- 
lerei. Seine grofie, hagere Gestalt, seine schwarzen Augen im gelbli- 
chen Gesicht, seine lange, schiefe, seitwarts gebogene Nase, ein pech- 
schwarzes Haarbuschel, das er nicht ohne Eitelkeit in die Stirn fallen 
liefi, und seine knochigen, langen Hande mit den leicht gekriimmten 
Fingern hatten in seinen Kameraden langst den Verdacht geweckt, daft 
Ramsin niemals wirklich heimisch unter ihnen gewesen sein konnte. 
Einige kannten ihn zwei Jahre und langer, noch vom Felde her. Er 
hatte nie jemandem gesagt, aus welchem Gouvernement oder Lande er 
komme. Auf einmal schien er, den die meisten fur einen Ukrainer ge- 
halten hatten, just hierher zu gehoren, in diesen nagelneuen Staat. Die 
Sprache des Landes schien seine Muttersprache zu sein. Er sprach sie 
fliefiend und munter. 



TARABAS 549 

Er zeichnete flott mit der Kreide, mit grofier Meisterschaft - so fanden 
sie alle. Sie fiihlten sich nicht mehr miide. Sie drangten sich in einem 
grofien Haufen hinter dem Riicken Ramsins zusammen, stellten sich 
auf die Zehen und verfolgten die hurtigen Bewegungen der zeichnen- 
den Hand. Auf den tiefblauen Hintergrund der Wand zauberte Ram- 
sin schneeweifle Katzchen, die nach Mauschen jagten, wiitende und 
gefrafiige Hunde, die wieder die Katzchen erschreckten, Manner, die 
mit Stocken nach den Hunden ausholten. Darunter, in der zweiten 
Reihe, begann Ramsin, drei Frauen zu zeichnen, die offensichtlich im 
Begriffe waren, ihre Kleider abzulegen. In der Tat schien ihnen die 
Hand Ramsins, gierig etwas und ungeduldig zwar, aber mit meister- 
hafter Fertigkeit, die Kleider von den Leibern zu ziehen, in dem Au- 
genblick, in dem er sie erstehen liefi; er entblofite die Frauen in der 
gleichen Sekunde, in der er sie schuf - und dieser Vorgang erregte und 
beschamte die Zuschauer in gleichem Mafie. Sie wurden von einem 
Augenblick zum andern nuchtern. Aber sie verfielen einer neuen, viel 
machtigeren Trunkenheit. Jeder von ihnen wunschte, Ramsin mochte 
aufhoren oder sich anderen Gegenstanden widmen, aber zugleich und 
ebenso stark wiinschten sie auch, er mochte fortfahren. Zwischen 
Angst, Scham, Rausch und Erwartung taumelten ihre Herzen. Und die 
Augen, vor denen zeitweise alle Bilder verschwammen, sahen gleich 
darauf wieder in scharfer, peinigender Deutlichkeit die Schatten, die 
Linien der Korper, die Warzen der Briiste, die scharfen Falten in den 
SchoEen, die zarte Festigkeit der Schenkel und die zartliche Gebrech- 
lichkeit der schlanken, schonen Fesseln. Mit hochgeroteten Gesichtern 
und um die Verlegenheit zu uberwinden, deren ohnmachtige Sklaven 
sie waren, stiefien die Manner verschiedene ratlose, sinnlose und 
schamlose Rufe aus. Manche pfiffen schrill, andere brachen in wie- 
herndes Gelachter aus. Auf der Wand, auf der Ramsin seine teuflische 
Aufgabe zu Ende fiihrte, erschien jetzt der letzte, selige Glanz der 
Abendsonne. Aus tiefem Blau und rotem Gold bestand nun die Wand, 
und die kreideweiften Figuren schienen in das goldene Blau eingra- 
viert. 

Ramsin trat zuriick. Die dritte Reihe, in der er angefangen hatte, deut- 
sche Soldaten verschiedener Waffengattungen, Soldaten der Roten Ar- 
mee, allerlei Symbole, wie Sichel und Hammer, Adler und Doppelad- 
ler, zu zeichnen, unterbrach er plotzlich. Er warf die Kreide gegen die 
Wand. Sie zersplitterte und fiel in zahllosen kleinen Stiickchen zu Bo- 



550 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den. Ramsin wandte sich um. Neben ihm stand der Ukrainer Kolohin, 
einer von Tarabas' Getreuen. Ramsin zog ihm die Pistole aus dem 
Gurtel. »Achtung!« sagte er. Alle traten beiseite. Ramsin ging bis zur 
offenen Tiir zuriick. Er legte an und schofi. Er traf alle sechs Bilder 
nacheinander, die ganze obere Reihe. Man klatschte Bravo. Man tram- 
pelte mit den Stiefeln. Man rief: »Hurra!« und: »Es lebe Ramsin !« 
Jeder eilte, eine Schufiwaffe zu suchen. Die Getreuen Tarabas' schos- 
sen zuerst selbst und iibergaben hierauf die Waffen den Fremden. Alle 
versuchten sich, und kein einziger traf. »Es ist verhext!« sagte einer. 
»Ramsin hat seine Bilder verhextU Es war eine verteufelte Angelegen- 
heit. Selbst die guten Schiitzen, die ihrer Hand und ihres Blickes sicher 
waren, schossen diesmal zu hoch oder zu tief. Jedenfalls war es ihnen, 
nachdem sie sich ein paarmal versucht hatten, als hatte ein Unsichtba- 
rer in dem Augenblick, in dem die Kugel den Lauf verliefi, ihre Pisto- 
len beriihrt. Nun schofl Ramsin wieder. Er traf. Er hatte gewifi nicht 
weniger getrunken als alle anderen. Sie hatten ihn trinken gesehen. Wie 
kam es, dafi seine Hand sicherer war als alle anderen Hande? Ramsin 
zielte, schofi und traf. Ja, wie getrieben von irgendeinem hollischen 
Befehl, fragte er die Kameraden nach noch genaueren Zielen, die er 
sich zu treffen erbot. Die Fragen erweckten in den meisten eine gierige 
Lust zu vernichten, ein schwiiles Bediirfnis, bestimmte Korperteile der 
nackten, immer nackter werdenden drei Frauen getroffen und vertilgt 
zu sehn. Auf die erste Frage Ramsins, wohin er zielen solle, antworte- 
ten sie nicht. Gier und Scham wiirgten ihre Kehlen. Ramsin selbst er- 
munterte sie: »Linke Brust des dritten Bildes in der Mitte, zweite 
Frau?« fragte er; oder »unterer Rand des Hemdes? Knochel oder 
Brustwarze?« »Gesicht?« »Nase?« Allmahlich ward es ihnen unmog- 
lich, diesen Fragen zu widerstehn, die gleichsam noch genauer in ihre 
verborgenen Wunsche zielten als das Auge des vortrefflichen Schiitzen 
auf die Bilder. Die schamlosen Fragen Ramsins weckten schamlose 
Antworten. Ramsin schofi; und er traf jedes Ziel, das ihm die Zurufe 
angegeben hatten. 

Allmahlich fullte sich der Hof mit neugierigen Bauern, die das frohli- 
che Knallen und das wiehernde Gelachter herbeilockte. Verwirrung 
bemachtigte sich auch der Zuschauer. Nun hatten alle Bauern ihre 
heimfahrtbereiten Wagelchen verlassen. Sie standen da, Miinder, Au- 
gen und Ohren aufgesperrt. Sie drangten und reckten sich, um besser 
zu sehn. Plotzlich rief Ramsin, der bereits drei Magazine verschossen 



TARABAS 551 

hatte: »Gebt mir ein Gewehr!« Man brachte es ihm. Er schoft. Kaum 
war der Schufi verhallt - da erhob sich schon ein Schrei, aus alien Kehlen 
gleichzeitig. Eine grofie Flache des blaugetiinchten Kalks mit den letz- 
ten vier unziichtigen Bildern Ramsins hatte sich von der Mauer gelost, 
war abgesprungen, geborsten, in Splitter und Staub zerfallen. Und vor 
den aufgerissenen Augen der Zuschauer vollzog sich ein wahrhaftiges 
Wunder: Auf dem rissigen Grunde der Wand, im tiefen, goldenen Ab- 
glanz der untergehenden Sonne, erschien an Stelle der zuchtlosen Bilder 
Ramsins das selige, sufie Angesicht der Mutter Gottes. Man sah das 
Angesicht zuerst, hierauf die Biiste. Tiefschwarz war ihre grofie, dichte 
Haarkrone, von einem silbernen, halbrunden Diadem geschmuckt. Ihre 
gliihenden, schwarzen Augen schienen mit unsaglichem Schmerz, mit 
schwesterlichem, frohlichem Trost und mit kindlicher Verwunderung 
auf die Manner zu blicken. Aus dem Ausschnitt des rubinroten Kleides 
schimmerte das gelblichweifie Elfenbein der Haut, und man ahnte die 
schone, gnadenreiche Brust, die bestimmt war, den kleinen Heiland zu 
nahren. Rotlich vergoldet vom Widerschein der untergehenden Sonne, 
die an diesem Tage langer am Himmel verbleiben zu wollen schien als an 
alien Tagen vorher, war die enthiillte Erscheinung der Mutter Gottes 
alien zweifellos ein wahres Wunder. Plotzlich sang einer aus der Menge 
mit inbrunstiger, tiefer und klarer Stimme das Lied: »Maria, du Siifk«, 
ein Lied, bekannt und geliebt in diesem frommen Lande, Jahrhunderte 
alt, dem Herzen des Volkes selbst entsprossen. Im gleichen Augenblick, 
gefallt vom Blitz der Gottesfurcht, fielen alle in die Knie, die kleinen 
Bauern, die machtigen Soldaten, die Deserteure sowohl als auch die 
Getreuen Tarabas'. Eine gewaltige Trunkenheit erfalke sie. Es schien 
ihnen, da£ sie zu schweben begannen, wahrend sie in Wirklichkeit auf 
die Knie sanken. Sie fiihlten sich an den Schultern gefafit und niederge- 
driickt von einer himmlischen Gewalt und zugleich von ihr in die Hohe 
getragen. Je tiefer sie ihre Riicken beugten, desto leichter erhoben sich 
ihre Seelen. Mit hilflosen Stimmen fielen sie in den Gesang ein. Alle 
Loblieder zu Ehren Marias sangen selbst aus ihnen, wahrend langsam 
der Abglanz der Sonne an der Wand entschwand. Man sah bald nur 
noch einen schmalen Streifen, der die Stirn der Mutter Gottes vergol- 
dete. Schmaler und schmaler wurde der Streifen. Nunmehr leuchtete im 
Schatten nur noch das milde Angesicht und der elfenbeinerne Aus- 
schnitt der Brust. Das rote Gewand vermischte sich mit dem Dammer. 
Es ertrank in der beginnenden Nacht. 



552 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie drangten sich vor, der wunderbaren Erscheinung entgegen. Viele 
erhoben sich von der Erde, auf der sie gekniet und gelegen hatten. 
Andere wagten nicht aufzustehen. Sie rutschten und schoben sich vor- 
warts, auf dem Bauch, auf den Knien. In jedem zitterte die Angst, das 
gnadenreiche Bild konnte ebensoschnell erloschen, wie es aufgeleuch- 
tet war. Sie versuchten, ihm moglichst nahe zu kommen, sie hofften, es 
mit den Handen greifen zu konnen. Wie lange schon hatten ihre armen 
Herzen ein so deutliches Wunder entbehrt! Seit langen Jahren war 
Krieg in der Welt! Sie sangen alle Marienlieder, die sie aus der Kirche 
und aus der Schule kannten, wahrend sie stehend, liegend und kniend 
der Erscheinung an der Wand naher riickten. Auf einmal verschwand 
der letzte Schimmer des Tages, als hatte ihn eine ruchlose Hand fortge- 
wischt. Blasse Flecke waren nunmehr das liebliche Elfenbein der Bii- 
ste, des Halses, des Angesichts und die silberne Krone. Die der Wand 
am nachsten geriickt waren, erhoben sich und streckten die Hande aus, 
um die Mutter Gottes zu beriihren. »Halt!« rief es aus dem Hinter- 
grund. Es war Ramsin. Hochaufgerichtet, mitten in einem Rudel 
Kniender, stand er da und schmetterte: »Halt! Riihrt es nicht an, das 
Bild! Dieser Raum hier ist eine Kirche. Don an der Wand, wo ihr das 
Bild seht, stand einmal der Altar! Der judische Gastwirt hat ihn ent- 
fernt. Die Kirche hat er beschmutzt. Mit blauem Kalk hat er die heili- 
gen Bilder bestrichen. Betet, meine Briider! Tut Bufte! Hier soil wieder 
eine Kirche werden. Biifien soil hier auch der Jude Kristianpoller. Wir 
wollen ihn herbeiholen. Er hat sich verborgen. Wir werden ihn fin- 
den !« 

Niemand antwortete. Nun war der Abend vollends eingebrochen. 
Durch die offene Tiir der Kammer drang die kraftige, kuhle, dunkel- 
blaue Finsternis. Sie verstarkte das schreckliche Schweigen. Die blaue 
Wand war beinahe schwarz geworden. Man sah nur noch einen unre- 
gelmaftigen, grauweifien, gezackten Fleck, und nichts mehr. Die Leute, 
die gekniet und gelegen hatten, standen auf, zogernd und als muftten 
sie erst ihre Glieder von irgendwelchen Fesseln befreien. Ein wilder 
Zorn, ihnen selbst kaum bekannt, seit ihrer fnihesten Kindheit in ihre 
Herzen versenkt, vom Blut aufgenommen und durch alle Adern ge- 
trieben, wurde wach und stark in ihnen, genahrt vom Alkohol, den sie 
heute genossen, verstarkt von den Aufregungen des Wunders, das sie 
erlebt hatten. Hundert verworrene Stimmen schrien nach Rache fur 
die milde, sulk, lasterlich behandelte, geschandete Mutter Gottes. Wer 



TARABAS 553 

hatte sie beleidigt, mit billigem, blauem Kalk beschmiert, unter Mortel 
und Branntweingeruch begraben? Der Jude! - Uraltes Gespenst, in 
tausendfacher Gestalt liber das Land gesat, schwarender Feind im 
Fleisch, unverstandlich, schlau, blutdiirstig und sanft zugleich, tau- 
sendmal erschlagen und auferstanden, grausam und nachgiebig, 
schrecklicher als alle Schrecken des eben iiberstandenen Krieges: der 
Jude. In diesem Augenblick trug er den Namen des Wirtes Kristian- 
poller. »Wo verbirgt er sich?« fragte jemand. Und andere schrien: »Wo 
verbirgt er sich?« 

Die Bauern, die das Muttergottesbild gesehen hatten, dachten nicht 
mehr daran, heute noch heimzufahren. Aber auch die anderen, die von 
dem Wunder nur gehort hatten, begannen, die Pferdchen auszuspan- 
nen und sie in den Hof Kristianpollers zu fiihren. Es schien ihnen 
notig, an dem Orte zu bleiben, in dem sich eine so himmlische Bege- 
benheit zugetragen hatte. Langsam erst, mit ihren vorsichtig tastenden, 
sachte mahlenden Gehirnen nahmen sie die wunderbare Kunde auf, 
walzten sie hin und her in den schweren, wiederkauenden Kopfen, 
zweifelten, wurden gleich darauf verzlickt, bekreuzigten sich, lobten 
Gott und fullten sich mit Haft gegen die Juden. 

Wo war er iibrigens, der Jude Kristianpoller? Ein paar gingen in die 
Schenke, ihn zu suchen. Hinter dem Schanktisch fanden sie nur den 
Knecht Fedja, der sich betrunken hatte und der seit langem eingeschla- 
fen war. Man suchte in den Gastzimmern, in denen die Offiziere ein- 
quartiert waren. Man schlug die Betten auf, offnete die Kasten. Vor 
dem Gasthaus und drinnen im Hof sammelten sich die Menschen. Ja, 
selbst die Bauern, die bereits auf dem Heimweg begriffen gewesen wa- 
ren, machten kehrt, um das Wunder noch zu erleben. Als sie mit ihren 
Wagelchen und ihren Frauen und Kindern vor dem Gasthof hielten, 
schien es ihnen, daft sie nicht etwa umgekehrt waren, um die gnaden- 
reiche Erscheinung anzubeten, sondern um an dem Juden Rache zu 
nehmen, der die Mutter Gottes geschandet hatte. Denn eifriger als der 
eifrigste Glaube ist der Haft, und fix ist er wie der Teufel. Es war den 
Bauern, als hatten sie alle nicht nur die wunderbare Erscheinung mit 
eigenen Augen gesehn, sondern auch, als konnten sie sich haargenau an 
die einzelnen schandlichen Handlungen erinnern, durch die der Jude 
das Bild beschmutzt und mit blauem Kalk zugedeckt hatte. Und zu 
ihrem Verlangen nach Rache gesellte sich noch das dumpfe Gefiihl 
einer eigenen Schuld, die sie sich aufgeladen hatten, als sie noch leicht- 



554 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sinnig genug gewesen waren, den Juden nach seinem schmahlichen Be- 
lieben gewahren zu lassen. Kein Zweifel fiir sie mehr: Dazumal hatte 
sie der Teufel verblendet. 

Sie stiegen von den Wagen, bewaffnet mit Peitschen und Kniippeln, 
den neugekauften Sensen, Sicheln und Messern. Es war die Stunde, in 
der die Juden in feiertaglichen Kleidern aus dem Bethaus kamen, bei- 
nahe lauter Greise und Kriippel. Ihnen entgegen stiirzten sich jetzt die 
Bauern. Diesen bewaffneten, kraftigen und wiitenden Mannern er- 
schienen die judischen Schwachlmge, die Greise und die Lahmen, die 
sich da in ihrer sabbatlichen Hilflosigkeit nach Hause schleppten, be- 
sonders gefahrlich, gefahrlicher als Gesundheit, Starke, Jugend und 
Waffen. Ja, in dem trippelnden, ungleichmafiigen Schritt der Juden, in 
der Krummung ihrer Riicken, in der dunklen Feierlichkeit ihrer lan- 
gen, auseinanderklaffenden Kaftane, in ihren gesenkten Kopfen und 
selbst noch in den huschenden Schatten, die ihre schwankenden Ge- 
stalten hie und da auf die Strafienmitte warfen, sooft sie an einer der 
sparlichen Petroleumlaternen voriiberkamen, glaubten die Bauern die 
wahrhaft hollische Abkunft dieses Volkes zu erkennen, das sich von 
Handel, Brand, Raub und Diebstahl nahrte. Was den Schwann der 
humpelnden, armen Juden betraf, so sahen sie wohl, fuhlten sie viel- 
mehr das nahende Ungliick. Allein, sie wankten ihm entgegen, halb im 
Vertrauen auf den Gott, den sie soeben im Bethaus gelobt hatten und 
dem sie sich heimisch und vertraut fuhlten (allzu heimisch und allzu 
vertraut), halb gelahmt von jener Angst, mit der die grausame Natur 
die Schwachen beladt, damit sie um so sicherer der Gewalt der Starken 
anheimfallen. In der ersten Reihe der Bauern schritt ein gewisser Pa- 
sternak, wiirdig anzusehn dank seinem gewaltigen, buschigen, grauen 
Schnurrbart, die Peitsche in der Hand; ubrigens ein reicher und also 
doppelt geachteter Bauer aus der Umgebung von Koropta. Als er in 
der Hohe des judischen Schwarms angelangt war, erhob er die Peit- 
sche, lieE den schweren, vielfach geknoteten Riemen zwei-, dreimal 
iiber seinem Kopf kreisen und knallen und schlug hierauf, da seine 
Hand den sicheren Schwung bekommen hatte, mitten in die dunkle 
Schar der Juden. Er traf ein paar Gesichter. Ein paar Juden schrien auf. 
Der ganze hilflose Schwarm blieb stehen. Einige versuchten, sich an 
die Mauern der Hauschen zu driicken und im Schatten zu verschwin- 
den. Andere aber stiirzten von dem meterhohen holzernen Burgersteig 
in die Straftenmitte, geradewegs den Bauern zu Fiiften. Man hob sie 



TARABAS 555 

hoch, warf sie in die Luft, Dutzende von Handen streckten sich, um 
die wirbelnden Juden aufzufangen und noch einmal, und noch einmal 
und zum viertenmal in die Luft zu werfen. Es war eine sehr klare 
Nacht. Gegen den hellblauen, sternenbesaten Himmel hoben sich die 
tiefschwarzen, flatternden, emporfliegenden und wieder herunterfal- 
lenden Juden wie iibergrofie, seltsame Nachtvogel ab. Dazu kamen 
immer wieder ihre kurzen, schrillen Schreie, denen das briillende Ge- 
lachter ihrer Peiniger antwortete. Hie und da offnete eine der warten- 
den judischen Frauen furchtsam einen Fensterladen und machte ihn 
schnell wieder zu. »Alle Juden zum Hof Kristianpollers und knien und 
beten!« rief eine Stimme. Es war Ramsin. Und Pasternak trieb mit der 
Peitsche die Juden vom Biirgersteig. Man nahm sie in die Mitte und 
fuhrte sie in den Gasthof Kristianpollers. 

Hier in der »Kammer«, in der sich das Wunder zugetragen hatte, wa- 
ren zwei Kerzen angeziindet. Sie klebten auf einem Holzscheit und 
beleuchteten flackernd die Mutter Gottes. Alle Soldaten, auch die Ge- 
treuen des Obersten Tarabas, knieten vor den Lichtern, sangen, bete- 
ten, bekreuzigten sich, neigten ihre Kopfe, stiefien mit den Stirnen ge- 
gen den Boden. Die Kerzen, die man immer wieder erneuerte (man 
wufite nicht, wo sie herkamen, es war, als hatten alle Bauern Kerzen 
mitgebracht), verbreiteten mehr Schatten als Helligkeit. Eine weihe- 
volle Finsternis herrschte in der »Kammer«, eine Finsternis, innerhalb 
derer die beiden Kerzen zwei leuchtende Kerne bildeten. Es roch nach 
billigem Stearin, nach Schweifi, Juchten, sauerlichen Schafspelzen und 
dem heifien Atem der offenen Munder. Oben im Dammer, im ohn- 
machtigen und unbestandigen Licht der schwachen Flammen, schien 
das wunderbare, milde Antlitz der Madonna bald zu weinen, bald 
trostlich zu lacheln, zu leben, in einer iiberirdischen, erhabenen Wirk- 
lichkeit zu leben. Als die Bauern mit dem schwarzen Schwarm der 
Juden ankamen, rief Ramsin: »Platz fur die Juden!« Und die kniende 
und liegende Menge liefi eine Gasse frei. Wahrend die Armen, einzeln 
und zu zweit, vorwartsgestoEen wurden, geschah es, daft der und jener 
Bauer, das Gebet und die Andacht unterbrechend, ausspuckte. Je na- 
her die Juden dem Wunder kamen, desto haufiger und heftiger wurden 
ihre dunklen Gewander angespuckt, und bald klebten die vielen Spu- 
ren silbrigen Speichels an ihren Kaftanen, gelblicher Schleim, eine 
schauerliche, abstruse Art von irrsinnigen Knopfen. Es war lacherlich 
und schaurig. Man zwang die Juden niederzuknien. Und als sie auf den 



556 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Knien lagen und mit furchtsamen, ratlosen Gesichtern links und rechts 
schauten, wie um sich zu vergewissern, woher ihnen grofiere Gefahr 
drohe, und in allerhochster Furcht vor den Kerzen und dem Bild, das 
diese beleuchteten, die Kopfe wegzuwenden versuchten, schrie plotz- 
lich Ramsin aus dem Hintergrund: »Singen!« Und wahrend die Glau- 
bigen wohl zum fiinfzigstenmal das Ave Maria anstimmten, begannen 
die Juden in ihrer Todesangst, aus zusammengeprefiten Kehlen schau- 
erliche Tone hervorzustofien, die wie aus alten, zerbrochenen Leierka- 
sten kamen und mit der Melodie des Ave nicht die geringste Ahnlich- 
keit hatten. »Hinlegen!« befahl Ramsin. Und die gehorsamen Juden 
beruhrten mit den Stirnen den Boden. Ihre Miitzen hielten sie noch 
krampfhaft in den Handen, gleichsam als die letzten Symbole ihres 
Glaubens, den man ihnen rauben wo lite. »Aufstehn!« kommandierte 
Ramsin. Die Juden erhoben sich, mit der schwachen, lacherlichen 
Hoffnung, dafi sie nunmehr von ihrer Pein erlost seien. »Auf, Briider!« 
sagte Ramsins furchtbare Stimme. »Wir wollen sie nach Hause fuh- 
ren!« 

Und die Mehrzahl der Andachtigen verliefi die Statte des Wunders. 
Uniformierte und Bauern, Peitschen, Stocke und Sicheln in den Han- 
den, trieben den diistern Schwarm der Juden durch die triibe beleuch- 
tete, nachtliche Strafie. Man brach in jedes der kleinen Hauschen ein, 
loschte die Lichter aus, befahl den Juden, sie wieder anzuziinden, weil 
man wufite, dafi ihnen ihr Gesetz verbot, Feuer am Sabbat zu machen. 
Manche Bauern nahmen die brennenden Kerzen aus den Leuchtern, 
bargen die Leuchter unter den Rocken, vergniigten sich, die Kerzen an 
alle zufallig erreichbaren brennbaren Stoffe zu halten und sie anzuziin- 
den. So brannten bald Tischtucher, Vorhange und Bettlaken. Die jiidi- 
schen Kinder erhoben ein jammerliches Geschrei, die jiidischen Wei- 
ber rauften sich die Haare, riefen die Namen ihrer Manner, deren 
Klang den Peinigern lacherlich und nichtswiirdig erschien und der sie 
bis zum tranenvollen Lachen erschutterte. Verschiedene ahmten das 
Heulen der Kinder und der Weiber nach. Und es erhob sich ein ganz 
irrsinniger Tumult in der Luft. Einige von den mitgeschleppten Juden 
machten den kindischen Versuch, sich in den Hausern, die ihnen ver- 
traut waren, zu verbergen. Sie wurden aber schnell gefafit und verprii- 
gelt. »Wo ist euer Gastwirt, der Kristianpoller?« briillten immer wie- 
der ein paar Stimmen. So unermefilich der Larm war, so deutlich ver- 
stand man doch im allgemeinen Getummel diese furchterliche Frage. 



TARABAS 557 

Und da alle Juden, samt ihren Weibern und Kindern, mit alien heiligen 
Eiden in einem aufterst verworrenen Chor zu schworen begannen, daft 
sie nicht wiiftten, wo ihr Bruder Kristianpoller sei, verstarkten und 
verdoppelten sich nur die grausamen Fragen. »Wir werden euch z win- 
gen !« rief einer aus der Menge. Es war ein Soldat, ein machtiger Kerl, 
mit breiten Schultern und einem winzigen Kopfchen, das an eine 
kleine Nuft erinnerte, ein armseliges Friichtlein auf einem gewaltigen 
Stamm. Er zerteilte die Menge, trat vor und stellte sich vor eine junge 
jiidische Frau, deren braunliches, schones Gesicht mit den unschuldig 
erschrocken aufgerissenen, goldbraunen Augen unter dem weifien, sei- 
dig schimmernden Kopftuch den Soldaten schon aus der Feme ange- 
lockt und zur Liebe wie zum Hafi gereizt haben mochte. Die junge 
Frau erstarrte. Sie versuchte nicht einmal zurikkzuweichen. »Das ist 
sie, seine Frau, die Frau des Halunken Kristianpoller !« rief der Soldat. 
Eine unsagbare, unmenschliche Gier entziindete sein fahles, kleines 
und nacktes Angesicht. Er erhob einen kurzen, holzernen Kniippel 
und lieft ihn auf das Kopftuch der Judin niedersausen. Sie fiel sofort 
um. Alle stieften einen Schrei aus. Blut zeigte sich auf dem schimmern- 
den Weift des seidenen Kopftuches. Und als hatte der Anblick des ro- 
ten Blutes, des ersten, das an diesem Tage flofi, dem stumpfen Grimm 
der Menge erst einen deutlichen Sinn und eine bestimmte Richtung 
gegeben, erwachte auch in den anderen eine unbezwingliche Gier, zu 
schlagen, zu treten, und schon sahen sie rote Schleier aus Blut vor 
ihren Augen, rote Schleierstrome wie blutige Wasserfalle. Sie hieben 
hinein, jeder mit dem Gegenstand, den er gerade in Handen hielt, auf 
die Menschen, Kinder, Gegenstande, die sich gerade vor ihm und ne- 
ben ihm befanden. 

Als Konzew von der Kaserne her mit einer kleinen Abteilung Soldaten 
heranriickte, sah er sofort, daft er dem iibermafligen Tumult nicht ge- 
wachsen sei. Er schickte schleunigst eine Meldung an den Obersten 
Tarabas, wahrend er in verschiedenen Sprachen der Menge abwech- 
selnd drohende und beruhigende Worte entgegenrief. Die Bauern und 
Soldaten aber waren schon zu tief in ihrem Rausch befangen, um noch 
etwas von diesen erniichternden Zurufen zu begreifen. Sie fuhlten nur 
undeutlich, daft ihnen hier eine ordnende und also feindliche Gewalt 
entgegenruckte, und sie machten Ans taken, ihr ebenfalls kraftig zu be- 
gegnen. Die Instrumente, mit denen sie soeben losgeschlagen hatten, 
verwendeten sie als Wurfgeschosse gegen Konzew und die Abteilung. 



5$8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Konzew wagte keinen entscheidenden Befehl, ohne Erlaubnis des 
Obersten Tarabas. Er wich also vorlaufig zuriick und verteilte seine 
wenigen Leute zu beiden Seiten der Strafte als Wachen vor den noch 
unversehrt gebliebenen Hausern. Die Menge riickte zwar nicht weiter. 
Aber um so kraftiger hieb sie auf den Rest des Judenhaufens, auf die 
Gefangenen in ihrer Mitte. Hie und da schlugen blaue Flammchen aus 
den Hausern, und Jammern und Heulen brach durch Fenster und Tii- 
ren. Konzew wartete ungeduldig. Jeden Augenblick mufite der Oberst 
Tarabas kommen. 

Indessen kam nur der Soldat zuriick, den Konzew geschickt hatte. Er 
meldete, dafi alle Offiziere in ihrer Messe, in der Baracke, sich in einem 
fast leblosen Zustand befanden, und auch der gewaltige Oberst Tara- 
bas unterschiede sich augenblicklich nicht von den andern. Ja, viel- 
leicht sei er sogar noch schlimmer dran. Denn, wie ihm der Koch und 
die bedienenden Soldaten berichtet hatten, ware es im Verlauf des Vor- 
abends zu einem Streit gekommen. Der alte Major Libudin, eben jener, 
der noch aus alten Zeiten das Bahnhofskommando befehligte und auch 
seinen Abschied nicht zu nehmen gedachte, hatte dem Obersten Tara- 
bas zugerufen, solch eine.Art sinnloser Trinkerei hatte man in der alten 
russischen Armee nicht gekannt. Es ware nun Streit entstanden. Tara- 
bas hatte alle Unzufriedenen aufgefbrdert, die neue Armee auf der 
Stelle zu verlassen. Hierauf hatten sich die Offiziere geschlagen, auch 
Tarabas. Und nach einer iiberraschenden, allgemeinen Versohnung 
ware in alien neuerlich die Lust ausgebrochen, sich zu betrinken. 
Der Feldwebel Konzew entschlofi sich, seine kleine Abteilung wieder 
zu sammeln und mit gefalltem Bajonett gegen den Haufen der Bauern 
vorgehen zu lassen. Er wufite noch nicht, da£ sich in der Menge Solda- 
ten befanden. Einige unter diesen trugen immer noch die Pistolen, mit 
denen sie auf Ramsins Zeichnungen geschossen hatten. Sie hafiten den 
Feldwebel Konzew. Sie hatten ihm nichts vergessen. Sie erkannten ihn, 
seine Stimme, und sie beschlossen, angefeuert von Ramsin, sich an ihm 
zu rachen. Sie drangten die Bauern beiseite, stiefkn vor und stellten 
sich in die ersten Reihen des Haufens. Als Konzew den Befehl gab 
vorzugehn, schofl Ramsin, und die desertierten Soldaten folgten ihm. 
Drei von Konzews Leuten fielen. Er begriff die Gefahr, aber es war 
schon zu spat. Bevor er noch »Feuer!« kommandieren konnte, stiefien 
Ramsin und die Deserteure vor, schossen den Rest ihrer Patronen ab, 
gefolgt von dem Siegesgeheul der trunkenen Bauern. 



TARABAS 559 

In der nachtlichen Strafie, die von drei, vier armlichen Ollaternen be- 
lichtet wurde und iiber die von Zeit zu Zeit und immer haufiger aus 
den Judenhauschen hervorziingelnde Flammchen einen huschenden, 
sparlichen Widerschein warfen, begann ein heftiges, kurzes Handge- 
menge. Zwar sah der Feldwebel Konzew, alter Soldat, der er war, den 
Ausgang dieses Kampfes sofort voraus. Er wufite, dafi seine kleine Ab- 
teilung dem wiitenden Haufen nicht standhalten konnte. Und Scham 
und Jammer empfand er, da er bedachte, daft ihn ein schmahliches 
Ende nach solch einem schmahlichen Handgemenge erwartete, ihn, 
einen der furchtlosesten Soldaten der grofien russischen Armee. Viele 
Soldaten, brave Feinde, Osterreicher und Deutsche, hatte er mit seinen 
braven Handen getotet. Aus Ratlosigkeit, aber auch aus Treue zu sei- 
nem Herrn und Obersten Tarabas, war er hierhergekommen. Was ging 
ihn dieses neue Landchen an? Was, zum Teufel, gingen ihn die Juden 
von Koropta an? - Ach, welch ein Ende fur einen alten Soldaten aus 
dem grofien Kriege! - All diese Gedanken jagten mit grofier Ge- 
schwindigkeit durch den Kopf des grofiartigen Konzew, wahrend sein 
militarisches und ordentliches Gewissen, gleichsam als ein ganz beson- 
deres und sein eigentliches Gehirn, ihm alle Mafinahmen diktierte, die 
in Anbetracht dieser scheufilichen Lage notwendig waren. In der Lin- 
ken die Pistole, den schweren, krummen Sabel in der Rechten, umge- 
ben von den johlenden Bauern und seinen Todfeinden, den Deserteu- 
ren, hieb und schofi der tapfere Konzew nach alien Seiten. Er iiber- 
ragte die Meute, die ihn umdrangte, um seinen ganzen gewaltigen, 
muskulosen Kopf. An alien Stellen seines Korpers spiirte er Schmer- 
zen, ein dichter Hagel von Schlagen fiel auf ihn nieder. Plotzlich fiihlte 
er einen Stich im Hals. Seine blutunterlaufenen, von Schleiern iiber- 
hangenen Augen konnten noch Ramsin wahrnehmen, der ein gewohn- 
liches baurisches Steckmesser in der erhobenen Hand hielt. »Hund, 
du«, rochelte Ramsin. »Sohn und Enkel einer Hundin!« Mit der letz- 
ten Klarheit, die ihm der nahende Tod bescherte, begriff Konzew die 
schmachvolle Art seines Untergangs. Ein Bauermesser war ihm in den 
Hals gefahren. Ein elender Rauber, ein Deserteur hatte es gefiihrt. Er- 
bitterung, Scham und Hafi verzerrten sein Angesicht. Er sank hin, zu- 
erst auf die Knie. Dann streckte er die Arme aus, man machte ihm 
Platz. Er hatte keine Kraft mehr, sich auf die Hande zu stiitzen. Er fiel 
der Lange nach hin, mit dem Gesicht in den Schlamm und Unrat der 
StraEenmitte. Sein Blut stromte aus dem Hals, iiber den Kragen der 



560 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Uniform und versickerte in der kotigen Erde. Uber seinen Leib und 
tiber die Leiber der anderen Soldaten trampelten und stampften die 
genagelten Stiefel der Menge. Einige hatten sich selbst Wunden zuge- 
fiigt. Einige andere waren verletzt worden. Aber ihr eigenes rinnendes 
Blut besanftigte sie keineswegs, sondern berauschte sie noch mehr als 
das fremde, das sie ringsum flieften sahen. Der kurze Kampf hatte sie 
ebenfalls nicht etwa ermattet, sondern im Gegenteil ihren Drang zum 
sinnlosen Wiiten noch verstarkt. Aus den riesenhaft aufgerissenen 
Miindern stiefien sie in einem seltsam regelmafiigen, beinahe strengen 
Rhythmus unmenschliche Rufe aus, in denen Schluchzen, Heulen, 
Jammer, Jubel, Gelachter, Weinen, der Brunst- und Hungerschrei von 
Tieren enthalten war. Auf einmal brachte ein Soldat eine Fackel herbei. 
Er hatte um das obere Ende seines Stockes ein Tischtuch gewickelt, 
eine der sparlichen Laternen zerschlagen, das Tuch mit Petroleum ge- 
trankt und angeziindet. Nun schwenkte er die Fackel liber den Kopfen 
zuerst, beriihrte mit ihr die tief iiber die Hauschen hangenden trocke- 
nen Schindeldacher und entziindete sie. Viele taten wie er. Hierauf 
begann allmahlich die ganze Hauptstrafie von Koropta zu brennen. 
Die leckenden Feuerchen, die lustig und ausgelassen aus den Dachlein 
zu beiden Seiten der Strafie dahertanzelten, erfreuten die Menge der- 
mafien, dafi sie beinahe der Juden vergafi. Man schleppte zwar die Ar- 
men immer noch mit, die unaufhorlich stolperten, in die Knie sanken 
und gewaltsam wieder hochgehoben wurden, aber man stiefi und prii- 
gelte sie nicht mehr. Man begann sogar, ihnen begutigend und trostlich 
zuzusprechen und sie auf die schauerlichen Schonheiten hinzuweisen, 
die man da angestiftet hatte. »Schau, schau, das Flammchen!« sagte 
man. »Sieh, sieh, hier, meine Wunde!« sagte man. »Das tut weh, siehst 
du?« sagte man. Man hatte sich allmahlich an die Juden gewohnt. Sie 
waren, nachdem man sie so lange gepeinigt hatte, ein unentbehrlicher 
Bestandteil des ganzen Triumphzuges geworden. Man hatte sie um 
keinen Preis entbchren mogen. Die Juden aber erschreckten milde 
Worte und sanfte Behandlung noch mehr als Schlage und Peinigungen. 
Es schien ihnen, dafi der allgemeinen Milde nur noch starkere Folte- 
rungen folgen mufiten. Naherte sich ihren Schultern eine friedliche 
Hand, so zuckten sie zusammen wie vor einer Peitsche. Sie sahen aus 
wie ein Haufchen Wahnsinniger, sie stellten eine besondere Art des 
stumpfen, schwachen und furchtsamen Irrsinns dar, mitten unter dem 
gewaltsamen und gefahrlichen der anderen. Sie sahen ihre Hauser 



TARABAS 561 

brennen, ihre Weiber, Kinder und Enkel mochten schon tot sein, sie 
hatten beten mogen, aber sie fiirchteten, einen Laut von sich zu geben. 
Warum strafte sie der alte Gott so hart? Seit vier Jahren schon schut- 
tete er Qualen iiber Qualen auf die Juden von Koropta. Der Zar, der 
alte Pharao, war gestorben, ein neuer war auferstanden im ewigen 
Lande Agypten, ja, ein ganz neues, kleines zwar, aber unheimlich 
grausames Agypten war auferstanden! Von Zeit zu Zeit stiefien die 
Juden erstickte Seufzer aus; es klang wie die heiseren, furchtsamen 
Rufe der Mowen vor einem Sturm. 

Die Wache in der Kaserne hatte die Schusse vernommen. Der Rest von 
Tarabas' Leuten, der in der »Kammer« Kristianpollers verblieben war, 
ebenfalls. Diese Leute erwachten plotzlich aus dem Rausch, in den sie 
der Alkohol, das Wunder, das Gebet, der Gesang versetzt hatten. Sie 
wurden von der Furcht ergriffen, der Furcht der disziplinierten Solda- 
ten, vor dem eigenen, militarischen Gewissen und vor der fiirchterli- 
chen Strafe Tarabas 5 . Einen Teil ihrer Waffen hatten die Deserteure 
genommen. Die Soldaten in der »Kammer« sahen einander stumm, 
vorwurfsvoll und angstlich an, schuldbewufk senkte einer vor dem an- 
deren die Augen. Nun, da sie aus ihrem Rausch erwachten, konnten sie 
sich zwar an alle Vorgange dieses sonderlichen und furchtbaren Tages 
erinnern, aber sie wufiten keine Erklarung fur den bosen Zauber, dem 
sie erlegen waren. Immer noch brannten und qualmten die zahllosen 
Restchen der Kerzen vor der Mutter Gottes. Aber das Bild sah man 
nicht mehr. Es war, als sei es wieder verschwunden, vom Dammer 
verschlungen. »Es geht schrecklich zu«, begann schlieftlich einer. »Wir 
miissen in die Kaserne. Wir miissen den Alten verstandigen. Wer wagt 
es?« - Man schwieg. »Wir gehen alle zusammen!« sagte ein anderer. Sie 
driickten die schwelenden Kerzenstiimpfchen aus und verlieflen die 
»Kammer«. Sie sahen den Widerschein des Feuers, horten den Larm, 
setzten sich in Trab, liefen im Bogen um die Hauptstrafte. Als sie die 
Kaserne betraten, stand das Regiment zum Ausmarsch bereit. Tarabas 
safi gerade auf. »Sofort in die Reihen!« rief er ihnen zu. Sie rannten in 
die Zimmer, suchten und fanden noch ein paar verlassene Gewehre 
und schoben sich, jeder einzelne, wo er noch Platz fand, in eine der 
aufgestellten Zugsreihen. Ein paar Offiziere (nicht alle) waren auf den 
Beinen. Die iiblichen Kommandos erfolgten. Das stark gelichtete Re- 
giment riickte in die Stadt, Tarabas zu Pferde, an der Spitze, wie das 
Reglement es befahl, mit gezogenem Sabel. Sie nickten geradewegs in 



562 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die Hauptstrafie. Der gewaltige Oberst Tarabas, zwanzig Schritt Ab- 
stand vor seiner ersten Kompanie, rotlich im Widerschein der Flam- 
men, war so schrecklich anzusehn, dafi aller Larm des irrsinnigen Hau- 
fens verstummte. »Zuriick!« schmetterte Tarabas. Und gehorsam be- 
gannen alle riickwarts zu gehen, wandten sich dann um, als ware ihnen 
plotzlich zum Bewufitsein gekommen, dafi sie, riickwarts schreitend, 
nicht schnell genug dem gefahrlichen Tarabas entfliehen konnten und 
den zahllosen aufgepflanzten Bajonetten, die sie hinter ihm im Wider- 
schein des Feuers blitzen sahen. Man lief, man rannte um Tod und 
Leben. Man liefi die Juden, man hatte sie schon vergessen. Sie blieben, 
ein geschlossener, wie zusammengekitteter, schwarzer Knauel in der 
Mitte der Strafie. Sie ahnten, dafi ihre Rettung nahe war, aber sie wufi- 
ten zugleich auch, dafi sie zu spat kam. Verloren waren sie, fur alle 
Zeiten. Sie riihrten sich nicht. Mochten sie von den Rettern endgultig 
zertreten und zerstampft werden. Tod und Frost waren in ihren Her- 
zen. Nicht einmal ihre korperlichen Schmerzen spurten sie mehr. Auf 
den holzernen Burgersteigen, die auch schon langsam an einigen Stel- 
len zu schwelen anfingen, standen Weiber und Kinder zu beiden Sei- 
ten, die brennenden Hauschen im Riicken. Sie schrien nicht. Selbst die 
Kinder weinten nicht mehr. »Fort! Fort!« befahl Tarabas. Und vor 
ihm lief jetzt der dunkle Schwarm der Juden einher, zu beiden Seiten, 
auf den holzernen Brettern klapperten die hastigen Sohlen der Frauen 
und Kinder. Nachdem die Strafie frei geworden war, begannen die Sol- 
daten aus den Hausern zu retten, was noch zu retten war. Man ver- 
suchte, so gut es ging, die Brande zu ersticken. An Wasser fehlte es, 
auch an Gefafien. Man konnte nicht daran denken, das Feuer zu 16- 
schen. Man warf Mantel, Steine, Kot auf das Feuer, man holte aus den 
Stuben wahllos Tische, Bettzeug, Leuchter, Lampen, Topfe, Schragen, 
Wiegen, Brote, Speisen aller Art, Hausrat jeder Gattung. Mit den Stie- 
feln zertrat man den schwelenden Brand auf den Burgersteigen. Was 
man nicht loschen konnte, liefi man brennen, man versuchte, mit Bajo- 
netten, Sabeln und Gewehrkolben Schindeln abzureifien, Mauern zu 
zerschlagen, brennendes Bettzeug niederzustampfen. Eine Stunde spa- 
ter konnte man nur noch blauliches Ziingeln, gelbliches Schwelen, rot- 
liches Vergluhen der ganz und halb abgebrannten Hauser von Koropta 
sehen und den erstickenden, blaugrauen Dunst, der das ganze Stadt- 
chen einhullte. Ermattet und reglos lagerten und hockten die Soldaten 
in der Strafie. Sie erwarteten gleichgiiltig den Morgen. Kein Wind regte 



TARABAS 563 

sich, zum Gliick. Von den wenigen unversehrt gebliebenen Hausern 
Koroptas enthielt nur eines noch lebendige Bewohner: der Gasthof 
»Zum weifien Adler«; der Gasthof des verschwundenen Juden Kri- 
stianpoller. Hier im Hof und in den Stuben, im geraumigen Gastzim- 
mer und im Keller drangten sich die Juden und die Bauern. Manche 
hatten Schrecken und Mudigkeit, Alkohol, Betaubung und Schmerzen 
eingeschlafert. Bauern und Juden lagen nebeneinander. Man sah keine 
Soldaten mehr. Die Deserteure, unter Ramsins Fiihrung, hatten Ko- 
ropta schon verlassen. Kinder schrien aus dem Schlaf, Frauen 
schluchzten. Ein paar Juden hockten da, fanden keine Kraft mehr, sich 
zu erheben, beteten summend und singend und wiegten ihre Oberkor- 
per im Takt zu ihren alten Melodien. 

Als der Morgen anbrach, ein heiterer Morgen, der wieder einen der 
gewohnten goldenen Tage dieses spaten, sonderbaren Herbstes ver- 
kiindete, erwachten die Bauern zuerst, taumelten ein wenig, weckten 
ihre Weiber und gingen hinaus, nach ihren Pferden und Wagen zu 
sehn. Sie erinnerten sich langsam und schwer an den Abend, an die 
Nacht, das Feuer, den Kampf, das Wunder und an die Juden. Sie gin- 
gen in die »Kammer«. Und siehe da: Das wunderbare Bild der Mutter 
Gottes lebte noch an der Wand, davor lagen unzahlige Holzscheite, 
und auf den Scheiten klebten unzahlige ausgebrannte Kerzenstiimpf- 
chen. Es war also wirklich wahr. Das milde Antlitz der Mutter Gottes 
zeigte im grauen Licht des Morgens keine veranderten Ziige. Gutig, 
lachelnd, schmerzlich leuchtete es elfenbeinfarben iiber dem blutroten 
Gewand. Seine Giite, sein Weh, seine himmlische Trauer, seine selige 
Schonheit waren wirklicher als der Morgen, die aufgehende Sonne, die 
Erinnerung an die blutigen und feurigen Schrecken der vergangenen 
Nacht. Die Erinnerung an all das verschwand vor der Heiligkeit des 
Bildes. Und mochte auch in dem und jenem der Bauern Reue wach 
werden, es war ihnen, als sei alles schon vergeben, da es ihnen nur 
vergonnt war, das liebliche Antlitz anzuschauen. 
Indessen: Sie waren Bauern. Sie dachten an ihre Gehofte und Hofe, an 
die Schweine und an das Geld, das sie in ihren Sackchen um den Hals 
trugen. Sie muftten nach Hause, in die umliegenden Dorfer. Und sie 
beeilten sich doppelt und dreifach, denn sie mufken zu den zu Hause 
verbliebenen Briidern Kunde von dem Wunder in Koropta geben. Zu- 
gleich ahnten sie, dafi ihnen Gefahr von dem Regiment des Obersten 
Tarabas noch drohen konnte, das sie gestern in die Flucht getrieben 



564 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte. Sie bestiegen die Wagelchen. Sie peitschten die Pferdchen an und 
jagten davon, den umliegenden Dorfern zu. 

Als der Oberst Nikolaus Tarabas in den Gasthof Kristianpollers ein- 
ritt, fand er nur noch die jammernden Juden vor, die ihm mit verzwei- 
felten, verweinten und zerschundenen Gesichtern, flehend erhobenen 
Handen, namenlosen Schrecken und Schmerz in den Augen, entgegen- 
traten. Er befahl ihnen, den Gasthof zu verlassen, sich in den noch 
unversehrt gebliebenen Hausern zu verbergen und sich nicht zu riih- 
ren, ehe nicht neue Befehle ergangen waren. Und da sie ihn dauerten, 
gab er ihnen die Versicherung, daft die Soldaten iiber sie wachen wiir- 
den, solange sie sich still, in den Hausern eingeschlossen, verhielten. 
Sie zogen davon. 

Ein paar Offiziere kamen. Tarabas ging mit ihnen in die »Kammer«, 
das Wunder zu sehn. Vor dem Bildnis der Mutter Gottes zogen sie die 
Miitzen ab. Tarabas' Soldaten hatten berichtet, wie Ramsin auf seine 
schamlosen Zeichnungen geschossen und wie sich unter dem Kalk das 
Bild plotzlich gezeigt hatte. Tarabas bekreuzigte sich. Im ersten Au- 
genblick hatte er Lust niederzuknien. Er iiberlegte schnell, daft er nach 
den Vorf alien der ietzten Nacht, der morderischen Folge eines blinden 
Glaubens, eine verniinftige Haltung einzunehmen verpflichtet war. 
Hinter ihm standen die Offiziere. Er schamte sich. Er durfte keine 
Bewegung machen, die seine bigotten Regungen verraten hatte. Er be- 
kreuzigte sich noch einmal und machte kehrt. 

Der Gastwirt Kristianpoller muftte sich nach Tarabas' Meinung noch 
irgendwo im Gasthof verborgen halten. Er befahl, alle Winkel des 
Hauses zu durchsuchen. Unterdessen brachte man die in der Nacht 
getoteten Soldaten in den Gasthof. Es waren fiinf, der Feldwebel Kon- 
zew unter ihnen. »Legt den Konzew in mein ZimmerU befahl der 
Oberst Tarabas. 

Er gab ein paar Anweisungen fur die nachste Stunde. Er befahl eine 
telefonische Verbindung mit der Hauptstadt, mit dem General Laku- 
beit. Dann ging er in sein Zimmer, riegelte die Tiir ab und setzte sich 
neben das Bett, auf das man den toten Konzew gelegt hatte. 



ZWEITERTEIL DIEERFULLUNG 



XVI 



Nun war Tarabas allein mit dem toten Konzew. Man hatte das Ange- 
sicht des Feldwebels gewaschen, die Uniform von den Blut- und Kot- 
spuren gereinigt, die hohen Stiefel gewichst, den machtigen Schnurr- 
bart gebiirstet. Sabel und Pistole lagen neben ihm, zur Rechten und zur 
Linken, die kraftigen, behaarten Hande mit den grofien, rissigen Na- 
geln waren iiber dem Bauch gefaltet. Der milde Schimmer des ewigen 
Friedens schwebte iiber dem scharfen, soldatischen Angesicht. Das 
Angesicht des Obersten Tarabas aber zeigte Zerfahrenheit, Unrast und 
Bitterkeit. Er wunschte sich, weinen zu konnen, toben zu diirfen. Er 
konnte nicht weinen, der Oberst Tarabas. Er sah graue Haare an den 
Schlafen des Feldwebels und fuhr mit der Hand iiber die Schlafen und 
zog sie sofort zuriick, erschrocken iiber seine eigene Zartlichkeit. Er 
dachte an die Weissagung der Zigeunerin. Noch kiindigte nichts seine 
Heiligkeit an ! Torichte Worte, langst begraben unter dem Gewicht der 
Schrecknisse, ertrunken im Blut, das man vergossen hatte, versunken 
wie die Jahre in New York, der Wirt, das Madchen Katharina, die 
Cousine Maria, Vater, Mutter und Haus ! Tarabas gab sich Miihe, die 
Bilder, die vor ihm auftauchten, Erinnerungen zu nennen und sie also 
ihrer Macht zu berauben. Er wollte den Gedanken, die ihn peinigten, 
jene gewichtlosen Bezeichnungen geben, die sie zu unbedeutenden 
und ungefahrlichen Schatten der Vergangenheit stempeln, die ebenso- 
schnell verfliegen, wie sie auftauchen. Er versuchte, sich in die Verbit- 
terung iiber den Tod Konzews, seines besten Mannes, zu retten und 
sein Gelust nach Rache fur diesen Toten noch zu steigern. Er haftte 
nun diese Juden, diese Bauern und dieses Koropta, dieses Regiment, 
dieses ganze neue Vaterland, diesen Frieden und diese Revolution, die 
es geboren und gebildet hatten. Ach, er wollte - wie rasch fafke Tara- 
bas seine Entschlusse! - Ordnung machen, dann sein Amt niederlegen, 
dem kleinen General Lakubeit ein paar grobe Wahrheiten sagen und 
auf und davon gehn! Auf und davon! Wohin aber, gewaltiger Tara- 
bas?! Gab*s noch Amerika? Gab es noch das vaterliche Heim? Wo war 
man zu Hause? Gab es noch irgendwo Krieg in der Welt?! 



$66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Aus diesen Uberlegungen - es waren, wie man sieht, verworrene Ket- 
ten von Einfallen - rifi Tarabas die Stimme der Ordonnanz, die durch 
die geschlossene Tiir meldete, der Anmf des Generals Lakubeit werde 
in zwanzig Minuten erfolgen, der Oberst moge zur Post gehen. Tara- 
bas fluchte auf die primitiven und umstandlichen postalischen Verhalt- 
nisse - auch eine der iiblen Folgen neuer und uberfliissig gegriindeter 
Staaten. 

Er befahl Kerzen, fiir den Toten eine Ehrenwache und den Priester 
und ging ins Postamt. Er befahl dem einzigen Beamten, der seinen 
Dienst verrichtete, das Amt zu verlassen, man habe »Staatsgeschafte« 
zu fuhren. Der Beamte ging hinaus. Es klingelte, und der Oberst Tara- 
bas nahm seibst den Horer ab. » General Lakubeit !« Tarabas wollte 
einen kurzen Bericht erstatten. Aber die sanfte, klare Stimme des klei- 
nen Generals, die wie aus dem Jenseits heriiberkam, sagte: »Nicht un- 
terbrechen!« Hierauf gab sie in kurzen Satzen Anweisungen: den Be- 
fehl, das Regiment in Bereitschaft zu halten; ubermorgen erst konnten 
Teile des Regiments aus der entfernten Garnison Ladka nach Koropta 
beordert werden; man miisse mit neuen Unruhen rechnen; alle Bauern 
der Umgebung sammelten sich, das Wunder zu sehen; man miisse den 
Ortspfarrer bitten, die Leute zu beruhigen; alle Juden seien in den 
Hausern zuriickzuhalten - »soweit solche noch vorhanden«, sagte der 
General wortlich, und der Oberst Tarabas horte Hohn und Tadel in 
dieser Bemerkung. »Das ist alles!« schlofi der General, und: »Warten 
Sie!« rief er noch. Tarabas wartete. »Wiederholen Sie kurz!« befahl 
Lakubeit. Tarabas erstarrte vor Schreck und Wut. Er wiederholte ge- 
horsam. »Schlufi!« sagte Lakubeit. 

Geschlagen, ohnmachtig und voller Zorn, vernichtet von der schwa- 
chen, fernen Stimme eines schwachlichen, alten Mannes, der kein Sol- 
dat, sondern »nur ein Advokat« war, verliefi der gewaltige Tarabas das 
Postamt. Fast wunderte er sich iiber den Grufi des Postbeamten, der 
vor dem Eingang gewartet hatte. Kraftig von Ansehn, aber in Wirk- 
lichkeit schwach und ohne seinen alten Stolz, ging der grofie Tarabas 
durch die Triimmer des Stadtchens Koropta. Es rauchte und schwelte 
immer noch zu beiden Seiten der Strafte. Und Tarabas nahm sich trotz 
seiner wirklichen muskulosen und fleischlichen Erscheinung nur wie 
ein gewaltiges Gespenst aus, zwischen dem Schutt, der Asche, den 
wahllos vor den Hausern aufgereihten, nutzlos geretteten, verlassenen 
Gegenstanden. 



TARABAS 567 

Er ging, ohne Soldaten und Offiziere anzusehn, in den Gasthof zu- 
riick. Uberrascht blieb er in der Gaststube stehn. Hinter dem Schank- 
tisch verneigte sich, als ware nichts geschehen, der Jude Kristianpoller. 
Als ware nichts geschehen, spiilte der Knecht Fedja die Glaser. 
Beim Anblick des Juden, der so unversehrt und unbekiimmert sein 
gewohnliches Geschaft fortsetzte, als ware er plotzlich wieder aus 
einer Wolke hervorgetreten, die ihn bis jetzt unsichtbar gemacht und 
geschiitzt hatte, tauchte auch im Obersten Tarabas der Verdacht auf, 
daft es Juden gebe, die zaubern konnen und daft dieser Wirt tatsachlich 
fiir die Schandung des Muttergottesbildes verantwortlich sei. Die 
ganze grofte Mauer, die unuberwindliche Mauer aus blankem Eis und 
geschliffenem Haft, aus Mifitrauen und Fremdheit, die heute noch, wie 
vor Tausenden Jahren, zwischen Christen und Juden stent, als ware sie 
von Gott selbst aufgerichtet, erhob sich vor Tarabas' Augen. Sichtbar 
hinter diesem blanken, durchsichtigen Eis stand nun Kristianpoller, 
nicht mehr das gefahrlose Subjekt von einem Handler und Gastwirt, 
nicht mehr nur der nichtswiirdige, aber ungefahrliche Angehorige 
einer geringgeschatzten Schicht, sondern eine fremde, unverstandliche 
und geheimnisvolle Personlichkeit, ausgeriistet mit hollischen Mitteln 
zum Kampf gegen Menschen, Heilige, Himmel und Gott. Auch aus 
den unergriindlichen Tiefen des Tarabasschen Gemiits stieg, wie ge- 
stern aus dem ahnungslos frommen der Bauern und Soldaten, ein blin- 
der und briinstiger Haft gegen den unversehrten, gleichsam gegen den 
ewig aus alien Gefahren unversehrt hervorgehenden Juden, der dies- 
mal zufallig den Namen Nathan Kristianpoller trug. Ein anderes Mai 
hiefi er anders. Ein drittes Mai wiirde er wieder einen neuen Namen 
fuhren. Oben in Tarabas 5 Zimmer lag der gute, teure Konzew aufge- 
bahrt, tot, fiir alle Ewigkeit tot, und fiir diesen unverletzlichen, teufli- 
schen Kristianpoller gestorben. Ganze hunderttausend Juden hatte Ta- 
rabas fiir einen Stiefel des toten Feldwebels Konzew geopfert! Tarabas 
antwortete nicht auf den ehrfiirchtigen Grufi Kristianpollers. Er setzte 
sich. Er bestellte nicht einmal Tee oder Schnaps. Er wufite, daft der 
Wirt ohnehin bald mit den Getranken kommen wiirde. 
Und Kristianpoller kam auch. Er kam mit einem Glas heiftem, damp- 
fendem, goldenem Tee. Er wuftte, daft Tarabas jetzt nicht in der Laune 
war, Alkohol zu genieften. Tee besanftigt. Tee klart die Verworrenen, 
und Klarheit ist den Verniinftigen nicht gefahrlich. Er hat den Tee in 
der Holle gekocht, fuhr es durch Tarabas' Gehirn. Woher weift er, 



568 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wonach mich diirstet? Als ich eintrat, hatte ich beschlossen, einen Tee 
zu verlangen. - Und da Kristianpoller Tarabas* Wunsch erraten hatte, 
fiihlte sich der Oberst geschmeichelt, seinem eigenen Mifitrauen zum 
Trotz. Er konnte sich einer gewissen Bewunderung fiir den Juden 
nicht erwehren. Er war auch neugierig zu erfahren, auf welche Weise 
Kristianpoller vermocht hatte, sich zu verbergen und frisch wie ge- 
wohnlich wieder zu erscheinen. Und er begann mit dem Verhor: 
»Weifit du, was hier los ist?« 
»Jawohl, Euer HochwohlgeborenU 

»Du bist schuld daran, daft man deine Glaubensgenossen geschlagen 
und gepeinigt hat; einige meiner Leute sind gefallen; mein lieber Kon- 
zew ist gestorben; deinetwegen! Ich werde dich aufhangen, mein Lie- 
ber! Du bist ein Aufriihrer; ein Kirchenschander; du sabotierst das 
neue Vaterland, auf das wir seit Jahrhunderten gewartet haben. Was 
sagst du dazu?« 

»Euer Hochwohlgeboren«, sagte Kristianpoller, und er erhob sich aus 
seiner gebeugten Stellung und sah dem Furchterlichen mit seinem 
einen gesunden Auge gerade ins Gesicht, »ich bin kein Aufriihrer; ich 
habe kein Heiligtum geschandet; ich liebe dieses Land soviel und so- 
wenig wie jeder andere auch. Euer Hochwohlgeboren gestatten mir 
eine allgemeine Bemerkung?« 
»Sprich!« sagte Tarabas. 

»Euer Hochwohlgeboren«, sagte Kristianpoller und verneigte sich 
noch einmal, »ich bin nur ein Jude!« 
»Das ist es eben!« sagte Tarabas. 

»Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte Kristianpoller, »erlauben mir 
gnadigst, sagen zu diirfen, dafi ich ohne meinen Willen ein Jude gewor- 
den bin.« 

Tarabas schwieg. Es war nicht mehr der fiirchterliche Oberst Tarabas, 
der da schwieg und zu iiberlegen begann. Es war der langst totge- 
glaubte, der junge Tarabas, einst ein Revolutionar, Mitglied einer ge- 
heimen Bande, die spater den Gouverneur von Cherson umgebracht, 
der Student Tarabas, der tausend nachtliche Diskussionen angehort 
hatte, der weiche und leidenschaftliche Tarabas, der rebellische Sohn 
eines steinernen Vaters, ausgestattet mit der Gabe, zu denken und zu 
iiberlegen, aber auch der ewig unfertige Tarabas, dem die Sinne den 
Kopf verwirrten, der sich den Ereignissen auslieferte, wie sie gerade 
kamen: dem Totschlag, der Liebe, der Eifersucht, dem Aberglauben, 



TARABAS 569 

dem Krieg, der Grausamkeit, dem Trunk, der Verzweiflung. Tarabas 5 
Intelligenz wachte noch unter dem Schutt seiner vernichteten, unter 
dem Getiimmel seiner lebendigen Leidenschaften und Rausche. Die 
Sache, die der Jude Kristianpoller mit seinem unerbittlichen Verstand 
verteidigte, ging ja den Gewaltigen und seine verworrene Vergangen- 
heit gar nichts an! Dennoch leuchtete sie in die Finsternisse, die Tara- 
bas seit vielen Jahren ausflillten. Die Antwort Kristianpollers fiel in das 
Gehirn des Obersten wie ein plotzliches Licht in einen Keller. Fur eine 
Weile erhellte es dessen geheime, verschollene Tiefen und die schatti- 
gen Winkel. Und obwohl der Oberst, als er das Verhor begann, bereit 
gewesen war, die ratselhaften Eigenschaften des unheimlichen Juden 
zu klaren und zu erfahren, mufite er sich jetzt selbst zugestehn, dafi die 
Antwort Kristianpollers wie ein plotzliches Licht daherkam, geeignet, 
eher die Dammerungen zu erleuchten, die in seinem eigenen Herzen 
herrschten, als jene, die den Juden umgeben mochten und sein fremdes 
Volk. 

Eine Weile schwieg Tarabas. Einen Augenblick war ihm, als erkenne er 
die Nichtswurdigkeit, Sinnlosigkeit und Leere seines gerauschvollen 
und heroischen Lebens und als hatte er alien Grund, den verachteten 
Kristianpoller um dessen immer wache Vernunft und gewifi sorgfaltig 
geregeltes Dasein zu beneiden. Diese Einsicht wahrte kurz. Noch war 
der gewaltige Tarabas von dem Hochmut erfullt, der in alien Machti- 
gen dieser Erde die Vernunft unterjocht und die seltenen Erkenntnisse, 
deren sie zuweilen teilhaft werden, wie mit einer Wo Ike aus falschem 
Gold umhullt. Der Hochmut war es, der aus Tarabas sprach: 
»Die andern Juden, deine Briider, hast du umkommen lassen. Hattest 
du dich gemeldet, den andern ware nichts geschehn! Selbst deine Glau- 
bensgenossen hast du ausgeliefert. Du bist ein erbarmlicher Mensch. 
Ich werde dich zertreten!« 

»Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte Kristianpoller, »man hatte alle 
anderen geschlagen, wie es geschehen ist, und mich hatte man getotet. 
Ich habe eine Frau und sieben Kinder. Als Euer Hochwohlgeboren 
hierherkamen, habe ich sie nach Kyrbitki geschickt. Ich sagte mir, es 
sei gefahrlich. Ein neues Regiment ist uns Juden immer gefahrlich. 
Euer Hochwohlgeboren sind ein edler Herr, ich weift es bestimmt. 
Aber...« 

Tarabas blickte auf, und Kristianpoller verstummte. Er hatte furchter- 
liche Angst vor dem Wortchen »aber«, das ihm entschlupft war. Er 



57° ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

verneigte sich wieder. Er blieb so, den Riicken tief gebeugt, so dafi der 
Blick des sitzenden Tarabas geradewegs auf das seidene Hauskappchen 
des Juden fiel. 

»Was >aber<?« fragte Tarabas. »Sag alles!« »Aber«, wiederholte Kri- 
stianpoller und richtete sich wieder auf, »Euer Hochwohlgeboren sind 
selbst in der Hand Gottes. Er lenkt wis, und wir wissen nichts. Wir 
verstehen nicht seine Grausamkeit und nicht seine Giite . . .« 
»Philosophiere nicht, Jude!« schrie Tarabas. »Sag, was du meinst!« 
»Nun«, erwiderte Kristianpoller, »Euer Hochwohlgeboren haben ge- 
stern zuviel Zeit in der Kaserne verbracht.« Und nach einer Weile fiigte 
er hinzu: »Es war Gottes Wille!« 

»Du versteckst dich immer wieder hinter Gott!« sagte Tarabas. »Gott 
ist nicht dein Paravent! Ich werde dich aufhangen lassen. Aber jetzt sage 
mir, wo du dich verborgen hast. Du mufe dich wieder verstecken! Ich 
habe den Befehl aus der Hauptstadt, alle Juden verborgen zu halten. Die 
Bauern Ziehen heran, das Wunder in deinem Hof wollen sie sehn. Du 
wirst der erste sein, den sie abschlachten. Und ich will dich personlich 
aufhangen lassen. Dafi du mir das Vergniigen nicht verdirbst!« 
»Euer Hochwohlgeboren !« sagte Kristianpoller, »ich verberge mich im 
Keller. Mein Keller hat zwei Stockwerke. Im ersten steht der Schnaps. 
Im zweiten steht alter Wein. Unter der ersten Treppe liegt eine schwere, 
steinerne Platte. Sie hat eine Ose. In diese stecke ich einen eisernen Ring. 
In den Ring einen eisernen Stab. So hebe ich die Platte. Wenn ich im 
zweiten Stockwerk des Kellers sitze, lasse ich die Spitze der Stange 
zwischen der Platte und dem Boden. Euer Hochwohlgeboren konnen 
mich aus diesem Versteck holen und hinrichten lassen. « 
Tarabas schwieg. Der Jude log nicht. Aber selbst die Wahrheit noch aus 
diesem Munde mufite irgendeine Luge enthalten. Sogar der Mut, den 
der Wirt Kristianpoller bewies, mufke lediglich die Maske irgendeiner 
verborgenen Feigheit sein, einer teuflischen Feigheit. Also sagte Tara- 
bas: 

»Ich werde dich holen. Sag mir noch, weshalb du die Kirche in deinem 
Hof und die Mutter Gottes geschandet hast!« 

»Ich nab' es nicht getan!« rief Kristianpoller. »Dieses Haus ist sehr alt. 
Ich habe es von meinem Urgroftvater geerbt! Ich weift nicht, wann die 
Kapelle zu einer Rumpelkammer geworden ist. Ich weifi es nicht. Ich 
bin unschuldig!« 
Es war so viel Inbrunst in diesen Rufen Nathan Kristianpollers, dafi sich 



TARABAS 571 

sogar in Tarabas Vertrauen regte. »Also geh, verbirg dich!« sagte der 
Oberst. »Ich mochte fur mich ein anderes Zimmer, auf meinem Bett 
liegt der Tote. « 

»Es ist besorgt!« erwiderte Kristianpoller. »Euer Hochwohlgeboren 
haben das Zimmer meines seligen Grofivaters. Es ist im zweiten Stock, 
neben dem Dachboden leider! Ich habe es hergerichtet. Das Bett ist 
gut. Der Of en ist geheizt. Fedja wird es Euer Hochwohlgeboren zei- 
gen. Fiir den seligen Herrn Konzew habe ich ein Dutzend Wachsker- 
zen vorbereitet. Sie liegen im Nachtkastchen, neben dem Bett. Seine 
Hochwiirden, der Herr Pfarrer, ist oben!« 
»Rufe ihn!« befahl Tarabas. 



XVII 

Der Pfarrer von Koropta war ein alter Mann. Er verrichtete seit mehr 
als dreifiig Jahren seinen Dienst in dieser Gemeinde. Einen einfachen, 
dermitigen, undankbaren Dienst. Die alte, fettig glanzende Soutane 
schlotterte um seinen hageren Korper. Die Jahre hatten ihn winzig und 
mager gemacht, seinen Riicken gekriimmt, Hohlen um seine grauen, 
groften Augen gegraben, zwei Furchen zu beiden Seiten seines schma- 
len, zahnlosen Mundes, sie hatten seine Schlafen und seine Stirn gelich- 
tet und sein schlichtes Herz geschwacht. Er hatte den Krieg iiber sich 
ergehen lassen, den grofien Zorn des Himmels, und Hunderte von 
Morgen, an denen er die Messe nicht lesen konnte. Er hatte Tote be- 
graben, die, von zufalligen Geschossen getroffen, den letzten Segen 
nicht empfangen konnten, Eltern getrostet, deren Kinder gefallen und 
gestorben waren. Er sehnte sich selbst schon nach dem Tode. Mager 
und schwach, mit erloschenen Augen, zittrigen Gliedern erschien er 
vor Tarabas. 

Man miisse, eroffnete ihm der Oberst, die wunderdiirstigen Bauern, 
die da nach Koropta heranriickten, besanftigen. Das geschehene Un- 
gliick sei grofi. Die Armee rechne auf den Einfluft der Geistlichkeit. 
Er, der Oberst Tarabas, auf die Unterstiitzung des Pfarrers. 
»Ja, ja!« sagte der Pfarrer. Allen Machthabern, die im Verlauf der letz- 
ten Jahre in Koropta eingezogen waren und beinahe genauso gespro- 
chen hatten, wie jetzt der Oberst Tarabas sprach, hatte der Pfarrer das 
gleiche »Ja, ja!« gesagt. 



<tfl ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Einen Augenblick ruhten seine alten, erloschenen, grofien, hellen Au- 
gen auf dem Antlitz des Obersten. Der Pfarrer hatte Mitleid mit dem 
Obersten Tarabas. (J a, wahrscheinlich war der Pfarrer der einzige 
Mensch in Koropta, der Mitleid mit Tarabas hatte.) 
»Ich werde in Ihrem Sinne morgen zu den Glaubigen sprechen!« sagte 
der Pfarrer. 

Aber es war Tarabas, als hatte der Pfarrer etwa gesagt: Ich weifi, wie es 
urn dich steht, mein Sohn! Du bist verworren und ratios. Du bist ein 
Machtiger und ein Ohnmachtiger. Du bist ein Mutiger, aber ein 
Angstlicher. Du gibst mir Anweisungen, aber du weifit selbst, dafi es 
dir wohler ware, wenn ich dir Anweisungen geben konnte. 
Tarabas schwieg. Er wartete noch auf ein Wort des Alten. Der aber 
sagte nichts. »Sie trinken?« fragte Tarabas. »Ein Glas Wasser!« sagte 
der Pfarrer. Fedja brachte es. Der Pfarrer trank einen Schluck. 
»Schnaps!« rief der Oberst. Fedja brachte ein Glas voll Schnaps. Er 
war klar wie Wasser. Tarabas trank. 

»Die Herren Soldaten konnen viel Alkohol vertragen!« sagte der Pfar- 
rer. 

»Ja, ja«, antwortete Tarabas, fern, fremd und zerstreut. 
Es war beiden klar, dafi sie nichts mehr miteinander zu reden hatten. 
Der Pfarrer wartete nur auf ein Zeichen, aufbrechen zu diirfen. Tara- 
bas hatte sehr viel zu sagen gehabt: Sein Herz war voll und auch ver- 
schlossen. Ein geheimnisvoll verschlossener, schwerer Sack: so lag das 
Herz in der Brust des gewaltigen Tarabas. 

»Was haben Sie noch zu befehlen, Herr Oberst ?« fragte der Pfarrer. 
»Nichts!« sagte Tarabas. 
»Gelobt sei Jesus Christus«, sagte der Pfarrer. 
Auch Tarabas stand auf und flusterte: »In Ewigkeit. Amen!« 



XVIII 

An diesem Tage wurde in Koropta wieder einmal, wie schon so oft, 
getrommelt und verfiigt, daft sich die Juden nicht in den Gassen zu 
zeigen hatten. Sie hatten ohnedies keine Lust dazu. Sie saften in den 
wenigen noch iibriggebliebenen Hauschen ihrer Glaubensgenossen. 
Sie verrammelten Tiiren und Fenster. Es war, seitdem sie denken 
konnten, ihr traurigster Samstag. Dennoch versuchten sie, sich zu tro- 



TARABAS 573 

sten und auf eine schnelle Hilfe Gottes zu hoffen. Sie dankten ihm, 
dafi er sie wenigstens am Leben gelassen hatte. Einige waren ver- 
letzt. Sie hockten da, mit verbundenen Kopfen, die verrenkten Arme 
in weifien Binden, mit zerschundenen Gesichtern, an denen das rot- 
lichviolette Geflecht der Peitschenstriemen zu sehen war, mit nack- 
ten Oberkorpern, (iber deren Wunden sie feuchte Handtiicher ge- 
bunden hatten. Sie waren ohnehin alt, schwach oder verkriippelt: 
denn die Jungen und Gesunden hatte der Krieg verschlungen. Sie 
empfanden den Schimpf nicht, den man ihnen angetan hatte, sie 
fiihlten lediglich ihre Schmerzen. Denn das Volk Israel kennt seit 
zweitausend Jahren eine einzige Schmach, der gegeniiber jeder 
spatere Schimpf und Hohn seiner Feinde lacherlich wird: die 
Schmach, in Jerusalem keinen Tempel zu wissen. Was sonst an 
Schande, Spott und Weh kommen mag, ist eine Folge jener bitteren 
Tatsache. Manchmal schickt der Ewige, als ware der schwere Becher 
des Leidens noch nicht voll, neue Plagen und Strafen. Er bedient 
sich gelegentlich dazu der landlichen Bevolkerung. Man kann sich 
nicht wehren. Aber selbst wenn man konnte, durfte man es?! Gott 
wollte, dafi man gestern die Juden von Koropta schlage. Und man 
schlug sie. Hatten sie nicht schon in ihrem stindhaften Ubermut an 
die Ruckkehr des Friedens geglaubt? Hatten sie nicht schon aufge- 
hort, sich zu furchten? Es steht einem Juden von Koropta nicht an, 
die Furcht zu verlieren. 

Sie saften da und wiegten ihre zerschlagenen Oberkorper im Dam- 
mer der kleinen Zimmerchen, deren Fensterladen vernagelt waren, 
obwohl man am Sabbat keine Nagel einschlagen darf. Aber das Le- 
ben zu erhalten ist ein ebenso ehrwiirdiges Gebot wie jenes, das den 
Sabbat zu heiligen befiehlt. Sie wiegten ihre Oberkorper, sagten im 
Singsang die Psalmen her, die sie auswendig konnten, und die an- 
dern lasen sie mit ihren triiben Augen aus den Biichern, im Dam- 
mer, zerbrochene, gespaltene, mit Bindfaden zusammengehaltene 
Brillen iiber den langen, kummervollen Nasen, eng aneinanderge- 
driickt, denn es mangelte an Biichern, und drei oder vier mufken ge- 
meinsam aus einem einzigen lesen. Sie hiiteten sich auch, ihre Stim- 
men zu erheben, aus Angst, man konnte sie drauften horen. Von 
Zeit zu Zeit blieben sie still und lauschten angestrengt. Einige wag- 
ten sogar, durch die Ritzen und Sparren der Fensterladen zu spahen. 
Kamen nicht schon die neuen Verfolger, vor denen die Trommeln 



574 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gewarnt hatten? Es gait, sich totzustellen; die anriickenden Bauern 
glauben zu machen, es befande sich kein einziger lebendiger Jude 
mehr in Koropta. 

Unter diesen klaglichen Juden fand sich auch der Bethausdiener 
Schemarjah, der ungliicklichsten einer. Allen war sein Jammer be- 
kannt. Er war seit langen Jahren Witwer und hatte einen einzigen 
Sohn. Ja: hatte! Er konnte sein Kind in Wirklichkeit nicht mehr 
seinen Sohn nennen, seitdem dieser - es war noch wahrend des 
Kriegs- den Vater angespuckt und den Entschlufi kundgegeben 
hatte, Revolutionar zu werden. Gewifi war es Schemarjahs, des Va- 
ters, Schuld: Er hatte sich ein paar hundert Rubel erspart, um den 
Sohn studieren zu lassen. Der torichte Diener des Bethauses von 
Koropta hatte auch einmal den Wunsch gehabt, einen gebildeten 
Sohn zu sehn, einen Doktor der Medizin oder der Jurisprudenz. 
Was aber war aus diesem iibermiitigen Unterfangen geworden? - 
Ein rebellischer Gymnasiast zuerst, der einen Lehrer ohrfeigte, aus 
der Schule vertrieben wurde, zu einem Uhrmacher in die Lehre 
kam, einen revolutionaren »Zirkel« in Koropta griindete, Gott leug- 
nete, Biicher las und die Herrschaft des Proletariats verkundete. Ob- 
wohl er schwachlich war wie sein Vater und die Soldaten ihn gar 
nicht haben wollten, meldete er sich wahrend des Krieges freiwillig- 
und zwar nicht, um den Zaren zu verteidigen, sondern, wie er ver- 
kundete, um »den Gewalthabern den Garaus zu machen«. Nebenbei 
erklarte er, daft er an Gott nicht glaube, denn dieser sei eine Erfin- 
dung des Zaren und der Rabbiner. »Du bist aber ein Jude?« fragte 
der alte Schemarjah. »Nein, Vater«, erwiderte der furchterliche 
Sohn, »ich bin kein Jude!« 

Er verliefi das Haus, ging zur Armee und schrieb, nachdem die erste 
Revolution ausgebrochen war, noch einen Brief an den alten Vater. 
Er teilte mit, dafi er nie mehr nach Hause zuriickkehren wolle. Man 
moge ihn als tot und erledigt betrachten. 

Schemarjah betrachtete ihn als tot und erledigt, trauerte, wie es ge- 
schrieben steht, sieben Tage um ihn und hatte aufgehort, ein Vater 
zu sein. 

Er war schwachlich, hager und trotz seinem vorgeschrittenen Alter 
noch grellrot von Haar und Bart. Er sah einem bosen Magier ahn- 
lich, mit seinem kurzen, knallroten Facherbart, seinen unzahligen 
Sommersprossen auf dem bleichen und knochigen Gesicht, seinen 



TARABAS 575 

affenlangen, diirren Armen und den schlaffen, rotlich behaarten mage- 
ren und Ian gen Handen. Man nannte ihn »Schemarjah, den Roten«. 
Auch manche Judenfrauen angstigten sich vor seinen gelblichen Au- 
gen. In Wirklichkeit war er ein harmloser Mann, ergeben, demiitig, 
narrisch, glaubig, gutmiitig und voller Pflichteifer. Er lebte von Zwie- 
beln, Rettich und Brot. Im Sommer waren ihm Kukuruzkolben Deli- 
katesse und Luxus. Er lebte von wenigen Kopeken, die ihm die Glau- 
bigen bezahlten, und von Almosen, die er hie und da, gewohnlich vor 
den Feiertagen, bekam. An dem Ende seines Sohnes gab er sich selbst 
die Schuld. Sein vaterlicher Hochmut war gestraft worden. Zwar hatte 
er, nach den Gesetzen der Religion, die allein fur ihn Wirklichkeit war, 
keinen Sohn mehr. Aber oft, im Traum und im Wachen, kam ihm sein 
Kind in den Sinn. Vielleicht kehrte es noch von den Toten zuriick? 
Vielleicht fiihrte Gott es zuriick? - Damit derartiges sich ereigne, 
mufite man nur fromm, immer frdmmer werden. An Frommigkeit und 
Gesetzestreue iibertraf er alle anderen. 

Auch er war gestern ein paarmal durch die Luft gewirbelt worden. 
Jemand hatte ihm die Faust gegen das Kinn gestoften. Heute schmerz- 
ten die Kiefer so, daft er kaum ein verstandliches Wort hervorbringen 
konnte. Aber an sein Weh dachte er nicht. Eine andere Sorge beschaf- 
tigte ihn. Man hatte das kleine Bethaus von Koropta angezundet. Viel- 
leicht waren die Thorarollen verbrannt? Und wenn sie unversehrt wa- 
ren, muftte man sie nicht rechtzeitig retten? Und wenn sie verbrannt 
waren, muftte man sie nicht, wie das Gesetz befiehlt, auf dem Friedhof 
bestatten? 

Den ganzen Tag kreisten die Sorgen Schemarjahs um die Thorarollen. 
Er aufterte sich aber nicht, aus Eifersucht. Er hiitete das Geheimnis, 
aus Angst, es konnte sich noch ein anderer finden, der ebenfalls bereit 
ware, die Heiligtumer zu retten. Diese groftartige Tat sollte ihm allein 
vorbehalten bleiben. In dem groften Buch, das im Himmel iiber alle 
Juden gefiihrt wird, zeichnet ihm der Ewige ein prachtiges »Vorzug- 
lich« ein, und vielleicht bringt ihm fur diese Tat das Schicksal auch den 
Sohn zuriick. Deshalb behalt Schemarjah seine Sorgen fur sich. Er 
weift noch nicht, auf welche Weise man in die Strafte gelangen kann, 
ohne von den Soldaten des gefahrlichen Tarabas oder von den noch 
gefahrlicheren Bauern gesehn zu werden. Die Vorstellung, daft eine 
von Feuer verwiistete Thora der ehrwiirdigen Bestattung vergeblich 
harren mag, bereitet Schemarjah unsagbare Pein. Hatte er nur sprechen 



$j6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

konnen! Sein Herz ausschiitten! Die Aussicht auf ein einzigartiges 
Verdienst und auf den seligen Lohn verbietet ihm zu sprechen. 
Am spaten Nachmittag, just zu der Stunde, in der die Juden von Ko- 
ropta gewohnt sind, das Ende des Sabbats zu feiern und den Anbruch 
der Wochentage zu begriifien, hort man Larm durch die vernagelten 
Fensterladen. Die Bauern ruckten heran, die Bauern! Ach, es sind 
nicht die mehr oder weniger vertrauten Bauern aus der Umgebung von 
Koropta; obwohl man gerade von diesen in die Luft geschleudert und 
geschlagen worden ist! Ach! Es sind fremde Bauern, nie gesehene Bau- 
ern! Alles Mogliche und Unmogliche kann man von ihnen erwarten: 
Schandung, Morde gar. SpafJe, wahrhaft harmlose Spafie waren eigent- 
lich, bedachte man es genauer, gestern die Grausamkeiten! Was noch 
kommen kann, muft ein todlicher Ernst werden. Die Bauern riicken 
gegen Koropta. In langen Prozessionen nahen sie, unter frommen Ge- 
sangen, mit vielen bunten, gold- und silberbestickten Fahnen, gefuhrt 
von Geistlichen in weiften Gewandern, Frauen, Manner, Jungfrauen 
und Kinder. Es gibt welche, denen es nicht geniigt, nach Koropta zu 
pilgern. Sie wollen sich die heilige Aufgabe noch schwerer machen. 
Und sie fallen nach jedem fiinften, siebenten oder zehnten Schritt nie- 
der und rutschen zehn Schritte auf den Knien weiter. Andere werfen 
sich in bestimmten Abstanden zu Boden, bleiben ein Paternoster lang 
liegen, erheben sich, wanken weiter und lassen sich wieder fallen. Fast 
alle tragen Kerzen in den Handen. Die blankgewichsten Schnurstiefel 
hangen iiber den Schultern, damit die Sohlen geschont bleiben. Die 
Bauerinnen tragen ihre schonsten farbigen Kopftiicher; die Manner 
tragen die Sonntagswesten, die freudig geblumten, die wie Fnihlings- 
wiesen aussehen. Mit falschen Stimmen, schrillen, heiseren, aber in- 
briinstigen und warmen, singen sie dem Wunder zu. 
Die Nachricht von dem Wunder im Hofe Kristianpollers hat sich in- 
nerhalb eines Tages in den Dorfern der Umgebung verbreitet. Ja, die 
Art und die Schnelligkeit, mit der sich diese Kunde verbreitet hat, ist 
ein Wunder fur sich. Unter den Bauern, die am Jahrmarkt in Koropta 
teilgenommen haben, gibt es nicht wenige, die noch in der Nacht in 
ferner gelegene Dorfer fuhren, um Verwandten, Freunden und Frem- 
den die marchenhafte Kunde zu bringen. Manche Ereignisse rufen auf 
eine unerklarliche Weise an alien Ecken und Enden ein Echo hervor. 
Sie bediirfen, um allbekannt zu werden, keines der neuzeitlichen Ver- 
kehrs- und Verstandigungsmittel. Die Luft vermittelt sie jedem, den 



TARABAS 577 

sie angehn. Also verbreitete sich auch die Nachricht von dem Wunder 
in Koropta. 

Wahrend nun die Bauern aus alien Richtungen heranruckten, so dafS 
nicht weniger als sechs Prozessionen vor dem Gasthof Kristianpollers 
zusammenstieEen, wahrend die Juden in den paar dammrigen Haus- 
chen sehnslichtig die rettende Nacht erwarteten, safi Tarabas mit den 
Offizieren in der Gaststube, wo der Knecht Fedja den Gastwirt ver- 
trat. Kristianpoller hatte sich verborgen. Aber die frommen Bauern 
dachten heute nicht mehr an Rache und Gewalt. Sie hatten die Mah- 
nungen der Geistlichen aufgenommen. Ihr frommer Eifer stromte 
sachte dem Wunder entgegen wie ein gedammter Flufi. Man hielt Got- 
tesdienste ab, ein paar hintereinander, fiir je eine Gruppe Frommer. 
Man hatte einen improvisierten Altar aufgestellt. Die Kammer erin- 
nerte an eine jener rohen, hastig eingerichteten Kapellen, die von den 
ersten Missionaren kaum dreihundert Jahre fruher in diesem Land er- 
richtet worden waren. Dreihundert Jahre war dieses Volk schon 
christlich getauft. Dennoch erwachte nach einem frohlich verbrachten 
Schweinemarkt und nach ein paar Glasern Bier und beim Anblick 
eines lahmen Juden in jedem einzelnen ein alter Heide. 
Man verliefi sich allerdings heute nicht nur auf die Geistlichen. Solda- 
ten patrouillierten durch Koropta. 

Unter den Offizieren in der Schankstube Kristianpollers herrschte 
groEe Aufregung. Zum erstenmal, seitdem Tarabas sie befehligte, wag- 
ten sie in seiner Gegenwart alles zu sagen, was sie dachten. Obwohl 
Tarabas finster, schweigsam und verbissen seinen gewohnten Schnaps 
trank, larmten die anderen, stritten miteinander, einzelne entwickelten 
verschiedene Theorien iiber den neuen Staat, iiber die Armee, iiber 
Revolution, Religion, Bauern, Aberglauben und Juden. Auf einmal 
schienen sie Achtung und Angst verloren zu haben. Es war, als hatten 
das Wunder in der »Kammer« Kristianpollers und der Brand von Ko- 
ropta dem Kommandanten Tarabas Wiirde und Gewalt genommen. 
Auch die Offiziere dieses Regiments waren aus alien Teilen der fru'he- 
ren Armee und der Front zusammengekommen. Es waren Russen, 
Finnen, Balten, Ukrainer, Leute aus der Krim, Kaukasier und andere. 
Der Zufall und die Not hatten sie hierhergeweht. Sie waren Soldaten, 
wahrhaft Landsknechte. Sie nahmen Dienst, wo sie konnten. Sie hatten 
nur Soldaten bleiben wollen. Sie konnten auch ohne Uniform, ohne 
eine Armee nicht leben. Sie brauchten, wie alle Soldner der Welt, einen 



578 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kommandanten, der keine Schwache hatte und keinen Fehl; keine 
sichtbare Schwache und keinen sichtbaren Fehl. Nun, es hatte gestern 
zwischen ihnen und Tarabas Streit gegeben. Sie hatten ihn bewufitlos 
und betrunken gesehn, sie zweifelten nicht mehr daran, daft man ihn in 
einigen Tagen absetzen wurde. Ubrigens glaubte jeder, er sei selbst 
weit eher geeignet, ein Regiment zu bilden und es zu fiihren. 
Der schweigsame Tarabas ahnte wohl, was die Offiziere dachten. Auf 
einmal schien es ihm, dafi er bis jetzt nur Gluck gehabt hatte, kein 
Verdienst. Er hat die zufallige Verwandtschaft mit dem Kriegsminister 
ausgeniitzt, ja mifibraucht. Er ist in Wirklichkeit niemals ein Held ge- 
wesen. Er hat Mut bewiesen, weil sein Leben nichts wert ist. Er ist ein 
guter Soldat im Kriege gewesen, weil er sich eigentlich nach dem Tode 
sehnt und weil im Krieg der Tod am nachsten ist. Es ist ein verdorbe- 
nes Leben, Tarabas, das du seit Jahren fiihrst! Es begann im dritten 
Semester deiner Studien. Niemals hast du gewuftt, was dir angemessen 
ist. Das Heim, Katharina, New York, Vater und Mutter, Maria, die 
Armee, den Krieg verloren! Du warst nicht einmal imstande zu ster- 
ben, Tarabas. Viele hast du sterben lassen, viele hast du umgebracht. 
Mit Pomp und in der Maskerade der Gewalt kommst du einher! Alle 
haben dich durchschaut: zuerst der General Lakubeit, dann der Jude 
Kristianpoller, jetzt die Offiziere. Konzew ist tot, der einzige, der dir 
geglaubt hat. 

So sprach Tarabas zu sich. Bald war es ihm, als gabe es in der Tat zwei 
Tarabasse. Von denen stand einer in einem schabigen, aschgrauen 
Rock vor dem Tisch; hier safi der gewaltige Tarabas, be waff net, in 
Uniform, mit Orden, gestiefelt und gespornt. Der sitzende Tarabas 
sank immer mehr auf seinem Stuhl zusammen, und der armselige, der 
vor ihm stand, reckte stolz den Kopf und wuchs und wuchs aus seinem 
demutigen Rock. 

Der Oberst Tarabas horte nicht mehr auf die Gesprache der Offiziere 
rings um ihn: so sehr beschaftigte ihn sein armseliges und stolzes 
Ebenbild, Auf einmal war ihm, als gabe es ihm den Rat, zum toten 
Konzew hinaufzugehn. Er torkelte hinaus. Er hielt sich am Gelander 
fest. Es dauerte lange, bis er die oberste Stufe der Treppe erreichte. 
Dann trat er neben den Toten. Er schickte die zwei Soldaten fort, die 
die Wache hielten. Vier machtige Wachskerzen, zwei zu Haupten, 
zwei zu Fiifien des Toten, verbreiteten eine unstete, wechselnde, gol- 
dene Helligkeit. Es roch suftlich und dumpf. Auf die Schulter Kon- 



TARABAS 579 

zews waren ein paar Wachstropfen gefallen. Tarabas kratzte sie mit dem 
Nagel ab und fuhr dann biirstend mit dem Armel iiber die Uniform des 
Toten. »Beten«, fiel ihm ein. Und er sagte mechanisch ein Vaterunser 
nach dem anderen. 

Er offnete die Tiir, rief die Soldaten und stolperte die Treppe hinunter. 
»Meine Herren!« sagte er, »Sie wissen, dafi wir morgen die Toten begra- 
ben. Um die Mittagsstunde. Den Feldwebel Konzew und die anderen. « 
Es war dem Obersten Tarabas, als ware die Mitteilung, die er soeben den 
Offizieren gemacht hatte, eine der letzten seines Lebens; als hatte er die 
Stunde seiner eigenen Bestattung angegeben. 

Er blieb die ganze Nacht an seinem Tisch sitzen. Er mufke, so schien es 
ihm, den anderen Tarabas erwarten. Er wird wahrscheinlich nicht mehr 
kommen, dachte Tarabas, er hat genug von mir. Und er schlief ein, iiber 
dem Tisch, den Kopf in den gekreuzten Armen. 



XIX 

Ein blauer und silberner Sonntagmorgen, golden summende Glocken 
und der Chorgesang der frommen Bauern, die noch immer in der 
»Kammer« ausharrten, weckten den Obersten Tarabas. Er stand sofort 
auf. Schon wartete Fedja mit dem dampfenden Tee. Ungeduldig trank 
Tarabas nur ein paar Schluck. Er war ganz wach und klar. Er konnte sich 
an alle Vorgange von gestern erinnern. Er wuftte noch alle Reden der 
Offiziere. Er wuftte jedes Wort, das ihm der andere Tarabas gesagt 
hatte. Der andere Tarabas ist ein wirklicher Mensch, der Oberst zweifelt 
nicht mehr daran. 

Er tritt in die Hauptstrafie. Die Soldaten lagern neben den Resten der 
abgebrannten Hauschen. Sie erheben sich, sie griiften. Ein Unteroffizier 
meldet ihm, dafi die Nacht in Ruhe verlaufen sei. Tarabas sagt: »Gut, 
gut, es ist gut!« Und er geht weiter. 

Die tiefen Glocken summen, und die Bauern singen noch immer. 
Tarabas denkt an das Begrabnis Konzews und der andern um zwolf Uhr 
mittags. Es ist noch Zeit. Es ist erst neun Uhr. 

Es ist niemand in Koropta zu sehn, kein einziger Jude. Aus den wenigen 
unversehrten Judenhauschen mit den blinden, geschlossenen Fensterla- 
den dringt kein Laut. Vielleicht sind die alle erstickt! denkt Tarabas. Es 
ist iKm gleichgiiltig, ob sie ersticken. 



580 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Es kann dir nicht gleich sein! sagt allerdings der zweite Tarabas. Der 
Oberst antwortet: Doch, es ist mir gleich! Ich hasse sie! 
Plotzlich trat irgend etwas Schwarzes, Verdachtiges, aus einem der 
noch unversehrten Judenhauschen. Es huschte urn die Ecke. 
Tarabas hatte sich vielleicht getauscht. Er ging ruhig weiter. 
Als er aber um die nachste Ecke in die Seitengasse bog, rannte ihm eine 
geradezu furchterliche Erscheinung in die Arme. 
Es war ein strahlender Sonntagvormittag. In den Liiften schwang noch 
der goldene Nachhall der Glocken. Man sieht von der Kirche, von der 
Spitze des Hiigels her, die bunten, frohlichen Kopftucher der Bauerin- 
nen leuchten, die vom Gottesdienst kommen. Es war, als bewegte sich 
der ganze Hiigel selber stadtwarts, von machtigen, bunten Blumen 
iibersat. Ein sachter Wind trug den verhallenden letzten Orgelklang 
heriiber. Der Sonntag mit den verwehenden Glocken und der verhal- 
lenden Orgel schien selbst ein Bestandteil der Natur. Wie verruchte 
Zeichen einer verruchten Auflehnung gegen ihre Gesetze nahmen sich 
die kahlen Platze und die immer noch rauchenden Triimmer im Stadt- 
chen aus: eine Verletzung des sonntaglichen Friedens. Der Hiigel im 
Siidwesten des Stadtchens war vom Sonnenglanz uberflutet Immer 
dichter schienen die grofien, bunten Blumen auf den Kopftuchern der 
Bauerinnen zu werden. Das gelbliche Kirchlein schwamm ganz in der 
Sonne. Und auf seinem Tiirmchen das Kreuz funkelte munter, heiter 
und heilig wie ein erhabenes Spielzeug. So war die Welt beschaffen, als 
Tarabas die furchterliche Erscheinung in die Arme lief. 
Diese furchterliche Erscheinung war ein hagerer, armseliger, schwach- 
licher, allerdings aufierordentlich rothaariger Jude. Wie ein flammen- 
der Kranz umgab der kurzgewachsene Bart sein bleiches, von Som- 
mersprossen iibersates Angesicht. Auf dem Kopf trug er eine verschos- 
sene, griinlich schimmernde Miitze aus schwarzem Seidenrips, unter 
deren Randern sich brennende rote Lockchen hervorstahlen, um sich 
mit dem flammenden Bart zu vereinigen. Aus den griingelblichen, klei- 
nen Augen des Mannes, iiber denen winzige, dichte, rote Brauen stan- 
den, wie zwei angeziindete Biirstchen, schienen ebenfalls Flammchen 
hervorzuschie^en, Feuerchen von anderer Art, eisige Stichflammen. 
Nichts Schlimmeres konnte Tarabas an einem Sonntag zustoflen. 
Er erinnerte sich jenes unseligen Sonntags, an dem das Unheil angefan- 
gen hatte. Es war ein wunderbarer Tag gewesen, wie heute im galizi- 
schen Dorf, die Glocken hatten gelautet. Da war am Wegrand der 



TARABAS 581 

fremde, rothaarige Soldat aufgestanden, der Bote des Unglucks. Ach! 
Hatte der gewaltige Oberst Tarabas gedacht, man konnte das Ungliick 
iiberlisten? Man konnte ihm entgehn? Man konnte auf eigene Faust 
Kriege forts etzen? 

Ein roter Jude am Sonntagmorgen! So rote Haare, einen soldi flam- 
menden, geradezu Funken spriihenden Bart hatte Tarabas in seinem 
Leben noch nicht gesehn, er, dessen Blick besonders geiibt war in der 
Unterscheidung der Rothaarigen. Tarabas erschrak nicht nur, als er 
den Juden erblickte. Erschrocken war er damals, das erstemal, vor dem 
Soldaten. Diesmal erstarrte er von Kopf bis Fuft. Was nutzten ihm alle 
Schlachten, die er mitgemacht hatte? Was bedeuteten alle Schrecken, 
die er erlitten und die er selbst verursacht hatte? Es zeigte sich, daft 
Tarabas den groftten, einen uniiberwindlichen Schrecken in der Brust 
trug, eine Angst, die immer neue Angste schuf, eine Furcht, die Ge- 
spenster erzeugte, und eine Schwachheit, die ihm immer neue 
Schwachheiten gebar. Von einer Heldentat zur anderen war er geeilt, 
der machtige Tarabas! Aber es war nicht sein Wille gewesen; die 
Furcht in seinem Herzen hatte ihn durch die Schlachten getrieben. Un- 
glaubig hatte er gelebt aus Aberglauben, tapfer aus Furcht und gewalt- 
sam aus Schwache. 

Nicht minder als der Oberst erschrak der Jude Schemarjah. In seinen 
Armen trug er zwei Thorarollen wie zwei tote Kinder, jede bekleidet 
mit rotem, golden besticktem Samt. Die runden, holzernen Griffe der 
Rollen waren verkohlt, auch die samtenen Hiillen, aus denen die unte- 
ren Enden des vom Feuer aufgerollten und angebrannten Pergaments 
herausragten. Zweimal war es heute schon Schemarjah gelungen, je 
zwei Rollen auf den Friedhof zu bringen. Er hatte sich morgens noch 
vor Sonnenaufgang aus dem Haus gestohlen. Kein Soldat hatte ihn 
bemerkt. Er war uberzeugt, daft Gott selbst ihn erwahlt hatte. Er allein 
konnte dieses heilige Werk vollbringen. Als er zum drittenmal das Bet- 
haus verlieft, hatte er sich schon, wunderglaubig, armselig, toricht, wie 
er war, eingebildet, daft er in jener unsichtbar machenden Wolke da- 
hinging, von der in der Bibel erzahlt wird. Wie er nun dem Obersten in 
die Arme lief, machte er, immer in seinem festen Glauben an die 
Wolke befangen, einen Schritt seitwarts, als konnte er noch ungesehen 
dem Gewaltigen ausweichen. Diese Bewegung versetzte Tarabas in 
furchtbaren Zorn. Er packte den Juden an der Brust, schiittelte ihn ein 
biftchen und donnerte: »Was machst du hier?« 



$82 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schemarjah antwortete nicht. 

»Weifit du nicht, dafi ihr in den Hausern bleiben mufk?« 
Schemarjah nickte nur mit dem Kopf. Dabei krampfte er seine Arme 
noch fester um die Thorarollen, als drohte der Oberst, sie ihm zu ent- 
reifien. 

»Was schleppst du mit dir, und was willst du damit?« 
Schemarjah, der aus Angst kein Wort hervorbrachte, iiberdies die 
Sprache des Landes nicht gut kannte, antwortete nur mit einer Bewe- 
gung. Nachdem er sorgfaltig eine Rolle aus dem rechten in den linken 
Arm gelegt hatte, machte er einen noch gespenstischeren Eindruck. 
Die schweren Heiligtiimer mit dem schwachen linken Arm an die 
Brust pressend, deutete er mit der hageren rechten Hand, auf deren 
Riicken die roten Borstenstacheln standen, gegen den Boden, machte 
die Bewegung des Schaufelns und begann dann, mit dem Fufi zu 
stampfen und zu scharren, als hatte er ein aufgeworfenes Grab glatt zu 
machen. Naturlich begriff Tarabas nur wenig. Die hartnackige Stumm- 
heit des Juden weckte seinen Grimm. Schon fing es an, in ihm zu bro- 
deln. »Rede!« schrie er und erhob die Faust. 

»Euer Gnaden!« lallte Schemarjah. »Das hat man verbrannt. Das kann 
nicht so bleiben. Das mufi man begraben! Am Friedhof!« Und er deu- 
tete mit der Hand in die Richtung des judischen Friedhofs von Ko- 
ropta. 

»Du hast hier nichts zu begraben!« schmetterte Tarabas. 
Der arme Schemarjah, der nicht genau verstand, glaubte, noch mehr 
Erklarungen abgeben zu rmissen. Und er erzahlte, so gut er konnte ? 
stotternd und stammelnd, aber mit leuchtendem Angesicht, dafi er 
schon zweimal seine heilige Pflicht erfiillt hatte. Er vergrofierte aber 
gerade dadurch noch Tarabas 5 Zorn. Denn in Tarabas' Augen war die 
Tatsache, dafi der Jude sich schon zum drittenmal auf der Strafie be- 
fand, ein besonders schweres Verbrechen. Es war zuviel. Rothaarig 
und Jude sein - es ware an einem Wochentag noch moglich gewesen; 
ein Sonntag machte diese Erscheinung grauenhaft; ein Sonntag, wie es 
der heutige war, machte sie zu einer grauenhaften personlichen Belei- 
digung des Obersten. Ach, der arme gewaltige, zornige Tarabas! Er 
fiihlte plotzlich die schwache Stimme des armen Tarabas: Sei still! sei 
still! - Tarabas, der gewaltige, gehorchte nicht. Im Gegenteil, er wurde 
nur noch grimmiger. »Verschwinde!« donnerte er dem Juden zu. Und 
da Schemarjah verstandnislos und wie gelahmt stehenblieb, warf ihm 



TARABAS 583 

Tarabas die Thorarollen mit einem Stofi aus dem Arm. Sie plumpsten 
auf den Boden, in den Kot. 

Im nachsten Augenblick geschah das Furchtbare. Der wahnwitzige 
Schemarjah stieft mit beiden geballten Handen und mit gesenktem 
Kopf gegen die machtige Brust des Obersten vor. Es sah aus, als ver- 
suchte ein Clown im Zirkus einen wiitenden Stier zu imitieren. Es war 
lacherlich und herzzerreifiend. Es war das erstemal, seitdem es Juden 
in Koropta gab, dafi einer der ihren einen Obersten - und welch einen 
Obersten! - zu schlagen versuchte. Es war das erste, es war, hochst- 
wahrscheiniich, auch das letzte Mai. 

Niemals hatte Tarabas geglaubt, dafi er derartiges erleben konnte. 
Wenn es fur ihn noch eines Beweises bedurft hatte, dafi die rothaarigen 
Juden am Sonntag seine besonderen Ungliicksbringer seien, so war es 
dieser Angriff. Es war etwas anderes als ein Schimpf. Es war - man 
konnte unmoglich eine Bezeichnung fur diesen unmoglichen Vorgang 
finden! Wenn bis zu diesem Augenblick ein barenhafter Grimm Tara- 
bas erfullt hatte, so fing jetzt eine teuflische, langsame, grausame Wut 
in ihm zu brodeln an, eine erfinderische Wut, eine listige, sogar ein- 
fallsreiche. Tarabas' Gesicht veranderte sich. Wie eine Klammer lag das 
Lacheln zwischen seinen Lippen, eine kalte, gefrorene Klammer. Mit 
zwei Fingern der linken Hand schuttelte er den Roten ab. Hierauf 
fafke er mit Daumen und Zeigefinger der Rechten den armen Schemar- 
jah am Ohrlappchen und kniff es, bis sich ein Blutstropfen zeigte. 
Hierauf - und er lachelte noch immer - griff Tarabas mit beiden Han- 
den den facherartigen, flammenden Bart des Juden. Und mit seiner 
ganzen riesigen Kraft begann er, den hageren, schlotternden Korper zu 
riitteln, vor- und riickwarts. Ein paar Barthaare blieben in Tarabas 5 
Handen. Er steckte sie seelenruhig rechts und links in die Taschen 
seines Mantels. Er lachelte immer noch, der Oberst Tarabas! Und wie 
ein Kind, das Gefallen an der Vernichtung eines Spielzeugs gefunden 
hat, einen kindischen, beinahe narrischen Ausdruck in den Augen, 
griff er aufs neue nach dem roten Bart. Dazwischen fragte er: 
»Du hast einen Sohn, der rothaarig ist wie du, nicht wahr?« 
»Ja, ja«, lallte Schemarjah. 
»Er ist ein verfluchter Revolutionary 

»Ja, ja«, wiederholte Schemarjah, wahrend er hin und zuriick, riick- 
warts und vorwarts geschiittelt wurde und er jedes einzelne seiner 
Barthaare wie eine groEe, offene Wunde fiihlte. Er wollte seinen Sohn 



584 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

verleugnen, er wollte erzahlen, daft der Sohn selbst seinen Vater ver- 
leugnete. Aber wie sprechen? Hatte ihn der Gewaltige selbst nicht so 
fiirchterlich und schmerzhaft geschiittelt, Schemarjah hatte in der 
Sprache der Christen, die er zur Not nur verstand, nicht alles genau 
erklaren konnen. Sein Herz flatterte, er fiihlte es in der Brust wie ein 
unendlich schweres, dennoch verriickt fliegendes Gewicht, der Atem 
ging ihm aus, er offnete den Mund, er lechzte mit hangender Zunge 
nach Luft, und wahrend er sie schopfte und gleich wieder ausstieft, 
entrangen sich ihm winzige, krachzende und schrille Seufzerchen. Sein 
ganzes Angesicht schmerzte ihn, als stache man es mit zehntausend 
gliihenden Nadeln. Tote mich! wollte er sagen, er konnte es nicht. Vor 
seinen verschleierten Augen erschien das Angesicht seines Peinigers 
bald riesengroft wie ein gewaltiger Kreis, bald wieder winzig wie eine 
Haselnufi, und beides innerhalb einer einzigen Sekunde. Endlich stieft 
er einen durchdringenden, schrillen Schrei aus, der unmittelbar aus sei- 
nem tiefsten Innern kam. Ein paar Soldaten liefen herbei. Sie sahen 
Schemarjah ohnmachtig niederfallen und den Obersten Tarabas noch 
eine Weile ratios dastehn. Er hielt zwei rote Bartbiischel in den Han- 
den, lachelte immer noch, sah in eine unbestimmte Feme, steckte 
schliefilich die Hande in die Taschen, wandte sich um und ging. 



XX 

Gegen sechs Uhr abends erwachte der Oberst Tarabas. Durch das un- 
verdeckte Fenster sah er Sterne am Himmel. Er glaubte, es musse spate 
Nacht sein. Er bemerkte, daft er nicht in seinem Zimmer lag; und er 
erinnerte sich, daft er am Nachmittag nach Hause in den Gasthof ge- 
kommen war und daft ihm der Knecht Fedja ein neues Zimmer gege- 
ben hatte, weil in seinem fruheren der tote Feldwebel Konzew gelegen 
war. Dann entsann sich Tarabas, daft man um zwolf Uhr mittags Kon- 
zew und die anderen begraben hatte. Man wollte Tarabas das Zimmer 
des seligen Groftvaters anweisen: Dies hier war also das Zimmer, in 
dem der Groftvater des Juden Kristianpoller gelebt hatte und wahr- 
scheinlich auch gestorben war. 

Es war hell. Der blaue Schimmer der Nacht lieft alle Gegenstande er- 
kennen. Tarabas setzte sich aufrecht. Er bemerkte, daft er im Mantel, 
mit umgeschnalltem Riemen und in Stiefeln auf dem Bett lag. Er sah 



TARABAS 585 

sich im Zimmer um. Er sah den Ofen, die Kommode, den Spiegel, den 
Schrank, die kahlen, weifigettinchten Wande. Nur zur Linken des Bet- 
tes hing ein Bild. Tarabas erhob sich, um es genauer zu betrachten. Es 
zeigte ein breites Angesicht, umgeben von einem facherartigen Bart. 
Der Oberst trat einen Schritt zuriick. Er steckte die Hande in die Ta- 
schen, er wollte seine Ziindholzer hervorholen. Seine Hande befuhlten 
etwas Haariges und Klebriges. 

Er zog sie sofort heraus. Kerze und Streichhblzer waren auf dem Nacht- 
tisch. Tarabas machte Licht. Er hob die Kerze hoch und las die Unter- 
schrift unter dem Bild. Sie lautete: »Moses Montefiore«. 
Es war ein billiger Stich, wie er zu Hunderten in vielen judischen Hau- 
sern des Ostens verbreitet ist. Der Name bedeutete Tarabas gar nichts. 
Der Bart aber erschreckte ihn gewaltig. 

Er steckte die Hande noch einmal in die Taschen und zog zwei klebrige, 
verfilzte Knauel roter Menschenhaare hervor. Mit Abscheu warf er sie 
auf den Boden, biickte sich sofort und hob sie wieder auf. Er betrachtete 
sie eine Weile in der offenen Hand und steckte sie in die Taschen. 
Hierauf erhob er noch einmal die Kerze und leuchtete genauer, Zug um 
Zug, das Angesicht Montefiores ab. Das Portrat hing unter Glas, in 
einem diinnen, schwarzen Holzrahmen. Auf dem Kopf trug Montefiore 
ein rundes Kappchen, genau wie der Gastwirt Kristianpoller. Das 
breite, weifie Angesicht, vom dichten, weifien Facherbart umrandet, 
erinnerte an einen giitigen, umnebelten Mond in milden Sommernach- 
ten. Der halbverhangte, dunkle Blick zielte in eine bestimmte, nicht zu 
erahnende Feme. 

Tarabas stellte die Kerze auf den Nachttisch und begann auf und ab zu 
gehn. Er vermied es, noch einmal einen Blick auf das Bild zu werfen. 
Aber bald hatte er das deutliche Geftihl, da£ ihn der unbekannte Monte- 
fiore von der Wand her aufmerksam betrachtete. Er loste das Bild vom 
Nagel, kehrte es um und stellte es auf die Kommode, mit dem Riicken 
zum Zimmer. Die Riickwand des Rahmens bestand aus nacktem, diin- 
nem Holz und ein paar kleinen Nagelkopfchen an den vier Randern. 
Nunmehr glaubte Tarabas, daft er ungestort auf und ab wandeln konnte. 
Aber er irrte sich. Hatte er den Blick Montefiores auch abgewendet, so 
erwachte jener Rothaarige, dessen Bart er noch in der Tasche trug, wie 
er leibte und lebte, vor Tarabas' Augen. Er horte wieder die kleinen, 
piepsenden Angstrufe des hin und her geschuttelten Juden und dann 
den letzten, schrillen Schrei. 



586 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Noch einmal zog Tarabas aus der Tasche das verfilzte Knauel. Er be- 

trachtete es langere Zeit, mit stumpfen Augen. 

Plotzlich sagte er: »Sie hat recht gehabt!« 

»Sie hat recht gehabt«, wiederholte er - und ging hin und zuriick. »Sie 

hat recht gehabt - ich bin ein M6rder.« 

Es war ihm in diesem Augenblick, als hatte er eine unendlich schwere 

Biirde auf den Riicken genommen, aber zugleich auch, als ware er von 

einer noch unsaglicher driickenden befreit worden. Er befand sich in 

dem Zustand eines Menschen, der, seit undenklichen Jahren verurteilt, 

eine Last aufzuheben, die zu seinen Fiifien liegt, sich endlich von dieser 

Last beschwert weifi, ohne dafi er sie sich selbst aufgeladen hatte; als 

ware sie plotzlich lebendig auf seine Schultern gelangt. Er beugte den 

Riicken. Er nahm die Kerze in die Hand. Und als ware die Tiir des 

Zimmers nicht hoch genug, um ihn durchzulassen, senkte er den Kopf, 

um sie zu durchschreiten. Er ging die schmale, achzende Treppe hin- 

unter, vorsichtig Stufe um Stufe beleuchtend. Aus der Gaststube ka- 

men ihm die Stimmen der Kameraden entgegen. Er trat ein, die bren- 

nende Kerze in der Hand. Er stellte sie auf den Schanktisch. Die Uhr 

zeigte sieben. Er erkannte, dafi es erst sieben Uhr abends war. Er 

griifite kurz. Die Offiziere warteten auf ihr Abendessen. Zu Fedja 

sagte er leise: »Ich mochte in den Keller, zu Kristianpoller.« 

Sie stiegen in den Keller. Auf dem letzten Treppenabsatz rief Tarabas: 

»Ich bin's, Tarabas !« 

Kristianpoller stemmte den eisernen Stab gegen die Platte. Fedja zog 

sie an der Ose hoch. 

»Euer Hochwohlgeboren!« sagte Kristianpoller. 

»Ich habe mit dir zu sprechen!« sagte Tarabas. »Bleiben wir hier. Fedja 

soil gehn.« 

Als sie allein waren, begann Tarabas: »Wer ist dein Moses Monte- 

fiore?« 

»Das ist«, erwiderte Kristianpoller, »ein Jude aus England. Er war der 

erste judische Biirgermeister von London. Wenn er bei der Konigin 

eingeladen war, bereitete man ihm ein Essen, ihm allein, wie es die 

judische Religion vorschreibt. Es war ein grofier Gelehrter und ein 

frommer Jude.« 

»Sieh her«, sagte Tarabas und zog aus der Tasche den roten Bart- 

knauel. »Sieh her, Kristianpoller, verstehe mich auch recht! Ich habe 

heute einem Juden sehr weh getan.« 



TARABAS 587 

»Ja, ich weifi, Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte Kristianpoller. 
»Manche kennen namlich mein Versteck. Und die Juden stehlen sich 
doch auf die Strafte. Es ist einer gekommen. Er hat mir erzahlt. Sie 
haben Schemarjah den Bart ausgerissen.« 

»Ich gebe dir einen Soldaten mit!« sagte Tarabas. »Geh, hole mir die- 
sen Schemarjah her! Ich werde euch hier erwarten.« 
Sie stiegen die Treppe hinauf. »Wache!« rief Tarabas. Der Soldat be- 
gleitete Kristianpoller in die Strafie. 

Aber der Wirt kam nach wenigen Minuten zuriick. »Er ist nicht mehr 
zu finden«, sagte er. »Euer Hochwohlgeboren miissen wissen«, fiigte 
er hinzu, »er war ein Narr. Ein Schwachkopf. Sein Sohn hat ihm ganz 
den Kopf verdreht . . .« 
»Seinen Sohn kenne ich«, sagte Tarabas. 
»Nun, er ist, sagen die Juden, in die Walder geflohen.« 
»Ich werde ihn finden«, sagte Tarabas. 

Sie schwiegen eine lange Zeit. Sie safien im ersten Stockwerk des Kel- 
lers, jeder auf einem kleinen Branntweinfafi. Auf einem dritten stand 
die Kerze. Das Licht flackerte. An den feuchten, rissigen Wanden 
huschten die Schatten der beiden Manner auf und nieder. Der Oberst 
Tarabas schien nachzudenken. Kristianpoller wartete. 
Endlich sagte Tarabas: »H6r zu, mein Lieber! Geh hinauf. Bring mir 
einen deiner Anziige. Leih ihn mir!« 
»Sofort!« sagte der Jude. 

»Und mach ein Biindel daraus!« rief ihm Tarabas nach. 
Als Kristianpoller mit dem Biindel in den Keller zuriickkam, sagte Ta- 
rabas: »Ich danke dir! Ich werde fur ein paar Tage verschwinden; aber 
sag niemandem etwas davon!« 
Und er verliefi den Keller. 



XXI 

Der Pfarrer erhob sich. Es war, nach seinen Begriffen, spat am Abend; 
er schickte sich an, schlafen zu gehn. 

»Ich komme in einer personlichen Sache«, sagte Tarabas, noch an der 
Tur. Der breite Schirm der tief iiber dem Tisch hangenden Petroleum- 
lampe verbreitete einen schweren Schatten bis zur unteren Halfte der 
vier kahlen Wande. Der schwachsichtige Alte konnte Tarabas nicht 



5$8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sofort erkennen. Er stand ratios da. Sein altes, hageres Kopfchen 
ragte noch in den Schatten des Lampenschirms, wahrend das Licht 
des Rundbrenners seine alte, fettige Soutane mit den zahllosen, 
stoffiiberzogenen und ebenfalls fettigen Knopfchen noch starker als 
am Tage erglanzen liefi. Als er Tarabas erkannte, machte der Alte 
ein paar trippelnde Schritte der Tiir entgegen. »Kommen Sie naher 
und setzen Sie sich!« sagte er. 

Tarabas trat an den Tisch und setzte sich nicht. Es pafite ihm ge- 
rade, im tiefen Schatten des Lampenschirms zu stehen. Er sprach 
vor sich hin, als redete er nicht zum Pfarrer. Er zog aus der Tasche 
den Bartknauel, hielt ihn in der Faust und sagte: »Ich habe heute 
diesen Bart einem armen Juden ausgerissen.« Und als miifite er ge- 
naue Daten angeben und als ware es ein amtliches Verhor, fugte er 
hinzu: »Er heifit Schemarjah und ist rothaarig. Ich habe ihn suchen 
lassen, aber er ist verschwunden. Man sagt, er sei narrisch geworden 
und in die Walder der Umgebung geflohen. Ich mochte ihn selber 
suchen. Was soil ich tun? Ist er durch mich narrisch geworden? Ich 
wollte, ich hatte ihn lieber getotet. Ja«, fuhr Tarabas fort, mit einer 
gleichgiiltigen Stimme, »ich wollte lieber, ich hatte ihn getotet. Ich 
habe viele Manner totgemacht. Sie haben mich nicht weiter beunru- 
higt. Ich war ein Soldat.« 

Noch nie in seinem langen Leben hatte der Pfarrer von Koropta 
eine derartige Rede gehort. Er kannte viele Menschen, der Alte, 
Bauern, Knechte und Magde. Sechsundsiebzig Jahre war er alt. Und 
dreifiig Jahre schon lebte er in Koropta. Vorher war er in anderen 
kleinen Stadtchen gewesen. Viele Beichtkinder hatte er angehort, alle 
hatten beinahe die gleichen Siinden gestanden. Einer hatte seinen 
Vater geschlagen (es war ein ohnmachtiger Greis gewesen) in der 
Hoffnung, der Vater wiirde an den Folgen der Schlage sterben. 
Frauen hatten ihre Manner betrogen. Ein dreizehnjahriger Knabe 
hatte mit einem sechzehnjahrigen Madchen geschlafen und einen 
Knaben gezeugt. Den Neugeborenen erwiirgte die Mutter. Das wa- 
ren alle aufiergewohnlichen Begebenheiten. Kam der Alte jemals 
iiberhaupt dazu, sich Rechenschaft iiber seine Welt- und Menschen- 
kenntnis abzulegen, so erschienen ihm die obengenannten Falle als 
die entsetzlichsten Beispiele einer abgrundtiefen, hollischen Versu- 
chung, die den Menschen ankommen kann. Als er nun Tarabas so 
reden horte, war er eher erstaunt als entsetzt. »Setzen Sie sich doch 



TARABAS 589 

endlich«, sagte der Alte, denn das Stehen hatte ihn ebenso ermiidet wie 
diese merkwurdige Geschichte. Tarabas setzte sich. 
»Also«, begann der Pfarrer, der sich selbst iiber den Vorgang Rechen- 
schaft geben wollte, »wir wollen versuchen zu wiederholen: Sie haben, 
Herr Oberst, einem Ihnen unbekannten Juden namens Schemarjah den 
Bart ausgerissen. Und, was gedenken Sie zu tun? Ich kenne diesen 
Schemarjah. Ich kenne ihn seit dreifiig Jahren. Er hat seinen Sohn ver- 
stofien, der ein Revolutionar war. Es ist ein gefahrlich aussehender 
Mann, aber ein harmloser Narr. Nun, Herr Oberst, was kann ich da- 
bei?« 

»Ich komme nicht um einen praktischen Rat zu Ihnen!« sagte Tarabas 
und senkte den Blick auf das gelbliche, rissige Linoleum, das den Tisch 
des Pfarrers bedeckte. 
»Ich will biifien!« 
Sie schwiegen lange. 

»Ich will lieber«, sagte der Pfarrer, »so tun, als ob ich Sie nicht gehort 
hatte, Herr Oberst. Sie konnen gehn, Herr Oberst, wenn Sie wollen. 
Ich weifi keinen Rat, Herr Oberst. Wollen Sie einen geistlichen Trost? 
- Gott moge Ihnen verzeihen! Ich werde fur Sie beten. Sie haben einem 
armen, torichten Juden weh getan! Viele von Ihnen haben es getan, 
Herr Oberst. Viele werden es noch tun . . .« 

»Ich bin schlimmer als ein M6rder«, sagte Tarabas. »Ich war es schon 
jahrelang, aber es ist mir jetzt eben ganz klargeworden. Ich werde bii- 
fien. Sehen Sie, ich werde meinen ganzen morderischen Glanz ablegen 
und zu biiften versuchen. Ich wollte es Ihnen nur sagen. Als ich hier 
eintrat, hatte ich noch die letzte, dumme Hoffnung, die siindige Hoff- 
nung, Sie konnten mir vergeben. Ach, wie konnte ich so was denken!« 
»Gehen Sie, gehen Sie, Herr Oberst!« sagte der Pfarrer. »Mir scheint, 
Sie werden Ihren Weg finden. Gehn Sie, mein Sohn!« 

Noch in dieser Nacht ritt er nach der Hauptstadt. Er kam am friihen 
Morgen an. Er erkundigte sich nach der Wohnung des Generals Laku- 
beit und ritt vor dessen Haus. Er band sein Pferd an, setzte sich auf die 
Schwelle des Hauses und wartete, bis Lakubeit aufgestanden war. 
Der Adjutant des Generals, der elegante Leutnant, sah den Obersten 
Tarabas in das Zimmer des Generals gehn und nach einer Viertelstunde 
wieder herauskommen. Merkwiirdigerweise trug der Oberst ein Pack- 
chen in der Hand, das er sich nicht abnehmen lassen wollte. Den neu- 



590 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gierigen Offizieren, die auf den General im Vorzimmer warteten, 
konnte der Adjutant liber die Unterredung des Obersten mit Lakubeit 
leider gar nichts mitteilen. 
Die Offiziere griifiten, als Tarabas hinausging. 

Er winkte den Adjutanten heran und sagte: »Mein Pferd steht unten. 
Ich werde es in ein paar Tagen abholen. Lassen Sie inzwischen darauf 
achtgeben.« 

Tarabas verliefi das Haus, stand noch eine Weile vor dem Tor, ent- 
schlofi sich, die linke Richtung einzuschlagen, und ging die breite 
Strafie entlang, schnurgerade nach dem Westen der Stadt, bis er die 
Felder erreichte. Er liefi sich am Wegrand nieder, entfaltete sein Bun- 
del, legte die Uniform ab, zog die Zivilkleider Kristianpollers an, 
suchte noch in den Taschen seiner Uniform, entnahm ihnen nur ein 
Messer und den Bart Schemarjahs, steckte beides in die Rocktasche, 
faltete die Uniformstucke sorgfaltig, warf noch einen letzten Blick auf 
sie und begann darauf, die gerade Strafie entlangzuwandern, die weit, 
weit in den blassen, fernen Horizont zu miinden schien. 



XXII 

Viele Landstreicher wandern iiber die Straften der ostlichen Lander. 
Sie konnen von der Barmherzigkeit der Menschen leben. Die Wege 
sind zwar schlecht, und leicht ermuden die Fiifie; zwar sind die Hiitten 
armselig und bieten wenig Platz : aber die Herzen der Menschen sind 
gut, das Brot ist schwarz und saftig, die Turen of men sich schneller. 
Auch heute noch, nach dem grofien Krieg und nach der grofien Revo- 
lution, obwohl die Maschinen ihren unheimlichen, stahlernen und pra- 
zisen Gang nach dem Osten Europas angetreten haben, sind die Men- 
schen dem fremden Elend zugetan. Auch die Toren und die Tropfe 
verstehen noch die Not des Nachsten rascher und besser als anderswo 
die Weisen und die Gescheiten. Noch sind nicht alle Strafien vom 
Asphalt bedeckt. Die Launen und die Gesetze des Wetters, der Jahres- 
zeiten und des Bodens bestimmen und verandern das Aussehen und 
die Beschaffenheit der Wege. In den kleinen Hiitten, die sich an den 
Schoft der Erde driicken, sind die Menschen dieser ebenso nahe wie 
dem Himmel. Ja, dort lafit sich der Himmel selber zur Erde und zu 
den Menschen herab, wahrend er ander warts, wo ihm die Hauser ent- 



TARABAS 59I 

gegenstreben, immer hoher zu werden scheint und immer ferner. Weit 
voneinander, verstreut im Lande, liegen die Dorfer. Selten sind die 
Stadtchen und die Stadte, aber lebhafter Wege und Straften. Viele Men- 
schen sind standig unterwegs. Ihre Not und ihre Freiheit sind innige 
Schwestern. Der ist zur Wanderschaft gezwungen, weil er kein Heim 
hat; der andere, weil er keine Ruhe findet; der dritte, weil er keine 
haben mochte oder weil er ein Geliibde getan hat, die Ruhe zu meiden; 
der vierte, weil er die Wege liebt und die fremden, unbekannten Hau- 
ser. Zwar hat man auch schon in den Landern des Ostens gegen Bettler 
und Landstreicher zu kampfen begonnen. Es ist, als konnten die Un- 
rast der Maschinen und Fabriken, die Windigkeit der Menschen, die 
im sechsten Stockwerk wohnen, die Unbestandigkeit der triigerischer- 
weise Festgesetzten die stete, ehrliche und ruhige Bewegung der guten, 
ziellosen Wanderer nicht mehr aushalten. Wohin gehst du, was willst 
du dort? Warum bist du aufgebrochen? Wie kommt es, daft du ein 
eigenes Leben fuhrst, da wir anderen doch ein gemeinsames ertragen? 
Bist du besser?! Bist du anders?! 

Unter jenen, die hie und da dem fruheren Obersten Nikolaus Tarabas 
begegneten, gab es manche, die derlei Fragen stellten. Er antwortete 
nicht. Langst waren die Kleider Kristianpollers zerfetzt. Zerrissen wa- 
ren die Stiefel. Den Militarmantel trug Tarabas noch. Er hatte die 
Epauletten abgetrennt und in die Tasche gesteckt. Er befiihlte sie 
manchmal, zog sie heraus und betrachtete sie. Ihr Silber war gelblich 
angelaufen, gealterte Spielzeuge. Er steckte sie wieder in die Tasche. 
Von seiner Mutze hatte er die Rosette abgeschnitten. Uber seinem wu- 
chernden, dichten Haar safl sie, ein viel zu kleines Radchen. Ihre 
schone graue Farbe hatte sie verloren. Sie schimmerte weift an einigen 
Stellen, graugelblich und griin. An der Brust, unter dem Hemd, trug 
der friihere Oberst zwei schwesterliche Sackchen nebeneinander. In 
dem einen lagen Munzen und Geldscheine. Im andern bewahrte er 
einen Gegenstand, den er auch um sein Leben und urn seine Seligkeit 
nicht hergegeben hatte. 

Sooft er ein Kreuz oder ein Heiligenbild an seinem Wege traf, kniete er 
nieder und betete lange. Er betete, inbriinstig, obwohl es ihm schien, 
dafi er nichts mehr zu erflehen hatte. Er war zufrieden, sogar heiter. 
Er gab sich Miihe, Qualen zu finden, Leid und Unbill. Die Menschen 
waren zu gut gegen ihn. Man versagte ihm selten eine Suppe, ein Stuck 
Brot, ein Obdach. Geschah es aber, so antwortete er mit einem Segen. 



592 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er sprach sanft noch zu den Hunden, die ihm an die Beine fuhren. 
Und sagte ihm ein Mensch: »Geh fort, wir haben selber gar nichts!«, 
so erwiderte Tarabas: »Gott segne dich! Er gebe dir alles, was du 
brauchst.« 

Schwer war nur die erste Woche gewesen. 

Der heitere Herbst hatte sich iiber Nacht in einen strengen Winter 
verwandelt. Zuerst kam der harte Regen, dessen Tropfen einzeln im 
Fallen gefroren und wie Korner aus Eisen gegen Gesicht und Korper 
schlugen. Hierauf wurden es deutliche, gewaltige Hagelstiicke, die in 
schrager Wucht niedersausten. Tarabas begriifite den ersten Schnee, 
den guten, milden Sohn des Winters. Die Strafien wurden weich und 
grundlos. Der Schnee schmolz. Man sehnte sich nach einem bitteren, 
guten Frost. Eines Tages brach er an, begleitet von seinem Bruder, dem 
bestandigen und ruhig wehenden Wind aus dem Norden, der wie ein 
Schwert daherkommt, flach, breit und furchtbar geschliffen. Er schnei- 
det Panzer durch. Kein Kleid kann ihm standhalten. Man steckt die 
Hande in die Taschen. Der Nordwind aber blast durch den Stoff wie 
durch ein Pauspapier. Unter seinem Atem gefriert die Erde im Nu und 
schickt ihrerseits einen eisigen Hauch empor. Der Wanderer wird fe- 
derleicht, ja leichter als eine Flaumfeder, der Wind kann ihn davon- 
wehn wie die ausgespuckte Schale von einem Kurbiskern. Das nachste 
Dorf liegt weit, weiter als gewohnlich. Alles Lebendige hat sich ver- 
krochen und verborgen. Selbst die Raben und die Krahen, die Vogel 
des Frostes, die Besinger des Todes, sind stumm. Und zu beiden Seiten 
des gefrorenen Weges, rechts und links vom Wanderer, breitet sich die 
Ebene aus, lagern die Felder und Wiesen unter einer diinnen, durch- 
sichtigen, kornigen Haut aus weifilichem Eis. 

Es gibt in dem Lande, in dem die Geschichte unseres Nikolaus Tarabas 
spielt, eine Gilde der Bettler und Landstreicher. Eine sichere, gute Ge- 
meinschaft der Heimatlosen, mit eigenen Sitten, eigenen Gesetzen, 
einer eigenen Gerichtsbarkeit zuweilen, eigenen Zeichen, einer eigenen 
Sprache. Auch Hauser besitzen diese Bettler: Baracken, verlassene 
Schaferbuden, teilweise abgebrannte Hutten, vergessene Eisenbahn- 
waggons, zufallige Hohlen. Wer einmal vier Wochen unterwegs gewe- 
sen ist, hat von den zwei grolken Lehrern des Menschen: der Not und 
der Einsamkeit, die geheimen Zeichen lesen gelernt, die einen Unter- 
schlupf ankiindigen. Hier liegt ein Zwirnsfaden, dort der Fetzen von 
einem Schnupftuch und dniben ein verkohlter Zweig. Hier bemerkt 



TARABAS 593 

man in einer Mulde am Wegrand die Aschenreste eines Feuers. Dort 
sind unter der Glasur des Frostes noch menschliche Fufispuren zu ent- 
decken, die einen Weg und eine Richtung zeigen. Der Frost schneidet 
ins Fleisch, und er scharft auch die Sinne. 

Tarabas lernte die Zeichen verstehen, die Warme und Sicherheit ver- 
heifien. Der Krieg hatte viel brauchbares Material im Lande gelassen. 
Eisen und Wellblech, Holz und zerbrochene Automobile, einsame 
Waggons auf schmalspurigen, improvisierten Geleisen, jammerliche 
Baracken, halbverbrannte Hauschen, verlassene, gut betonierte Schiit- 
zengraben. In einem Land, in dem der Krieg die Giiter der Festgesesse- 
nen zerstort hat, haben es die Landstreicher gut. 
Wenn der fruhere Oberst Tarabas einen solchen Unterschlupf betrat, 
fiihlte er sich weit iiber Verdienst belohnt. Und fast bereute er, dafi er 
ihn aufgesucht hatte. Ja, manchmal kam es vor, dafi er, kaum eingetre- 
ten und von der Warme umfangen, nach einigen Minuten wieder auf- 
brach. Ihm stand es nicht an, mehr Schutz und Warme zu geniefien, als 
er notig hatte, um sein Leben zu erhalten. Denn er genofl seine Qua- 
len, und er wollte sie verlangern. Also trat er wieder in Schnee, Eis und 
Nacht hinaus. Begegnete ihm ein Landstreicher, der dem Obdach ent- 
gegenstrebte, und fragte er, warum und wohin des Wegs, so erwiderte 
Tarabas, er hatte heute noch ein Ziel zu erreichen; heute nacht noch. 
Eines Abends geriet er in einen Unterschlupf, in dem schon ein ande- 
rer lagerte. Es war ein schadhafter Waggon zweiter Klasse, er stand auf 
einem verlassenen Geleise einer alten Feldbahn. Die Fenster der Ru- 
pees waren zerbrochen und durch Bretter und Pappendeckel ersetzt. 
Die Tiiren zwischen dem Gang und den Abteilen schlossen nicht 
mehr. Die ledernen Beziige der Sitze hatte man langst herausgeschnit- 
ten. Aus den Sitzen quollen die grauen, harten Rofihaarknauel, und 
durch die Ritzen und Sparren blies der erbarmungslose Wind. Tarabas 
ging in das erste Kupee. Ein Kupee zweiter Klasse, wie es friiher ein- 
mal Tarabas. bemitzt hatte! Er war sehr miide, er schlief sofort ein. In 
den Schlaf nahm er die Erinnerung an jene Zeit hiniiber, in der er als 
»der Kurier des Zaren« in »besonderen Staatsgeschaften« heimgefah- 
ren war. »Schaffner«, hatte er gerufen, »hol mir einen Tee!« Oder: 
»Schaffner! Ich mochte Weintrauben!« - Platz, Platz hatten die Leute 
im Korridor dem besonderen Kurier des Zaren gemacht. Ach, was war 
Nikolaus Tarabas einst fur ein Mann gewesen! Was machten jetzt seine 
Getreuen ohne Tarabas? Sieh da, dachte Tarabas, da hat nun so ein 



594 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mann groftartig gelebt, ein machtiger Tarabas, und hat gedacht, ohne 
ihn wiirde die Welt ihr Angesicht verandern! Aber nun bin ich aus der 
Welt geschieden - und sie hat ihr altes Aussehn nicht im geringsten 
verandert. Nichts bedeutet ihr ein Mensch; und war's auch so ein ge- 
waltiger, wie ich einer gewesen bin! 

Nach zwei Stunden erwachte Tarabas. Er schlug die Augen auf und 
erkannte im Dammer einen Mann, einen greisen Landstreicher. Das 
weifte Haar wallte uber den Kragen seines dunklen Mantels, und der 
Bart reichte fast bis zum Strick an den Huften. »Du hast einen geseg- 
neten Schlaf!« sagte der Alte. »Eine Viertelstunde stehe ich da, huste 
und spucke, und du horst nichts. Ich horte dich wohl, als du kamst, du 
aber hast nicht einmal bemerkt, daft ein Mensch in diesem Waggon 
lebt. Du bist noch jung. Ich wette, es ist nicht lange her, daft du wan- 
derst!« 

»Woher weifit du das?« fragte Tarabas und setzte sich auf. 
»Weil der halbwegs erfahrene Mensch jeden Raum, den er betritt, zu- 
erst durchforscht. Wie leicht kann man da was Nutzliches finden! Ein 
Geldsttick, Tabak, eine Kerze, ein Snick Brot, oder auch einen Gen- 
darmen. Diese merkwiirdigen Manner verbergen sich manchmal, war- 
ten geduldig, bis unsereins kommt, dann fragen sie nach den Papie- 
ren. - Ich habe Papiere!« setzte der Greis nach einer Pause hinzu. »Ich 
konnte sie dir sogar zeigen, wenn wir Licht hatten.« 
»Hier ist eine Kerze, mach Licht«, sagte Tarabas. 
»Ich darPs nicht!« erwiderte der Alte. »Du muftt es selbst machen!« 
Tarabas entziindete den Kerzenstumpf und klebte ihn auf die schmale 
Holzkante am Fenster. »Warum wolltest du kein Licht machen?« 
fragte er und betrachtete ein wenig neidisch den Alten, der schon urn 
so viel alter war und leidvoller aussah als Tarabas. Ach, es war ein 
General unter den Elenden! Tarabas war nur ein Leutnant. 
»Heute ist Freitagabend!« sagte der Alte. »Ich bin Jude. Es ist uns 
verboten, Licht anzuziinden.« 

»Wie kommt es, daft du nicht in einem warmen Hause bist, heute?« 
fragte Tarabas, und der Neid erfiillte ihn jetzt ganz und gar, wie ihn 
einst nur der Zorn hatte erfiillen konnen. »Deine Glaubensgenossen 
essen und schlafen in den Hausern der Juden, wenn der Sabbat kommt. 
Ich habe noch nie an einem solchen Tage einen jiidischen Bettler ge- 
troffen!« 
»Nun, siehst du«, sagte der alte Jude und lieft sich Tarabas gegenttber 



TARABAS 595 

auf der Bank nieder, »bei mir ist es anders. Ich war ein angesehener 
Mann in meiner Gemeinde. Ich habe jeden Sabbat gefeiert, wie Gott es 
befiehlt. Aber manches andere, was Er auch befiehlt, habe ich nicht 
getan. Nun sind es schon acht Jahre her, daft ich so herumwandere. 
Die ganze Zeit des Krieges bin ich herumgewandert. Das waren nicht 
einmal die schwersten Jahre. Ich bin sehr weit herumgekommen, ich 
war in vielen Teilen Ruftlands und manchmal hinter der Front. In der 
Etappe ist immer etwas losgewesen. Fixr einen Bettler ist immer etwas 
abgefallen.« 

»Weshalb verzichtest du auf den Samstag?« fragte Tarabas. 
Der Alte fuhr mit den Handen durch den Bart, neigte sich vor, um 
Tarabas besser zu sehn, und sagte: »Riick nur ein bifichen naher zum 
Licht, damit ich dich anschaun kann.« 
Tarabas rlickte naher zur Kerze. 

»So!« sagte der alte Jude. »Es scheint mir, daft ich dirmeine Geschichte 
erzahlen kann. Ich erzahle sie gerne, of fen gestanden. Aber es gibt 
Leute, denen man etwas erzahlt, und die sagen dann: ja, ja! oder: so, 
so! oder sie lacheln gar, oder sie sind ganz stumpf, und sie sagen gar 
nichts. Sie drehen sich um und beginnen zu schnarchen. Nun bin ich 
beileibe nicht etwa eitel, und ich will keinen Beifall, im Gegenteil; Ich 
will, daft man mich ganz kennt, in meiner ganzen Art. Und wenn je- 
mand meine ganze Natur nicht zur Kenntnis nimmt, hat es keinen 
Sinn, daft ich ihm etwas erzahle. « 
»Ja, ich verstehe dich!« sagte Tarabas. 

»Nun will ich dir sagen«, fuhr der Jude fort - und er sprach zu Tara- 
bas' Verwunderung die Sprache des Landes, ohne zu stocken, nicht 
wie die anderen Juden-, »nun will ich dir sagen, daft ich ein sehr rei- 
cher Mann war. Ich heifte Samuel Jedliner. Und weit und breit in die- 
sem Lande kennt mich jeder. Aber ich rate dir nicht, jemanden nach 
mir zu fragen. Wenn einer meinen Namen hort, wird er dich verflu- 
chen. Merk dir das. Besonders, wenn du zufallig einmal nach Koropta 
kommen solltest. Denn dort habe ich gewohnt.« 
»Koropta?« fragte Tarabas. 
»Ja, kennst du's?« 
»Fluchtig!« sagte Tarabas. 

»Ja«, sagte der alte Jedliner. »Ich habe ein Haus gehabt, groft wie der 
Gasthof in Koropta, der Gasthof Kristianpollers. Ich hatte eine hiib- 
sche, kraftige, breithiiftige Frau und zwei Sonne. Ich handelte mit 



5?6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Holz, mufit du wissen, und verdiente einen Haufen. Man verkauft viel, 
wenn der Winter kalt ist, wie dieser hier, den wir jetzt haben zum 
Beispiel. Es gab da noch andere Holzhandler. Aber ich war kliiger als 
alle. Du mufit wissen: Im Friihling, wenn noch kein Mensch daran 
denkt, dafi einmal Winter sein wird, gehe ich zum Gutsherrn und be- 
sehe mir den Wald und lasse diese und diese Baume anzeichnen und 
gebe ein Handgeld. Dann holze ich ab. Ich verlasse mich nicht auf den 
Gutsherrn selbst. Mag er abholzen, was er will. Ich lasse meine Baume 
fallen. Dann hole ich mir das Holz nach Hause. Dann lasse ich es im 
Freien liegen, wenn es regnet - und wenn es trocken ist, spanne ich 
Zelte dariiber. Damit es namlich an Gewicht zunimmt. Denn es war 
mein oberstes Prinzip: nach Gewicht verkaufen; und zwar moglichst 
zersagtes und schon zerkleinertes Holz. Nicht wahr? - Wozu sollten 
die Leute sich noch Holzhacker kommen lassen und sie extra bezah- 
len? Sie kaufen nach Klaftern, nach Ellen, und dann kommt erst die 
Notwendigkeit, die Stamme zu zersagen. Nein, bei mir ist das nicht so. 
Ich verkaufe gebrauchsfertiges Holz nach Gewicht. Siehst du, bei uns 
zu Lande war ich mit meiner Methode ganz originell.« 
Der Alte hielt ein. Er mochte sich sagen, dafi die Leidenschaft, die er 
jetzt noch fur einen abgelegten Beruf aufbrachte, ihm nicht mehr zu- 
stand. Er brach ab: 

»So war es also - oder ahnlich. Es kommt nicht mehr darauf an. Also: 
Ich war ein reicher Mann. Ich hatte Geld im Hause und auf der Bank. 
Ich liefi meinen Sohn studieren. Meine Frau schickte ich jedes Jahr ins 
Ausland, nach Osterreich, nach Franzensbad, denn der Arzt sagte, sie 
musse was am Unterleib haben, sie habe Schmerzen im Kreuz, und 
ganz ohne ersichtlichen Grund. Aber der Teufel zwickte mich. Den 
ganzen Sommer nahm ich kein Geld ein, und ich hatte keine Geduld, 
bis zum Herbst zu warten. Es gab manchmal auch trockene, spate, 
sommerliche Herbste, kein Mensch dachte an den Winter - und mein 
Holz wurde immer leichter und leichter. Das krankte mich bitter. Da 
kam eines Tages zu mir dieser Jurytsch und machte mir einen Vor- 
schlag. . .« 

Jedliner schwieg, seufzte und fuhr fort: »Seit diesem Tage war ich ein 
gutbezahlter Spitzel der Polizei. Ich gab zuerst die Leute an, von denen 
ich etwas wuEte; hierauf jene, von denen ich nur etwas ahnte; schliefi- 
lich jeden, der mir nicht gefiel. Ich entwickelte eine machtige Phanta- 
sie, und ich konnte gut kombinieren. Man glaubte mir alles. Ein paar- 



TARABAS 597 

mal hatte ich Gliick. Es stellte sich heraus, daft alles richtig gewesen war, 
was ich lediglich vermutet hatte. Eines Tages aber kam Jurytsch in die 
Schenke Kristianpollers, betrank sich dort und sagte, daft ich viel mehr 
Geld verdiene als er selbst. 

Nun, ich will dich nicht langweilen: Man lieft mich in der Nacht holen. 
Zwei kraftige jiidische Fleischhauer und der Gastwirt Kristianpoller, 
der auch kein schwacher Knabe ist, schlugen mich halbtot. Man zwang 
mich, das Haus und die Stadt zu verlassen. Meine Frau wollte nicht mit 
mir gehn. Meine Sonne spuckten mich an. Der Rabbiner berief ein 
Gericht, drei gelehrte Juden safien da. Ich sah ein, was ich getan hatte. 
Mindestens zwanzig Juden von Koropta und Umgebung hatte ich in 
den Kerker gebracht. Und mindestens zehn unter ihnen waren unschul- 
dig. Und ich gelobte vor den Juden von Koropta, daft ich alles verlassen 
werde. Und daft ich mich den Bettlern des Landes zugesellen werde. 
Und fiir mich selbst beschloft und gelobte ich noch, daft ich auch den 
Sabbat nicht in einem jiidischen Hause zubringen werde. Deshalb bin 
ich hier. Und das ist meine Geschichte.« 

»Ich habe«, sagte Tarabas, »einem deiner Glaubensgenossen den Bart 
ausgerissen.« Sie saften einander gegenuber. Der Kerzenstumpf am Fen- 
sterrand war langst ausgegangen. 

Als der Morgen kam, ein eisiger Morgen, er kiindete rot und feurig 
einen neuen Schneesturm an, verlieften sie den Waggon, gaben sich die 
Hande und wanderten weiter, jeder in eine andere Richtung. 



XXIII 

An diesem Vormittag gelangte Tarabas in den Marktflecken Turka. Die 
Erzahlung des alten Jedliner hatte in ihm die Lust geweckt, Holz zu 
sagen und kleinzuhacken. 

Deshalb ging er in Turka von einem Haus zum anderen und fragte, ob es 
Holz zu sagen gabe. Er fand, was er suchte. Es gait, einen halben Klafter 
Eichenholz zu zerkleinern. »Was willst du als Bezahlung?« fragte der 
Besitzer des Holzes. »Ich werde mit jedem Lohn zufrieden sein!« erwi- 
derte Tarabas. »Nun gut!« sagte der Hausherr. Es war ein wohlhaben- 
der Mann, ein Pferdehandler. Er fuhrte Tarabas in den Hof, zeigte ihm 
das Holz, holte Axt und Sage aus dem Schuppen und das holzerne 
Gestell, das man die Schere nennt und auf das man die Stamme legt. 



598 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Pferdehandler hatte einen Pelz angezogen, bevor er in den Hof 
ging, innen Biber, mit einem schon gekrauselten, silbrigen Krimmer- 
kragen. Sein Gesicht war rot und wohlgenahrt, seine Beine steckten in 
pelzgefiitterten Stiefeln, die Hande hielt er in den warmen Taschen. 
Tarabas indessen fror in seinem Militarmantel, hauchte sich in die stei- 
fen Hande, versuchte, die viel zu kleine Miitze bald auf das rechte, bald 
auf das linke Ohr zu schieben, denn der Frost stach in beide mit zahl- 
losen Nadeln. Der Pferdehandler betrachtete ihn mifitrauisch. Tarabas 
trug einen wirren, blonden Bart, der unter den Backenknochen begann 
und uber den Mantelkragen ragte. Andere Landstreicher gaben sich die 
Miihe, wenigstens solange sie noch jung waren wie dieser hier, sich 
einmal in zwei Wochen zu rasieren. Gewifi hat er etwas zu verbergen, 
dachte der Pferdehandler. Was fur einen morderischen oder diebischen 
Zug verheimlicht er hinter seinem Bart? Beil und Sage konnte er an 
sich nehmen und einfach weggehn! Der vorsichtige Mann beschlofi, 
achtzugeben und den Fremden wahrend der Arbeit zu beaufsichtigen. 
Allein, Tarabas, der zum erstenmal in seinem Leben Holz zersagen 
sollte, stellte sich dermafien ungeschickt an, dafi der Pferdehandler 
noch mifitrauischer wurde. »H6r zu!« sagte er und fafke Tarabas an 
einem Mantelknopf, »mir scheint, du hast noch nie gearbeitet?« Tara- 
bas nickte. »Du bist wohl ein Verbrecher? Wie? Und du glaubst, dafi 
ich dich in meinem Gehoft allein lasse? Damit du es ausspionierst und 
in der Nacht bei mir einbrichst? Mich kann man nicht betriigen, weifit 
du, und Angst nab' ich auch nicht. Ich war drei Jahre im Feld. Ich habe 
acht Sturmangriffe mitgemacht. Weifit du, was das ist?« 
Tarabas nickte nur. 

Der Pferdehandler nahm Axt und Sage an sich und sagte: »Nun geh! 
Ich konnte dich sonst zur Polizei bringen. Und zeig dich nicht mehr in 
meiner Nahe!« 

»Gott mit Ihnen, Herr!« sagte Tarabas und ging langsam durch den 
Hof. 

Der Pferdehandler blickte ihm nach. Es war ihm warm und wohlig in 
seinem Biberpelz. Den Frost fuhlte er in seinem geroteten Gesicht nur 
als eine angenehme, gottliche Einrichtung, geeignet und vielleicht so- 
gar dazu geschaffen, den Appetit der Hausbesitzer und Pferdehandler 
zu fordern. Er war auEerdem zufrieden, daft er mit seinem klugen 
Auge sofort den verdachtigen Burschen durchschaut und ihm mit sei- 
ner kraftigen Hand Respekt eingejagt hatte. Auch hatte er wieder ein- 



TARABAS 599 

mal von seinen acht Sturmangriffen sprechen konnen. Uberdies fiel 
ihm ein, daft der Fremde gar keinen Arbeitslohn verlangt hatte. Er 
ware vielleicht mit einer Suppe zufrieden gewesen. Derlei Uberlegun- 
gen stimmten ihn milde. Und er rief Tarabas zuriick, ehe diescr noch 
das Tor erreicht hatte. 

»Ich will es mk dir doch versuchen«, sagte der Hausherr, »weil ich ein 
zu gutes Herz habe. Was verlangst du als Bezahlung?« 
»Ich werde mit jedem Lohn zufrieden sein!« wiederholte Tarabas. Er 
begann, den Stamm zu zersagen, den er fniher mit so deutlichem Un- 
geschick auf das Gestell gelegt hatte. Er sagte fleifiig, unter den Augen 
des Handlers. Er entwickelte und fuhlte dabei eine betrachtliche Kraft 
in seinen Muskeln. Er arbeitete schnell, er wollte dem Bereich der mifi- 
trauischen Blicke des Pferdehandlers entkommen. Diesem gefiel Tara- 
bas immer mehr. Auch furchtete er sich ein wenig vor der nicht zu 
leugnenden Kraft des Fremden. Auch ein bifkhen neugierig wurde 
man, wenn man einen so merkwiirdigen Mann vor sich sah. Deshalb 
sagte der Hausherr: »Komm ins Haus, kriegst einen Schnaps, zum 
Warmen!« 

Zum erstenmal seit langer Zeit trank Tarabas wieder einen Schnaps. Es 
war ein guter, ein kraftiger Schnaps, klar und sauber, durch allerhand 
Krauter, die man auf dem Grunde der machtigen, gebauchten Flasche 
schwimmen sah wie Algen in einem Aquarium, hellgriin gefarbt und 
bitterlich gewiirzt. Es waren gute, zuverlassige Hausmittelchen, wie 
sie auch der alte Vater Tarabas seinen Schnapsen beizumischen pflegte. 
Der Schnaps brannte, ein kurzes, schnelles Feuerchen, in der Kehle, 
erlosch sofort, um sich tiefer im Innern in eine grofte, giitige Warme zu 
verwandeln. Er wanderte in die Glieder und dann in den Kopf. Tara- 
bas stand da, das Glaschen in der einen, die Miitze in der andern Hand. 
Seine Augen verrieten eine derartige Anerkennung und Zufriedenheit, 
daft der Wirt, geschmeichelt und zugleich von Mitleid ergriffen, noch 
ein Glaschen einschenkte. Tarabas trank es auf einen Schluck. Seine 
Glieder wurden schlaff, seine Sinne verwirrten sich. Er wollte sich set- 
zen, aber er wagte es nicht. Plotzlich empfand er Hunger, gewaltigen 
Hunger, es war, als spiirte er mit den Handen die unermeftliche, voll- 
kommen leere Hohle seines Magens. Das Herz krampfte sich zusam- 
men. Tarabas offnete weit den Mund. Er tastete mit den Handen einen 
Augenblick, der ihm selbst wie eine Ewigkeit schien, ins Leere, erfafite 
die Lehne eines Stuhls und fiel mit grofkm Gepolter zu Boden, wah- 



600 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

rend der erschrockene Pferdehandler ratios, ohne Zweck, die Tiir auf- 

rifi. 

Die Frau des Pferdehandlers stiirzte aus dem Nebenzimmer. Man gofi 

einen Eimer eisigen Wassers liber Tarabas. Er erwachte, erhob sich 

langsam, ging an den Ofen, trocknete, ohne ein Wort zu sagen, den 

Mantel und die Miitze, sagte: »Gott segne Euch!« und verliefi das 

Haus. 

Zum erstenmal hatte ihn ein Blitz der Krankheit getroffen. Und schon 

fiihlte er den ersten Hauch des Todes. 



XXIV 

In diesem Jahre warten die Landstreicher ungeduldig auf den Friihling. 
Es war ein schwerer Winter. Es kann noch lange dauern, bis er sich 
entschliefit, das Land zu verlassen. Hunderttausend feine, unentwirr- 
bar verastelte, eisige Wurzeln hat er iiberall geschlagen. Tief unter der 
Erde und hoch iiber ihr hat er gewohnt. Unten sind die Saaten tot, 
oben die Straucher und das Gras. Sogar der Saft in den Baumen der 
Walder und an den Randern der Wege scheint erstarrt fur immer. 
Ganz langsam schmilzt der Schnee auf den Ackern und Wiesen, nur in 
den kurzen Stunden um den Mittag. In den dunklen Abgrunden aber, 
in den Graben am Weg liegt er noch klar und starr iiber einer harten 
Eiskruste. Es ist Mitte Marz; und noch hangen Eiszapfen an den Dach- 
rinnen der Hauser und schmelzen kaum ein Stunde lang im Glanz der 
mittaglichen Sonne. Am Nachmittag, wenn der Schatten wiederkehrt, 
erstarren sie aufs neue zu unbeweglichen, funkelnden und geschliffe- 
nen Spiefien. Noch schlaft die Erde in den Waldern. Und in den Kro- 
nen der Baume hort man keinen Vogel. Ungeriihrt, in kaltem Kobalt- 
blau, verharrt der Himmel. Die Vogel des Friihlings meiden seine tote 
Klarheit. 

Die neuen Gesetze des neuen Landes sind ebenso die Feinde der Land- 
streicher wie der Winter. In einem neuen Staat muft Ordnung herr- 
schen. Man soil ihm nicht nachsagen, er sei barbarisch oder gar »eine 
Operette«. Die Staatsmanner des neuen Landes haben an alten Univer- 
sitaten Rechte und Gesetze studiert. Die neuen Ingenieure haben an 
den alten technischen Hochschulen studiert. Und die neusten, lautlo- 
sen, zuverlassigen und prazisen Maschinen kommen auf stillen, gefahr- 



TARABAS 6oi 

lichen Radern in das neue Land. Die gefahrlichsten Raubtiere der Zivi- 
lisation, die grofien Rollen Zeitungspapier, gleiten in die neuen Setz- 
maschinen, entrollen sich selbstandig, bedecken sich mit Politik und 
Kunst und Wissenschaft und Literatur, spalten sich und falten sich und 
flattern hinaus in die Stadtchen und in die Dorfchen. Sie fliegen in 
Hauser, Hauschen und Hiitten. Und somit ist der neue Staat vollkom- 
men. Auf seinen Strafien gibt es mehr Gendarmen als Landstreicher. 
Jeder Bettler mufi ein Papier haben, ganz, als ware er ein Mensch, der 
Geld besitzt. Und wer Geld besitzt, der tragt es zu den Banken. In der 
Hauptstadt gibt es eine Borse. 

Tarabas erwartete den einundzwanzigsten Marz, um die Hauptstadt 
aufzusuchen. Es war das Datum, das ihm der General Lakubeit ausge- 
setzt hatte. Tarabas hatte noch fiinf Tage Zeit. 

Er erinnert sich an das letzte Gesprach mit Lakubeit. Der Kleine hat 
nicht viel Zeit. Er mahnt Tarabas, ganz schnell zu erzahlen. »Verstehe! 
Verstehe!« sagt er, »fahren Sie nur fort!« Nachdem Tarabas alles er- 
zahlt hat, sagt Lakubeit: »Also gut. Kein Mensch aufier mir wird etwas 
von Ihnen wissen. Auch Ihr Vater nicht. Sie konnen bis zum zwanzig- 
sten Marz des nachsten Jahres versuchen, ob Sie dieses Leben aushal- 
ten. Dann schreiben Sie mir. Ich werde dafiir sorgen«, sagt Lakubeit, 
»dafi Sie vom einundzwanzigsten Marz an jeden folgenden Monat Ihre 
Pension erhalten.« 

»Leben Sie wohl!« sagt Tarabas. Und ohne eine Antwort abzuwarten, 
ohne Lakubeits ausgestreckte kleine Hand zu beachten, geht er fort. 
Mehr als vier Monate waren es her! Zuweilen sehnt sich Tarabas da- 
nach, jemandem zu begegnen, der ihn fruher gekannt hatte und der ihn 
trotzdem jetzt noch erkennen wiirde! Es mulke eine der lustvollsten 
Arten sein, sich zu demutigen! In seinen siindhaften Stunden, das 
heifit: in den Stunden, die er seine siindhaften nannte, sah Tarabas mit 
jener Selbstbewunderung auf seinen kurzen, aber geschehnisreichen 
Weg zuriick, auf dem er sich die Abzeichen und die Auszeichnungen 
des Elends erworben hatte, mit der andere, die aus Not und Namenlo- 
sigkeit zu Geld oder Ruhm gelangen, auf ihre »Karriere« zuriickzu- 
sehn pflegen. Auch eine gewisse Eitelkeit auf sein Aufteres konnte Ta- 
rabas nicht bekampfen. Manchmal blieb er vor der spiegelnden Scheibe 
eines Schaufensters stehn und betrachtete sich mit gehassigem, grim- 
migem Wohlgefallen. So, versunken in den Anblick seines Spiegelbil- 
des, stand er manchmal da, bis er seine alte Gestalt, seine Uniform, 



602 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

seine Stiefel in Gedanken wiederangenommen hatte. Und fand hierauf 
eine bittere Freude daran, Stiick fiir Stuck abf alien, das rasierte und 
gepuderte Angesicht sich mit dem wuchernden Bart bedecken zu sehn, 
zu beobachten, wie der gerade Rucken sich in sanftem Bogen 
kriimmte. Ja, du bist der echte Tarabas! sagte Tarabas dann. Damals, 
vor Jahren, als du mit den Revolutionaren Umgang hattest, war dein 
Angesicht schon gezeichnet. Spater, als du dich in den Strafien von 
New York herumtriebst, warst du schon ein Elender. Dein Vater hat 
dich durchschaut, Nikolaus! Du hast ihn angespuckt, das war dein 
Abschied vom Vater! Erkannt hat dich der rothaarige Soldat, der kei- 
nen Gott hatte, und der kluge Lakubeit. Manche haben gewufit, Tara- 
bas, dafi du die Welt betriigst und dich selbst. Es war nicht dein Rang, 
den du gewaltig spazierenfiihrtest, eine Maskerade war deine Uniform. 
So, wie du jetzt bist, gefallst du mir, Tarabas ! 

So sprach Tarabas manchmal zu sich selbst, in den belebten Gassen 
einer Stadt, und die Leute lachten liber ihn. Sie hielten ihn fiir einen 
narrischen Menschen. Er entfernte sich schnell. Die Leute waren im- 
stande, die Polizei zu rufen. Er erinnerte sich an die drei Polizisten in 
New York, die er hatte vorbeigehn lassen, als er noch der aberglaubi- 
sche Feigling Tarabas war. Auch dafiir biifie ich noch, dachte er still 
erfreut. Ich mdchte sie schon aufhalten und mich vor den Augen der 
Gassenbuben abfuhren lassen. Aber sie wiirden erfahren, wer ich bin. 
Immer, wenn er so zu sich selber sprach und wenn die Erinnerungen 
durch sein Gehirn jagten, ihm davonliefen, wahrend er sie festzuhalten 
wiinschte, fiihlte er Frost und Hitze in seinem Korper abwechseln. Er 
fieberte. Oft uberfiel ihn das Fieber und schiittelte ihn. Es begann, an 
seinem kraftigen Korper zu zehren. Es setzte sich in seinem Angesicht 
fest. Es hohlte seine bartigen Wangen aus. Manchmal schwollen seine 
Fufie an. Er muftte humpeln. In manchen Nachten, in denen er ein 
Obdach gefunden hatte, in dem man sich ausziehn durfte, konnte er 
nur mit Miihe die Stiefel ablegen. Landstreicher, die ihm zusahen, be- 
trachteten mit Kennerschaft seine geschwollenen Glieder und ver- 
schrieben ihm allerhand Rezepte: Heublumenbader, auch Wegerich- 
tee, urintreibende Krauter, Geiftbart und Geifileitern und wilden 
Hirsch. Man riet ihm zu Bitterklee, Weihwedel und Wegwartkraut. 
Seine Krankheiten verursachten viele nachtliche Diskussionen. Immer 
fanden sich Manner, die im Verlauf ihres wechselreichen Lebens genau 
die gleichen Leiden gehabt hatten. Sobald aber Tarabas eingeschlafen 



TARABAS 603 

war, stiefien sie sich an und gaben einander durch Zeichen zu verste- 
hen, dafi sie nicht mehr viel auf sein Leben geben mochten. Sie mach- 
ten Kreuze iiber den Schlafenden und schliefen dann selbst zufrieden 
ein. Denn auch die Sonne des Elends liebten ihr Leben und hingen mit 
Inbrunst an dieser Erde, die sie so gut kannten, ihre Schonheit und ihre 
Grausamkeit; und sie freuten sich ihrer Gesundheit, wenn sie einen 
dem Tod entgegenhumpeln sahen. Tarabas selbst sorgte sich eher um 
seine zerrissenen Stiefel als um seine geschwollenen Fufk. Mochten die 
Kleider zerreiflen, man mufite ganze Stiefel haben! Sie sind das Werk- 
zeug des Landstreichers. Man hat vielleicht noch lange Wege zuriick- 
zulegen, Tarabas! 

Manchmal mufite er mitten auf der Strafie einhalten. Er setzte sich. 
Sein Herz jagte in rasender Hast. Die Hande zitterten. Vor den Augen 
bildete sich ein grauer Nebel, der auch die nachsten Gegenstande un- 
kenntlich machte. Die einzelnen Baume auf der gegeniiberliegenden 
Strafienseite verschwammen zu einem dichten, geschlossenen, endlo- 
sen Zug aus Stammen und Kronen, einer undeutlichen, aber undurch- 
dringlichen Mauer aus Baumen. Sie verdeckte den Himmel. Man safi in 
der freien Landschaft, und es war, als safte man in einem luftlosen 
Zimmer. Schwere Gewichte driickten auf die Brust und auf die Schul- 
tern. Tarabas hustete und spuckte. Langsam zerrann der Nebel vor den 
Augen. Die Baume am Wegrand gegeniiber schieden sich wieder deut- 
lich. Die Welt bekam wieder ihr gewohnliches Angesicht. Tarabas 
konnte sein en Weg forts etzen. 

Er hatte noch zwei Stunden bis zur Hauptstadt. Ein Bauer, der Milch 
zur Stadt fuhrte, hielt an, winkte ihm und lud ihn ein, auf den Wagen 
zu steigen. »Ich habe Milch genug, Gott sei Dank und Lob!« sagte der 
Bauer unterwegs. »Trink, wenn du Durst hast!« - Tarabas hatte seit 
seiner Kindheit keine Milch mehr getrunken. Wie er jetzt, umgeben 
von scheppernden, vollen Kannen, in denen die Milch satt und ver- 
nehmlich gluckste, eine schneeweifte Flasche an die Lippen hob, er- 
falke ihn eine grofie Running. Es war ihm, als erkannte er auf einmal 
den Segen, ja, das Wunder der Milch, der weifien, vollen, der unschul- 
digsten Fllissigkeit der Welt. Eine ganz selbstverstandliche Angelegen- 
heit, so eine Milch. Kein Mensch denkt daran, daft sie ein Wunder ist. 
In den Miittern entsteht sie; in ihnen verwandelt sich das warme, rote 
Blut in kiihle, weiEe Milch, die erste Nahrung der Menschen und der 
Tiere, der weifte, stromende Gruft der Erde an ihre neugeborenen Kin- 



604 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der. »Weifit du«, sagte Tarabas zu dem Milchbauern, »du fiihrst auf 
deinem Wagen eine wunderbare Sache!« »Ja, ja«, sagte der Bauer, 
»meine Milch ist grofiartig. In ganz Kurki, in meinem Dorf, findest du 
keine solche! Ich habe fiinf Kiihe: Sie heifien: Terepa, Lala, Korowa, 
Duscha und Luna. Die beste ist Duscha. Ein siifies Tier! Du solltest sie 
sehen! Du wiirdest sie sofort liebhaben. Sie gibt die beste Milch! Sie 
hat vorne einen braunen Fleck an der Stirn. Die andern sind alle weifi. 
Aber sie brauchte gar keinen braunen Fleck zu haben, ich konnte sie 
auch so erkennen. An ihrem Blick, verstehst du, an ihrem Schwanz, 
ihrem lieben Schwanzchen, an ihrer Stimme. Sie ist wie ein Mensch. 
Ganz genau wie ein Mensch. Wir leben gut miteinander!« 
Nun kamen sie in die Stadt, und Tarabas stieg ab. Er ging zur Post. Es 
war die Hauptpost, ein neues, groftartiges Gebaude. Er kaufte bei dem 
Fraulein, das vor dem grofiartigen Portal ihren kleinen Papierladen 
verwaltete, Brief papier, Kuvert und eine Feder. Dann schrieb er drin- 
nen in der grofien Halle an einem Pult an den General Lakubeit. 

»Euer Exzellenz«, schrieb er, »Herr General! Es ist heute der Tag, an 
dem ich mich melden soil. Ich tue es hiermit respektvollst. Ich erlaube 
mir, Euerer Exzellenz noch zwei Bitten zu unterbreiten. Die erste: 
wenn es geht, mir die Pension in Gold- oder Silberstiicken auszahlen 
lassen zu wollen. Die zweite: dafi ich mir das Geld zu einer Stunde 
abholen darf, in der ich von niemandem gesehen werden kann. Ich 
werde mir erlauben, die Antwort hier, poste restante, abzuholen. 
Euerer Exzellenz dankbarst und respektvollst ergebener 

Nikolaus Tarabas, Oberst. 
Poste restante« 

Er schickte den Brief ab. Er humpelte in das tadellose, nach westlichen 

Mustern neu eingerichtete Asyl fur Obdachlose, wo er, mit vielen an- 

deren, entlaust, gebadet, gereinigt und mit einer Suppe beschenkt 

wurde. Er bekam eine Nummer aus Blech und einen harten und che- 

misch gereinigten Strohsack. 

Auf diesem schlief er bis zum nachsten Morgen. 

Am Poste-restante-Schalter lag ein Brief fur Nikolaus Tarabas, von der 

Hand Lakubeits geschrieben. »Lieber Oberst Tarabas !« schrieb der 

General. »Wenn Sie heute oder morgen gegen zwolf Uhr mittags im 

Postgebaude erscheinen, wird ein junger Mann Sie ansprechen und Ih- 



TARABAS 605 

nen die Pension einhandigen. Sie brauchen keine Indiskretion zu 
fiirchten. Fur unsere neue Armee, Ihren alten Vater, fiir die Welt sind 
Sie tot und vergessen. Lakubeit, General. « 

Um zwolf Uhr mittags, da die meisten Schalter schlossen, die Beamten 
fortgingen und die grofie Halle sich leerte, sprach ein junger Mann 
Tarabas an. »Herr Oberst!« sagte der junge Mann. »Unterschreiben 
Sie die Quittung.« Tarabas bekam achtzig goldene Fiinf-Franc-Stucke. 
»Sie entschuldigen uns!« sagte der junge Herr. »Wir haben nicht alles 
in Goldstiicken bekommen konnen. Wir werden uns bemuhen. Von 
heute in einem Monat um diese Stunde treffen wir uns wieder hier.« 
Tarabas ging vor das Tor, blieb einen Augenblick stehn - und wandte 
sich sofort wieder dem machtigen Portal zu. Auf dem grofien Platz vor 
der Post warteten ein paar Wagen, Reitpferde, angebunden an Later- 
nenpfahlen, und einige Automobile. Es war einer der ersten warmen 
Tage dieses Friihlings. Die mittagliche Sonne flofi giitig liber den wei- 
ten, steinernen, schattenlosen Platz. Die Pferde vergruben ihre Kopfe 
ganz in den umgehangten Hafersacken, frafien mit heiterem Appetit 
und schienen sich selig in der Sonne zu fuhlen. Auf einmal erhob eines 
von den Tieren, das vor ein leichtes zweiradriges Wagelchen gespannt 
war, den Kopf aus dem Hafersack und stiefi ein jubelndcs Gewieher 
aus. Es war ein schones Tier. Es hatte ein grausilbernes Fell, mit gro- 
ften, regelmafiigen, braunen Flecken. Tarabas erkannte es sofort, am 
Hals, am wiehernden Ruf, an den braunen Flecken. 
Er ging in die Halle, setzte sich auf eine Bank und wartete. 
Als die Mittagspause vorbei war, die Schalter sich offneten und die 
Menschen wieder die Halle zu fiillen begannen, erschien auch der Va- 
ter Tarabas. Er war sehr alt geworden. Er ging jetzt auf zwei Stocken. 
Auch die Stocke verrieten noch den reichen Mann. Es waren Stocke 
aus Ebenholz mit silbernen Kriicken. Der machtige Schnurrbart des 
Alten fiel in zwei grofiartigen, tief herabhangenden, silberweifkn, in 
der Mitte geteilten Ketten iiber den Mund, und die feinen Spitzen be- 
riihrten den hohen, schneeweifien Kragen. Quer durch die grofie Halle 
wankte der alte Tarabas. Die einfachen Leute machten ihm Platz. Auf 
den Steinfliesen horte man seine scharrenden Schritte und das dumpfe, 
beinahe gespenstische Tappen seiner beiden Stocke, deren Enden in 
schweren Gummipfropfen steckten. Als der Alte an den Schalter trat, 
beugte der Beamte seinen Kopf aus dem Fenster. »Ah! Euer GnadenU 
sagte der Beamte. Der junge Tarabas verlieft die Bank und naherte sich 



606 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dem Schalter. Er sah, wie sein Vater, einen seiner beiden Stocke an das 
Schalterbrett hangend, die Brieftasche zog, ein paar Coupons hervor- 
klaubte und dem Beamten iibergab. Dann entfernte er sich wieder. 
Und er streifte fast den Sohn. Aber den Blick auf den Boden gerichtet, 
ohne sich umzusehn, humpelte er hinaus. 

Nikolaus folgte ihm. Vom Tor aus sah er, wie ein Mitleidiger dem 
Alten half, das Wagelchen zu besteigen. Beide Stocke lehnten nun ne- 
ben ihm, auf dem Kutschbock. Er nahm die Ziigel in die Hande. Das 
Pferd zog an. Und der alte Tarabas rollte dahin, nach Hause. 
Nach Hause. 



XXV 

Eines Tages, es war schon Ende Mai, glaubte Tarabas, daft es an der 
Zeit sei, heimzugehn und Vater, Mutter und die Schwester wiederzu- 
sehn. Er war oft auf seinen Wanderungen in die Nahe seines Dorfes 
gekommen, aber er hatte es in groften Bogen umgangen. Noch war er 
nicht geriistet genug; denn man mufi geriistet sein, um die Heimat 
wiederzusehn. Von der ganzen Welt war Tarabas getrennt. Aber Angst 
hatte er noch, die Heimat zu besuchen. Den Vater liebte er nicht. Er 
hatte niemals seinen Vater geliebt. Er erinnerte sich nicht, dafi ihn sein 
Vater jemals gekiiEt oder geschlagen hatte. Denn der alte Tarabas ge- 
riet selten in Zorn; und ebenso selten in gute Laune. Wie ein fremder 
Konig schaltete er in seinem Hause, mit der Frau und mit den Kindern. 
Ein prunkloses, einfaches, stahlernes Zeremoniell regelte seine Tage, 
seine Abende, seine Mahlzeiten, sein Betragen und das der Mutter und 
der Kinder. Es war, als ware er niemals selbst ein junger Mensch gewe- 
sen. Es war, als ware er mit seinem fertigen Zeremoniell, einem vollen- 
deten Stunden- und Lebensplan auf die Welt gekommen, nach beson- 
deren Gesetzen gezeugt und geboren, nach regelmafiigen, naturwidri- 
gen Vorschriften gewachsen und grofi geworden. Hochstwahrschein- 
lich hatte er niemals eine Leidenschaft erlebt, ganz gewift niemals Not 
gekannt. Sein Vater war fruh umgekommen, »bei einem Unfall« hiefi 
es immer; man wufke nicht, was fur eine Art Unfall. Als Knabe hatte 
sich der junge Tarabas ausgedacht, daft sein Grofivater auf der Jagd, im 
Kampf mit Wolfen oder Baren, gestorben war. Ein paar Jahre lebte 
noch die Groftmutter im Hause ihres Sohnes, in dem Zimmer, das 



TARABAS 607 

nach ihrem Tode die kleine Schwester bezog. Die Schwester - sie war 
damals zehn Jahre alt - fiirchtete sich vor der Wiederkehr der toten 
Grofimutter. Zu ihren Lebzeiten noch war sie wie ein majestatisches 
Gespenst durch das Haus gewandelt, groft und stark, mit einer breiten, 
gestarkten, schneeweifien Haube auf dem Kopf, den machtigen Korper 
in feierlicher schwarzer und steifer Seide, einer Art steinerner Seide, 
einen violetten Rosenkranz in den weifien, fleischigen, weichen Han- 
den. Ohne sichtbaren Grund und scheinbar nur zu dem Zweck, um zu 
zeigen, dafi ihre lautlose Majestat immer noch lebendig sei, ging sie 
jeden Tag iiber die Treppe in die Kuche, nahm mit wortlosem Nicken 
die Knickse der Diener und der Kochin entgegen, wallte quer iiber den 
Hof, dem Stalle zu, gewahrte dem Knecht einen kalten Blick aus ihren 
grofien, braunen, hervorquellenden und immer feuchten Augen und 
kehrte wieder um. Bei den Mahlzeiten thronte sie am Kopf des Ti- 
sches. Vater, Mutter und die Kinder traten an sie heran und kufken ihr 
die weiche, muskellose, teigige Hand, bevor man die Suppe auftrug. 
Man sprach in der Anwesenheit der Grofimutter kein Wort. Man horte 
nur das Schliirfen der Suppe, das sachte Klirren der Loffel. Nach der 
Suppe, wenn das Fleisch kam, verliefi die Alte den Tisch. Sie ging 
schlafen. Man wufite nicht, ob sie wirklich schlief. Am Abend erschien 
sie wieder, um nach einer Viertelstunde zu verschwinden. Obwohl sie 
kein Wort sprach, sich in keine Angelegenheit des Hauses und des 
Hofes mischte und so selten sichtbar wurde, war ihre Anwesenheit 
alien - ihren Sohn vielleicht ausgenommen - eine stumme, unertragli- 
che Last. Die Angestellten hapten sie und nannten sie »die Schattenko- 
nigin«. Ihre ewig feuchten Augen schillerten bos, und ihr wortloser 
Hochmut weckte in den Leuten einen ebenso stummen, rachedursti-" 
gen Hafi. Man hatte die Schattenkonigin gerne auf irgendeine Weise 
umgebracht. Auch die Kinder, Nikolaus und seine Schwester, hafken 
die stumme, wie von schalldampfenden Stoffen umgebene, bose Maje- 
stat der Groftmutter. Als sie eines Tages plotzlich starb, ebenso lautlos, 
wie sie gelebt hatte, atmeten alle im Hause auf - und nur fur eine 
Weile. Der Vater Tarabas iibernahm das Erbe seiner Mutter; ihre todli- 
che, eisige Majestat. Von nun an saft der Vater am Kopfende des Ti- 
sches. Von nun an kiifken die Kinder ihm die Hand vor Beginn der 
Mahlzeit. Er unterschied sich nur dadurch von seiner Mutter, dafi er 
nach der Suppe ausharrte, mit kaltem Appetit auch das Fleisch und die 
Nachspeise afi und sich dann erst schlafen legte. Hatte er fruher, als die 



608 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mutter noch lebte, hie und da, und naturlich wahrend ihrer Abwesen- 
heit, ein Wort gesagt, manchmal sogar einen Scherz gemacht, so schien 
er jetzt, nach dem Tode der Alten, deren ganze gewichtige Diisterkeit 
auszustromen. Und auch ihn nannte man, nach seiner Mutter, den 
»Schattenkonig«. 

Seine Frau gehorchte ihm ohne Widerspruch. Sie weinte oft. In ihren 
Tranen verstromte sie den ganzen geringen Vorrat an Kraft, den ihr die 
Natur mitgegeben hatte. Sie war mager und blafi. Mit ihrem spitzen 
Gesicht, dem abfallenden Kinn, den rotumrandeten Augen, der ewigen 
blauen Schurze, die ihr ganzes Kleid bedeckte, glich sie einer Magd, 
einer Art privilegierter Kochin oder Haushalterin. Sie hielt sich auch 
den grofiten Teil des Tages in der Kuche auf. Ihre harten, trockenen 
Hande, mit denen sie manchmal scheu und beinahe furchtsam, als tate 
sie etwas Verbotenes, ihre Kinder streichelte, rochen nach Zwiebeln. 
Streckte sie die Hand nur nach den Kindern aus, so rannen zugleich 
ihre Tranen unaufhaltsam; es war, als weinte sie schon uber die Zart- 
lichkeit, die sie ihren Kindern angedeihen liefi. Tarabas und seine 
Schwester begannen, der Mutter auszuweichen. Jede Annaherung an 
ihre Mutter war unweigerlich mit Zwiebeln und Tranen verwandt. Sie 
angstigten sich. 

Dennoch war es die Heimat. Starker noch als die diistere Majestat des 
Vaters und die weinerliche Ohnmacht der Mutter waren der silberne 
Zauber der Birken, das dunkle Geheimnis des Tannenwaldes, der siifi- 
liche Duft bratender Kartoffeln im Herbst, das jubelnde Geschmetter 
der Lerchen im Blau, der eintonige Gesang des Windes, der frohliche, 
helle Wolkenzug im April, die diisteren Marchen der Magde am Win- 
terabend in der Stube, das Knistern des frisch verbrennenden Holzes 
im Ofen, der harzige, fette Geruch, den es im Brennen verstromte, und 
das gespenstische Licht, das der Schnee vor den Fenstern in die noch 
nicht erleuchteten Zimmer warf. All dies war die Heimat. Der uner- 
reichbar fremde Vater und die arme, unbedeutende Mutter erhielten 
noch etwas von der Kraft dieser Empfindungen, und Tarabas gab ih- 
nen einen Teil der Zardichkeit, die er fur die Natur der Heimat fiihlte. 
Seine Erinnerungen an die Kraft und an die Siifie seiner Erde umhull- 
ten die ganze Fremdheit der Eltern mit einem versohnlichen Schleier. 
Ach, er hatte Angst, die Heimat wiederzusehn! Er war noch zu 
schwach gewesen. Man konnte sich von der Macht, vom Krieg, von 
der Uniform trennen, von den Erinnerungen an Maria, von den Lii- 



TARABAS 609 

sten, die im Schofi der Frauen auf einen Mann wie Tarabas warteten: 
nicht aber von den heimatlichen silbernen Birken. War der Alte, den 
Tarabas auf zwei Kriicken gesehen hatte, schon dem Tode nah? - 
Lebte die Mutter noch? - Er wurke nicht, daft nicht der Anblick des 
humpelnden Vaters sein Heimweh geweckt hatte, sondern jenes plotz- 
liche Gewieher des Pferdes, des silbernen, braungefleckten. Ein Ruf 
der ganzen Heimat war es gewesen. 

Am nachsten Morgen, es regnete sanft und wehmutig, ein guter, Under 
Regen im Friihling, schlug Tarabas den Weg nach Koryla ein. 
Gegen zehn Uhr vormittags erreichte er den Anfang der Birkenallee, 
die zu seinem vaterlichen Hause fiihrte. Ja, die Mulden auf diesem 
Wege waren noch die gleichen, und genau wie vor Jahren hatte man sie 
mit Schotter ausgefullt. Jede einzelne Birke kannte Tarabas. Hatten die 
Birken Namen gehabt, er hatte jede einzelne rufen konnen. Zu beiden 
Seiten dehnten sich die Wiesen. Auch sie gehorten dem Herrn von 
Koryla. Man liefi die Wiesen seit undenklichen Zeiten Wiesen bleiben, 
man bewies dadurch, dafi man reich genug war und noch mehr frucht- 
bare Erde nicht brauchte. Gewift waren die brandtragenden Stiefel des 
Krieges auch uber diese Erde gestampft; aber die Erde des Geschlech- 
tes Tarabas erzeugte in unermudlicher Frische neue Saat, neues Kraut, 
neues Gras, sie besafi eine iippige, leichtsinnige Fruchtbarkeit, sie 
uberlebte den Krieg, sie war starker als der Tod. Auch Nikolaus Tara- 
bas, noch der letzte Sprofi dieser Erde, dem sie nicht mehr gehorte, 
war stolz auf sie, die Triumphierende. Er muftte besondere Vorsicht 
iiben. Er wufite, dafi riickwarts, im Hof, die Hunde zu bellen began- 
nen, sobald ein Fremder die sechste Birke, vom Tor des Hauses an 
gerechnet, iiberschritten hatte. Er bemuhte sich, leise aufzutreten. Er 
konnte nicht mehr den Umweg machen, liber den weidenbestandenen 
Weg, zwischen den Sumpfen, um in den Hof zu gelangen, die wein- 
laubiiberwachsene Wand hinaufzuklettern! Er schlurfte leise die fla- 
chen sechs Stufen hinauf, die zu dem rostbraunen Tor des weiftgestri- 
chenen, breiten Hauses hinanfiihrten. Er klopfte, wie es einem Bettler 
geziemt, zaghaft mit dem Kloppel, der an einem rostigen Draht hing, 
an das Tor. Er wartete. 

Er wartete lange. Man offnete. Es war ein junger Diener, Tarabas hatte 
ihn niemals gesehn. Sofort sagte er: »Der Herr Tarabas leidet keine 
Bettler.U »Ich suche Arbeit!« antwortete Tarabas. »Und ich habe gro- 
ften Hunger !« 



6lO ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der junge Mensch liefi ihn eintreten. Er fiihrte ihn durch den dunklen 
Flur - links war die Tiir zu Marias Zimmer, rechts erhob sich die 
Treppe - in den Hof und beschwichtigte die Hunde. Er liefi Tarabas 
auf einem Holzhaufen niederhocken und versprach, bald wiederzu- 
kommen. 

Er kam aber nicht. Statt seiner erschien ein Alter mit weifiem Backen- 
bart. »Kabla, Turkas!« rief er den Hunden zu. Sie liefen ihm entgegen. 
Es war der alte Andrej. Tarabas hatte ihn sofort erkannt. Andrej war 
sehr verandert. Er ging vorsichtig schnuppernd einher, mit vorgeneig- 
tem Kopf, mit schlurfenden Schritten. Zuerst schien er Tarabas nicht 
zu sehn. Er kam dann naher, von den Hunden gefolgt, und streckte 
immer noch suchend den Kopf vor. Endlich erblickte er Tarabas auf 
dem Holzhaufen. »Verhalte dich still!« sagte der alte Andrej. »Der 
Herr konnte kommen. Ich bin gleich wieder hier.« 
Er schlurfte davon und kam nach ein paar Minuten wieder, mit einem 
dampfenden, irdenen Topf und einem holzernen Loffel. »I£, ift, mein 
Lieber«, sagte er. »Fiirchte dich nicht! Der Herr schlaft. Er schlaft 
jeden Tag eine halbe Stunde. So lange hast du Zeit. Wenn er erwacht, 
kann es passieren, dafi er in den Hof kommt. Er war friiher ganz an- 
ders!« 

Tarabas machte sich ans Essen. Er kratzte, als er fertig war, mit dem 
holzernen Loffel noch ein wenig den Boden und die Wande des irde- 
nen Topfes leer. »Still, still«, sagte Andrej, »der Alte konnte dich ho- 
ren.« 

»Ich bin namlich«, fuhr er fort, »hier fur alles verantwortlich. Vierzig 
Jahre schon und dariiber bin ich in diesem Haus. Ich habe noch die 
Alte gekannt, die Mutter unseres Herrn, und seinen Sohn. Ich habe 
noch gesehn, wie beide Kinder zur Welt gekommen sind. Dann habe 
ich den Tod der Alten gesehn. « 
»Wo ist der Sohn geblieben?« fragte Tarabas. 

»Der ist zuerst infolge einer Verfehlung nach Amerika gegangen. Dann 
in den Krieg. Und man hat die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er ist 
verschwunden. Es ist nicht lange her, es war im letzten Herbst, da kam 
der Brieftrager mit einem grofien, gelben, versiegelten Brief. Es war 
Mittag. Ich habe damals noch am Tisch bedient. Heute macht es der 
junge Jurij, der dir das Tor geoffnet hat. Ich sehe also, wie der Herr 
den Brief nimmt, dem Brieftrager einen unterschriebenen Zettel gibt, 
die Brille muft ich aus dem Schreibzimmer holen. Dann liest der Herr 



TARABAS 6ll 

fiir sich. Dann sagt er, indem er die Brille ablegt: >Es ist nichts mehr 
zu hoffen< zu seiner Frau. >Der General Lakubeit schreibt es selber! 
Da lies!< Und er reicht ihr den Brief. 

Da erhebt sie sich, wirft Messer und Gabel hin, obwohl ich im Zim- 
mer stehe, und schreit: >Nichts mehr zu hoffen! Das sagst du mir! 
Das wagst du mir zu sagen! Du Unmensch!< So schreit sie und ver- 
lafit das Zimmer. Du mufit wissen, man hat sie immer nur mit ver- 
weinten Augen gesehn und niemals ein Wort von ihr gehort. Auf ein- 
mal ist sie es, die ein Geschrei erhebt. Sie geht aus dem Zimmer. Sie 
fallt an der Schwelle um. Und sie bleibt uns sechs Wochen krank. 
Wie sie wieder aufstehn kann, ist der Herr, der nichts gesagt hat (aber 
er hat sich gewiE innerlich gegramt), auch krank. Wir haben ihn ein 
paar Wochen im Rollstuhl geschoben, jetzt humpelt er auf zwei Stok- 
ken.« 

»Du selbst- was sagst du dazu?« fragte Tarabas. 
»Ich selbst - ich erlaube mir gar nicht, etwas zu sagen. Gott will es 
so! Der Herr hat sein ganzes Vermdgen, sagt man, der Kirche ver- 
macht. Der No tar war hier und der Herr Pfarrer! Was sagst du dazu? 
So ein groftes Vermogen der Kirche! Die Herrschaften sind jetzt nur 
Mieter in ihrem eigenen Hause. Jeden Monat fahrt der Herr in die 
Stadt. Jurij, der ihn einmal begleitet hat, erzahlt, daft er auf der Post 
die Miete bezahlt. Die Ziigel kann er noch ganz gut halten. Wenn er 
einmal oben auf dem Bock sitzt, ist er wie ein Gesunder!« 
»Weifk du, wo ich hier austreten kann, lieber Vater?« fragte Niko- 
laus. Der Alte zeigte nach dem Flur. 

Ein unwiderstehlicher, toller Plan erstand in Tarabas. Er beschloft, 
ihn ohne Zogern auszufiihren. Er ging die Treppe schnell hinauf, er 
nahm vier Stufen auf einmal. Er machte die Tiir zu seinem Zimmer 
auf. Der Fensterladen war geschlossen, ein brauner, kuhler Dammer 
herrschte im Zimmer. Nichts hatte sich hier verandert. Rechts stand 
noch der Schrank, links das Bett. Man hatte das Bettzeug entfernt, 
das Bett enthielt nur die rot-weifi gestreifte Matratze. Es sah aus wie 
das Skelett von einem Bett, grausig enthautet. Ein alter, griiner Man- 
tel, Tarabas hatte ihn noch als Junge getragen, hing am Nagel an der 
Tiir. Am Fuflende des Bettes stand ein Paar Schnurschuhe. 
Diese ergriff Tarabas und steckte einen Stiefel rechts, einen links in 
die Tasche. Er schloE die Tiir, lauschte und liefl sich wie einst mit den 
Handen langs des Gelanders hinuntergleiten. Er offnete die Tiir zum 



6l2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Speisezimmer. Der Vater lag schlafend im Lehnstuhl neben dem 
Fenster. 

Tarabas blieb an der Schwelle stehn. Er konnte sagen, er hatte sich 
geirrt, wenn ihn jemand erblickte. Eine Weile stand er und betrach- 
tete kalten Herzens die prustenden Backen des Vaters und wie sich 
der Schnurrbart hob und senkte. Auf den Lehnen des Sessels lagen 
die Hande des Vaters reglos, abgemagerte Hande, an deren Riicken 
die groben Adern sichtbar wurden, angeschwellte und zugleich er- 
starrte machtige Strome unter einer diinnen Haut. Einst hatte Tara- 
bas diese Hande gekiifit. Sie waren damals noch braun und musku- 
los, sie hatten einen Geruch von Tabak, Stall, Erde und Wind und 
waren nicht nur Hande, sondern auch so etwas wie Insignien vater- 
lich-koniglicher Macht, eine ganz bestimmte Art von Handen, die 
nur der Vater, sein Vater, tragen durfte. Das Fenster stand weit of- 
fen. Man roch den stiffen Mairegen und den Duft der spaten Kasta- 
nienkerzen. Die Lippen des Vaters, unsichtbar unter dem dichten 
Schnurrbart, offneten und schlossen sich bei jedem Atemzug, liefien 
merkwiirdige, komische, ja skurrile Gerausche laut werden, die der 
Wiirde des Schlafs und des Schlafenden zu hohnen schienen, und 
storten die Andacht, der sich der Sohn hingeben wollte. Er sehnte 
sich nach der kalten Ehrfurcht und sogar nach der Furcht, die ihm 
der Vater einst eingeflofit hatte. Aber er empfand eher Mitleid mit 
der leichten Lacherlichkeit dieses Schlafenden, der so ohnmachtig 
war und hilflos ausgeliefert seinen schwachen, nach Luft ringenden, 
pfeifenden Organen, der, weit entfernt, ein machtiger Konig zu 
scheinen, eher aussah wie ein komisches Opfer des Schlafs und der 
Krankheit. Dennoch fuhlte der Sohn einen Augenblick, dafi er ver- 
pflichtet sei, die kraftlose Hand des Vaters zu kiissen. Ja, es schien 
ihm einen Augenblick, dafi er nur zu diesem Zweck hierhergekom- 
men war. Dieses Gefiihl war so stark, dafi er der Gefahr nicht mehr 
achtete, die ihn bedrohte, wenn jemand zufallig die Tiir offnete. Er 
nahte sich sachte dem Lehnstuhl, kniete vorsichtig nieder und 
hauchte liber dem Handriicken des Vaters einen Kuft hin. Er kehrte 
sofort um. Mit drei langen, lautlosen Schritten erreichte er die Tiir. 
Behutsam driickte er die Klinke nieder. Er ging durch den Flur. Er 
trat in den Hof und setzte sich wieder zu Andrej. 
»Nun, du hast dich lang in dem f einen Lokal aufgehalten«, scherzte 
Andrej. »Vor einem Jahr erst haben wir die Klosetts neu herrichten 



TARABAS 613 

lassen. Man hat sie jetzt auf englisch gemacht. Die verschiedenen Ein- 
quartierungen hatten sie libel zugerichtet.« 

»Sehr feine Klosetts«, sagte Tarabas. »Schade, dafi sie keiner erben 
wird.« 

»Ja, unser Frauiein wird hier wohnen bleiben. Fur den Fall, dafi sie 
noch heiratet, heifit es, wird sie noch etwas erben. Aber sie kann ja 
keinen mehr finden. Weit und breit sind die Manner ausgerottet, die 
passenden. Schon ist sie leider auch nicht, unser Frauiein. Sie sieht 
schon beinahe aus wie ihre Mutter, hager, kranklich, verweint. Da war 
das Frauiein Maria anders. Jetzt ist sie in Deutschland. Sie ist mit so 
einem Deutschen mitgezogen, man sagt, er hat sie geheiratet, aber ich 
glaub' es nicht. Sie war auch mit unserem jungen Herrn verlobt gewe- 
sen, und man sagt allerhand, man erzahlt, er hatte die Hochzeit nicht 
abwarten konnen. Und einmal versucht, fur immer verflucht, heifit das 
Sprichwort. Dieses Frauiein Maria hat den Krieg genossen, sagt man. 
Nun, der deutsche Herr wird es auch gemerkt haben . . .« 
»Allerhand Dinge gehn auch bei den Reichen vor!« sagte Tarabas. 
»Sie sind gar nicht mehr reich«, schwatzte Andrej weiter, »die armen 
Herren! Im ubrigen Rufiland hat man ihnen alles genommen und unter 
das Volk aufgeteilt, Gott bewahre mich davor. Ein Gliick, dafi ich hier 
bin. Aber- schau: Da kommt unsere Frau.« 

Sie trug ein langes, schwarzes Kleid und eine schwarze Spitzenhaube. 
Sie hielt den zitternden Kopf gesenkt. Tarabas sah nur einen verhu- 
schenden, gelblichen Schimmer ihrer wachsernen Haut und das spitze 
Profil ihrer Nase. Sie ging mit kleinen, unregelmafiigen Schritten quer 
liber den Hof. Ein Schwarm gackernder Hiihner begriiftte sie flatternd 
und gerauschvoll. »Sie fiittert das Gefliigel, die ArmeU sagte Andrej. 
Tarabas sah ihr zu. Er horte, wie seine Mutter, die Stimmen der Hiih- 
ner nachahmend, glucksende, krachzende, krahende, piepsende Tone 
hervorbrachte. Graugelbliche Haarstrahnen fielen ihr iibers Gesicht 
aus der Haube. Die Mutter selbst bekam etwas von einem glucksenden 
Huhn. Sie sah auEerst toricht aus, eine schwarzgekleidete, greise Nar- 
rin, und es war unzweifelhaft erkennbar, daft das dumme Gefliigel tat- 
sachlich ihr einziger Verkehr seit langen Jahren war. Ihr Schofi hat 
mich geboren, ihre Briiste haben mich gesaugt, ihre Stimme hat mich 
in Schlaf gesungen, dachte Tarabas. Das ist meine Mutter! 
Er stand auf, ging zu ihr hin, trat mitten unter die Huhner, verneigte 
sich tief und murmelte: »Gnadigste Herrin!« Sie erhob ihr spitzes 



614 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kinn. Ihre kleinen rotgeranderten Augen, iiber die ein paar gelblich- 
weifte, lockere Haarstrahnen flatterten, hatten keinen Blick fur Tara- 
bas. Sie wandte sich urn und schrie: »Andrej, Andrej!« mit krachzen- 
der Stimme. 

In diesem Augenblick offnete sich oben das Fenster. Der Kopf des 
alten Tarabas erschien. Er schrie: »Andrej! Wer ist der Lump? Wirf 
ihn sofort hinaus! Durchsuche zuerst seine Taschen! Wo ist Jurij? Wie 
oft hab' ich euch gesagt, dafi ihr keinen Bettler hereinlafk! DaK euch 
der Teufel hole!« Die Stimme des alten Tarabas kippte urn, er beugte 
sich noch mehr iiber die Briistung, sein Kopf lief rot an, und er 
kreischte: »Hinaus mit ihm! Hinaus! Hinaus !« unzahlige Male hinter- 
einander. 

Andre j fafite Tarabas sachte am Arm und fiihrte ihn an das riickwartige 
Tor. »Gott mit dir!« sagte Andrej leise. Dann schlofi er laut das 
schwere Tor. Es kreischte in den Angeln und fiel mit schwerem, end- 
giiltigem Schlag ins Schlofi. Es zitterte noch ein wenig nach. 
Tarabas schlug den Weg unter den Weiden ein, den schmalen Pfad 
zwischen den Sumpfen. 



XXVI 

Ein schoner, trockener Sommer brach an. Aber Tarabas' Herz warmte 
er nicht. Die zerrissenen Stiefel hatte er in den Sumpf hinter dem vater- 
lichen Haus geworfen. Sie versanken schnell. Es gluckste zuerst ein 
wenig, dann glattete sich das griine Antlitz des Sumpfes wieder. Auf 
dem schmalen Pfad noch, unter den Weiden, zog Tarabas die neuen 
Schuhe an; brave Schuhe, den ganzen Krieg hatten sie auf ihn, neben 
seinem Bett, gewartet. Er hatte sie noch in Amerika getragen. In diesen 
Schuhen (sie driickten jetzt ein bifkhen) war er durch die steinernen 
Strafien von New York gewandert, jeden Abend, um Katharina abzu- 
holen. Hier mufke iibrigens ungefahr die Stelle sein, an der er vor Jah- 
ren Maria begegnet war. Er erinnerte sich an die liisterne Wut, mit der 
er damals ihre Schnurstiefel betrachtet hatte, als sie so hintereinander 
auf diesem schmalen Pfad dahingegangen waren, bedachtig, um den 
Sumpf nicht zu betreten, und mit verworrenen Sinnen, die ungeduldig 
den Wald schon erreichen wollten. Das waren die Ereignisse eines 
langst vergangenen Lebens. Die Erinnerungen lagen in Tarabas, tot 



TARABAS 615 

und kalt, Leichen von Erinnerungen. Wie ein steinerner Sarg barg sie 
sein Herz. Auch der heimatliche Himmel, auch die heimatlichen Wie- 
sen, der vertraute Gesang der Frosche, das liebe, gute Rauschen des 
Regens, auch der Duft der Linden, die eben zu bliihen begannen, auch 
das wohlbekannte und eintonige Hacken des Spechts waren tot, ob- 
wohl sie Tarabas sichtbar, horbar und fiihlbar umgaben. Es war, als 
hatte er seit dem Augenblick, in dem er dem schlafenden Vater die 
Hand gekiifit hatte, nicht nur Abschied vom vaterlichen Haus und 
vom Erbe und von der Heimat genommen, sondern auch von jedem 
Gefiihl fiir sie und fur die Vergangenheit, die sie barg. Solange er sich 
noch gescheut hatte, das vaterliche Haus zu betreten, waren Vater, 
Mutter, Schwester und Land noch lebendig gewesen, lebendige Ge- 
genstande des gefahrlichen Heimwehs, das vielleicht imstande war, Ta- 
rabas von seinen ziellosen Wegen wegzulocken. Torichte Angst! Ein 
fremder, schnurrbartiger, lahmer Mann war sein Vater; eine furcht- 
same, grauhaarige Torin die Mutter. Wenn in ihnen Liebe vor Jahren 
noch gelebt hatte, jetzt waren sie leer und kalt wie Nikolaus Tarabas 
selbst. Auch wenn er gesagt hatte: Ich bin euer Sohn - sie hatten ihn 
nicht mehr in ihre versteinerten Herzen aufnehmen konnen. Waren sie 
gestorben und hatte er nur noch ihre Graber angetroffen, er hatte sie 
mit seiner warmenden Erinnerung lebendig machen konnen, sie und 
das Haus. Sie aber lebten noch, sie gingen, standen, schliefen, fiitterten 
Hiihner, verjagten Bettler: bewegliche Mumien, in denen sie selbst be- 
graben waren; jedes von ihnen sein eigener wandelnder Sarg. Als Tara- 
bas aus dem Waldchen trat, das in die Birkenallee miindete, wandte er 
sich noch einmal um. Er sah die weiEe, schimmernde Front des Hau- 
ses, das die Allee abschlofi, davor das dunkle Silber der Birken. Der 
Regen bildete einen dichten, grauen, fliefienden Schleier zwischen dem 
Haus und Tarabas. 

Es ist langst zu Ende gewesen! sagte sich Tarabas. 
Auch an den heifien Mittagen der sommerlichen Tage iiberfiel ihn jetzt 
immer haufiger der Frost. Sein grower, immer noch kraftiger Korper 
muftte sich dem Fieber ergeben, das ihn durch die siiften Sommertage 
wie ein ganz besonderer, eigener Winter begleitete. Unerwartet, je 
nach seiner unerforschlichen Laune, sprang er Tarabas an. Tarabas 
wehrte sich nicht mehr, wie man sich gegen den Schatten nicht mehr 
wehrt, der jeden Menschen begleitet. Manchmal blieb er matt an einem 
Wegrand liegen, fuhlte die gute Sonne und den strahlenden Himmel 



6l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wie durch eine dicke, kalte Mauer aus Glas und fror und zitterte. Er lag 
da und erwartete die Schmerzen im Riicken und in der Brust und den 
jammerlichen Husten. Das kam mit einer gewissen Regelmafiigkeit, 
man erwartete all das wie zuverlassige, treue Feinde. Manchmal flofi 
Blut aus Tarabas' Mund. Es rotete das saftige Griin des Abhangs oder 
das helle, erdene Grau des Weges. Sehr viel Blut hatte Tarabas flieften 
sehn und flieften lassen. Er spuckte es aus, das rote, flussige Leben. Es 
tropfte aus ihm. Manchmal, wenn er sich ganz schwach werden fuhlte, 
ging er in eine Schenke, kramte Geld aus seinem Sackchen und trank 
einen Schnaps. Er fuhlte darauf Hunger wie in alten Zeiten. Es war, als 
konnte sich sein Korper noch an den alten Tarabas erinnern, den er 
einst umgeben hatte. Der Magen hatte noch Hunger, die Kehle noch 
Durst. Die Fiifte wollten noch gehn und ruhen. Die Hande wollten 
noch greifen und fassen. Und wenn die Nacht kam, fielen die Augen 
zu, und der Schlaf kam iiber Tarabas. Und wenn der Morgen anbrach, 
war es, als miifite Tarabas sich selber wecken, seine Glieder schelten, 
weil sie zu faul und miide waren, und er befahl seinen Fiifien zu wan- 
dern, er kommandierte sie, wie er einst seinem Regiment befohlen 
hatte zu marschieren. 

Regelmaftig jeden Fiinfzehnten erschien er in der groften Halle der 
Post in der Hauptstadt. Und regelmaftig erwartete ihn der junge Mann 
und reichte ihm die Pension. Diese Begegnungen spielten sich nicht 
ohne ein gewisses, wortkarges Zeremoniell ab. Tarabas legte zwei Fin- 
ger an die Miitze, wahrend der junge Herr respektvoll den Hut zog. Er 
sagte: »Danke sehr!«, wenn Tarabas unterschrieben hatte. Er zog noch 
einmal den Hut. 

Eines Tages aber blieb er langer stehen als gewohnlich, betrachtete Ta- 
rabas und sagte dann: »Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, Herr 
Oberst, Sie sollten zum Arzt. Soil ich vielleicht Seiner Exzellenz etwas 
Besonderes berichten?« 
»Berichten Sie gar nichts!« sagte Tarabas. 

Er betrachtete sein Gesicht in dem kleinen Spiegel der Personenwaage, 
die man in der Halle des Postgebaudes erst seit kurzem aufgestellt 
hatte, um ihr die letzte moderne Vollendung zu geben. Und er sah, daft 
seine Augen tief in den Hohlen lagen und daft ein dichtes Netz aus 
blauen Aderchen seine beiden Schlafen durchzog. Er bestieg die Platte 
und steckte eine Miinze in den Automaten. Er wog im ganzen neun- 
undvierzig Kilo. 



TARABAS 617 

Er ging lachelnd hinaus, wie einer, der jetzt genau erfahren hat, was zu 
tun sei. Er verliefi die Hauptstadt auf dem Wege, iiber den ihn ein paar 
Monate friiher der Milchwagen des Bauern gefahren hatte. Eine Meile 
weiter gabelte sich die Strafie. An dieser Stelle standen zwei alte, ver- 
witterte holzerne Tafeln mit Pfeilen. Auf dem einen links las man das 
halberloschene Wort: Koryla. Auf der anderen Tafel wies der Pfeil 
rechts nach Koropta. Tarabas schlug den Weg nach Koropta ein. 
Er ging langsam, bedachtig fast. Er wollte das Stadtchen nicht vor dem 
Abend erreichen. Es war wie eine langausgedehnte Vorfreude auf ein 
unentrinnbares Gluck, das ihn in Koropta erwarten mufite. Als er die 
ersten Hauser des Stadtchens erblickte, es war am spaten Nachmittag, 
begann sein Herz, schnell und freudig zu schlagen. Noch eine Bie- 
gung - und schon war die Mauer des Gasthofs »Zum weiften Adler« 
sichtbar. Tarabas gonnte sich eine Rast. Zum erstenmal nach langer 
Zeit fu'hlte er den sommerlichen Frieden der Welt. Kein Fieber schiit- 
telte ihn. Im abendlichen Glanz tanzelte ein froher Schwarm winziger, 
von der Sonne vergoldeter Mucken vor seinen Augen. Er betrachtete 
dieses Schauspiel. Er nahm es entgegen, eine Art Huldigung. Die 
Sonne sank tiefer, die Mucken verzogen sich, Tarabas stand auf. Als er 
den Gasthof Kristianpollers erreichte, war der Abend schon da. Fedja 
stand auf einer Leiter vor dem groften, braunen Tor und goft neues 
Petroleum in die rote Laterne, die an einem eisernen, aus der Wand 
ragenden Pfahl hing. 

»Gelobt sei Jesus Christus!« rief Tarabas zu Fedja hinauf. »In Ewig- 
keit, amen. Ich komme gleich!« antwortete Fedja geschaftig. Er stieg 
herunter, die Kanne in der Hand, und sagte: »Tritt nur ein!« 
Tarabas setzte sich im Hof auf eines der Fasser. Er sah die »Kammer« 
vor sich. Sie hatte frisch getiinchte, weifte Wande und ein neues, 
schwarzgestrichenes Tor. Fedja brachte Fleisch, Kartoffeln und Bier, 
und Tarabas wies auf die »Kammer« und fragte: »Was ist da driiben?« 
»Das ist jetzt eine Kapelle!« sagte Fedja. »Man hat das lange nicht 
gewuEt. Eines Tages hat sich hier in wunderbarer Weise das Bild der 
Mutter Gottes gezeigt. Denk dir: von selbst! Plotzlich stieg sie von der 
Wand herunter, breitete die Arme aus und segnete die Soldaten, die da 
friiher geschlafen haben. Dann begann man, die Juden zu schlagen, 
aber die Herren Pfarrer kamen und predigten: Die Juden sind nicht 
schuld. Mein eigner Herr, der Gastwirt hier, ist ein Jude. Und er ist 
wirklich unschuldig wie der erste Schnee. Jetzt hat er sogar aus dieser 



6l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kammer eine Kapelle machen lassen. Man liest hier am Sonntag die 
heilige Messe. Und es ist auch ein Geschaft dazu. Denn die Bauern 
konnen gar nicht das Ende der Messe abwarten, um schnell in die 
Schenke zu kommen. Wir haben viel zu tun. An Sonntagen verdienen 
wir mehr als an den Tagen, wo Schweinemarkt ist!« 
Tarabas afi indessen bedachtig, griindlich und heiter seinen Teller leer. 
Es wurde dunkel, Kristianpoller ziindete schon den grofien Rundbren- 
ner im Schankzimmer an. 

»Nun mufi ich gehen!« sagte Fedja und nahm Tarabas den geleerten 
Teller aus der Hand. Er wollte sagen: Geh du auch! - Aber er wartete 
noch. 

»Hast noch einen weiten Weg?« fragte er. 

»Nein«, sagte Tarabas, »ich bin fast schon zu Hause!« Er stand auf, 
dankte Fedja und ging die Hauptstrafie von Koropta entlang. Zu bei- 
den Seiten hatte man schon die verbrannten und verwiisteten Haus- 
chen wiederaufzubauen begonnen. Vor den halbfertigen Gebauden sa- 
fien schon wieder die geschwatzigen Frauen. Eine neue Generation 
von Huhnern, Enten, Gansen wurde von Madchen zur nachtlichen 
Ruhe heimgetrieben, mit flatternden Armen und wehenden Rocken. 
Sauglinge miauten. Kinder weinten. Juden kamen schwarz und hastig 
von ihren Geschaften. Man begann, die bunten Kramladen zu schlie- 
fien. Eiserne Stangen klirrten. Die ersten Sterne erblinkten. 
Tarabas ging geradeaus. Am Ende der Hauptstrafie bog ein Seitenpfad 
auf eine Wiese ab. Er fuhrte zum Friedhof der Juden. Die kleine, graue 
Mauer schimmerte durch das Blau der Sommernacht. Das Tor war 
geschlossen. Im kleinen Haus des Wachters und Totengrabers brannte 
noch Licht. Tarabas stieg lautlos iiber die Mauer. Zwischen den Reihen 
der aberhundert gleichfdrmigen Steine tappte er eine Weile herum, 
entziindete ein Streichholz, beleuchtete die eckigen Buchstaben, die er 
nicht lesen konnte, und betrachtete die fremden Zeichnungen: zwei 
flache segnende Hande mit gespreizten Fingern und den Daumen, die 
mit den Kuppen aneinanderlehnten, einen Lowen mit Adlerfliigeln am 
Riicken, einen sechszackigen Stern, zwei geoffnete Buchseiten, gefiillt 
von unleserlichen Buchstaben. Vor der letzten Reihe der Graber - ein 
schmaler Raum wartete noch auf die nachsten toten Juden - schaufelte 
Tarabas mit den Handen die Erde auf, grub eine kleine Mulde aus, 
kniipfte eines der beiden Sackchen vom Hals, legte es in die Mulde, 
scharrte die Erde wieder zusammen und glattete sie mit den Handen. 



TARABAS 619 

Ein Kauzchen rief, eine Fledermaus flatterte, der nachtliche Himmel 
verstromte sein tiefes, leuchtendes Blau und den Glanz der Sterne. Es 
war ein roter Bart, dachte Tarabas. Er hat mich geschreckt. Ich habe 
ihn begraben. - Er stieg wieder iiber die Mauer und ging den Weg 
zuriick. Es war ganz still im Stadtchen Koropta. Nur die Hunde, die 
Tarabas vorubergehn horten, begannen zu bellen. 
Er fand ein Nachtlager in einem der Hauschen, die man gerade wieder- 
aufzubauen anfing. Es roch nach feuchtem Mortel und frischem Kalk. 
Tarabas schlief in einer Ecke, erwachte beim Aufgang der Sonne und 
ging hinaus. Er begegnete den ersten frommen Juden, die ins Bethaus 
eilten, hielt sie an und fragte sie, wo Schemarjah wohne. Sie wunderten 
sich iiber seine Frage, schwiegen und betrachteten ihn lange. »Habt 
keine Furcht!« sagte Tarabas - und es war ihm, als lachte jemand, wah- 
rend er diese Worte sprach. Hatte man noch Furcht vor ihm? Zum 
erstenmal in seinem Leben sagte er diese Worte. Hatte er sie jemals 
sagen konnen, als er noch der gewaltige Tarabas war? - »Wir kennen 
uns lange, Schemarjah und ich«, fuhr er fort. Die Juden tauschten ein 
paar Blicke untereinander aus, dann sagte einer: »Fragt nur nach Sche- 
marjah bei dem Kramer Nissen. Es ist der blaue Laden, das dritte Haus 
vor dem Marktplatz!« 

Der Kramer Nissen saft vor einem Samowar, in dem Kukuruz kochte, 
zwischen den ausgebreiteten bunten Waren und sah nach Kunden aus. 
Er war ein behabiger, alterer Mann mit grauem Bart und ansehnlichem 
Bauch, ein wohlgeschatzter Burger von Koropta und ein leidenschaft- 
licher Wohltater, dem es ausgemacht erschien, dafi er infolge seiner 
Barmherzigkeit in den Himmel der Juden kommen wiirde. »Ja«, sagte 
er, »Schemarjah wohnt bei mir in der Dachkammer. Der arme Narr! 
Habt Ihr ihn noch friiher gekannt? Wiftt Ihr auch seine Geschichte? Es 
war da ein neuer Oberst, Tarabas hat er geheifien, ausgeloscht sei sein 
Name, aber man sagt, es hat ihn schon der Schlag getroffen, welch ein 
leichter Tod fur so einen Bosewicht! Dieser Oberst hat dem armen 
Schemarjah den Bart ausgerissen. Er hatte gerade eine Thora begraben 
wollen. Seit damals ist er ganz narrisch. Er hat nicht mehr arbeiten 
konnen. Da hab 5 ich mir gesagt: Nimm ihn auf, Nissen! Was soil man 
tun? Er lebt bei mir wie ein Bruder. Geht nur hinauf!« 
Es war eine winzige Kammer, in der Schemarjah lebte, mit einer run- 
den Dachluke statt eines Fensters. Auf einer holzernen Bank lag das 
rotkarierte Bettzeug Schemarjahs. Auf dieser Bank schlief er. Er safi, 



620 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

als Tarabas eintrat, vor dem nackten Tisch, las in einem grofien Buch 
und summte vor sich hin. Er mochte glauben, dafi einer seiner Bekann- 
ten eingetreten war, es dauerte eine Weile, bis er den Kopf hob. Dann 
verwandelte ein jaher Schrecken sein Angesicht. Der Schrecken stand, 
ein kalter Brand, in seinen aufgerissenen Augen. Schemarjah unter- 
brach seinen summenden Gesang und blickte starr auf Tarabas. Er be- 
wegte die Lippen und brachte keinen Ton hervor. »Ich bin ein Bett- 
ler!« sagte Tarabas. »Hab nur keine Furcht!« - Dann setzte er hinzu: 
»Ich mochte ein Snick Brot!« 

Es dauerte langere Zeit, bis der Jude Schemarjah begriffen hatte. Er 
verstand die Sprache kaum, er mufite Tarabas* Verlangen lediglich an 
den schlechten Kleidern, der Haloing, der Gebarde erkannt haben. Er 
stiefi ein schrilles Kichern aus, erhob sich, driickte sich furchtsam an 
die Wand und schlich so, mit einer Schulter halb gegen den Fremden 
gewendet, immer noch kichernd, zum Bett. Unter dem Kissen zog er 
ein trockenes Stuck Brot hervor, legte es auf den Tisch und zeigte mit 
dem Finger darauf. Tarabas naherte sich dem Tisch, Schemarjah 
driickte sich ans Bett. Tarabas sah rings um das hagere, sommerspros- 
sige Gesicht des Juden einen kurzen, sparlichen, silbernen Facherbart, 
dazwischen ein paar kahle Narben, wie von Mausen angenagte Stellen. 
Es war ein kiimmerliches Kranzchen aus armseligem Silber, das da zu 
spriefien begann. 

Tarabas senkte die Augen, nahm das Brot und sagte: »Ich danke dir!« 
Er ging hinaus. Auf der schmalen Leiter schon, die zum Boden fiihrte, 
begann er zu essen. Das Brot schmeckte nach Schemarjahs Schweifi 
und Bett. »Er erkennt mich nicht!« sagte unten Tarabas zum Handler 
Nissen. »Gott mit dir!« »Hier ist ein Kukuruz gerade fertig«, sagte 
Nissen. »Nimm ihn nur mit, fur unterwegs!« - Man soil jedem Armen 
Gutes tun, dachte der Handler. Aber ein Armer kann auch ein Dieb 
sein, man soil ihn auch nicht lange im Laden lassen. 
Alles in Ordnung! sagte sich Tarabas, wahrend er weiterging. Jetzt ist 
alles in Ordnung! 

XXVII 

Ein paar Wochen spater- der Sommer ging schon zu Ende, die Kasta- 
nien wurden reif, und die Juden von Koropta bereiteten sich vor, ihre 
hohen Feste zu feiern - erschien im Kramladen des Handlers Nissen 



TARABAS 621 

der sanfte Bruder Eustachius aus dem nahen Kloster Lobra. Die guten 
Briider des Klosters Lobra beschaftigten sich mit der Pflege der Kran- 
ken, einige unter den Briidern waren tuchtige Arzte, und es gab sogar 
Juden in Koropta, die, wenn sie krank wurden, nicht zum Feldscher 
oder zum Doktor gingen, sondern zu den Monchen. Manchmal, zu 
gewissen Jahreszeiten, kamen zwei von ihnen in das Stadtchen Ko- 
ropta, um fur arme Kranke zu sammeln. Der Juden bemachtigte sich 
dann ein merkwurdiges, aus Vertrautheit, Fremdheit, Anerkennung, 
Achtung und Furcht gemischtes Gefiihl. Waren ihnen auch die runden 
Kappchen vertraut, welche die Monche auf ihren glatten Schadeln tru- 
gen, so erschreckte sie um so starker das starke, metallene Kreuz, das 
wie eine Waffe an der Hiifte der Bruder hing, das Kreuz, das einst zu 
grauenhaftem Zweck errichtet zu haben man ihren Vorvatern vorwarf, 
das alien Volkern der Erde Segen zu bringen verhiefi und ihnen allein 
nur Fluch und Jammer brachte. Dem und jenem Juden hatte schon ein 
Monch einen schlimmen Zahn gezogen, Blutegel angesetzt, einen Ab- 
szefi aufgeschnitten. Nur wahrend sie Schmerzen litten, waren sie viel- 
leicht ihren Helfern nahe; die Angst vor der Pein der Krankheit ver- 
drangte fur ein paar Stunden die andere, viel groftere, namlich die 
Furcht des Blutes. In den gesunden Tagen aber lebte in ihnen die 
Dankbarkeit fur die frommen Bruder hart neben dem Mifitrauen gegen 
sie. Da die Bruder kein Geld nahmen wie der Feldscher oder gar der 
Arzt, suchte man sie zwar gerne auf; aber nach der Heilung fragte man 
sich auch, welch einen Grund diese unbegreiflichen Menschen hatten, 
Juden umsonst zu behandeln. Nun, die frommen Bruder mochten 
diese Uberlegungen kennen oder ahnen, und sie verbanden mit dem 
Gebot, ihres Nachsten Menschenliebe durch fromme Mahnungen um 
Almosen zu wecken, auch den Zweck, ihre ratselhafte Selbstlosigkeit 
vor den klugen Juden klugerweise ein wenig zu verbergen. In den 
Hausern der Juden gab man die Almosen schnell und beinahe hastig. 
Man trug den Monchen Geld, Kleider und Nahrungsmittel vor die 
Turen entgegen, nur, damit sie diese nicht uberschritten. Ihre wallen- 
den, groben, braunen Kutten, die rundliche Fiille ihrer wohlgenahrten 
Korper, ihre geroteten, leuchtenden Gesichter, ihre stete Sanftheit, 
ihre vollkommene Gleichgultigkeit gegen Frost und Hitze, Regen, 
Schnee und Sonne: unheimlich schien all dies den Juden, die geneigt 
waren, sich standige Sorgen zu machen, geradezu in Sorgen zu schwel- 
gen, die jeden Morgen aufs neue den kommenden Tag zu furchten 



622 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

begannen, die, lange noch vor dem Einbruch des Winters, vor dem 
Frost schon zkterten und in der Hitze des Sommers zu Skeletten ab- 
magerten, die, immer aufgeregt, weil niemals heimisch in diesem 
Lande, schon langst den Gleichmut verloren hatten und die zwischen 
Hafi oder Liebe, Zorn oder Untertanigkeit, Emporung und Pogrom 
hin und her gewirbelt wurden. 

Sie waren seit Jahren daran gewohnt, die Briider vom Kloster Lobra zu 
ganz bestimmten Jahreszeiten auftauchen zu sehn. Nun aber, da sie 
einen von ihnen zu einer ungewohnlichen Zeit erblickten, begannen 
sie, Unheil zu furchten. Was mochte er bringen? Wohin wollte er ge- 
hen? Sie standen in zitternder Erwartung vor ihren Laden, jeden Au- 
genblick bereit, sich zu verbergen. Der sanfte, rundliche Bruder Eusta- 
chius aber ging gemessen und ahnungslos an all diesen Schrecken vor- 
bei, in der kotigen Strafienmitte, die Schofie der Kutte ein wenig geho- 
ben, mit seinen groben, gleichmafJig ausschreitenden, doppelt gesohl- 
ten Zugsdefeln. Da und dort sprang eine bigotte Bauerin vom holzer- 
nen Biirgersteig, um ihm die Hand zu kiissen. Er war es gewohnt. Und 
mit einer mechanischen Wiirde streckte er seine braune, kraftige Hand 
aus, liefi sie kiissen und wischte sie an der Kutte ab. Die furchtsamen 
Blicke der judischen Kramer folgten ihm. Man sah, wie er vor dem 
Laden des Handlers Nissen stehenblieb, das Schild las und mit einem 
gewaltigen Schritt den hohen Biirgersteig bestieg. Er verschwand im 
Laden. 

Der Handler Nissen erhob sich, iiberrascht und erschrocken, von sei- 
nem Schemel. Der Bruder Eustachius lachelte sanft, zog aus den Tie- 
fen seiner Kutte eine elfenbeinerne Dose und bot dem Juden eine 
Prise Schnupftabak an. Der Jude griff in die Dose, nieste kraftig und 
fragte: 

»Hochwiirdiger Herr Pater, was wiinschen Sie?« 
»Erschrick nicht«, sagte der Monch, »ich komme in einer todtraurigen 
Angelegenheit. Bei uns im Kloster liegt ein kranker Mann. Er wird 
bald sterben! Bei dir wohnt der narrische Schemarjah. Du hast ein gu- 
tes Werk getan! Du hast ihn aufgenommen! Ja, ich wollte, es gabe so 
gute Herzen bei alien Christen !« 

Ruhiger, aber immer noch mifkrauisch machte Nissen die allgemeine 
Bemerkung: »Gott gebietet die Barmherzigkeit!« 
»Aber die Menschen folgen Gott selten!« erwiderte Eustachius. »Du 
hast freiwillig eine Last auf dich genommen. Es mufi sehr schwer sein, 



TARABAS 623 

mit diesem Schemarjah auszukommen ! Glaubst du, dafi ich mit ihm 

reden kann?« 

»Hochwiirdiger Herr, es ist unmoglich!« sagte der Handler Nissen. 

Und er sah auf die Kutte, den Rosenkranz, das Kreuz. Der Monch 

verstand ihn. Er sagte: »Gut, willst du mich begleiten? Siehst du, der 

kranke Mensch, der bei uns liegt, sagt, er konne nicht sterben, er 

hatte diesem Schemarjah eine Unbill zugefiigt. Schemarjah miisse ihm 

vorher verzeihen. Verstehst du das? Es ist ja moglich«, fuhr Eusta- 

chius fort, derm er hatte beschlossen, eine Konzession an die Ver- 

nunft der Juden zu machen, »es ist ja moglich, dafi er im Fieber redet, 

dafi er so einfach ohne Besinnung daherredet. Aber man mufi ihm 

helfen, damit er ruhig sterbe. Verstehst du?« 

»Gut!« sagte Nissen. »Ich gehe mit!« 

Und der Handler Nissen fiihrte, nicht ohne Bangnis, den Monch die 

schmale Leiter zu Schemarjahs Dachzimmer hinauf. Vor der Tiir 

sagte er: »Ich werde zuerst hineingehn, hochwiirdiger Herr.« Er trat 

ein; aber er liefi die Tiir offen. 

Schemarjah blickte von dem grofien Buch auf, in dem er ewig zu le- 

sen schien. Hinter seinem Wirt und Freund Nissen nahm er die er- 

schreckende, fremde, fettige Gestalt des Monches in der braunen 

Kutte wahr, klappte das Buch zu, stand auf und driickte sich an die 

Wand. Er stand jetzt, den mageren Kopf vor der runden Dachluke, 

dem einzigen Fenster seiner Kammer, und er erinnerte den sanften 

Bruder Eustachius an einen Heiligen oder einen Apostel. Schemarjah 

streckte beide hageren, lang aus den Armeln ragenden Hande seinen 

Gasten entgegen. Sein Mund zitterte. Aber er sagte nichts. 

»Schemarjah, hor zu und gib gut acht!« begann Nissen und trat an 

den Tisch. »Du brauchst dich nicht zu fiirchten! Der Herr kommt 

nicht hierher, um dich einzusperren. Er hat eine Bitte, er will dich 

nur um eine Kleinigkeit bitten! Sag ja! - Und wir gehen sofort wieder 

hinaus!« 

»Was will er?« fragte Schemarjah. 

»Ein Mensch liegt im Sterben, bei ihm zu Hause!« Nissen zeigte mit 

dem Kopf nach dem Monch, der immer noch im Turrahmen stand. 

»Dieser Mensch sagt, er hatte dir einmal was Boses getan! Und er 

kann deshalb nicht ruhig sterben. Du sollst sagen, dafi du ihm nicht 

bos bist! Du brauchst nur ja zu sagen. « 

Es dauerte eine Weile, dann verliefi Schemarjah den Platz, an den er 



624 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sich gefliichtet hatte. Und zur Uberraschung Nissens sagte er laut: 
»Ich weifi, wer es ist! Er soil ruhig sterben! Ich bin nicht bos auf ihn!« 
Und zur hochsten Verbliiffung des Handlers, ging Schemarjah rings 
um den Tisch, trat nahe an Nissen, erhob die rechte Hand, legte den 
Nagel des Daumens und des Zeigefingers aneinander und sagte: 
»Nicht so viel habe ich gegen ihn! Er soil ruhig sterben! Sag ihm das!« 



XXVIII 

In der Zelle des Bruders Eustachius, in dessen Bett, lag Nikolaus Tara- 

bas. Er wartete. Auf dem steinernen Fuftboden, neben dem Bett, 

brannte ein Feuer, damit es den Kranken warme. Ein B ruder safi an der 

anderen Seite des Bettes. 

Eustachius trat ein, und Tarabas setzte sich im Bett gerade auf. 

»Er verzeiht!« sagte Eustachius. 

»Haben Sie ihn selbst gesprochen?« 

»Selbst gesprochen!« antwortete Eustachius. 

»Wie ist er? Kann er noch gescheit sein, gescheit reden?« 

»Er ist sehr gescheit !« sagte Eustachius. »Er hat alles genau verstanden. 

Er ist kliiger, als man glaubt!« 

»So, so. Und sein Sohn?« 

»Von seinem Sohn hat er nichts gesagt!« 

»Schade!« sagte Tarabas und legte sich wieder in die Kissen. 

»Ich mochte«, sagte er dann, »in Koropta begraben werden. Vater und 

Mutter und Schwester soil man verstandigen und auch den General 

Lakubeit.« 

Das waren Tarabas' letzte Worte. Er starb am Abend, wahrend die 

Sonne unterging. Sie warf durch das vergitterte Fenster der Zelle noch 

acht rotgoldene Vierecke auf die Bettdecke, iiber die noch ein sanftes 

Zittern ging, in der letzten Sekunde. 

Man begrub den Obersten Nikolaus Tarabas in Koropta, mit alien mi- 

litarischen Ehren, die einem Obersten gebiihrten. Es gab Musik und 

Schiisse. Die Juden von Koropta gingen auf den Friedhof mit. 

Den Vater, der auf seinen zwei edlen Ebenholzstocken zum Grabe 

humpelte, begleiteten die verschleierte Frau Tarabas und der alte 

Knecht Andrej. 

Nach dem Begrabnis bestiegen die Eltern die schwarze Kalesche. An- 



TARABAS 625 

drej lenkte sie. Keiner von den Anwesenden hatte eine Trane in den 

Augen der alten Tarabas gesehn. 

Die Kalesche iiberholte unterwegs die Kompanie, die mit klingendem 

Spiel in die Kaserne zuriickkehrte. 

Der Bruder Eustachius bestellte einen Stein fur den Toten, einen scho- 

nen Stein aus schwarzem Marmor. Eustachius wufite nichts mehr von 

Tarabas als die Daten: geboren, gestorben. Er hatte, ware es moglich 

gewesen, eingravieren lassen: Ein Narr, der den Himmel verdiente. 

Aber diese Inschrift pafite nicht. Der Bruder Eustachius sann also iiber 

eine passende Inschrift nach. 



XXIX 

Eine Woche spater ging er, mit dem Notar, zum Juden Nissen. Sie 
stiegen, alle drei, die Leiter zu Schemarjah hinauf. Schemarjah erhob 
sich und klappte das Buch zu. 

Er fliichtete sich nicht mehr vor den Fremden. Er erhob sich und blieb 
am Tisch vor seinem zugeklappten Buch stehn. 
Der Notar machte in Anwesenheit der zwei Zeugen, des hochwiirdi- 
gen Bruders Eustachius und des Handlers Nissen Pitschenik, bekannt, 
dafi der Gebethausdiener Schemarjah Korpus der alleinige Erbe des 
jiingst verstorbenen Obersten Nikolaus Tarabas sei. Das Erbe bestand 
in einem Sackchen voller goldener Miinzen, im Werte von fiinfhun- 
dertundzwanzig Goldfranken, ferner in ein paar hundert Papierschei- 
nen. 

Der Notar legte das Geld auf den Tisch. Der Bruder Eustachius und 
der Handler Nissen zahlten die Goldstlicke, und der Notar schaufelte 
sie wieder in das Sackchen zuriick. Man reichte das Sackchen Schemar- 
jah iiber den Tisch. 

Er wog es in der Hand, kicherte, nahm es in die Linke. Er hielt es am 
Bund, schnippte daran mit einem Finger der Rechten und versetzte es 
so in ein schepperndes Rotieren. Er betrachtete es eine Weile mit frdh- 
lichen Blicken und liefi es schlieftlich auf den Tisch fallen. »Ich brauche 
es nicht!« sagte Schemarjah endlich. »Nehmt es nur wieder mit!« 
Da aber keiner von den Anwesenden sich riihrte, begann er, wortlos, 
zuerst dem Notar, dann dem Handler Nissen, hierauf dem Bruder Eu- 
stachius das Sacklein anzubieten. Jeder schob es zuriick. 



6l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schemarjah wartete eine Weile. Dann nahm er das Sackchen, ging an 
sein Bett und steckte es unter das Kopfkissen. 

Die drei Manner verliefien ihn, Unterwegs, auf der Leiter noch, sagte 
der Notar: »Schad' um das Geld! Er hat also umsonst gelebt, der Tara- 
bas!« »Das weifi man nicht!« sagte der Bruder Eustachius. »Das kann 
man memals wissen!« 

Sie verabschiedeten sich von dem Handler Nissen. 
»Wir kehren noch bei Kristianpoller ein!« schlug der Notar vor. Sie 
safien bald darauf in der Gaststube Kristianpollers. Der einaugige Wirt 
trat an den Tisch und sagte: »Ja, jetzt ist er tot!« 
»Er war Ihr Gast!« bemerkte der Notar. 

»Er war lange Zeit mein Gast!« antwortete der Jude Kristianpoller. 
»Er war immerhin ein merkwiirdiger Gast im Wirtshof Kristianpol- 
lers !« 

»Er war«, sagte der Notar, »immerhin ein merkwiirdiger Gast auf Er- 
den.« 

Hier horchte der Bruder Eustachius auf. Er beschlofi, auf den Grab- 
stein Tarabas' die Inschrift zu setzen: 

Oberst Nikolaus Tarabas, 
ein Gast auf dieser Erde. 

Gerecht, bescheiden und angemessen erschien ihm diese Inschrift. 



XXX 

In der Zeit, in der diese Zeilen geschrieben werden, sind ungefahr fiinf- 
zehn Jahre seit dem Tode des merkwurdigen Mannes verflossen. Uber 
dem Grab des Obersten Nikolaus Tarabas erhebt sich ein einfaches 
Kreuz aus schwarzem Marmor, das der alte Vater Tarabas bezahlt hat. 
Der Fremde, der heute nach Koropta kommt, kann keine Spur mehr 
von den traurigen, wunderbaren und merkwurdigen Ereignissen fin- 
den. Alle Hauser des Stadtchens sind neu hergerichtet, weiE angestri- 
chen, und eine Baukommission, nach westeuropaischen Mustern, 
wacht dariiber, da£ sie gleichzeitig aufgefrischt werden und dafi sie 
gleichmafiig aussehn wie Soldaten. Der alte Pfarrer ist vor ein paar 
Jahren gestorben. Der narrische Schemarjah lebt noch in der Dach- 
stube bei dem Handler Nissen, bewahrt das nutzlose Sackchen mit den 



TARABAS 627 

Goldstiicken unter dem Kopfkissen und will es kaum anriihren, ge- 
schweige denn zeigen oder gar aus der Hand geben. Da die neue Regie- 
rung des Landes eigene Goldmiinzen gepragt hat, haben - wie der Kra- 
mer Nissen richtig sagt - die alten goldenen Franc- und Rubelstiicke 
bedeutend an Wert eingebiifit. Es war ein nutzloses Beginnen, dem 
narrischen Schemarjah diesen Sachverhalt begreiflich zu machen. Er 
kicherte nur. Vielleicht lachte in der Tat der Narr die klugen Leute aus. 
Vielleicht war es nur ihm allein klar, dafi der Wert dieser Goldmiinzen 
niemals zu jenen Werten gehoren konnte, die man auf den Borsen und 
Banken der Welt notiert. Es ist anzunehmen, dafi der Handler Nissen im 
stillen hofft, er werde einmal das Sackchen erben. Es ware nur ein ganz 
naturlicher Lohn fur die Wohltaten, die er dem torichten Schemarjah 
erwiesen hat. Im ubrigen kame es auch anderen Armen zugute. Denn der 
Kramer Nissen wird bis an sein Lebensende ein wohltatiger, barmherzi- 
ger Mann bleiben. Er ist es Gott schuldig, seinem Ruf und auch seinem 
Geschaft. (Und wahrscheinlich hat auch der Handler Nissen recht.) 
In ganz Koropta sind er und der Gastwirt Kristianpoller die einzigen, 
die noch manchmal bei einem Glase Met - zu dem sie gesalzene Erbsen 
essen - von dem seltsamen Obersten Tarabas sprechen, der als ein ge- 
waltsamer Konig in das Stadtchen gekommen war und als ein armer 
Bettler darin begraben wurde. In der »Kammer« Kristianpollers steht 
zwar immer noch der Altar vor dem wunderbaren Bild der Mutter 
Gottes; aber die Gottesdienste werden immer seltener. Ein neues Ge- 
schlecht wachst heran, das nichts von der alten Geschichte weift. Man 
betet, wie alle Jahre vorher, in der Kirche. Und das neue Geschlecht 
betet iiberhaupt selten. 

An manchen Tagen findet der Schweinemarkt statt. Die Pferdchen 
wiehern, die Ferkel quieken, die Bauern betrinken sich. Der Knecht 
Fedja fafk sie dann unter, schleppt sie zu ihren Fuhren und ubergiefk 
sie mit kaltem, nuchternem Wasser. Die Juden handeln weiter mit 
Glasperlen, Kopftiichern, Taschenmessern, Sensen und Sicheln. 
Jedes Jahr kommen fremde Hopfenhandler nach Koropta. So man- 
cher, der das saubere Stadtchen betrachtet, geht die Hauptstrafie ent- 
lang, steigt den Hiigel empor, auf dem die Kirche steht, streift durch 
den Friedhof und sieht die merkwurdige Inschrift: 

Oberst Nikolaus Tarabas, 
ein Gast auf dieser Erde. 



628 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Fremde kehrt in den Gasthof Kristianpollers zuriick, trinkt ein 
Bier, einen Met oder einen Wein und fragt den Wirt: » Apropos, da 
hab' ich so ein ratselhaftes Grab gesehn!« 

Solche Gaste erscheinen Nathan Kristianpoller - er weifi selber nicht, 
warum - sympathischer als alle anderen. Er setzt sich an den Tisch des 
Fremden und erzahlt die sonderbare Geschichte von Tarabas. 
»Und ihr Juden habt keine Angst mehr?« fragt gelegentlich der 
Fremde. 

»Was wollen Sie?« pflegt dann Kristianpoller zu antworten: »Die 
Menschen vergessen. Sie vergessen die Angst, den Schrecken, sie wol- 
len leben, sie gewohnen sich an alles, sie wollen leben! Das ist ganz 
einfach! Sie vergessen auch das Wunderbare, sie vergessen das Aufier- 
ordentliche sogar schneller als das Gewohnliche! Sehen Sie, mein 
Herr! Am Ende jedes Lebens steht der Tod. Wir wissen es alle. Und 
wer denkt an ihn?« 

So spricht der Gastwirt Nathan Kristianpoller zu den Gasten, die ihm 
sympathisch sind. - Er ist ein kluger Mann. 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 

. Novelle 
1935 



I 



Ich halte viel von der Menschenkenntnis meines alten Freundes Dok- 
tor Skowronnek. Seit mehr als fiinfundzwanzig Jahren ist er Arzt in 
einem beriihmten Kurort fur Frauen, wo die wundertatigen Quellen 
Gebarmutterleiden, Unfruchtbarkeit und Hysterie heilen sollen. Mein 
Freund, der Doktor Skowronnek, versichert es jedenfalls. Immerhin 
spricht er fast mit der gleichen Uberzeugung von der wunderbaren, 
wenn auch leichter zu erklarenden Wirkung, die eine erhebliche An- 
zahl junger, kraftiger und liebesdurstiger Manner auf die trostbedurfti- 
gen Patientinnen des Kurorts in jeder Saison auszuiiben pflegen. 
Punktlich wie gewisse Zugvogel treffen namlich bei »Eroffnung der 
Saison« die jungen Manner in jenem Kurort ein und wetteifern mit der 
Heilkraft der beriihmten Quellen. Mein Freund, Doktor Skowronnek, 
hat jedenfalls innerhalb eines Vierteljahrhunderts Gelegenhek gehabt, 
die korperlichen und seelischen Krankheiten der Frauen kennenzuler- 
nen. Nehmen wir an, er hatte nur dreiftig Damen in der Saison zu 
behandeln, so hatte er, nach fiinfundzwanzig Jahren, nicht weniger als 
siebenhundertundfiinfzig Frauen griindlich kennengelernt. Ich glaube 
also, recht zu haben, wenn ich viel von der Weltkenntnis meines 
Freundes halte. 

Infolgedessen pflege ich auch alle Ehemanner, die mir von Krankhei- 
ten (echten oder eingebildeten) ihrer Frauen erzahlen, zu Doktor 
Skowronnek zu schicken. Er behandelt die Manner, die an ihren 
Frauen gewohnlich mehr zu leiden haben als die Frauen an ihren 
Krankheiten, ebenfalls als Patienten - und dies mit Recht. Ja, ich be- 
trachte meinen Freund, den Doktor, eher als einen Ehemanner-Arzt 
denn als einen Frauenarzt - obwohl er selbst nichts davon wissen will 
und behauptet, es schade seinem Ruf. Ich aber kenne ihn. Und ich 
weift, dafi er hinter einer Art beichtvaterlicher Giite, mit der er die 
kranken Damen auf Herz und Nieren priift, die Sorge um die den 
Patientinnen horigen Herren verbirgt. Wer so viel Frauen untersucht 
hat, mufi schlieElich eine leidenschaftliche Solidaritat mit den Mannern 
empfinden. 



63O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

So geschah es denn eines Tages, dafi ich einem meiner Bekannten, dem 
Ingenieur M., den Rat gab, den Doktor Skowronnek aufzusuchen; al- 
lein zuerst, ohne die kranke Frau, von der mir der Ingenieur ein langes 
und breites erzahlt hatte. Der Ingenieur war ein junger Mann, erst seit 
zwei Jahren verheiratet, ohne Kinder. Nach einem Jahr gliicklicher 
Ehe - oder was man so nennt - hatte die Frau angefangen, iiber 
Schmerzen im Kopf, im Riicken, im Bauch, im Hals, in der Nase, in 
den Augen, in den Fiifien zu klagen. Man soil nicht verallgemeinern: 
aber ich habe die Erfahrung gemacht, dafi Ingenieure - und besonders 
Briickenbauingenieure, solch einer war mein Bekannter - von der 
Konstitution der Frauen keine Ahnung haben. Es mag Ausnahmen 
geben. Der Briickenbauingenieur aber, von dem ich hier erzahle, war 
ganz und gar von der Panik ergriffen, die jeden braven Mann erfaftt, 
wenn er eine Frau leiden oder auch nur weinen sieht. (Es ist die Panik 
des Gesunden vor dem Kranken, des Starken vor der Ohnmacht. Es 
gibt nichts Schlimmeres als die Mischung aus Liebe, Mitleid und Bang- 
nis um das Geliebte und Bemitleidete. Eine gesunde Xanthippe ist bes- 
ser und ertraglicher als eine krankliche Julia.) Und also riet ich dem 
Ingenieur, den Doktor Skowronnek aufzusuchen. 
Bei seiner Zusammenkunft mit dem Doktor war ich auch anwesend - 
auf des Ingenieurs ausdriicklichen Wunsch und gegen meinen eigenen. 
Ich befand mich ungefahr in der Lage eines Menschen, der hinter der 
diinnen Wand eines Hotelzimmers seinen Nachbarn peinliche private 
Dinge sagen hort - und aufierstande ist, etwas dagegen zu tun. Ich 
bemuhte mich, an anderes zu denken. Ich liefi mir Zeitungen kommen. 
Allein, die berufliche Neugier des Schriftstellers siegte iiber private Be- 
muhungen um private Diskretion, und ich horte, ohne horen zu wol- 
len, sozusagen mit einem beruflichen Ohr, alle Dinge, die im Augen- 
blick und in diesem Zusammenhang nicht erzahlt werden konnen. 
Doktor Skowronnek verhielt sich schweigsam. Er horte nur zu. 
Schlieftlich entliefi er den Ingenieur mit der Aufforderung, er mochte 
seine Frau in die Sprechstunde schicken. 

Der Ingenieur verlieft uns. Und da ich die Schweigsamkeit meines 
Freundes nicht begriff, fing ich an, selber um die Frau des Ingenieurs 
besorgt zu sein, und fragte: 

»Sagen Sie, ist das so schlimm, was er von der Frau erzahlt hat? Warum 
haben Sie geschwiegen?« »Nicht schlimm und nicht gut!« erwiderte 
der Doktor. »Es ist nur gewohnlich. Und wenn ich nicht vor einiger 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 6}l 

Zeit eine besondere Geschichte erlebt hatte, ich ware auch nicht so 
schweigsam geblieben. Aber seitdem ich diese besondere Geschichte 
kenne, habe ich aufgehort, die Manner der kranken Frauen zu bemit- 
leiden. Unheilbare sind nicht mehr zu behandeln. Wer sich selbst toten 
will, den kann man nicht retten. Unheilbare Selbstmorder sind die 
Manner ganz bestimmter kranker Frauen. Und damit Sie mir glauben, 
will ich Ihnen diese Geschichte erzahlen. Schreiben Sie sie eines Tages 
auf.« 
Und Doktor Skowronnek begann zu erzahlen: 



II 



»Vor vielen Jahren, ich war damals noch ein unbekannter praktischer 
Arzt in einer mittelgrofien Stadt, kam eines Tages in meine Sprech- 
stunde ein junger Mann. Nun, ich hatte damals nicht viele Patienten. 
An manchen Tagen zeigte sich iiberhaupt keiner. Ich safi da, wartete 
und las Kriminalromane. Ich hatte vielleicht medizinische Bucher lesen 
sollen, aber mein Respekt vor den Naturwissenschaften und den Er- 
kenntnissen meiner beruhmten Kollegen war eben immer geringer als 
mein Interesse fur Verbrecher und Polizei. Sie begreifen, dafi ein Arzt, 
der wenig zu tun hat, von einem seltenen Patienten geradezu fasziniert 
wird. Dennoch liefi ich ihn im Vorzimmer warten, wie es wohl jeder 
nichtbeschaftigte Arzt tut. Ich lieE den jungen Mann erst nach einigen 
Minuten eintreten - (und Sie konnen mir glauben, ich litt in diesen 
paar Minuten mehr Ungeduld als er). Ungeduld ist, wie Sie wissen, 
eine gefahrliche Krankheit, sie fiihrt manchmal sogar zum Tode durch 
Selbstmord. Nun, ich bezwang mich. Mit um so intensiverer Freude 
weidete ich mich an dem Anblick des Mannes, als er endlich eintrat. 
Natiirlich suchte ich mechanisch ebenso nach Anzeichen einer aufier- 
lich erkennbaren Krankheit in seiner Gestalt und in seinem Gesicht 
wie nach Anzeichen etwaiger Wohlhabenheit an seiner Kleidung. Ich 
sah sofort, es war ein beruhigender Patient. Er gehorte offenbar nicht 
nur den guten, sondern sogar den hoheren Standen an - und eine ge- 
fahrliche Krankheit, die mich wahrscheinlich genotigt hatte, ihn einer 
medizinischen Kapazitat abzutreten, hatte er auch nicht. Er war ge- 
sund, grofl, sehnig, hiibsch, von braunem Teint, er hatte ein schmales, 
sympathisches Gesicht, helle Augen, einen edlen Nacken, eine gutge- 



6}2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wolbte Stirn, kraftige, lange Hande, er war sicher und schuchtern zu- 
gleich, also, was man gute Rasse nennt. Ich vermutete in ihm einen 
Ministerialbeamten von guten Eltern und mittlerer Begabung und 
wahrscheinlich mit einem jener Leiden behaftet, die man in der Gesell- 
schaft >galante< nennt. 

Ich hatte mich nicht sehr getauscht. Es war ein junger Diplomat, unse- 
rer Botschaft in England zugeteilt, Sohn eines bekannten Munitionsfa- 
brikanten, also reicher, als ich gedacht hatte, und seine Krankheit war 
tatsachlich eine >galante<. Er war aufs Geratewohl zu mir gekommen. 
Mit dem Hausarzt seiner Eltern wollte er sich nicht beraten. Er schlug 
also das Adrefibuch der Arzte auf, tippte mit dem Bleistift auf einen 
Namen - es war der meine - und suchte mich unverziiglich auf. Ich 
behandelte ihn munter und sorgsam. Er gefiel mir. Ich erzahlte ihm 
Anekdoten. Als er geheilt war, gestand er mir, daft er es fast bedauere, 
nicht noch eine andere, harmlose Krankheit zu haben, solange sein 
Urlaub dauere. Ich untersuchte ihn, er war leider kerngesund. Ich 
fragte ihn, ob er wenigstens eine Leidenschaft habe. >Nein<, sagte er, 
>aufter der Musik gar keine.< Musik ist, wie Sie wissen, auch meine 
Leidenschaft. Und kurz und gut: Die Musik machte uns erst zu Ver- 
biindeten, spater zur Freunden.« 

Hier liefi Doktor Skowronnek eine Pause eintreten. Dann sagte er: 
»Bis zu seinem Tode waren wir gute Freunde.« 
»Er ist also jung gestorben? Und wo hi plotzlich?« 
»Jung und langsam und an der gefahrlichsten und gewohnlichsten aller 
Krankheiten: Er starb namlich an einer Frau, und zwar an seiner eige- 
nen . . .« 



Ill 



»Unsere Freundschaft horte nicht auf, auch nachdem er seinen Urlaub 
beendet hatte und wieder nach London abgereist war. Im Gegenteil: 
Die Entfernung verstarkte unsere Freundschaft. Wir wechselten fast 
jede Woche Briefe. Meine Praxis war miserabel; ich wartete oft stun- 
denlang auf einen Patienten und las meine Kriminalromane. Eines Ta- 
ges schrieb er mir, ich solle fur ein paar Wochen nach England kom- 
men, als sein Gast. 
Ich fuhr nach London. Ich verstand kein Wort Englisch, war also ge- 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 633 

zwungen, bei jedem Schritt die Hilfe meines Freundes in Anspruch zu 
nehmen. Sie erkennen einen Menschen der sogenannten >guten Rasse< 
immer daran, dafi es Ihnen unmoglich ist, Dankbarkeit fiir seine klei- 
nen und grofieren Hilfeleistungen zu empfinden, geschweige denn, sie 
auszudriicken. Sie kommen niemais oder fast niemals in die Lage, 
einem wirklichen Herrn >Danke schon!< zu sagen. Ja, er weifi es so 
einzurichten, dafi man immer glaubt, seine kleinen Dienste und Gefal- 
ligkeiten kamen ihm selbst zugute und die eigene Hilflosigkeit ware 
eigentlich sein Nutzen. So war es auch mit meinem Freunde. Niemals 
habe ich einen vornehmeren Gastgeber gesehen. Sein diskretes Verhal- 
ten ward mit der Zeit derart, dafi es mir zeitweilig fast vorkam, er hatte 
eine Art Schuldbewufitsein mir gegeniiber. Ja, er beschamte mich. Ich 
dachte daran, dafi ich ihn aus torichter beruflicher Eitelkeit im Warte- 
zimmer hatte sitzen lassen, als er zum erstenmal zu mir gekommen 
war, und ich gestand ihm eines Tages, dafi ich ihn ohne Grund hatte 
warten lassen. Er verstand mich gar nicht, oder er tat so, als ob er mich 
nicht verstiinde. >Wahrscheinlich<, so sagte er, ich erinnere mich genau, 
>hatten Sie doch etwas zu tun, Sie wissen es selbst nicht mehr. Ubri- 
gens auch mir passiert es, daft ich Menschen warten lasse, obwohl ich 
ganz unbeschaftigt bin. Ich mufi mich sammeln, bevor ich einen Frem- 
den empfange. Das ist ganz selbstverstandlich.< 

Hatte ich vorher an seine mittelmafiige Begabung gedacht, so gewann 
ich im Laufe der Zeit die Uberzeugung, dafi seine geradezu unterstri- 
chene Mittelmafiigkeit lediglich eine vornehme Bescheidenheit war, 
wie es oft bei Menschen guter Rasse der Fall ist. Er hatte nicht den 
geringsten Ehrgeiz. Er gab mir oft Gelegenheit, Einblick in seine be- 
rufliche Tatigkeit zu nehmen. Und immer wieder sah ich, dafi es sein 
hochstes, aber auch selbstverstandliches Bemuhen war, sich nicht vor 
den anderen, seinen Kollegen, hervorzutun. Er war das Gegenteil von 
einem ehrgeizigen Diplomaten. Er kannte wohl alie Dummheiten sei- 
ner Kollegen, aber er bemiihte sich, nicht viel kliiger zu erscheinen, als 
sie waren. Ehrgeizig ist der Plebejer. Der wirklich noble Mensch ist 
anonym. Es gibt eine Kraft in der angeborenen Noblesse, die grofier ist 
als das Licht des Ruhms, der Glanz des Erfolges, die Macht des Sie- 
gers. Ehrgeiz ist, wie gesagt, eine Eigenschaft des Plebejers. Er hat 
keine Zeit. Er kann es nicht erwarten, zu Ehre, Macht, Ansehn, Ruhm 
zu gelangen. Der noble Mensch aber hat Zeit zu warten, ja, sogar zu- 
ruckzustehn. 



6}4 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

So also war mein Freund. Obwohl alter als er, begann ich, eine Art 
Ehrfurcht vor ihm zu empfinden. Ich liebte ihn und verehrte ihn. 
Eine Woche vor meiner Abreise gestand er mir, daft er verliebt sei. 
Nun, es ist selbstverstandlich, daft sich ein junger Mann verliebt. Ich 
selbst, der ich damals noch nicht der >ausgekochte< Frauenarzt war, der 
ich heute bin, wie Sie wissen, hatte mich schon ein paarmal verliebt. 
Aber da es sich um meinen Freund handelte, erschrak ich. Denn ich 
fiihlte, daft dieser vornehme Mensch einem tiefen Gefuhl ohnmachtig 
ausgeliefert sein muftte und daft es in seiner Natur gelegen war, den 
Gegenstand, den er zu lieben glaubte, mit den edelsten Eigenschaften 
auszustatten, die er selbst besafi. Wenn die Liebe, wie das Sprichwort 
sagt, schon alle gewohnlichen Menschen blind macht, wie erst die aus- 
erwahlten und vornehmen! 

Ich erschrak also. Und ich sagte meinem Freunde, daft ich wiinsche, 
seine Geliebte zu sehen. 

>Auch Sie werden sich verlieben<, antwortete er - mit der Naivitat der 
Liebenden, die glauben, der Gegenstand ihrer Liebe sei unwidersteh- 
lich. 

Gut! - Wir trafen uns also alle drei eines Abends. 
Es war eine junge Dame aus der sogenannten guten Gesellschaft. 
Hiibsch, gewift! Eine blonde Jungfrau mit himmelblauen Augen, star- 
ken Zahnen, einem etwas zu langen und langweiligen Kinn und ausge- 
sprochen guter Figur. Gewifi hatte sie >Manieren< - was man so nennt. 
Sie war eben aus guter Familie. Gewift war sie auch in meinen Freund 
verliebt - warum denn nicht? So verliebt, wie es nur Madchen aus 
guter Familie sein konnen, fur die Liebe zu einem jungen Mann von 
Stand und Rang so etwas ist wie Sunde ohne Gefahr, Laster ohne 
fluchwurdige oder strafliche Folgen. Die jungen Madchen dieser Art 
sind nicht hungrig; sie sind nur genaschig. Der Hunger, den man be- 
friedigen mufi, bringt, unter Umstanden, furchterliche Strafe. Die Ge- 
naschigkeit aber, der man Geniige tut, bringt keinen Schaden, nur Lust 
und die Genugtuung: man ware ein bifkhen gefahrdet gewesen. Es ist 
der Unterschied wie zwischen dem Besuch, den man etwa einer Mena- 
gerie abstattet, und dem Versuch, in den Kafig der Lowen zu steigen. 
Dies alles wufke mein Freund natiirlich nicht. Ihm schien die Tatsache, 
daft eine Tochter aus bester englischer Familie ihn heimlich kiiftte, Be- 
weis genug fur ihre tiefe Liebe zu ihm. Ihm war's, als hatte sie tausend 
Meilen durch die Gefahren irgendeiner Wuste zuriickgelegt, nur, um 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 635 

ihm einen Kufi zu gewahren. Er fand sie tapfer, tollkiihri, opfermutig 
und obendrein sehr gescheit. 

Nun, sie war sehr dumm! Sie ist es noch heute. Sie hat ihn ins Grab 
gebracht. Sie ist alt und ziemlich hafilich geworden, aber sie ist immer 
noch dumm! So ungerecht die Natur auch ist in ihrer Bosheit, die 
Manner blind zu machen, wenn sie lieben: Sie gleicht diese Ungerech- 
tigkeit aus, indem sie den Glanz der Frauen, der die Manner einst ge- 
blendet hat, ziemlich friih erloschen lafit und indem sie die alten Da- 
men zwingt, mit den Jahren die zweifelhafte Hilfe der Friseure, Mas- 
seure und Chirurgen in Anspruch zu nehmen, damit die verfallenen 
Briiste, Bauche, Wangen und Schenkel wie der eine halbwegs annehm- 
bare Form bekommen. Als eine Art von aufgebesserten Gipsfiguren 
sinken die einstmals schonen Frauen ins Grab. Die Manner aber, die 
weise genug waren, nicht an ihnen zu sterben, werden von der Natur 
belohnt: Bekleidet mit der Wiirde des Silbers und der nicht minderen 
Wiirde der Gebrechlichkeiten gehen sie in den Schofi Gottes ein. 



IV 

In den besseren Kreisen folgt gewohnlich die Heirat der Verlobung 
wie dem Blitz der Donner. Mein Freund heiratete, kurze Zeit nachdem 
ich ihn verlassen hatte, ging auf die Hochzeitsreise, passierte bei der 
Riickkehr unsere Stadt und besuchte mich mit seiner Frau. Sie waren 
beide hiibsch, sie boten einen gefalligen Anblick, sie schienen fureinan- 
der geschaffen zu sein. Am Abend begleitete ich sie in ein Lokal, wo 
Offiziere, hohere Beamte, Adelige und ein paar Gutsbesitzer verkehr- 
ten. In einer mittleren Stadt, in sogenannten besseren Lokalen, sieht 
man sich nach jedem Gast um, geschweige denn nach Fremden, die 
man nicht kennt. Das Aufsehen aber, das mein Freund erregte, als er 
mit seiner Frau ankam, war kein gewohnliches, sondern etwa mit der 
Uberraschung zu vergleichen, die ein auflerordentliches Naturphano- 
men bei ahnungslosen Menschen hervorzurufen pflegt. Es war wie ein 
Marchen. Alle Gesprache verstummten. Die Kellner hielten ein in ih- 
ren beflissenen Dienstgangen. Der Chef vergaft, sich zu verneigen. Es 
war ein warmer Spatsommerabend, die Fenster standen offen, und der 
sachte Wind bewegte die rotlichen Gardinen. Aber ich hatte den Ein- 
druck, daft auch diese Gardinen aufgehort hatten, sich zu bewegen. 



6}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wie Gotter wirkten meine Freunde. Mein Freund fiihlte es und beeilte 
sich, in die nachste freie Loge zu kommen. Seine Frau aber schien das 
betroffene, ja fast betretene Schweigen der Menschen gar nicht zu mer- 
ken. Sie trug ein Lorgnon, es war damals bei manchen Leuten Mode, ob 
sie nun schwache oder normale Augen hatten. Das Lorgnon hob sie nun 
an die Augen, einen Augenblick nur natiirlich, fur den Bruchteil einer 
Sekunde. Sie liefi es sofort wieder fallen. Aber mein Freund hatte es 
bemerkt, und es mull ihn getroffen haben, ebenso wie mich. Denn er 
beriihrte unwillkurlich den Arm seiner Frau - es war eine zartliche und 
sanfte Mahnung. 

Als wir in der Loge saften, hob die Frau meines Freundes noch ein 
paarmal das Lorgnon an die Augen. Ich bin uberzeugt, dafj sie nicht das 
geringste Interesse an all dem hatte, was im Saal vorging. Wahrschein- 
lich betrachtete sie den Kronleuchter durch das Glas. Aber meinen 
Freund und mich reizte diese Art, das Glas an die Augen zu fiihren. Es 
ist eine hochmiitige Bewegung, ein Lorgnon ist ein ziemlich hochmuti- 
ger Gegenstand, und die bescheidenste Frau, die sich seiner bedient, 
kann unter Umstanden sehr arrogant erscheinen. Ich habe wirklich 
vornehme und in der Tat kurzsichtige Damen gekannt, die eine ganz 
besondere, nahezu verschamte Art hatten, das Lorgnon zu gebrauchen, 
so etwa, wie es ihre ganz besondere Art war, die Rocke zu heben. Nun, 
es fehlte der Frau meines Freundes gewifi nicht an guten Manieren! 
Aber es fehlte ihr die wirkliche Noblesse. Diese besteht nicht so sehr 
darin, was man tut, als darin, was man unterlaftt. Sie besteht aber in der 
Hauptsache darin, daft man fiihlt, was den andern >schockieren< konnte; 
daft man es rechtzeitig fiihlt, noch ehe etwas geschehen ist. 
Die Frau meines Freundes tat das Gegenteil. Als ware sie eine durchaus 
kleine Burgerin aus London, mokierte sie sich iiber die mittelmafiige 
Eleganz unserer Stadt, iiber die lassige Haltung der Offiziere, iiber die 
eilfertige Dienstbarkeit des Personals, iiber die unmodischen Hiite der 
Damen. Mein Freund lachelte, verliebt und bekummert und beschamt 
zu gleicher Zeit. Hie und da versuchte er, uns in Schutz zu nehmen. 
Einmal, ich erinnere mich, wurde er sogar deutlich und sagte etwa: 
>Aber Gwendolin! Du hast eine kleine, scharfe Zunge. Schwatzt sie so 
weiter, muftt du sie dem Doktor zeigen! Nicht wahr, Doktor?< Und 
weil er fiihlte, daft sein Scherz keineswegs sehr gelungen war, fuhr er 
ernsthaft fort: >Der Aufenthalt hier behagt meiner Frau nicht. Wir wer- 
den morgen abend aufbrechen.< 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 637 

Urn meinen Freund nicht merken zu lassen, dafi ich die Mittelmafiig- 
keit seines Scherzes erkannt hatte, versuchte ich, sozusagen seinen In- 
tentionen zu folgen, und sagte: >Zeigen Sie schnell die Zunge dem On- 
kel Doktor!< - Sie streckte mir sofort ihr schmales, beinahe karmesin- 
rotes Ziinglein entgegen, und Sie konnen mir glauben, es ist mein Be- 
ruf, ich habe leider vieltausendmal Frauenzungen anschaun miissen: 
Hier, beim Anblick dieses Ziingleins, hatte ich den vielleicht allzu pri- 
mitiven, aber sehr iiberzeugenden Eindruck: eine Schlange. 
Am nachsten Vormittag kam mein Freund zu mir. >Wir fahren heute 
abends sagte er. >Ich will mich verabschieden.< >Werde ich Ihre schone 
Frau nicht wiedersehn?< >Bitte, kommen Sie zur Bahn, am Abend. Ich 
bin hierhergekommen, damit wir sozusagen einen Separatabschied 
nehmen.< 

Ich sah, dafi er nicht sehr glucklich war. Ich schlug ihm einen Spazier- 
gang vor. Ich weifi, dafi man verschwiegene Dinge leichter im Gehen 
sagt als im Sitzen. Man sagt's eben nicht Aug* in Aug\ Der Sprechende 
wie der Zuhorer, sie blicken beide zu Boden. Eine laute Strafie befreit 
manchmal die menschliche Brust genauso wie Alkohol oder auch, 
wenn Sie wollen, wie jener stille Kirchenwinkel, in dem gewohnlich 
der Beichtstuhl wartet. Wir gingen also spazieren. Und da erzahlte er 
mir, dafi es schon wahrend der Hochzeitsreise ein paar Unstimmigkei- 
ten zwischen Gwendolin und ihm gegeben hatte. Es begann bei der 
Musik. Sie liebte Wagner. Er beschimpfte ihn. Nichts konnte einen 
Musiker seiner Art - und auch meiner Art - so sehr reizen wie ein 
Wohlgefallen an Wagner. Gewifi, die Liebhaber Wagners sind eben- 
falls musikalische Menschen. Aber die musikalischen Menschen 
konnte man in zwei feindliche Gruppen teilen: in Mozart-Liebhaber 
und Wagner- Anhanger. Merken Sie, dafi ich nicht einmal Wagner- 
Liebhaber mehr sagen kann? Ich sage: >Anhanger<. Menschen mit Oh- 
ren fur Posaunen und Kesselpauken - und Menschen mit Ohren fur 
Cello, Geige und Flote. Eher werden sich zwei Taubstumme verstan- 
digen als zwei musikalische Menschen, von denen einer Mozart liebt 
und der andere Wagner. Beides zusammen kann man meiner Meinung 
nach nicht. Ich glaube, es sind im Grunde taube Menschen, die beides 
lieben; oder wenn sie horen, sind's Kapellmeister. 
Nun, ich brauche Ihnen nichts mehr zu sagen: Sie vertrugen sich wie 
Mozart und Wagner. Ich wufite sofort, dafi diese Ehe zerbrochen war. 
Aber ich sagte: >Spielen Sie zu Hause Mozart, lieben Sie viel, schlafen 



638 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie mit Ihrer Frau, ein Kind sollte sie bald bekommen. Schwanger- 

schaft andert manchmal den musikalischen Geschmack. Fahren Sie mit 

Gott.< 

Wir umarmten uns, jetzt schon. Ich begriff, daft er mich vor seiner 

Frau am Bahnhof niemals hatte umarmen konnen. 

Ich kam zum Zug. Gwendolin gab mir die Hand zum Kufi und stieg 

rasch ein, ein Lacheln fur zehn Kreuzer um den holden Mund. (Die 

Damen lacheln merkwiirdigerweise genauso wie die armen Strafien- 

madchen; das heifk, wenn sie konventionellen Abschied nehmen; so 

lacheln die Madchen, wenn sie eine Bekanntschaft machen.) 

Mein Freund ware gerne noch zu mir auf den Perron heruntergestie- 

gen. Aber er fiirchtete sich, es war, als hielte ihn seine Frau hinten am 

Rock fest. Er beugte sich nur zum Fenster heraus, gab mir noch einmal 

die Hand - und ich ging - lange noch vor der Abfahrt des Zuges. 



Ich kenne nicht die internationalen Gesetze oder Sitten der Diploma- 
tie. Ich glaube aber, dafi es nicht ublich ist, dafi ein Diplomat eine Frau 
aus dem Lande heiratet, in dem er als der Vertreter seines eigenen fun- 
giert. Ausnahmen gibt es, ich habe schon von einigen gehort. Mein 
Freund gehorte allerdings nicht zu diesen. Unser damaliger Botschaf- 
ter diirfte ein strenger Formalist gewesen sein. Mein Freund mufite, 
weil er eine Englanderin geheiratet hatte, London verlassen. Sein neuer 
Posten war kein anderer als Belgrad. 

Ich habe nicht erwahnt, dafi die Frau meines Freundes die einzige 
Tochter ihrer Eltern war. Sie wissen: Englander reisen zwar viel in der 
Welt herum, sie kennen sogar die verschiedenen Lander besser als an- 
dere Westeuropaer; aber sie schicken ihre Tochter nicht gerne in un- 
wirtliche Gegenden. Einen kiirzeren oder langeren Besuch verdient je- 
des Land; auch das unwirtlichste. Aber seinen standigen Wohnsitz be- 
halt man in England, zumindest in einer der besseren englischen Kolo- 
nien. Wahrscheinlich hatten die Schwiegereltern meines Freundes 
nichts dagegen gehabt, wenn er zum Beispiel nach Indien gegangen 
ware. Serbien aber flolke ihnen einen wahren Horror ein. Auch Frau 
Gwendolin hatte unsagbare Angst vor Belgrad und weigerte sich hin- 
zufahren, indes mein Freund darauf bestand, daft die Frau ihn beglei- 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 639 

tete. Von den bibelkundigen, glaubigen Protestanten, die seine Schwie- 
gereltern waren, fiihrte er das bekannte Wort an, dafi die Frau dem 
Manne iiberallhin zu folgen habe: vergebens. Es kam zum ersten ernst- 
lichen Konflikt. Mein Freund fuhr nach Wien. Im Ministerium des 
Aufteren versuchte er alles Unmogliche, um seine Versetzung nach Pa- 
ris oder wenigstens nach Madrid zu erreichen. Vergebens. Es gab an- 
dere, es gab, wie Sie wissen, im alten Osterreich viele Protektionskin- 
der. Paris, Madrid, Lissabon waren besetzt. Man brauchte iibrigens 
tatsachlich einen tiichtigen Legationsrat in Belgrad. Man konnte sich 
dort auszeichnen. Der Sektionschef Baron S. im Ministerium wufite 
die Qualitaten meines Freundes zu schatzen, war auch ein wenig um 
dessen Karriere besorgt. Kurz, es war unmoglich. Man mufite nach 
Belgrad. 

Zufallig - oder besser: nicht zufallig, denn ich glaube nicht an Zufalle - 
sollte ich im April jenes Jahres zum erstenmal meine Stellung als Kur- 
arzt antreten. Ich gab meine Praxis auf, wir hielten im Februar. Unter 
zwanzig praktischen Arzten, wahrscheinlich lauter armen Teufeln wie 
ich selbst, hatte die Kurverwaltung gerade mich ausgesucht. Ich wuftte 
dieses Gliick zu schatzen. Ich gab davon aller Welt sofort Kunde und 
naturlich auch meinem Freund in London. Er schrieb mir, es trafe sich 
herrlich. Da er ungefahr im Marz nach Belgrad musse, konnte seine 
Frau bis zum April in London bleiben, dann zu mir kommen, die 
ganze Saison in meiner Obhut bleiben und erst im August nach Bel- 
grad fahren. Sein Gliick sei mein Posten, nicht das meinige. 
Der Arme! Er hatte keine Ahnung davon, wie Frauenbader auf gewisse 
jiingere Frauen wirken ! 
Er sollte es erst spater erfahren. 



VI 

Die Frau war mit dem Plan einverstanden. Im Marz sollte mein Freund 
nach Belgrad fahren, im April seine Frau zu mir in den Kurort kom- 
men. Von mir behandelt und durch die wundertatigen Quellen unseres 
Bades gestarkt, vielleicht gar in ihrem Sinne gewandelt, wiirde sie 
dann - so hoffte mein Freund - ohne Heimweh und Kummer ihrem 
Mann nach Belgrad folgen konnen. 
Nun, sehen Sie: Es gibt wenig Frauen, mit denen man etwas Festes 



64O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

abmachen kann. Nicht, dafi sie nicht Wort hielten oder mit Absicht 
tauschen wollten: nein! Ihre Konstitution vertragt keine feste Abma- 
chung. Wenn sie entschlossen sind, ein Ubereinkommen einzuhalten, 
wehrt sich, ohne dafi sie es selbst wollen, ihr Korper. Sie werden ein- 
fach krank. 

Zu den wenigen Frauen, mit denen man etwas Festes abmachen kann, 
gehorte nun die Frau meines Freundes keineswegs. Sie gehorte viel- 
mehr zu jenen, die krank werden, das heilk: zu jenen, deren Korper 
sich gegen ihre redlichen Vorsatze wehrt - und sie erkrankte tatsach- 
lich, genau einen Tag vor der Abreise meines Freundes nach Belgrad. 
Nicht sie selbst, begreifen Sie mich recht! - ihre Konstitution wollte 
sich nicht in das Unvermeidliche fiigen. - Was ihr eigentlich fehlte? - 
Gott allein kann es wissen, Er, der die Eva schuf. Ein Frauenarzt weifi 
nur selten, was einer Frau fehlt. 

Es begann mit dem Magen und der ihm benachbarten Gebarmutter. 
Die hastigen Arzte in London einigten sich, wie gewohnlich in solchen 
Fallen, auf eine Blinddarmentziindung. Mein Freund erbat und erhielt 
einen Aufschub von zwei Tagen. Man operierte die Frau. Der Blind- 
darm war, wie jeder zweite Blinddarm, den man herausnimmt, natiir- 
lich vereitert. (Der Ihrige, der meinige, sie sind auch vereitert.) Die 
Arzte und mein Freund bildeten sich ein, die Frau sei aus grofier Le- 
bensgefahr errettet. Begliickt, wie jeder Liebende, iiber die Rettung des 
geliebten Wesens, fuhr mein Freund auf seinen neuen Posten nach Bel- 
grad. 

Es blieb dennoch bei der Abmachung. Etwa Mitte April kam Frau 
Gwendolin zu mir, in meinen Kurort. Naturlich holte ich sie bei der 
Bahn ab. Sie sah aus wie eine Gottin, eine Gottin ohne Blinddarm, eine 
Gottin in Rekonvaleszenz. Sie litt und triumphierte zugleich und be- 
zog aus ihrer Rekonvaleszenz allerhand Krafte fur ihren Triumph. 
Selbstverstandlich hatte ich etwa eine halbe Stunde zu tun, bevor alle 
Koffer abgeholt und verstaut waren. Es waren etwa zwolf Stuck. Klei- 
der und Wasche genug, um zwanzig Frauen fur zwei bis drei Jahre 
auszustatten. Ich brachte Frau Gwendolin im Hotel Imperial unter 
und bat sie, morgen in meine Sprechstunde zu kommen. 
Sie kam, ich untersuchte sie. Ich erinnere mich genau an diese Untersu- 
chung, nicht nur, weil Gwendolin die Frau meines Freundes, sondern 
auch, weil sic eine meiner ersten Patientinnen war. Der Blinddarm war 
weg. Man sah den Schnitt, aber die Frau behauptete, man hatte >etwas 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 64I 

drfn vergessen<. Sie hatte Hunger, Ubelkeiten, Herzweh, Herzklopfen, 
Magenschmerzen, Krampfe und immer wieder Hunger. Schwanger- 
schaftserscheinungen, wie Sie wissen. Aber nein, sie war nicht schwan- 
ger! Es ist so ziemlich das einzige, was ein Frauenarzt feststellen kann, 
mit einiger Sicherheit. Sie war nicht schwanger! Nach einiger Uberle- 
gung kam ich auf die banalste aller Krankheiten. Diese schone, ele- 
gante Dame - nichts Menschliches ist einem Menschen fremd - hatte 
leider einen Bandwurm. 

Aber wie sollte ich ihr das mitteilen, ohne sie zu kranken? - Ich begann 
zuerst, von Parasiten zu sprechen, von harmlosen, dann von gefahrli- 
chen und schilderte den Bandwurm als einen der gefahrlichsten Feinde 
der weiblichen Schonheit. Als ich sie endlich soweit hatte, dafi sie 
selbst ihren Wurm fur aufierst interessant halten mufke, begann ich mit 
Vorschriften, Diat und Rezepten. Und noch niemals, seitdem Band- 
wiirmer bestehen, ward einer so ernst genommen. Er war fiir Frau 
Gwendolin eine besondere Personlichkeit. Alle ihre Geluste und 
Schwachen schob sie seinem Einflufi zu. So kam sie zum Beispiel zu 
mir am Morgen und sagte: >Denken Sie, heute nacht hat er mich ge- 
weckt, er wollte absolut Champagner!< - Er - das war der Bandwurm 
natiirlich. Oder ein anderes Mai: >Ich wollte zu Hause bleiben, wie Sie 
es mir geraten haben, Doktor, aber er wollte nicht, er machte mir 
Ubelkeiten, ich mufke ausgehn, tanzen.< Und so fort. Sie schatzte ih- 
ren Wurm weit hoher als ihren Mann. Er war ihr Verfiihrer, ihr AblaE- 
geber, ihr Held. Er gab ihr alles, was eine Frau ihresgleichen brauchte: 
Leiden, Schwache, Lust, Geluste. Er lieft sie tanzen, trinken, essen, 
alles Verbotene entschuldigte dieser Wurm. Er nahm sozusagen alle 
ihre Siinden auf sein Gewissen. Eine Woche spater sogar eine wirkliche 
Siinde. 

Geben Sie zu, da£ ich der einzige Arzt der Welt sein durfte, der einen 
solchen, geradezu schlangenartigen Bandwurm behandelt hat? 



VII 

Etwa eine Woche spater schrieb mir mein Freund aus Belgrad, ich 
mochte ja nicht den Geburtstag seiner Frau vergessen. Er fand statt am 
1. Mai, ein Datum, das man leicht behalt. Am fnihen Nachmittag, be- 
vor meine Sprechstunde begann, ging ich mit einem gewaltigen Strauft 



642 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

roter Rosen ins Hotel Imperial zu meiner Schutzbefohlenen. Eigent- 
lich hatte ich die Blumen unten beim Portier zuriicklassen wollen. Ich 
weifi mcht, ob es Ihnen auch so geht, manchen Mannern geht es jeden- 
falls ahnlich wie mir: Ich komme mir sehr lacherlich vor mit Blumen in 
der Hand, Ein Mann, der etwas auf sich halt, sollte keine Blumen tra- 
gen. Aber es war die Frau meines Freundes, meine Schutzbefohlene, 
meine Patientin und ein >Geburtstagskind<. Ich entschlofi mich also, 
den Rosenstraufi unter den Arm zu nehmen und in den Lift zu steigen. 
Ich liefi mich im ersten Stock anmelden. Ich sah, wie der livrierte Kell- 
ner an die Tiir der Frau Gwendolin klopfte, einmal, zweimal, dreimal. 
Keine Antwort. >Die Dame schlaft vielleicht - oder sie badet<, sagte 
ich. >Nein<, erwiderte der Etagenkellner, >ich habe ihr soeben Cham- 
pagner gebracht, mit zwei Glasern.< >Hat sie Besuch?< >Gewifi<, sagte 
der Kellner, >der Doktor von Nummer }2.< >Wer ist das?< >Das 1st der 
junge Rechtsanwalt aus Budapest, Herr Doktor Jeno Lakatos.< 
Nun, ich wufite genug. Zwar war es meine erste Saison in diesem Ba- 
deort. Aber ich war ja kein >heuriger Has'<, wie man bei uns sagt; und 
ich wufite, was die jungen Advokaten aus Budapest in Frauenbadern 
zu suchen hatten. Im aligemeinen, im Prinzip sozusagen, hatte ich ja 
nichts dagegen. Hier aber handelte es sich um die Frau meines Freun- 
des, fur die ich ihm einigermafien verantwortlich war. Ja, ich selbst 
fiihlte mich schon betrogen an seiner Statt. Ich bin Junggeseile geblie- 
ben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dafi wir gar nicht selbst zu 
heiraten brauchen, wenn wir verheiratete Freunde haben. Es ist, als 
heiratete man gewissermafien die Frauen aller seiner guten Freunde 
mit, liefie sich mit den Freunden von den Frauen scheiden und wiirde 
mit den Freunden von den Frauen betrogen - wenn man nicht zufallig 
selbst der Betriiger seines Freundes ist. 

Ich stand also ratios da, in dem noblen, blendend weifi getiinchten 
Korridor des Hotels, auf einem dunkelroten Laufer und blickte ratios 
auf den blaubefrackten Zimmerkellner, den Blumenstraufi unter dem 
Arm, sehr lacherlich - nicht wahr?! Mir war, als fiihlte ich an meiner 
Hiifte die schonen Rosen welken, Rosenleichen hielt ich schon. Ich 
beschlofi, wieder hinunterzugehn. Da offnete sich auf einmal die Tiir. 
Heraus kam, aber mit dem Riicken zuerst, der Lakatos von Nummer 
32. Ich sah ihn also zuerst von hinten. Aber es geniigte vollkommen. 
Ein kleines, rundes Kopfchen mit glanzenden, schwarzen, geolten 
Haaren: als ob die Natur selbst Periicken herstellte. Ein grower, qua- 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 643 

dratischer Rumpf, eine Art bekleideter Kommode. Darunter der Kor- 
perteil, den man nicht nennt, mindestens sechsmal umfangreicher als 
der Kopf, hellgraue Hose, knallgelbe Schuhe. Dies war Lakatos. Er 
warf durch die halboffene Tiir Kufihandchen ins Zimmer, kicherte, 
verneigte sich, schlofi endlich die Tiir, wandte sich urn - und sah sich 
dem Kellner und mir gegeniiber. Sein Angesicht, das lediglich aus 
schwarzen Knopfaugelchen, einem Naschen und einem pechschwar- 
zen Schnurrbartchen bestand, war wie aus Wachs, gerotetem Wachs. 
Er hatte keine Hautfarbe, sondern eine Art Schminke. Im iibrigen: Er 
wurde gar nicht verlegen. Er lacheite uns zu. Er steckte die Hande in 
die Hosentaschen und ging zu seinem Zimmer, zur Nummer 32. Wie 
gerne hatte ich ihm mit meinem machtigen Rosenstraufi ins Gesicht 
geschlagen. Ich hatte so gewufk, warum ich eigentlich zum ersten und 
einzigen Male in meinem Leben Blumen schleppte. Aber ich mufite 
zur Frau Gwendolin und ihr zum Geburtstag gratulieren. 
In einem Anfall torichter Ratlosigkeit sagte ich zum Kellner: >Die gna- 
dige Frau ist sehr krank! Sie hat namlich einen Bandwurm.< 
>Jawohl, Herr Doktor<, sagte der Schlingel. >Er ist soeben weggegan- 
gen.<« 



VIII 



Doktor Skowronnek machte eine Pause, sah auf die Uhr, bestellte 
einen Cognac und sagte: »Ich sehe eben, dafi ich Sie schon lange auf- 
halte. Gedulden Sie sich bitte, meine eigentliche Geschichte kommt 
erst.« 

Er trank den Cognac und fuhr fort: 

»Die Begebenheiten, von denen ich zuletzt gesprochen habe, fallen in 
das Jahr 19 10. Sie erinnern sich an jene Zeit, es gab Stiirme auf dem 
Balkan, mein Freuhd in Belgrad hatte keinen leichten Posten. Seine 
Briefe wurden immer seltener, zwei-, dreimal im Jahr besuchte er seine 
Eltern, ich sah ihn nur aufterhalb meiner Saison, das heiftt, wenn er 
zufallig im Winter kam - denn ich wohnte immer noch in jener mittel- 
grofien Stadt, in der ich meine Praxis angefangen hatte, und zog nur im 
Friihling in meinen Kurort. 

Die Besuche meines Freundes waren so kurz, daft wir kaum Zeit fan- 
den, ein Konzert zu besuchen, geschweige denn, gemeinsam zu musi- 



644 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zieren. Die seltenen Abende, an denen wir uns trafen, wollten wir mit 
Gesprachen verbringen. Aber es kam im Laufe dieser Jahre zwischen 
uns zu keinem richtigen Gesprach mehr. Die Musik hatte uns zu Freun- 
den gemacht. Ohne Musik - so empfand ich es damals deutlich - er- 
starrte das von Natur diskrete Herz meines Freundes. Wir safien hart 
nebeneinander, aber wie getrennt durch eine Wand aus Eis. Unsere 
BHcke mieden sich gegenseitig. Trafen sie sich manchmal fur eine Se- 
kunde, so war's eine fast kdrperliche, zartliche, aber fliichtige Beruh- 
rung. Wenn du nur alles wiifitest, schienen seine Augen zu sagen. Und 
meine Augen fragten: Also, was ist denn geschehen? Es war nichts zu 
machen. Die Musik fehlte uns. Sie allein war das fruchtbare Feuer unse- 
rer Freundschaft gewesen. Mein Freund schamte sich - das wufite ich. 
Einen vornehmen Menschen hindert nichts so sehr am Sprechen und 
Erzahlen wie die Scham. Wenn ein vornehmer Mensch sich schamt, 
schweigt er, verschweigt er sogar Wichtiges - und die Scham kann ihn 
sogar bis zur vulgarsten aller menschlichen Schwachen fiihren: namlich 
bis zur Luge. Ja, ich hatte ein paarmal die Empfindung, dafi mein 
Freund luge. Aber Sie kennen mich: Ich bin kein Moralist. Das will 
heiften: Ich beurteile die Menschen nicht nach ihren Handlungen und 
Reden, sondern nach den Grunden ihrer Handlungen und Reden. Und 
ich tat also, als nahme ich seine Liigen fur pure Wahrheiten. Er aber 
fiihlte, dafi ich genauso log wie er selbst. Es waren peinliche Gesprache. 
Sein Gesicht war verandert. Er hatte, trotz seiner Jugend, leicht ange- 
graute Schlafen, statt einer gesunden, gebraunten Hautfarbe eine bleiche 
und gelbliche. Uber dem urspriinglichen Glanz seiner schonen, hellen 
Augen lag ein grauer Schleier, der graue Schleier der Luge eben. Nach 
jedem neuen Besuch, den er mir im Laufe dieser Jahre abstattete, fand 
ich, dafi seine Schultern schmaler und abfallend geworden waren, sein 
Riicken runder, seine Arme schlaffer. Immer fragte ich ihn nach seiner 
Frau. Dann begann er, von ihr zu erzahlen; so viel zu erzahlen, dafi ich 
mit Recht glauben konnte, er verschwiege noch viel mehr, als er er- 
zahlte. Es war, als ob ein Mensch mit sehr viel Kleidern, mit viel zuviel 
Kleidern und Manteln Blofkn zudecken wollte. Frau Gwendolin war- 
wollte ich meinem Freund glauben - brav, heiter, treu, ernst und ausge- 
lassen zugleich, ein Spruhteufel und eine giitige Fee, eine Hausfrau und 
eine flotte Tanzerin, verfuhrerisch und auflerordentlich bescheiden, 
eine Dame und ein suEes Madchen, kurz: eine Gattin, wie sie ein Diplo- 
mat brauchen konnte. 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 645 

>Und was macht der Bandwurm?< fragte ich hie und da, in Ermnerung 
an die freche Antwort des Zimmerkellners aus dem Hotel Imperial. 
>Meine Frau ist ganz gesund<, sagte mein Freund. 
Ich zweifelte nicht daran. An ihrer Gesundheit hatte ich am wenigsten 
und zuallerletzt gezweifelt. 



IX 



Dann kam der Krieg. 

Mein Freund (er war Oberleutnant der Reserve bei den Neuner-Dra- 
gonern) riickte am ersten Tage der Mobilisierung ein. Sein Regiment 
stand an der russischen Grenze. Frau Gwendolin kam in unsere Stadt, 
zu den Eltern meines Freundes, mit einem Empfehlungsbrief an mich 
ausgeriistet. In diesem Brief wiinschte mein Freund, ich mochte in der 
Saison seine Frau mit mir nehmen und - so hiefi es wortlich - >auf sie 
achtgeben<. 

Man rechnete damals, wie Sie wissen, mit einem Feldzug von einigen 
Monaten. Ich selbst ahnte, daft es Jahre dauern wiirde. Auch wufke 
ich, dafi es mir nicht moglich sein werde, auf die Frau >achtzugeben<. 
Aber ich tat, wie mir geheifkn ward. In der Saison nahm ich die Frau 
mit mir, in den Kurort. 

Nun, ich bekam leider sofort, das heifit: kurz nachdem die Saison be- 
gonnen hatte, den Befehl, als Landsturmarzt einzuriicken. Und ich 
iiberliefi Frau Gwendolin der Obhut eines meiner Kollegen, der durch 
einen korperlichen Fehler - er hatte einen Buckel - vom Militardienst 
befreit war. 

Erst zwei Jahre spater - ich hatte in einem Typhus-Spital gearbeitet 
und war selbst erkrankt - durfte ich ins Hinterland zuriick. Am Vor- 
mittag war ich Landsturmarzt in Uniform und untersuchte kranke Sol- 
daten. Am Nachmittag behandelte ich die weniger kranken Frauen, 
deren Manner meist im Felde standen und die ich mit ruhigem Gewis- 
sen eigentlich der weniger dezenten Behandlung durch meine rekonva- 
leszenten Soldaten hatte iiberlassen diirfen. Es war damals eine giin- 
stige Zeit fur die Damen. Ein Lakatos, von der Art, wie ich ihn einst 
aus dem Zimmer der Frau meines Freundes hatte kommen sehn, war 
ein Waisenknabe gegen die robusten Bauern aus Bosnien, Herzego- 
wina, Kroatien, Slowenien. Niemals hatten die wunderbaren Quellen 



646 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

unseres Frauenbads so herrliche Heilerfolge gehabt wie in der Zeit des 
Krieges, in der in unserem Kursalon die braven Krieger ihre Heilung 
abwarteten. 

Frau Gwendolin war naturlich da... Sie schien ihr Vaterland, das 
feindliche England, ihre Abstammung vergessen zu haben. Die aufierst 
bunte Mannlichkeit der osterreichisch-ungarischen Armee hatte wahr- 
scheinlich jedes Gefiihl fiir England in ihrem schonen Busen ausge- 
loscht. Sie war eine osterreichische Patriotin geworden, kein Wun- 
der! - Liebe allein bestimmt die Haltung der Frauen. 
Als der Krieg zu Ende war, kam mein Freund zuriick, immer noch 
verliebt und wie jeder verliebte Mann uberzeugt, dafi ihm seine Frau 
die Treue gehalten habe. Nun, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dafi 
Frau Gwendolin ziemlich erbittert war iiber das Ende des Krieges, 
vielleicht auch iiber die Riickkehr ihres Mannes. Sie fiel ihrem Mann 
um den Hals mit der Gewandtheit, die sie im Lauf der Kriegsjahre 
angenommen hatte und die mein Freund selbstverstandlich mit der 
Leidenschaft fiir ihn verwechselte. 

Es gab keine osterreichisch-ungarische Monarchic mehr. Mein Freund, 
der noch im verkleinerten und veranderten Osterreich seine Karriere 
hatte fortsetzen konnen (denn er war im Grunde ein leidenschaftlicher 
Diplomat), gab seinen Beruf auf. Er hatte Geld genug. Reich genug 
waren auch die Eltern seiner Frau. Und er beschlofi, sein Leben der 
Frau Gwendolin zu widmen. 



X 



Sie reisten durch die neutral gebliebenen Lander. Mein Freund wollte, 
wie er sagte, den >guten alten Frieden< wiederfinden. Er fand ihn nir- 
gends. Er kehrte heim. Die Fabrik seines Vaters hatte keine Moglich- 
keit mehr, Waff en und Munition herzustellen. Alle vorhandenen Waf- 
fen mufken vernichtet oder den siegreichen Machten ausgeliefert wer- 
den. Eines Tages erkrankte auch noch der Vater meines Freundes. Man 
durfte immerhin die Fabrik nicht ohne weiteres zugrunde gehen las- 
sen. Anderen Munitionsfabriken war es gelungen, ihre Werke umzu- 
wandeln: Statt der Granaten und Gewehrlaufe erzeugte man Fahrra- 
der, Maschinenteile, Wagen, Rader, Automobile. Auch mein Freund 
wollte es versuchen. Mit der Gewissenhaftigkeit, die ihm eigen war, 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 647 

begann er, die Industriefacher von Grund auf zu studieren. Er besich- 

tigte Fabriken in England, Deutschland, in der Schweiz. Als er genii - 

gend Erfahrung zu haben glaubte, kehrte er zuriick: Allein - er hatte 

seine Frau in London bei ihren Eltern gelassen. Er war unterneh- 

mungslustig, voller Hoffnung. Fast schien es, als begriifte er das 

Schicksal, das ihn aus seiner noblen Laufbahn geworfen hatte. Er hatte 

in der Tat auch kaufmannische Fahigkeiten, einen Instinkt fiir Men- 

schen und Dinge. Wir kamen oft zusammen. Naturlich musizierten 

wir und besuchten Konzerte. 

Einmal kam er zu mir, zu einer aufiergewohnlichen Stunde. Er wufite, 

daft ich spat zu Bett zu gehen pflegte. Es war eine Stunde nach Mitter- 

nacht. Er legte eine Aktenmappe auf den Tisch, blieb vor mir stehen 

und fragte: 

>Sagen Sie mir die Wahrheit, Sie wis sen es, ist meine Frau treu? - Hat 

sie mich betrogen? Wie oft? Mit wem?< 

Eine schwierige Situation, Sie begreifen. Es gehort zu den Gesetzen 

der Ritterlichkeit, eine Frau nicht zu verraten. Aufterdem hatte ich ein 

paarmal gesehen, daft sich der Zorn verliebter Manner nicht gegen die 

betriigerischen Frauen kehrt, sondern gegen die warnenden und mah- 

nenden Freunde. Ich weifi heute noch nicht, welche Pflicht die dring- 

lichere ist: die Frau zu schonen oder dem Freund die Wahrheit zu 

sagen. Im Lauf meiner langen Praxis als Frauenarzt bin ich zwar sozu- 

sagen immer ritterlicher geworden, das heiftt, ich habe Ubung bekom- 

men in der riicksichtsvollen Behandlung der Frauen; aber auch immer 

riicksichtsloser in der Beurteilung dieses schwachen Geschlechts, des- 

sen Kraften wir niemals gewachsen sein werden. Es war mein bester, 

mein einziger Freund. Ich sah ihn an, ich erhob mich auch nicht und 

sagte ruhig: 

>Ihre Frau hat Sie oft betrogen. < 

Er setzte sich, kehrte die Aktentasche um und leerte auf meinem Tisch 

ihren Inhalt aus: Militarschleifen, Kokarden, Edelweift, Metallknopfe, 

Spiegelchen, lauter Zeug, wie es die Soldaten den Madchen wahrend 

des Krieges zu schenken pflegten. 

Schlieftlich gab's auch Liebesbriefe, kleine, grofie, einfache, bunte 

Kartchen und blaue Feldpostkarten. Mein Freund stand da und starrte 

auf den bunten Haufen. Dann sah er mich lange an und fragte: 

>Warum haben Sie mir nichts gesagt?< 

>Das war nicht meine Aufgabe<, erwiderte ich. 



648 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

>So!< schrie er plotzlich, >nicht Ihre Aufgabe! Ich pfeife auf Ihre 

Freundschaft, horen Sie, ich pfeife auf Sie!< 

Er raffte den ganzen Kram in die Aktentasche, schlofi sie, sah mich 

nicht mehr an und verliefi das Haus. 

>Nun hab J ich einen Freund verloren!< sagte ich mir. - Schlimmer, viel 

schlimmer, als wenn man eine Frau verliert. 

Ich hatte noch zwei Wochen Zeit gehabt. Aber ich fuhr schon am 

nachsten Morgen in meinen Kurort. 

Dorthin wurde mir ein aufgeregtes Telegramm der Frau Gwendolin 

nachgeschickt. Auch ihr sollte ich umgehend die Wahrheit sagen: ob 

ihr Mann erkrankt sei, sie wiifite nicht, warum sie plotzlich zu ihm 

kommen musse. 

Ich schickte das Telegramm ohne ein begleitendes Wort meinem 

Freunde zu. 



XI 



Vier Wochen spater kamen beide plotzlich zu mir. Das heifit: Zuerst 
sturzte mein Freund in mein Zimmer. Es hatte sich etwas Furchtbares 
ereignet. In hastigen Satzen erzahlte er: Es hatte eine der ublichen Sze- 
nen gegeben. Die Frau versuchte zu leugnen. Er nannte und zeigte die 
sogenannten >erdriickenden Beweise<. Die Frau entschlofi sich, unter 
Tranen naturlich, nach London fur immer zuriickzufahren. Die Koffer 
waren gepackt, das Billett gekauft. Eine Stunde vor der Abfahrt des 
Zuges kam sie in seine Fabrik. Das bekannte >letzte Lebewohk Selbst- 
verstandlich brachte sie Blumen. Sie glauben gar nicht, welch ein elen- 
der Abklatsch schlechter Romane das Leben ist. Oder: wie Sie gleich 
sehen werden: medizinischer Lehrbiicher. Sie benahm sich merkwiir- 
dig. Sie sank auf die Knie und kiifite meinem Freund die Schuhspitzen. 
Er konnte sich ihrer nicht erwehren. Sie schlug ihn auch ins Gesicht. 
Hierauf fiel sie, steif wie eine Kleiderpuppe, auf den Boden. Man 
konnte sie nicht aufheben. Sie haftete am Teppich wie angelotet. Hier- 
auf verfiel sie in Zuckungen. Man brachte sie nach Hause, man berief 
Arzte, man fuhr mit ihr nach Wien, zu den Koryphaen. Ihr Zustand ist 
beinahe unverandert schlecht, aber innerhalb der Krankheit gibt es 
muntere Abwechslungen. Bald ist ein Arm gelahmt, bald ein Bein. 
Einmal zittert ihr Kopf, ein anderes Mai ein Augenlid. Tagelang kann 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 649 

sie nichts essen, sie erbricht sich beim Anblick von Nahrungsmitteln. 
Ein paarmal mufke man sie auf der Bahre in die Kirche tragen, sie 
wollte beten. Auf den Mann ist sie bose. Ihrer Meinung nach ist er der 
Urheber ihrer Leiden. 

Mein armer Freund hielt sich tatsachlich fur den Schuldigen. >Ich habe 
sie vernichtet<, sagte er. >Meine Schuld! Alles, was sie getan hat: meine 
Schuld! Ich war taub und blind. Junge Frauen lafit man nicht allein. 
Was hatte sie tun sollen, ganze Tage und Nachte, ohne mich? Und wie 
brutal hab' ich mit ihr abgerechnet! Es tat mir ja gar nicht wirklich 
weh! Nur mein elender Stolz war beleidigt. Gekrankte, blode, mannli- 
che Eitelkeit. Kein Doktor kann ihr helfen. Nur Sie, mein Freund! 
Verzeihen Sie mir alles !< 

>Auch ich kann ihr nicht helfen, lieber armer Freund !< sagte ich. >Nur 
sie selber konnte sich helfen, wenn sie wollte. Aber sie ist ja eben 
krank, weil sie sich nicht helfen will. Wir nennen das in der Medizin: 
die Fluent in die Krankheit. Es ist geradezu ein Musterbeispiel fiir 
diese pathologische Erscheinung. Es gibt nur eines: Retten Sie sich 
selbst. Geben Sie Ihre Frau in ein gutes Sanatorium. < 
>Niemals!< schrie er. >Ich verlasse sie niemals.< 
>Gut!< sagte ich. >Wie Sie wollen. Gehn wir zu Ihrer Frau.< 
Sie empfing mich mit einem holden Lacheln, ihren Mann mit einem 
strengen Blick. Keine geniale Schauspielerin hatte das vermocht. Ihr 
rechtes Auge leuchtete mir selig entgegen, ihr linkes sandte finstere 
Blitze gegen meinen Freund. Gestern noch hatten ihre Lider gezuckt. 
Heute konnte sie mir nur die Linke geben, denn die Rechte war steif. 
Die Beine? - Ja, die waren heute gut. - >Stehen Sie auf!< befahl ich in 
dem Ton, in dem ich als Militararzt zu den Soldaten hatte sprechen 
miissen. Sie erhob sich. >Kommen Sie ans Klavier! Wir wollen versu- 
chen zu spielen!< Sie trat ans Klavier. Wir setzten uns. Und nun 
brachte ich meinem Freund ein unerhortes Opfer. Denken Sie: Ich, ich 
spielte - nun, was, glauben Sie, spielte ich? - Wagner! - Und was von 
Wagner? - Den Pilgerchor. - Und ihre rechte Hand bewegte sich. - 
>Wagner ist ein grower Meister!< sagte sie, als wir fertig waren. >Ja, 
gnadige Frau! Als Heilmittel fiir kranke Damen ist er unubertrefflich<, 
erwiderte ich. 

>Sie sind der einzige Arzt in der Welt!< jubelte mein Freund. Denken 
Sie, er hatte gar nicht gemerkt, daft ich zum erstenmal in meinem Le- 
ben Wagner gespielt hatte! 



650 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

So viel vermag eine Frau, und noch mehr! Denn von dieser Stunde an 
liefi sie mir nur ein paar Pausen am Tag, meinem Freund nicht eine 
einzige. Wir safien Tag um Tag, Nacht urn Nacht neben ihr, besser 
gesagt: um sie herum. In den kurzen Pausen, in denen ich allein sein 
durfte beziehungsweise meine anderen Patientinnen behandelte, hatte 
mein Freund kein leichtes Leben. Ich fuhlte, mit welcher Inbrunst er 
mich erwartete. Wenn ich kam, umarmte er mich, blieb mit mir eine 
lange Weile im Vorzimmer, ich wufke genau, wie er sich danach 
sehnte, mit mir allein zu sein, zwei Stunden, einen Abend; und ich 
fuhlte sein Herz klopfen, sein armes, furchtsames Herz, das Herz 
eines Sklaven, den die Herrin drohend erwarten kann, Kamen wir 
dann ins Zimmer, so fragte die Frau regelmafiig: >Was habt ihr so 
lange draufien zu tun? Es ist ja warm! Der Doktor hat ja keinen Man- 
tel! Was habt ihr vor mir fur Geheimnisse? Ach Gott! Immer werde 
ich betrogen!< 

Ich konnte mich nicht enthalten, ihr eines Tages zu antworten: >An 
jeden von uns kommt einmal die Reihe . . .< 

Sie rachte sich an jenem Tage. Ihr linker Fufi erstarrte, erkaltete, und 
ich mufite ihn eine Stunde lang frottieren. 

Mein Freund stand ihr zu Haupten und streichelte ihre Haare. Wir 
sprachen kein Wort. 

Als der linke Fufi beinahe wieder warm geworden war, fragte ich 
meinen Freund: >Und was ist eigentlich mit Ihrer Fabrik?< 
>Fabrik? - Welche Fabrik?< rief die Kranke. 

>Beruhige dich<, sagte der Mann. >Der Doktor meint meine Fabrik. 
Ich habe sie langst verkauft, lieber Freund, wir leben vom Konto.< 
Tag fur Tag wiederholten sich derartige Szenen. Manchmal gingen 
wir alle drei aus. Dann fiihrten wir, nein, wir schleppten geradezu die 
Frau in der Mitte. An unser beider Armen hing sie, die siifie Last. 
Wir afien, tranken und schwiegen. 

Einmal, ich erinnere mich, gingen wir in ein Tanzlokal. Sie wissen, 
dafi ich kein leidenschaftlicher Tanzer bin. Ich hasse jede Art von Ex- 
hibitionismus - und das ist - offen gestanden - der Tanz seit dem 
Ende des Krieges. Da ich aber nun einmal schon, meines Freundes 
wegen, Wagner mit der Frau gespielt hatte, beschloE ich auch, mit ihr 
zu tanzen. Was muE ein Frauenarzt nicht alles! Nun, wir tanzten. 
Mitten im Shimmy fliisterte sie: >Ich liebe dich, Doktor, ich liebe nur 
dich.< - Ich antwortete naturlich nicht. Als wir zum Tisch zuriick- 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 651 

kehrten, sagte ich zu meinem Freunde: >Ihre Frau hat mir eben ihre 

Liebe gestanden. Ich bin der einzige Arzt, den sie liebhat.< 

Ein paar Tage spater, die Saison ging schon zu Ende, riet ich meinem 

Freund, er mochte mit seiner Frau nach England fahren, zu den 

Schwiegereltern, und - wenn er wolle - im nachsten Jahr wieder zu mir 

kommen. 

>Im nachsten Jahr kommen wir als Gesunde zu Ihnen<, sagte er. Und 

sie fuhren nach London. 



XII 

Im nachsten Jahr kamen sie wieder, aber keineswegs als Gesunde. Ich 
spreche in der Mehrzahl: Denn mein Freund war genauso krank wie 
seine Frau. Typhus ist weniger ansteckend als Hysterie, mussen Sie 
wissen. Ein Irrsinniger ist nicht deshalb gefahrlich, weil er seine nor- 
male Umgebung korperlich bedrohen konnte, sondern weil er die Ver- 
nunft seiner normalen Umgebung allmahlich vernichtet. Der Irrsinn in 
dieser Welt ist starker als der gesunde Menschenverstand, die Bosheit 
ist machtiger als die Giite. 

Ich hatte den Winter iiber wenig Nachrichten von meinem Freund 
bekommen. Mein Rat war vielleicht ein schlimmer gewesen. Im Hause 
ihrer Eltern gewann die Bosheit der Frau neue Krafte, es war geradezu 
eine Schmiedeanstalt fur ihre Waff en. Arzte, Hypnotiseure, Gesund- 
beter, Magnetiseure, Pfarrer, alte Weiber: nichts konnte ihr helfen. 
Eines Tages behauptete sie, die Beine nicht mehr bewegen zu konnen. 
Und kennzeichnenderweise war es kurz nach einem Abend, an dem 
ihr Mann - mit seinem Schwiegervater iibrigens - zum erstenmal seit 
dem Ausbruch ihrer Krankheit zu irgendeinem Bankett gegangen war. 
Nun, die Beine waren tatsachlich steif. Kriicken, Holzbeine, Prothesen 
sind beweglicher. Die unbewegten, unbeweglichen Beine magerten ra- 
pide ab, indes der Oberkorper der Frau standig zunahm. Man muftte 
sie im Rollstuhl fahren. Und da sie keinen fremden Menschen um sich 
duldete, muftte sie natiirlich ihr Mann, mein Freund, im Rollstuhl fah- 
ren. Als er wieder zu mir kam, war er alt und grau geworden. Aber, 
schlimmer als dies: Dieser noble Mensch hatte die Haltung und die 
Alluren eines Dieners - was sag' ich: eines Knechtes angenommen. 
Wie ein Rekrut beim Anruf seines Feldwebels, so erstarrte er, wenn 



652 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

seine Frau ihn rief. Ihre Stimme war heiser und zugleich scharfer gewor- 
den. Wie eine sirrende Sage schnitt sie durch die Luft. Dabei hatte sie 
blitzende, lachende, heitere Augen, ein angenehmes Lacheln, rosige 
Wangen, die immer voller wurden, ein Griibchen im Kinn, das immer 
fetter wurde, sie glich einem gelahmten Weihnachtsengel, ohne Fliigel, 
auf armseligen, stockdiinnen, harten, unbeweglichen Beinen. Mein 
Freund aber, wie gesagt, sah aus wie ein Lakai. Ein alter Herrschaftskut- 
scher hatte sich neben ihm wie ein Furst ausgenommen. Mein Freund 
schlich mit schiefen Schultern einher, auf geknickten Beinen, vielleicht 
kam es davon, dafi er ewig den Karren mit seiner siifien Last durch das 
Leben stofien mufite. Ja, verpriigelt - das ist das richtige Wort: verprii- 
gelt sah er aus! Vielleicht schlug sie ihn auch dann und wann. 
Ich fragte ihn, wie es mit der Liebe sei, ich meine, mit der korperlichen. 
Nun, denken Sie: Dieser Mann muftte Nacht fiir Nacht seine Frau 
entkleiden, auf seinen Armen ins Bett tragen und selbstverstandlich 
neben ihr liegen. Er fiirchtete, der Arme, diese Frau wurde ihn noch 
einmal betriigen, wenn er sie nicht liebte. Ja, er schwarmte noch von 
ihrer Schonheit! Mir schwarmte er von ihrer Schonheit vor, der ich 
ihren fett gewordenen Oberkorper und ihre stabdunnen Beine gesehen 
hatte! 

Am starksten plagte ihn ihre Eifersucht. Sie konnte keinen Augenblick 
allein bleiben, sie lehnte Krankenschwestern ab - aus Angst, ihr Mann 
konnte sich in die Schwester verlieben. Aber sie war auch auf mich 
eifersiichtig, auf das Zimmermadchen, den Zimmerkellner, den Hotel- 
portier, den Liftboy. Ins Konzert und ins Cafe und ins Restaurant 
schleppten wir sie beide gemeinsam, wie Zugesel, angeschnallt an den 
Griff ihres elenden, knarrenden Karrens, keuchend durch die schwulen 
Abende, manchmal durch Regen und Wind, einen Schirm haltend iiber 
ihren immer modischen Hut, die Decken unaufhorlich glattend iiber 
ihren steifen Knien. Modistinnen, Naherinnen, Schneiderinnen flatter- 
ten, wie Falter um das Licht, ins Hotel, in dem sie wohnte. Vor jedem 
dritten Schaufenster blieb man stehen. In Juwelierladen lieE sie sich 
rollen, stundenlang suchte sie nach passendem Schmuck. Jeden Vormit- 
tag kam der Friseur ins Haus. Jeden Morgen mufke sie mein Freund ins 
Bad legen. Und wahrend sie im Wasser mit Gummitieren spielte, las er 
ihr aus torichten englischen Gesellschaftsromanen und Magazinen vor. 
Meine Behandlung niitzte gar nichts mehr. Es war, wie wir Arzte sagen, 
kein >Gesundheitswillen< mehr in der Frau, die Psychose war schon 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 653 

allzu heimisch in ihr geworden. Sie lachte mich aus. Ich hatte keine 

Macht mehr iiber sie. 

Niemals gelang es mir, allein mit meinem Freund zu sein. Sie liefi uns 

nicht eine Viertelstunde allein. Ich suchte nach einem Ausweg. Ich 

glaubte schliefilich, einen gefunden zu haben: Da sie aus Eifersucht 

eine Sch wester ablehnte - wie war es da mit einem Warter? Ich kannte 

einen braven jungen Burschen aus unserem Krankenhaus. Ich sprach 

mit ihm, er war einverstanden. Ich brachte ihn zu Frau Gwendolin, er 

gefiel ihr. >Aber nicht jetzt<, sagte sie, >wir werden ihn mitnehmen, 

wenn wir zuriickfahren. Hier mag ich euch beide nicht allein lassen.< 

Dabei blieb es. Kurz vor Saisonende fuhren sie mit dem jungen Warter 

nach London. 

Ich hatte eine kleine Genugtuung: Vielleicht konnte dieser Warter we- 

nigstens in London meinem armen Freund ein paar Atempausen ver- 

schaffen. 

Aber es kam anders! Kaum zwei Monate spater erhielt ich einen kur- 

zen Brief meines Freundes. 

Ich hatte immer recht gehabt, so schrieb er mir, jetzt wisse er es end- 

lich, aber es sei nie zu spat, jetzt wiirde er seine Frau verlassen. Er hatte 

sie bei einer innigen Umarmung mit dem jungen Warter ertappt. Ich 

wiirde bald Naheres horen. 

Aber zwei Jahre vergingen, ich schrieb, ohne Antwort zu erhalten, ich 

horte nichts mehr von meinem lieben Freund. 



XIII 



Eines Tages fuhr ich nach Paris und besuchte mehr aus langer Weile 
denn aus Interesse eines der vielen nachtlichen Lokale auf dem Mont- 
martre, vor deren Turen falsche Kosaken Wache halten und echte 
Amerikaner hereinzulocken versuchen. Miide und fast gekrankt iiber 
meine eigene Dummheit, saE ich da und sah den tanzenden Paaren zu. 
Auf einmal erblickte ich Frau Gwendolin. Sie war es, kein Zweifel! Im 
Arm eines glattgekammten, olig-schwarzhaarigen Gigolos tanzte sie 
einen sogenannten Java. Der Mann konnte kein anderer sein als Laka- 
tos. Das heifk: Lakatos aus Budapest ist ein Typus, keine Personlich- 
keit. Es mufke nicht unbedingt der alte Lakatos von Zimmer 32 sein. 
Plotzlich fiel ihr Blick auf mich. Sie lieft ihren Tanzer stehen, kam an 



654 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

meinen Tisch, gesund, heiter, lachelnd, eine Gottin. Unwillkiirlich 

biickte ich mich, um ihre Beine zu sehn. Gesunde, tadellose Beine in 

hellgrauen seidenen Striimpfen. 

>Sie wundern sich, Doktor, was?< sagte sie. >Ich setzte mich ein bifi- 

chen.< 

Sie setze sich. 

>Wo ist Ihr Mann?< fragte ich. >Warum schreibt er nicht?< 

Zwei grofie, glanzende Tranen erschienen auf Kommando, zwei 

Wachtposten der Trauer, in ihren Augenwinkein. 

>Er ist tot!< sagte sie. >Er hat sich leider umgebracht. Wegen einer 

Dummheit.< 

Sie zog das Taschentuch und gleichzeitig den Spiegel aus dem Hand- 

taschchen. 

>Wann denn?< fragte ich. 

>Vor zwei Jahren!< 

>Und wie lange sind Sie schon gesund?< 

>Anderthalb Jahre!< 

>Und ist das Ihr neuer Mann, mit dem Sie hier sind?< 

>Mein Brautigam, Herr Lakatos, ein Ungar, famoser Tanzer, wie Sie 

vielleicht gesehen haben.< 

Ach, der Bandwurm! dachte ich und rief: >2ahlen!< und bezahlte 

schnell und liefi die Frau sitzen, und ohne von ihr Abschied zu neh- 

men, ging ich hinaus. 

Viele, viele Frauen gingen an mir voriiber, manche lachelten mir zu. 

Lachelt nur, dachte ich, lachelt nur, dreht euch, wiegt euch, kauft euch 

Hiitchen, Striimpfchen, Sachelchen! Rasch naht euch das Alter! Noch 

ein Jahrchen, noch zwei! Kein Chirurg hilft euch, kein Periickenma- 

cher. Entstellt, vergramt, verbittert sinkt ihr bald ins Grab, und noch 

defer, in die Holle. Lachelt nur, lachelt nur! . . .« 



DIE BUSTE DES KAISERS 

Novelle 
1935 

I 

Im friiheren Ostgalizien, im heutigen Polen, sehr feme der einzigen 
Eisenbahnlinie, der Przemysl und Brody verbindet, liegt das Dorfchen 
Lopatyny, von dem ich im Folgenden eine merkwiirdige Geschichte 
zu erzahlen gedenke. 

Mogen die Leser freundlicherweise dem Erzahler nachsehen, dafi er 
den Tatsachen, die er mitzuteilen hat, eine historisch-politische Erlau- 
terung vorausschickt. Die unnatiirlichen Launen, welche die Weltge- 
schichte in der letzten Zeit gezeigt hat, zwingen ihn zu dieser Erlaute- 
rung. 

Denn die Jiingeren unter seinen Lesern bediirfen vielleicht der Erkla- 
rung, dafi ein Teil des Gebietes im Osten, das heute zur polnischen 
Republik gehort, bis zum Ende des grofien Krieges, den man den 
Weltkrieg nennt, eines der vielen Kronlander der alten osterreichisch- 
ungarischen Monarchic gewesen ist. 

In dem Dorfe Lopatyny also lebte der Nachkomme eines alten polni- 
schen Geschlechts, der Graf Franz Xaver Morstin - eines Geschlech- 
tes, das (nebenbei gesagt) aus Italien stammte und im sechzehnten 
Jahrhundert nach Polen gekommen war. Der Graf Morstin hatte als 
junger Mann bei den Neuner-Dragonern gedient. Er betrachtete sich 
weder als einen Polen noch als einen Italiener, weder als einen polni- 
schen Aristokraten noch als einen Aristokraten italienischer Abkunft. 
Nein: Wie so viele seiner Standesgenossen in den friiheren Kronlan- 
dern der osterreichisch-ungarischen Monarchic war er einer der edel- 
sten und reinsten Typen des Osterreichers schlechthin, das heifit also: 
ein ubernationaler Mensch und also ein Adeliger echter Art. Hatte 
man ihn zum Beispiel gefragt - aber wem ware eine so sinnlose Frage 
eingefallen?-, welcher »Nation« oder welchem Volke er sich zugeho- 
rig fuhle: der Graf ware ziemlich verstandnislos, sogar verbliifft vor 
dem Frager geblieben und wahrscheinlich auch gelangweilt und etwas 
indigniert. Nach welchen Anzeichen auch hatte er seine Zugehorigkeit 
zu dieser oder jener Nation bestimmen sollen? - Er sprach fast alle 
europaischen Sprachen gleich gut, er war fast in alien europaischeh 



656 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Landern heimisch, seine Freunde und Verwandten lebten verstreut in 
der weiten und bunten Welt. Ein kleineres Abbild der bunten Welt 
war eben die kaiser- und konigliche Monarchic, und deshalb war sie 
die einzige Heimat des Grafen. Einer seiner Schwager war Bezirks- 
hauptmann in Sarajevo, ein anderer Statthaltereirat in Prag, einer seiner 
Briider diente als Oberleutnant der Artillerie in Bosnien, einer seiner 
Vettern war Botschaftsrat in Paris, ein anderer Grundbesitzer im unga- 
rischen Banat, ein dritter stand in diplomatischen Diensten Italiens, ein 
vierter lebte aus purer Neigung zum Fernen Osten seit Jahren in Pe- 
king. Von Zeit zu Zeit pflegte Franz Xaver seine Verwandten zu besu- 
chen, haufiger naturlich jene, die innerhalb der Monarchic wohnten. 
Es waren, wie er zu sagen pflegte, seine privaten »Inspektionsreisen«. 
Sie waren nicht nur den Verwandten, sondern auch den Freunden zu- 
gedacht, einigen fruheren Mitschulern der Theresianischen Akademie, 
die in Wien lebten. Hier hielt sich der Graf Morstin zweimal im Jahr, 
Sommer und Winter, (zwei Wochen und langer) auf. Wenn er so kreuz 
und quer durch die Mitte seines vielfaltigen Vaterlandes fuhr, so be- 
hagten ihm vor allem jene ganz spezifischen Kennzeichen, die sich in 
ihrer ewig gleichen und dennoch bunten Art an alien Stationen, an 
alien Kiosken, in alien offentlichen Gebauden, Schulen und Kirchen 
aller Kronlander des Reiches wiederholten. Uberall trugen die Gen- 
darmen den gleichen Federhut oder den gleichen lehmfarbenen Helm 
mit goldenem Knauf und dem blinkenden Doppeladler der Habsbur- 
ger; uberall waren die holzernen Turen der k.u.k. Tabaktrafiken mit 
schwarz-gelben Diagonalstreifen bemalt; uberall trugen die Finanzer 
die gleichen griinen (beinahe bliihenden) Portepees an den blanken Sa- 
beln; in jeder Garnison gab es die gleichen blauen Uniformblusen und 
die schwarzen Salonhosen der flanierenden Infanterieoffiziere auf dem 
Korso, die gleichen roten Hosen der Kavalleristen, die gleichen kaffee- 
braunen Rocke der Artillerie; uberall in diesem grofien und bunten 
Reich wurde jeden Abend gleichzeitig, wenn die Uhren von den 
Kirchtiirmen neun schlugen, der gleiche Zapfenstreich geblasen, beste- 
hend aus heiter tonenden Fragen und wehmutigen Antworten. Uberall 
gab es die gleichen Kaffeehauser mit den verrauchten Wolbungen, den 
dunklen Nischen, in denen Schachspieler wie merkwiirdige Vogel 
hockten, mit den Buffets voll farbiger Flaschen und glitzernder Glaser, 
die von goldblonden und vollbusigen Kassiererinnen verwaltet wur- 
den. Fast uberall, in alien Kaffeehausern des Reiches, schlich, die Knie 



DIE BUSTE DES KAISERS 657 

schon etwas zktrig, auf aufwarts gestreckten Fufien, die Serviette im 
Arm, der backenbartige Zahlkellner, femes, demutiges Abbild der al- 
ten Diener Seiner Majestat, des hohen backenbartigen Herrn, dem alle 
Kronlander, all die Gendarmen, all die Finanzer, all die Tabaktrafiken, 
all die Schlagbaume, all die Eisenbahnen, all die Volker gehorten. Und 
man sang in jedem Land andere Lieder; und in jedem Land trugen die 
Bauern eine andere Kleidung; und in jedem Land sprach man eine an- 
dere und einige verschiedene Sprachen. Und was den Grafen so ent- 
ziickte, war das feierliche und gleichzeitig frohliche Schwarz-Gelb, das 
mitten unter den verschiedenen Farben traulich leuchtete; das ebenfalls 
feierliche und heitere »Gott erhalte«, das heimisch war unter alien 
Volksliedern, das ganz besondere, nasale, nachlassige, weiche und an 
die Sprache des Mittelalters erinnernde Deutsch des Osterreichers, das 
immer wieder horbar wurde unter den verschiedenen Idiomen und 
Dialekten der Volker. Wie jeder Osterreicher jener Zeit liebte Morstin 
das Bleibende im unaufhorltch Wandelbaren, das Gewohnte im Wech- 
sel und das Vertraute inmitten des Ungewohnten. So wurde ihm das 
Fremde heimisch, ohne seine Farbe zu verlieren, und so hatte die Hei- 
mat den ewigen Zauber der Fremde. 

In seinem Dorf Lopatyny war der Graf mehr als jede amtliche Instanz, 
die die Bauern und die Juden kannten und fiirchteten, mehr als der 
Richter im nachsten Kreisstadtchen, mehr als der Bezirkshauptmann 
dortselbst, mehr als einer der hoheren Offiziere, die jedes Jahr bei den 
Manovern die Truppen befehligten, Hiitten und Hauser zu Quartieren 
machten und iiberhaupt jene besondere kriegerische Macht des Mano- 
vers reprasentierten, die imposanter ist als die kriegerische Macht im 
wirklichen Krieg. Es schien den Leuten in Lopatyny, dafi ein »Graf« 
nicht etwa nur ein Adelstitel sei, sondern auch ein ganz hoher Amtsti- 
tel. Die Wirklichkeit gab ihnen auch nicht unrecht. Denn der Graf 
Morstin konnte vermoge seines selbstverstandlichen Ansehens Steuern 
erma'Eigen, die kranklichen Sonne mancher Juden vom Militardienst 
befreien, Gnadengesuche befordern, unschuldig oder zu hart Verur- 
teilten die Strafe erleichtern, Fahrpreisermafiigungen fiir Arme auf der 
Eisenbahn durchsetzen, Gendarmen, Polizisten und Beamte, die ihre 
Befugnisse iiberschritten, einer gerechten Strafe zufiihren, Lehramts- 
kandidaten, die auf eine Stellung warteten, zu Gymnasial-Supplenten 
machen, ausgediente Unteroffiziere zu Trafikanten, Geldbrieftragern 
und Telegraphisten, studierende Sonne armer Bauern und Juden zu 



658 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Stipendiaten«. Wie gerne erledigte er dies alles! Er war in der Tat eine 
vom Staat nicht vorgesehene Instanz, die gewifi mehr beschaftigt war 
als die meisten staatlichen Amter, bei denen er vorzusprechen und zu 
vermitteln hatte. Um seinen Pflichten zu geniigen, beschaftigte er zwei 
Sekretare und drei Schreiber. Aufierdem, der Tradition seines Hauses 
getreu, iibte er »herrschaftliche Wohltatigkeit« - wie man im Dorfe 
sagte. Seit mehr als hundert Jahren versammelten sich jeden Freitag vor 
dem Balkon des Hauses Morstin Landstreicher und Bettler aus der 
Gegend, um von den Lakaien in Papier gewickelte Kupfermiinzen ent- 
gegenzunehmen. Gewohnlich erschien der Graf auf dem Balkon und 
begnifite die Armen. Und es war, als dankte er den Bettlern, die ihm 
dankten; als tauschten Geber und Nehmer Dankbarkeit aus. 
Nebenbei gesagt: Es war nicht immer die Gute des Herzens, die alle 
diese Wohltatigkeit gebar, sondern eines jener ungeschriebenen Ge- 
setze so mancher noblen Familien. Ihre Urahnen mochten noch vor 
Jahrhunderten aus purer Liebe zum Volk Wohltaten, Hilfe und Unter- 
stiitzung ausgeiibt haben. Allmahlich aber, im Wandel der Geschlech- 
ter, war diese Gute gewissermafien zu Pflicht und Uberlieferung gefro- 
ren und erstarrt. Im iibrigen war die heftige Hilfsbereitschaft des Gra- 
fen Morstin seine einzige Tatigkeit und seine Zerstreuung. Sie gab sei- 
nem ziemlich miifiigen Leben eines Grandseigneurs, den, zum Unter- 
schied von seinen Nachbarn und Standesgenossen, nicht einmal die 
Jagd interessierte, ein Ziel und einen Inhalt und eine standig wohltu- 
ende Bestatigung seiner Macht. Hatte er diesem eine Tabaktrafik, je- 
nem eine Lizenz, dem dritten einen Posten, dem vierten eine Audienz 
verschafft, so fuhlte er sein Gewissen, aber auch seinen Stolz befrie- 
digt. Mifilang ihm aber eine Vermittlung fur den und jenen seiner 
Schutzbefohlenen, so war sein Gewissen unruhig und sein Stolz ver- 
letzt. Und er gab nicht nach, und er appellierte an alle Instanzen, bis er 
seinen Willen, das heifit: den seiner Protektionskinder, durchgesetzt 
hatte. Deswegen liebte und verehrte ihn die Bevolkerung. Denn das 
Volk hat keine richtige Vorstellung von den Beweggriinden, die einen 
machtigen Mann dazu fiihren, den Kleinen und Ohnmachtigen zu hel- 
fen. Es will einfach einen »guten Herrn« sehn - und es ist oft edelmiiti- 
ger in seinem kindlichen Vertrauen zum Machtigen als dieser, in dem 
es immer glaubig den Edelmiitigen sieht. Es ist der tiefste und edelste 
Wunsch des Volkes, den Machtigen gerecht und adelig zu wissen. 
Darum racht es sich so grausam, wenn die Herren es enttauschen - 



DIE BUSTE DES KAISERS 659 

einem Kinde gleich, das zum Beispiel seine Spielzeuglokomotive voll- 
ends zerbricht, wenn sie einmal versagt hat. Deshalb gebe man dem 
Volk stabile Spielzeuge wie den Kindern und gerechte Machtige. 
Derlei Erwagungen hatte der Graf Morstin gewifi nicht, wenn er Pro- 
tektion, Giite und Gerechtigkeit iibte. Aber diese Erwagungen, die 
vielleicht den und jenen seiner Vorfahren zur Ausiibung der Giite, 
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gefuhrt hatten, wirkten lebendig im 
Blut - oder, wie man heutzutage sagt: im »Unterbewufitsein« des En- 
kels. 

Und ebenso wie er den Schwacheren zu heifen sich verpflichtet fuhlte, 
ebenso empfand er Hochachtung, Respekt und Gehorsam gegeniiber 
denjenigen, die hohergestellt waren als er. Die Person Seiner kaiser- 
und koniglichen Majestat, der er gedient hatte, war fur ihn immer eine 
aufierhalb alles Gewohnlichen bleibende Erscheinung. Es ware dem 
Graf en zum Beispiel unmoglich gewesen, den Kaiser als einen Men- 
schen schlechthin zu sehn. Der Glaube an die iiberlieferte Hierarchie 
war so sefihaft und stark in der Seele Franz Xavers, dafi er den Kaiser 
nicht etwa wegen seiner menschlichen, sondern wegen seiner kaiserli- 
chen Eigenschaften liebte. Er gab jeden Verkehr mit Freunden, Be- 
kannten und Verwandten auf, wenn sie in seiner Anwesenheit ein sei- 
ner Ansicht nach respektloses Wort uber den Kaiser fallenliefien. Viel- 
leicht ahnte er damals schon, lange vor dem Untergang der Monarchic, 
dafi leichtfertige Witze todlicher sein konnen als die Attentate der Ver- 
brecher und die feierlichen Reden ehrgeiziger und rebellischer Welt- 
verbesserer. Dann hatte allerdings die Weltgeschichte den Ahnungen 
des Graf en Morstin recht gegeben. Denn die alte osterreichisch-unga- 
rische Monarchie starb keineswegs an dem hohlen Pathos der Revolu- 
tionare, sondern an der ironischen Unglaubigkeit derer, die ihre glau- 
bigen Stiitzen hatten sein sollen. 



II 

Eines Tages, es war ein paar Jahre vor dem grofien Krieg, den man den 
Weltkrieg nennt, wurde dem Grafen Morstin »vertraulich« mitgeteilt, 
dafi die nachsten Kaisermanover in Lopatyny und Umgebung stattfin- 
den wiirden. Ein paar Tage, eine Woche oder langer, so lite der Kaiser 
in seinem Hause wohnen. Und Morstin geriet in eine wahre Auf re- 



660 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gung, fuhr zum Bezirkshauptmann, verhandelte mit den zivilen politi- 
schen Behorden und den Gemeindebehorden des nachsten Stadtchens, 
lieft den Polizisten und Nachtwachtern der ganzen Umgebung neue 
Uniformen und Sabel anschaffen, unterhielt sich mit den Geistlichen 
aller drei Konfessionen, dem griechisch-katholischen und dem ro- 
misch-katholischen Pfarrer und dem Rabbiner der Juden, schrieb dem 
ruthenischen Biirgermeister des Stadtchens eine Rede auf, die dieser 
nicht lesen konnte, aber mit Hilfe des Lehrers auswendig lernen 
mufite, kaufte weifie Kleidchen fiir die kleinen Madchen des Dorfes, 
alarmierte die Kommandanten der umliegenden Regimenter und all 
das »im Vertrauen« - dermafien, dafi man im Vorfriihling schon, lange 
noch vor den Manovern, weit und breit in der Gegend wufite, dafi der 
Kaiser selbst zu den Manovern kommen wiirde. Um jene Zeit war der 
Graf Morstin nicht mehr jung, friih ergraut und hager, Junggeselle, ein 
Hagestolz, etwas seltsam in den Augen seiner robusteren Standesge- 
nossen, ein wenig »komisch« und »wie aus einer anderen Welt«. Nie- 
mals hatte man in der Gegend eine Frau in seiner Nahe gesehn. Nie- 
mals auch hatte er den Versuch gemacht, sich zu verheiraten. Niemals 
hatte man ihn trinken gesehn, niemals spielen, niemals lieben. Er hatte 
keine andere sichtbare Leidenschaft als die, die »Nationalitatenfrage« 
zu bekampfen. Um jene Zeit begann namlich in der Monarchic diese 
sogenannte »Nationalitatenfrage« heftig zu werden. Alle Leute be- 
kannten sich - ob sie wollten oder so tun mufiten, als wollten sie - zu 
irgendeiner der vielen Nationen, die es auf dem Gebiete der alten 
Monarchic gab. Man hatte im neunzehnten Jahrhundert bekanntlich 
entdeckt, dafi jedes Individuum einer bestimmten Nation oder Rasse 
angehoren miisse, wollte es wirklich als burgerliches Individuum aner- 
kannt werden. »Von der Humanitat durch Nationalist zur Bestiali- 
tat«, hatte der osterreichische Dichter Grillparzer gesagt. Man begann 
just damals mit der »Nationalitat«, der Vorstufe zu jener Bestialitat, 
die wir heute erleben. Nationale Gesinnung: Man sah um jene Zeit 
deutlich, dafi sie der vulgaren Gemutsart all jener entsprang und ent- 
sprach, die den vulgarsten Stand einer neuzeitlichen Nation ausma- 
chen. Es waren Photographen gewohnlich, im Nebenberuf bei der 
freiwilligen Feuerwehr, sogenannte Kunstmaler, die aus Mangel an Ta- 
lent in der Akademie der bildenden Kiinste keine Heimat gefunden 
hatten und infoigedessen Schildermaler oder Tapezierer geworden wa- 
ren, unzufriedene Volksschullehrer, die gerne Mittelschullehrer, Apo- 



DIE BUSTE DES KAISERS 66l 

thekergehilfen, die gerne Doktoren geworden waren, Dentisten, die 
nicht Zahnarzte werden konnten, niedere Post- und Eisenbahnbeamte, 
Bankdiener, Forster und iiberhaupt innerhalb jeder der osterreichi- 
schen Nationen all jene, die einen vergeblichen Anspruch auf ein unbe- 
schranktes Ansehen innerhalb der biirgerlichen Gesellschaft erhoben. 
Allmahlich gaben auch die sogenannten hoheren Stande nach. Und all 
die Menschen, die niemals etwas anderes gewesen waren als Osterrei- 
cher, in Tarnopol, in Sarajevo, in Wien, in Briinn, in Prag, in Czerno- 
witz, in Oderburg, in Troppau, niemals etwas anderes als Osterrei- 
cher: sie begannen nun, der »Forderung der Zeit« gehorchend, sich zur 
polnischen, tschechischen, ukrainischen, deutschen, rumanischen, slo- 
wenischen, kroatischen »Nation« zu bekennen - und so weiter. 
Um diese Zeit ungefahr wurde auch das »allgemeine, geheime und di- 
rekte Wahlrecht« in der Monarchic eingefiihrt. Graf Morstin hafke es, 
ebenso wie die moderne Auffassung von der »Nation«. Dem judischen 
Schankwirt Salomon Piniowsky, dem einzigen Menschen weit und 
breit, dem er einigermaflen Vernunft zutraute, pflegte er zu sagen: 
»H6r mich an, Salomon! Dieser ekelhafte Darwin, der da sagt, die 
Menschen stammten von den Affen ab, scheint doch recht zu haben. 
Es geniigt den Menschen nicht mehr, in Volker geteilt zu sein, nein! - 
sie wollen bestimmten Nationen angehoren. National - horst du, Salo- 
mon?! - Auf solch eine Idee kommen selbst die Affen nicht. Die Theo- 
rie von Darwin scheint mir noch unvollstandig. Vielleicht stammen 
aber die Affen von den Nationalisten ab, denn die Affen bedeuten 
einen Fortschritt. Du kennst die Bibel, Salomon, du weifk, daft da ge- 
schrieben stent, dafi Gott am sechsten Tag den Menschen geschaffen 
hat, nicht den nationalen Menschen. Nicht wahr, Salomon?^ 
»Ganz recht, Herr Graf!« sagte der Jude Salomon. 
»Aber«, fuhr der Graf fort, »etwas anderes: Wir haben diesen Sommer 
den Kaiser zu erwarten. Ich werde dir Geld geben. Du wirst deinen 
Laden ausschmiicken und das Fenster illuminieren. Du wirst das Kai- 
serbild saubern und es ins Fenster stellen. Ich werde dir eine schwarz- 
gelbe Fahne mit Doppeladler schenken, die wirst du vom Dach flattern 
lassen. Verstanden?« 

Ja, der Jude Salomon Piniowsky verstand, wie ubrigens alle, mit denen 
der Graf von der Ankunft des Kaisers gesprochen hatte. 



662 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

III 

Im Sommer fanden die Kaisermanover statt, und Seine kaiser- und ko- 

nigliche Apostolische Majestat nahm Aufenthalt im Schlofi des Grafen 

Mors tin. Man sah den Kaiser jeden Morgen, wenn er ausritt, die 

Ubungen zu besichtigen, und die Bauern und die jiidischen Handler 

aus der Umgebung versammelten sich, um ihn zu sehn, den Alten, der 

sie regierte. Und sobald er mit seiner Suite erschien, riefen sie: Hoch 

und Hurra und niech zyje - jeder in seiner Sprache. 

Einige Tage nach der Abreise des Kaisers meldete sich beim Grafen 

Morstin der Sohn eines Bauern aus der Umgebung. Dieser junge 

Mensch, der den Ehrgeiz besafi, ein Bildhauer zu werden, hatte eine 

Biiste des Kaisers aus Sandstein verfertigt. Der Graf Morstin war be- 

geistert. Er versprach, dem jungen Bildhauer eine freie Stelle an der 

Akademie der Kiinste in Wien zu verschaffen. 

Die Biiste des Kaisers liefi er vor dem Eingang zu seinem Schlofichen 

aufstellen. 

Hier blieb sie jahrelang, bis zum Ausbruch des grofien Krieges, den 

man den Weltkrieg nennt. 

Bevor er freiwillig einriickte, alt, hager, kahlkopfig und hohlaugig, wie 

er im Lauf e der Jahre geworden war, liefi der Graf Morstin die Kaiser- 

biiste abnehmen, in Stroh verpacken und im Keller verbergen. 

Dort ruhte sie nun, bis zum Ende des Krieges und der Monarchic, der 

Heimkehr des Grafen Morstin und der Errichtung der neuen polni- 

schen Republik. 



IV 

Der Graf Franz Xaver Morstin war also heimgekehrt. Aber konnte 
man das eine Heimkehr nennen? GewiE, es waren noch die gleichen 
Felder, die gleichen Walder, die gleichen Hiitten, die gleiche Art der 
Bauern - die gleiche Art, sagen wir-, denn viele von jenen, die der 
Graf noch gekannt hatte, waren gef alien. 

Es war Winter, man fiihlte schon die nahenden Weihnachten. Wie im- 
mer um diese Zeit, wie einst lange noch vor dem Krieg, war die Lopa- 
tinka gefroren, auf den nackten Kastanien hockten reglos die Krahen, 
und uber die Felder, auf die die westlichen Fenster des Hauses gingen, 



DIE BUSTE DES KAISERS 66} 

wehte der ewige sachte Wind des ostlichen Winters. Es gab (infolge des 
Krieges) Witwen und Waisen im Dorf ; genug Material fur die Wohlta- 
tigkeit des heimgekehrten Herrn. Aber statt die Heimat Lopatyny als 
wiedergefundene Heimat zu begriiften, begann der Graf Morstin, sich 
ratselhaften und ungewohnten Uberlegungen iiber das Problem der 
Heimat iiberhaupt hinzugeben. Nunmehr, dachte er sich, da dieses 
Dorf Polen gehort und nicht Osterreich: 1st es noch meine Heimat? 
Was ist iiberhaupt Heimat? 1st die bestimmte Uniform des Gendarmen 
und des Zollwachters, der uns in unserer Kindheit begegnet ist, nicht 
ebenso Heimat wie die Fichte und die Tanne, der Sumpf und die 
Wiese, die Wo Ike und der Bach? Verandern sich aber Gendarmen und 
Finanzwachter und bleiben auch Fichte und Tanne und Bach und 
Sumpf das gleiche: Ist das noch Heimat? War ich nicht - fragte sich der 
Graf weiter - nur deshalb heimisch in diesem Ort, weil er einem Herrn 
gehorte, dem ebenso viele unzahlige andersartige Orter gehorten, die 
ich liebte? Kein Zweifel! Die unnatiirliche Laune der Weltgeschichte 
hat auch meine private Freude an dem, was ich Heimat nannte, zer- 
stort. Jetzt sprechen sie ringsherum und allerorten vom neuen Vater- 
land. In ihren Augen bin ich ein sogenannter Vaterlandsloser. Ich bin 
es immer gewesen. Ach! Es gab einmal ein Vaterland, ein echtes, nam- 
lich eines fur die »Vaterlandslosen«, das einzig mogliche Vaterland. 
Das war die alte Monarchic Nun bin ich ein Heimatloser, der die 
wahre Heimat der ewigen Wanderer verloren hat. 
In der triigerischen Hoffnung, aufierhalb des Landes diesen Zustand 
vergessen zu konnen, beschloft der Graf, ehestens zu verreisen. Doch 
erfuhr er zu seinem Erstaunen, daft man eines Passes und einiger soge- 
nannter Visen bedurfte, um in die Lander zu gelangen, die er zu seinen 
Reisezielen erwahlt hatte. Schon war er alt genug, um Paft und Visen 
und all die Formalitaten, welche die ehernen Gesetze des Verkehrs 
zwischen Mensch und Mensch nach dem Kriege geworden waren, fur 
phantastische und kindliche Traume zu halten. Aber ergeben in das 
Schicksal, den Rest seines Lebens in einem wiisten Traum zu verbrin- 
gen, und dennoch in der Hoffnung, drauften, in andern Landern, einen 
Teil jener alten Wirklichkeit zu finden, in der er vor dem Kriege gelebt 
hatte, fiigte er sich den Anforderungen der gespenstischen Welt, nahm 
einen Paft, besorgte sich Visen und fuhr zuerst in die Schweiz, in das 
Land, von dem er glaubte, daft in ihm allein noch der alte Friede zu 
finden ware, einfach weil es nicht den Krieg mitgemacht hatte. 



664 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Nun, er kannte die Stadt Zurich seit vielen Jahren. Wohl an die zwolf 
Jahre hatte er sie nicht mehr gesehn. Er glaubte, daft sie ihm nichts 
Besonderes zu geben haben wiirde, weder Gutes noch Boses. Sein Ein- 
druck entsprach der nicht ganz unberechtigten Meinung der etwas ver- 
wohnteren, um nicht zu sagen, abenteuersiichtigeren Welt liber die 
braven Stadte der braven Schweiz. Was sollte sich schon in ihnen ereig- 
nen konnen? Immerhin: Firr einen Mann, der aus dem Krieg und aus 
dem Osten der friiheren osterreichischen Monarchic kam, war die 
Friedlichkeit einer Stadt, die lediglich die vor dem Kriege Gefluchteten 
gekannt hatte, bereits so etwas wie ein Abenteuer. Franz Xaver Mor- 
stin ergab sich in diesen Tagen der langentbehrten Friedlichkeit. Er afi, 
trank und schlief. 

Eines Tages aber ereignete sich jener hafiliche Vorfall in einer nachtli- 
chen Bar in Zurich, der den Grafen Morstin in der Folge zwang, sofort 
das Land zu verlassen. 

In jener Zeit war in den Zeitungen aller Lander oftmals die Rede von 
einem reichen Bankier gewesen, der nicht nur den grofiten Teil der 
habsburgischen Kronjuwelen als Pfander gegen ein Darlehen an die 
kaiserliche Familie Osterreichs genommen haben sollte, sondern auch 
die alte Krone der Habsburger. Kein Zweifel, dafi diese Nachrichten 
den Mundern und Federn der leichtfertigen Kundschafter entstamm- 
ten, die man Journalisten nennt; und mochte vielleicht auch die Nach- 
richt, dafi ein bestimmter Teil des Vermogens der kaiserlichen Familie 
in die Hande eines gewissenlosen Bankiers geraten sei, wahr sein, so 
gewifS doch nicht die alte Krone der Habsburger, wie Franz Xaver 
Morstin zu wissen glaubte. 

Nun gelangte er eines Nachts in eine der wenigen und nur Kennern 
zuganglichen nachtlichen Bars der sittsamen Stadt Zurich, in der, wie 
man weifl, die Prostitution verboten ist, die Sittenlosigkeit verpont 
und die Siinde ebenso langweilig wie kostspielig. Nicht etwa, dafi der 
Graf nach ihr gesucht hatte! Nein: Die pure Friedlichkeit hatte begon- 
nen, ihn zu langweilen und ihm schlaflose Nachte zu bereiten, und er 
hatte beschlossen, die Nachte sei es wo immer zu verbringen. 
Er begann zu trinken. Er saft in einem der wenigen friedlichen Winkel, 
die es in diesem Lokal gab. Zwar storten ihn die amerikanischen neu- 
modischen, rotlichen Lampchen, das hygienische Weifi des Barmixers, 
der an einen Operateur erinnerte, das kiinstliche Blondhaar der Mad- 
chen, das die Assoziation an Apotheken unmittelbar wachrief : Aber 



DIE BUSTE DES KAISERS 665 

woran war er nicht schon alles gewohnt, der arme, alte Osterreicher? 
Immerhin schrak er aus der Ruhe auf, die er sich selbst miihsam in 
dieser Umgebung abgerungen hatte, als er eine knarrende Stimme ru- 
fen horte: »Und hier, meine Damen und Herren, ist die Krone der 
Habsburger!« 

Franz Xaver erhob sich. Er sah in der Mitte der langlichen Bar eine 
grofiere, heitere Gesellschaft. Sein erster Blick verriet ihm, dafi alle 
Typen, die er hafite, obwohl er bis jetzt keinem einzigen ihrer Vertre- 
ter naher begegnet war, an jenem Tisch vertreten waren: blondgefarbte 
Frauen in kurzen Rocken und mit schamlosen (ubrigens hafilichen) 
Knien, schlanke und biegsame Jiinglinge von olivenfarbenem Teint, 
lachelnd mit tadellosen Zahnen wie die Propagandabiisten mancher 
Dentisten, gefiigig, tanzerisch, feige, elegant und lauernd, eine Art tiik- 
kischer Barbiere; altere Herren mit sorgfaltig, aber vergeblich ver- 
heimlichten Bauchen und Glatzen, gutmutig, geil, jovial und krumm- 
beinig, kurz und gut: eine Auslese jener Art von Menschen, die das 
Erbe der untergegangenen Welt vorlaufig verwalteten, um es ein paar 
Jahre spater an die noch moderneren und morderischen Erben mit Ge- 
winn abzugeben. 

An jenem Tisch erhob sich nun einer der altlichen Herren, schwenkte 
zuerst eine Krone in der Hand, setzte sie sich dann auf den kahlen 
Kopf, ging um den Tisch, trat in die Mitte der Bar, tanzelte, wackelte 
mit dem Kopf und mit der auf ihm sitzenden Krone und sang dabei 
nach der Melodie eines um jene Zeit popularen Schlagers: 

»Die heilige Krone tragt man so!« 
Franz Xaver verstand zuerst keineswegs den Sinn dieses widerlichen 
Spektakels. Er empfand nur, dafi die Gesellschaft aus wiirdelosen 
Greisen (betort von kurzgeschiirzten Mannequins) bestand, aus Stu- 
benmadchen, die ihren freien Tag feierten, aus Bardamen, die den Er- 
los fur den Champagner und den eigenen Korper mit den Kellnern 
teilten, aus nichtsnutzigen Stutzern, die mit Frauen und Devisen han- 
delten, breit wattierte Schultern trugen und flatternde Hosen, die wie 
Weiberrocke aussahen, ekelhaften Maklern, die Hauser, Laden, Staats- 
biirgerschaften, Reisepasse, Konzessionen, gute Ehepartien, Tauf- 
scheine, Glaubensbekenntnisse, Adelstitel, Adoptionen, Bordelle und 
geschmuggelte Zigaretten vermittelten. Es war die Gesellschaft, die in 
alien Hauptstadten der allgemein besiegten europaischen Welt, unwi- 
derruflich entschlossen, vom Leichenfrafi zu leben, mit satten und 



666 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dennoch unersattlichen Maulern das Vergangene lasterte, die Gegen- 
wart ausbeutete und das Zukiinftige preisend verkiindete. Dies waren 
nach dem Weltkrieg die Herren der Welt. Der Graf Mors tin kam sich 
selbst wie sein eigener Leichnam vor. Auf seinem Grab tanzten jene 
nun. Um den Sieg dieser Menschen vorzubereiten, waren Hunderttau- 
sende unter Qualen gestorben - und Hunderte durchaus ehriicher Sit- 
tenprediger hatten den Untergang der alten Monarchic vorbereitet, ih- 
ren Zerfall herbeigesehnt und die Befreiung der Nationen! Nun aber, 
siehe da: Auf dem Grabe der alten Welt und rings um die Wiegen der 
neugeborenen Nationen und Sezessionsstaaten tanzten die Gespenster 
der nachtlichen American Bar. 

Morstin riickte naher, um besser zu sehn. Die schattenhafte Natur die- 
ser wohlgenahrten, fleischlichen Gespenster weckte seine Neugier. 
Und er erkannte auf dem kahlen Schadel des krummbeinigen tanzeln- 
den Mannes das Abbild - gewifi war es das Abbild - der Stephans- 
krone. Der Kellner, beflissen, seinen Gasten alles Bemerkenswerte 
mitzuteilen, kam zu Franz Xaver und sagte: »Das ist der Bankier Wa- 
lakin, ein Russe. Er behauptet, alle Kronen der entthronten Monar- 
chen zu besitzen. Jeden Abend kommt er mit einer anderen. Gestern 
war's die Zarenkrone. Heute ist es die Stephanskrone.« 
Der Graf Morstin fuhlte sein Herz stocken, eine Sekunde nur. In die- 
ser einzigen Sekunde aber - es schien ihm spater, dafi sie zumindest 
eine Stunde gedauert hatte - erlebte er eine vollige Verwandlung seiner 
selbst. Es war, als wiichse in seinem Innern ein ihm unbekannter, er- 
schreckender, fremder Morstin, stieg und wuchs, breitete sich aus, 
nahm Besitz vom Korper des alten, wohlbekannten und, weiter noch, 
vom ganzen Raum der American Bar. Nie in seinem Leben, seit seiner 
Kindheit nicht, hatte Franz Xaver Morstin den Zorn gekannt. Er besafi 
ein weiches Gemiit, und die Geborgenheit, die ihm sein Stand, seine 
Wohlhabenheit, der Glanz seines Namens, seine Bedeutung sicherten, 
hatte ihn bis jetzt gleichsam abgeschlossen von aller Roheit dieser 
Welt, vor jeder Begegnung mit ihrer Niedrigkeit. Gewift hatte er sonst 
den Zorn friiher kennengelernt. Es war, als fuhlte er selbst in dieser 
einzigen Sekunde, in der sich seine Verwandlung vollzog, daft sich, 
lange schon vor ihm, die Welt verwandelt hatte. Es war, als erfuhre er 
jetzt, dafi die eigene Verwandlung lediglich eine notwendige Folge der 
allgemeinen Verwandlung war. Viel grofier noch als der ihm unbe- 
kannte Zorn, der jetzt in ihm aufstieg und wuchs und iiber die Gren- 



DIE BUSTE DES KAISERS 667 

zen seiner Personlichkeit schaumte, mufite die Gemeinheit gewachsen 
sein, die Gemeinheit dieser Welt, die Niedertracht, die sich so lange 
geduckt hatte und verborgen unter dem Kleide der schmeichelnden 
»Loyalitat« und der sklavischen Untertanigkeit. Es war, als erfiihre er, 
der alien Menschen, ohne sie zu priifen, von vornherein die selbstver- 
standliche Eigenschaft, Anstand zu besitzen, zugetraut hatte, in dieser 
Sekunde erst den Irrtum seines Lebens, den Irrtum jedes noblen Her- 
zens: namlich den, Kredit zu gewahren, schrankenlosen Kredit. Und 
seine plotzliche Erkenntnis erfiillte ihn mit jener vornehmen Scham, 
die eine treue Schwester des vornehmen Zornes ist. Im Anblick der 
Niedrigkeit scham t sich der Vornehme doppelt: einmal, weil allein 
schon ihre Existenz ihn beschamt, dann auch, weil er sofort einsieht, 
dafi sein Herz betort wurde. Er kommt sich betrogen vor - und sein 
Stolz rebelliert dagegen, da8 man sein Herz hatte betriigen konnen. 
Er war nicht mehr imstande, zu messen, zu wagen und zu iiberlegen. 
Es schien ihm, dafi kaum irgendeine Art der Gewalttatigkeit bestialisch 
genug sein konnte, die Niedrigkeit jenes Mannes, der mit den Kronen 
auf dem kahlen Schadel eines Maklers tanzte, jeden Abend mit einer 
anderen, zu strafen und zu rachen. Ein Grammophon grolte das Lied 
vom »Hans, der was mit dem Knie macht« ; die Barmadchen kreisch- 
ten; die jungen Manner klatschten in die Hande; der Barmann, ganz in 
chirurgischem Wei£, klirrte mit Glasern, Loffeln, Flaschen, schiittete 
und mixte, braute und zauberte aus metallenen Gefaften die geheimnis- 
vollen Zaubertranke der neuen Zeit, schepperte, rasselte und blickte 
von Zeit zu Zeit mit einem wohlwollenden Aug', das zugleich schon 
den Konsum kalkulierte, auf das Schauspiel des Bankiers. Die rotli- 
chen Lampchen zitterten bei jedem stampfenden Schritt des Glatzkop- 
figen. Das Licht, das Grammophon, die Gerausche, die der Mixer ver- 
ursachte, das Gurren und Kreischen der Frauen versetzten den Grafen 
Morstin in eine verwunderliche Raserei. Es geschah das Unglaubliche: 
Er wurde zum erstenmal in seinem Leben lacherlich und kindisch. Er 
bewaffnete sich mit der halbgeleerten Sektflasche und mit einem 
blauen Siphon, trat nahe an die Fremden heran; wahrend er mit der 
Linken das Sodawasser gegen die Tischgesellschaft verspritzte, als galte 
es, einen haElichen Brand zu loschen, hieb er mit der Rechten die Fla- 
sche gegen den Kopf des Tanzers. Der Bankier fiel zu Boden. Die 
Krone fiel ihm vom Kopf. Und wahrend sich der Graf blickte, um sie 
aufzuheben, als galte es, eine wirkliche Krone und alles, was sie dar- 



66% ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

stellte, zu retten, sturzten sich iiber ihn Kellner, Madchen und Stutzer. 
Betaubt von dem starken Parfiim der Madchen, den Schlagen der jun- 
gen Manner, wurde der Graf Morstin schliefilich auf die Strafie ge- 
bracht. Dort, vor der Tiir der American Bar, prasentierte ihm der be- 
flissene Kellner die Rechnung, auf silbernem Tablett, unter freiem 
Himmel, sozusagen in Anwesenheit aller gleichgiiltigen, fernen Sterne: 
Denn es war eine heitere Winternacht. 
Am nachsten Tag kehrte der Graf nach Lopatyny zuriick. 



Warum - sagte er sich unterwegs - nicht nach Lopatyny zuriickkeh- 

ren? Da meine Welt endgiiltig besiegt zu sein scheint, habe ich keine 

ganze Heimat mehr. Und es ist besser, ich suche noch die Triimmer 

meiner alten Heimat auf! 

Er dachte an die Buste des Kaisers Franz Joseph, die in seinem Keller 

ruhte, und an den Leichnam dieses seines Kaisers, der langst in der 

Kapuzinergruft lag. 

Ich war immer ein Sonderling - so dachte er weiter - in meinem Dorfe 

und in der Umgebung. Ich werde ein Sonderling bleiben. 

Er telegraphierte an seinen Hausverwalter den Tag seiner Ankunft. 

Und als er ankam, erwartete man ihn, wie immer, wie in friiheren Zei- 

ten, als hatte es keinen Krieg gegeben, keine Auflosung der Monarchic, 

keine neue polnische Republik. 

Denn es ist einer der grofiten Irrtumer der neuen - oder, wie sie sich 

gerne nennen: modernen - Staatsmanner, dafl das Volk (die »Nation«) 

sich ebenso leidenschaftlich fur die Weltpolitik interessiert wie sie sel- 

ber. 

Das Volk lebt keineswegs von der Weltpolitik - und unterscheidet sich 

dadurch angenehm von den Politikern. Das Volk lebt von der Erde, 

die es bebaut, vom Handel, den es treibt, vom Handwerk, das es ver- 

steht. (Es wahlt trotzdem bei den offentlichen Wahlen, es stirbt in den 

Kriegen, es zahlt Steuern den Finanzamtern.) Jedenfalls war es so in 

dem Dorfe des Grafen Morstin, in dem Dorf Lopatyny. Und der 

ganze Weltkrieg und die ganze Veranderung der europaischen Land- 

karte hatten die Gesinnung des Volkes von Lopatyny nicht verandert. 

Wie? - Warum? - Der gesunde Menschenverstand der judischen 



DIE BUSTE DES KAISERS 66$ 

Schankwirte, der ruthenischen und der polnischen Bauern wehrte sich 
gegen die unbegreiflichen Launen der Weltgeschichte. Ihre Launen 
sind abstrakt: die Neigungen und Abneigungen des Volkes aber sind 
konkret. Das Volk von Lopatyny zum Beispiel kannte seit Jahren die 
Grafen Morstin, die Vertreter des Kaisers und des Hauses Habsburg. 
Es kamen neue Gendarmen, und ein Steuersequester ist ein Steuerse- 
quester, und der Graf Morstin ist der Graf Morstin. Unter der Herr- 
schaft der Habsburger waren die Menschen von Lopatyny glucklich 
und ungliicklich gewesen - je nach dem Willen Gottes. Immer gibt es, 
unabhangig von allem Wechsel der Weltgeschichte, von Republik und 
Monarchic, von sogenannter nationaler Selbstandigkek oder soge- 
nannter nationaler Unterdnickung im Leben des Menschen eine gute 
oder eine schlechte Ernte, gesundes und faules Obst, fruchtbares und 
krankliches Vieh, die satte und die magere Weide, den Regen zu Zeit 
und Unzeit, die fruchtbare Sonne und jene, die Diirre und Unheil 
brachte; fur den jiidischen Handler bestand die Welt aus guten und aus 
schlechten Kunden; fiir den Schankwirt aus guten und aus schwachen 
Trinkern; fiir den Handwerker wieder war es wichtig, ob die Leute 
neue Dacher, neue Stiefel, neue Hosen, neue Ofen, neue Schornsteine, 
neue Fasser brauchten oder nicht. So war es wenigstens, wie gesagt, in 
Lopatyny. Und was unsere besondere Meinung betrifft, so geht sie 
dahin, daft sich die ganze grofie Welt gar nicht so sehr von dem kleinen 
Dorfchen Lopatyny unterscheidet, wie es die Volksfuhrer und Politi- 
ker wissen wollen. Nachdem sie Zeitungen gelesen, Reden gehort, Ab- 
geordnete gewahlt, selber mit Freunden die Vorgange in der Welt be- 
sprochen haben, kehren die braven Bauern, Handwerker und Kauf- 
leute - und in den groften Stadten auch die Arbeiter - in ihre Hauser 
und Werkstatten zuriick. Und Kummer oder Gliick erwarten sie zu 
Hause: kranke oder gesunde Kinder, zankische oder friedliche Weiber, 
zahlende oder saumige Kunden, zudringliche oder geduldige Glaubi- 
ger, ein gutes oder ein schlechtes Essen, ein sauberes oder ein schmut- 
ziges Bett. Ja, es ist unsere Uberzeugung, daft sich die einfachen Men- 
schen gar nicht um die Weltgeschichte kummern, mogen sie auch an 
Sonntagen ein langes und breites von ihr reden. Aber dies mag, wie 
gesagt, unsere private Anschauung sein. Wir haben hier lediglich vom 
Dorfe Lopatyny zu berichten. Und dort war es so, wie wir es eben 
beschrieben haben. 
Als der Graf Morstin heimgekehrt war, begab er sich sofort zu Salo- 



670 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mon Piniowsky, dem klugen Juden, bei dem, wie bei keinem zweiten 
Menschen in Lopatyny, die Einfalt und die Klugheit eintrachtig ne- 
beneinander lebten, als waren sie Schwestern. Und der Graf fragte den 
Juden: » Salomon, was halts t du von dieser Erde?« »Herr Graf«, sagte 
Piniowsky, »nicht das geringste mehr. Die Welt ist zugrunde gegan- 
gen, es gibt keinen Kaiser mehr, man wahlt Prasidenten, und das ist so, 
wie wenn ich mir einen tuchtigen Advokaten suche, wenn ich einen 
ProzeE habe. Das ganze Volk wahlt sich also einen Advokaten, der es 
verteidigt. Aber - frage ich, Herr Graf, vor welchem Gericht? - Vor 
dem Gericht anderer Advokaten wiederum. Und hat das Volk selbst 
keinen Prozefi und hat es auch nicht notig, sich zu verteidigen, so wis- 
sen wir doch alle, dafi die Existenz des Advokaten allein uns schon 
Prozesse an den Hals schafft. Und so wird es jetzt fortwahrend Pro- 
zesse geben. Ich habe noch die schwarz-gelbe Fahne, Herr Graf, die 
Sie mir geschenkt haben. Was soil ich mit ihr? Sie liegt auf dem Dach- 
boden. Ich hab' noch das Bild des alten Kaisers. Was soil ich nun? Ich 
lese Zeitungen, ich kummere mich ein bifkhen urns Geschaft, ein bifi- 
chen um die Welt, Herr Graf. Ich weifi, was sie fur Dummheiten ma- 
chen. Aber unsere Bauern haben keine Ahnung. Sie glauben einfach, 
der alte Kaiser hatte neue Uniformen eingefiihrt und Polen befreit. Er 
residiert nicht mehr in Wien, sondern in Warschau.« 
»Lafi sie nur«, sagte der Graf Mors tin. 

Und er ging nach Hause und liefi die Buste des Kaisers Franz Joseph 
aus dem Keller holen, und er stellte sie auf, vor dem Eingang zu seinem 
Haus. 

Und vom nachsten Tage an - als hatte es keinen Krieg ge geben - als 
gabe es keine neue polnische Republik - als ruhte der alte Kaiser nicht 
langst schon in der Kapuzinergruft - als gehorte dieses Dorf Lopatyny 
noch zu dem Gebiet der alten Monarchie: zog jeder Bauer, der des 
Weges vorbeizog, den Hut vor der sandsteinernen Buste des alten Kai- 
sers, und jeder Jude, der mit seinem Packchen vorbeizog, murmelte 
das Gebet, das der fromme Jude zu sagen hat beim Anblick eines Kai- 
sers. Und die unscheinbare Buste, hergestellt in billigem Sandstein, 
von der unbeholfenen Hand eines Bauernjungen, die Buste im alten 
Waffenrock des toten Kaisers, mit Sternen, Abzeichen, goldenem 
Vlies, festgehalten im Stein, so wie das kindliche Auge des Burschen 
den Kaiser gesehen und geliebt hatte, gewann mit der Zeit auch einen 
besonderen, einen ganz eigenen ktinstlerischen Wert - selbst in den 



DIE BUSTE DES KAISERS 6jl 

Augen des Graf en Mors tin. Es war, als wollte der erhabene Gegen- 
stand, je mehr Zeit verging, das Werk, das ihn darstellte, verbessern 
und veredeln. Wind und Wetter arbeiteten, wie mit kiinstlerischem 
Bewufitsein, an dem naiven Stein. Es war, als arbeiteten auch Vereh- 
rung und Erinnerung an diesem Standbild und als veredelte jeder Grufi 
der Bauern, jedes Gebet eines glaubigen Juden bis zu kunstlerischer 
Vollkommenheit das hilflose Werk der jungen Bauernhand. 
So stand das Bild jahrelang vor dem Hause des Graf en Morstin, das 
einzige Denkmal, das es im Dorf Lopatyny jemals gegeben hatte und 
auf das alle Einwohner des Dorfes mit Recht stolz waren. 
Dem Grafen selbst aber, der das Dorf niemals mehr verliefi, bedeutete 
dieses Denkmal mehr: Es gab ihm, verlieft er das Haus, die Vorstel- 
lung, dafi sich nichts geandert hatte. Allmahlich - er wurde fruh alt - 
ertappte er sich von Zeit zu Zeit auf ganz torichten Gedanken. Stun- 
denlang verharrte er - obwohl er ja den gewaltigsten aller Kriege mit- 
gemacht hatte - in der Vorstellung, dieser sei nur ein wuster Traum 
gewesen, und alle Veranderungen, die ihm gefolgt waren, seien noch 
wustere Traume. Zwar sah er, jede Woche fast, daft seine Fursprache 
bei Amtern und Gerichten fur seine Schutzbefohlenen nichts mehr 
nutzte, ja, daft sich neue Beamte iiber ihn lustig machten. Er war eher 
entsetzt als beleidigt. Schon war es allgemein bekannt in dem nachsten 
Stadtchen wie in der Umgebung und auf den Giitern der Nachbarn, 
dafi der »alte Morstin halb verruckt« sei. Man erzahlte sich, daft er zu 
Hause die alte Uniform eines Rittmeisters der Dragoner trage, mit al- 
ien alten Orden und Auszeichnungen. Eines Tages fragte ihn ein Guts- 
besitzer der Umgebung - ein gewisser Graf Walewski - geradeheraus, 
ob es wahr sei. 

»Bis jetzt noch nicht«, erwiderte Morstin, »aber Sie bringen mich auf 
eine gute Idee. Ich werde meine Uniform anziehn- und zwar nicht zu 
Hause. Ich werde sie auch drauften tragen.« 
Und also geschah es auch. 

Von nun an sah man den Grafen Morstin in der Uniform eines oster- 
reichischen Rittmeisters der Dragoner - und die Einwohner verwun- 
derten sich durchaus nicht dariiber. Trat der Rittmeister aus dem 
Hause, so salutierte er vor seinem Allerhochsten Kriegsherrn, vor der 
Biiste des toten Kaisers Franz Joseph. Dann ging er den gewohnten 
Weg zwischen den zwei Tannenwaldchen, die sandige Strafte entlang, 
die zum nachsten Stadtchen fiihrte. Die Bauern, die ihm begegneten, 



672 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zogen die Hiite und sagten: »Gelobt sei Jesus Christus«, und sie fiigten 
noch die Anrede »Herr Graf« dazu - als glaubten sie, der Herr Graf sei 
eine Art naherer Verwandter des Erlosers und zwei Titel waren besser. 
Ach! - seit langem nicht mehr konnte er ihnen helfen, wie er ihnen 
friiher geholfen hatte! Zwar waren die kleinen Bauern immer noch 
ohnmachtig. Er aber, der Herr Graf, war kein Machtiger mehr! - Und 
wie alle, die einst machtig gewesen waren, gait er nunmehr noch weni- 
ger als die Ohnmachtigen: Fast gehorte er schon zu der Kaste der La- 
cherlichen in den Augen der Beamten. Aber das Volk von Lopatyny 
und Umgebung glaubte an ihn, immer noch, wie es an den Kaiser 
Franz Joseph glaubte, dessen Buste es zu griifien pflegte. Den Bauern 
und den Juden von Lopatyny und Umgebung erschien der Graf Mor- 
stin keineswegs lacherlich, sondern ehrfurchtsvoll. Man verehrte seine 
hagere, dlirre Gestalt, sein graues Haar, sein aschfarbenes, verfallenes 
Gesicht, seine Augen, die in eine Weite ohne Grenze zu blicken schie- 
nen; kein Wunder: Sie blickten namlich in die verlorene Vergangen- 
heit. 

Da ereignete es sich eines Tages, dafi der Woiwode von Lwow, das 
friiher Lemberg hiefi, eine Inspektionsreise unternahm und sich aus 
irgendeinem Grunde in Lopatyny aufhalten mufite. Man bezeichnete 
ihm das Haus des Grafen Morstin, zu dem er sich auch sofort auf- 
machte. Zu seinem Erstaunen erblickte er vor dem Hause des Grafen, 
mitten in einem Boskett, die Buste des Kaisers Franz Joseph. Er be- 
trachtete sie lange, beschloft endlich, das Haus zu betreten und den 
Grafen selbst nach dem Sinn dieses Denkmals zu fragen. Aber er er- 
staunte noch mehr - ja, er erschrak beim Anblick des Grafen Morstin, 
der dem Woiwoden in der Uniform eines osterreichischen Rittmeisters 
der Dragoner entgegenkam. Der Woiwode war selbst ein »Kleinpole«, 
dafi heifit: Er stammte aus dem fruheren Galizien. Er selbst hatte in der 
osterreichischen Armee gedient. Der Graf Morstin erschien ihm wie 
ein Gespenst aus einem fur ihn, den Woiwoden, langst abgelaufenen 
Kapitel der Geschichte. 

Er bezwang sich und fragte vorerst gar nicht. Dann aber, als sie bei 
Tisch safien, begann er, sich vorsichtig nach dem Denkmal des Kaisers 
zu erkundigen. - »Ja«, sagte der Graf, als ob es gar keine neue Welt 
gabe, »Seine hochselige Majestat war acht Tage hier. Ein sehr begabter 
Bauernjunge hat die Biiste gemacht. Sie hat immer hier gestanden. So- 
lange ich lebe, wird sie hier stehen.« " 



DIE BUSTE DES KAISERS 6j} 

Der Woiwode verschwieg den Entschlufi, den er eben gefafit hatte, 

und sagte lachelnd und wie nebenbei: »Sie tragen immer noch die alte 

Uniform ?« 

»Ja«, erwiderte Morstin, »ich bin zu alt, um eine neue anzulegen. Im 

Zivil, wissen Sie, fiihle ich mich seit dieser Veranderung der Verhalt- 

nisse nicht ganz wohl. Ich furchte, man konnte mich dann mit man- 

chen anderen verwechseln. - Auf Ihr Wohl«, fuhr der Graf fort - hob 

das Glas und trank seinem Gast zu. 

Der Woiwode safi noch eine Weile, verliefi dann den Graf en und das 

Dorf Lopatyny, setzte seine Inspektionsreise fort, kam in seine Resi- 

denz zuriick und gab Auftrag, die Kaiserbiiste vor dem Hause des 

Graf en Morstin zu entfernen. 

Dieser Auftrag gelangte schiiefilich an den Biirgermeister (»Wojt« ge- 

nannt) des Dorfchens Lopatyny und also unmittelbar hierauf zur 

Kenntnis des Graf en Morstin. 

Zum erstenmal befand sich also der Graf im offenen Konflikt mit der 

neuen Macht, deren Dasein er bis jetzt kaum zur Kenntnis genommen 

hatte. Er sah ein, dafi er zu schwach war, sich gegen sie aufzulehnen. 

Er erinnerte sich an die nachtliche Szene in der Ziiricher American Bar. 

Ach! Es hatte keinen Sinn mehr, die Augen vor der neuen Welt der 

neuen Republiken, der neuen Bankiers und Kronentrager, der neuen 

Damen und Herren, der neuen Herrscher der Welt zu schliefien. Man 

mufite die alte Welt begraben. Aber man mufite sie wiirdig begraben. 

Und der Graf Franz Xaver Morstin berief zehn der altesten Einwohner 

des Dorfes Lopatyny in sein Haus - und darunter befand sich der 

kluge und zugleich einfaltige Jude Salomon Piniowsky. Es kamen fer- 

ner: der griechisch-katholische Pfarrer, der romisch-katholische und 

der Rabbiner. 

Und als sie alle versammelt waren, begann der Graf Morstin folgende 

Rede: 

»Meine lieben Mitbiirger, 

ihr alle habt noch die alte Monarchic gekannt, euer altes Vaterland. Seit 

Jahren ist es tot - und ich habe eingesehen - es hat keinen Sinn, nicht 

einzusehn, daft es tot sei. Vielleicht wird es einmal auferstehn, wir Al- 

ten werden es kaum noch erleben. Man hat uns aufgetragen, die Biiste 

Seiner hochseligen Majestat, des Kaisers Franz Joseph des Ersten, ehe- 

stens wegzuschaffen. 

Wir wollen sie nicht wegschaffen, meine Freunde! 



674 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wenn die alte Zeit tot sein soil, so wollen wir mit ihr verfahren, wie 
man eben mit Toten verfahrt: Wir wollen sie begraben. 
Infolgedessen bitte ich euch, meine Lieben, mir zu helfen, dafi wir den 
toten Kaiser, das heifit seine Biiste, mit aller Feierlichkeit und Ehr- 
furcht, die einem toten Kaiser gebiihren, von heute in drei Tagen auf 
dem Friedhof bestatten.« 



VI 



Der ukrainische Schreiner Nikita Kolohin zimmerte einen grofiartigen 
Sarg aus Eichenholz. Drei tote Kaiser hatten in ihm Platz gefunden. 
Der polnische Schmied Jaroslaw Wojciechowski schmiedete einen ge- 
waltigen Doppeladler aus Messing, der auf den Deckel des Sarges ge- 
nietet wurde. 

Der judische Thoraschreiber Nuchim Kapturak schrieb mit seinem 
Gansekiel auf eine kleine Pergamentrolle den Segen, den die glaubigen 
Juden zu sprechen haben beim Anblick eines gekronten Hauptes, wik- 
kelte sie in gehammertes Blech und legte es in den Sarg. 
Am friihen Vormittag - es war ein heifier Sommertag - zahllose un- 
sichtbare Lerchen trillerten unter dem Himmel und zahllose unsicht- 
bare Grillen wisperten ihnen Antwort aus den Wiesen - versammelten 
sich die Bewohner von Lopatyny um das Denkmal Franz Josephs des 
Ersten. Graf Morstin und der Burgermeister betteten die Biiste in den 
prachtvollen, grofien Sarg. In diesem Augenblick begannen die Glok- 
ken der Kirche auf dem Hiigel zu lauten. Alle drei Geistlichen stellten 
sich an die Spitze des Zuges. Den Sarg nahmen vier alte, kraftige Bau- 
ern auf die Schultern. Hinter ihm, mit gezogenem Sabel, im feldgrau 
verdeckten Dragonerhelm, ging der Graf Franz Xaver Morstin, in die- 
sem Dorfe dem toten Kaiser der Nachste, ganz allein in jener Einsam- 
keit, welche die Trauer gebietet, und hinter ihm, mit rundem, schwar- 
zem Kappchen auf dem silbrigen Kopf, der Jude Salomon Piniowsky, 
den runden Samthut in der Linken, die grofie schwarz-gelbe Fahne mit 
dem Doppeladler in der erhobenen rechten Hand. Und hinter ihm das 
ganze Dorf, die Manner und die Frauen. 

Die Kirchenglocken drohnten, die Lerchen trillerten, die Grillen wis- 
perten unaufhorlich. 
Das Grab war bereit. Man lieft den Sarg hinab, breitete die Fahne iiber 



DIE BUSTE DES KAISERS 675 

ihn - und Franz Xaver Morstin griifite zum letztenmal mit dem Sabel 

den Kaiser. 

Da erhob sich ein Schluchzen in der Menge, als hatte man jetzt erst den 

Kaiser Franz Joseph begraben, die alte Monarchic und die alte Heimat. 

Die drei Geistlichen beteten. 

Also begrub man den alten Kaiser zum zweitenmal im Dorfe Lopa- 

tyny, im ehemaligen Galizien. 

Ein paar Wochen spater geriet die Kunde von diesem Vorfall in die 

Zeitungen. Diese schrieben ein paar witzige Worte iiber den Vorfall, 

unter der Rubrik »Glossen«. 



VII 



Der Graf Morstin aber verliefi das Land. Er lebt jetzt an der Riviera, 
ein alter, verbrauchter Mann, der am Abend mit alten russischen Ge- 
neralen Schach und Skat spielt. Ein paar Stunden am Tage schreibt er 
an seinen Erinnerungen. Wahrscheinlich werden sie keinen bedeuten- 
den literarischen Wert besitzen: denn der Graf Morstin hat keine lite- 
rarische Ubung und auch keinen schriftstellerischen Ehrgeiz. Da er 
aber ein Mann von besonderer Gnade und Art ist, gelingen ihm zuwei- 
len ein paar denkwiirdige Satze, wie, zum Beispiel, die folgenden, die 
ich mit seiner Erlaubnis hierhersetze: 

»Ich habe erlebt«, schreibt der Graf, »daft die Klugen dumm werden 
konnen, die Weisen toricht, die echten Propheten Liigner, die Wahr- 
heitsliebenden falsch. Keine menschliche Tugend hat in dieser Welt 
Bestand, auEer einer einzigen: der echten Frommigkeit. Der Glaube 
kann uns nicht enttauschen, da er uns nichts auf Erden verspricht. Der 
wahre Glaubige enttauscht uns nicht, weil er auf Erden keinen Vorteil 
sucht. Auf das Leben der Volker angewandt, heifit das: Sie suchen 
vergeblich nach sogenannten nationalen Tugenden, die noch fraglicher 
sind als die individuellen. Deshalb hasse ich Nationen und National- 
staaten. Meine alte Heimat, die Monarchie, allein war ein groftes Haus 
mit vielen Tiiren und vielen Zimmern, fur viele Arten von Menschen. 
Man hat das Haus verteilt, gespalten, zertrummert. Ich habe dort 
nichts mehr zu suchen. Ich bin gewohnt, in einem Haus zu leben, nicht 
in Kabinen.« 
So stolz und so traurig schreibt der alte Graf. Gefaftt und friedvoll 



676 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wartet er auf seinen Tod. Wahrscheinlich sehnt er sich auch nach ihm. 
Denn er hat in seinem Testament bestimmt, dafi er im Dorfe Lopatyny 
bestattet werde - und zwar nicht in der Familiengruft, sondern neben 
dem Grab, in dem der Kaiser Franz Joseph liegt, die Buste des Kaisers. 



DIE HUNDERTTAGE 

Roman 

1936 



ERSTES BUCH 
DIE HEIMKEHR DES GROSSEN KAISERS 



I 



Die Sonne tauchte blutrot, winzig und vergramt aus den Nebeln. Bald 
verschwand sie wieder im kalten Grau dieses Morgens. Ein mifimuti- 
ger Tag brach an. Es war der zwanzigste Marz, also ein Tag vor dem 
Anfang des Friihlings. Man spiirte ihn noch nirgends. Es regnete und 
stiirmte im ganzen Lande, und die Menschen froren. 
Es hatte noch gestern nacht in Paris gestiirmt und geregnet. Heute 
verstummten die Vogel jah, nach einem kurzen, morgendlichen Jubel. 
In diinnen, gehassigen und kalt schwelenden Faden stieg der Nebel aus 
den Ritzen zwischen dem Pflaster empor, nafite die Steine aufs neue, 
die der Morgenwind soeben getrocknet hatte, schwebte um die Wei- 
den und Kastanien in den Parks und an den Randern der Alleen, lieft 
die furwitzigen Knospchen der Baume erzittern, jagte deutlich sicht- 
bare Schauder iiber die feuchten Riicken der geduldigen Fiakergaule 
und driickte den Rauch, der hier und dort aus morgenfleiftigen Kami- 
nen aufzusteigen versuchte, gegen die Erde. Es roch nach Brand, Ne- 
bel, Regen, feuchten Kleidern, lauernden Schneewolken und vorder- 
hand verhindertem Hagel, nach unfreundlichem Wind, durchnafttem 
Lederzeug und nach haftlich diinstenden Kanalen. 
Dennoch hielt es die Einwohner der Stadt Paris nicht in ihren Hau- 
sern. Zu friiher Stunde schon drangten sich die Menschen in den Stra- 
fien. Sie versammelten sich vor den Wanden, an denen Zeitungsblatter 
klebten. Diese Zeitungen enthielten die Abschiedsworte des Konigs 
von Frankreich. Es waren kaum leserliche, geradezu verweinte Zeitun- 
gen, denn der nachtliche Regen hatte ihre frischen Lettern verwischt 
und hie und da auch den Leim gelost, mit dem sie an den Stein geklebt 
waren. Von Zeit zu Zeit rift ein stiirmischer Windstofi ein Blatt voll- 
ends von der Mauer und schleuderte es in den schwarzen Kot der 
Strafie. Also wurden die Abschiedsworte des Konigs von Frankreich 
schmahlich vernichtet, im Kot der Strafte, unter den Radern der Wa- 
gen, unter den Hufen der Pferde, unter den achtlosen Tritten der Fuft- 
ganger. 



680 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Manche, die dem Konig treu geblieben waren, sahen diesen Blattern 
wehmiitig und ergeben nach. Der Himmel selbst schien ihm ungunstig 
gesinnt. Sturm und Regen liefien es sich angelegen sein, seine Ab- 
schiedsworte zu vernichten. In Wind und Regen hatte er gestern abend 
sein Schlofi und seine Residenz verlassen. »Macht mir das Herz nicht 
schwer, Kinder!« sagte er, als sie ihn auf den Knien baten zu bleiben. 
Er konnte nicht bleiben, der Himmel war gegen ihn . . . man sah es. 
Er war ein guter Konig. Wenige liebten ihn, aber viele im Lande hatten 
ihn gern. Er hatte kein gutes Herz, aber es war ein konigliches. Er war 
alt, wohlbeleibt, schwerfallig, friedfertig und stolz. Er kannte das Un- 
gluck der Heimatlosigkeit, denn er war in der Verbannung alt gewor- 
den. Er traute den Menschen nicht, wie jeder Ungluckliche. Er liebte 
das Mafi, die Ruhe und den Frieden. Einsam war er und den Menschen 
fremd - denn die wahren Konige sind fremd und einsam. Er war arm 
und alt, wohlbeleibt und schwerfallig, wiirdig, bedachtig und ungliick- 
lich. Wenige liebten ihn, aber viele hatten ihn gern im Lande. 
Der alte Konig floh vor einem grofien Schatten, dem Schatten des ge- 
waltsamen Kaisers Napoleon, der sich seit zwanzig Tagen der Haupt- 
stadt des Landes naherte. Der Kaiser warf seinen Schatten voraus, und 
es war ein schwerer Schatten. Er wuchtete auf dem Lande und fast auf 
der ganzen Welt. Man kannte ihn gut im Lande und iiberall auf Erden. 
Seine Wiirde war eine andere als die der geborenen Konige: Er besafi 
die Wiirde der Gewalt. Seine Krone hatte er erworben und erobert und 
nicht geerbt. Er stammte aus einem unbekannten Geschlecht. Und 
selbst seinen namenlosen Vorfahren verlieh er noch Ruhm. Er 
schenkte Glanz seinen Ahnen, statt ihn von ihnen zu empfangen wie 
die geborenen Kaiser und Konige. Also ward er alien Namenlosen 
ebenso verwandt wie den Tragern altererbter Wiirden. Indem er sich 
selbst erhob, adelte, kronte, erhob er alle Namenlosen im gemeinen 
Volk, und also liebte es ihn. Erschreckt, besiegt und im Zaum gehalten 
hatte er eine geraume Zeit die Grofkn dieser Erde, und deshalb hielten 
ihn die Kleinen fur ihren Racher und anerkannten ihn als ihren Herrn. 
Sie liebten ihn, weil er ihresgleichen zu sein schien - und weil er den- 
noch grofier war als sie. Ihnen gab er ein Beispiel; eine Aufmunterung 
war er ihnen. 

Uberall in der Welt kannte man den Namen des Kaisers - aber wenige 
wufken von ihm. Denn wie ein wahrer Konig war auch er einsam. Er 
wurde geliebt und gehafk, gefiirchtet und verehrt und selten erkannt. 



DIE HUNDERT TAGE 68l 

Man konnte ihn nur hassen, lieben, fiirchten, anbeten, als ware er ein 
Gott. Und er war ein Mensch. 

Er selbst hafite, liebte, furchtete und verehrte. Er war stark und 
schwach, verwegen und mutlos, treu und verraterisch, leidenschaft- 
lich und gleichgiiltig, hochmiitig und einfach, stolz und niedrig, ge- 
waltig und armselig, treuherzig und mifitrauisch. 

Er verhiefi den Menschen Freiheit und Wiirde - aber wer in seine 
Dienste trat, verlor die Freiheit und ergab sich ihm vollends. Er 
schatzte das Volk und die Volker gering, und er buhlte um die Gunst 
des Volkes. Er verachtete die geborenen Konige, und wollte ihre 
Freundschaft und ihre Anerkennung. Er glaubte an Gott, und er 
furchtete ihn wenig. Vertraut war ihm der Tod, und er wollte nicht 
sterben. Er achtete das Leben gering, und er wollte es geniefien. Er 
schatzte die Liebe nicht, und er wollte die Frauen besitzen. Er 
glaubte nicht an die Treue und an die Freundschaft, und er suchte 
unermudlich, Freunde zu gewinnen. Er schatzte diese Welt wenig, 
und er wollte sie erobern. Er traute den Menschen nicht, bevor sie 
nicht bereit waren, fur ihn zu sterben: also machte er aus ihnen Sol- 
daten. Damit er ihrer Liebe sicher sei, lehrte er sie, ihm zu gehorchen. 
Damit er ihrer sicher sei, muftten sie sterben. Begliicken wollte er die 
Welt, und er verschaffte ihr Plage. Ach, und man liebte ihn noch sei- 
ner Schwache wegen. Denn wo er sich schwach erwies, sahen die 
Menschen, daft er ihresgleichen sei, und sie liebten ihn, weil sie sich 
ihm verwandt fiihlten. Und wenn er sich stark zeigte, liebten sie ihn 
gerade deswegen und weil er nicht ihresgleichen zu sein schien. Und 
wer ihn nicht liebte, hafite ihn oder furchtete ihn. Er war stark und 
wankelmutig, treu und verraterisch, mutig und furchtsam, erhaben 
und gering. 

Jetzt stand er vor den Toren der Stadt Paris. 

Aus Furcht warfen die einen und andere aus Freude die Abzeichen 
weg, die der Konig eingefuhrt hatte. 

Die Farbe des Konigs und seines Hauses war die weifie gewesen. Die 
sich zu ihm bekannt hatten, trugen weifte Schleifen am Rock. 
Heute aber verloren Hunderte, wie durch einen Zufall, ihre weiflen 
Schleifen. Nun lagen sie, geschandete, verleugnete Schmetterlinge, im 
schwarzen Kot der Strafie. 
Die Blume des Konigs und seines Hauses war die unnahbare, jung- 



682 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

frauliche Lilie gewesen. Jetzt lagen Hunderte weggeworfene, verleug- 
nete, geschandete Lilien aus Stoff und Seide im schwarzen Kot der 
Strafie. Die Farben des herannahenden Kaisers aber waren: Blau und 
Weifi und Rot: blau wie der Himmel und die Feme; weifi wie der 
Schnee und der Tod; rot wie das Blut und die Freiheit. 
Auf einmal sah man in der Stadt Tausende von Menschen mit blau- 
weifi-roten Schleifen an den Rocken und an den Huten. 
Und statt der keuschen, stolzen Lilie trugen sie die bescheidenste aller 
Blumen: das Veilchen. 

Es ist eine demutige und eine tapfere Blume. Sie hat die Tugenden des 
namenlosen Volkes. Kaum erkannt bluht sie im Schatten der grofien 
Baume, und mit einer bescheidenen und wiirdigen Tollkiihnheit be- 
griifit sie als erste aller Blumen den Friihling. Und ihr dunkelblauer 
Schimmer erinnert ebenso an den morgendlichen Dunst vor dem Auf- 
gang der Sonne wie an den abendlichen vor dem Anbruch der Nacht. 
Es war die Blume des Kaisers. Man nannte ihn den »Vater des Veil- 
chens«. 

Nun sah man Tausende aus dem Volk, aus den Vorstadten von Paris 
gegen den Mittelpunkt der Stadt, gegen das Schlofi heranziehen, alle 
mit Veilchen geschmuckt. Es war ein Tag vor dem Anfang des Friih- 
lings, ein unfreundlicher Tag, ein mifimutiger Friihling. Aber das Veil- 
chen, die mutigste aller Blumen, bliihte schon vor den Toren der Stadt, 
in den Waldern. Und es war, als triige das Volk aus den Vorstadten den 
lebendigen Friihling in die steinerne Stadt, vor das steinerne Schlofi. 
Die frischgepfliickten Veilchenstraufte blauten an den Spitzen der er- 
hobenen Stocke der Manner, zwischen den warmen und schwellenden 
Briisten der Frauen, an den hochgeschwenkten Hiiten und Miitzen, in 
den griifienden Handen der Arbeiter und Handwerker, an den Degen 
der Offiziere, an den Trommeln der alten Tamboure und an den silber- 
nen Trompeten der alten Trompeter. An der Spitze mancher Gruppen 
marschierten die Taboure der alten kaiserlichen Armee. Sie trommel- 
ten die alten Schlachtenmelodien auf die alten Kalbfelle, liefien die be- 
schwingten Schlegel in der Luft wirbeln und fingen sie, die heimkeh- 
renden schlanken Vogelchen, in den vaterlich geoffneten Handen wie- 
der auf. An der Spitze anderer Gruppen, oder auch in ihrer Mitte, 
marschierten die alten Trompeter der alten Armee, und von Zeit zu 
Zeit setzten sie ihre Horner an die Lippen und bliesen die alten 
Schlachtrufe des Kaisers, die wehmutigen und einfachen Rufe des To- 



DIE HUNDERT TAGE 683 

des und des Sieges, von denen jeder jeden Soldaten an seinen Schwur 
erinnerte, fur den Kaiser zu sterben, und auch an den letzten Seufzer 
der geliebten Frau, bevor man sie verliefi, um fur den Kaiser zu ster- 
ben. Mitten zwischen vielen Menschen und rittlings auf Schultern sah 
man die alten Offiziere des Kaisers. Sie schwankten, ja, sie wurden 
geschwenkt iiber den wogenden Kopfen der Menge wie lebendige, 
menschliche Fahnen. Sie hatten ihre Degen gezogen. An deren Spitzen 
flatterten ihre Hike wie kleine, schwarze Fahnen, geschmiickt mit den 
dreifarbigen Kokarden des Kaisers und des Volkes von Frankreich. 
Und von Zeit zu Zeit und als bedriickte der nicht oft genug ausgesto- 
ftene Schrei immer noch die Herzen der Frauen und Manner, riefen 
sie: »Es lebe Frankreich! Es lebe der Kaiser! Es lebe das Volk! Es lebe 
der Vater des Veilchens! Es lebe die Freiheit! Es lebe der KaiserU Und 
noch einmal: »Es lebe der Kaiser!« - Manchmal auch, mitten in einer 
Gruppe, begann ein Begeisterter zu singen. Er sang die alten Lieder der 
. alten Soldaten, aus alten Schlachten, die Lieder, die den Abschied der 
Menschen vom Leben besingen, ihr Gebet vor dem Tod, die gesungene 
Beichte des Soldaten, der keine Zeit hat zur letzten Absolution, seine 
Liebe zum Leben und seine Liebe zum Sterben, die Lieder, die den 
Tritt der Regimenter enthalten und das Knattern der Gewehre. Plotz- 
lich stimmte einer das langst nicht mehr gehdrte Lied, die Marseillaise, 
an - und alle Tausende fielen ein in diesen Gesang. Es war das Lied des 
Volkes von Frankreich. Es war das Lied der Freiheit und des Gehor- 
sams. Es war das Lied des Vaterlandes und der ganzen Welt. Es war 
das Lied des Kaisers, wie das Veilchen seine Blume war, wie der Adler 
sein Vogel war, wie die Farben Blau, Weifi, Rot seine Farben waren. Es 
adelte den Sieg und iiberglanzte auch noch die verlorenen Schlachten. 
Es enthielt den Triumph und seinen Bruder, den Tod. Es enthielt die 
Verzweiflung und die Zuversicht. Jeder einzelne, der die Marseillaise 
vor sich hinsingt, wird der machtige Genosse und Freund der vielen, 
deren Lied sie ist. Und wer sie gemeinsam mit vielen anstimmt, fuhlt 
seine ewige Einsamkeit, obwohl er mitten unter vielen ist. Denn die 
Marseillaise verkiindet den Triumph und den Untergang, die Gemein- 
schaft mit der Welt und die Verlassenheit jedes einzelnen, die triigeri- 
sche Macht des Menschen und seine sichere Ohnmacht, es ist das sin- 
gende Leben und der singende Tod. Es ist das Lied des Volkes von 
Frankreich. 
Man sang es an dem Tage, an dem der Kaiser Napoleon heimkehrte. 



684 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

II 

Manche seiner alten Freunde eilten ihm entgegen, um ihn noch unter- 
wegs einzuholen. Andere machten sich bereit, ihn erst in der Stadt zu 
empfangen. Schon war die weifie Fahne des Konigs vom Turm des 
Rathauses verschwunden, schon flatterte an ihm die blau-weifi-rote 
des Kaisers. Und an den Mauern, an denen heute morgen noch die 
Abschiedsworte des Konigs geklebt hatten, hafteten jetzt neue, nicht 
mehr verweinte, vom Regen verwiistete, sondern klare, leserliche, 
saubere und trockene Blatter. Uber ihnen schwebte in machtiger Be- 
harrlichkeit der kaiserliche Adler, als beschutzten seine starken, 
schwarzen Schwingen die schwarzen, sauberen Schriftzeichen und als 
hatte er sie selbst, Zeichen um Zeichen, aus seinem gefahrlichen und 
beredten Schnabel fallen gelassen. Es war das Manifest des Kaisers. 
Und wieder versammelten sich die Leute vor den gleichen Mauern, 
und in jeder Gruppe las einer mit lauter Stimme die Worte des Kai- 
sers vor. Das war ein anderer Klang als der wehmiitige Abschied des 
Konigs. Die Worte des Kaisers waren blank und stark, in ihnen 
schwang das Rattern der Trommeln, der harte Ruf der Trompeten 
und die anstiirmende Stimme der Marseillaise. Und es war, als ver- 
wandelte sich die Stimme eines jeden, der die Worte des Kaisers vor- 
las, in die Stimme des Kaisers selbst, und es war, als sprache er, noch 
nicht angekommen, bereits aus zehntausend vorausgesandten Boten 
zum Volk von Paris. Ja, bald war es, als sprachen die Zeitungen selbst 
von den Wanden. Die gedruckten Worte verlauteten sich selbst, die 
Lettern riefen, und iiber ihnen schien der machtig und geruhsam 
schwebende Adler seine Schwingen zu riihren. Der Kaiser kam. 
Schon halite seine Stimme von alien Wanden. 

Die alten Freunde, die alten Wiirdentrager und ihre Frauen eilten zum 
Schloft. Die Generale und Minister zogen ihre alten Uniformen an, 
legten ihre kaiserlichen Auszeichnungen um, und nun, da sie sich im 
Spiegel besahen, bevor sie ihr Haus verlieften, war es ihnen, als hatten 
sie seit der Abwesenheit des Kaisers gar nicht gelebt, sondern einen 
tauben Schlaf getan und waren erst heute zum Leben erwacht. Gliickli- 
cher noch waren die Damen des kaiserlichen Hofes, als sie ihre alten 
Kleider wieder anzogen. Schon hatten sie gedacht, ihre Jugend sei ver- 
loren, ihre Schonheit verwelkt, ihr Glanz erloschen. Nun aber, da sie 



DIE HUNDERT TAGE 685 

ihre Kleider anlegten, die Zeugen ihrer Jugend und ihrer seligen 
Triumphe, glaubten sie zu sehen, dafi die Zeit stillgestanden sei seit der 
Abfahrt des Kaisers. Ja, die Zeit, die Feindin der Frauen, hatte gelahmt 
innegehalten, ein wiister Traum waren die rollenden Stunden gewesen, 
die schleichenden Wochen, die langweiligen und langsam mordenden 
Monate. Die Spiegel trogen nicht mehr. Sie gaben die wirklichen Bilder 
der Jugend wieder. Und mit triumphierenden Schritten, auf seliger be- 
schwingten Fiifien, ais es jugendliche sein konnen - denn es waren 
verjiingte und zur Jugend wiedererwachte Fiifie-, bestiegen die Da- 
men ihre Wagen und fuhren zum Schlofi, umjubelt vom nachdrangen- 
den und vom wartenden Volk. 

In den Garten vor dem Schlofi wartete es, vor den Toren stiefi es sich. 
In jedem ankommenden Minister und General sah es einen neuen Bo- 
ten des Kaisers. Es kamen auch die niederen Bedienten, die alten K6- 
che und Kutscher und Backer und Wascherinnen des Kaisers, die Stall- 
meister und die Pferdeknechte, die Schneider und die Schuster, die 
Maurer und die Tapezierer, die Lakaien und die Dienstmagde. Und 
man begann, das Schlofi fur den Kaiser herzurichten, damit er es wie- 
derfinde, wie er es verlassen hatte, und damit ihn nichts mehr an den 
geflohenen Konig erinnere. In dieser Arbeit vereinigten sich die hohen 
Damen und Herren mit den niederen Bedienten. Ja, eifriger als diese 
begannen die Damen des kaiserlichen Hofes, ohngeachtet ihrer 
Wurde, ihrer leicht zu verderbenden Kleider und ihrer behiiteten Fin- 
gernagel, die Tapeten, die weiflen Lilien des Konigs, von den Wanden 
zu schalen, zu reifien, zu kratzen, mit Rachsucht, Wut, Ungeduld und 
Begeisterung. Unter den Tapeten des Konigs erschienen wieder die 
alten, wohlbekannten Zeichen des Kaisers, unzahlige goldfarbene Bie- 
nen mit glasernen, zart geaderten, gespreizten Flugelchen und 
schwarzgestreiftem Hinterteil, kaiserliche Insekten, die emsigen Berei- 
ter der Siifie. Soldaten der alten Armee brachten die kaiserlichen Adler 
aus golden glanzendem Messing und stellten sie an alien vier Ecken 
auf, damit der Kaiser in dem Augenblick seiner Ankunft wisse, daft die 
Soldaten ihn erwarteten - auch jene, die ihn nicht bei seinem Einzug 
begleiten konnten. 

Inzwischen brach die friihe Dammerung herein - und der Kaiser war 
noch immer nicht gekommen. Die Laternen vor dem Schloft entziinde- 
ten sich. Die Windlichter flammten an den Randern der Straften auf. 
Sie kampften gegen Nebel, Feuchtigkeit und Wind. 



686 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Man wartete, man wartete. Endlich horte man das regelmafiige Ge- 
trappel militarischer Pferdehufe. Man wufite: Es waren die Dreizeh- 
ner-Dragoner. Ihnen voran ritt der Oberst, sein Sabel glanzte, ein 
silberner, schmaler Blitz, in der triiben Finsternis - und der Oberst 
rief: »Platz fur den Kaiser!« Hochragend auf seinem braunen Rofi, 
das im Dunkel kaum sichtbar wurde, das weifie, breite Angesicht 
mit dem grofien, schwarzen Schnurrbart liber den Kopfen der her- 
andrangenden Menschen, die blanke Waffe in erhobener Hand, von 
Zeit zu Zeit seinen Ruf: »Platz dem Kaiser !« wiederholend, von Zeit 
zu Zeit gelblich umschimmert von den flackernden Windlichtern 
und schnell wieder aus ihrem Leuchtkreis verschwindend, erinnerte 
er das Volk an den leibhaftigen, kriegerischen, ja grausamen Schutz- 
engel, dessen sich der Kaiser versichert haben mochte. Denn es war 
dem Volk, als befahle der Kaiser sogar seinen Schutzengeln in dieser 
Stunde . . . 

Und da kam auch, begleitet von den Dragonern, schon sein Wagen, 
auf hurtigen Radern, deren Rollen erstarb unter dem Getrappel der 
Hufe. 

Man hielt vor dem Schlofi. 

Als der Kaiser aus dem Wagen stieg, streckten sich ihm viele weifie, 
offene Hande entgegen. In diesem Augenblick, gebannt von den be- 
schworenden Handen, verlor er Willen und Bewufitsein. Diese lieben- 
den, weifien Hande, die sich ihm entgegenstreckten, schienen ihm 
furchtbarer als feindliche und bewaffnete. Jede einzelne Hand war wie 
ein weifies, liebevolles und sehnsuchtiges Angesicht. Die Liebe der 
ausgestreckten, blanken Hande stromte dem Kaiser entgegen, eine hef- 
tige und gefahrliche Beschworung. Was verlangten diese Hande? Was 
alles wollten sie von ihm? Diese Hande beteten, forderten und bef all- 
ien zugleich: Hande, die man Gottern entgegenstreckt. 
Er schlofi die Augen und fiihlte schon, wie ihn die Hande hoben und 
wie er auf unbekannten Schultern dahinzuschwanken begann, die 
Treppe zum Schloft empor, und er horte noch die wohlbekannte 
Stimme seines Freundes, des Generals Lavalette: »Sie sind es! Sie 
sind's! Sie sind's - mein Kaiser !« Er erkannte an der Stimme und am 
Atem, die ihm zugewandt waren, daft sein Freund riicklings vor ihm 
die Treppe hinanstieg. Der Kaiser offnete die Augen - und er sah die 
ausgebreiteten Arme seines Freundes Lavalette und die weifie Flache 
seines Gesichts. 



DIE HUNDERT TAGE 687 

Er erschrak und schlofi wieder die Augen. Einem Schlafenden und 
Ohnmachtigen ahnlich, erreichte er, getragen, gefiihrt und gestiitzt, 
sein altes Zimmer. Schrecken und Gluck, also ein schreckliches Gliick 
im Herzen, setzte er sich an den Schreibtisch. 

Er sah wie durch einen Nebel einige seiner Freunde im Zimmer. Von 
der Strafie her, hinter den geschlossenen Fenstern, horte er die larmen- 
den Rufe des Volkes, das Wiehern der Pferde, das Klirren der Waffen, 
das helle Klingeln der Sporen, und aus dem Vorzimmer, hinter der 
hohen, weifien Tiir, der gegeniiber er safi, Gemurmel und Gefliister 
vieler Stimmen, und von Zeit zu Zeit war es ihm, als erkenne er diese 
und jene. Alles nahm er wahr, deutlich und verschwommen, feme und 
nah zugleich, und alles begliickte und alles schauderte ihn zu gleicher 
Zeit. Es war ihm, als sei er endlich heimgekehrt und zugleich weit von 
irgendeinem Sturm davongetragen worden. Allmahlich zwang er sich 
achtzugeben, befahl er seinen Augen zu beobachten, seinen Ohren zu 
horchen. Er safi reglos vor dem Schreibtisch. Ihm allein galten die Rufe 
draufien vor den Fenstern. Seinetwegen standen die Freunde hier im 
Zimmer und warteten. Seinetwegen murmelten und fliisterten die vie- 
len Stimmen hinter der geschlossenen Tiir im Vorzimmer. Auf einmal 
war es ihm, als sahe er im ganzen grofien Lande Frankreich alle, viele 
Tausende Freunde stehen und warten. Im ganzen Lande riefen Millio- 
nen wie hier die Hunderte: »Es lebe der Kaiser !« In alien Zimmern 
flusterte, murmelte und sprach man von ihm. Er hatte sich gerne noch 
ein wenig Mufie gegonnt, um uber sich so nachzudenken, als ware er 
ein Fremder. Da horte er hinter seinem Riicken auf dem Kamin das 
regelmafiige und unbarmherzige Ticken der Standuhr. Die Zeit lief - 
auf einmal begann die Uhr mit ihrer dunnen, wehmutigen Glocke zu 
schlagen. Es war elf Uhr, eine Stunde vor Mitternacht. Der Kaiser er- 
hob sich. 

Er trat zum Fenster. Von alien Turmen der Stadt verkiindeten die 
Glocken die elfte Stunde. Er liebte die Glocken. Seit seiner Kindheit 
hatte er sie geliebt. Er schatzte die Kirchen gering, er stand ratios und 
manchmal sogar furchtsam vor dem Kreuz, aber die Glocken liebte er. 
Sein Herz antwortete ihnen. Ihre Stimmen machten ihn feierlich. Ihm 
schien es, daft sie mehr verkiindeten als nur die Stunden und die Got- 
tesdienste. Sie waren die Zungen des Himmels. Welcher Irdische ver- 
stand ihre goldene Sprache? Jede Stunde schlugen sie fromm, sie allein 
mochten wissen, welche die entscheidende war. Er blieb am Fenster 



688 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und genofi ihren mahlich verklingenden Nachhall. Dann wandte er 
sich urn. Er ging zur Tur und rifi sie auf. Er blieb an der Schwelle stehn 
und iiberflog die Gesichter der Versammelten. Da waren sie alle, er 
erkannte sie, er hatte sie nie vergessen, denn er hatte sie ja selbst ge- 
schaffen: der Herzog von Bassano und Cambaceres, die Herzoge von 
Padua, von Rovigo, von Gaete, die Thibeaudeau, die Decres und Daru 
und Davout. Er warf einen Blick ins Zimmer zuriick, da waren seine 
Freunde Caulaincourt und Exelmans und der junge, unschuldsvolle 
Fleury de Chaboulon. - Ach, es gab noch Freunde. Der und jener 
hatte ihn verraten. War er ein Gott, zu strafen und zu zurnen? Er war 
nur ein Mensch. Sie aber hielten ihn fur einen Gott. Und wie von 
einem Gott verlangten sie von ihm Zorn und Strafe, und wie von 
einem Gott erwarteten sie von ihm Verzeihung. Er aber hatte keine 
Zeit mehr, wie ein Gott zu zurnen und zu strafen und hierauf zu ver- 
zeihen. Er hatte keine Zeit. Deutlicher als die Rufe der Menge vor den 
Fenstern und die vielfaltigen Gerausche seiner Dragoner in den Garten 
und im Haus horte er das zarte, aber unbarmherzige Ticken der Stand- 
uhr auf dem Kamin hinter seinem Riicken. Er hatte keine Zeit mehr zu 
strafen. Er hatte nur noch Zeit, zu verzeihen und sich lieben zu lassen, 
zu schenken und zu geben: Gnaden, Titel und Amter, alle armseligen 
Gaben, die ein Kaiser zu vergeben hat. Die Grofimut verlangt weniger 
Zeit als der Zorn. Er war grofimutig. 



Ill 

Die Glocken schlugen Mitternacht. Die Zeit lief, die Zeit rannte. Das 
Ministerium! Die Regierung! Der Kaiser mufite eine Regierung haben! 
Kann man ohne Minister und ohne Freunde regieren? Die Minister, 
die man bestellt, damit sie andere uberwachen, miissen auch noch be- 
wacht werden! Die Freunde, denen man vertraut, werden selber mifi- 
trauisch und erwecken Mifitrauen! Das Volk, das vor den Fenstern 
jubelt und heute die Nacht zum Tage macht, ist wankelmutig! Der 
Gott, auf den man vertraut, ist unbekannt und unsichtbar! Jetzt hat der 
Kaiser das Ministerium: Namen! Namen! Decres verwaltet die Marine 
und Caulaincourt das Ministerium des Aufteren; Moilieu den Staats- 
schatz und Gaudin die Finanzen; Carnot wird hoffentlich der Minister 
des Innern werden; und Cambaceres wird Erzkanzler: Namen! Na- 



DIE HUNDERT TAGE 689 

men! - Von den Tiirmen schlagt es eins und zwei, und bald bricht der 
Morgen an . . . Wer wird die Polizei iibernehmen? 
Eine Polizei braucht der Kaiser, ein Schutzengel genugt nicht. Der 
Kaiser erinnert sich seines alten Ministers der Polizei, Fouche hiefi er. 
Der Kaiser konnte Befehl geben, den Gehalken zu verhaften und sogar 
zu toten. Der hatte ihn verraten. Der kannte alle Geheimnisse im 
Lande, alle Freunde und alle Feinde des Kaisers. Er konnte verraten 
und beschiitzen - und beides zugleich. Ach, alle Freunde, denen man 
eben noch vertraut hatte, nannten seinen Namen! Er sei geschickt und 
dem Machtigen treu, sagten sie. War der Kaiser nicht machtig? Konnte 
jemand an seiner Macht zweifeln, und durfte jemand seine Angst se- 
hen? Gab es einen Mann im Lande, den der Kaiser furchten durfte? 
»Holt mir den Fouche !« befahl der Kaiser. »Und lafit mich allein!« 



IV 



Er sah sich im Zimmer um, zum erstenmal, seitdem er es betreten 
hatte. Er stellte sich vor den Spiegel. Er sah sein Spiegelbild bis zur 
Brust. Er runzelte die Brauen, versuchte zu lacheln, prufte seine Lip- 
pen, offnete den Mund und betrachtete seine weiften, gesunden Zahne. 
Er kammte mit den Fingern sein schwarzes Haar in die Stirn, lachelte 
seinem Spiegelbild zu, der grofk Kaiser dem grofien Kaiser. Er war mit 
sich zufrieden. Er trat ein paar Schritte zuriick und betrachtete sich 
aufs neue. Er war allein, stark, jung und gesund. Er furchtete keinen 
Verrater. 

Er ging rundum durch das Zimmer, betrachtete die eben abgerissenen 
Tapeten, die zerfetzten Lilien des Konigs, schmunzelte, hob einen der 
messingnen Adler hoch, der in der Ecke lehnte, und blieb schlieftlich 
vor einem kleinen Altar stehn. Es war ein glattes Stuck aus schwarzem 
Holz. Ein verlorener, ferner Duft von Weihrauch entstromte dem ver- 
schlossenen Schubfach, und auf dem Altar stand, weift und gespen- 
stisch, ein kleines, elfenbeinernes Kruzifix. Unbeweglich, unverander- 
lich, ewig ragte das knocherne, spitze, bartige Angesicht des Gekreu- 
zigten in die unstete, von unsteten Kerzen erhaltene Helligkeit des 
Zimmers. Sie haben vergessen, den Altar zu entfernen, dachte der Kai- 
ser. Hier hat jeden Morgen der Konig gekniet. Und Christus hat ihn 
nicht erhort! »Ich brauche keinen !« sagte der Kaiser plotzlich laut. 



690 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Und: »Weg mit ihm!« Er hob die Hand. Und es war ihm in diesem 
Augenblick, als miifite er knien. Und er fegte dennoch in diesem glei- 
chen Augenblick mit einer flachen, wie zur Ohrfeige geoffneten Hand 
das Kruzifix vom Altar zu Boden. Es fiel auf den schmalen Streifen 
unbedeckten Parketts, mit trockenem, hartem Schlag. Der Kaiser 
biickte sich. Das Kreuz war zerbrochen. Mit ausgebreiteten, elfenbei- 
nernen, diinnen Armen, die ihren schmerzlichen Halt nicht mehr hat- 
ten, lag auf dem nackten, blonden, schmalen Brett des Parketts der 
Erloser, das weifie Bartchen und die spitze Nase gegen den Plafond 
gestreckt, nur noch die verschlungenen Beine und Fiifie am unversehrt 
gebliebenen Stamm des kleinen Kreuzes. 

In diesem Augenblick klopfte es an der Tiir, und man meldete den 
Minister der Polizei. 



Der Kaiser blieb an der gleichen Stelle stehn. Sein linker Stiefel ver- 
deckte die weifilichen Trummer des Kruzifixes. Er verschrankte die 
Arme, wie es seine Art war, wenn er etwas erwartete, wenn er etwas 
iiberlegte oder wenn er den Anschein erwecken wo lite, da£ er etwas 
iiberlege. Er hielt sich so selbst gleichsam fest, er fiihlte seinen Korper 
mit seinen eigenen Handen, den Schlag seines Herzens priifte und ord- 
nete er mit der rechten Hand. Man kannte und liebte diese seine Hal- 
tung. Vielhundertmal hatte er sie vor dem Spiegel probiert. Vieltau- 
sendmal hatte man ihn so gemalt und gezeichnet. Diese Bilder hingen 
in vieltausend Stuben, in Frankreich und in alien Landern der Welt, in 
Rufiland und Agypten. Ach, er kannte seinen Polizeiminister, den ge- 
fahrlichen, unglaubigen, alten und ewigen, der niemals jung gewesen 
war und der niemals geglaubt hatte. Eine diirre, glanzende Spinne, 
hatte er Netze geflochten und zerstort, zahe, geduldig und ohne Lei- 
denschaft. Den unglaubigsten aller Menschen, den eidbriichigen Prie- 
ster, empfing der Kaiser in der Haltung, in der ihn Millionen Glaubige 
zu sehen gewohnt waren. Da er jetzt die Arme verschrankte, fiihlte er 
nicht nur sich selbst, sondern er liefi auch den Gehafken den Glauben 
der Millionen Glaubigen fiihlen, die den Kaiser mit seinen verschrank- 
ten Armen verehrten und liebten. Als sein eigenes Denkmal erwartete 
der Kaiser den Minister. 



DIE HUNDERT TAGE 69I 

Der Minister stand schon da, er hielt den Kopf geneigt. Der Kaiser 
ruhrte sich nicht. Es war, als hatte sich der Minister verneigt, nicht wie 
man den Kopf beugt vor den Grofien, sondern wie man ihn halt, um 
das Gesicht zu verbergen und wie um irgend etwas auf dem Boden zu 
suchen. Der Kaiser dachte an das zerbrochene Kruzifix, das sein linker 
Stiefel verdecken mochte - und vor jedermann gewifi verborgen hatte, 
nur nicht vor dem Blick dieses Polizisten. Es erschien dem Kaiser un~ 
wiirdig, seinen Platz zu verlassen, und unwiirdig auch, dafi er etwas 
verbarg. »Sehen Sie mir ins Gesicht !« befahl er, und er legte den alten, 
siegreichen Klang in seine Stimme. Der Minister hob den Kopf. Er 
hatte ein diirres Gesicht, Augen von unbestimmbarer Farbe, zwischen 
hell und dunkel, die sich vergeblich bemiihten, ganz geoffnet zu sein, 
dem Zwang der Lider zu widerstehen, die von selbst immer wieder 
niederfielen, obwohl er sich den Anschein gab, als versuchte er, sie 
immer wieder zu heben. Seine kaiserliche Uniform war tadellos und 
vorschriftsmafiig, aber wie um die ungewohnt nachtliche Stunde anzu- 
deuten, in der sich ihr Trager befinden sollte, nicht ganz geschlossen. 
Wie durch Zufall war ein Knopf an der Weste offen. Der Kaiser sollte 
diesen Mangel sehn - und er sah ihn auch. »Ordnen Sie Ihr Kleid!« 
sagte der Kaiser. Der Minister lachelte und schlofi den Knopf. 
»Majestat!« begann der Minister, »ich bin Ihr Diener!« 
»Ein getreuer Diener!« sagte der Kaiser. 
»Einer Ihrer treusten!« erwiderte der Minister. 

»Man hat nicht viel davon gemerkt«, sagte der Kaiser sanft, »in den 
letzten zehn Monaten.« 

»Aber in den letzten zwei«, antwortete der Minister. »An meinem 
Gluck, Eure Majestat heute hier wiederzusehn, habe ich seit zwei Mo- 
naten gearbeitet.« 

Der Minister sprach langsam und leise. Er hob nicht, er senkte nicht 
den Ton. Aus seinem schmalen Mund schlichen die Worte hervor, eine 
Art rundlicher, wohlgenahrter Schatten, stark genug, wahrgenommen 
zu werden, behutsam genug, um nicht ebenso kraftig zu werden wie 
die Worte des Kaisers. Seine langen, sacht geknimmten Hande hielt 
der Minister hilflos und respektvoll an den Schenkeln. Es war, als ver- 
neigte er sich auch mit den Handen. 

»Ich habe beschlossen«, sagte der Kaiser, »die Vergangenheit zu begra- 
ben. Horen Sie, Fouche? Die Vergangenheit. - Es ist nicht erfreulich.« 
»Sie ist nicht erfreulich, Majestat.« 



692 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er wird zutraulich, dachte der Kaiser. 

»Es wird viel zu tun geben, Fouche«, sagte er. »Man darf den Leuten 

keine Zeit lassen. Man muli ihnen zuvorkommen. Haben Sie iibrigens 

Nachrichten aus Wien?« 

»Schlechte Nachrichten, Majestat«, sagte der Minister. »Der kaiserli- 

che Minister des Aufiern, Herr Talleyrand, hat alles verdorben. Dient 

den Feinden Eurer Majestat besser, als er jemals Eurer Majestat gedient 

hat. Ich habe ihn nie - Eure Majestat erinnern sich - fur ehrlich gehal- 

ten. Es wird viel zu tun geben, gewift! Um all die Aufgaben zu losen, 

bedarf es einer festen Hand-« 

Fouche hielt seine Hande derart an den Schenkeln und halb geschlos- 

sen, als verberge er etwas in ihnen. Die etwas allzu langen, goldenen, 

gestickten Palmen am Armel verbargen wie absichtlich die Handge- 

lenke. Man sah nur die langen, griffigen Finger. - Verraterfinger, 

dachte der Kaiser. Damit kann man kleine, niedertrachtige Zetteleien 

am Schreibtisch spinnen. Diese Hande haben keine Muskeln. Ich 

werde ihn nicht zu meinem Aufienminister machen! . . . 

Der Kaiser hatte, wahrend er iiberlegte, unwillkiirlich den Fufi von 

den Scherben des Kreuzes weggeschoben. Er wollte zum Fenster gehn. 

Er glaubte zu sehen, dafi Fouche aus seinen verdeckten Augen auf das 

Kreuz schiele, und es war ihm peinlich. Er trat rasch einen Schritt vor, 

warf das Kinn hoch und sagte, um die Audienz schnell zu beenden, 

laut und befehlend: »Ich ernenne Sie zu meinem Minister !« 

Der Minister blieb unbeweglich. Nur das Lid seines rechten Auges 

hob sich ein wenig iiber die Pupille, als wenn es gleichsam erwachte. Es 

war, als ob sein Auge lauschte und nicht sein Ohr. 

In einem Tonfall, der dem Minister von allzu lassiger Selbstverstand- 

lichkeit schien, fuhr der Kaiser fort: 

»Sie iibernehmen das Ministerium der Polizei, das Sie so verdienstvoll 

geleitet haben. « 

In diesem Augenblick fiel das neugierig gehobene Lid wieder iiber die 

Pupille. Es verhullte einen kleinen, griinen Blitz. 

Der Minister blieb unbeweglich. - Er uberlegt, dachte der Kaiser, er 

iiberlegt zu lange. 

Endlich verbeugte sich Fouche. Aus einer ganz trockenen Kehle ka- 

men seine Worte: 

»Ich freue mich aufrichtig, Eurer Majestat wieder dienen zu diirfen.« 

»Auf Wiedersehn, Herzog von Otrante!« sagte der Kaiser. 



DIE HUNDERT TAGE 693 

Fouche erhob sich aus der Verbeugung. Er stand eine geringe Weile 
starr da, mit ganz geoffneten, gleichsam erstaunten Augen blickte er 
genau in die Richtung der kaiserlichen Stiefel, zwischen denen die el- 
fenbeinernen Splitter des Kreuzes schimmerten. 
Dann ging er. 

Er schritt, ein paarmal halbe Grufte mit gesenktem Kopf austeilend, 
durch das Vorzimmer. Man horte seinen Tritt nicht. Lautlos ging er, in 
zarten Schuhen, wie in Striimpfen, die steinernen Stufen hinunter, an 
den kauernden, hingelagerten, schnarchenden Dragonern vorbei, in 
den Garten, an den wiehernden und mit den Hufen scharrenden Pfer- 
den, an den halberleuchteten Zimmern und an den noch nicht ganz 
geschlossenen Tiiren vorbei. Sorgsam wich er dem verstreuten Sattel- 
und Lederzeug aus. Als er vor dem Gitter stand, pfiff er leise. Sein 
Sekretar kam heran. »Guten Morgen, Gaillard«, sagte er. »Nun sind 
wir wieder ein bifichen Polizeiminister. Er kann nur Krieg machen und 
keine Politik! In drei Monaten bin ich mehr als er!« Er wies mit dem 
Finger riickwarts iiber die Schulter nach dem Schloft. 
»Es sieht schon jetzt aus wie ein Heerlager«, sagte Gaillard. 
»Es sieht schon jetzt aus wie ein Krieg«, antwortete der Minister. 
»Ja«, sagte Gaillard, »aber wie ein verlorener.« 

Nebeneinander, briiderlich, gingen sie die Strafte dahin, hinein in den 
nachtlichen Nebel, heimisch in ihm und bald von ihm verschlungen. 



VI 



Die Zeit ging unaufhaltsam, hurtiger schien sie dem Kaiser als je zuvor 
in seinem Leben. Zuweilen hatte er die beschamende Empfindung, daft 
sie ihm nicht mehr gehorchte wie einst, wie vor Jahren. - Vor Jahren! 
sagte er sich, und er rechnete nach, und er ertappte sich dabei, daft er 
zu denken und zu zahlen begann wie ein Greis. Fruher bestimmte und 
lenkte er allein den Gang der Stunden, sein Maft hatten sie und seine 
Fiille, seine Macht und seinen Namen verkiindeten sie in vielen Teilen 
der Welt. Heute gehorchten ihm noch vielleicht die Menschen, die Zeit 
aber rannte ihm davon, zerfloft und verschwamm, sobald er sie greifen 
wollte. Vielleicht gehorchten ihm nicht einmal mehr die Menschen! Er 
hatte sie eine Weile nur freigelassen. Ein paar kurze Monate hatten sie 
nicht mehr seinen zahmenden und lockenden Blick gespiirt, nicht den 



694 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

festen und schmeichelnden Griff seiner Hand, nicht den drohenden 
und zartlichen, den grollenden und den liisternen Ruf seiner Stimme. 
Gewifi, so war es, sie hatten ihn nicht vergessen - konnte man seines- 
gleichen vergessen?- aber sie waren seiner entwohnt. Ohne ihn hatten 
sie gelebt, manche auch gegen ihn und im Einvernehmen mit seinen 
koniglichen Feinden. Sie hatten sich daran gewohnt, ohne ihn zu le- 
ben. 

Er safi da, allein zwischen vielen und haufig wechselnden Menschen 
und Freunden. Bald kamen seine Briider, seine Schwestern, seine Mut- 
ter. Die Zeit ging, es wurde heller und warmer, der Fruhling von Paris 
wurde stark und prachtig, er sah fast aus wie ein Sommer. Die Amseln 
schmetterten in den Garten der Tuilerien, bedachtig und schwer be- 
gann schon der Flieder zu duften, die Nachtigall vernahm der Kaiser 
an manchen Abenden, wenn er allein durch den Garten ging, die 
Hande am Riicken, den Blick gesenkt auf den Kies der Wege. Der 
Fruhling war da. In solchen Stunden fiel ihm ein, dafi er ein ganzes 
Leben den ewigen Wechsel der Jahreszeiten so zur Kenntnis genom- 
men hatte, wie er gewohnt gewesen war, giinstige oder ungiinstige Ge- 
legenheiten wahrzunehmen, in seinem Sinne ausgefiihrte oder mifiver- 
standene Befehle, gelungene oder widerwartige Situationen, wohlwol- 
lende oder gehassige Launen der Natur. Die Erde war ein Terrain, der 
Himmel ein Bundesgenosse oder ein Gegner, der Hiigel ein Punkt der 
Beobachtung, das Tal eine Falle, der Bach ein Hindernis, der Berg eine 
Deckung, der Wald ein Hinterhalt, die Nacht eine Rast, der Morgen 
ein Angriff, der Tag eine Schlacht und der Abend ein Sieg oder eine 
Niederlage. So einfach war es fruher gewesen. - Vor Jahren! dachte der 
Kaiser. 

Er kehrte ins Haus zuriick. Er wollte das Bild seines Sohnes sehn. Es 
verlangte ihn in triiben Stunden eher nach seinem Kind als nach seiner 
Mutter. Aufiergewohnlich, wie er war, Erzeugnis einer Willkiir der 
Natur und ihre Ausgeburt, hatte er gleichsam auch ihre Gesetze ver- 
kehrt, und er war nicht mehr das Kind seines Geschlechts, sondern 
geradezu wie der Vater seiner Vorfahren. Von seinem Namen lebten 
seine Ahnen. Und die Natur war rachsuchtig - er kannte sie! Da sie 
ihm erlaubt hatte, Glanz den Vorfahren zu verleihen, mufite sie ihn 
seinen Nachkommen verweigern. - Mein Kind! dachte der Kaiser. Er 
dachte an seinen Sohn mit der Zartlichkeit eines Vaters, einer Mutter 
und mit der eines Kindes. Mein unseliges Kind! dachte der Kaiser. Er 



DIE HUNDERT TAGE 695 

ist mein Sohn - ist er auch mein Erbe? - 1st die Natur so wohltatig, dafi 
sie meinesgleichen wiederholt? Ich habe ihn gezeugt, mir ist er gebo- 
ren. Ich will ihn sehn. 

Er betrachtete das Bild, das pausbackige Antlitz des Konigs von Rom. 
Es war ein braves, rundliches Kind, wie es deren Tausende geben 
mochte, gesund und unschuldig. Ergeben sahen seine sanften Augen 
dem noch unbekannten, schrecklichen, schonen und gefahrlichen Le- 
ben entgegen. Es ist mein Blut! dachte der Kaiser. Er wird nichts mehr 
zu erobern haben, aber er wird bewahren konnen. Ich hatte ihm gute 
Ratschlage zu geben ... Ich kann ihn nicht sehn ! . . . 
Der Kaiser trat zwei Schritte zuruck. Es war spater Nachmittag, durch 
die offenen Fenster schwebten die Dammer ins Zimmer und schlichen 
langsam die Wande entlang. Das dunkle Kleidchen des kaiserlichen 
Sohnes verschwamm unsichtbar in ihnen. Bleich leuchtete nur noch 
sein liebliches und sehr femes Antlitz. 



VII 

Auf dem Tisch stand die Sanduhr aus geschliffenem Beryll. Durch ih- 
ren schmalen Hals floE der gelbliche, zarte Strahl des Sandes und iiillte 
unaufhaltsam die untere Schale. Sachte schien der Strahl zu fliefkn; 
schnell schien sich die untere Schale zu fiillen. So hatte der Kaiser seine 
Feindin, die Zeit, standig vor Augen. Er vergniigte sich manchmal da- 
mit, die Uhr umzustulpen, ehe sie abgelaufen war, ein kindisches Spiel. 
Er glaubte an die geheimnisvolle Bedeutung der Daten, der Tage, der 
Stunden. Am zwanzigsten Marz war er heimgekehrt. Am zwanzigsten 
Marz war ihm sein Sohn geboren. An einem zwanzigsten Marz hatte er 
einst einen seiner unschuldigen Feinde erschieften lassen, den Herzog 
von Enghien. Der Kaiser hatte ein gutes Gedachtnis. Die Toten eben- 
falls. Wie lange brauchte der Tote noch, um sich zu rachen? 
Der Kaiser horte den Gang der Stunden, auch im Gesprach mit Mini- 
stern, Freunden und Ratgebern und auch, wenn draufien vor den Fen- 
stern das jubelwutige Volk seine Rufe ausstiefi. Starker als das Heulen 
der Menge war die geduldige, gleichmaftige und eintonige Stimme der 
Uhr. Und er liebte sie mehr als die Stimme des Volkes. Das Volk war 
ein unzuverlassiger Freund, die Zeit war eine getreue, zuverlassige 
Feindin. Noch klangen in seinen Ohren die gehassigen Schreie, die er 



6<)6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vernommen hatte, als er vor zehn Monaten, geschlagen und ohnmach- 
tig, das Land verlassen hatte. Jeder jubelnde Ruf der Menge erinnerte 
ihn schmerzlich an alle gehassigen Rufe einer anderen. 
Ach! er mufite dennoch die Wankelmiitigen halten, selbst die Lugenden 
noch glauben machen, dafi sie ihn nicht belogen, und den Ungeliebten 
zeigen, dafi er sie liebe. Er beneidete seinen Feind, den alten, schwerfal- 
ligen Konig, der vor ihm geflohen war. Der Konig hatte im Namen 
Gottes regiert, und kraft seiner Ahnen hatte er Frieden gehalten. Er 
aber, der Kaiser, mufite Kriege fuhren. Er war nur der General seiner 
Soldaten. 



VIII 



Es war ein milder Vormittag im April. Der Kaiser verlieft das Schlofi. Er 
ritt durch die Stadt, in seinem grauen Soldatenmantel, auf seinem 
Schimmel, in seinen kriegerischen und dennoch delikaten Stiefeln aus 
zartem Chevreau, an denen die silbernen Sporen schimmerten, artig und 
gefahrlich, den schwarzen Hut auf dem gesenkten Haupt, das sich von 
Zeit zu Zeit und uberraschend emporreckte, als fiihre der Kaiser plotz- 
lich aus irgendeiner Versunkenheit auf. Er hielt das Tier im Schritt. Es 
trommelte mit seinen Hufen gleichmafiig, zartlich auf den Steinen. Es 
war den Menschen, die den Kaiser so voriiberreiten sahen, als vernah- 
men sie aus dem Getrappel der Schimmelhufe schon einen gemafiigten, 
liebenswiirdigen Ruf jener gefahrlichen Trommel, die zu den Kriegen 
ruft. Sie blieben stehn, entblofiten die Kopfe und riefen: »Es lebe der 
Kaiser !« - geriihrt, erschiittert und gewifi auch erschrocken von seinem 
Anblick. Dieses Bild, das er heute darbot, kannten sie von vieltausend 
Konterfeien her, in ihren Stuben hing es und in den Stuben ihrer 
Freunde, es schmiickte die Rander der Teller, aus denen sie jeden Tag 
aften, die Tassen, aus denen sie tranken, den metallenen Griff des Mes- 
sers, mit dem sie das Brot schnitten. Es war ein vertrautes, ein heimi- 
sches, ja ein heimliches Bild des groften Kaisers im grauen Mantel mit 
seinem schwarzen Hut, auf seinem weifien Roft. - Deshalb auch er- 
schraken sie manchmal, wenn sie es so lebendig erblickten: den lebendi- 
gen Kaiser, das lebendige Rofl, den wirklichen Mantel, den echten Hut. 
Er ritt ziemlich weit seiner Suite voran, Generale und Minister in prunk- 
vollen Kleidern folgten ihm in respektvollem Abstand. 



DIE HUNDERT TAGE 697 

Das gute, junge Sonnenlicht sickerte durch die hellgriinen, frischen 
Kronen der Baume an den Randern der Alleen und in den Garten von 
Paris. Den finsteren Geriichten, die aus vielen Teilen des Landes ka- 
men, mochten die Menschen heute nicht gerne glauben. Seit vielen Ta- 
gen sprach man von den Aufstanden der Konigstreuen im Lande gegen 
den Kaiser. Man erzahlte auch, dafi die Machtigen dieser Welt be- 
schlossen hatten, den Kaiser zu vernichten und Frankreich mit ihm. 
Wehrhaft und schrecklich standen die Feinde an alien Grenzen des 
Landes. Die Kaiserin war in Wien, im Hause ihres Vaters, des oster- 
reichischen Kaisers. Sie kam nicht heim, man liefi sie nicht nach Frank- 
reich zuriick. In Wien hielt man auch den Sohn des Kaisers gefangen. 
An alien Grenzen Frankreichs lauerte schon der Tod. Dennoch verga- 
fien die Menschen an diesem hellen Tage bereitwillig die finsteren Ge- 
riichte, den Krieg an den Grenzen und den lauernden Tod. Sie waren 
geneigt, den hellen Nachrichten zu trauen, welche die Zeitungen ver- 
breiteten. Da sie nun den Kaiser durch die Stadt reiten sahen, genau so, 
wie sie ihn zu kennen glaubten, machtig und besonnen, klug und grofi 
und kiihn, den Herrn der Schlachten, mitten im jungen Fruhling der 
Strafien von Paris, erschien es ihnen selbstverstandlich, dafi der Him- 
mel ihnen und dem Kaiser zugetan sei - und sie iiberliefien sich der 
trostlichen Melodie dieses seligen Tages und ihrer beseligten Herzen. 
Der Kaiser ritt nach Saint-Germain, es war der Tag der Parade. Der 
Kaiser hielt an. Er nahm den Hut ab. Er griifite das versammelte Volk 
von Saint-Germain, die Arbeiter und Soldaten. Er wufite, dafi die ein- 
fachen Menschen sein schwarzes, glattes Haar liebten und die glatte 
Locke, die ihm eigenwillig und doch gefugig in die Stirne fiel. Er war 
armer und einfacher vor den Armen und Einfachen, wenn er vor ihnen 
barhauptig erschien. Die Sonne naherte sich dem Mittag, sie brannte 
schon betrachtlich auf seinen entblofiten Kopf. Er hielt still. Er zwang 
sein Tier und sich selbst zu der monumentalen Unbeweglichkeit, deren 
Wirkung und Gewalt er seit Jahren kannte. Aus der Menge des Volkes, 
in der vielhundert rote Kopftucher der Frauen aufgluhten, stieg der 
wohlbekannte sauerliche und fette Geruch des Schweifies empor, der 
uble Duft der Armen, die Feste feiern, der Geruch ihrer freudigen Er- 
regung. Ruhrung ergriff den Kaiser. Er behielt den Hut in der Hand. 
Er liebte das Volk nicht, er mifitraute seinem Jubel, seiner Begeiste- 
rung und seinem Geruch. Und er lachelte dennoch, auf seinem Schim- 
mel, unbeweglich, der Liebling dieses Volkes, ein Kaiser und ein Stein. 



698 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

In starren Karrees standen die Soldaten, seine alten Soldaten. Wie gli- 
chen sie einander alle, die Feldwebel, die Korporale, die Gefreiten, alle, 
die der Tod verschont und die ihre heimische, burgerliche, sauerliche 
Armut wieder aufgenommen hatte. Ein Name nach dem andern fiel 
dem Kaiser ein. An den und jenen erinnerte er sich genau, er hatte den 
und jenen aufrufen konnen. Es kam kein Ton aus seinem Herzen. Er 
schamte sich. Man liebte ihn - er schamte sich, dafi man ihn liebte, weil 
er nur Mitleid mit den Liebenden haben konnte. Er safi auf seinem 
hellbesonnten und also doppelt strahlenden Schimmel, das Haupt ent- 
blofit, umbraust und bedrangt von den Rufen. Innerhalb des Karrees 
der alten Soldaten begannen jetzt die Tamboure zu trommeln. Wie gut, 
dafi sic trommelten! Jetzt schwenkte er den Hut - und wahrend er die 
Ziigel ein wenig lockerte und den Druck seiner Schenkel milderte, der- 
mafien, dafi der Schimmel ihn begriff und auf der Stelle tanzelte, be- 
gann der Kaiser zu sprechen - und es war den Menschen aus dem 
Volk, als sprachen die Trommeln, die sie soeben vernommen hatten, 
nunmehr in menschlicher, kaiserlicher Sprache. »Meine Kameraden«, 
begann der Kaiser, »Genossen meiner Schlachten und meiner Siege, 
Zeugen meines Gliicks und meines Ungliicks . . .« 
Der Schimmel spitzte die Ohren und riihrte leise den Vorderhuf im 
Takt der kaiserlichen Worte. 

Die Sonne stand im Mittag, sie glu'hte jugendlich und milde. 
Der Kaiser setzte den Hut auf und stieg vom Pferde. 



IX 

Er naherte sich den Menschen. Ihre Liebe schlug ihm entgegen mit 
ihrem Atem, sie strahlte aus ihren Gesichtern kraftig wie heute die 
Sonne vom Himmel, und auf einmal war es ihm, als ware er immer 
ihresgleichen gewesen. In diesem Augenblick sah sich der Kaiser selbst 
ebenso, wie ihn seine Anbeter sahen, auf vieltausend Bildern, auf den 
Tellern, auf den Messern, an den Wanden der Stuben, schon eine Sage 
und noch lebendig. 

Nach diesem Volk hatte er sich lange Monate in der Verbannung ge- 
sehnt. Es war das Volk von Frankreich, so kannte er es. Es war schnell 
bereit, zu lieben und zu hassen. Es war feierlich und spottisch, leicht 
zu begeistern, schwer zu uberzeugen, stolz im Elend, grofimutig im 



DIE HUNDERT TAGE 699 

Gliick, glaubig und leichtfertig im Sieg, bitter und rachsiichtig im Un- 
gliick, spielerisch und kindlich im Frieden, unerbittlich und unwider- 
stehlich in der Schlacht, leicht enttauscht, zutraulich und mifitrauisch 
zugleich, vergeElich und rasch durch ein treffliches Wort zu versoh- 
nen, ewig zum Rausch bereit und immer voller Liebe zum Mafi. Dies 
war das Volk der Gallier, das Volk von Frankreich. So liebte es der 
Kaiser. 

Er hatte kein Mtfkrauen mehr. Sie umringten ihn. Sie schrien in seiner 
Nahe: »Es lebe der Kaiser!«, wahrend er mitten unter ihnen stand, in 
ihrer Mitte, und es war also, als wollten sie ihm beweisen, dafi sie auch, 
wenn er in ihrer Mitte stand, nicht vergessen konnten, er sei ihr Kaiser. 
Ihr Kind war er und ihr Kaiser. 

Er umarmte einen alteren Unteroffizier. Der Mann hatte ein dusteres, 
gelbliches, kiihnes, knochernes Antlitz, einen graumelierten, gewaltig 
herabhangenden und sauber gestrahlten Schnurrbart, er uberragte den 
Kaiser wohl um einen Kopf, und es war, wahrend sie sich umschlun- 
gen hielten, als hatte sich der Kaiser in den Schutz des mageren, kno- 
chernen Unteroffiziers begeben, Der Mann neigte das Haupt linkisch, 
ein wenig lacherlich, von seiner eigenen, ungelenken Grofie und auch 
von der korpulenten Kleinheit der Majestat behindert, und lieft sich 
auf die rechte Wange kiissen. Der Kaiser schmeckte den Geruch der 
gelblichen Haut, den scharfen Essig, den der Mann auf seine frischra- 
sierten Wangen getan hatte, den Schweift, der ihm in winzigen Tropfen 
von der Stirn perlte, den Tabak auch, der aus seinem Munde diinstete. 
Auf einmal war dem Kaiser das ganze Volk vertraut und heimisch. J a, 
das war der Geruch des Volkes, das die Soldaten gebar, die wunderba- 
ren Soldaten des franzosischen Landes, so roch die Treue selbst, die 
Treue der Soldaten: nach Schweifi, Tabak, Blut und Essig. Indem der 
Kaiser einen einzigen kiifke, umarmte, kiifke und roch er das ganze 
Volk, seine ganze grofte Armee, alle ihre Toten und ihre iiberlebenden 
Erben. Indessen war es dem Volk, das den fetten und kurzen Korper 
des Kaisers von dem langen, mageren und knochernen Unteroffizier 
umschlungen und wie beschiitzt sah, als wiirde es ganz, so wie es da- 
stand, vom Kaiser umarmt, als umarmte es selber den Kaiser. Tranen 
erfullten die Augen der Zuschauer, und mit heiseren Stimmen briillten 
sie; »Es lebe der Kaiser !« — und die Wollust zu weinen beengte ihre 
jubelnden Kehlen. Der Kaiser loste seine Arme. Der Mann trat drei 



700 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schritte zuruck. Er erstarrte, der alte Soldat. Unter seinen buschigen, 
strotzenden Brauen leuchteten seine kleinen, schwarzen Augen, erge- 
bene, gefahrliche Feuerchen der Treue. 
»Wo hast du gekampft?« fragte der Kaiser. 

»Bei Jena, Austerlitz, Eylau, Moskau, mein Kaiser !« erwiderte der Un- 
teroffizier. 
»Wie heifit du?« 

»Lavernoile, Pierre Antoine!« schmetterte der Unteroffizier. 
»Ich danke Ihnen«, rief der Kaiser mit Jauter Stimme, so daft ihn alle 
horen mufiten, »ich danke Ihnen, Leutnant Pierre Antoine Laver- 
noile!« - 

Der neue Leutnant erstarrte abermals. Er trat noch einen Schritt zu- 
riick, er hob seine magere, braune Hand, schwenkte sie wie ein Fahn- 
chen und schrie mit erstickter Stimme: »Es lebe der Kaiser!« Er trat in 
die Reihe der Kameraden zuruck, aus der ihn der Kaiser hervorgeholt 
hatte, und halblaut erzahlte er alien, die sich um ihn sammelten: 
»Denkt euch, er hat mich sofort erkannt! Du warst, sagte er, bei Jena, 
Austerlitz, Eylau und in Moskau, mein Jieber Lavernoile! Du hast 
noch keine Auszeichnung. Du wirst sie haben. Ich ernenne dich zum 
Leutnant. « 

»Uns alle kennt er«, sagte einer der Unteroffiziere. 
»Er hat keinen einzigen vergessen!« sagte ein anderer. 
»Er hat ihn erkannt«, tuschelten Dutzende. »Er kannte ihn beim Na- 
men. Er kannte sogar seine beiden Vornamen: Pierre Antoine Laver- 
noile, sagte er, ich kenne dich.« 

Indessen bestieg der Kaiser wieder das Pferd. Lavernoile, dachte er, 
armer, grofter Lavernoile! Gliicklicher Lavernoile! - Der Kaiser zieht 
den Hut, und alien sichtbar, aufrecht in den Steigbiigeln, ruft er mit 
jener Stimme, die gewohnt ist, im Larm der Kanonen gehort und ver- 
standen zu werden: »Volk von Paris!* ruft er. »Es lebe Frankreich!« 
Er wendet sein Pferd. Und alle sturzen ihm nach - und trennen ihn, 
sein strahlendes Tier und seinen grauen Mantel von seiner Suite. Es 
sind viele hundert Menschen, Manner in Uniform und in Zivil und 
Frauen, deren rote Kopftiicher in der jugendlichen Sonne flackern. 



DIE HUNDERT TAGE J01 

X 

Er kehrte heim, beschamt, miide und traurig. Immer wieder mufite er 
unbekannte, arme Menschen umarmen, ihnen Titel und Orden geben, 
urn sie werben und sie kaufen. Sie liebten ihn. Ihm waren sie gleichgiil- 
tig. Er schamte sich. Noch einen Lavernoile umarmen! Hiefi er auch 
so: » Lavernoile ?« Vieltausend Unteroffiziere gab es in der grofien Ar- 
mee des Kaisers, vielhunderttausend Soldaten. Er schamte sich, der 
grofie Kaiser der kleinen Lavernoiles . . . 



XI 



Der Kaiser befahl, dafi in jeder Stadt des Landes je hundert Kanonen- 
schiisse abgefeuert wiirden. Dies war seine Sprache. Auf diese Weise 
gab er dem Volke kund, dafi er liber die aufstandischen Feinde, die 
Freunde des Konigs, gesiegt hatte. 

Die Kanonen drohnten durch das ganze Land und widerhallten mit 
gewaltigem Echo. Die Menschen hatten lange Zeit keinen Kanonen- 
donner gehort. Sie erschraken, da sie ihn nunmehr vernahmen. Sie er- 
kannten wieder einmal die Stimme des heimgekehrten, gewaltsamen 
Kaisers. Auch den Frieden noch verkundete er mit Geschiitzen. 
Der Bruder des Kaisers sagte: »Es ware besser gewesen, die Glocken 
lauten zu lassen, nicht die Kanonen abzuschiefien.« 
»Ja«, erwiderte der Kaiser. »Ich liebe die Glocken, du weifit es! Ich 
hatte sie gerne gehort. Aber: die Glocken - damit warte ich noch. Ich 
werde sie lauten lassen, wenn ich die machtigen Feinde besiegt habe, 
die wirklichen.« 

»Wen meinst du?« fragte der Bruder. 
Der Kaiser sagte langsam und feierlich: »Die ganze Welt!« 
Der Bruder erhob sich. Er hatte in diesem Augenblick Angst vor der 
ganzen Welt, die der Feind des Kaisers war, aber auch Angst vor die- 
sem Bruder, der die ganze Welt zum Feind hatte. Draufien noch, vor 
der Tur, bevor er eingetreten war, hatte er Mitleid mit dem Kaiser und 
Furcht um ihn empfunden, und er hatte sich vorgenommen, Furcht 
und Mitleid im Angesicht des Kaisers nicht zu zeigen. Wie er nun aber 
vor ihm stand, erlag er, wie seit Jahren, dem kaiserlichen Blick und der 
kaiserlichen Stimme. Es war dem Bruder, als ware er einer der namen- 
losen Grenadiere des gewaltsamen Kaisers. 



702 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Setz dich«, sagte der Kaiser, »ich habe dir sehr Ernstes zu sagen. Nur 
dir, dir allein, kann ich es sagen: Ich hatte lieber die Glocken lauten 
lassen, aber ich habe die Kanonen befohlen, weil die Glocken eine 
Luge gewesen waren - eine Liige - und ein Versprechen, das ich nicht 
halten kann. Noch ist kein Friede, mein Bruder! Ich mufi die Men- 
schen mit den Kanonen vertraut machen. Ich mochte den Frieden, sie 
zwingen mich zum Krieg. Wenn mein Postmeister ihnen nicht die 
Pferde vorenthalten wiirde - alle Gesandten aller Lander hatten langst 
Paris verlassen. Sie sind beim Konig akkreditiert gewesen. Sie sind 
nicht beim Volk von Frankreich und nicht bei seinem Kaiser zu Gast. 
Oh, sie hassen mich noch mehr, als ich sie verachte. An den Grenzen 
fangen sie meine Boten ab. An die Kaiserin gelangt keiner meiner 
Briefe. Oh, mein Bruder! Wenn man aus unserer Familie kommt, 
kennt man die grofie Welt nicht genau. Das ist unser Irrtum, mein 
Bruder, der Irrtum der Kleingeborenen. Ich habe die Konige gedemii- 
tigt, aber von mir gedemutigt zu werden, von meinesgleichen, von un- 
seresgleichen, macht sie nicht klein. Es macht sie rachsiichtiger, als sie 
schon sind. Der letzte meiner Grenadiere hat mehr Adel als sie. Es war 
leicht, die armseligen Aufstandischen im Lande zu besiegen. Das ver- 
dient noch keinen Glockenklang. Es gibt noch mehr Feinde, auch im 
Lande: die Abgeordneten. Sie sind nicht das Volk: Sie sind die Ge- 
wahlten des Volkes. Das Parlament! Ihm bin ich untertan. Aber ich 
allein darf die Freiheit wollen, ich allein, weil ich machtig genug bin, 
sie zu erhalten. Ich bin der Kaiser der Franzosen, weil ich ihr General 
bin.« 

»Also wirst du Krieg fuhren«, sagte leise der Bruder. 
»Krieg«, antwortete der Kaiser. 



XII 



Er brauchte dreihunderttausend neue Gewehre. Er befahl sie. Und es 
begann in alien Fabriken des Landes ein gewaltiges Hammern und 
Schmieden und Gieflen und Loten und Schweifien. Er brauchte Man- 
ner fur die neuen dreihunderttausend Gewehre. Und die jungen Man- 
ner des ganzen Landes verliefien ihre Braute, ihre Mutter, ihre Frauen 
und ihre Kinder. Er brauchte Nahrungsmittel. Und alle Backer des 
Landes begannen mit dreifachem Eifer, haltbare Brote zu backen, und 



DIE HUNDERT TAGE 703 

alle Fleischer im Lande begannen, ihre Ware einzusalzen, damit sie 
lange dauere, und alle Schnapsbrenner brannten zehnmal mehr 
Schnaps als sonst, den Schnaps, das Getrank fiir die Schlachten, das die 
Feigheit mutig macht und die Mutigen noch mutiger. 
Er befahl, er befahl. Wolliistig genofi er den Gehorsam seines Volkes; 
und aus dieser Wollust noch bezog er Kraft zu neuen Befehlen. 



XIII 



Es regnete heftig, als der Kaiser das andere Schlofi bezog, das Elysee, 
das aufierhalb der Stadt lag. Man horte nichts mehr als den kraftigen, 
regelmafiigen Aufschlag der starken Regenschniire auf die dichten 
Baumkronen im Park. Man horte nicht die Stimmen der Stadt und 
nicht mehr die getreuen und zudringlichen Rufe des Volkes: Es lebe 
der Kaiser! Es war ein guter, warmer, frtihsommerlicher Regen. Die 
Felder brauchten ihn, die Bauern segneten ihn, die Erde gab sich ihm 
willig und sehnsuchtig preis. Der Kaiser aber dachte daran, dafi der 
Regen die Eigenschaft hat, den Boden aufzuweichen, so daft die Solda- 
ten es nicht leicht haben vorwarts zu marschieren. Der Regen durch- 
trankt die Kleider der Soldaten. Der Regen macht den Feind fast un- 
sichtbar (unter Umstanden). Der Regen macht die Soldaten feucht und 
krank. Man braucht die Sonne, wenn man einen Feldzug plant. Die 
Sonne macht bedenkenlos und heiter. Die Sonne macht die Soldaten 
trunken und die Kopfe der Generate klar. Der Regen nutzt nur dem 
Feind, der nicht angreift, sondern der den Angriff abwartet. Der Regen 
macht den Tag fast zu einer halben Nacht. Wenn es regnet, denken 
diejenigen Soldaten, die Bauern waren, an ihre heimatlichen Acker, 
hierauf an ihre Kinder, hierauf an ihre Frauen. Der Regen war der 
Feind des Kaisers. 

Seit einer Stunde wohl stand er am offenen Fenster und lauschte dem 
standigen Rauschen mit einer ergebenen und miiden Andacht. Er sah 
das ganze Land, das ganze Land, dessen Kaiser und oberster Herr er 
war, aufgeteilt in Acker, Garten und Walder, in Dorfer und in Stadte. 
Er sah vieltausend Pfluge, er horte das bedachtige Sirren der Sensen 
und das schnellere, kurze Schwirren der Sicheln. Er sah die Manner in 
den Scheunen, in den Stallen, in den Schobern, in den Mlihlen, jeden 
der Manner in friedlicher Liebe der Arbeit ergeben, auf die warme 



704 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Suppe wartend nach vollendetem Tag und hierauf auf den wolliistigen 
Schlaf in den Armen seiner Frau. Sonne und Regen, Wind und Tag, 
Nacht und Nebel, Warme und Kalte waren den Bauern vertraut, gute 
oder unangenehme Gaben des Himmels, jedenfalls immer vertraute. 
Zuweilen stieg eine alte, in den Tiefen der kaiserlichen Seele verbor- 
gene, niemals in den wirren Jahren seiner Siege und Niederlagen ge- 
fiihlte Sehnsucht in dem Kaiser auf: das Heimweh nach der Erde. 
Ach!- auch seine Vorfahren waren einmal Bauern gewesen! 
Der Kaiser, das Gesicht zum Fenster gewendet, blieb allein mit der 
Dammerung. In das Zimmer drang nun der bittere Duft der Erde und 
der Blatter, vermischt mit dem siifien der Kastanienkerzen und des 
Flieders, dem feuchten Atem des Regens, der nach Verwelkung riecht 
und nach fernem Tang. Es raschelte gut durch die gute Dammerung, 
friedlich sprachen miteinander der Regen, der Abend und der Park. 
So wie er war, barhauptig, verliefi der Kaiser das Zimmer. Er wollte in 
den Park, den siifien Regen fiihlen. Uberall im Hause brannten schon 
die Lichter. Der Kaiser schritt schnell, fast zornig, durch die satte Hel- 
ligkeit, mit gesenktem Haupt an den Garden vorbei. Er ging in den 
Park, wandelte auf und ab, die Hande am Riicken, immer hin und .. 
zuriick, durch die gleiche kurze und breite Allee und lauschte der em- 
sigen Sprache des Regens und der Blatter. 

Plotzlich horte er rechts, zwischen dem dichten Dunkel der Baume, 
ein Gerausch, das ihm merkwiirdig erschien und auch verdachtig. Es 
gab Menschen, die ihn toten wollten, er wufite es. Einen Augenblick 
dachte er daran, dafi es fur einen Kaiser seiner Art ein lacherliches 
Ende ware, im friedlichen Park, mitten in diesem torichten, guten Re- 
gen, ein kummerliches Attentat, ein kummerlicher Tod. Er trat zwi- 
schen die Baume, auf den aufgeweichten Boden, ging in die Richtung, 
aus der die Stimme zu kommen schien, und er erblickte, bestiirzt und 
zugleich erheitert, ein paar Schritte vor sich eine Frau. Ihre weifte 
Haube schimmerte. »Hierher!« rief der Kaiser. »Hierher!« rief er noch 
einmal, da sich die Frau nicht riihrte. Jetzt kam sie naher. Jetzt stand 
sie dem Kaiser gegeniiber, kaum zwei Schritte von ihm entfernt. Es 
war, ohne Zweifel, eine Frau vom Gesinde. Wahrscheinlich, dachte der 
Kaiser, hat sie ein Mann verlassen. Die alten Geschichten! (Sie amii- 
sierten ihn, die gewohnlichen, die ganz gewohnlichen Geschichten.) 
»Warum heulst du?« fragte der Kaiser, »und was machst du hier?« 
Die Frau antwortete nicht, sie lieft den Kopf sinken. 



DIE HUNDERT TAGE 705 

»Antworte!« befahl der Kaiser. »Komm naher!« - Die Frau trat ganz 
nahe an ihn heran. 

Jetzt konnte er sie sehen. Sie war gewifi eines seiner Madchen vom 
Gesinde. 

Die Frau fiel nieder in die Knie, auf die nasse Erde. Sie hielt den Kopf 
gesenkt. Ihr Haar beriihrte fast den Rand seiner Stiefelschafte. Er 
neigte sich zu ihr hinunter. Jetzt sagte sie etwas. »Der Kaiser«, sagte 
sie. Und nach einer Weile: »Napoleon! - mein Kaiser !« 
»Aufstehn!« befahl der Kaiser. »Sag, was los ist!« 
Sie mochte Ungeduld und auch Gefahr in seiner Stimme spiiren. Sie 
erhob sich. »Erzahlen!« befahl der Kaiser. Er ergriff ihren Arm und 
fuhrte sie in die Allee. Er blieb stehen, lief? sie los und befahl noch 
einmal: »Erzahlen!« 

Jetzt sah er im Widerschein, der aus den Fenstern in die Allee fiel, daft 
die Frau jung war. 

»Ich werde dich bestrafen lassen!« sagte der Kaiser - und zugleich 
strich er mit der Hand iiber das nasse Angesicht der Frau. »Wer bist 
du?« 

»Angelina Pietri!« sagte die Frau. 

»Aus Korsika?« fragte der Kaiser - der Name war ihm vertraut. 
»Ajaccio!« fliisterte die Frau. 
»Lauf ! - Schnell!« befahl der Kaiser. 

Die Frau wandte sich urn, hob den Rock mit beiden Handen, lief iiber 
den Kies und verschwand urn die Ecke. 

Er ging langsam weiter. Ajaccio! dachte er, Angelina Pietri aus Ajac- 
cio. 

Er liefi sich umkleiden. Er fuhr heute in die Oper. Er kam mitten in 
den zweiten Akt. Er stand aufrecht in der Loge, den Hut auf dem 
Kopf. Uber der samtenen, dunkelroten Briistung schimmerte ein blen- 
dendes Stuck seiner schneeweifien Reithose. Die Leute erhoben sich 
und sahen starr auf die Briistung, und die Kapelle spielte die Marseil- 
laise. 

»Es lebe der Kaiser!« rief von der Biihne her ein Schauspieler. Das 
ganze Haus antwortete: »Es lebe der Kaiser !« 

Er winkte und verlieE wieder die Loge. Auf der Treppe wandte er sich 
zum Adjutanten und sagte: »Notieren Sie: Angelina Pietri aus Ajac- 
cio. « 
Er vergafi sofort wieder den Namen. Er dachte nur noch: Ajaccio. 



J06 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XIV 

Er brauchte Waffen, Soldaten und eine grofie Parade. 
Vor den gewahlten Abgeordneten des Volkes, die er geringschatzte, 
vor seinen Soldaten, die er liebte, vor den Priestern des Glaubens, den 
er nicht achtete, und vor dem Volk von Paris, dessen Liebe er furch- 
tete, gedachte der Kaiser, sich zu zeigen als der Beschiitzer des Landes 
und der Freiheit. Fur ein paar Stunden an diesem Tage ruhten alle 
Werkstatten, in denen man den Krieg vorbereitete. Es ruhten die 
Schmiede und die Schlosser. Aber die Muller, die Backer, die Fleischer 
und die Schnapsbrenner arbeiteten fur das Fest. Fur diesen Tag durften 
die Soldaten die neuen Uniformen anziehn, die man ihnen fur den 
Krieg bereitet hatte. 

Der Zeremonienmeister verfafite den Plan zu einer grofiartigen und 
langwierigen Zeremonie. 

Das Fest fand am ersten Juni statt. Dieser Tag war einer der warmsten 
Tage seit der Heimkehr des Kaisers. Es war ein heifier und reifer Som- 
mertag. Es war eine seltsame, um diese Zeit des Jahres nie gekannte 
Hitze. Das Jahr verriet iiberhaupt eine eilfertige Reife. Schon verbliihte 
der Flieder. Schnell waren die Maikafer verschwunden. Schon breite- 
ten sich machtig und tiefgriin die grofien Blatter der Kastanien. In den 
Waldern reiften langst schon die Erdbeeren. Gewitter brachen haufig 
und mit hochsommerlicher Wucht hernieder. Die Sonne brannte, ihr 
Glanz war grausam. Auch an heiteren, wolkenlosen Tagen schossen 
die Schwalben sehr tief, fast knapp iiber dem Pflaster der Strafien da- 
hin, wie sonst, in anderen Jahren, nur kurz vor dem Regen. Man 
sprach von kommendem Unheil, hier und dort, laut und leise. Die 
Zeitungen des Landes versicherten den Frieden. Aber in alien Dorfern, 
in alien Stadten hob man neue Rekruten aus und holte wieder die aken 
Soldaten in die Armee. Und man horte auch nicht ohne Schrecken das 
fleifiige Hammern der Waffenschmiede, und man vernahm mit Entset- 
zen beim Fleischer von den Bestellungen des Staates, und man sah auf 
den Exerzierplatzen den unheilverkundenden Eifer der iibenden Sol- 
daten. Und man erhob sich an diesem festlichen Tage neugierig zwar, 
aber auch mifimutig. 

Schon begann die Feier auf dem groften Festplatz. Von jedem Regi- 
ment sah man Abgeordnete, Offiziere, Unteroffiziere, Soldaten; zwei- 
hundert Manner trugen die blinkenden Adler des Kaisers aus Messing 



DIE HUNDERT TAGE 707 

und Gold; hier standen die Wiirdentrager der Ehrenlegion, hier die 
Staatsrate, dort die Professoren der Universitat, die Richter, die Rate 
der Stadt, die Kardinale, die Bischofe, die kaiserliche Garde und die 
Garde Nationale. Es blitzten die Sabel und die Bajonette von fiinfund- 
vierzigtausend Bewaffneten. Es donnerten hundert Kanonen. Ringsum 
stauten sich die Menschen aus dem Volke, unzahlbar, namenlos, neu- 
gierig, armselig und voller Eifer. Die Sonne brannte immer starker auf 
den weiten, schattenlosen Platz. Man horte von Zeit zu Zeit einen har- 
ten Kommandoruf, einen kurzen Trommelwirbel, die schmetternde 
Trompete, das scheppernde Rasseln der Waff en, den dumpfen Auf- 
schlag der Gewehre auf den Boden. Man wartete. Und immer grausa- 
mer gliihte die Sonne. 

Nun horte man den Kaiser kommen. Er kam in einer vergoldeten Ka- 
rosse, gezogen von acht Pferden, die weifien Federbiische auf ihren 
Hauptern schwankten iibermutig, stolze, silberne Flammchen; zu bei- 
den Seiten seines Wagens ritten seine Marschalle. Griin, rot und golden 
waren seine Pagen gekleidet. Dragoner und berittene Grenadiere folg- 
ten hinterdrein. Der Kaiser kam. Man erkannte ihn kaum in seinem 
perlmutterfarbenen Mantel, in seinen Hosen aus weifiem Satin, unter 
seinem schwarzen Velourhut mit weifien Federn. Man erkannte ihn 
kaum in der Begleitung seiner weifigekleideten Briider. Er bestieg die 
Tribune, einen iibermafiig erhohten Thron. Zu beiden Seiten standen 
seine Briider, unter ihm Kanzler, Minister und Marschalle. Man er- 
kannte sie alle kaum. Zu prachtig waren sie. 

Er selbst fuhlte sich einsam wie noch nie. Er fiihlte, dafi man ihn nicht 
erkannt hatte. Er stand da, allein auf seinem erhabenen Thron, unter 
blauem Himmel, unter der heiften Sonne, hoch iiber dem Volk und 
den Soldaten, zwischen dem Himmel, der weit, blau, heiter und ratsel- 
haft war, und seinen Zuhorern, die ebenfalls weit und ebenso ratselhaft 
waren. 

Er begann zu sprechen, Er vertraute der Kraft seiner Stimme. Aber 
heute klang ihm auch die eigene Stimme fremd: »Wir wollen nicht den 
K6nig«, schrie er, »den unsere Feinde wollen. Vor die Wahl gestellt, 
zwischen dem Krieg und der Schande zu wahlen, wahlen wir den 
Krieg. ..« 

Vor ein paar Tagen noch, als er die Worte niedergeschrieben hatte, 
waren sie ihm sehr einfach und selbstverstandlich gewesen. Er kannte 
die Franzosen. Die Ehre war ihr Gott, die Schande der Teufel. Sie 



708 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

waren die besten Soldaten der Welt, denn die Gottin der Ehre befeh- 
ligte sie, die unerbittlichste Herrin der Krieger. Er aber, der Kaiser, 
welchem Gott gehorchte er selbst? 

Diese Frage begann ihn zu peinigen, wahrend er mit einer fremden 
Stimme sein Manifest hersagte. Zum erstenmal sprach er zu den Fran- 
zosen von einer ubermafiig erhohten Tribune aus, zum erstenmal war 
er angetan mit einem perlmutterfarbenen, seidenen Umhang, zum er- 
stenmal trug er einen fremden Hut mit fremden Federn auf dem Kopf. 
Zum erstenmal glaubte er, die unerbittlich wiiste Leere der korperli- 
chen Einsamkeit zu fiihlen. Ach! Es war nicht die Einsamkeit, die ihm 
immer wohlbekannt und vertraut gewesen war! Es war nicht die Ein- 
samkeit der Machtigen, auch nicht die der Verratenen, auch nicht die 
der Verbannten, und auch nicht die der Gedemutigten. Hier, auf dieser 
ubermafiig erhohten Tribune herrschte die Einsamkeit der korperlich 
Verlassenen. Er war sehr arm in seiner Hohe, der grofie Kaiser. Er 
konnte kein einziges der vieltausend Gesichter sehn. Er sah nur liber 
die Kopfe, iiber die Miitzen, die Zweispitze, die Hike hinweg und weit 
im Hintergrund erst die unkenntlichen Gesichter der Menge, die man 
»das Volk« nannte. Und seine Worte klangen ihm selbst fremd und 
leer, und ihre Feierlichkeit schien ihm ebenso wiist wie seine Einsam- 
keit. Er fiihlte sich auf dieser Tribune wie auf einem seltsamen lacherli- 
chen Gerat und so, als stiinde er auf einem Thron und zugleich auf 
Stelzen. Sein Kleid war eine Verkleidung, die Versammlung ein Publi- 
kum, die Wurdentrager und er selbst waren Schauspieler. Er war im- 
mer gewohnt gewesen, seine Satze mitten unter den Soldaten, angetan 
mit seiner gewohnten Uniform, zu sprechen, den Atem der Versam- 
melten zu spiiren, den geliebten Schweifi- und Tabakgeruch der Solda- 
ten, das scharfe Leder und die beizende Stiefelwichse. Jetzt aber stand 
er hoch iiber diesen Geriichen, arm und grofi und leer und verkleidet, 
allein unter der gliihenden Sonne. Selbst die gewichtlosen Federn auf 
seinem Hut fiihlte er wie eine schwere Last, Federn aus zwecklosem, 
torichtem und wuchtigem Blei. Plotzlich nahm er den Hut ab, er rift 
ihn sich geradezu vom Kopfe. Nun sah man von alien Seiten sein ver- 
trautes, dunkles, glanzendes Haar. Hierauf warf er mit einem kraftigen 
Ruck seiner Schultern den Mantel ab - und es war, als hatten die Schul- 
tern den Mantel weggeschleudert, wie es sonst nur Hande konnen. 
Jetzt sahen ihn alle in seiner vertrauten Uniform, genau so, wie er ab- 
gebildet war an hunderttausend Wanden, auf den Tellern, auf den Mes- 



DIE HUNDERT TAGE 709 

sern, in alien Stuben, in alien Hiitten vieler Lander. Und mit einer 
veranderten Stimme, das heifit, mit seiner alten, wohlbekannten, rief 
er: »Und ihr, Soldaten, meine Briider im Leben und vor dem Tod, 
Kameraden meiner Siege !«... Es wurde ganz still. Die Stimme des 
Kaisers drohnte durch die heifie Luft. Die Abgeordneten und die 
Wurdentrager horten nicht mehr zu, sie sehnten sich nach einem 
Schatten. Das Volk aber und die Soldaten waren zu weit vom Kaiser 
entfernt. Sie verstanden nur jedes dritte Wort. Aber sie sahen jetzt den 
Kaiser genau so, wie sie ihn liebten. Und also riefen sie: »Es lebe der 
Kaiser !« 

Der Kaiser beendete hastig seine Rede. Er eilte die Stufen hinunter, 
den Rufen der Versammelten entgegen. Es war im Zeremoniell vorge- 
schrieben, dafi er mit gewich tiger Langsamkeit diese Treppe hinunter- 
zusteigen hatte. Ihn aber uberfiel die Ungeduld eines Heimkehrenden. 
Zu lange hatte er hoch oben verharrt in der Heimatlosigkeit. Immer 
schleuniger wurde sein Schritt. Und einem Soldaten mehr gleich als 
einem Kaiser sprang er schon fast von der letzten Stufe zu Boden. 
Man sah oben, auf der verlassenen Tribune, seinen perlmutterfarbenen 
Umhang, schlaff und kummerlich, einen armen, prachtigen, abgewor- 
fenen Irrtum des Kaisers. Seinen Hut mit den weifien Federn hatte 
einer der Wurdentrager aufgehoben. Er trug ihn jetzt feierlich und rat- 
ios in beiden Handen. Das Volk und die Soldaten drangten sich schon 
vor den freigebigen Zelten der Marketender. Man begann bereits, 
Schnapse, Blutwiirste und Brote zu verschenken. 
Mittag war langst vorbei. Aber die Sonne brannte weiter, unersattlich, 
festlich und sehr grausam. 



XV 

Auf diese feierliche Weise hatte der Kaiser dem Volke von Frankreich 
die Freiheit beschworen. Es schien also, als sei er nicht mehr der ge- 
waltsame Kaiser von einst. Aber die Menschen im Lande horten nur 
den Larm der Waffen, den Gesang der Soldaten, der alten Soldaten, die 
nach langen Monaten in ihre Kasernen heimkehrten, und den Gesang 
der jungen Rekruten. Der Kaiser berief die Armee, es war kein Zwei- 
fel. Die Menschen glaubten den Zeitungen nicht mehr, die schrieben, 
alle Machte der Welt wollten sich bald mit dem Kaiser versohnen. Die 



710 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Liigen flatterten iiber die Stadte und Dorfer, falsche, bunte Zauber- 
taubchen, in Schwarmen erhoben sie sich aus den Zeitungen, kamen sie 
aus den Miindern der Schleicher, der Horcher, der Schwatzer und der 
Alleswisser. Sie kreisten auch iiber den Kopfen der Soldaten, die aus 
alien Richtungen nach der Hauptstadt zu marschieren hatten und aus 
der Hauptstadt weiter nach Nordwesten. Es mufite also Krieg werden, 
und die buntbefliigelten Nachrichten waren Liigen. Ach, das Volk von 
Frankreich kannte alle die Anzeichen, die der Krieg vorausschickt. Ein 
grofies Entsetzen verbreitete sich iiber Nacht in alien Teilen des Lan- 
des auf einmal. Die bun ten Taubchen, die Liigen vom Frieden, 
schwarmten nicht mehr in den Luften; umgekommen waren sie in dem 
grofien Entsetzen, in dem grausamen Schweigen, in dem sich die 
Wahrheit allein verkiindete: die Wahrheit vom kommenden Krieg. 
Nachtens brannten die Wachtfeuer der Soldaten, die unterwegs auf 
dem Marsch nach Nordwesten Rast gemacht hatten. Des Morgens 
drohnten ihre Trommeln durchs Land. Auf den heifien, trockenen 
Strafien marschierten sie, bliihende Felder zu beiden Seiten, das Brot 
sahen sie heranreifen, sie fragten sich, ob sie es auch einmal wiirden 
essen konnen. Vielleicht waren sie tot, noch ehe dieses Korn gemahlen 
war, vielleicht waren sie selbst schon ein Teil der Erde, ein Dunger der 
Acker - und wer weifi, welcher fremden Acker? Und die alteren unter 
den Soldaten, die schon viele Kriege des Kaisers mitgemacht hatten, 
gedachten ihrer Kameraden, die in den fremden Landern geblieben 
waren. Die alteren unter den Soldaten kannten einander alle. Und sie 
unterschieden sich von den anderen dadurch, dafi sie sich in einer Art 
eigener Sprache unterhielten, jener Sprache, die alle Soldaten der Welt 
nur im Angesicht des Todes erlernen. Sie hatten hunderttausend ge- 
meinsame Erinnerungen: Gewitter und Hitze, Vollmond und Abende, 
Mittag und Morgen, ein Heiligenbild und einen Brunnen, einen Scho- 
ber und eine Rinderherde sahen sie mit andern Augen als die Jungen. 
»Weifit du noch«, konnte einer zum andern sagen, »damals in Sachsen? 
Das war der Brunnen, wo wir von der dritten Kompanie zwei blode, 
verfluchte, lange Tage warten mufiten.« - »Ja, ja«, erwiderte der an- 
dere, »der Brunnen, ich weifi, das war drei Meilen vor Dresden !« - »So 
hat die Wurst bei Eylau geschmeckt!« sagte einer. - Und der andere 
darauf: »Gewifi, gewifi, auch diese Wurst stammt von einem braven 
Rofi!« - »Es war damals das Pferd von einem Obersten.« - »Diesmal 
ist es nur das eines Hauptmanns.« - »Wo ist denn eigentlich der kleine, 



DIE HUNDERT TAGE JII 

dumme Desgranges geblieben?« - »In der Beresina, glaube ich. Ein 
alter Karpfen hat ihn verschluckt, so klein war er!« - »Und der Korpo- 
ral Dupuis?« - »Bei Austerlitz, zum Donnerwetter! - Hast du gar kein 
Gedachtnis mehr? Vergifit du auch den guten Dupuis?« 
Von diesen Reden verstanden die jungen Rekruten gar nichts. Sie wufi- 
ten nur, dafi auch sie in den Tod gingen. Vielleicht, so dachten sie, war 
es den Alten leicht, in den Tod zu gehn, da sie den Kaiser doch kann- 
ten. Ihnen aber war der Kaiser fremd und das Leben nahe. Wozu 
wollte er den Krieg? Wozu, wohin und warum mufiten sie marschie- 
ren? 

Aber sie marschierten dennoch, sie marschierten, sie marschierten. 
Und wenn sie durch Paris zogen, so kamen sie am Schlofi vorbei, wo 
der Kaiser wohnte, und sie riefen: »Es lebe der Kaiser !« 
Er aber, der Kaiser, war allein. Einsamer, immer einsamer safi er vor 
den Karten, den grofien, bunten und verwirrenden, seinen lieben Kar- 
ten. Sie enthielten die ganze grofie Welt. Die ganze grofie Welt bestand 
aus lauter Schlachtfeldern. Ach, wie leicht war die Welt zu erobern, 
sah man nur die Karten, auf denen sie abgebildet war! Hier war jeder 
Flufi ein Hindernis, die Miihle ein Stutzpunkt, der Wald ein Versteck, 
der Hiigel eine Beobachtungsstatte, die Kirche ein Angriffsziel, der 
Bach ein Bundesgenosse, und all die Felder der ganzen Welt, die Wie- 
sen und die Steppen: Welch prachtvolle Schauplatze prachtvoller 
Schlachten! Schon waren die Karten! Schoner als Gemalde stellten sie 
die Erde dar! Klein erschien die Erde, betrachtete man sie nur recht auf 
den Landkarten: schnell zu durchschreiten, so schnell, wie die Zeit es 
erforderte, die unerbittlich tickende Standuhr, der unaufhorlich rin- 
nende Sand . . . 

Der Kaiser zeichnete Kreuze, Sterne, Striche in die Karten ein, bedach- 
tig, wie er Schach zu spielen pflegte. Er schrieb Zahlen auf diese und 
jene Stelle. Hier waren die Toten, dort die Uberlebenden, hier Kano- 
nen und dort Reiter, druben der Train und hiiben die Sanitat. Lauter 
Pferde, Mehlsacke, Schnapsfasser, Feinde, Menschen, Pferde, 
Schnapse, Hammel, Ochsen - und Menschen, Menschen, Menschen: 
immer wieder Menschen. 

Manchmal erhob er sich, verliefi den Tisch und die Karten, offnete das 
Fenster und sah auf den Platz, den grofien, weiten Platz, auf dem er 
einst, als ein kleiner, unbekannter Offizier, viele unbekannte Soldaten 
befehligt hatte. Viele Tausende kleine Soldaten marschierten jetzt nach 



712 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Nordwesten. Er lauschte ihren Liedern. Er horte ihre Trommeln. Es 
waren noch die alten Tamboure. Er vernahm ihren schnellen und fe- 
sten Schritt. Ja, es war der wunderbare, hurtige und siegreiche Schritt 
der Franzosen, der Rhythmus der geschwinden, tapferen Fiifie, die 
iiber die Landstrafien der halben Welt gewandert waren: brave Fiifie, 
die Fiifie der kaiserlichen Soldaten, niitzlicher und notwendiger noch 
als ihre Hande. 

In solchen Minuten horte er liistern und gierig die Rufe: »Es lebe der 
Kaiser !« Frohgemut setzte er sich wieder an den Tisch, vor die Karte 
und zeichnete mit roter, mit blutiger Tinte hier und dort Zahlen ein. 
Sie bedeuteten: Schnapse, Pferde, Ochsen, Wagen, Kanonen, Solda- 
ten- Soldaten, die gerade am Schlosse vorbeimarschierten und riefen: 
»Es lebe der Kaiser!« 



XVI 



Lange hatte der Kaiser seine Mutter nicht mehr gesehn. Sehr wenig 
hatte er an sie gedacht, an die alte Frau. Er kam jetzt, um Abschied von 
ihr zu nehmen, bevor er in den Krieg zog. Die Sitte erforderte es und 
auch sein Herz. 

Schwerfallig, einfach und wiirdig safi sie im breiten Lehnstuhl, im ver- 
dunkelten Zimmer. Sie liebte den kiihlen Dammer, dunkeirote, 
schwere Vorhange vor zugemachten Fenstern, die milde, schiitzende 
Stille des verschlossenen Hauses aus dicken Mauern. Sie war alt, sie 
konnte den Larm der sommerlichen Sonne nicht vertragen. 
Es war Vormittag, als ihr Sohn eintrat. Er schien etwas von der satten, 
leuchtenden Hitze mitzubringen, die heute in der Stadt herrschte. Mit- 
ten im sanften, dunkelroten, leise durchsonnten Schatten, der das Zim- 
mer erfullte, schimmerten seine schneeweifien, prallen Hosen allzu- 
laut, sie schmetterten beinahe. Er war zu Pferd gekommen, seine Spo- 
ren verbreiteten ein zierliches, aber in diesem Zimmer unpassendes 
und peinliches Klirren. Er neigte sich, kiifite die Hand seiner Mutter 
und empfing ihren Kufi auf seinen Haaren, auf dem gesenkten Scheitel. 
Er blieb eine Weile so, gebiickt, in einer hochst unbequemen Stellung. 
In seinen allzu engen Hosen hatte er kaum niederknien konnen. Die 
weiche, grofie, sehr weifie Hand der Mutter streichelte ein paarmal 
seine Haare. Sie schwiegen beide. 



DIE HUNDERT TAGE 713 

»Setz dich, Kind!« sagte die alte Frau endlich. Er erhob sich, er blieb 
stehen, er stand hart vor der Mutter. Sie wuftte nicht, ob es Ehrfurcht 
war oder Ungeduld. Sie kannte ihn. Er war ebenso ehrfiirchtig wie 
ungeduldig. - »Setz dich, mein Kind!« wiederholte sie. Und er ge- 
horchte. 

Er safi jetzt rechts von der Mutter, gerade dem Fenster gegeniiber, auf 
sein Angesicht fiel der Widerschein des dunkelroten, durchsonnten 
Vorhangs. 

Die Mutter wandte sich ihm ganz zu. Sie betrachtete ihn eine lange 
Weile. Der Kaiser hielt ihr seine offenen, hellen Augen entgegen, er 
liefi sich von der Mutter priifen. Auch er betrachtete ihr altes Ange- 
sicht, ihren grofien, schonen Mund, ihre glatte Stirn, an der noch keine 
Falte zu sehn war, das starke Kinn und die schone, gerade Nase. Ja, es 
war kein Zweifel, viel hatte er von ihr geerbt. Sie sah aus wie die Mut- 
ter des grofien Kaisers, der er war. Er fand sein Gesicht und beinahe 
auch sein Geschick bestatigt, wenn er sie betrachtete. Er hatte nur jetzt 
keine Geduld und keine Zeit zur Betrachtung. Er schob sachte einen 
Stiefel vor. Die Mutter bemerkte es. 

»Ich weifi«, sagte sie, und ihr Kopf zitterte ein wenig, und ihre Stimme 
war wehmutig und leise, »ich weift«, sagte sie, »daft du keine Zeit hast. 
Du hast niemals Zeit gehabt, mein Sohn. Aus Ungeduld bist du so 
groft geworden. Gib acht, daft dich die Ungeduld nicht zugrunde rich- 
tet. Aus Ungeduld bist du jetzt zuriickgekommen. Du hattest bleiben 
sollen!. ..« 

»Ich konnte nicht«, sagte der Kaiser. »Sie hassen mich zu sehr, meine 
Feinde. Sie hatten mich auf eine feme, wiiste Insel verschleppt. Ich 
mufite schneller sein als sie. Ich muftte sie iiberraschen.« 
»Ja, iiberraschen!« sagte die Mutter. »Das ist deine Art. Das Warten 
aber hat auch seinen Wert.« 

»Ich habe lange genug gewartet!« rief der Kaiser laut. Er stand auf. Er 
sprach jetzt sehr laut - und seine Stimme nahm sich schon wie eine 
Listening aus. - »Ich kann nicht mehr warten !« schrie er. »Sie werden 
einbrechen, wenn ich noch warte! . . .« 

»Jetzt ist es zu spat zu warten!« sagte die Mutter leise. »Bleib nur 
sitzen, mein Kind, ich habe dir vielleicht noch etwas zu sagen!« 
Der Kaiser setzte sich wieder. 

»Ich sehe dich vielleicht zum letztenmal, mein armer Sohn!« sagte sie. 
»Ich bete, daft du mich iiberlebst. Ich habe nie oder nur selten um dein 



714 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Leben gezittert. Jetzt aber habe ich Angst. Und ich kann dir nicht 
helfen: denn du bist ja selbst der Machtige. Ich kann dir nicht raten: 
denn du bist ja selbst so klug! Ich kann nur fur dich beten.« 
Jetzt senkte der Kaiser den Kopf. Er blickte auf den dunkelroten Tep- 
pich. Er stiitzte den Ellenbogen auf seine blendende, weifie Hose und 
das Kinn auf die geschlossene Hand. »Ja, bete fur mich, Mutter !« sagte 
er. 

»Wenn dein Vater noch lebte«, fuhr sie fort, »er wufite sicher einen 
Ausweg.« 

»Der Vater hatte mich nicht begriffen!« sagte der Kaiser. 
»Schweig!« rief sie, schrie sie fast, ihre metallene, schone, dunkle 
Stimme klirrte. »Dein Vater war grofi, klug, tapfer und bescheiden. Du 
hast ihm alles zu verdanken. Du hast alle seine Eigenschaften geerbt - 
aufier der Bescheidenheit. Er, er hatte Geduld, dein Vater !« 
»Ich habe ein anderes Schicksal, Mutter !« antwortete der Kaiser. 
»Ja, ja«, sagte die alte Frau. »Du hast freilich ein anderes Schicksal. « 
Sie schwiegen eine Weile. Dann begann die Mutter wieder: »Du 
scheinst mir gealtert, mein Sohn, wie fiihlst du dich?« 
»Ich werde manchmal mude, Mutter !« sagte der Kaiser. »Ich werde 
manchmal plotzlich mude.« 
»Wo fehlt es?« 

»Ich frage keinen Arzt. Wenn ich die Doktoren kommen lasse, heifit 
es, ich sei todkrank.« 
»Wirst du es aushalten?« 

»Ich muli, Mutter, ich mufi. Ich werde grofier heimkehren als je. Ich 
werde sie niederschlagen.« 

Er hob den Kopf. Er blickte geradeaus an der Mutter vorbei, auf ein 
Ziel, das er allein sehen mochte . . . auf eine siegreiche Heimkehr. 
»Gott segne dich!« sagte die Mutter. »Ich werde fur dich beten.« 
Der Kaiser stand auf. Er ging an die alte Frau heran und verbeugte 
sich. Sie machte das Zeichen des Kreuzes iiber ihm und gab ihm ihre 
weifie, alte, grofie, weiche Hand. Er kiifke sie. Sie umschlang seinen 
Nacken mit dem linken Arm. Er spiirte am Halse, durch die schwarze 
Seide ihres Armels, die weiche, mutterliche Warme ihres vollen Armes. 
In diesem Augenblick wurde ihm weh zumut. So mochte ich meinen 
Sohn umarmen konnen, dachte er, und: Glucklich ist sie, meine Mut- 
ter: Sie darf ihren Sohn umarmen! - 
Ein warmer Tropfen, ein zweiter, ein dritter fiel auf seinen gesenkten 



DIE HUNDERT TAGE 715 

ScheiteL Er wagte nicht aufzusehn, er konnte es auch nicht, niederge- 
halten, wie er war, von der guten Fessel des miitterlichen Armes. Als 
sie sich endlich lockerte und er sich erheben konnte, sah er seine Mut- 
ter weinen. Sie weinte mit einem unbewegten Gesicht, ohne dafi sich 
ein Zug darin veranderte. Nur die Tranen flossen unermudlich aus ih- 
ren grofien, offenen Augen. 

»Weine nicht, Mutter !« sagte der Kaiser, ratios und leise. 
»Ich weine aus Stolz!« sagte die alte Frau, mit ihrer gewohnlichen 
Stimme, und so, als weinte sie gar nicht. Ihre Kehle, ihr Mund, ihre 
Stimme hatten nichts mit ihren Tranen zu tun. 

Sie schlug vor dem Kaiser noch einmal ein Kreuz in die Luft und mur- 
melte etwas Unhorbares. Dann sagte sie: »Geh, mein Kind! - Gott 
segne dich, mein Kind, Gott segne dich, mein Kaiser !« 
Er verneigte sich noch einmal. Dann ging er schnell hinaus. Seine Spo- 
ren klirrten, seine schwarzen Stiefel blitzten trotz der Dammerung 
durch das dunkelrote Zimmer, und seine schneeweifien Hosen blink- 
ten grell und schmetternd. 



XVII 

Als er eine halbe Stunde spater die Truppen der Pariser Garnison in- 
spizierte, zum letztenmal, bevor sie in den Krieg marschieren sollten, 
fuhlte er zwar noch auf seinem Scheitel den Kufi und die Tranen der 
alten Frau, aber es war ihm dennoch, als ware schon eine recht lange 
Zeit seit dem Augenblick vergangen, in dem er den rotlich-dunklen 
Raum verlassen hatte. Die Soldaten der Pariser Garnison waren fur 
diesen Feldzug sorgfaltiger ausgeriistet worden als alle anderen im 
Lande. Auch die Rekruten hatten stramme, heitere und wohlgenahrte 
Gesichter. Zufrieden blickte er in die braven, jungen, gehorsamen Au- 
gen der jiingst und zum erstenmal Eingeriickten und in die wissenden, 
treuen und ergebenen seiner alten, erfahrenen Soldaten. Solide waren 
Tornister und Mantel und Stiefel. Die Stiefel priifte er mit doppelter 
Aufmerksamkeit, beinahe mit Liebe. In den Feldziigen, wie er sie zu 
unternehmen pflegte, hing sehr viel von den Stiefeln und Fiifien der 
Leute ab, fast ebensoviel wie von den Handen und den Gewehren, ja 
mehr noch vielleicht. Und auch mit diesen war er zufrieden. Die Laufe 
waren frisch eingefettet worden, und sie schimmerten sanft und ge- 



Jl6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

fahrlich, mattblau und zuverlassig. Wohlgeschliffen blinkten die Spit- 
zen der Bajonette. Der Kaiser ging langsamer als gewohnlich, bedach- 
tig fast, zwischen den starren Reihen einher, hier und dort zerrte er an 
einem Knopf, urn zu priifen, ob er festsitze, an einem Riemen, an 
einem Koppel, an einer Schnur. Er ging zu den grofien Feldkesseln, 
fragte, was fur ein Fleisch man heute zubereite, und als man ihm sagte, 
es wiirde Hammel gekocht, befahl er, man moge ihm einen Bissen rei- 
chen. Seit seinem letzten, unseligen Feldzug hatte er nicht mehr Ham- 
melfleisch mit Bohnen gegessen. Er lieh sich einen Loffel aus Zinn von 
einem Sergeanten, fiihrte mit der Linken die Brotkante zum Munde, 
mit der Rechten den gefiillten Loffel, stand da mit gespreizten Beinen, 
im Angesicht seiner Soldaten, und in alien, die inn so essen sahen, 
jauchzte das Herz. Die Augen gluhten vor Stolz und auch von verdrei- 
fachtem Hunger. Eine robuste Andacht erfiillte sie wie niemals bei 
einer Feldmesse oder in einer Kirche und eine feierliche, kindliche und 
zugleich auch vaterliche Zartlichkeit fur ihren grofien Kaiser. Gewaltig 
war er und auch riihrend. Er liefi sie im Karree antreten und sprach zu 
ihnen, wie immer - und aufs neue die alten Worte, die er so oft erprobt 
hatte: von den Feinden des Vaterlands, von den Bundesgenossen des 
schmahlichen Konigs, von den alten Siegen, von den Adlern und von 
den To ten und schliefilich von der Ehre, der Ehre, der Ehre. Und wie- 
der zogen die Offiziere ihre Degen. Noch einmal bruliten die Regi- 
menter: »Es lebe der Kaiser! Es lebe die Freiheit! Es lebe der Kaiser !« 
Und wieder einmal liiftete er seinen Hut und rief: »Es lebe Frank- 
reich!« mit erstickter Stimme und ehrlicher geriihrt, als er es im dunk- 
len Salon seiner Mutter gewesen war. Er wollte noch jemanden umar- 
men, bevor er die Regimenter verliefi, er suchte nach einer geeigneten 
Personlichkeit. Zu oft schon hatte er Generale, Oberste, Sergeanten 
und auch Mannschaften umarmt. Da erblickte er einen kleinen 
Trommler, einen der halbwuchsigen Jungen, deren es viele in seiner 
grofien Armee gab, die guten Kinder seiner Regimenter, gezeugt viel- 
leicht von mehreren Vatern vor einer Schlacht, geboren vielleicht auf 
dem Zeltwagen einer Marketenderin, in Deutschland, in Italien, in 
Spanien, in Rufiland oder in Agypten. »Komm, Kleiner !« sagte der 
Kaiser. Und der Junge trat vor, mit der Trommel, er hatte kaum Zeit, 
die beiden Kloppel in die Schlaufe zu stecken, und stand dann unbe- 
weglich vor dem Kaiser da, unbeweglicher noch als ein alter Soldat. 
Der Kaiser hob ihn hoch, samt der Trommel, hielt ihn und schwenkte 



DIE HUNDERT TAGE 717 

ihn noch eine Weile in der Luft, so dafi es alle sehen mufken, und 
kiifite ihn auf beide Wangen. »Wie heifit du?« fragte der Kaiser. »Pas- 
cal Pietri«, sagte der Kleine mit klingender Stimme, wie ein Junge in 
der Schule einem Lchrer antwortet. Der Kaiser erinnerte sich, diesen 
Namen vor einigen Tagen gehort zu haben, er wufite nur nicht mehr, 
bei welcher Gelegenheit. - »Lebt dein Vater?« - »Jawohl, Majestat!« 
sagte der Junge. »Er ist Wachtmeister bei den Dreizehner-Dragonern.« 
»Notieren Sie: Wachtmeister Pietri«, sagte der Kaiser zum Adjutanten. 
- »Verzeihung, Majestat!« sagte der Knabe, »mein Vater heifit Leva- 
dour, Wachtmeister Levadour!« Der Kaiser lachelte - und alle Offi- 
ziere und Soldaten in der Nahe lachelten mit. »Kennst du deine Mut- 
ter?« - »Meine Mutter, Majestat, ist Wascherin am Hofe.« - Der Kai- 
ser erinnerte sich plotzlich: » Angelina heifk sie?« - »Jawohl, Angelina, 
Majestat !« - Und alle Offiziere und Soldaten in der Nahe lachelten 
noch einmal - und wurden sofort wieder ernst. »Notieren Sie«, sagte 
der Kaiser zum Adjutanten, »die Wascherin Angelina Pietri.« 
Seine Inspizierung hatte lange gedauert. Absichtlich hatte er sie lange 
dauern lassen, er hatte nicht heimkehren wollen mit der frischen Erin- 
nerung an den dunklen Salon seiner Mutter. Als er wieder das Schlofi 
betrat, war es spater Nachmittag, in einer Stunde mufke der Abend da- 
sein, es dammerte bereits. Er war mit diesem Tag zufrieden. Es war 
ihm, als hatte er seine Mutter nicht heute vormittag erst, sondern be- 
reits vor sehr langer Zeit schon gesehn. Er erinnerte sich an Angelina 
Pietri, die kleine Frau aus dem Hausgesinde, die er im nachtlichen Park 
gesehen hatte. Die Erinnerung stimmte ihn heiter, der Name Angelina, 
ihr kleiner Sohn, der in seiner Armee die Trommel schlug, und die 
brave Frische, mit der der Knabe den Namen seines Vaters richtigge- 
stellt hatte, ruhrte ihn fast. Ja, das war sein Volk, so waren seine Solda- 
ten! Zuversichtlich wie seit Tagen nicht mehr, beugte er sich iiber die 
Karten auf seinem Tisch. Er hatte sie, seine Feinde, er hielt sie, diesmal 
wie so oft, Parlament und Polizeiminister konnten ihm vielleicht ge- 
fahrlich werden. Generale und Armeen konnte er besiegen: Es war ein 
guter Tag. 

Was fur ein Tag war eigentlich heute? Seine alte aberglaubische Laune 
iiberfiel ihn. Er ging zur Tiir, rift sie auf und rief ins Vorzimmer hin- 
ein: »Was haben wir heute fur einen Tag?« - »Majestat, Freitag!« ant- 
wortete Marchandeau, der Diener. 
Er erschrak fur die Dauer einer Sekunde, er liebte keine Freitage. Man 



718 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mufite den Freitag gewissermafien wettmachen, und er kannte auch das 
unfehlbare Mittel. Seine Frau Josephine hatte es ihm oft gesagt. Und er 
erinnerte sich auch an den Namen der unfehlbaren Kartenlegerin, die 
der Kaiserin und ihm so oft die Zukunft schon prophezeit hatte. »Ist 
sie noch im Hause«, fragte er, »die Veronique Casimir?« - »Jawohl, 
Majestat!« sagte der Diener. - »Hol sie!« befahl der Kaiser. 
Es schien ihm ein gutes Zeichen, dafi sie im Hause war. Die selige 
Kaiserin Josephine hatte sie mitgebracht. Wie alles, was von ihr kam, 
war auch die alte Veronika Casimir gut. Er erinnerte sich genau an die 
dicke Alte. Er wartete zuversichtlich. 



XVIII 

Ihre Herrin, die gottselige Kaiserin Josephine, die ihr oft im Traum 
erschien, hatte Veronika Casimir in dankbarer und ehrfurch tiger Erin- 
nerung. Eine einfache Wascherin war sie einmal gewesen, aber seit nV 
rer friihen Jugend schon eine ungewohnliche Kartenlegerin. Noch als 
der grofie Kaiser Konsul gewesen war, hatte Veronika Casimir aus den 
Karten gelesen, dafi er bestimmt sei, eine Krone zu tragen. Seitdem 
waren ihr zahlreiche Ehren zuteil geworden; und selbst hohere, so 
meinte sie, als irgendeinem der Wiirdentrager, der Minister und der 
Marschalle. Sie durfte dem Kaiser gelegentlich weissagen. Sie war die 
erste Wascherin des kaiserlichen Hofes. Ihr oblag die Sorge um die 
blauseidenen Hemden und die Spitzentaschentiicher der ersten Kaise- 
rin, um die solideren, weifiseidenen Hemden und die batistenen Ta- 
schentucher der zweiten. Die Geschicke des kaiserlichen Hauses las sie 
aus den Karten und manchmal auch aus der Wasche, die man ihr jeden 
Abend ubergab. Vierunddreifiig Wascherinnen und Badedienerinnen 
standen unter ihrem strengen Befehl. Sie liebte militarischen Gehor- 
sam, und sie hatte in den langen Jahren ihres Dienstes gelernt, 
Schweigsamkeit und Verschwiegenheit zu iiben, obwohl sie redselig 
und sogar geschwatzig von Natur war. 

Jeden Abend, bevor sie sich schlafen legte und nachdem sie die Wa- 
schestiicke an die ihr untergeordneten Frauen und Manner verteilt 
hatte, setzte sie sich an den grofien Tisch, der um diese Stunde einsam 
und feierlich in dem still gewordenen Efizimmer stand . . . denn sie 
brauchte sehr viel Platz fur ihre Karten, und sie arbeitete mit mehreren 



DIE HUNDERT TAGE 719 

Packchen verschiedener Karten nach einem verwickelten System. 
Manchmal versammelten sich auch die Dienstboten zu spater Stunde. 
Der schwarze Tisch aus Ebenholz, lang, schmal, mit glanzender po- 
lierter Flache, war duster, unheimlich, fast ein Katafalk. Da safi Ve- 
ronika Casimir und legte Karten. Man horte die Mitternacht von ver- 
schiedenen Tiirmen schlagen. Da hielt sie inne und wartete, bis alle 
Glocken verklungen waren. Endlich raffte sie die verschiedenen Kar- 
tenpackchen zusammen, umwickelte sie mit einer alten, fettigen 
Schnur und erhob sich, ohne ein Wort zu sagen. Man fragte sie auch 
nicht. Sie verriet selten die Geheimnisse der Uberwelt, zu der sie so 
innige Beziehungen unterhielt. 

Seit der Heimkehr des Kaisers hatte sie gewartet, zu ihm gerufen zu 
werden. Jetzt begann sie, die Karten nicht mehr nach dem Schicksal 
des Kaisers zu befragen, sondern nach ihrem eigenen, das heifit: ob sie 
der Kaiser wahrend seiner Abwesenheit nicht vergessen hatte. Nein! 
sagten die Karten. 

Dennoch war sie heute uberrascht und fast erschrocken, als man sie zu 
ihm befahl. Sie stand im grofien Waschraum, umgeben von ihrem Ge- 
sinde, es war die Stunde, in der sie ihre Untergebenen zu versammeln 
pflegte, sie erwartete die Diener mit den Waschekorben, und sie hielt 
den Zettel in der Hand, auf dem ihre Auftrage, Befehle, Tadel, Ermah- 
nungen aufgezeichnet waren. Nun eilte sie s tracks in ihr Zimmer. Sie 
hatte eine halbe Treppe zu steigen. Jetzt nahmen ihre kurzen, fetten 
Beine zwei Stufen auf einmal. Sie hastete in ihr Zimmer, zu dem klei- 
nen, ovalen Spiegel zwischen den zwei Leuchtern am Tisch, sie ent- 
ziindete die Kerzen, sie zog eine frischgestarkte Haube an, setzte sich 
und begann, mit ihren kurzen, starken Fingern ihr gelbliches, sehr flei- 
schiges Angesicht zu pudern. Sie spritzte ein paar Lavendeltropfen 
uber die Brust, aus der geweihten Flasche, die ihr einst die erste Kaise- 
rin, ihre Herrin Josephine, geschenkt hatte, und erhob sich, zufrieden, 
duftend, in einer leichten, weifien Wolke von Puder und ganz grofiar- 
tig. Aus dem Koffer holte sie ihre Kartenpackchen, mit einem sicheren, 
heftigen, beinahe kriegerischen Griff, wie ein Soldat seine Waff en 
nimmt, wenn er zu plotzlicher Fehde gerufen wird. Jetzt war sie fertig. 
Sie stand nach langen Monaten wieder vor dem Kaiser. Er safi an sei- 
nem Tisch, vor seinen bunten, verwirrenden Karten, die sie schon ein 
paarmal gesehn hatte, wenn sie vor den grofien Feldzugen die Gnade 
erfahren hatte, berufen und befragt zu werden. Sie versuchte den 



720 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Knicks, den die Damen im Angesicht des Kaisers zu vollfiihren pfleg- 
ten. Mit beiden Handen spreizte sie die Schofie, einen Fuft schob sie 
riick warts, einen streckte sie vor, einen Schritt versuchte sie in dieser 
schwierigen Haltung vorwarts zu gleiten und hierauf ein Knie leicht zu 
beugen - und nachdem sie all dies in grazioser Weise vollzogen zu 
haben glaubte, blieb sie stehn, fett und stramm, mit schamhaft gesenk- 
ten Augen. Die Fenster waren offen. Der spate, goldiggriine Dammer 
des sommerlichen Abends drang in das Zimmer und wetteiferte mit 
den tiefgelben, unruhigen Flammchen der drei Kerzen. Man horte den 
leisen Atem des Windes und das laute, fleifiige Wispern der Grillen. 
»Hierher!« befahl der Kaiser. Sie beeilte sich, an s einen Tisch zu kom- 
men. Sie wackelte heran, fett, wiirdig, unterwiirfig. Wie hatte sie diese 
Stunde ersehnt! In dem ehrfurchtigen Schauer noch, der sie im Ange- 
sicht des Kaiser erfiillte, und im Anblick der verwirrenden Landkar- 
ten, die auf seinem Schreibtisch ausgebreitet waren, fuhlte sie auch ihre 
eigene Bedeutung, einen Schauder vor sich selbst und vor dem geadel- 
ten und erhobenen Sinn ihres Werkzeuges, den Spielkarten. Ja, sie er- 
schauerte vor dem Gedanken, dafi ihre Karten nicht weniger wichtig, 
vielleicht noch wichtiger waren als die Landkarten des Kaisers, und 
vor ihrer eigenen Genugtuung dariiber, dafi der grofke aller Kaiser der 
Welt von dem Geheimnis ihrer, der Veronika, Karten ebensowenig 
begriff wie sie von dem Geheimnis seiner geographischen. In dieser 
Stunde war sie berufen, die Geschicke der Welt vielleicht zu bestim- 
men, wie es sonst nur der Kaiser tat. Und also stand sie da, vor dem 
Kaiser ebenso schaudernd wie vor sich selber. Sie hielt den Blick ge- 
senkt. Er fiel auf ihre betrachtliche Brust, tiefer konnte er nicht gelan- 
gen, und sie hatte gerne auf den Boden geblickt, aus Demut und Stolz 
und auch aus Verlegenheit. Durch die gesenkten Lider fuhlte sie den 
spottischen, lachelnden Blick des Kaisers. Wie ein Soldat hielt sie die 
Arme gesenkt an den fetten Hiiften, tiefer konnten ihre Hande nicht 
reichen. Sie liebte - sie brauchte auch - glatte Tische, auf denen gar 
nichts liegen durfte, sie wollte den Kaiser bitten, seine verwirrenden 
Landkarten wegzuraumen, aber sie wagte es nicht. 
»Also los!« sagte der Kaiser. 

Es wurde zusehends dunkler im Zimmer - eine Art makabren Lichts 
verbreiteten die sparlichen Kerzen jetzt und verstarkten den Mut und 
den Glauben der alten Veronika an ihre prophetische Sendung. Sie 
wagte nun, die Augen zu erheben. Sie sah das wachserne Angesicht des 



DIE HUNDERT TAGE 721 

Kaisers, ein erstarrtes Lacheln auf seinem Angesicht - die Leiche eines 
Lachelns. Und sie begann, zuversichtlich und ohne Respekt, ihre fetti- 
gen Spielkarten iiber die bunten Landkarten des Kaisers zu legen. Sie 
gab sich Miihe zu vergessen, dafi sie vor dem gewaltigsten aller Kaiser 
stand, und sie dachte daran, dafi sie hier im Dienst der Uberwelt stehe, 
und sie flusterte: »Dreimal abheben bitte, Majestat!« Der Kaiser hob 
dreimal ab. In den dunkelblauen, glatten Rucken der Karten spiegelten 
sich die unsteten Flammchen der Kerzen. »Was vor mir liegt«, mur- 
melte sie nun, »was vor mir fliegt, was mich angeht und was mir ver- 
weht, was mich liebt, was mich betriibt!« Sie mischte schnell, mit kur- 
zen, flinken Fingern, deren Hurtigkeit den Kaiser oft verbliifft hatte. 
»Bitte noch sechsmal abheben, Majestat!« sagte sie. Und der Kaiser 
hob sechsmal ab. Er dachte dabei an seine erste Frau, die tote Jose- 
phine, und an die Abende, an denen sie versucht hatte, ihr Geschick, 
das seine, das Schicksal des Landes und der Welt aus den fettigen Kar- 
ten dieser Frau Veronika zu lesen, mit geringer Kenntnis und mit ihren 
langen, schlanken, geliebten Fingern. Er dachte nicht mehr an die Kar- 
ten. Er verlor sich in sufien Erinnerungen an seine tote Frau. Er la- 
chelte. Er horte nicht, wie Veronika murmelte: »Pique zur Rechten, 
das geht zum Schlechten; Treff-Schwarz zur Linken bedeutet Sinken; 
Caro-Schwarz ist nah, die Gefahr ist da; Coeur-Rot ist weit, die Liebe 
ist schneller als die Zeit; Treff-Dame ist druber, vo ruber, voriiber; 
Treff-Acht, Treff-Acht. . .« Sie horte auf. Sie raffte plotzlich die Kar- 
ten zusammen. Sie sah den Kaiser an. Er hatte einen fernen Blick, er 
schien durch ihre massive Gestalt hindurchzudringen, in die Welt viel- 
leicht, vielleicht auch in das Grab, in dem die teure Kaiserin Josephine 
jetzt verdorrte und zerfiel. Veronika schwieg, krampfhaft prefite sie 
ihre Karten mit der Linken an die Brust. 

Der Kaiser sah sie jetzt an, spottisch und lachelnd. »Nun, Veronika ?« 
fragte er, »gut oder schlimm?« 

»Gut, gut, Majestat!« sagte sie eilfertig. »Lange Jahre sind noch Eurer 
Majestat beschieden. Lange Jahre !« 

Der Kaiser offnete eine Schublade. Darin standen kleine Saulchen aus 
Goldstucken, sauberlich, schimmernd, Turmchen aus Gold. Von 
einem dieser Turmchen hob der Kaiser zehn Miinzen ab, es waren 
lauter Napoleons. »Hier, zum Andenken!« sagte der Kaiser. 
Man offnete die Tiir. Die Frau Veronika zog sich zuriick, eilfertig, 
riickwarts schreitend, krampfhaft bemuht, ihren schweren Atem zu- 



7^2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

riickzuhalten. Als sie im Riicken die Nahe der offenen, rettenden Tiir 
verspurte, versuchte sie noch einmal ihren schwerfalligen, lacherlichen 
Knicks. Draufien war sie, die Tiir schlofi sich. Sie knickste zum drit- 
tenmal vor der verschlossenen Tiir. Dann wackelte sie, wiirdig und 
eilig, die Treppe hinunter. Auf der vorletzten Stufe aber mufite sie 
einhalten. Sie fiihlte, zum erstenmal in ihrem Leben, eine Ohnmacht 
nahen. Das Gelander der Treppe, an das sie sich zu retten gedachte, 
schien vor ihr zuriickzuweichen. Sie fiel plotzlich nieder, schwer, mit 
plumpem Aufschlag. Zwei Gardisten hoben sie auf. Man trug sie in 
den Park. Sie erwachte, sah die Soldaten, richtete sich auf und sagte: 
»Gott helfe uns alien . . . und ihm besonders . . .!« 
Dann hastete sie keuchend hiniiber, in den groften Speisesaal des Ge- 
sindes. Es war spat. Man trug schon das Essen auf. 



XIX 

An dem Abend, an dem der Kaiser seine Residenz verliefi, um in den 
Krieg zu fahren, wolbte sich der Himmel klar, tiefblau und reichbe- 
stirnt tiber der Stadt. Auf der Strafie vor dem Park warteten Neugierige 
und Begeisterte. Das Gesinde versammelte sich, in respektvoller Ent- 
fernung, neben dem kaiserlichen Wagen. Der Kaiser trat rasch aus dem 
Tor, friiher, als es vorausgesehen war. Die Diener waren noch damit 
beschaftigt, Papiere, Karten, Feldstecher in den Wagen zu laden. Ein 
Lakai stiirzte herbei, eine brennende Fackel in der Hand. Die Nacht 
war klar genug, sie verstromte ein gutes, blausilbernes Licht. Die dun- 
stige, rotliche Flamme der Fackel sah zwecklos aus und hatte dennoch 
etwas Schreckliches. Sie war nur die Folge einer ganz bestimmten 
Hausordnung, ein unschuldiges Gerat. In diesem Augenblick aber war 
es, als versuchte sie einen grausamen Einbruch in die nachtlich be- 
stirnte Stille. Zutraulich tuschelten die Baume im Park. Lautlos zuck- 
ten ein paar Fledermause iiber die Kopfe der Menschen hin, mitten 
durch den Lichtschein, der aus den Fens tern brach. Es war ganz still, 
trotz den Bewegungen und den halblauten Reden der Menschen und 
dem Gerausch, das Pferde und Wagen verursachten. Die Stille dieser 
Nacht war machtiger als jedes Gerausch. Die Fackel aber empfand 
man als einen lauten, ja ungehorigen Einbruch, man vernahm deutlich 
das Knistern ihrer Flamme, man roch das verbrennende Harz, als ware 



DIE HUNDERT TAGE 723 

es der Geruch der Gefahr selbst. Der Kaiser schien miide. Er hatte bis 
zu diesem Augenblick gearbeitet. Die versammelten Diener wurden 
still, als er erschien. Alle wandten ihm ihre Blicke zu. Im blausilbernen 
Schimmer dieser Nacht erschien ihnen sein Angesicht besonders 
bleich. Ubrigens dachten sie alle an die Ohnmacht der Kartenlegerin 
Veronika. 

Der Kaiser blieb eine Weile auf der letzten Stufe stehen. Er blickte 
lange zum Himmel hinauf, es war, als suchte er unter den unzahligen 
Sternen den seinen. Gespenstisch hell leuchteten seine weiEen Hosen. 
Sein schwarzer Hut erinnerte an eine kleine Wolke, die einzige, die es 
unter diesem klaren Himmel zu sehen gab. Er stand unbeweglich wie 
eines seiner vielen Bildnisse, allein in der grofien, stillen Sommernacht, 
obwohl man knapp hinter ihm die Herren seiner Suite sehen konnte, 
auf den oberen Stufen. Allein war er und einsam; und er suchte seinen 
Stern. 

Er wandte sich urn, winkte den Adjutanten heran, sprach ein paar 
Worte. Dann verliefi er die Treppe. Er ging schnell die paar Schritte 
zum Wagen. Da riefen die Diener: »Es lebe der Kaiser !« Sie winkten 
ihm zu, mit den Handen, mit nackten Handen. Der Ruf iiberraschte 
ihn. Er wandte sich um, er war schon im Begriff, den Wagen zu bestei- 
gen. Er trat einen Schritt vor. Die Frauen unter der Dienerschaft fielen 
in die Knie. Zogernd folgten ihnen die Manner. Das sind sie gewohnt, 
wenn der Konig abreist! dachte der Kaiser. - So diirften sie gekniet 
haben, als er vor mir floh. »Aufstehn!« befahl er, und alle erhoben 
sich. - Er mufke noch etwas sagen, er gehorchte dem theatralischen 
Gesetz, das ihn immer befehligte, nicht minder als er seine Armee. Was 
hatte er Lakaien, Dienern, Sklaven zu sagen? - »Es lebe die FreiheitU 
rief er. Und alle erwiderten: »Es lebe der Kaiser! Sieg! Sieg!« 
Er wandte sich schnell um. Er stieg schnell ein. Die Wagentiir fiel mit 
ungewohnlich lautem Schlag zu. Neben dem Kutscher flackerte die 
FackeL Noch ein leises, fast kosendes Schnalzen der Peitsche, ein paar 
blauliche Funken unter den Hufen der Pferde. Schon lief en sie, schon 
flogen sie aus dem Park. 

Noch ein Wagen rollte heran. Hier stiegen die Begleiter des Kaisers 
ein. Es ging has tig zu und in kalter Geschaftigkeit. 
Als sie alle eingestiegen waren und noch ehe sich ihr Wagen in Bewe- 
gung gesetzt hatte, kehrte der Lakai die Fackel um - er bohrte das 
Feuer geradezu in die kiihle, feuchte, nachtliche Erde. Dann trat er 



724 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

noch mit dem Fufi auf die noch miihselig glimmenden Reste der Fak- 
kel. Es war alien, die ihm zusahen, als hatte er soeben eine ganz andere 
Flamme begraben. 

Unter den Dienerinnen im Park befand sich damals auch die Magd 
Angelina Pietri. ' 



ZWEITES BUCH 
DAS LEBEN DER ANGELINA PIETRI 



I 



Um jene Zeit lebte Angelina Pietri unter dem niederen und namenlo- 
sen Gesinde des kaiserlichen Hofes. Sie entstammte einem Geschlecht, 
das in seiner korsischen Heimat Ansehn und Ehre genoft. Allein der 
Vater Angelinas war ein armer Fischer gewesen; und funfzehn Jahre 
war sie alt, als er starb. Viele junge Menschen, Junglinge und Madchen, 
verlieften damals die Insel Korsika. Nach Frankreich gingen sie, wo 
der grofite aller Korsen herrschte: der Kaiser Napoleon. 
In Paris wohnte eine Tante Angelinas, Veronika Casimir, erste Wa- 
scherin am kaiserlichen Hofe, kinderlos, giitigen Herzens und eine 
Meisterin im Wahrsagen aus den Karten. Von ihr ging in Ajaccio die 
Sage um, daft sie dem groften Kaiser selbst den Ausgang seiner 
Schlachten prophezeie. 

Ein Freund, der alte Benito, brachte Angelina auf seinem winzigen 
Segler nach Marseille. Er bezahlte ihr die Post nach Paris und beglei- 
tete die Kleine zum Postwagen. Feierlich und wehmutig nahm er Ab- 
schied von ihr; und so laut, daft auch alle andern Passagiere es horen 
mufiten, sagte er: 

»Du wirst ihm einen treuen Gruft vom alten Benito ausrichten. Ich 
habe seinen seligen Vater gut gekannt. Wenn er dich fragt, warum ich 
nicht selbst nach Paris komme, so sagst du ihm, daft ich zu alt bin. 
Ware ich junger, ich ware langst gekommen, um mit ihm zu kampfen 
und die Welt zu erobern. Mein Sohn ist statt meiner unter die Soldaten 
gegangen. Sie kennen sich beide sicherlich gut, er dient bei den Sechs- 
undzwanzigern — ein prachtvolles Regiment! - So! - Fahr mit Gott, 
und vergift nichts von alledem, was ich dir aufgetragen habe!« 
Dies liefi der alte Croce dem Kaiser personlich ausrichten. 
Angelina kam freilich nicht dazu, den Auftrag auszufiihren. Der Kai- 
ser war unerreichbar. Und vom Kaiser traumte sie. Sein Konterfei hing 
in alien Stuben, das gleiche Konterfei, das sie in Korsika in alien Stuben 
gesehen hatte. Es stellte den Kaiser dar, wie er, nach einer gewonnenen 
Schlacht, auf schneeweifiem Roft, seine gelichteten Truppen mustert. 



7l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sein Pferd schimmert, sein Auge blitzt. Er halt die Rechte ausgestreckt 
und zeigt irgendwohin, in eine unerforschliche Richtung. Er ist herr- 
lich anzuschauen: Weit und nah zugleich ist er, herzensgut ist er und 
gleichzeitig furchtbar. 

Angelina unterstand der Befehlsgewalt der Veronika Casimir. Sie ge- 
hdrte also zu der Abteilung der sechsunddreifiig Diener und Dienerin- 
nen, denen es oblag, die Wasche der Damen und Herren des Hofes zu 
saubern und die Badezimmer in Ordnung zu halten. 
Sie wusch die himmelblauen, die rosafarbenen und die weifien Hem- 
den aus Seide, die batistenen Taschentiicher, die Kragen, die Man- 
schetten, das zarte Linnen der Betten, in denen die Herrschaften 
schliefen, und die edlen S trump fe, in denen sie einhergingen. Friih- 
morgens, im grauen Dunst der Waschkuche, zwischen Bottich und 
Kessel, wrang und biirstete sie die Stiicke, hieb kraftig mit dem holzer- 
nen Pracker auf die nassen, zusammengerollten Biindel, entrollte sie 
wieder und hangte sie iiber die Schniire, die zahllos, dicht und regel- 
mafiig den Raum iiberspannten, ein seltsames Netz, ein zweiter, ein 
zarterer Plafond aus Seilen. Am Nachmittag lagen die Stiicke auf dem 
breiten Tisch, getrocknet, gebauscht und verknittert, und erwarteten 
ihre Auferstehung. Dann nahm Angelina, wie sie es zu Hause gelernt 
hatte, einen Mund voll Wasser und spritzte aus vollen Backen auf 
Seide, Leinen und Batist. Hierauf schwenkte sie mit starken Armen das 
Bugeleisen, auf dessen Grunde die Holzkohlen glommen. Sie legte, um 
die Warme zu priifen, einen angefeuchteten Finger an den Boden des 
Eisens und freute sich, wenn es zischte. Sie begann zu bugeln: das 
starke Leinen zuerst, hierauf die zarte Seide, endlich den Batist, zuletzt 
die vielgefaltelten Kragen und Manschetten. Und es war ihr, als kame 
sie den Damen und Herren und dem Kaiser selbst immer naher, je 
emsiger sie arbeitete. Dieses Hemd, das sie eben biigelte, konnte viel- 
leicht morgen schon der Kaiser anziehen. Seine blendenden weifien 
Hosen rieb sie mit einer besonderen, fetten, unlosbaren Kreide ein. 
Dank ihrem Eifer schimmerten sie wie frischer Schnee. 
Es gab Tage, an denen Veronika Casimir plotzlich zu ungewohnter 
Stunde in einer ungewohnten Tracht erschien. Dann horten auf einen 
Schlag die jungen Wascherinnen zu singen auf. Man wufite, dafi Ve- 
ronika einer hohen Personlichkeit soeben aus den Karten geweissagt 
hatte. Sie trug ihre schwere, schwarze, seidene Robe und am Hals, an 
einer wuchtigen, goldenen Kette, den giftgriinen Zauberstein aus Jade, 



DIE HUNDERT TAGE 727 

ein Geschenk der Kaiserin Josephine. Fleischig, schwerfallig und feier- 
lich stand sie da, im Dunst der Waschkiiche, vor den weifigekleideten 
jungen Madchen, eine wahre dunkle Priesterin des grofien Kaisers. 
Welch gewaltiges Geschehen mochte sie eben prophezeit haben? - 
Welchem Teil der Welt hatte sie eben das Schicksal vorausgesagt? 
Zweimal in der Woche war Angelina befohlen, die Badezimmer im 
Schlofi zu besorgen. Sie kam zuerst in das Badezimmer des Kaisers. 
Die frischen Spuren seiner nassen Fiifte sah sie auf dem Boden. Sie roch 
den Geruch seines Korpers in den feuchten Tiichern und verharrte eine 
lange Weile auf der Stelle, reglos, betaubt und pflichtvergessen. 
Manchmal aber brachte sie einen ungeheuren Mut auf: Sie prefke ein 
Tuch an ihr Herz, sie driickte einen Kufi auf das Leinen, fliichtig und 
verstohlen, und obwohl sie allein war, errotete sie. Sie liebte noch die 
geringste der kaiserlichen Spuren. Angst hatte sie, dem Kaiser durch 
Zufall zu begegnen. Aber bittere Enttauschung im Herzen, als hatte er 
selbst ihr versprochen zu kommen und als hatte er sein Wort nicht 
gehalten, verliefi sie endlich sein Bad. Vernichtet war sie und gleichzei- 
tig beseligt. 

Eines Tages fiel ihr eines der einfachen soldatischen Taschentucher in 
die Hand, die der Kaiser manchmal benutzte wie jedermann in seiner 
Armee. Es war ein grofies Taschentuch aus hartem Leinen. Die roten 
breiten Rander umrahmten eine hellblaue Mitte, die eine Landkarte 
darstellte. Hier waren alle Orte, an den en der Kaiser gekampft hatte, 
mit roter Farbe gekennzeichnet. Es war die Landkarte der einfachen 
kaiserlichen Soldaten. 

Andachtig betrachtete Angelina dieses Tuch. Es enthielt griinliche 
Spuren des Tabaks, den der Kaiser geschnupft hatte. Sie sah ihn wieder 
wie auf den Bildern, auf weifiem Rofi, die Rechte ausgestreckt in eine 
unerforschliche Feme. 

Mit der ganzen Liebe ihres jungen, heftigen und torichten Herzens 
begann sie, das Tuch zu behandeln. Eine besondere Botschaft des Kai- 
sers schien es ihr. Am Abend lag es glatt gebiigelt vor ihr, und sie fuhr 
zartlich dariiber hin mit ihren roten, guten, jungen Fingern. Sie ver- 
barg es unter dem Kleid, an der Brust, und allmahlich, wahrend sie so 
das wunderbare Tuch am Herzen fiihlte, begann sie zu glauben, ihr 
gehdre es bereits. Man war nicht gewohnt, dergleichen gewohnliche 
Stiicke unter der kaiserlichen Wasche zu sehn. Es hatte sich gewisser- 



728 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mafien eingeschlichen, es war von selbst zu Angelina gekommen, ein 
Grufi, eine Botschaft — was konnte man wissen? Wahrscheinlich war 
es auch schon zerknittert an ihrem Busen und in einem Zustand, in 
dem man es nicht mehr abliefern konnte. Vielleicht auch gelang es ihr, 
es morgen oder iibermorgen, oder bei Gelegenheit einmal, abzugeben 
— obwohl alle Stiicke gezahlt wurden. Die kleine Angelina hatte 
grofie Angst. Sie stand da, piinktlich um acht Uhr, in der militarisch 
ausgerichteten Reihe der Dienerinnen und Diener, der gestrengen Ve- 
ronika harrend, den Waschepack auf ausgebreiteten Armen, wie alle 
andern sechsundzwanzig Stuck; das siebenundzwanzigste trug sie am 
Herzen. 
Veronika Casimir begann zu zahlen: einundzwanzig, zweiundzwan- 

zig, dreiundzwanzig Sie hielt ein langes, schmales Buch in einer 

Hand, in der andern ein Binokel, wie es die Herrschaften gebrauchten. 
Jetzt hob sie das Glas. »Ein Stuck fehlt, Angelina !« sagte sie. 
Angelina ruhrte sich nicht. 
»Ein Stuck fehlt !« wiederholte Veronika. 

Angelina sah bereits, wie man sie entkleidete und untersuchte. Lakaien 
betasteten mit neugierigen Handen ihren Korper. Man fand das Tuch. 
Man jagte sie, die nackte, aus dem Schlofi, aus der Stadt, aus dem 
Lande. 

Sie schwieg dennoch. 

»Antworten, Angelina !« befahl Veronika Casimir. 
In diesem Augenblick erfullte eine grofie Kraft die kleine Angelina 
Pietri, und sie sagte fest und ruhig: 
»Es waren sechsundzwanzig Stuck !« 
Sie log zum erstenmal in ihrem Leben. 

In der Nacht, im Gesindezimmer, in dem noch zwei andere Madchen 
schliefen, wartete Angelina, bis das Licht ausgeloscht wan Dann ent- 
kleidete sie sich und breitete das Tuch des Kaisers iiber das Kissen. In 
dieser Nacht schlief sie nicht, zum erstenmal in ihrem jungen Leben. 
Sie ergab sich einer seligen Wachheit, die zartlicher noch und friedli- 
cher war als ein guter Schlaf . . . 



DIE HUNDERT TAGE 729 

II 

Jeden Tag und jede Stunde konnte sich das Wunder ereignen, daft An- 
gelina den Kaiser erblickte. Es war eigentlich kein Wunder, wenn sie es 
genau iiberlegte, sondern ein selbstverstandliches Ereignis, das be- 
stimmt eintreten mufite. Am Sonntag begleitete sie die Tante Veronika 
zu zahlreichen Freundinnen. Es waren ausgezeichnete Frauen, in be- 
sonderen Stellungen. Ihre Manner waren niedere Hof- und Staatsbe- 
amte: ein Wachtmeister der Gendarmerie, der Portier des Elysee, ein 
kaiserlicher Forster, ein Spitzel des Polizeiministers, ein Schreiber des 
Rathauses, der Profos vom Militargefangnis, ein Sequester von der 
Steuerbehorde. So sehr alle diese Frauen auch von ihrer gesellschaftli- 
chen Wichtigkeit tiberzeugt waren, so wagte doch keine, die unheimli- 
che Bedeutung der Veronika Casimir zu bestreiten. Jedes Haus, das sie 
besuchte, gab sich dem Glauben hin, es empfinge eine Vertraute der 
irdischen und auch der himmlischen Gewalten. Mit splendider Groft- 
mut verteilte Veronika Ratschlage und Weisungen. Die Ratschlage er- 
wiesen sich als kostbar, die meisten Weissagungen trafen ein. Wie 
sollte es auch anders sein? Wuftte sie doch sogar den Ausgang der kai- 
serlichen Schlachten! 

Manchmal prophezeite sie auch der kleinen Angelina die Zukunft. 
Nicht an Sonntagen, sondern am Freitag zwischen elf und zwolf Uhr 
nachts. Da safi Angelina am langen Tisch im groften Gesindezimmer, 
ihrer Tante gegeniiber, die mageren Ellenbogen auf der Tischplatte. 
Ihre roten, verlegenen Hande fuhren hilflos iiber ihr flammendes Ge- 
sicht, nestelten am schwarzen Leibchen und an der weiften Schiirze, 
der Livree der kaiserlichen Wascherinnen. Grauen und Neugier erfiill- 
ten ihr Herz. Ringsum an den Wanden und unter dem Plafond des 
geraumigen Saales wallten und wogten geheimnisvoll die Schatten, die 
von den zwei Wachskerzen auf dem Tisch, rechts und links von den 
ausgebreiteten Karten, nicht etwa verjagt, sondern nur noch verstarkt 
und verdichtet wurden. Dazu kam, daft Veronika, einer geheimen Zau- 
bervorschrift gemiift, das Wachs der Kerzen mit Weihrauch getrankt 
hatte. Der Raum war vollig verandert, nicht mehr der grofte, gewohnte 
Speisesaal, in dem alle jeden Tag aft en, sondern eher etwa eine gerau- 
mige Gruft, in der die Schatten der ringsum an den Wanden Begrabe- 
nen umhersegelten. 
Der jungen Angelina sagten die Karten immer das gleiche: Ihr zu Fii- 



73° ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

fien lag ein schoner Mann mit Bart und in Uniform. Ein Kind, ein 
Knabe, tauchte auf in den bereits etwas gelichteten Nebeln der nach- 
sten Zukunft. In den weniger durchsichtigen der fernen aber wartete 
der Tod, seltsamerweise in einer nicht zu leugnenden Beziehung zu 
einem blutigen Krieg. Geld - und plotzliches gar - war weit und breit 
nicht zu sehen. Krankheit kam auch nicht in Betracht. Ruhm kiindigte 
sich irgendwo ratselhaft an, war aber selbst von dem scharfsinnigen 
Aug' der Veronika nicht genau zu unterscheiden. - Mit diinner und 
hohler Stimme schlug endlich die Mitternacht. Man horte draufien die 
halblauten Kommandos der Posten, die sich ablosten, und das ge- 
dampfte Gerausch der prasentierten Waffen. - Da erhob sich Veroni- 
ka, bundelte die Karten und schritt, Angelina voran, die zwei flackern- 
den Kerzen in beiden Handen, hinaus. »Gute Nacht, Kind!« sagte 
sie. - Angelina knickste, und die Tante kiifite sie auf die Stirn, die 
Leuchter in beiden ausgestreckten Armen. 

Bitterlich enttauschte die ewig unabanderliche Stimme der Karten die 
kleine Angelina. Jeden Freitag erwartete sie einen neuen Klang, sie 
ahnte wohl, was fur einen, und sie getraute sich nicht, ihn zu gestehen. 
Eine bestimmte Art von Geriichten beherrschte oftmals die Gesprache 
unter dem Gesinde, und Angelina verstand nicht alles, sie erriet nur 
das Wichtigste. Manchmal horte sie Lakaien und Diener sagen: »Gra- 
tuliere, Pierre! Deine Caroline war gestern nacht verschwunden!« 
Oder: »Guten Morgen, lieber Freund, nimmst du sie zuriick, oder du- 
ellierst du dich mit dem Kleinen?« Und sie sah an dem schamlosen, 
offenen und dennoch Geheimnis verhullenden Lacheln der Manner, 
dafi es sich um Liebesnachte handelte, und sie erriet, daft es die Liebes- 
nachte des Kaisers waren. Sie kannte diese Caroline, jene Babette, die 
Cathrin und die Arlette. Wie hochmutig rauschten sie unter dem Ge- 
sinde plotzlich einher, in ihren gewohnten und dennoch wie durch 
Zauber verwandelten Dienstkleidern! War der Machtige so gering in 
manchen Stunden, dafi er nach Magden begehrte? Und war er nicht so 
grofi, dafi ihm alles in der Welt gehorte? Die Berge, die Taler, die 
Fliisse gehorten ihm, die Konige, ihre Lander, ihre Kronen, ihre Toch- 
ter, ihre Frauen, die hohen Generale und die gemeinen Soldaten. Alles, 
alles gehorte ihm, das Hohe und das Niedrige, das Grofiartige und das 
Einfache. Warum nicht auch die Magde? - Es war selig, seine Magd zu 
sein, von ihm erniedrigt, von ihm erhoben zu werden ! Das kleine Herz 
Angelinas flatterte und zappelte, ein gefangenes Vogelchen. Das Blut 



DIE HUNDERT TAGE 73I 

wallte ruhelos und sehnsuchtig. Sie konnte nicht mehr dem wunderba- 
ren Drang widerstehn, sich in jedem der zahlreichen Spiegel zu be- 
trachten, die in den kostlichen Badezimmern aufgestellt waren. Es war 
einfach iiber sie gekommen. Es begann mit einem furchtsamen Mifi- 
trauen gegen die eigene Anmut und mit einer schrankenlosen Aner- 
kennung fur die Vollkommenheit der anderen Madchen. Sie lernte ih- 
ren Hals, ihre Brust, ihre Hande und Fiifte mit den Halsen, Briisten, 
Handen und Fiifien der anderen vergleichen. Sie begann, in der Nacht 
nach den fremden Leibern zu spahen, bewundernd zuerst und spater 
mit Neid. Eines Tages - in dem einfachen Leben der kleinen Angelina 
Pietri aber hatte dieser Tag eine besondere Bedeutung - verliefi eine 
der Hofdamen das Bad spater als gewohnlich. Angelina sah sie noch 
nackt. Sie erschrak vor dieser stolzen, unbekummerten Nacktheit. Sie 
vergafi sogar, einen Knicks zu machen. Eine schreckliche Bewunde- 
rung lahmte sie. Es war, als sei die Dame nicht ganz nackt, sondern 
gehullt in eine Art voliig durchsichtiger Schonheit. Ihr Korper war 
preisgegeben den Augen Angelinas, aber dennoch sehr weit und si- 
cherlich unberuhrbar. Und wenn sie gewagt hatte, ihn zu fassen, hatte 
er sich wahrscheinlich angefuhlt wie Stein. Die Dame lachelte freund- 
lich. »Du kannst ruhig anfangen, Kind!« sagte sie. Angelina errotete 
und erblafite in der gleichen Sekunde. Auf einmal fuhlte sie eine nie 
gekannte Emporung. Zum erstenmal glaubte sie, eine Krankung zu 
erfahren. Die schone Frau hatte das Recht, »Kind« zu ihr zu sagen. Es 
war Angelina in diesem Augenblick, als bedeutete dieses zartliche 
Wort Verachtung und als ware es ein Urteil, das sie zur ewigen Unan- 
sehnlichkeit verdammte. 

Die Kammerfrau kam und umkleidete ihre nackte Herrin mit einem 
blauen Mantel. Angelina blieb allein. 

Zum erstenmal roch sie wollustig und zugleich gehassig den grofiarti- 
gen Duft des Badezimmers. Zum erstenmal betrachtete sie die gelben, 
saphirgriinen, rubinroten Flakons mit Parfum, die Seifen, die 
Schwamme, die Mandelmilch und die indischen Salben. Sie schopfte 
langsam das milchige Wasser aus der Wanne, begann mit Wut und 
Andacht zu saubern, hauchte gegen den Spiegel heftig ihren Atem, als 
schleuderte sie dem Glas eine bose Beschworung entgegen - und rieb 
es hierauf nachdriicklich, wie um es zu zerdriicken. Ihr junges Ange- 
sicht leuchtete ihr gefallig entgegen. Ja, zum erstenmal erschien sie sich 
selbst gefallig und, nach einer Weile, hubsch sogar. Sie war ein rothaa- 



732 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

riges und sommersprossiges Madchen, ihre Stirn war zu hoch, zu stolz, 
hatte man sagen konnen, ware sie nicht von Sommersprossen ubersat 
gewesen. Die Augen waren viel zu klein und von grauer Farbe. Ihre 
Lippen waren voll und bildeten einen zierlichen, nach unten gekrumm- 
ten Bogen. Im Kinn nistete ein Grubchen. Leider war es, nach der 
Meinung Angelinas, durch eine Sommersprosse entstellt und fast un- 
sichtbar. 

Ein sinnloses Verlangen erfafite sie, auch ihren Korper zu priifen. Sie 
streifte die Schiirze und das Kleid ab. Ihr Hals war schmal und fest, ihre 
hilflosen, jungen Schultern erschienen ihr ebenmafiig und vollkommen, 
ihre Brust zu klein. Es gab immerhin Mittel, Sommersprossen ver- 
schwinden zu lassen. Sie war entschlossen, hiibsch zu werden. Sie war es 
bereits. 

Seit diesem denkwurdigen Tage priifte sie jeden Tag aufs neue ihren 
erwachenden Korper. Vor dem Spiegel hielt sie verliebte, stumme Zwie- 
sprache mit ihm, mit ihrem Gesicht, mit den Lippen, den Augen, den 
Brauen. Man riet ihr zu einer bestimmten Salbe gegen Sommersprossen, 
aber sie dachte nie mehr daran, auch ihre kleinen Fehler hatte sie bereits 
liebgewonnen. Sie war glaubig und fromm, und sie wufite, dafi sie eine 
Siinde beging. Und sie nahm sich vor zu beichten, 
Eines Tages aber erlag sie sogar dem Spiegel im kaiserlichen Badezim- 
mer. Lange genug hatte sie ihm widerstanden, aus Angst und Ehrfurcht. 
Nun zwang er sie mit doppelter Gewalt. Mit einer jahen Gebarde trat sie 
vor ihn, rifi die Schiirze herunter, offnete den Kragen. Ihre langen, 
weifien Schiirzenbander schleiften am Boden. Plotzlich ging die Tur 
hinter ihrem Rucken auf. Im Spiegel sah sie, wie der Diener des Kaisers 
eintrat. Sie hatte keine Zeit mehr, die Schiirze und das Kleid zu ordnen. 
»Wo ist die Dose?« fragte der Diener. »Hast du die Tabaksdose nicht 
gesehn?« Seine Augen flogen flink und murrisch durchs ganze Zimmer. 
Sie erstarrte und erwiderte nichts. Sie stand da, immer noch dem Spiegel 
zugewandt. Im Spiegel sah sie, wie der Diener naher herankam. Schon 
stand er dicht hinter ihrem Rucken. »Umwenden!« befahl er. Sie schlug 
beide Hande vor den entblofiten Hals und wandte sich dem Mann zu. 
Ihre Schiirzenbander schleiften immer noch am Boden. 
»Was hast du hier gemacht? Was versteckst du da?« fragte er. 
»Nichts, nichts !« hauchte sie. 

Ihre Augen flatterten nach rechts und nach links, sie versuchten, die 
stammige Gestalt und das breite Gesicht des Dieners zu fliehen. 



DIE HUNDERT TAGE 733 

Plotzlich erblickte sie die Dose. Sie lag, zierlich und silbern, auf einem 
kleinen Tisch neben der Wanne. Sie streckte den Arm aus und sagte: 
»Dort, dort!« 

»Gesteh sofort, was du gemacht hast!« sagte der Mann mit flusternder 
Stimme, die starker, gefahrlicher und bedrohlicher klang, als wenn er 
geschrien hatte. »Gestehe, gestehe, gestehe«, wiederholte seine tonlose 
Stimme, und zugleich kam er Angelina immer naher, immer naher - er 
ging auf den Zehenspitzen, sein leiser Schritt war noch gefahrlicher als 
sein Gefluster. 

Endlich stand er vor Angelina. »Der Kaiser ist noch hier«, flusterte er, 
sein Atem zischte. »Ich rasiere ihn eben. Leise, leise, nicht schreien! 
Sag schnell!« Er streckte den Arm aus. Es schien, als machte er Anstal- 
ten, Angelina das Kleid vom Leibe zu reifien. Nicht schreien! - Nicht 
schreien! dachte sie. Da entrang sich schon ein schriller, betaubender 
Schrei ihrem Herzen. Zugleich sprang sie in die Richtung des Vor- 
hangs zu ihrer Linken, der ihr Rettung zu versprechen schien. Sie 
wufite nicht mehr, was sie tat, sie streifte den Toilettentisch, und mit 
klirrendem Getose stiirzten Glaser und Flakons zu Boden. 
Der Diener wich zuriick, zur Tiir, durch die er gekommen war, und 
verschwand. Durch die geschlossene Tiir vernahm sie jetzt den zorni- 
gen Klang einer machtigen Stimme. Die Worte konnte sie nicht verste- 
hen, die Stimme erahnte sie wohl. Es war die scheltende Stimme des 
Kaisers. Dann wurde es still. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz flatterte. 
Sie bezwang sich, buckte sich und begann, mit leisen flinken Fingern 
die Scherben aufzusammeln. Dann wartete sie reglos. Sie horte kein 
Gerausch mehr. Sie ging zur Tiir, die in den Korridor fiihrte, druckte 
behutsam die weifte Klinke nieder und trat in den Gang. In dies em 
Augenblick vernahm sie zartes Sporenklirren. Sie erzitterte. Da kam er 
schon, der Kaiser, an ihr vorbei. Sie stand auf, in der gerafften Schiirze 
die Scherben der Glaser und der Flakons, gelahmt und aufrecht, und 
sah den Kaiser nicht, obwohl ihre Augen weit aufgerissen waren. Sie 
wufite nur: Es hatte einen ewigen Augenblick weifi geschimmert und 
silbern geklingelt. Nichts mehr behielt sie in der Erinnerung. Leer und 
wiist war ihr kleiner Kopf. 

Sie lief, sie rannte, sie verirrte sich in den Gangen, fand endlich die 
Treppe, flatterte die Stufen hinunter und erreichte das Freie. 



734 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

III 

Man erfuhr nichts von ihren Verfehlungen, und sie schatzte sich 
glucklich. Sie betete inbriinstig, der Himmel moge ihre Siinden ver- 
zeihen. Sie kiifite das Kruzifix, das iiber ihrem Bette hing, driickte 
es ans Herz und legte sich getrost schlafen. Aber ehe sie einschlief, 
zog sie das Tuch her vor, das sie zwischen Polster und Uberzug ver- 
borgen hatte, und prefite es ebenfalls an die Brust. Das Kreuz beru- 
higte sie; aber das Tuch machte sie selig. 

Eines Abends, beim Wascherapport, als alle sechsunddreifiig in ta- 
delloser Reihe dastanden, sagte Veronika Casimir: » Angelina liefert 
zuerst ab. Hierher, Angelina! Man erwartet dich!« 
Vor der Tiir im schwach beleuchteten Korridor stand ein fremder 
Lakai, den sie noch nie gesehn hatte, in blauem Tuch; er schien 
zierlicher und schmachtiger als die anderen Manner aus dem Ge- 
sinde, die sie kannte; er trug eine feine Goldborte um den Kragen- 
rand und am Rockaufschlag; er glich einem dunkelblauen, zart ver- 
goldeten, sehr feierlichen Schatten. 

»Folgen Sie mir, Fraulein!« sagte er. Zum erstenmal sagte man zu 
Angelina »Sie« und »Fraulein«. Ihr Mm sank mit jedem Schritt, den 
sie machte. Bei jeder Wendung des Korridors wuchs die Unheim- 
lichkeit. Sie gelangten in den nachtlichen Garten, in einen unbe- 
kannten Teil des nachtlichen Gartens. Es waren kaum ein paar Mi- 
nuten verflossen, aber es war Angelina, als ware sie schon stunden- 
lang hinter dem Lakaien einhergewandert. Sie betraten wieder das 
Schlofi, und wiederum durch eine unbekannte Tiir. Angelina hatte 
diesen Eingang noch niemals gesehn, auch nicht die Treppe, die sie 
eben folgsam hinaufschritt. Sie hielt sich am Gelander fest, sie ging 
auf dem schmalen Streifen, den der dunkelrote Teppich vom weifien 
Stein sichtbar liefi. Der Teppich schien ihr gefahrlich und vertraut 
lediglich der schmale Steinrand. Sie kam in ein geraumiges Zimmer. 
Eine starke, griine Portiere fiel iiber die Tiir hernieder, in wuchti- 
gem, seidenem Gefall. Zwei Lehnstiihle stand en an einem kleinen 
Tisch. Auf dem Tisch sah sie Flaschen und Glaser, kaltes Fleisch 
und Kase auf Porzellantellern mit dem kaiserlichen Wappen. Der 
Lakai schob einen Lehnstuhl vor und sagte: »Setzen Sie sich, Frau- 
lein!« Dann schiittete er aus der Karaffe goldfarbenen Wein ins kri- 
stallene Glas. Dann verschwand er hinter der Portiere, schmachtig, 



DIE HUNDERT TAGE 735 

zierlich, dunkelblau. Schwer und kudos schlugen ihre griinen Wo- 
gen hinter ihm wieder zusammen. 

Angelina safi steif in dem breiten, weichen Fauteuil vor dem golde- 
nen Weinglas. Mit leeren Augen sah sie die breiten Fenster, die fei- 
erlichen Bilder an den Wanden, die ihr nur wie bunte, goldgerahmte 
Flecke erschienen, den grofien kristallenen Luster in der Mitte, uber 
dem Tisch, die schweren silbernen Armleuchter in alien vier Ecken 
des Zimmers. Von den brennenden Kerzen roch es nach Wachs und 
Veilchen. Zu ihrer Linken stand das breite Bett, halb verhullt von 
einem goldgelben, von goldenen Bienen ubersaten Vorhang. Auf- 
recht und starr safi sie da und bemiihte sich vergeblich nachzuden- 
ken. 

Alles war bekannt, alles war fremd. Vielleicht hatte sie all dies schon 
einmal getraumt, vielleicht traumte sie jetzt, in diesem Augenblick. 
Vielleicht kam jemand, um sie zu toten. Vielleicht kam jemand, nur 
um sie zu bestrafen. Ein Dutzend seltsamer Geschichten, die sie als 
Kind in der Heimat gehort hatte, fielen ihr jetzt ein. Es wurde ihr 
heift, die Warme, der Duft, die Angst und das Licht der Kerzen be- 
taubten sie. Sie hatte aufstehn mogen und ein Fenster offnen. Sie 
wollte aufstehn und die Kerzen ausloschen. Ihr Glanz war allzu- 
stark, er larmte fast. Angelina dachte, daft sie hier ganz gerne sitzen 
wiirde, wenn es nur finster ware. Ganz finster, wie es jetzt in ihrer 
Schlafstube war. Sie wagte nicht, sich zu ruhren. 
Allmahlich wurde sie mude. Sie lehnte sich zuriick und spiirte die 
giitige Weichheit der Lehne und der Armstiitzen wie eine neue, 
noch grdftere Gefahr. Sie neigte sich wieder vor und griff nach dem 
Glas. Ihre Hand zitterte. Sie trank, lehnte sich zuriick, tat noch 
einen Schluck und noch einen. Es war Wein, es war gleichsam mehr 
als Wein. Es war siift, herb, gefahrlich, trostend und verheiftend. Es 
war das Getrank der Siinde. Sie versuchte, sich ein wenig aufzurich- 
ten, um das Glas wieder auf den Tisch zu stellen. Sie konnte nicht 
mehr. Zu spat, zu spat - dachte sie, und sie trank weiter. 
Jetzt safi sie da, das geleerte Glas in der Hand. Schon fuhlte sie sich 
heimischer, schon wurde ihr der fremde Raum vertraut. Sie wagte, 
mit einem kiihnen Entschluft, aufzustehn, sie hatte bei sich beschlos- 
sen, wenigstens einmal rings urns Zimmer zu gehn. Sie blieb vor 
dem ersten Bild stehn: Es war der Kaiser, ein groftes Portrat, es 
reichte bis zum Boden. Man mufite den Kopf heben, um sein Ange- 



J}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sicht zu sehen. Man sah seine Stiefel zuerst, die Hosen dann, spater erst 
den Rock und schliefilich, wie in Wolken, hoch oben sein AntUtz. 
Die kleine Angelina ging nicht mehr weiter. Sie fliichtete sich wieder 
zuriick, in den Lehnstuhl, in die heimische Gefahr. Sie zitterte, sie 
fiirchtete, das Glas fallen zu lassen, das sie immer noch in der Hand 
hielt, und sie stellte es also aufierst vorsichtig wieder auf den Tisch. 
Eine schreckliche, wunderbare, gewaltige Ahnung iiberfiel sie, eine 
feurige, eine gefahrliche Ahnung, die von aufien kam, aus dem Wein 
aufzusteigen schien, aus dem Bild des Kaisers zu stromen, aus dem 
Bett in der Ecke und aus den betaubend duftenden Kerzen. 
Jetzt richtete sie den Blick auf die schweren, gninen Wo gen der Por- 
tiere, und jeden Augenblick glaubte sie, eine Bewegung an ihr wahrzu- 
nehmen. Bald lauschte sie und glaubte, Stimmen zu horen. Bald war es 
ihr, als ginge der Vorhang auseinander, und der Kaiser erschien wie auf 
dem Bilde: Sein Kopf war unsichtbar unter dem Plafond, grofi war er, 
immer grofier wurde er. Sie neigte sich vor, schuttete sich ein neues 
Glas ein und nippte daran. Gleich darauf stellte sie es furchtsam und 
ehrfiirchtig wieder auf den Tisch. 

Jetzt glaubte sie genau zu wissen, weshalb man sie hierhergebracht 
hatte. Eine sufie Furcht iiberfiel sie, und sie ergab sich ihr, wolliistig, 
traumerisch, kindlich und stolz. Sie trank noch einmal. Sie lehnte sich 
zuriick und hielt krampfhaft das Glas in ihren roten, jungen Handen. 
Ihr Blick schweifte von den Wanden zu den Kerzen, von dies en zu den 
Fenstern und immer wieder zu der Portiere. Sie bemerkte, wie sich 
eine der Kerzen in der Ecke infolge der Hitze stark zu biegen anfing, 
und schon wollte sie aufstehen, um sie gerade zu richten; aber sie 
wagte es nicht. Mit dem pflichttreuen Ohr eines Madchens aus dem 
Gesinde vernahm sie erschreckt das sachte, regelmafiige Tropfen des 
Wachses auf den Teppich. Ihr kindlicher Stolz erstarb, ihre wolliistige 
Furcht verdrangte nun eine andere, eine ganz gewohnliche, die Furcht 
der Dienerin vor einer versaumten Pflicht. Dennoch vermochte sie sich 
nicht zu erheben. Und um die Kerze nicht mehr ansehn zu miissen, 
schlofi sie die Augen. 

Sie schlief sofort ein, das Glas aufrecht und brav in den torichten Han- 
den und auf dem reglosen Schofi. Wirre Traumfetzen flogen an ihr 
vorbei. Sie hielt die Lippen geoffnet, sie lachelte, ein bifkhen angstlich, 
im Schlaf und atmete kaum; auch im Schlaf noch wagte sie nicht zu 
atmen. 



DIE HUNDERT TAGE 737 

Sie erwachte beim ersten sommerlichen Jubel der Vogel. Durch alle 
hohen und breiten Fenster stromte siegreich der Junimorgen, ge- 
dampft von dem Griin der Baume im Park. Angelinas gewissenhafter 
Blick suchte sofort die verbogene Kerze. Ein kleines, buckliges Stiick- 
chen Wachs nur war noch im Leuchter ubriggeblieben; auf dem scho- 
nen Teppich aber hafteten jetzt der Kerze unheilvolle Reste, ein klei- 
ner, trockener, gelber Teich aus Wachs. In der Luft stand der blaue, 
kalte Dunst der langst erstorbenen Lichter. 

Ratios und verloren war Angelina. Sie dachte nicht mehr an die Por- 
tiere. Sie sehnte sich weit weg, nach Hause, nach Ajaccio, zu den ge- 
liebten Netzen, dem steinigen Strand, den goldenen, silbernen und 
stahlblauen Fischen, nach dem Duft der Algen und der Muscheln. Sie 
hielt immer noch das Weinglas in der Hand; nun stellte sie es auf den 
Tisch und erhob sich. 

Ein Gerausch von Stimmen und Schritten vernahm sie plotzlich. Eine 
Tiir ging, ein Ruck rifi gewaltsam die Portiere auseinander, der Kaiser 
stand da. Sein Haar war wirr, ein paar Knopf e an seiner Weste waren 
offen, ubernachtigt erschien er, alter und kleiner, als er sein mochte, im 
jungen Licht des Morgens. Mit einem lacherlichen, plumpen Ruck fiel 
Angelina in die Knie, als hatte man sie niedergestofien. Sie senkte den 
Kopf, und nichts mehr sah sie als die schwarzen kaiserlichen Stiefel auf 
dem roten Teppich. Sie horte, wie hinter dem Kaiser jemand lautlos 
eintrat, sie sah einen blauen Schuh und eine goldene Schnalle, und sie 
erriet, dafi es der blaue Lakai von gestern war. 

»Dummkopf!« sagte jetzt die Stimme des Kaisers - und: »Lafi sie hin- 
aus!« 

Als sie den Kopf hob, war der Kaiser verschwunden. Vor der griinen 
Portiere stand der schmachtige blaue Lakai. 
»Kommen Sie, Fraulein!« sagte er. 

Im Garten liefi er sie stehen. Es schlug sechs von einem Turm. Um 
halb sieben begann die Arbeit. 

Beschamt, verworren und betaubt lief sie durch die breite Allee. Dort 
schimmerte schon der heimische Trakt, den sie kannte. Als erste von 
alien Dienerinnen betrat sie heute die Waschkiiche. 

Seit dieser merkwurdigen Nacht war das Herz der kleinen Angelina 
lahm und verwundet. Vergebens versuchte sie, sich einzureden, dafi sie 
jene Nacht nur getraumt habe. Immer unerbittlicher stiegen in der 



J}$ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Erinnerung alle Begebenheiten wieder auf, jede mit genauem Gesicht 
und grausamer Kontur. Sie weigerten sich entschieden, von Angelina 
fiir Traume und Schatten gehalten zu werden. Jene Nacht verfolgte 
Angelina hartnackig. Immer noch roch sie den heifien Duft von bren- 
nendem Wachs und Veilchen; immer noch schmeckte sie das kiihle, 
herbe und sufie Gold des Weines; immer noch spiirte sie den plotzli- 
chen, schmerzlichen Schlag der Schande. Ihr erwachtes, ahnungsrei- 
ches Blut wufite, dafi man es verschmaht hatte. 
Mit einem dumpfen Hafi begann die kleine Angelina die grofien Da- 
men zu verabscheuen, von denen sie glaubte, sie waren niemals ver- 
schmaht worden, auch nicht vom Kaiser. Ihre eben erbluhte Eitel- 
keit erlosch und verwelkte, ein armlicher, kurzer Fnihling, in der 
Scham, in der Schande und im Hafi. Sie betrachtete nicht mehr ihr 
Angesicht, alle Spiegel der Welt waren auf einmal erblindet. In der 
Nacht betete sie nur noch fluchtig, und nur fluchtig kufite sie das 
Kreuz. Das Tuch des Kaisers lag verborgen auf dem Grunde ihres 
holzernen Koffers. 

Eines Sonntags, als sie ihre Tante wieder auf ihren Besuchsgangen be- 
gleitete, trat ihr im Hause des Profosen dessen Neffe entgegen, der 
grofiartige Wachtmeister Sosthene, dessen Herz sie in der ersten 
Stunde entziindete. 

Nichts unterschied ihn von den meisten Wachtmeistern der kaiserli- 
chen Kavallerie. Grofi, kraftig, tapfer, ausgezeichnet und ein paarmal 
verwundet, war er wie die meisten seiner Kameraden. War Angelina 
einige Schritte von ihm entfernt, so sah sie ihn nur als eine Welt fiir 
sich, eine Welt mit Sabel, Sporen, Stiefeln, geflochtenen Schniiren, eine 
Welt in Blau-Rot; und auch sein Angesicht war ein Teil seiner Uni- 
form. Es war eine Erscheinung, die nicht, wie alle anderen menschli- 
chen Erscheinungen, aus Gliedmafien und Korperteilen bestand, son- 
dern eher aus Farben. Naherte er sich der Kleinen, so mufite sie, um 
ihm zu antworten, an ihm emporblicken wie an einem bunten Berg, 
und es dauerte eine geraume Weile, ehe sie oben auf dem Gipfel einen 
gewaltigen, furchtbar glanzenden, blauschwarzen Schnurrbart er- 
blickte und iiber diesem zwei breite, schwarze, offene Niistern wie 
Krater. 

Es liefi sie gleichgiiltig - und sie gab sich nur den Anschein, zufrieden 
zu lauschen-, wenn er von seinen Schlachten erzahlte und von den 
fremden Landern, in denen er gekampft, gelebt und geliebt hatte. Mit 



DIE HUNDERT TAGE 739 

Wohlwollen und nicht ohne Kritik sprach er von der Strategic des Kai- 
sers. Es hatte nicht viel gefehlt, und der Kaiser hatte diese Schlacht 
verloren und ware in jener glatt umgekommen, zumindest aber in Ge- 
fangenschaft geraten. Alle Leute, der Profos einbegriffen, die nur die 
Paraden des Kaisers kannten, hatten keinen Begriff von der Rolle, die 
der Zufall und das Gliick in der Schlacht spielten. Vielleicht war es nur 
Zufall, dafi der Oberst des Wachtmeisters nicht Kaiser geworden war. 
»Das kann nur Gott wissen!« sagte die Frau des Profos en. 
»Gott gibt's nicht !« sagte der Wachtmeister entschieden. Und mit der 
gleichen Entschiedenheit und mit der galanten und gerauschvollen 
Verbeugung eines gewappneten Ungetiims lud er Angelina und ihre 
Tante ein, mit ihm am Abend zu essen. 

Sie afien in einem noblen Gasthaus gebratene Scholle, Rindfleisch mit 
grobkornigem Salz, siifiliche Karotten und zarte, junge Zwiebelkopf- 
chen: ein soldatisches Mahl. Der Wachtmeister stiefi den Sabel dreimal 
auf den Boden, und man brachte einen herben Wein aus der Rheinge- 
gend. Auch dort hatte der Wachtmeister die Deutschen gezahmt, und 
jeder Schluck entrang ihm bestimmte Erinnerungen. Kaffee und meh- 
rere Cognacs trank man am Schlufi. Hierauf erklarte die Tante, dafi ihr 
Dienst sie riefe. »Einen Augenblick!« sagte der Wachtmeister, »ich be- 
gleite Sie, Madame !« Er beugte sich tief, die Tante reckte sich ein we- 
nig, und also geriet er mit seiner machtigen Faust an ihren Arm, erfaflte 
ihn und fiihrte sie klirrend bis zur Tiir. Er gnifite militarisch und 
kehrte, ein strahlender Fels, zu Angelina zuriick. 
An diesem Abend sollte sie noch ein gut Snick Welt kennenlernen: 
eine Wagenfahrt, einen Jahrmarkt, von unzahligen Windlichtern tag- 
hell erleuchtet, noch einen Cognac, schlieftlich ein kleines, rotgoldenes 
Zimmer, eine Flasche Champ agner und die Liebe auf einem schmalen 
Sofa, das nicht grofier war als eine geraumige Wiege. Der Kopf Angeli- 
nas hing wirr und betaubt iiber die Lehne, deren schmerzenden Druck 
sie im Nacken spiirte. Es war ihr, als bestiinde ihr Korper aus einzel- 
nen unordentlichen Stiicken wie in dieser Stunde ihre Kleider. Ein 
bunter, fremder Berg umarmte sie mit aller Kraft und war im Begriff, 
sie vollends zu zermalmen. 

Drauften erst, unter dem grauenden Morgenhimmel, fand sie sich wie- 
der, im Wagen ordnete sie Haar und Kleider und iiberzeugte sich all- 
mahlich, dafi kein Stuck von ihrem Korper fehlte. Der Bart des Wacht- 
meisters fegte noch einigemal iiber ihr Gesicht und ihren Nacken, als 



740 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sie vor dem Schlofi standen. Er liefi sie los, befahl ihr zu winken, sie 
gehorchte und sah, dafi auch er winkte. Sie huschte die wohlbekannte 
Treppe hinauf ins Zimmer. Ihre Genossinnen schliefen. Sie betete 
heute nicht mehr, zum erstenmal in ihrem Leben. 
Mit der dunklen Empfindung, dafi das Leben sehr schwer und sehr 
unverstandlich sei, ein gefahrliches, aufierordentliches Gewicht, ver- 
sank sie in einen schweren Schlaf. 



IV 

Auf diese Weise erfiillte sich die Prophezeiung der Veronika Casimir: 
Ein bartiger Mann in Uniform lag Angelina zu Fufien, Er wartete auf 
sie jeden Abend, nachdem ihr Dienst beendet war, vor dem Ausgang 
der hofischen Dienstboten. Punktlich stand er da, machtig und bunt. 
Lange noch bevor sie ihn erreichte, sah ihn Angelina durch das Gitter 
des Parks und das Griin der Baume farbenprachtig schimmern. Am 
klaren Himmel erglommen schon die ersten silbernen Sterne. Und der 
glanzende Dragonerhelm mit der machtig gebogenen Rippe und mit 
dem schwarzen Pferdeschweif schien sie fast zu beruhren. Nicht aus 
Sehnsucht - aus Furcht und angstlicher Ungeduld lief ihm Angelina 
entgegen. Er wartete starr, ein bunter Felsen, bis sie an ihn herantrat. 
Sie traute sich nicht, zu seinem Haupt aufzusehen, zu dem ragenden, 
glanzenden Gipfel. Ihr hellblaues Haubchen reichte gerade bis zum 
Knauf seines Sabels und bis zum untersten Knopf seiner Weste. Mit 
einem gewaltigen Arm, ohne sich auch nur um ein geringes zu biicken, 
hob er sie in die Hohe seines Angesichts, und wahrend ihre Beine halt- 
los in der Luft zappelten, strich sein Schnurrbart wie eine zartliche 
Biirste iiber ihre Stirn, ihre geschlossenen Lider und ihre sommer- 
sprossigen Wangen. Atemlos schwebte sie so zwischen Himmel und 
Erde, Ewigkeiten lang, so schien es ihr. Endlich durfte sie taumelig zu 
Boden gleiten. An seiner rechten Hiifte schwankte sie dahin, an seiner 
Linken schepperte der Sabel. Seine Sporen klirrten gefahrlich und leise, 
aber scharf knirschten seine Stiefel. So gingen sie den Freuden des 
Abends entgegen. 

Sein Urlaub wollte kein Ende nehmen. Offenbar hatte der Wachtmei- 
ster bei seinem Regiment sehr viel Einfluft. Offenbar auch war sein 
Bediirfnis nach der Liebe Angelinas noch lange nicht gestillt. Er 



DIE HUNDERT TAGE 741 

konnte sich auch, er hatte es ein paarmal angedeutet, zu einem Kavalle- 
rieregiment nach Paris versetzen lassen. Daran dachte Angelina mit 
ehrlichem Entsetzen. Sie wagte nicht zu fragen, wann er wieder weg- 
fahren wiirde. Wenn er seine Andeutung wiederholte, dafi er ja ebenso 
in Paris wie in Lyon oder in Grenoble dienen konnte, fiihlte sie wohl, 
dafi er von ihr Zustimmung und Ermunterung erwartete. Sie nahm ihn 
hin und erkannte ihn an, wie man ein Schicksal hinnimmt. Wie eine 
farbige und klirrende Lawine fiel er jeden Abend regelmafiig, zu be- 
stimmter Stunde, iiber sie nieder, und dafi sie sich dennoch, gebrochen 
zwar und miide, aber mit heilem Korper wieder erheben durfte, schien 
ihr Gnade genug. Sichtlich war ihr dieser Mann bestimmt gewesen, 
vom Anfang der Zeiten. Auch die Karten hatten ihn vorausgesagt. 
Hoch iiber ihrem Kopfe, so dafi sie ihn kaum verstand, redete er uner- 
mudlich daher. Sie vernahm grollende Laute, kleine Donner, und 
wenn er manchmal nieste, klang es wie ein kurzer Platzregen. Erst 
wenn sie einander am Tisch gegeniibersafien, begann sie, den Inhalt 
seiner Reden zu verstehen, wenn auch nicht vollkommen deren Sinn. 
Gebannt und nicht ohne Gehassigkeit, wie man zuweilen von etwas 
Verhafitem und Hafilichem gebannt sein kann, sah die kleine Angelina 
die heftigen Bewegungen des machtigen, mannlichen Mundes, der zu 
kauen schien, wenn er sprach, die grofie, rote Unterlippe und den 
Schnurrbart, der unermtidlich durch die leere Luft fegte. Grofie und 
grofiartige Worte sprach der Wachtmeister. Wuchtig fielen sie auf An- 
gelina nieder, wuchtig und langweilig. Sie wagte nicht einmal, ihren 
Blick von seinem Angesicht abzuwenden. 

Obwohl sie das Gefiihl hatte, dafi er allein der Anlafi ihrer schwersten 
Siinden war, schien es ihr dennoch, als sei es noch mehr Siinde, ihm zu 
widerstehen und ihm nicht zu gehorchen. Also wurde sie ganz ratios, 
und es schien ihr, dafi sie verurteilt sei, von nun ab nie mehr wahlen zu 
konnen zwischen Tugend und Siinde, sondern immer schwanken zu 
miissen zwischen zwei Arten von Siinden. Sie dachte daran, dafi sie, 
seitdem dieser gewaltige Mann iiber sie eingestiirzt und hereinge- 
brochen war, nicht mehr nach alter, trostlicher Gewohnheit die Kirche 
besucht hatte, aus Angst, sie konnte, ratios und beschmutzt, wie sie 
sich vorkam, durch ihre Anwesenheit allein Gott selbst beleidigen. Sie 
sehnte sich nach den endgiiltig versunkenen Tagen ihrer kindlichen 
Reinheit zuriick. Eines Abends auf dem Heimweg, als sie schon nahe 
dem Schlosse waren, hob der Wachtmeister den Finger, zeigte gegen 



74^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

das Schlofi und sagte: »Gliick hat er eben gehabt. Vielleicht mehr 
Gliick, als er verdient!« 

Es war schon spat am Abend, und die Strafie so still, dafi Angelina die 
Worte genau horen konnte, obwohl sie hoch iiber ihrem Kopfe dahin- 
rollten. Sie verstand zuerst nicht, wen der Wachtmeister meinte. Aber 
sofort fiihlte sie einen Widerwillen, und ehe sie noch recht begriffen 
hatte, wen der Wachtmeister meinen mochte, begann sie ihn zu hassen, 
und lediglich wegen dieses einen Satzes. - »Wer hat Gliick gehabt?« 
fragte sie mit ihrer diinnen, zaghaften Stimme. »Er natiirlich, der Bo- 
naparte!* Es war ungewohnlich, dafi man den Kaiser mit diesem Na- 
men bezeichnete, und Angelinas Hafi gegen den Wachtmeister wurde 
noch grofier. »Der Kaiser ?« fragte sie. »Ja, er, gewifi!« sagte der 
Wachtmeister. »Sie dienen in seiner Armee!« sagte Angelina. Sie 
sprach diesen Satz mit einer grofien Anstrengung, und ihre Stimme 
zitterte schon. »In seiner Armee«, sagte der Wachtmeister (und er be- 
tonte das Wort »seiner« mit Gehassigkeit), »dienen viele, die ihn nicht 
mogen. Aber davon verstehst du nichts, Kleine!« Sie waren vor dem 
Gitter angelangt, und in Angelina erwachte der Verdacht - es war der 
erste Verdacht in ihrem jungen Leben-, dafi der Wachtmeister nur 
deshalb aufgehort hatte, iiber den Kaiser zu sprechen, weil ihn irgend 
jemand hatte horen konnen. 

Nun hob er sie hoch wie jeden Abend beim Abschied, aber nicht mit 
einem Arm wie bei der Begriifiung; denn die Gardisten sahen nicht 
mehr zu, und es lohnte nicht, Krafte zu verschwenden, wenn keine 
Zeugen da waren. Also hob er sie mit beiden Armen hoch, kiifite sie 
laut, dafi es in der stillen Nacht widerhallte, auf beide Wangen und liefi 
sie mit einem Ruck, weniger sanft als bei der Begriifiung, zur Erde 
nieder. Als sie wieder unten stand, sagte er: »Morgen feiern wir Ab- 
schied. Ubermorgen ist mein Urlaub endgiiltig und unwiderruflich 
aus. Ubermorgen fruh mufi ich einriicken. Wirst du traurig sein?« 
»Ja, ich werde traurig sein!« murmelte Angelina. 
Zum erstenmal, seitdem ihre Freundschaft mit dem Wachtmeister an- 
gefangen hatte, lief sie munter die Treppe hinauf, und seit langer Zeit 
war heute ihr Schlaf sanft und heiter und ohne schreckhafte Traume. 
Am nachsten Morgen erwachte sie ebenso heiter, wie sie eingeschlafen 
war. Es war der letzte Tag ihrer qualvollen Liebe angebrochen, und sie 
fiihlte sich wie einst als Kind am Vortag eines frohlichen Festes. Am 
Abend, als der Wachtmeister piinktlich und schimmernd wie gewohn- 



DIE HUNDERT TAGE 743 

lich vor dem Gitter erschien, lief ihm Angelina beinahe freudig entge- 
gen. Zum erstenmal empfand sie eine Art von Dankbarkeit diesem Ko- 
lofi gegeniiber, und sie schamte sich ein wenig vor ihm. Zum erstenmal 
auch graute ihr nicht vor seinem Bart, der iiber ihr Angesicht zartlich 
dahinfegte. 

Spater aber, als sie das Cafe »Zur ewigen Freude« betraten, ver- 
schwand ihre muntere Laune. Der Wachtmeister Sosthene hatte, um 
seinen Abschied zu feiern, mehrere Kameraden eingeladen, Unterofh- 
ziere, zwei Profosen und einige Beamte. Als er mit Angelina eintrat, 
waren die meisten schon versammelt. Sie drangten sich an der blechbe- 
schlagenen Theke. Hinter ihr hastete der Wirt einher, in griiner 
Schiirze und in weifien Hemdsarmeln, rot und gedunsen und mit 
einem frohlichen, schwarzen Schnurrbart, der den gleichen Glanz 
hatte wie seine Augen. Alle wandten sich, wie auf ein Kommando, den 
Eintretenden zu und riefen: »Es lebe Sosthene !« Machtig und grofiar- 
tig blieb Sosthene an der Schwelle stehen, die offene Tiir im Riicken, 
denn es diinkte ihm unpassend, sie in dieser Stunde selbst zu schlieften. 
An seiner rechten Hiifte, viel kummerlicher als sein Sabel an der Lin- 
ken, haftete Angelina. Er erhob die Hand, er lieft dabei den Arm Ange- 
linas los, so daft es ihr in diesem Augenblick vorkam, als verliefte er sie 
vollends in der Stunde seines Triumphes, und er donnerte: »Da bin 
ich, Kameraden !« 

Zu gleicher Zeit begann in einer Ecke eine Ziehharmonika einen der 
ublichen Armeemarsche zu spielen. 

Alle begannen sie sofort zu essen, eilig, andachtig und schweigsam. Sie 
aften gewaltige Bissen, mit groftem Appetit, tranken dazu gewaltige 
Glaser und sahen beflissen auf ihre Teller. Angelina wollte nicht zu 
den anderen hinsehen, aber irgend etwas zwang sie dazu, jeden Augen- 
blick, und sooft sie sah, wie einer der Gaste einen groften Bissen ver- 
schlang, nahm sie einen kleinen und immer kleineren, einen zierlichen 
und immer zierlicheren. Ihr war es, als wiirde dieser Abschiedsabend 
ewig dauern, und auch, als waren alle die hier versammelten frohlichen 
Manner ihre Brautigame und als ware es also gleichgultig, ob ihr 
Wachtmeister Sosthene morgen seinen Urlaub beendet hatte oder 
nicht. Allen seinen Freunden war sie angelobt und preisgegeben. 
Da erhob sich, nachdem man das Rindfleisch verzehrt hatte, ein Kor- 
poral der Artillerie, klopfte an sein Glas und begann eine Rede. 
Er sprach von alien Heldentaten des Wachtmeisters Sosthene, und es 



744 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

war so, als hatte der Kaiser selbst keinem anderen als dem Wachtmei- 
ster Sosthene all seine Siege zu verdanken. 

Nach dem Korporal erhob sich der Wachtmeister, und er bestatigte 
mit ein wenig veranderten Worten alles, was der Korporal gesagt hatte. 
Und alle klatschten ihm Beifall. 

Als die Mitternacht schlug, waren die meisten Teilnehmer bereits be- 
trunken und ihrer Sinne nicht mehr machtig. Und sie begannen, iiber 
den Kaiser zu sprechen. 

Als erster sprach der Wachtmeister Sosthene. »Jeder von uns, die wir 
hier sitzen«, sagte er, » hatte dasselbe Gliick haben konnen.« - Aber er 
meinte in Wirklichkeit, dafi nur er allein, der Wachtmeister Sosthene 
Levadour, dieses Gliick hatte haben konnen, und kein anderer. 
»Jeder von uns«, wiederholte der Korporal, der die Rede auf den 
Wachtmeister gehalten hatte. 

»Er ist ein Gliickspilz!« sagte einer der Profosen, die am Fest teilnah- 
men, ein grauhaariger Mann mit einem zusammengeschrumpften Ge- 
sicht. 

»Er ist ein Schlauer!« sagte ein anderer. 

»Er ist ein Unbedenklicher und Gewissenloser«, begann ein dritter. 
»Denkt daran, meine Kameraden, denkt daran, wie leichtfertig er das 
Volk verraten hat und die Freiheit des Volkes.« 
»Des franzosischen Volkes!« warf ein vierter ein. 
»Er hat die Freiheit des Volkes verraten«, sagte der Wachtmeister So- 
sthene, »jawohl, das hat er! Das muE ich sagen, obwohl ich sein Soldat 
bin, ein Soldat unserer glorreichen Armee.« 

»Gewifi, Ruhm haben wir in Hiille und Fiille«, Heft sich da der Korpo- 
ral der Artillerie vernehmen. »Und sicherlich hatten wir ohne ihn die 
Welt nie gesehn, und sie hatte auch nicht vor uns gezittert. Dennoch 
aber muE ich sagen . . .« Der Profos vollendete den Satz des Korporals: 
»Dennoch aber muE ich sagen, daft wir ihm alles zu verdanken haben, 
unserm kleinen Korporal. « 

Man stimmte ihm nicht durchwegs zu. Es blieb sogar eine Weile still 
nach diesen Worten. Allein der Wachtmeister Sosthene, trunkener als 
die anderen, sagte mit verbitterter Stimme und nicht mehr ganz siche- 
rer Zunge: »Was mich und Kerle meiner Art betrifft, so hatten wir die 
Welt auch so erobert. - Nicht, meine Kameraden ?« Er sah von einem 
zum anderen, seine Lippen lachelten noch unter dem gestraubten und 
feuchten Schnurrbart, seine schwarzen Augen in dem roten und heifien 



DIE HUNDERT TAGE 745 

Angesicht gliihten schon gehassig. Keiner antwortete ihm. Alle mach- 
ten sich an irgend etwas zu schaffen. Einer hob sein Glas gegen die 
Kerzen und betrachtete es, als verdachtigte er es, irgendwelche Staub- 
chen zu enthalten. Ein anderer putzte die Gabel mit dem Tischtuch. 
Ein dritter lachelte verloren vor sich hin, als hatte er seit Stunden nicht 
mehr dem Gesprach zugehort. Ein vierter trank, mit auffalliger Lang- 
samkeit, den Rest seines Weins zu Ende und tat so, als schmeckte er 
jeden Schluck mit der Zunge nach. Trotz seiner Trunkenheit merkte 
der Wachtmeister Sosthene, dafi ihn die ganze Runde im Stich gelassen 
hatte. Er stiitzte seine beiden groEen Fauste auf den Tisch, erhob sich, 
und es sah aus, als stiinde er eher auf seinen Armen als auf den Beinen. 
Und er sagte mit einem Blick auf Angelina an seiner Seite: »Kamera- 
den! Was ist ein General ohne uns? - Was ist ein Kaiser ohne Soldaten? 
Wer ist grofier: der Kaiser oder die Armee? Wer ist grofier, frage ich? 
Wer ist grofier, frage ich?« 
Aber keine Antwort kam. 

»Ich sage also«, fuhr Sosthene fort, »die Armee ist grofier! Es lebe die 
Armee !« 

Angelina hatte die ganze Zeit stillgesessen. Eine gewaltige Angst und 
eine grofte, nie gekannte Scham hielten ihr Herz gefangen. Sie glaubte, 
genau zu spiiren, wie Angst und Scham ihr Herz umschlossen hielten, 
von beiden Seiten gleichsam, zwei eiserne Klammern. Sie wufite nicht, 
woher die Scham und woher die Angste kamen. Sie fuhlte sich be- 
schmutzt in dieser Gesellschaft und auch schuldig, weil sie ihr ohne 
Widerspruch zuhorte. Plotzlich erfullten sie auch Haft und Wut gegen 
alle Manner am Tisch und besonders gegen den Wachtmeister So- 
sthene. Ihr war, als miifke sie um Hilfe rufen. Mit ungeheurer Miihe 
hob sie die Hand aus dem Schoft - ihre rotliche, kleine, junge, hilflose 
Hand - und griff nach dem Glas. Sie trank einen kleinen Schluck - und 
auf einmal sah sie sich wieder im grofien Saal, neben der wogenden, 
schweren griinen Portiere, vor der kristallenen Karaffe. Sie sah auch 
das Bild des Kaisers an der Wand. Sie fuhlte sich auf einmal frei, stark 
und kuhn. Eine grofte, frohliche, heimische und vertraute Gewalt 
zwang sie, sich zu erheben. Sie stand auf. Ein freudiger Hafi starkte ihr 
Herz. Ein nie gekannter, giitiger, lieber Geist gab ihr mutige Worte 
ein: »Schamen miifit ihr euch«, sagte sie, »den Kaiser zu lastern. 
Nichts - weniger als nichts waret ihr ohne ihn. Ihr hattet weder die 
Welt gesehn, noch auch waret ihr eine Meile weitergekommen aus 



746 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

euren Dorfern oder Stadtchen. Ihr hattet ohne den Kaiser keine Sabel, 
keine Helme, keine Schnure, kein Geld, den Wein zu zahlen, den ihr 
trinkt! Schlachten habt ihr mitgemacht, nur, weil er euch gefuhrt hat. 
Wenn einer von euch irgendeinmal Mut hatte, so habt ihr auch ihn nur 
Napoleon zu verdanken. Er allein gibt euch den Mut, und hierauf gibt 
er euch auch die Orden fur Verdienste, die gar nicht die euren sind. 
Deshalb, hab 5 ich gesagt, solltet ihr euch schamen!« 
Sie setzte sich wieder. Sie sah, wie aus weiter Feme, obwohl der 
Wachtmeister Sosthene doch hart an ihrer Seite safi, dafi er nach der 
Karaffe griff und sein Glas aufs neue fiillte. Sie sah diese Hande, die sie 
so genau kannte, die feisten, kurzfingrigen, fleischigen, reichlich be- 
haarten und muskulosen Hande - sie sah beide, obwohl der Wacht- 
meister nur mit einer nach der Flasche griff-, und sie erinnerte sich, 
tief erschrocken und beschamt, dafi diese Hande nach ihrem Fleisch, 
ihrer Brust, ihren Armen und Schenkeln zu greifen gewohnt waren, 
schamlose, behaarte, lasterhaft behaarte Werkzeuge. 
Es war alien plotzlich, als habe sich eine grofie Bangnis iiber den Tisch 
gebreitet. Es schien ihnen alien, als brennten die Kerzen schneller und 
eifriger und als verminderte sich hurtiger der Talg und als wiirde es 
zusehends dusterer im Raum und als diirften sie gar nicht mehr mitein- 
ander reden. Es war ein trauriges, ein mifilungenes Fest - kein Zweifel. 
Alle schwiegen. 

Allein, in dem Augenblick, in dem sich die Gemuter aller Gaste un- 
heilbar zu verfinstern drohten, wurde die Tiir aufgerissen, und zu- 
gleich mit dem frischen Nachtwind, der die Kerzen aufflackern liefi, 
und gewissermafien von ihm getragen, stiirmte Veronika Casimir in 
den Raum. Sie kam gleichsam angeritten, in aufierordentlich festlicher 
Kleidung, in voller Riistung, das heifit mit nackten Schultern und wo- 
gendem Busen, in jener hellgrauen, seidenen Robe, die sie dem Ge- 
riicht nach von der Kaiserin Josephine personlich erhalten hatte und 
die sie nur bei besonderen Festen anzulegen pflegte. Zwischen ihren 
ubernatiirlich weiEen Briisten, die eine zarte, mehlfarbene Puderwolke 
ausstromten, ruhte schwer und wuchtig und an den Randern blitzend 
der von Diamanten umkranzte, groEe Jadestein, Geschenk der Kaise- 
rin und ohne Zweifel Zauberstein erster Ordnung. Eine geraume Weile 
noch blieb die Tiir offen, und der frische Luftstrom der Nacht bewegte 
immer noch die goldenen Kerzenflammchen. Eilfertig stellte der Wirt 
einen Sessel an das Kopfende des Tisches. Und ehe man sich noch 



DIE HUNDERT TAGE 747 

Rechenschaft uber den ganzen glanzenden Vorgang gegeben hatte, safi 
Veronika bereits an der Spkze. »Ich sehe«, begann sie mit der sicheren 
Stimme der beruf lichen Seherin, »dafi ihr euch gezankt habt. Unter 
euch mufi aber Frieden herrschen.« 

Ihre weifien, fleischigen Finger bewegten sich redselig auf dem weifien 
Tischtuch, jeder einzelne Finger eine lautlose Zunge. Eine sachte, 
weifie Puderwolke wehte vor ihrem breiten Antlitz einher. Hinter die- 
ser Puderwolke sahen die Gaste ihre schwarzen Augen leuchten. Alle 
schwiegen. Veronika war die Vertraute des kaiserlichen Hauses. 
Schlachten, Siege und Niederlagen hatte sie aus den Karten prophezeit. 
Eine Vertraute der Kaiserin war sie und, wer weifi, vielleicht auch eine 
Vertraute des Kaisers selbst. 

Sie wufke wohl, was in den Mannern vorging. Ihr handelte es sich vor 
allem darum, die Ehe ihrer Nichte mit dem Wachtmeister Sosthene zu 
sichern. Sie wufite, daft Angelina, wie alle Frauen des Landes, den Kai- 
ser liebte und nicht den Wachtmeister Sosthene — denn alle Frauen im 
ganzen Lande (und vielleicht auch in der ganzen Welt) liebten um jene 
Zeit den Kaiser und nicht ihre Manner. Wenn man lasterliche Reden 
iiber den Kaiser fuhrte, so schien es der Veronika ebenso sinnlos, wie 
wenn man sich etwa gegen irgendeine Einrichtung der Natur aufge- 
lehnt hatte. - In dieser Stunde jedenfalls handelte es sich um das Gliick 
Angelinas. Mochte der Wachtmeister Sosthene zu jenen Jakobinern 
gehoren: Er sollte eines Tages Angelina heiraten. 
Und es tat auch der Veronika Casimir weh, wenn sie den Kaiser las tern 
horte, Es geschah um jene Zeit nicht selten, es war sogar iiblich unter 
den Dienern am Hofe, in manchen Regimentern, unter den Unteroffi- 
zieren, die unzufrieden waren. Ja, friiher einmal, als der Kaiser noch 
Bonaparte geheifien hatte, war auch die Veronika Casimir, manchmal 
sogar in vertrauten Unterredungen mit seiner eigenen Frau, versucht 
gewesen, ein gestrenges Wort iiber den grofien Mann fallen zu lassen. 
Die Erinnerung daran machte sie heute nur noch unerbittlicher gegen 
jene, die etwas Abfalliges iiber den Kaiser sagten. 
In dieser Stunde beschlofi sie, die Lasterer fur eine spatere Gelegenheit 
wohl im Gedachtnis zu behalten und es sich im Augenblick nicht an- 
merken zu lassen. Bald aber schien es ihr, dafi sich die Manner durch 
allerhand stumme und freche Zeichen, die sie fur geheime und un- 
kenntliche halten mochten, untereinander verstandigten. Nur der 
Wachtmeister Sosthene safi riesig, unbewegt und anscheinend ohne 



748 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Verstandnis fur das Gehaben seiner Freunde neben der kleinen Ange- 
lina. Er bot der Veronika Casimir Wein an. Sie trank sachte. Sie 
spreizte den kleinen Finger, wenn sie das Glas hob, ihre Ringe funkel- 
ten im Schein der Kerzen. Sie nippte nur am Glas, setzte es jeden Au- 
genblick wieder ab und beobachtete mit gehassiger Klugheit die Ver- 
schworung der Manner. Zugleich lauschte sie mit offenen, mit doppelt 
geschliffenen Ohren. Und plotzlich horte sie den Korporal einem 
Wachtmeister zufliistern: »Er wird eben ohnmachtig. Im Bett 1st un- 
sereins besser...!« 

Die Veronika Casimir wuftte im Nu, wovon die Rede war. Ach! - sie 
kannte alle heimlichen Geriichte und Geschichten von des Kaisers Art, 
mit fluchtiger und schamloser Hast zu Heben. Dienstmagde und Wa- 
scherinnen hatten diese Liebe erlebt, ebenso wie die Damen des Hofes 
und die Kaiserin auch. Dennoch waren alle die Frauen, die hochge- 
stellten ebenso wie die niederen, dem Kaiser dankbar noch fur seine 
hastige, achtlose und gleichgiiltige Umarmung. Sie vergafien niemals, 
daft er ein Gott war, und es war die Art der Gotter, hurtig zu lieben. Es 
war jene Zeit, in der die Frauen den Namen des Kaisers nur mit Haft 
oder mit Furcht oder mit Liebe aussprechen konnten, als erlebten die 
Frauen, die sich in seine Umarmung begaben, wahrend der kurzen 
Minute, die seine Leidenschaft wahrte, alle Leidenschaften der ganzen 
Welt: den Hafi und die Furcht und die Liebe. Es gab, Veronika Casi- 
mir wuftte es, fur die Frauen eine noch starkere Lust als die leibliche, 
und das war der Ehrgeiz. Ungesattigt zwar, aber erhoben und geadelt 
kamen sie aus dem Zimmer des Kaisers. Schnell entlieft er sie, schnell 
entschwand er ihnen. Mit einem ewigen Hunger verlieften sie ihn und 
mit der dauernden Sehnsucht, zu ihm zuriickzukehren. Er besafi alle 
Eigenschaften der Gotter: Machtig war er, schrecklich war sein Zorn, 
und sehr kurz wahrte seine Gnade: Die Gotter sind fluchtig. 
Deshalb erhob sie ihr Glas mit einer raschen Gebarde, trank den Rest 
aus, mit einem einzigen mannlichen Zug, und sagte mit jener harten 
und militarischen Stimme, mit der sie gewohnt war, ihr Personal zu 
befehligen: »Meine HerrenU Diese Anrede unterbrach das freche Ge- 
fliister der Manner. Alle blickten auf. »Meine HerrenU wiederholte 
sie. Sie blieb sitzen, aber ihr Gesicht zeigte so viel Erhabenheit, dafi alle 
den Eindruck hatten, sie sei von ihrem Sitz aufgestanden. »Sie schei- 
nen«, sagte sie, »nicht gewohnt, auf Damen Riicksicht zu nehmen. Sie 
miifken aufterdem wissen, daft ich zum Hofe gehore und meine Nichte 



DIE HUNDERT TAGE 749 

auch.« (Sie sagte »Hof« und nicht etwa »Gesinde«.) »Ihre Gesprache, 
die Sie sich so furchtsam zufliistern, sind vielleicht in der Kaserne an- 
gebracht, obwohl ich weift, daft sie auch dort nicht iiblich sind. Ich 
verlasse Sie, meine Herren! Einen vergniigten Abend! Und Sie, Herr 
Wachtmeister Levadour, bringen Sie mir die Kleine rechtzeitig nach 
Haus! Ich werde sie erwarten. Du sprichst noch bei mir vor!« sagte sie 
zu Angelina, »Gute Nacht!« sagte sie und hatte sich schon erhoben. 
Und ehe man sich versah, galoppierte sie hinaus, ebenso plotzlich, wie 
sie hereingeritten war - und auch jetzt blieb eine geraume Weile die 
Tiir hinter ihr offen, und der Wind blahte die Enden des Tischtuchs 
auf und liefi die Kerzen aufflackern. 

Alle schwiegen. Es war ihnen alien ein paar Augenblicke so, als hatte 
sie ein Vorgesetzter getadelt. Sehr klaglich sahen sie jetzt aus, in ihren 
bunten Kleidern. 

Jetzt glaubte Angelina zu fuhlen, daft sie arm sei, verlassen, verraten. 
Sie sehnte sich nach den guten heimatlichen Ufern und dem vaterlichen 
Haus in Korsika und nach ihrer armen und milden Kindheit. Auf ein- 
mal begriff sie auch, daft sie dem fremden, farbigen Felsen gegeben 
hatte, was ihm nicht zukam. Es schien ihr, daft sic, bis zu diesem Au- 
genblick, fern ihrem eigenen Korper gelebt hatte; und als hatte sie ihn 
fortgegeben wie einen beliebigen Gegenstand. Sie ahnte das grofte und 
strenge Gesetz, das die Natur den Frauen vorgeschrieben hat, und sie 
wuftte, daft sie gegen dieses Gesetz verstoften hatte. Erhaben, schon 
und unerbittlich, befahl es den Madchen, dem Geliebten zu gehoren 
und sich dem Ungeliebten zu widersetzen. Sie dachte an das Zimmer 
mit den wogenden, griinen Portieren und dem Bild des Kaisers an der 
Wand. Und plotzlich fiel die Scham von ihr ab, und es war ihr, als 
wenn sie ihre grofte Siinde bereits gesiihnt hatte. Sie fiihlte, daft sie 
lieben diirfe, den einzigen, den es gab - und diese Liebe allein, die 
Fahigkeit und die Bereitschaft, ihn zu lieben, war ein so grofies Ereig- 
nis, daft Siinde, Verfehlung, Irrtum und Scham gar keine Bedeutung 
mehr hatten. 

Jetzt hob sie die Augen, jetzt zum erstenmal waren ihre Augen stolz 
und gleichgiiltig. Und also sah sie, daft der bunte Berg an ihrer Seite 
sich nur deshalb so steif und stumm hielt, weil er die Besinnung verlo- 
ren hatte. Es war offenbar seine eigene, eine besondere Art der Trun- 
kenheit. Sie war noch schrecklicher als die larmende und gewohnliche. 
Reglos safi er da, der Wachtmeister, offen starrten seine schwarzen, 



7J0 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kleinen Augen. Er war eher versteinert als betrunken. Die kleine An- 
gelina tippte sachte an seinen steinernen, blauen ArmeL Sosthene 
riihrte sich nicht. Sie sah nach den Mannern. Keiner beachtete sie. Ein 
paar waren aufgestanden, sie spielten an einem anderen Tisch Wiirfel 
und Karten. Einer der Profosen, der Korporal und zwei Wachtmei- 
ster erzahlten einander flusternd Geschichten, und nach jeder Ge- 
schichte brachen alle vier in ein torichtes Kichern aus. Angelina erhob 
sich. Sie entfernte sich, ohne ein Wort, mit sanften Schritten vom 
Tisch. Nicht einmal der Wirt bemerkte sie. 

Sie stand draufien, sie hob den Blick zum Himmel. Sie hatte verges- 
sen, im Restaurant nach der Uhr zu sehn. Es schien ihr, es sei langst 
nach Mitternacht, und sie hob den Blick nach den Sternen, in einer 
plotzlichen und sufien Erinnerung an manche Nachte ihrer langst 
versunkenen Kindheit, wenn sie mit dem Vater aufs Meer hinausgese- 
gelt war und der Alte nach dem Himmel gesehen hatte, um die 
Stunde zu erkennen. Heute gab es nur wenige Sterne zu sehen. Zwi- 
schen den schwarzen Wolken, die trotz ihrer gewichtigen Schwere 
mit einer verbliiffenden Schnelligkeit unter dem Himmel einherjag- 
ten, blitzten da und dort ein paar silberne Fiinkchen auf und ver- 
schwanden wieder. Der Wind wehte scharf, er schien aus verschiede- 
nen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Die Strafien waren leer, und 
die spaten Laternen flackerten unstet, ungliicklich und verlassen. Auf 
einmal zuckte iiber den Hausern ein blasser, ferner Blitz auf, und ein 
sehr entfernter, heimatloser Donner folgte ihm grollend. Die kleine 
Angelina fiirchtete sich. Sie hiillte sich fester in ihre Mantille. Sie be- 
schlofi, unbekummert auszuschreiten, obwohl sie die Richtung, die 
sie einzuschlagen hatte, nicht genau kannte. Als sie endlich an eine 
Ecke gelangte, wo sie den reichen Lichterschein einer grofien Strafie 
zu sehen glaubte, fingen die ersten, schweren Tropfen zu fallen an, 
und im nachsten Augenblick spaltete ein sehr greller und naher Blitz 
die Wolken. Immer schneller ging Angelina. Sie erreichte eine weite 
und dichter beleuchtete Strafle, es regnete schon schwer und heftig, 
und sie stellte sich in das Portal eines grofien Hauses, aus dessen Fen- 
ster voile Lichter stromten und die Regenschnure vergoldeten und 
vor dem einige herrschaftliche Wagen warteten. Dieser Aufenthalt 
schien Angelina angenehm. Es war ihr uberhaupt auf einmal alles, 
was sich heute ereignete, angenehm: der Regen, die Blitze, die Kut- 
schen, das vornehme Haus und das giitige Portal. Eine grofie Heiter- 



DIE HUNDERT TAGE 751 

keit erfiillte sie und machte alles ringsum heiter: auch den Blitz, auch 
den Donner, auch den Regen. 

Es mufite schon spat sein. Der Hvrierte Schweizer kam die Treppe her- 
unter, offnete beide Fliigel des machtigen Haustors und warf einen 
gebieterischen Blick auf Angelina. Als hatte man sie gerufen, erwach- 
ten alle Kutscher auf einmal und krochen aus dem Innern der Wagen, 
stellten sich an den Schlagen auf und liefien die Trittbretter herunter. 
Munter ging Angelina fort, die Strafie entlang, in die Richtung, die das 
Herz ihr wies. Sie ging gleichmafiig, nicht langsam und nicht schnell, 
obwohl ihre Mantille, ihr Kleid, ihre Schuhe nafi waren. 
Als sie das Schloft erblickte, wurde der Regen gerade sanft, und der 
Morgen wurde zusehends starker. Der Wachtposten schlummerte in 
seinem Hauschen, er sah Angelina nicht; sie ging, zum erstenmal, seit- 
dem sie im Dienst in Paris war, ohne Bangnis durch das schmale Git- 
tertor, das sich glatt, lautlos, beinahe gastlich offnete. Sie ging die 
Treppe hinauf. Es war still und friedlich, durch die hohen, schmalen 
Fenster an den Absatzen der Treppe schimmerte der feuchte Morgen, 
und aus der Feme kam der zaghafte erste Ruf der erwachenden Vogel. 
Angelina holte aus dem Koffer das Tuch des Kaisers, das sie lange 
nicht mehr angeschaut hatte, driickte es ans Herz und hierauf an die 
Wange, entkleidete sich und schlief schnell und leicht ein, das bunte 
Tuch unter dem Hemd, am beseligten Herzen . . . 



Uberall im Lande und in der Welt liebten die Frauen den Kaiser. An- 
gelina aber schien es, dafi es eine besondere, eine geheimnisvolle Kunst 
sei, den Kaiser zu lieben; angelobt fiihlte sie sich ihm, dem erhabensten 
Herrn aller Zeiten. Standig lebte er in ihr. So groE er auch war, er hatte 
doch Platz genug in ihrem kleinen Herzen: Es hatte sich geweitet, um 
ihn in seiner ganzen majestatischen Pracht aufzunehmen . . . 
Sehr schnell vergaft sie den Wachtmeister Sosthene. In ihrer Erinne- 
rung tauchte er manchmal auf wie ein riesiger Schatten aus verschiitte- 
ten Traumen. Er liefi ubrigens seit Wochen nichts von sich horen : kein 
Wunder, denn der Kaiser bereitete einen neuen Feldzug vor, seine Re- 
gimenter wechselten jede Woche ihren Standplatz, und nur wenige 
Soldaten schrieben in diesen Tagen ihren Brauten und Frauen. 



752 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Eines Tages ereignete sich etwas Merkwiirdiges mit Angelina, etwas 
Erschreckendes, Gefahrliches und vollkommen Unverstandliches. 
Wahrend sie ihr offenes Biigeleisen mit kraftigem Arm schwenkte, um 
die Kohlen zu entfachen, flog es plotzlich aus ihrer Hand, entrissen 
wie von einer unsichtbaren Gewalt. Sie konnte noch sehen, dafi es ge- 
gen die Mauer flog, mit der Spitze einschlug und hierauf mit seinem 
offenen, rotlich gliihenden Rachen zu Boden fiel. Dann war es ihr, als 
fiele sie selbst in eine unermefiliche, tiefe Finsternis. 
Sie erwachte wieder in ihrem Bett. Man hatte Veronika Casimir her- 
beigerufen. Jetzt safi sie neben Angelina, eine gute, vertraute Frau. An- 
gelina erwachte mit der deutlichen Erinnerung an das Biigeleisen und 
an die merkwurdige Gewalt, die es ihr aus der Hand gerissen hatte. »Es 
ist also soweit!« horte sie Veronika Casimir sagen. Es waren die ersten 
Worte, die sie vernahm, seitdem sie in die Welt zuriickgekehrt war. 
Dieser Satz erschreckte sie. »Was ist soweit?« fragte sie. 
Und sanft und gleichmiitig antwortete ihr Veronika: »Du bekommst 
ein Kind, Angelina! - Ich werde dafiir sorgen, daft Herr Levadour es 
erfahrt. Hab nur keine Angst! Wir werden ihn schon kriegen!« 
»Ein Kind?« fragte Angelina. »Wozu?« 

»Das ist der Wille GottesU sagte leise Veronika, warf einen Blick auf 
den Plafond, liefi ihn dort haften und bekreuzigte sich. »Wir werden 
ihn schon kriegen«, wiederholte sie. 
»Wen werden wir kriegen?« fragte Angelina. 

»Nun, den Wachtmeister Sosthene Levadour, selbstverstandlich!« er- 
widerte Veronika. 

»Wozu sollen wir ihn kriegen?« fragte Angelina. 
»Damit du einen Mann hast!« sagte Veronika. 

»Ich brauche keinen Mann«, sagte Angelina, und sie dachte dabei an 
die allabendlichen Uberfalle, die sie erlebt hatte, auf dem kleinen, roten 
Pliischsofa, den driickenden, harten Polster im Nacken. 
»Natiirlich brauchst du einen Mann!« sagte Veronika. »Vor allem 
brauchst du einen Mann, der ein Vater deines Kindes ist!« 
»Ich will kein Kind«, sagte Angelina. »Ich brauche kein Kind und kei- 
nen Mann!« 

»Du brauchst sie beide!« sagte Veronika Casimir leise. 
Angelina schlofl die Augen, als konnte sie so vermeiden, den grofkn 
Schrecken zu sehn, der jetzt auf dem Sessel Veronikas zu sitzen schien, 
neben dem Bett. Aber unter den geschlossenen Lidern sah sie ihn noch 



DIE HUNDERT TAGE 753 

starker und naher. Er nahm die kolossalen Formen des Wachtmeisters 
Sosthene an, der plotzlich aus einem Schatten wieder eine wirkliche 
Gestalt geworden war, mochte er auch irgendwo jetzt in einer fernen 
Garnison sein und vielleicht - hoffentlich - selbst entschlossen, von 
Angelina nichts mehr zu wissen. Was half's? Sie soil ein Kind bekom- 
men, und es war ein Kind des Wachtmeisters. In ihr selbst war er, der 
Kolofi, und er regte sich in ihr. Mit ihren schwachen Kraften konnte 
sie ihn keineswegs aus ihrem schwachen Leibe reiften. Sie beschloft, die 
Augen wieder zu offnen, denn die Gefahr schien immer naher und 
grofier zu werden. Aber sie hatte keine Kraft, auch nur diesen Ent- 
schlufi auszufuhren. 

Dies dauerte nur wenige Minuten. Veronika zeigte jetzt ein feierliches 
Gesicht, das Angelina noch mehr Angst bereitete. Es erschien ihr wie 
eine Art gefahrlichen, dennoch aufterst heiteren Sonntags. Sie horte 
nicht jedes Wort der Veronika, aber sie fiihlte deutlich, daft sie gerade 
das am meisten fiirchtete, was man ihr als Trost versprach. Sehr mude 
war sie, und es schien ihr, daft alles, was sich mit ihr heute und vor 
Wochen ereignet hatte, bereits sehr weit zuriickliege und sich in 
einem andercn, friiheren Leben abgespielt habe. Jetzt bereitete sich 
ein ganz neues, ganz unbekanntes und sehr gefahrliches vor. Sie 
schloft die Augen und wartete darauf, daft die Tante sie verlasse und 
daft der Schlaf iiber sie komme. Aber der Schlaf kam nicht, und nur 
eine grofte, weise Milde erfullte Angelina, ein groftes Mitleid mit sich 
selbst, mit der Tante, mit dem Wachtmeister Sosthene sogar. Sie 
traumte mit wachen Augen ein gewaltiges Schlachtfeld, eines von den 
Schlachtfeldern des Kaisers. Gliihende, rote Kugeln flogen durch die 
Luft, es knatterte und grollte, zuckte, blitzte, donnerte von alien Sei- 
ten. Den Kaiser selbst sah sie nicht, und sie hatte doch eine grofte 
Sehnsucht, ihn zu erblicken. Sie rief seinen Namen: »Napoleon!« 
schrie sie, »Napoleon!« Aber kraft- und klanglos erstarb ihre Stimme 
im gewaltigen Getummek Sie befand sich weit von den Kampfenden 
entfernt, und dennoch war es so, als befande sie sich mitten unter ih- 
nen. Auf einmal erblickte sie, neben sich, schwankend im Sattel, den 
Wachtmeister Sosthene. Gleich darauf fiel er vom Roft. Er streckte 
beide Arme zum Himmel und rief: » Angelina !« Sie aber kummerte 
sich nicht um ihn. Sie empfand nur, daft er im nachsten Augenblick 
sterben miisse - und obgleich sie sich dessen schamte, wunschte sie 
ihm dennoch mit aller Kraft den Tod. 



754 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie erwachte, erinnerte sich an den Traum und schamte sich noch 
mehr. Zugleich aber durchstromte sie ein nie gekanntes, seliges Ge- 
fiihl, ein sehr warmes und kiihlendes; sie spiirte keine Angst mehr. 



VI 

Sieben Monate spater gebar sie einen Sohn im Hause der Hebamme 
Barbara Pocci aus Korsika, einer guten Bekannten der Veronika Casi- 
mir. Im breiten und hochgepolsterten Bett, in dem seit vielen Jahren 
viele ledige Mutter schon geboren hatten, wartete Angelina, geborgen, 
selig und ohne Angst. Vom Bett aus konnte sie manches Heimische und 
Vertraute sehn, das sie an Korsika und an die Kindheit erinnerte. Bunt 
und holzern, lachelnd und hilflos stand im Zimmer der Hebamme die 
kleine Statue des heiligen Christophorus auf einem schwanken, langfii- 
fiigen Tischchen. Einen ebensolchen Heiligen hatte es im Hause Angeli- 
nas in Ajaccio gegeben. Daneben glanzte auf der Kommode die grofi- 
bauchige Flasche, in die ein braver Schiffer, der Bruder der Hebamme, 
mit viel miifiiger Gewissenhaftigkeit ein winziges Segelschiff gebaut 
hatte, eines der iiblichen Kunststuckchen seefahrender Leute. Auch im 
Hause Angelinas in Ajaccio gab es so eine Kommode und solch ein 
Segelschiff in einer Flasche. Uber der Tur hing statt eines Vorhangs 
eines jener dichtgesponnenen Netze, wie sie die Fischer fur den Fang 
der Kleintiere zu beniitzen pflegten. All diese giitigen Gegenstande 
stromten, obwohl sie langst ihre heimatliche Insel verlassen haben 
mochten, heute noch einen vertrauten, bittersufien Geruch aus, einen 
Geruch von Tang, Algen und Meer, von perlmutternen Muscheln und 
braunschwarzen Seeigeln, und man sah die dunkelblauen Sturmwolken 
uber den emporten Wogen der gewitterschwangeren See. 
Eines Tages brachte Veronika Casimir Papier, Feder und Tinte an das 
Bett und sagte: »Ich habe seine Adresse!« 

Angelina begriff, dafi es sich um den Wachtmeister Sosthene handelte. 
Sie machte noch einen kiimmerlichen Versuch, dem Unentrinnbaren 
zu entrinnen, und fragte: »Wessen Adresse?« 

»Sosthenes Adresse!« antwortete Veronika. »Jetzt mufit du ihm schrei- 
ben!« 

»Ich habe ihm nichts zu sagen«, sagte Angelina. 
»Du mufit! Ich befehle es dir!« sagte Veronika. » Hier, schreib!« - Und 



DIE HUNDERT TAGE 755 

sie legte das Papier auf die Bettkante, tauchte die Kielfeder ins Tinten- 
fafi, trat bedrohlich nahe an den Bettrand und hielt die Feder dermafien 
gebieterisch vor das Angesicht ihrer Nichte, dafi Angelina gehorchte. 
Sie schrieb. 

»Mein Herr, meine Tante, Fraulein Veronika Casimir, gebietet mir, 
Ihnen mitzuteilen, dafi ich vor zwei Tagen ein Kind geboren habe. Es 
ist ein Junge. Ich griifie Sie, Angelina Pietri.« 

Veronika nahm das Papier, las es, schiittelte den Kopf und sagte: »Gut! 
Das andere werde ich hinzufugen, mir wird er nicht entgehen!« 
Sie kannte seine Adresse. Der Kaiser hatte eben eine grofie Schlacht 
gewonnen, die Truppen standen noch in Osterreich. Veronika kannte 
nicht nur die Adresse des Wachtmeisters Levadour, sondern auch die 
Frau des Obersten, der sein Regiment befehligte. 
Zwei Wochen spater kam in der Tat der Wachtmeister Sosthene Leva- 
dour. Er hatte einen Urlaub erhalten, einen aufiergewohnlichen Ur- 
laub, und er beschlofi, ihn auf eine aufiergewohnliche Weise zu benut- 
zen. Der grofie Sieg des Kaisers und der Umstand, dafi er an einem 
denkwiirdigen Gefecht teilgenommen hatte, von dem er annahm, es 
hatte den kaiserlichen Sieg entschieden, machte ihn noch hochmutiger, 
bunter gleichsam und kolossaler. Riesig nahm er sich in der niederen 
Stube aus, in der Angelina und das Kind wohnten. Er begriifite sie mit 
seiner schneidigen und massiven Zartlichkeit, er hob sie mit beiden 
Handen hoch, und es schien ihr in diesem Zimmer, sie schwebte in 
noch hoheren Gegenden als damals an den Abenden im Sommer, als 
roche der Schnurrbart Sosthenes noch starker, als fegte er noch hefti- 
ger und rauher iiber ihr Angesicht. Hierauf stellte er sie wieder vor sich 
hin, trat einen Schritt zuriick, machte zwei gewaltige Schritte wieder 
nach vorn, erreichte das Bett, in dem sein Sohn lag, und beugte sich 
iiber ihn. Der Kleine winselte jammerlich. Sosthene hob das eingewik- 
kelte Biindel hoch, es sah in seinen Armen beinahe schmahlich aus, 
und fragte: »Wie heifit er? Wie habt ihr ihn genannt?« »Antoine Pas- 
cal«, sagte Angelina, »wie mein Vater!« »Freut mich, freut mich!« don- 
nerte Sosthene. »Der wird ein Soldat, Soldatenblut hat er.« Und er 
legte das weifie Packchen quer iiber das Bett. 

Er zwangte sich in den viel zu engen Lehnstuhl aus rotem Pliisch, 
riickte mit ihm ein wenig im Zimmer herum und merkte, dafi es 
schwer sein wxirde, seinen massigen Leib wieder aus den Klammern 
der beiden Lehnen zu befreien. Er fiihlte dabei ein wenig Qual und ein 



756 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wenig Scham, und da er gerade jetzt etwas sehr Wichtiges zu sagen 
hatte, wurde er auch zornig, und sein Angesicht lief rotblau an. Jetzt 
sah es aus wie eine bunte Kronung seiner bunten Uniform. Er suchte 
eine Weile nach einem gehorigen Anfang, dachte an die freundlichen 
Drohbriefe, die ihm Veronika Casimir geschrieben hatte, und daran, 
dafi er jetzt durch dieses jammerliche Klumpchen in dem Wickelkissen 
gezwungen werden sollte, ein rothaariges, sommersprossiges Madchen 
zu heiraten. Fiir einen Augenblick erhellte sein schweres und dammri- 
ges Gehirn der feme Widerschein einer Erkenntnis von Schicksal, Ver- 
fehlung und Siihne. Aber auch diese schwache Regung seines tauben 
Herzens vergrofierte nur noch seinen Zorn. In diesem Augenblick 
hatte er sogar an Gott glauben mogen, lediglich, um auch ihm zu ziir- 
nen und um irgendein Wesen zu haben, dem alle Schuld zugeschoben 
werden konnte. Allein, er glaubte nicht an Gott, und er bedachte also 
mit seinem Zorn nur das, was er sehen konnte. 

Er dachte mit Bitterkeit an die fliichtigen und mannigfaltigen Frauen, 
die er nach Dragonerart besessen hatte, und es schien ihm, dafi sich 
Angelina mit keiner einzigen vergleichen liefi, was Schonheit betraf. 
Und er wurde nur immer zorniger und bitterer, der Wachtmeister So- 
sthene. Von den Wachtmeistern seines Regiments war nur einer ver- 
heiratet, ein gewisser Renard, der zahlte aber auch schon mehr als 
funfzig Jahre, und seine torichte Handlung lag also so weit zuriick, dafi 
sie kaum noch lacherlich genannt werden konnte. Er aber, der Wacht- 
meister Sosthene Levadour, konnte noch Karriere machen und sogar 
Oberst werden. Ein Mann wie er mufite Geld haben, um selbst zu 
leben und die anderen leben zu lassen. Aufierdem hatte er gerade in 
Bohmen eine grofiartige Mullerin kennengelernt, aufreizend wider- 
spenstig, von alien anderen heifi begehrt, gehorsam nach der Liebe wie 
ein Hund und zugleich gewaltsam wie eine Schlacht. Welch ein Weib! 
Mit ihr verglich er Angelina, die jetzt ihm gegeniiber auf dem Bett safi, 
das Kind an der Seite, mit niedergeschlagenen Augen, mit kleinem, 
gramvollem und blassem Angesicht, an dem die Sommersprossen noch 
starker sichtbar waren als friiher im Sommer. Oh, welch ein Jammer, 
grofier Sosthene! 

»Ich werde dich nun heiraten!« sagte er endlich. 
»Wozu heiraten ?« sagte Angelina, ohne den Blick zu heben und so, als 
sprache sie zu irgend jemand Unsichtbarem zu ihren Fiiften. 
Der Wachtmeister Sosthene begriff nicht sofort. Er fiihlte nur undeut- 



DIE HUNDERT TAGE 757 

lich, dafi man seiner Grofimut wehe tat und seinen Wiinschen wohl. Er 

fiihlte undeutlich irgendeine Krankung und gleichzeitig irgendeine Er- 

losung. 

»Ich will Sie nicht heiraten!« sagte Angelina. 

Er starrte sie an, unfafibar war sie, gefahrlich und dennoch eine Art 

Rettung. Vor einer Weile noch hatte er die ganze niedertrachtige 

Schwere dieser Heirat gefurchtet, jetzt aber war es ihm, als geschahe 

ihm ein Schimpf, wenn er nicht heiratete. Vor einer Weile noch hatte er 

an die bohmische Mullerin mit wolliistigem Heimweh gedacht, nun 

aber erschien ihm Angelina begehrenswert. Er war sehr erstaunt iiber 

diese nie gekannten, unerhorten Vorgange in seinem Innern. Ein 

schrecklicher Verdacht erwachte in ihm, und obwohl dieser Verdacht 

ihm sehr weh tat, hielt er ihn doch fest mit aller Kraft, denn er half ihm 

wenigstens, alles Ungewohnliche zu erklaren, das jetzt in ihm vorging. 

»Du hast mich also betrogen?« fragte er. 

»Ich habe dich betrogen!« log sie. »Es ist nicht dein Sohn!« Die Worte 

klangen fremd in ihren Ohren, als hatte sie eine andere Frau neben ihr 

gesprochen. 

»Aha!« sagte Sosthene, nach einer Weile. 

Dann stiitzte er sich mit seinen starken Fausten auf die beiden Lehnen 

des Sessels, die ihn einriegelten, und befreite sich mit einem machtigen 

Ruck von seinem Sitz. Er nahm seinen Helm, der neben ihm auf dem 

Boden lag wie ein zauberhaftes, blinkendes Tier mit gewaltigem, 

schwarzem Roftschweif, und setzte ihn auf sein Haupt. Jetzt erreichte 

er die Decke. Jetzt stand er da, machtiger noch als vorher, nicht nur 

aus Stolz, sondern auch aus Verachtung machtig. Angelina safi, winzig 

und kummerlich und dennoch verwegen, auf dem Bettrand. 

»Sag mir die Wahrheit!« donnerte Sosthene. 

»Ich sag' die Wahrheit!« sagte Angelina. 

Sie sah zu ihm auf. Sie legte eine grofte Strecke mit den Augen zuriick - 

ihr war, als wiirden auch ihre Fiifte mude von dieser Bergwanderung, 

die ihr Blick voilfuhrte. Der Gedanke, dafi er sie jetzt (und niemals 

wieder) hochheben und kiissen wiirde, machte sie gliicklich. 

Plotzlich wandte er sich um, erreichte mit einem seiner gewaltigen 

Schritte die Tiir, ma£ ihre Hohe, fand sie zu gering, biickte sich ein 

wenig, und ohne sich noch einmal umzusehn, schlug er sie heftig zu. 

Angelina horte noch, wie er draufien ein paar grollende Worte zu der 

Hebamme sprach. Sie beugte sich iiber das schreiende Kind und lallte 



75$ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Worte, die ihr selbst unverstandlich waren, die sie aber frohlich mach- 
ten. »Du bist mein«, sagte sie, »er ist es nicht, sei still, du bist mein, mir 
gehorst du . . .« 

So redete sie sanft und lange zu ihrem Kinde. 

Der Wachtmeister Sosthene Levadour aber machte sich, ohne seine 
Freunde in Paris gesehen zu haben, noch am selben Tage auf den Weg 
zu seinem Regiment nach Bohmen. Er traf es unterwegs. Es befand 
sich bereits auf dem Ruckmarsch nach Frankreich. Als er ankam, er- 
zahlte er seinen Kameraden, dafi er einen herrlichen Sohn habe. Es war 
ein prachtvoller Kerl und, obwohl kaum drei Wochen alt, bereits von 
soldatischem Aussehen und Gehaben. Ferner erzahlte der Wachtmei- 
ster Sosthene, dafi er dank seiner Schlauheit die Mutter des Kindes 
nicht geheiratet habe. 



VII 

An den Kaiser dachte Angelina immer. Aber auch er, der Einzige und 
Gewaltige, war nicht mehr, wie friiher, ein lebendiger Mensch, dessen 
Atem gliicklich, dessen Stimme und Blick selig machten und dessen 
nasse Fufispuren auf den Fliesen des Bades man einst mit demiitiger 
Sorgfalt betrachtet hatte. Jetzt war er wirklich der grofie Kaiser von 
den Bildern, er selbst wie ein Abbild seiner eigenen Portrats, ja, noch 
ferner als diese. Fern war er den kleinen Menschen seines Landes. Vom 
Schlachtfeld eilte er zur Unterhandlung und von hier kehrte er zu den 
Schlachten zuriick. Und unbegreiflich wie seine Siege waren auch seine 
Verhandlungen. Langst war er nicht mehr der Held der Geringen. Man 
begriff ihn nicht mehr. Es war, als ob die Gewalt, die er ausstromte, 
ihn selbst ringsum einschlosse, eine durchsichtige, aber undurchdring- 
liche Kugel aus blankem Eis. In dieser Kugel lebte er, erhaben einge- 
schlossen, furchterlich, feierlich. Er schickte die Kaiserin weg, er heira- 
tete die Tochter eines groften, fernen und fremden Kaisers, als ob es im 
Lande nicht genug Frauen gegeben hatte. So, wie er bestimmte Waren 
aus den Landern kommen liefi, die ihm gehorchen mufken, hatte er 
einst den Papst aus Rom bestellt; ebenso bestellte er nun die Tochter 
eines fremden Kaisers; und wie er den Donner der Kanonen in vielen 
Teilen der Welt befehligte, so befahl er jetzt den Glocken in Paris und 
im Lande zu drohnen; und wie er den Soldaten befahl, seine Schlach- 



DIE HUNDERT TAGE 759 

ten zu schlagen, ebenso gebot er ihnen, seine Feste zu feiern; und wie 
er Gott einst herausgefordert hatte, ebenso befahl er jetzt, zu ihm zu 
beten. Die geringen Untertanen des Kaisers spiirten seine gewaltsame 
Ungeduld, und sie sahen, dafi er grofi und klein, toricht und klug, gut 
und bose handelte wie sie alle selber. Aber um soviel gewaltiger waren 
seine Tugenden und seine Schwachen als die ihrigen, dafi sie ihn nicht 
verstanden. 

Angelina allein liebte ihn, obwohl sie zu den Geringsten zahlte. So sehr 
liebte sie ihn, dafi sie manchmal den dummen Wunsch hegte, den Gro- 
fien klein und geschlagen zu sehn, vertrieben aus alien Landern und auf 
einer schmahlichen Heimkehr nach Korsika. Jetzt war er beinahe so 
gering wie sie, ohne den Glanz, den er immer wieder aufs neue seinen 
eigenen Abbildungen verlieh. 

Den Verfugungen gemafi, die das Leben der Leute aus dem kaiserli- 
chen Gesinde regelten, kehrte Angelina drei Monate nach ihrer Nie- 
derkunft zu ihrem Dienst zuriick. Der Friihling flofi bereits in grofien, 
starken Stromen durch die verjungte Stadt. Voll und stolz schimmer- 
ten die Kerzen der Kastanien an den Randern der Straften. Angelina 
begegnete vielen Miittern mit Kindern; auch die armselig gekleideten 
Mutter, auch die blassen und kranklichen Kinder lachelten und leuch- 
teten. Bei jeder dieser Begegnungen wollte Angelina umkehren, um 
nur noch fur einen Augenblick wenigstens ihren Sohn wiederzusehn. 
Als sie vor dem Gitter stand, vor dem sie kaum ein Jahr fruher der 
bunte Berg mit dem flatternden Helmbusch allabendlich erwartet 
hatte, blieb sie eine Weile stehn, wie vor einer gewaltigen Entschei- 
dung. Immer noch konnte sie umkehren und ihren Sohn sehn und ein 
wenig spater wiederkommen. Im Garten des Schlosses erhoben die 
Drosseln einen betaubenden Jubel, und aus dem Park - aus der Luft 
selbst - antworteten ihnen ebenso betaubende Geriiche, die Stimmen 
der Akazien, des Flieders und des Holunders. Weifi wie Sonntage 
leuchteten die Westen der Schildwachen, und das dunkle Griin ihrer 
Rocke erinnerte an satte Wiesen. Der reglose Wachtposten sah sie an. 
Sie glaubte, den Mann zu erkennen, und auch, dafi sie von ihm erkannt 
wurde. In seinem glasernen, dienstlichen Blick leuchtete ein winziges 
Funkchen auf, es war, wie wenn Glas lachelte, und Angelina nickte. 
Dieser fluchtige Glanz im glasernen Auge des Soldaten gab ihr Mut; 
und sie ging mit schnellen Schritten, als hatte sie Angst, sie konnte ihn 
wieder verlieren, auf das Gitter zu. 



760 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie arbeitete nur mehr im Waschraum. Getreulich und fleiftig wie frii- 
her schwenkte sie das Eisen mit kraftigem Schwung, bespritzte sie aus 
vollen Backen, mit gespitzten Lippen, Seide, Leinen und Batist, 
schwang sie den holzernen Pracker mit geiibter Hand, glattete sie zart- 
Hch die Hemden, die Kragen, die vielgefalteten Manschetten. Wenn sie 
an ihren Sohn dachte, wurde sie wehmiitig und frohlich zugleich. 
Auch am Mittwoch, ja am Dienstag schon, schien der nachste Sonntag 
fast so nahe wie der heutige Abend. Der Montag aber, ein Tag, nach- 
dem sie im Hause der Pocci gewesen war, war der traurigste Tag der 
Woche; und der Samstag der heiterste. Am Samstagabend schon, nach 
dem Rapport im grofien Saal, packte sie alles zusammen, Niitzliches 
und Uberfliissiges. Sie brachte Salben und Puder, Windeln, Milch, 
Sahne und Brot, rote Korallenschnurchen gegen den bosen Blick, Ra- 
nunkelwurz gegen Fraisen, Helldorn gegen Scharlach, und einen 
Krautertee, von dem man ihr gesagt hatte, er verhiite die Pocken. Sie 
machte sich um sieben Uhr morgens auf den Weg. Unterwegs iiberfiel 
sie die Furcht, sie konnte ihren Sohn krank vorfinden. Sie blieb eine 
Weile stehn, ohnmachtig, einen Fuft noch vorzusetzen, und zer- 
schmettert, als ware ihre fiirchterliche Vorstellung bereits eine grausige 
Gewiftheit. Dann wieder beflugelte Zuversicht ihre Schritte. Als sie 
endlich im Zimmer der Pocci stand und sich liber ihr Kind beugte, 
begann sie, heftig zu weinen. Ihre Tranen tropften heift und schnell auf 
das lachelnde Angesicht des Kleinen. Sie hob ihn hoch, wanderte mit 
ihm durchs Zimmer und sagte ihm sinnlose Reden. In dem Mafte, in 
dem ihr kleiner Sohn wuchs, kraftiger wurde und sich veranderte, 
merkte sie allein den unaufhaltsamen Lauf der Monate und der Jahre. 
Es war, als ob sie vorher in der Meinung gelebt hatte, die Zeit ginge 
nicht vorwarts, sondern rollte gewissermalten im Kreise. 
Ihr Wunsch erfiillte sich, der Kleine sah keineswegs dem Wachtmeister 
Sosthene ahnlich, sondern seiner Mutter. Er hatte rotliches Haar und 
Sommersprossen, war mager, kraftig und behende. Es war ihr Sohn, 
kein Zweifel! Dennoch schien es ihr, daft er schon friih anfing, ihr zu 
entgleiten, und daE er ihr von einem Sonntag zum anderen immer 
fremder wurde. Ja, manchmal glaubte sie, daft er lediglich aus kindi- 
scher Scheu ihre Zartlichkeiten gelten lieft und daft er gleichsam jeden 
Kuft verkaufte fur eines ihrer Geschenke. Er war ihr Sohn, er war rot- 
haarig und von Sommersprossen ubersat, sie brauchte ihn nur anzu- 
sehn, und es war, als sahe sie sich selbst im Spiegel. Dennoch ent- 



DIE HUNDERT TAGE 761 

schwand zuweilen das Spiegelbild, verfliichtigte sich, veranderte sich 
plotzlich. Es gab Sonntage, an denen sie den Kleinen nicht zu Hause 
traf. Er trieb sich mit seinen Gefahrten - die sie hafite - in unbekannten 
Gegenden herum, sie hatte Muhe, ihn zu finden, und fand sie ihn, so 
entwich er ihr bald, ihren Zartlichkeiten und ihrer Sorge. 
Als er sieben Jahre alt war, ergriff den Kleinen eine heftige Leiden- 
schaft fiir alles Militarische - wie iibrigens viele Kinder jener Zeit. Er 
strich um die Kasernen herum, befreundete sich mit den Wachtposten, 
exerzierte mit den Kameraden, stahl und sammelte Schlachten- und 
Kaiserbilder, gelangte bald in die Kasernenhofe, afi aus den Menage- 
schalen gutmutiger Soldaten, lernte von ihnen Soldatenlieder, Horner- 
blasen, Gewehrgriffe sogar und das Trommelschlagen; und als er eines 
Tages einen jener kleinen Knaben-Tamboure sah, deren es viele in der 
kaiserlichen Armee gab, entschlofi er sich, ebenfalls Tambour zu wer- 
den. Er wufite, daft er das Kind eines Soldaten war, er verstand wohl 
alles, was zwischen seiner Mutter Angelina, der Hebamme, der Ve- 
ronika Casimir an manchen Sonntagen gesprochen wurde. Und er 
machte sich von seinem unbekannten Vater eine ganz besondere, un- 
iibertreffliche Vorstellung. 

Also blieb er eines Tages, von einem etwas angeheiterten und den Kna- 
ben wohlgesinnten Feldwebel in seinem Entschluft bestarkt, iiber 
Nacht in der Kaserne des Zweiundzwanzigsten Infanterieregiments. 
Er erfuhr manche Zartlichkeiten, die ihn erschreckten und von denen 
er glaubte, sie gehorten zum soldatischen Leben, und wurde erst zwei 
Wochen spater dank den Nachforschungen der einfluftreichen Veroni- 
ka Casimir entdeckt. Nunmehr war der Kleine Soldat der kaiserlichen 
Armee, und Angelina ging an Sonntagen in die Kaserne des Zweiund- 
zwanzigsten Infanterieregiments. 

Das erstemal kam sie verwirrt, erschrocken und beleidigt zuruck. Ihr 
Sohn erinnerte sie jetzt, obwohl er ihr so ahnlich sah, an den Wacht- 
meister Sosthene. Sie hatte sein winziges, sommersprossiges Angesicht 
kaum sehen konnen - der viel zu grofte Tschako mit dem jahen Dach- 
schild verdeckte es fast, der viel zu weite Uniformrock flatterte um die 
schwachen Huften des Kleinen, die Hosen waren zu lang und die Stie- 
fel grausam gewaltig. Sie sah, daft ihr Sohn verloren war, fiir immer. Zu 
Hause schaute sie in den Spiegel, nach langer Zeit wieder aufmerksam 
spahend nach den Spuren der Zeit und den Zeichen der Schonheit und 
der Jugend, wie einst in den ersten Jahren. Sie fand den ewigen und 



j6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

einzigen Trost, den die Natur den Frauen geschenkt hat: Sie begann, 
auf neue Wunder zu warten. Das Wunderbare ereignete sich auch am 
nachsten Sonntag, nachmittags, als sie die Kaserne der Zweiundzwan- 
ziger verlassen wollte. Vor ihr stand ein Mann in der Uniform eines 
Intendanturbeamten, diese Uniform schien ihr den Weg zu versperren. 
Als sie den Kopf hob, erblickte sie ein lachelndes, blondes, schnurrbar- 
tiges Angesicht, das ihr vertraut und zugleich unangenehm vorkam. Sie 
lachelte aus Ratlosigkeit. Der Mann blieb stehen. » Fraulein Angelina*, 
sagte er und griifite. - Erst an seiner Stimme erkannte sie ihn sofort. Es 
war der galante Artilleriekorporal, Gast bei ihrer Verlobungsfeier mit 
dem Wachtmeister Sosthene. - »Woher kommen Sie?« 
»Ich habe meinen Sohn besucht!« sagte Angelina. 
»Und Ihr Mann? Mein lieber Kamerad? Was macht er?« 
»Ich habe nicht geheiratet. Er ist nicht mein Mann. Ich habe nur mei- 
nen Sohn!« antwortete Angelina. 

»Auch ich«, begann der fruhere Korporal - und so, als hatte sein 
Schicksal irgendeine Ahnlichkeit mit dem der Angelina, »auch ich habe 
Veranderungen durchgemacht . . .«, und er wies auf seine Uniform. 
»Ich bin jetzt bei der Intendantur. Ich habe seine Feldziige satt. . .« - 
und bei dem Wort »seine« zeigte er mit ausgestrecktem Daumen iiber 
die'Schulter, als stiinde hinter ihm der Kaiser leibhaftig. »Ich habe eine 
schwere Verwundung am Bein, nichts als Unheil! Nichts als Unheil! 
Ich habe mich rechtzeitig gerettet. Ich warte in Ruhe die Ereignisse ab. 
Oh, ich erinnere mich, Fraulein, an Ihren grofien Zorn damals bei der 
Verlobungsfeier! Sie miissen jetzt zugeben, dafi Sie nicht ganz recht 
hatten! Sie miissen doch wissen, was vorgeht!« 
»Ich weifi nicht, was da vorgeht!« fliisterte Angelina. »Ich weifi nur, 
dafi die Reste dieses Regiments da in Bereitschaft sind.« Und sie deu- 
tete auf die Kaserne. »Und ich habe Angst um meinen Sohn«, fiigte sie 
hinzu. 

»Mit Recht !« sagte der Intendanturbeamte. »Wir sind geschlagen! In 
zwei Tagen sind sie in Paris, die Feinde. Der Kaiser kommt morgen. 
Mich kiimmert das nicht. Ich habe ihm jahrelang treu gedient. Jetzt 
warte ich ab, was die Grofien beschliefien werden. Ich bin ein Philo- 
soph, Fraulein l« 

Obwohl Angelina die Stimme, das Lacheln und die Reden des friiheren 
Korporals unangenehm waren, nickte sie doch, sobald er seinen Satz 
beendet hatte, und sie wufite nicht, warum. Diese Begegnung bekiim- 



DIE HUNDERT TAGE 763 

merte und freute sie zugleich. Sie spiirte, obwohl sie die Augen nieder- 
geschlagen hatte, den wohlgefalligen und zartlichen Blick des Mannes. 
Dafi er, wie er gesagt hatte, ein Philosoph sei, eine Verwundung habe, 
der Kaiser morgen komme, Frankreich geschlagen sei, die Feinde in 
zwei Tagen in Paris waren, die »Grofien« irgend etwas beschlieften 
wiirden: all dies beunruhigte sie ebenso heftig wie sein wohlgefalliger 
und peinlicher Blick. 

Er schlug ihr vor, »irgendwohin zu gehen«. Dieser Vorschlag verwun- 
derte sie nicht: Sie hatte ihn erwartet und vielleicht sogar gewunscht. 
Sie hatte jetzt keineswegs nach dem Schlofi, zu ihren Gefahrtinnen in 
ihr Zimmer zuriickkehren konnen. Sie fragte auch nicht, wohin er sie 
fiihren wollte. Sie setzte sich sofort in Bewegung. Nach ein paar 
Schritten nahm er ihren Arm. Ein leises, ein wenig schauerliches, ein 
wenig auch wohltuendes Zittern ging von seinen strammen Muskeln 
aus. Es war ein gebieterisches, ein mannliches Beben, sie fuhlte es im 
Arm, im ganzen Korper, es beleidigte sie, aber es trostete sie auch. Es 
war ihr, als bestiinde sie jetzt aus zwei Teilen. Es waren zwei Angeli- 
nas: die eine hochmutig und voller Abscheu vor dem Mann an ihrer 
Seite und die andere hilflos und diesem Mann dankbar fur irgendeine 
namenlose Art von Rettung, die er darbot. Sie schwieg, wahrend er 
redete. Er sprach von der Politik, von der Welt, von den Schwierigkei- 
ten und von den Fehlern des Kaisers. Er f unite sie sehr lange durch die 
Stadt, so schien es ihr. Ein anderer dachte fur sie, ein anderer hatte ihr 
ein Ziel bestimmt. Es war schandlich, aber angenehm. Man war so 
einsam und so verraten! Der Mann war ein Fremder, aber er versprach 
irgendeine Zuflucht, immerhin eine Zuflucht. Man mufke nicht nach 
Hause gehn. Man wurde miide. Es war eine giitige Miidigkeit. Es war 
ein kiihler Tag im Herbst. Violette, bose Wolken wehten knapp iiber 
den Dachern einher, und an den Kreuzungen blies der Wind gleichzei- 
tig aus alien vier Richtungen. Manchmal trat der Fuft auf ein hartes, 
gelbes, aus irgendeinem Garten verwehtes Blatt. Es zerbrach unter 
dem Tritt mit dem trockenen, toten Laut, der eher an zertretene Kno- 
chen als an zertretene Blatter erinnert. Sehr schnell fiel die Dunkelheit 
ein; langst sprach der Intendanturbeamte nicht mehr. 

Sie liefien sich in einem bunten, von Lichtern, Ziehharmonikas, Unter- 
offizieren und Dienstmadchen erfullten Haus in Vanves nieder. Lange 
hatte Angelina nicht mehr so viel und so has tig getrunken. Sie safi auf 



764 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dem weichen, roten Sitz aus Pliisch neben dem Mann. Der Sitz war 
weich, die gleichfarbige Lehne aber war triigerisch und hart, ein rot 
uberzogenes Holzbrett, das eine sanfte Giite vortauschte. Wie um den 
Riicken der Angelina vor dieser tiickischen Lehne zu bewahren, 
streckte der Intendanturbeamte seinen rechten Arm aus und legte ihn 
um ihren Nacken. Mit der Linken schuttete er neuen Wein in die Gla- 
ser. Er neigte sein rosiges, freundliches, blondes Haupt iiber Angelinas 
Angesicht. Sie fiihlte es kommen, durch einen diinnen, graublauen 
Dunst. Sie schamte sich, und sie wehrte sich nicht. Sie kiifite den siifili- 
chen sanften Schnurrbart. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Sie 
schlug die Augen auf. Es war ihr eingefallen, dafi sie nicht einmal den 
Namen des Mannes kannte. Und als wiirde, wenn sie nur seinen Na- 
men wiifite, alles ordentlich und selbstverstandlich und vor Gott und 
aller Welt zu verantworten, fragte sie: »Wie heifit du?« »Charles!« 
sagte der Mann. »Das ist gut!« sagte Angelina. Und ihr schien, dafi 
jetzt alles in Ordnung und gut sei. 

Diese Nacht verbrachte sie mit dem Intendanturbeamten Charles 
Rouffic. Zwar nahm sie zuerst mit einigem Schrecken war, dafi er 
gleichsam die Fahigkeit hatte, sich von Stunde zu Stunde - und sogar 
in noch kurzeren Zeitabstanden - zu verandern. Zuerst, als er den 
Rock ablegte, war er ein zweiter Charles, ein Charles in einer Weste, 
mit Hemdsarmeln; als er die Weste auszog, war er ein dritter Mann, 
noch fremder als der zweite; und als er sich iiber sie beugte und sie zu 
liebkosen begann, glaubte sie, es sei ein schrecklich fremder vierter. 
Nach einigen Stunden weckte er sie, frisch, munter, mit gebiirstetem 
und pomadisiertem Schnurrbart, und sein Angesicht glich einem run- 
den, giildenen, rosa durchsonnten Morgenwolkchen. Er war vollkom- 
men angekleidet, der Degen hing treu an seiner Hiifte, als ware er nie- 
mals von seiner Seite gewichen. Nun war's wieder ein fiinfter Mann, 
noch fremder als die fruheren. 

Tagsiiber vergafi sie ihn, und wenn er ihr zuweilen dennoch in den 
Sinn kam, gelang es ihr, sein Bild schnell zu verscheuchen. Sie 
schamte sich seiner, weil er ein Fremder war und weil sie ihn den- 
noch brauchte, und auch, dafi sie einen Fremden brauchte, verur- 
sachte ihr noch tiefere Scham. Aber schnell naherte sich die Stunde, 
in der sie versprochen hatte, ihn wiederzutreffen. Er naherte sich ihr 
nun, wurde immer deutHcher, immer vertrauter und schliefilich wahr- 
haftig lebendig. 



DIE HUNDERT TAGE 765 

All dies ereignete sich mit Angelina in den letzten Tagen vor der gro- 
fien Verwirrung im Lande. Und vielleicht war auch die Verwirrung, in 
der sie sich befand, die Folge jener allgemeinen Schrecken, die damals 
wie bose, tiefhangende Gewitterwolken iiber das Land dahinzogen. 
Noch ehe der wirkliche Donner der feindlichen Kanonen in der Stadt 
Paris horbar wurde, schien es aller Welt, als horte man schon die Vor- 
boten der feindlichen Kanonendonner. Noch ehe man wufite, dafi der 
Kaiser geschlagen war und dafi er mit den Resten der Armee der 
Hauptstadt entgegenfluchtete, ahnte man bereits, dafi er geschlagen sei 
und dafi er fluchtete. Und diese Ahnung war schrecklicher als ein paar 
Tage spater die Gewifiheit. (Die bosen Ahnungen verwirren die einfa- 
chen Herzen der Menschen, die bose Gewifiheit aber schwacht und 
bekummert sie nur.) 

Angelina gehorchte diesen Gesetzen. Verworren lebte sie in der allge- 
meinen Verwirrung und erschrocken im allgemeinen Schrecken. 
Eines Tages verschwand Charles, der Intendanturbeamte. Ein paar 
Tage lang war seine Anwesenheit am bestimmten Platz zu bestimmter 
Stunde eine schmahliche, aber sichere Zuflucht gewesen. Heute war- 
tete Angelina vergebens. In der kleinen Schenke safi sie, umrauscht von 
den Klangen der Ziehharmonika, umzingelt von den Blicken der 
Wirtsleute, die sie kannten und die selber den Intendanturbeamten 
Charles Rouffic zu erwarten schienen. Ringsum sprach man schon 
vom Ungluck des Kaisers, vom Ungliick des Landes. Angelina ging 
endlich. 



VIII 

Viele Menschen in Frankreich lebten damals, im Herbst des Jahres 
1814, in einer stiirmischen Trubsal. Die Feinde kamen. Sie kamen, wie 
Feinde kommen, mit dem ganzen hollischen Gefolge des Siegers: mit 
der Rachsucht, mit der Willkur und mit der Wollust, zwecklosen Jam- 
mer zu bereiten. Zahlreich waren die Feinde Frankreichs und unterein- 
ander sehr verschieden; aber alle verbreiteten sie den gleichen Schrek- 
ken, und alle schufen sie auf die gleiche Art Kummer und Unheil. 
Grofier noch als im Lande und in der Stadt Paris war die Verwirrung 
am Hofe des Kaisers, und starker noch als unter den hohen Herren, die 
in seinen Diensten standen, herrschte sie unter dem niederen Gesinde. 



j66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Denn immer sind es die Einfachen und die Geringen, die das Unheil 
zuerst nahen fiihlen, und sie zuerst macht es zittern. Die Einfachen 
und Geringen sind unschuldig an den Fehlern, den Irrtumern, den 
Siinden und den Schicksalen der Groflen. Und dennoch leiden sie 
mehr als die Namhaften. Die Stiirme vernichten die armen und 
schwachlichen Hiitten; an den steinernen und starken Hausern aber 
rauschen sie vorbei. 

Zwei Tage noch bevor der Kaiser die Stadt und das Land verliefi, be- 
gannen die Geringen, ihn selbst zu verlassen. In ihren einfachen Her- 
zen lebte jetzt nichts mehr als die Angst um das Leben, die Angst vor 
einer Gefahr ohne Angesicht, also einer schrecklichen Gefahr. Man 
floh ohne Sinn nach verschiedenen Richtungen. Die Manner und 
Frauen aus dem Gesinde begaben sich zu Freunden, ebenfalls Dienern 
des Kaisers, aber Diener in anderen Schlossern, als waren jene, die 
nicht unter einem Dach mit dem Kaiser gelebt hatten, sicherer und als 
ware die tagliche Begegnung mit ihm, dem grofien Kaiser, bereits eine 
Gefahr verheifiende Schuld. Indessen entfernten sich auch die Bedien- 
ten der anderen kaiserlichen Schlosser, auch sie ratios, ziellos und to- 
richt. Auch Veronika Casimir ging. Man sah sie, die einst so Grofiar- 
tige, vorsichtig ausgeriistet mit viel Gepack, im geraurmgen Wagen da- 
vonrollen, in dem sogar ihre Gestalt, die einst so viel gewichtige 
Wiirde verbreitet hatte, sich im Augenblick der Abreise verringert zu 
haben schien. 

Angelina nahm einen betriibten Abschied von ihr. Allein blieb sie im 
feindlichen Schlofi. Neue Bediente tauchten auf, in koniglichen Li- 
vreen, die sie noch nie gesehen hatte. Tag fur Tag wartete sie auf ein 
Zeichen ihres Sohnes. Es gab keine Arbeit mehr, kein Biigeleisen zu 
schwenken, keinen Batist, keine Seide. Es gab nur feindliche, neue 
Gesichter. Vielleicht war auch der Sohn schon tot. Sie erinnerte sich 
an die Stunde, in der sie ihn geboren hatte - lang war es her, die 
Schneeflocken fielen damals sacht und giitig vor den Fenstern. Sie 
erinnerte sich an sein erstes Lallen und sein erstes Lacheln und an den 
seligen Sonntag, an dem sie zuerst gesehn hatte, dafi er richtig gehen 
konnte- und an jenen anderen furchtbaren Sonntag, viel spater, an 
dem sie zuerst gemerkt hatte, dafi er ihr fremd war, der Sohn seines 
Vaters. Jener, den sie geboren und gesaugt hatte, war lange schon ver- 
loren gewesen. Der kleine Tambour war fremder noch als der Wacht- 
meister Sosthene. 



DIE HUNDERT TAGE 767 

Eines Tages, drei Tage nachdem der gutmiitige und kaltherzige Konig 
wieder eingezogen war, erschien unter dem hofischen Gesinde eine 
neue Befehlshaberin, die Nachfolgerin der Veronika Casimir. Hart 
und mager, hager und hafilich, erinnerte sie an einen Eiszapfen. Da sie 
aber weifte Lilien im Haar, an der Brust und an der Hiifte trug, ge- 
mahnte sie gleichzeitig an einen Friedhof. 

Diese Frau sagte zu Angelina, sie mochte das Schlofi des Konigs verlas- 
sen. 

Angelina ging zu der einzigen Frau, die sie kannte, zur Hebamme 
Pocci. Ihr armseliger Koffer aus geflochtenem Stroh, mit dem sie einst 
munter in Paris angekommen war, wurde schwer, wuchtig sogar. Bald 
schleppte sie sich nur noch dahin, stellte ihre Last an den Rand des 
Biirgersteigs und setzte sich. Sie glaubte, alle Not und die ganze Ver- 
lassenheit kamen nur von der Miidigkeit ihrer Fiifte. Da sie aber safi, 
fiihlte sie nach einigen Augenblicken eine Unrast, noch grofier als ihre 
Schwache. Seltsame Gefahren schienen sich ihr zu nahern, an der nach- 
sten Ecke lauerten sie schon. Sie blickte empor und sah dicht iiber den 
Dachern bose Wolken dahinwehen. Aus einer nahen Strafte kamen die 
verworrenen Rufe des triumphierenden Volkes, das den Konig feierte 
und den geschlagenen Kaiser verdammte. Die Menge kam naher, jetzt 
horte sie deutlich die Rufe: »Es lebe der Konig !« Die Tranen kamen 
ihr in die Augen. Sie hatte Angst, man wiirde sie weinen sehen, auch 
das konnte eine schreckliche Gefahr bringen. Der Larm verzog sich 
wieder. Angelina ging jetzt langsam und regelmafiig, mit besonnenen 
Schritten. Sie war einsam, furchtsam und geschlagen - wie der Kaiser: 
so dachte sie. Dieser Gedanke minderte ihren dunklen Schmerz. Es 
war ihr, als ginge sie so trostlos durch die Straften fur ihn, fur den 
Kaiser. Unsichtbar ging auch er die furchtbarste aller Straften dahin. 
Wer weifi, vielleicht war es auch gar nicht wahr, daft sie ihn verschickt 
hatten: Verkleidet, als einfacher Soldat zum Beispiel, lebte er noch in 
seiner Hauptstadt, und man konnte ihm begegnen und ihm verschie- 
dene Dinge sagen. 

Der Abend dammerte, da stand sie vor dem Hause und blickte zu dem 
vertrauten Fenster hinauf. Es war dunkel, vielleicht war auch die Heb- 
amme Pocci geflohen. Angelina wartete eine Weile, aus Angst vor 
einer viel zu schnellen Gewiftheit und mit der zagen Hoffnung, daft 
jemand aus dem Hause treten wiirde, um sie hineinzufuhren. Zugleich 
aber hatte sie Angst, daft es der polnische Schuster sein konnte, der 



768 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

tagsuber vor seiner Tiir im dunklen Hausflur arbeitete. Sie kannte ihn 
seit zwei Jahren, aber sie furchtete sich vor ihm. Sie hatte sich vor ihm 
vom ersten Augenblick an gefiirchtet. Mit seinem Stelzbein, das einen 
unheimlichen Larm auf den Fliesen des Hausflurs und auf dem Kopf- 
steinpflaster vor dem Haus verursachte, mit seinem fremdartigen, 
aschfarbenen Schnurrbart eines polnischen Legionar-Ulanen, mit sei- 
ner fremden, harten Zunge, die die Worte zermalmte, statt sie auszu- 
sprechen, mit dem grollenden Blick eines gefahrlich scheinenden Krie- 
gers, mit den vom Leder geschwarzten Handen flofite er Angelina eine 
ungenaue, aber grofte Furcht ein. Seinen fremden Namen vergaft sie 
immer wieder; auch hatte sie Bedenken, ihn auszusprechen. Dadurch 
wurde der Schuster noch unheimlicher. 

Indessen tauschte sie sich; ebensowenig, wie sein Name schwer auszu- 
sprechen gewesen ware - denn der Schuster hieft Jan Wokurka, und 
sein Name stand mit rotem Lack auf einem schwarzen Tafelchen an 
der Haustiir deutlich geschrieben-, ebensowenig war sein Charakter 
finster oder gar gefahrlich und unheimlich. Alles an ihm war sanft und 
still, nur sein Holzbein klapperte. Er war ein freiwilliger Legionar ge- 
wesen, hatte den unseligen Feldzug des Kaisers mitgemacht und war 
nach seiner Verwundung nach Paris gekommen, wo er die Pension 
gesichert glaubte und wo er obendrein mit mehr Aussicht auf Gewinn 
als in seinem heimatlichen Dorf seinen alten Beruf ausiiben konnte. Er 
hatte auch die Pension und den erhofften Gewinn. Aber er sehnte sich 
dennoch nach seiner Heimat. Denn er war sehr einsam, obwohl er mit 
alien Nachbarn lange, genau, aber den meisten ganz unverstandlich zu 
sprechen liebte. Er verstand alles, was die Leute sagten, und er glaubte 
deshalb, sie verstiinden auch ihn. Sobald ihn aber die Leute verliefien, 
merkte er immer wieder mit bitterer Gewiftheit, daft sie ihn nicht ver- 
standen hatten. Und nach jedem Gesprach wurde es stiller um ihn, und 
seine Einsamkeit wuchs und sein Heimweh auch, und die linke Hiifte 
tat noch mehr weh als zuvor, und selbst sein Bein, das irgendwo an der 
Oder begraben sein muftte, schmerzte ihn noch. 
Deshalb war er entschlossen, Geld zu sparen und nach Polen zuriick- 
zukehren. Er wartete nur noch auf eine »runde Summe« - wie er sagte. 
Sobald einmal eine Summe sich »gerundet« hatte, tat es ihm wieder 
leid, und er verschob seine Abreise. Dazu kam noch, daft er, trotz 
seinem Gebrechen, eine Frau zu finden wiinschte, die ihn liebte - und 
da er auch als unversehrter Mann noch schuchtern gewesen war, 



DIE HUNDERT TAGE j6<) 

wurde er jetzt vollends verzagt. Um so heftiger sehnte er sich nach 
den Frauen. Er biirstete seinen kiihnen Bart, legte einen kriegerischen 
Glanz in seine gutmutigen, hellen Augen und verliebte sich ehrlich 
und schnell. 

Angelina gefiel ihm, weil sie ein scheues Gesicht und schuchterne Ge- 
barden hatte. Ihr aber jagte er nur Furcht ein. Auch jetzt, da sie ver- 
loren und verlassen dastand und zum Fenster emporblickte, hatte sie 
mehr Angst vor dem Schuster als vor der Nacht, die unerbittlich her- 
einfiel. Bei der Hebamme Pocci brannte immer noch kein Licht. Sie 
ging dennoch hiniiber, hinein ins Haus. Munter hammerte, wie ge- 
wohnlich, der Schuster. Schon hatte er sie erblickt. Da er ihren Korb 
sah, erhob er sich, sein Stelzbein streckte sich erstaunlich weit vor, 
und wunderbar schnell stand er neben ihr und ergriff ihren Koffer. 
Das voile Licht seiner dreikerzigen Laterne huschte durch die zauber- 
hafte, grofie, baumelnde Schusterkugel iiber den schattigen Flur und 
iiber sein Angesicht. Er humpelte die drei Stufen hinunter, die in 
seine Stube fiihrten, stellte den Koffer hin und war bewundernswert 
schnell wieder im Flur. Vergebens streckte Angelina ihre Hand nach 
dem Koffer aus. Wokurka nahm ihre Hand und sagte, rasch und also 
noch weniger verstandlich, als er sonst zu sprechen pflegte: »Alle 
sind sie fort! Frau Pocci heute morgen. Frau Casimir war gestern 
abend noch hier. Alle furchten sich sehr. Ich nicht. Kommen Sie, 
Fraulein!« Er liefi ihre Hand los, ergriff aber ihren Arm und drangte 
sie in die Stube. Angelina ging hinunter. Sie hatte das Gefiihl, dafi sie 
zu ihrem Koffer gehore. 

Sie sank sofort in den einzigen, engen Sessel vor dem Tisch. Der 
Schuster Wokurka riickte sie links, rechts, vorwarts, als konnte der 
Sessel dadurch bequemer werden. Hierauf, als er glaubte, er habe sei- 
nen Zweck erreicht, ging er zum Herd, blies die glimmenden Kohlen 
an und begann, einen Rotwein mit Wasser zu kochen. Indessen 
spahte er immer wieder zu Angelina hiniiber. Da es ihm schien, dafi 
sie die Augen geschlossen hatte, erfiillte ihn eine jahe Freude, und er 
blies mit Wonne in die Glut. 

Angelina hielt die Augen nicht geschlossen, sondern sie beobachtete 
den Schuster, seine Handlungen und alle Gegenstande im kleinen 
Zimmer. Ganz sachte bewegte sich die grofte, glaserne Kugel vor der 
sonderbaren Laterne, die an einen glasernen Kafig erinnerte, ihrer 
kupfernen Verzierung wegen. Wie ein Kafig war sie, in dem drei ein- 



770 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gefangene Kerzenflammchen flatterten. Ein dunkelgriiner Vorhang, 
hinter dem man die Schlafstatte Wokurkas ahnte, erweckte in Angelina 
die feme Erinnerung an jene traumhafte Nacht vor zehn Jahren - aber 
es schien ihr, als lage sie schon hundert Jahre zuriick - und an die 
schweren Wogen der machtigen kaiserlichen Portiere. Ja, und audi an 
die kristallene Karaffe von damals dachte sie in dem Augenblick, in 
dem der Schuster eine Tasse mit heifiem, duftendem Rotwein vor sie 
hinstellte. Die Tasse zeigte, von einem griinen Lorbeerkranz umrahmt, 
das Bild des Kaisers, das bekannte, heimische und stolze Bild, und es 
erinnerte Angelina an das grofie Portrat an der Wand des geheimnis- 
vollen Saales. Uberhaupt schien es ihr, es sei jetzt alles unwirklich, wie 
es auch damals gewesen war, Alles, was sie hier sah, die kiimmerhchen, 
gefangenen Kerzen, der armselige Vorhang, der billige Wein, das bunte 
Miniaturbild des Kaisers, war gleichsam verwandt mit den kostbaren 
und erhabenen Gegenstanden, die sich im kaiserlichen Raum befunden 
hatten. Vielleicht waren es sogar dieselben Gegenstande, aber im Lauf 
der vielen, vielen der unzahligen Jahre und durch das Ungliick, das 
ihren Herrn und Gebieter betroffen hatte, verkummert und herunter- 
gekommen. 

Der Schuster Wokurka stand ihr gegeniiber. Er stiitzte sich mit einer 
Hand am Tischrand und blickte sie an, ohne ein Wort. Sein Kopf mit 
dem reichen, zuruckgekammten, graublonden Haar beruhrte fast die 
sachte, baumelnde Kugel und empfing von ihrem zauberhaften Licht 
einen unwirklichen Schimmer. »Trinken Sie!« sagte Wokurka end- 
lich - und die sanfte Eindringlichkeit seiner Stimme zwang sie ebenso 
wie der heifie verfuhrerische Duft, der aus der Tasse aufstieg, sich vor- 
zuneigen und einen Schluck zu tun. Es wurde warm in ihrem Herzen, 
sie erhob den Blick und sah die grauen, grofien Augen des Schusters. 
Es waren ganz andere Augen als jene, die sie so lange schon zu kennen 
geglaubt hatte. Es war keine blanke Gier in ihnen, sondern ein lacheln- 
des Licht. Und auch der machtige Bart war nicht furchterlich mehr, 
sondern hing wie friedliches, haariges Schutzfell iiber dem unsichtba- 
ren Munde des Mannes. 

»Trinken Sie nur!« sagte dieser unsichtbare Mund. »Es wird Ihnen 
guttun!« - Sie trank mit vergniigtem Eifer und lehnte sich wieder zu- 
riick. 

Der Schuster Wokurka wandte sich um und schlug den griinen Vor- 
hang zuriick, da wurde tatsachlich sein Bettgestell sichtbar. Er setzte 



DIE HUNDERT TAGE 771 

sich darauf, sein Holzbein ragte empor und beriihrte fast die Tisch- 
kante, aber auch das Holzbein erschreckte Angelina nicht mehr. 
»Ja«, begann Wokurka, »alle sind vor dem Kdnig geflohen wie vor 
der Pest. Ich begreife nicht, was sie so fiirchten, aber ich weifi wohl, 
was der Schrecken anrichten kann. Er verwirrt den Verstand auch 
der Verniinftigen. Frau Pocci zum Beispiel war eine verniinftige 
Frau. Gott weifi, wohin sie gegangen ist. Fraulein Casimir, Ihre 
Tante, ich kenne sie gut, hat sogar an hohen Stellen aus den Karten 
gelesen. Die Zukunft konnte sie erkennen, die Gegenwart nicht. 
Und so sind Sie eben allein geblieben, liebes Fraulein !« 
Er wartete eine Weile. Da Angelina nicht antwortete, fuhr er fort: 
»Ich furchte, Sie verstehen mich nicht genau. Ich weifi, dafi ich nicht 
ganz verstandlich sprechen kann.« 

Diesmal aber hatte ihn Angelina genau begriffen. Sie sagte: »Doch, 
ich verstehe vortrefflich.« »Da Sie nun so allein sind, liebes Frau- 
lein*, fuhr er fort, »bitte ich Sie, vorlaufig hierzubleiben. Ich werde 
Sie nicht storen. Sie konnen ruhig abwarten, liebes Fraulein! Die 
Welt wandelt sich schnell heutzutage! Wer hatte das noch vor einem 
halben Jahr geglaubt? Der Kaiser war grofi, und ich war sein Soldat, 
und ich nab* ihn geliebt. Aber, sehn Sie, wir Kleinen bezahlen un- 
sere Liebe zu den Grofien teuer.« Ihm fiel, wahrend er so sprach, 
ein Vergleich ein, den er fur sehr glucklich hielt, und er sagte: »So 
habe ich mein Bein zum Beispiel verloren, und Sie Ihre Stelle. Und 
es sind vergebliche Opfer. Wir Kleinen sollten unser Leben nicht 
von den Grofien bestimmen lassen. Wenn sie siegen, leiden wir, und 
wenn sie besiegt werden, leiden wir noch mehr. Nicht wahr, Frau- 
lein ?« 

»Ja«, sagte sie, »Sie haben recht.« 

Er griff nach der Weinflasche, die iiber dem Kopfende seines Bettes 
auf einem Brettchen stand, tat einen tiefen Schluck aus der Flasche, 
stellte sie wieder hin und wartete eine Weile. Es war, als erwartete 
er den Mut, den der Schluck in seinem Herzen erzeugen sollte. In 
der Tat, er fuhlte ihn jetzt, und er sagte beinahe iibermutig, und sein 
buschiger Schnurrbart bewegte sich seltsam und verriet, dafi sein un- 
sichtbarer Mund lachelte: 

»Ich kenne Sie schon lange, Fraulein Angelina, und ich kenne auch 
Ihr Leben !« Er machte noch eine kurze Pause, holte Atem und fuhr 
leise fort: »Ich kenne auch den Vater Ihres Kindes, den Herrn Leva- 



772 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dour. Und ich habe Ihrer Tante gesagt, dafi Sie recht hatten, ihn nicht 
zu heiraten.« 

»Wissen Sie, ob mein Sohn noch lebt? wo er ist?« fragte Angelina. 
»Ich weifi es nicht«, sagte Wokurka. »Aber morgen friih werde ich 
mich auf den Weg machen, und ich werde ihn suchen. Fast in jeder 
Pariser Kaserne habe ich gute Freunde.« Er log, und er freute sich, dafi 
sie ihm vertraute. 

»Ich danke Ihnen«, sagte Angelina. In der Tat stieg eine unermefiliche 
Dankbarkeit in ihrem Herzen auf, und es war ihr, als ware sie nach 
langen Irrfahrten zu Hause, wie einst daheim in ihrem vaterlichen 
Hause. Ihre Augen fielen zu, sie schlief ein, so wie sie safi. Wokurka 
hob sie aus dem Sessel, legte sie auf das Bett, schob den Vorhang wie- 
der vor und setzte sich, selig zum erstenmal, seitdem er sein Bein ver- 
loren und das Heimweh angefangen hatte, seine Seele zu qualen, in den 
engen Lehnstuhl neben den Vorhang. Die Kerzen in seiner Laterne 
erstarben, eine nach der andern, mit friedlichem Geflacker. Von fernen 
Strafien her horte er die Rufe der unermudlichen Konigstreuen, die 
den Konig hochleben liefien und den verbannten Kaiser verfluchten. 
Der Schuster Wokurka aber befand sich auf einer glucklichen Insel, 
unabhangig von den wechselnden Geschicken der Welt. Was ging ihn 
der Kaiser an, was ging ihn der heimgekehrte Konig an? Was ging ihn 
das Volk an, das draufien Tumult machte? Er traumte davon, dafi er 
bald heimkehren wiirde, mit der Frau, die hier, hinter dem Vorhang, 
schlief. Es kam gar nicht mehr auf runde Summen an. Jede Summe war 
rund. Er horte den sanften Atem Angelinas hinter dem Vorhang. Sie 
war zu ihm gekommen, und von selbst! So, wie er da safi, schlief er ein, 
mit dem begluckenden Entschlufi, morgen in der Friihe den Sohn An- 
gelinas zu finden. 



IX 

Es gelang Wokurka auch, den Kleinen zwei Wochen spater zu finden. 
Wahrend dieser Zeit humpelte er jeden Tag ein paar Stunden durch die 
Stadt, besuchte er alle Kasernen, die er erreichen konnte. Als er ihn 
endlich ausfindig gemacht hatte, hinkte er eilig heim, ihm schien es, 
auch sein holzernes Bein sei beflugelt. »Morgen konnen wir ihn se- 
hen!« sagte er und schlug die Augen nieder, denn er schamte sich, 



DIE HUNDERT TAGE 773 

Angelinas Gliick zu sehn. Es dauerte lange, ehe sie etwas sagte. Es 
dunkelte schon, als sie zu sprechen anfing, als hatte sie sich geschamt, 
im hellen Tageslicht zu sprechen. »Wo und wann werden wir ihn 
sehn?« »Um sieben Uhr«, sagte er, »abends, nach dem Rapport. Der 
Unteroffizier vom Dienst ist mein Freund.« 

Am nachsten Abend sah Angelina ihren Sohn wieder. Sein Regiment 
wohnte in einer anderen Kaserne, dezimiert, geschlagen, gedemiitigt, 
wie es von der Niederlage heimgekehrt war. Zwei Unteroffiziere aus 
friiherer Zeit waren noch da, sie erkannten Angelina auch, und ihr war, 
als begegnete sie wohlvertrauten, lieben Gespenstern. Sie trugen nicht 
mehr den Adler des Kaisers, sondern die Lilien des Konigs. Sie waren 
nicht mehr die Soldaten des Kaisers, sondern die Untertanen des Ko- 
nigs. In dustere Scham gehullt erschien Angelina auch der kleine Pas- 
cal. Zuerst breitete er die Arme aus, liefi sie aber gleich wieder sinken. 
Und als Angelina zu weinen anfing, ergriff er ihre Hand und kufite sie. 
Er war schon so grofi wie sie, wenn er seinen Tschako aufhatte. Nun 
aber, in einem plotzlichen Anfall von Zartlichkeit und Heimweh, 
nahm er den Tschako ab, und er reichte Angelina bis zur Schulter. Und 
sie sah sein dichtes, rotes Haar, und es war, als hatte er seiner Mutter 
beweisen wollen, dafi er ihr Sohn sei und keines anderen. Sie begann, 
noch heftiger zu weinen. Sie dachte an ihre Kindheit, ihren toricht und 
sinnlos verschenkten Korper, an den widerwartigen Sosthene, an den 
zufalligen Korporal, an die beschamende Nacht im traumhaften Ge- 
mach, an die schweren Wogen der Portiere, an den fruhen Tod ihres 
Vaters, an ihre kindischen und schamlosen Entblofiungen vor den 
fremden Spiegeln — und alles, alles erschien ihr unendlich traurig, 
schlimmer noch, namlich trostlos und dumpf. Sie wufite auf einmal 
genau, dafi sich alles Sinnlose und Torichte, das ihr geschehen war, 
gleichsam im gnadenreichen Schatten des grofien Kaisers ereignet 
hatte. Sein Schatten noch hatte alles sinnlose Geschick vergoldet; nun 
war er fort, sein gnadenreicher, goldener Schatten! Jetzt erst wurde das 
Torichte toricht, das Ungliick wurde gemein. Sie weinte nicht mehr 
aus Running dariiber, dafi sie ihren Sohn wiedergefunden hatte, son- 
dern uber eine ganze tote Welt, an deren ewigen Bestand sie geglaubt 
hatte. Nichts mehr war vorhanden seit der Abfahrt des Kaisers. Sie 
wufite auf einmal, dafi ihre Liebe zu ihm grofier und machtiger war als 
eine gewohnliche Liebe. Sie weinte nicht wegen ihres Sohnes, sondern 
wegen der Lilien des Konigs, der weifien Fahne der Bourbonen, die 



774 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vor dem Eingang der Kaserne hing, und wegen des Untergangs des 
Kaisers. Sie vernahm und verstand dennoch, was ihr der Kleine er- 
zahlte: Sein Vater, der Wachtmeister Sosthene Levadour von den Drei- 
zehner-Dragonern, ware gekommen, um seinen Sohn zu suchen. Der 
Wachtmeister hatte sich auch nach Angelina erkundigt; er hatte gesagt, 
er wiirde bald wiederkommen. Dies alles betraf sie nicht. Sie sagte nur: 
»Ja, er ist dein Vater! Ich liebe ihn aber nicht. Ich werde dich wieder 
besuchen. Ich liebe dich, mein Kind!« Sie kiifite seine roten Haare, 
seine sommersprossigen Wangen und seine blauen, kleinen Augen. 
In der Strafie fafite sie den Arm des Schusters Wokurka. Sie weinte 
immer noch. Sie bemuhte sich, mit dem Hinkenden Schritt zu halten, 
und es schien ihr zuweilen, als miifite sie sich schamen, weil sie zwei 
gesunde Beine hatte und er nur eines. Dennoch war es ihr auch, als 
ware sie schwacher auf ihren gesunden Beinen als der Mann an ihrer 
Seite auf seinem einzigen, und sie fafke seinen Arm, um sich an ihm zu 
halten. Sie gingen so, Arm in Arm, sehr lange durch die Strafien. Sie 
sprachen gar nichts auf dem langen Weg. Erst als sie vor der Tur stan- 
den, spiirte sie, dafi er ihr etwas sagen wolle. Er hielt ihren Arm fest. 
Sie sah von der Seite zu ihm auf. Das armselige Licht einer verlorenen 
Laterne, der einzigen in dieser Gasse, fiel auf das bekummerte und 
hohle Angesicht Wokurkas. Ihr war, als erblicke sie ihn jetzt zum er- 
stenmal, als hatte das triibselige, olige und unstete Licht der Laterne 
seine Ziige deutlicher gemacht und den ganzen Kummer, der in seinem 
Angesicht wohnte. In einem einzigen Augenblick wurde ihr klar, dafi 
er ihr langst kein unheimlicher Fremder mehr war, sondern ein ver- 
trauter, stiller Genosse ; dafi er sie lieben mufite, wie sie noch niemand 
geliebt hatte; und dafi er lange Nachte ihretwegen wachte, in seinem 
engen Sessel, mit seinem holzernen Bein. Sie senkte den Kopf. »Ich 
will Ihnen etwas sagen«, begann Wokurka leise. - Er wartete. Sie sagte 
nichts. »Wollen Sie mich anhoren?« fragte er und sah sie an. Sie nickte. 
»Nun«, fing er wieder an, »nun, ich habe mir gedacht, ich konnte Sie 
fragen - Sie fragen - ob Sie bei mir bleiben wollen?« »Ja!« sagte sie, mit 
einer klaren Stimme, die sie selbst verwunderte. »Sie haben mich viel- 
leicht nicht verstanden«, begann er, »ob Sie mit mir bleiben wollen? 
Mit mir?« »Ja!« wiederholte sie, mit der gleichen klaren Stimme. 
Sie gingen ins Haus. Sie entziindete selbst die Lichter in der Laterne, 
zum erstenmal, seitdem sie bei Wokurka wohnte. Sie machte sich zu 
schaffen, an den Topfen, am Herd. Sie fiihlte den standigen Blick des 



DIE HUNDERT TAGE JJ^ 

Mannes und vermied es, ihn anzuschauen. Mit Angst dachte sie an die 
Nacht, die jetzt heranschlich, die Liebe, die sie barg, und auf einmal 
erfafite sie Entsetzen vor dem Holzbein des Mannes, als kame sie jetzt 
erst auf den Gedanken, dafi es nicht ein natiirlicher Teil seines Korpers 
war. 

Sie afien schweigsam und verlegen, wie an alien Abenden vorher, die 
Milchsuppe mit Kartoffeln, die Wokurka liebte und die sein Heimweh 
ein wenig linderte. Sie tranken dann, und sie bemerkte jetzt, dafi Wo- 
kurka den Wein nicht aus einer gewohnlichen Flasche einschenkte, wie 
an den Abenden zuvor, sondern aus einer kristallenen Karaffe. Auch 
diese Karaffe zeigte ein kleines, glattes Oval just vorne, unter dem ge- 
schwungenen Schnabel und in der Mitte ihrer pomposen Wolbung. Im 
Oval war der Kaiser Napoleon zu sehn, in seiner gewohnten Tracht, 
ein glaserner Kaiser, gefarbt und gleichsam durchblutet vom roten 
Wein, ein Napoleon aus Glas, Stein und Blut. In dem Made, in dem 
sich die Karaffe leerte, wurde der Kaiser blasser, ferner und wirkliches 
Glas, und es war Angelina, als sahe sie ihn sterben, Stuck fur Stuck 
seines Korpers, den Kopf zuerst, dann die Schultern, den Oberkorper, 
die Schenkel und zuletzt die Stiefel. Sie sah unermiidlich auf dieses 
Oval, ihr frostelte, sie wollte die Karaffe wieder gefulit sehen. »Haben 
Sie noch Wein?« fragte sie. »Eine schone Karaffe !« »Ja, ein gutes 
Stiick«, sagte Wokurka. »Unser Graf Chojnicki hat es mir einmal ge- 
schenkt. Er hat uns damals ausgeriistet, uns Legionare, meine ich. Wir 
waren auf seinem Schlofi, er selber exerzierte mit uns. Der Kaiser 
kannte ihn gut. Er ist gefallen, an dem Tage, an dem mir mein Bein 
abhanden kam. Aber ich habe noch Wein, ich trinke aus dieser Karaffe 
nur bei besonderen Festen. Und es ist heute fiir mich ein besonderes 
Fest, Angelina, nicht wahr?« Er war aufgeraumt, beweglich, erhob sich 
schnell, fiillte die Karaffe aufs neue, schenkte ein. Seine Wangen waren 
rotlich, seine Augen blank, und sein Schnurrbart schien zusehends 
blonder zu werden, als wiichsen ihm unversehens neue, blonde, bu- 
schige Harchen und iiberwucherten die zahlreichen fruh ergrauten. Er 
wurde redselig, erzahlte von Schlachten und Kameraden, spottete iiber 
das Bein, das er verloren hatte, sagte, es hatte zum Unterschied vom 
anderen ohnehin niemals viel getaugt, verspiirte aber in diesem Augen- 
blick einen heftigen Schmerz an der Hiifte und im halben Schenkel, der 
ihm noch verblieben war, und verstummte plotzlich. Er erinnerte sich 
nicht genau an alles, was er erzahlt hatte, wufke nicht mehr, ob Ange- 



Jj6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Una ihm geantwortet oder ob sie ihm auch nur zugehort hatte, und 
fiihlte nur, sobald er sie ansah, ein unbandiges Verlangen nach ihr, ein 
Verlangen, das der Schmerz keineswegs betaubte, sondern noch zu 
steigern schien. Er safi wie gewohnlich am Bettrand, ihm gegeniiber 
war Angelina. Er erhob sich plotzlich, stiitzte sich auf den Tischrand, 
setzte sich in Bewegung, auch Angelina erhob sich. Sie wartete auf ihn 
zitternd, sie wufite genau, was nunmehr kommen mufite, es war nicht 
zu andern, sie wiinschte plotzlich, das Unabanderliche mochte nur 
sehr schnell geschehen, sie ging ihm sogar entgegen. Sein Atem roch 
nach Glut und Wein, auch Giite leuchtete in seinen blanken Augen, 
sein Bart straubte sich, er erweckte viel Angst, ein wenig Widerwillen 
und sehr viel Mitleid. Jetzt lag sie da, sie schloft die Augen, und sie 
horte deutlich, wie er die Kriicke ablegte, das leise Gerausch des auf- 
schnellenden Leders und das zarte Klirren der metallenen Spangen. 



Sie gewohnte sich an die Nachte, an die Tage und an den Mann. Als 
der Winter kam, fiihlte sie sich bei ihm schon heimisch und beinahe 
gliicklich. Je kiirzer die Tage wurden, desto heftiger wurde auch das 
Heimweh Wokurkas. Er begann, immer haufiger davon zu sprechen, 
dafi man heiraten miifite und nach Polen zuriickkehren und alles ver- 
gessen und ein neues Leben anfangen. Daheim in Polen, in seinem 
Gora Lysa, war jetzt dichter, guter Schnee, ein klirrender, gesunder 
Frost, es gab grofie, runde Brote mit schwarzbrauner Rinde, und man 
bereitete sich schon fur Weihnachten vor. In dieser Welt hier regnete 
es auch im Dezember, der Wind blies feucht und gehassig, der Wind 
und der heimgekehrte Konig und die Feinde Frankreichs und Polens 
waren Bundesgenossen, weit war der grofie Kaiser, der allein imstande 
gewesen ware, Wokurkas Heimweh auszuloschen. Aber er selbst, der 
Kaiser, mochte jetzt noch grofteres Heimweh haben als der Schuster 
Wokurka. Die Zeitungen schmahten den Kaiser jeden Tag, sie erzahl- 
ten von dem groEen KongreE in Wien, lobten den Verrater Talleyrand 
und den guten heimgekehrten Konig, der Wokurka die Pension nicht 
bezahlte. Alle Machtigen, die einst Napoleons Freunde gewesen wa- 
ren, verrieten und verleugneten den Kaiser. Was hatte der Schuster 
Wokurka aus Gora Lysa noch in diesem Lande zu tun? Hier und da 



DIE HUNDERTTAGE 777 

besuchten ihn efn paar Polen, friihere Legionare wie er, Soldaten, die 
keinen anderen Beruf hatten, die, ohne Pension, ohne Brot und ohne 
Obdach und obwohl mit heilen Gliedern versehen, noch verstiimmel- 
ter waren als der Schuster. Sie zogen als Bettler durch die Stadt. 
Einige traumten davon, soviel Geld zu bekommen, dafi sie den gefan- 
genen Kaiser erreichen konnten; und jeder von ihnen war iiberzeugt, 
dafi nur er und gerade er dort fehle und dafi er allein dem Kaiser sagen 
konne, wie man Frankreich wiedererobert, die Welt aufs neue besiegt 
und Polen wieder auferstehen lafit. Der einfache Jan Wokurka aber 
wufite, dafi sie alle torichte Reden fiihrten; er hatte einen schlichten 
Beruf, seine Arbeit machte ihn bedenklich, geduldig und verniinftig, 
und sein Gebrechen behiitete ihn vor leichtsinnigen Traumen. Er be- 
reitete die Abreise vor. Er sagte Angelina, sie miifite ihn begleiten. Sie 
liefi ihren Sohn zuriick. Aber war es noch ihr Sohn? Wurde er nicht 
fremder, jedesmal, wenn sie ihn besuchten? Ach, es war wohl so! Der 
Kleine war Soldat, er hatte schon das Feuer der Schlacht ertragen, er 
hatte nur eine Mutter, das war die Armee. Der Konig von Frankreich 
lebte mit aller Welt in Frieden, in der Armee war Platz genug fur einen 
kleinen Pascal Pietri und auch Aussicht genug fiir eine friedliche Zu- 
kunft des Jungen. 

So sprach Wokurka zu Angelina. Sie war dreifiig Jahre alt, und ihr war, 
als ware sie sehr schnell gealtert, jedes ihrer Jahre hatte so viel Verwir- 
rung und Pein enthalten. Betaubt und miide war sie. Und sobald Wo- 
kurka von seiner Heimat erzahlte, begann auch sie zu glauben, dafi 
jenes sonderbare Land den Frieden beherberge. Feme war es alien 
Ubeln und Verwirrungen. Sanft war es wie der Schnee, der es be- 
deckte, in einem sanften Ungliick lebte es, in unendlicher, weifier 
Trauer um den verlorenen Kaiser. Sie sah das Land als eine sanfte, um 
den Kaiser trauernde, weifi verschleierte Witwe. Allmahlich erwachte 
auch in ihr eine gute, gelinde Sehnsucht nach diesem Lande. Allmah- 
lich auch verlbschte ihre miitterliche Zartlichkeit fiir ihren Knaben. 
Allmahlich glitt sie ganz in die Welt des Schusters Wokurka hiniiber. 
Wokurka feierte Weihnachten in seiner Weise, nach seiner heimischen 
Sitte. Er brachte einen gewaltigen Tannenbaum herbei, der die ganze 
enge Stube ausfiillte. Er schaffte alle Werkzeuge fort, den Schemel, auf 
dem er im Flur zu hocken pflegte, und sogar die Kugel, die ihn an seine 
harten Wochentage erinnerte. Er schenkte einen seidenen Schal, Ohr- 
gehange aus bohmischem Glas und Pantoffeln, die er selbst hergestellt 



778 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte, Pantoffeln aus weifiem Leder. Es wurde auch Angelina sehr 
leicht urns Herz. Wokurka umarmte sie feierlich, herzlich und dank- 
bar. Sein Gesicht roch nach Seife, Pfeife und Schnaps. Er schwankte 
ein wenig, merkwiirdigerweise schien er lediglich an seinem Holzbein 
noch einen Halt zu finden. Er hatte ein rotes, strahlendes An gesicht 
und festliche Augen. Sie setzten sich an den Tisch, hart bedrangt von 
den Zweigen und Kerzen des Tannenbaums. »Hast du deinen Sohn 
gefunden?« fragte Wokurka. »Nein!« sagte Angelina. »Er war schon 
fort.« »Schade, schade!« sagte er. »Es ware hubsch gewesen, wenn wir 
ihn hier gehabt hatten!« Aber er sagte das nur, um Angelina gefallig zu 
sein. Er dachte an seine Heimat und ihre gemeinsame Abreise. 
Er begann selbst, die Speisen aufzutragen, die er bereitet hatte. Es wa- 
ren die Speisen seiner Heimat und seiner Jugend. Sie hatten den Duft 
seines heimatlichen Dorfes, sie rochen wahrhaftig nach Gora Lysa: die 
Suppe aus roten Ruben und Sahne; der Speck mit Erbsen; und der 
weifie Kase. Auch Schnaps hatte er beschafft. Man trank keinen Wein 
in Gora Lysa. Er sang mit einer unsicheren und heiseren Stimme seine 
heimatlichen Weihnachtslieder. Die Tranen traten in seine festlichen, 
blanken Augen. Er mufke abbrechen und wieder ansetzen. 
»Dies ist das letzte Weihnachtsfest, das ich in Paris erlebe«, sagte er, 
nachdem er geendet hatte. »Von heute iibers Jahr sind wir zu Hause!« 
Und er klopfte an die lederne Kapsel seiner Kriicke. 
Wie sie ihn so sprechen horte, fuhlte Angelina einen jahen Schmerz, 
obwohl sie sich langst schon auf die Reise vorbereitet hatte. Niemals 
hatte sie gewagt, an eine bestimmte Woche, an einen bestimmten Tag, 
an eine bestimmte Stunde dieser Abreise zu denken. Es war einfach, 
gut und schon, mit Wokurka in seine Heimat zu fahren, aber einmal, 
man konnte nicht wissen, wann, zu einer Zeit, die irgendein unbe- 
kannter Zufall bestimmen wiirde. Da sie nun horte, dafi nicht jener 
Zufall, sondern Wokurka selbst den Zeitpunkt bestimmte, erfullte sie 
Angst vor allem, was sie in dem weiten, fremden Lande erwartete, und 
Schmerz um alles, was sie hier zuriicklieft. Sie begann heftig zu weinen, 
sie mufite das Glas hinstellen, das sie eben an die Lippen hatte fiihren 
wollen, um mit dem Mann, wie er ausgerufen hatte, auf eine »glxickli- 
che Fahrt ohne Wiederkehr« zu trinken. »Ohne Wiederkehr!« Dieser 
Ausdruck erweckte in ihr eine Kette schneller, furchterlicher Vorstel- 
lungen: Nie mehr sollte sie ihren Sohn sehn, die Stadt und diese Strafte, 
in der sie ihn geboren hatte, das Schlofi, in dem sie jung und toricht, 



DIE HUNDERT TAGE 779 

gliicklich und unselig, heiter und heillos verworren gewesen war. Sie 
hatte keinen deutlichen Begriff von den wirklichen Entfernungen, die 
Frankreich von Wokurkas Heimat trennten; also schien ihr diese Hei- 
mat in einer wxisten, kaum erreichbaren Weite zu liegen. Sie legte die 
Arme auf den Tisch, den Kopf auf die Arme und schluchzte heftig und 
bitterlich. Der Dunst der erloschenden Kerzen an den Zweigen dts 
Baumes, der Schnaps, den sie getrunken hatte, die Erinnerung an den 
vergeblichen Gang in die Kaserne zu ihrem Sohn, eine plotzliche, be- 
sorgte Zartlichkeit fur den Kleinen, die Reue dariiber, dafi sie sich die- 
sem Mann ohne Bedenken versprochen hatte, und auch noch dariiber, 
dafi sie ihn jetzt mit ihrem Schmerz betriibte und mit ihrer Angst ent- 
tauschte: all das verwirrte sie, fiel iiber sie nieder, verschiittete sie 
gleichsam. Wokurka streichelte ihr sprodes, rotliches Haar. Er ahnte 
alles, was sich in ihr zutrug. Er fiihlte auch, dafi ihre Verzweiflung sie 
taub machte fur alle Trostungen und Versprechungen. Es blieb ihm 
nichts anderes lib rig als die stumme Zwiesprach zwischen seiner zartli- 
chen Hand und ihren roten Haaren. Nach einer Weile hob sie ihm ihr 
nasses, bleiches Angesicht entgegen. »Ich verstehe, Angelina !« sagte er. 
»Es geht vorbei, glaub mir, es geht vorbei! Alles geht vorbei!« Sie be- 
gann zu lacheln, ein folgsames Lacheln, das ihr Angesicht noch trauri- 
ger machte. Es war ein dankbares und zugleich ein vorwurfsvolles La- 
cheln, ein ergebenes, der schmerzliche und ehrwiirdige Glanz, der auf 
den Gesichtern der Schwachen liegt, die sich aufgeben. 



XI 



Schon hatte sie alles aufgegeben. Schon begann sie, mit der gewissen- 
haften Entschlossenheit, die den endgiiltig Ergebenen ebenso wie den 
Starken eigen ist, ihre Vorbereitungen zu treffen. Es war beschlossen 
worden, dafi sie im Januar heiraten und einen Monat spater wegfahren 
sollten. Es waren also noch lange Wochen bis zu dieser Abreise. Ange- 
lina aber schien es, das gewaltige Vorhaben Wokurkas losche die Ge- 
setze der Zeit aus. Weil sie furchtete, ihre Entschlossenheit wieder zu 
verlieren, glaubte sie, es sei kein Tag langer zu verlieren. 
Sie dachte nach, was sie ihrem Sohn hinterlassen hatte - denn sie war 
sicher, dafi sie ihn niemals mehr wiedersehen wiirde. Das Kreuz, das 
sie aus der Heimat mitgebracht, das Tuch, das sie aus torichter Liebe 



780 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zum Kaiser gestohlen hatte: Beides konnte sie ihrem kleinen Pascal 
schenken. Sie stellte sich genau vor, was sie ihm sagen wollte. Es seien 
geringe, aber fur sie, seine Mutter, wichtige Sachen und sie gebe sie 
ihm, damit er immer an sie denke. An sie, aber auch an den Kaiser. 
Also packte sie das Tuch aus dem Koffer, hakte das Kreuz ab, das sie 
liber dem Bett Wokurkas aufgehangt hatte, und ging in die Kaserne. 
Wokurka begleitete sie. Er hatte ein Paar Stiefel fur den Sohn Angeli- 
nas verfertigt, feste, gute Stiefel, wie sie sich fur einen Tambour ge- 
ziemten. 

Sie fanden den Kleinen, sie gingen mit ihm in die Kantine. Er liefi sich 
von seiner Mutter umarmen, von Wokurka die Hand driicken, nahm 
die Geschenke entgegen, zeigte Freude iiber das Tuch und die Stiefel, 
und was das Kreuz betraf, sagte er: »Ich brauche das nicht. In unserm 
Regiment braucht man das nicht !« Er gab es seiner Mutter zuriick und 
sagte: »Du brauchst es, glaube ich!« Und er hatte in diesem Augen- 
blick die grollende Stimme seines Vaters, des Wachtmeisters Sosthene. 
Die Kantine war voll von larmenden Soldaten. Hinter dem Biifett an 
der Wand, iiber der Etagere mit den vielfarbigen Flaschen, hing, von 
einem durchsichtigen Schleier uberdeckt, der Adler des Kaisers, allzu- 
grofi und deutlich iiber ihm das Portrat des heimgekehrten Konigs. 
Sein gutmiitiges und gleichgiiltiges Angesicht, seine hangenden, fetten 
Wangen, seine halbgeschlossenen Augenlider erschienen ferner noch 
und undeutlicher als der verschleierte Adler aus blankem Messing. Es 
war, als verschleierte sich das Portrat des Konigs von selbst; und als sei 
der Schleier iiber dem kaiserlichen Adler nur ein voriiberziehender 
Nebel. 

Ringsum an alien Tischen sprachen die Soldaten, die nuchternen und 
die angeheiterten, vom Kaiser; die trunkenen aber riefen sogar von 
Zeit zu Zeit: »Es lebe der Kaiser !« Der kleine Pascal breitete das Tuch 
vor sich aus und sagte mit einer erkiinstelten tiefen Stimme: »Alle sa- 
gen, dafi er wiederkommt, der Kaiser! Wir pfeifen auf die Bourbo- 
nen!« Und er wies mit seinem kleinen Finger auf das Portrat des heim- 
gekehrten Konigs an der Wand. 

»Er wird nicht wiederkommen«, sagte der Schuster Wokurka. »Und 
ich wollte dir sagen, daft du, wenn du willst, mit uns gehen kannst, mit 
deiner Mutter und mit mir in meine Heimat.« 

»Wozu?« fragte der Kleine. »Der Kaiser kommt bald zuriick. Alle sa- 
gen es!« 



DIE HUNDERT TAGE 781 

Angelina schwieg. Sie hone die Soldaten ringsum vom Kaiser reden. 
Der Kaiser war nicht tot und vergessen, lebendig war er in den Herzen 
der Soldaten, jeden Tag erwarteten sie ihn. Nur sie erwartete ihn nicht 
mehr, sie allein durfte ihn nicht mehr erwarten. 

Und sie merkte, dafi ihr der Mann fremd war und der Sohn auch, 
sobald sie an den Kaiser dachte. Ja, dafi ihr der Sohn lediglich deshalb 
vertraut erschien, weil er vom Kaiser mit Liebe gesprochen hatte. Und 
aus Angst, sie konnte ihre Verworrenheit verraten und ihren Ent- 
schlufi aufgeben miissen, Wokurka zu folgen, sagte sie: »Gehn wir!«, 
stand auf, kiifite ihren Sohn auf die Wangen, die Stirn und die roten 
Haare und wandte sich zum Gehen, noch ehe Wokurka Zeit gefunden 
hatte, sich zu erheben. 

Unterwegs sprach er zu ihr, ein wenig furchtsam, unsicher und ge- 
linde. Er sagte ihr, daft die Soldaten sich tauschten, die Welt der grofien 
Politik nicht kannten und infolgedessen glaubten, der Kaiser miisse 
heimkehren. Aber wolle sie selbst annehmen, die Soldaten hatten recht 
und der Kaiser kame zuriick, so diirfte all dies sie beide, Angelina und 
den Schuster Wokurka, nicht hindern, ein neues Leben, im fernen 
Lande, weitab von den Verwirrungen, die von den Groften in dieser 
Welt angerichtet werden, nur damit die Kleinen leiden, zu beginnen. 
»Ja, ja«, sagte sie, aber sie glaubte nicht mehr daran. 
Zu Hause sah sie die Einwohner, kleine Handwerker, Kutscher und 
Lakaien, vor dem Tor stehen. Es war etwas Ungewohnliches gesche- 
hen; Die Hebamme Pocci war zuruckgekommen und mit ihr Veronika 
Casimir. Doch hatten beide jedwede Auskunft verweigert, sich nur 
nach Angelina erkundigt und ganz allgemein und sehr feierlich ver- 
kiindet, sie seien zuruckgekommen, weil »eine ganz neue Zeit anbre- 
che«. 

Sie hatte sich nicht geandert, die Veronika Casimir, ebensowenig wie 
die Hebamme Pocci. Wo sich die beiden Frauen so lange aufgehalten 
hatten, wagte man nicht zu fragen. Man sah nur, dafi sie beide auf den 
ersten Blick wiederzuerkennen und durchaus nicht verandert heimge- 
kehrt waren: die Hebamme Pocci mit ihrer unversehrten, knochigen, 
bedrohlichen und dennoch Zutraulichkeit ausstromenden Hagerkeit; 
Fraulein Casimir in ihrer ganzen, unversehrt gebliebenen, rundlichen 
und dennoch behenden Fiille. 

»Das werden Sie nicht tun«, sagte sie zum Schuster Wokurka. »Sie 
verlieren jedes Anrecht auf die Pension, wenn Sie gehen und der Kaiser 



782 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

zuriickkommt. Und so wahr ich Veronika Casimir heifie, so wahr ich, 
was alle Welt noch weifi, dem Kaiser Schlachten, Siege, Niederlagen 
prophezeit habe: Jetzt sehe ich es, er kommt bald zuriick, und es ist 
nichts daran zu andern.« 

Sie sprach all dies nicht so leichtfertig daher, die Veronika Casimir, Sie 
bewies es auch. Sie bewies es, in Anwesenheit aller Einwohner des 
Hauses, herbeigerufener oder herbeigeeilter Nachbarn aus dem Viertel 
und vieler Fremder, die sich in der Stube des Schusters andachtig, glau- 
big und hoffnungsfroh versammelten, auch den Flur noch fullten und 
manchmal auf der Strafie warten mufiten. Sie bewies es durch die un- 
widerleglichen Karten. Sie wiederholte jeden Abend: »Der Kaiser be- 
reitet seine Abreise vor. Elfhundert Mann begleiten ihn. Sie haben viele 
Gefahren erwartet, aber alle diese Gefahren zerstieben und zerstauben 
vor dem Kaiser. Alle Tore offnen sich ihm. Das Volk jubelt ihm zu. Er 
siegt, er siegt! Er kommt, er kommt !« 

»Und dann?« fragte manchmal der Schuster Wokurka, »und was wind 
dann sein?« 

»Das sehe ich nicht«, antwortete Veronika Casimir. Und sie packte 
ihre Karten zusammen und rollte hurtig hinaus, durch das Spalier der 
ehrfurchtigen Zuhorer. 



XII 

Eines Abends (der Friihling hatte sich schon langst angekiindigt, war 
aber schnell wieder von einem unbarmherzigen, neugeborenen Winter 
unterdriickt worden) vernahm Angelina das Holzbein des heimkeh- 
renden Wokurka heftiger und hurtiger und lauter auf dem Pilaster vor 
dem Hause als an alien anderen Tagen. 

Er trat ein, er war aufier Atem. Es hagelte draufien, er hatte nasse, 
kleine Kornchen auf den Schultern, und von seinem einen Stiefel rann 
das Wasser auf den Fuftboden und bildete eine grofte, schwarze Lache. 
Er legte die Miitze nicht ab. Er blieb an der Tur stehn und sagte: » An- 
gelina, es ist soweit! Morgen kommt er! Der Konig flieht!« 
Sie stand auf. Sie hatte auf dem Schemel gesessen, Kartoffeln schalend, 
die Friichte fielen zu Boden, mit lautem Gepolter. »Er kommt?« fragte 
sie. »Morgen? - Und der Konig flieht?« 
»Er kommt !« wiederholte Wokurka. Und obwohl er in diesem Augen- 



DIE HUNDERT TAGE 783 

blick wufite, dafi er Angelina verloren hatte, sagte er zum drittenmal, 
den Glanz des Glucks im Angesicht und den Klang des Gliicks in der 
Kehle: »Er kommt! Es ist gewifi!« 

An diesem Abend kam Veronika Casimir nicht mehr. Die Bewohner 
des Hauses, die Nachbarn, die Fremden kamen und fragten nach ihr. 
Sie kam nicht. Auch die Tur der Hebamme Pocci blieb verschlossen. 
»Ist es wirklich wahr, dafi er kommt?« fragte Angelina. 
»Morgen kommt er, ganz bestimmt morgen!« sagte Wokurka. 
Sie afien schweigsam. Sie waren beide selig und unselig zugleich, be- 
freit und zugleich gequalt, gliicklich und zugleich ungliicklich. Und sie 
hatten nicht sagen konnen, weshalb sie selig und unselig, befreit und 
gequalt, gliicklich und ungliicklich waren. 

Sie legten sich schlafen. Aber sie schliefen nicht ein. Jedes von beiden 
blieb wach und hoffte und glaubte, das andere schliefe. 
Als sie den Morgen grauen fiihlte, erhob sich Angelina leise. Sie 
glaubte, sie weckte Wokurka nicht. Er aber hatte gar nicht geschlafen. 
Er sah wohl, dafi sie sich erhob. Er sah, dafi sie sich hastig wusch und 
anzog. Sie kam noch einmal ans Bett und kiifite ihn. Er fiihlte, dafi es 
der letzte Kufi war, aber er bewegte sich nicht. Zwischen halbgeschlos- 
senen Lidern sah er, wie sie dahinging, und er wufite, dafi sie nicht 
mehr wiederkommen wollte. 

Er riihrte sich nicht. Er war tot. Er hatte einst sein Bein verloren fur 
den Kaiser; nun verlor er eine Frau fur den Kaiser. 
Sechs Wochen spater erfuhr er von der Hebamme Pocci, Angelina sei 
wieder im Schlofi des Kaisers. Er machte sich sofort auf den Weg zu 
ihr. Er traf sie, sie kam ihm entgegen, er erwartete sie vor dem Gitter. 
»Guten Tag«, sagte sie, »es ist gut, dafi du mich wiedersehen willst!« 
Sie trug die Livree des kaiserlichen Gesindes, das dunkelblaue Kleid, 
die weifie Schiirze und die blaue Haube. Sie erschien ihm schon und 
fremd. Er sagte: »Ich bin gekommen, Angelina, um dich noch einmal 
zu fragen, ob du mit mir gehen willst!« 

»Nein!« sagte sie, als hatte sie ihm niemals »Ja, ich will« gesagt. 
Sie sagte es genauso heiter, wie sie damals »Ja, ich will« gesagt hatte. Er 
erkannte sie wohl, es war Angelina. Sie war niemals seine Frau gewe- 
sen: Sie hatte immer dem Kaiser gehort: immer dem Kaiser. 
Es begann, sachte zu regnen, dann immer starker. Es war ein warmer, 
guter, beinahe schon sommerlicher Regen. Er sah, wie die Kleider An- 
gelinas nafi wurden, er horte den Regen immer starker rauschen, er 



784 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sah, wie sie ratios dastand, er wufite, dafi sie einander nichts mehr 
sagen konnten. » Adieu, Angelina!« sagte er nur. »Wenn du mich wie- 
der brauchst - ich fahre nicht heim, ich wane, bis du mich wieder 
brauchst.« 

Sie gaben sich die Hande. Beider Hande waren nafi vom Regen, es war 
gar keine Warme mehr in diesen Handen. Es war, als tauschten sie 
Regen aus. Angelina sah ihn muhsam und vorsichtig davonhumpeln 
und im Regen verschwinden. 



XIII 

Grofie Aufregung herrschte im ganzen Lande, eine noch grofiere aber, 
wenn auch eine ganz andere, herrschte im Schlofi, unter den Damen 
und Herren des Kaisers und auch unter dem Gesinde. Alle grofien 
Ereignisse, die sich damals in der Welt zutrugen, und die noch gewalti- 
geren, die sich schon vorbereiteten, hatte der Kaiser Napoleon selbst 
verursacht und hervorgerufen. Er war grofi und plotzlich, aber die 
Welt wollte klein und bedachtig bleiben, wie sie war. Die Diener des 
Kaisers wufiten nichts von den Schrecken, die er in der Welt verbrei- 
tete. Sie kannten lediglich die Schrecken, die er im Hause zu bereiten 
pflegte. Gewifi waren die Diener geringer in der Nahe des grofien Kai- 
sers als die Konige, seine Feinde. Aber die Diener lebten rings um ihn, 
vernahmen jeden Tag seine Stimme, empfingen seinen gnadigen oder 
strafenden Blick, eine zartliche Auszeichnung und einen grimmigen 
Fluch. Also nannten sie seinen zufalligen Blick, seine gute Laune und 
sein boses Wort die wichtigen Ereignisse - im Gegensatz zur Welt. Die 
Welt namlich riistete schon zum Krieg, aus Furcht vor dem Grofien 
und Plotzlichen. Das Hofgesinde aber riistete zur Ubersiedlung des 
Kaisers aus den Tuilerien ins Elysee. Bedeutender erschien den Man- 
nern und Frauen des Hofgesindes die Ubersiedlung, die der Kaiser 
beschlossen hatte, als der Krieg, den ihm die Lander der Welt schon zu 
bereiten anfingen. Ja, hatte die langst in alten Rang und alte Wiirde 
wieder eingesetzte Veronika Casimir den nahenden Krieg nicht aus 
den Karten prophezeit, die Manner und Frauen vom Gesinde des Kai- 
sers hatten sich keinerlei Gedanken iiber die Welt, die Gefahr, liber 
Tod und Leben gemacht. Aber den Weissagungen der Veronika Casi- 
mir zum Trotz und obwohl das Unheil schon seine diisteren Fittiche 



DIE HUNDERT TAGE 785 

iiber dem Hause des Kaisers ausbreitete, fiihlten seine Diener es nicht 
kommen, und sie fuhren fort, das Unheil nur dann nahe zu fiihlen, 
sobald der Kaiser grollte, und fern, sobald er eine angenehme Laune 
verriet. Mit redlichem Eifer begannen sie, die Ubersiedlung vorzube- 
reiten. Und allerlei unzutreffende Griinde wufiten sie fiir den Ent- 
schlufi des Kaisers zu iibersiedeln anzugeben. Einen Abend, bevor sie 
das andere Schloft beziehen soilten - zwolf Stunden vor der Abreise 
des Kaisers-, versammelten sie sich zu einem griindlichen Rapport im 
Saal vor Veronika Casimif. Zwolf Wagen warteten schon unten auf 
Gepack und Gesinde. Zum letztenmal - und sie ahnten nicht, daft es 
zum letztenmal geschehe - aften sie in diesem groften Saal. Sie sprachen 
von nichts anderem als von dieser Ubersiedlung. Einer wollte be- 
stimmt wissen, der Kaiser iibersiedele, weil seine Frau ubermorgen aus 
Wien komme und sich in den Tuilerien nicht sicher genug fiihle; hier- 
auf aufierte ein anderer, dies sei nicht richtig, sondern der Kaiser habe 
ohne Zweifel nur die Absicht, so zu tun, als ob er ubersiedelte, und 
zwar, um die Spitzel des tiickischen Ministers der Poiizei, den er hasse, 
irrezufiihren; ein dritter behauptete, er wisse es ganz genau, und zwar 
vom Kammerdiener des Kaisers selbst, daft Napoleon weder in diesem 
noch in jenem Schlofi zu leben gedenke, sondern nach Malmaison ge- 
hen wolle, ein fiir allemal, um fortan nur noch in der Erinnerung an 
seine erste Frau zu leben. Man widersprach dem ersten, dem zweiten 
und dem dritten. Veronika Casimir, an der Spitze der langen Tafel, 
gebot Schweigenjman mochte derlei Unsinn nicht reden; man wisse 
nicht, wer sicher sei, wer unsicher, iiberall habe Fouche seine Spitzel. 
So war es auch. Es war langst nicht mehr wie an jenem ersten Tage des 
Fruhlings, an dem der Kaiser wieder sein Land, sein Schloft, seine Die- 
ner zu beherrschen begonnen hatte. Kaum eine Woche spater waren 
neue, unbekannte Menschen aufgetaucht, Diener, Handwerker, Wa- 
scher und Barbiere, jeder mit dem treuherzigen Gesicht und dem fal- 
schen Blick, den beiden wichtigsten Eigenschaften der Spione, ausge- 
stattet. Es gab Zwietracht, Mifttrauen, Luge und Doppelziingigkeit. 
Langst Vertraute trauten einander nicht mehr, alte Freunde belauerten 
einander. So war es im Schloft, und so war es im Lande. 
Unter den Dienern des Kaisers gab es damals wenige Aufrichtige und 
Furchtlose; und zu ihnen gehorte Angelina. Sie schwieg; was auch 
hatte sie zu sagen gehabt? Einsamer noch als friiher lebte sie und selbst 
von ihrer Tante getrennt durch die Erinnerung an die Monate, wah- 



786 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

rend derer Veronika unsichtbar, unerreichbar geblieben war. Hart und 
stumm war Angelina. Ihr Sohn gehorte ihr nicht mehr, den Schuster 
Wokurka hatte sie verlassen, den grofien Kaiser allein liebte sie, verlo- 
ren hatte sie sich selbst, Siinden lasteten auf ihr, in der Verwirrung 
hatte sie gelebt, schwach und nachgiebig, toricht und leicht ergeben. 
Verio ren und vertan war sie. Dem grofien Kaiser gehorte sie. Er wufite 
gar nichts von ihr. Winzig war sie und gering, geringer als eine der 
geringen Fliegen, die durch die Zimmer des Kaisers summten, unbe- 
merkt und gar lastig. Unbemerkt und gar lastig: Wie sie auch sein 
mochte, sie liebte ihn. Heifi, zart und jung war ihr Herz. Manchmal, 
wenn sie eines seiner vielen Portrats inbriinstig betrachtete, fuhlte sie 
sich selbst einer der winzigen Fliegen ahnlich, die oft bedachtsam, ja 
inbriinstig, wie sie selbst, und gering und abscheulich an einem der 
Bilder des Kaisers entlangkrochen. 

Ihr aber gebot das Herz, in seiner gnadenreichen Nahe zu bleiben, 
gering und mifiachtet, wie sie war: In dem goldenen Schatten zu leben, 
den er allein, unter alien Menschen der Welt, seinen Dienern spenden 
konnte, war Seligkeit. Von ihm nicht einmal bemerkt zu werden, jede 
seiner Bewegungen aber, die man erspahen konnte, zu verfolgen, mit 
Liebe, Andacht und Inbrunst, war Gliick. In seiner Nahe war man 
gering und stolz. Sein Schatten war golden und strahlender als das 
Licht der anderen. Ihm diente man, und er wufite es nicht. Ihm unter- 
tan sein war Stolz. 

Ja, man sprach allerorten vom Krieg, und man furchtete ihn. Krieg 
brachte der Kaiser! Er schien zu grofi, um Frieden zu halten. Er kam 
nicht daher wie ein Mensch, er brauste ins Land wie ein Wind. Schon 
begann man, ihn zu hassen. Blanke Schwerter schienen ihm auf all 
seinen Wegen voranzuschweben, uber seinem Haupt kreiste der krie- 
gerische Adler. Wenn er Feste feierte, drohnten seine Kanonen durch 
Stadte und Dorfer. Angelina liebte seine Schwerter, seinen Adler, die 
drohnenden Donner seiner Feste. Ja, da sie ihn liebte, liebte sie auch 
den Krieg. Seine Feinde waren auch ihre Feinde. Seine Grofle sollte 
noch gewaltiger werden, ihre Kleinheit noch geringfiigiger. Sie allein 
sehnte sich nach dem Krieg, vor dem sich alle anderen fiirchteten. 
Langs t hatte sie ihren Sohn preisgegeben. Als sie von ihm Abschied 
nahm, im grofien, mitleidlos besonnten Hof der Kaserne zwischen vie- 
len fremden Frauen und Soldaten, war ihr Herz eingeschlossen in Ei- 
sen und Stein. Ihre Augen waren trocken und hart, und sie blickte 



DIE HUNDERT TAGE 787 

gleichsam durch eine blanke, durchsichtige Schicht aus gefrorenen 
Tranen auf ihren armen, kleinen Sohn, Sie weinte nur an jenem Abend, 
an dem sie den Kaiser wegfahren sah, nachdem der Lakai die Fackel 
ausgetreten hatte. Ein plotzlicher Schrecken stieg in ihr auf, be- 
klemmte ihr Herz, wiirgte in der Kehle. Sie fiel auf die Knie und be- 
gann zu beten. 

Ein paar Tage spater, als die Glocken den ersten Sieg des Kaisers ver- 
kiindeten, betrat sie nach langen Jahren zum erstenmal wieder eine 
Kirche. Es war die kleine Kirche des heiligen Julian, in der man ihren 
Sohn getauft hatte. Sie war allein. Niemand betete fur den Kaiser und 
seine Soldaten, nur hoch oben, auf dem Gestuhl, die befohlenen Glok- 
ken. Es war spater Abend. Im goldenen Schimmer der giitigen Wachs- 
kerzen, vor dem rubinroten Ewigen Licht, umbraust von den Glok- 
ken, deren starker, goldener Gesang die schwarzen Banke und den 
kleinen, hellen, heiteren Altar erzittern liefien, umgeben von der at- 
menden Einsamkeit des Raumes und umweht von seiner lebendigen 
und frommen Leere, begann Angelina, die langst nicht mehr gesagten 
Worte des Vaterunser zu beten und »Gelobt seist Du, Gebenedeite«. 
Sie betete, sundhaft und gefangen in ihrer grofien Liebe, fur den Tod 
all der Feinde des Kaisers. Sie sah, mit einer siindigen Wollust, vieltau- 
send zerfetzte Leiber; die Leiber der Englander, Preuften, Russen; 
bunte Uniformen durchlochert, aus denen Blut sickerte; zerspaltene 
Schadel; hervorquellendes Hirn und verglaste Augen. Uber all dieses 
Grausen galoppierte der Kaiser dahin, mit blankem Degen, auf schnee- 
weifiem Pferd, und ihm nach jagten die vollig unversehrten Franzosen, 
uber unubersehbare Felder. Diese Bilder machten Angelina glucklich, 
und sie betete immer inbriinstiger. In einem besonderen Gebet 
wiinschte sie den schrecklichsten aller Tode auf die Kaiserin Maria 
Louise herab, und sie sah wahrhaftig, wie die Kaiserin starb, umgeben 
von alien vorzeitig erschienenen Schreckgestalten der Holle, gemartert 
von den Gespenstern, die ihr boses Gewissen gebar, verflucht von dem 
Sohn Napoleons, der zornig und rachsiichtig am Bett der Sterbenden 
stand. 

Angelina bekreuzigte sich und dankte dem Herrn aus vollem Herzen 
fiir alles Ubel, das er den Feinden des Kaisers antat, und trat hinaus. 
Immer noch drohnten die Glocken, die den Sieg verkiindeten. In den 
StraEen begegnete sie lauter hellen und glucklichen Gesichtern. 
Leichte, weifie Flaumwolkchen zogen unter dem dunkelnden Himmel 



788 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dahin wie muntere, triumphierende Fahnchen. Silbern erschimmerten 
die ersten Sterne, die Sterne des Kaisers; alle Sterne des Himmels wa- 
ren heute seine Sterne. Die Zeitungen, die frisch und feucht an den 
Wanden klebten, verkiindeten Sieg, den Sieg des Kaisers iiber die 
ganze Welt. 

Angelina lief ins Schlofi. Es war ein weiter Weg von der Kirche des 
heiligen Julian bis zum Elysee, und sie legte ihn rasch und freudig 
zuriick; es schien ihr, daft ihr der Weg selbst entgegenkomme. Der 
sturmische Jubel der Gruppen, die sich vor den Zeitungen an den 
Wanden versammelten und die den Sieg des Kaisers begriifiten, beflu- 
gelte ihren Schritt. Sie ging dahin, vom Jubel getragen und selig in dem 
Glauben, ihr Gebet habe dem Kaiser geholfen. 

Ach! Sie wufite nicht, dafi der grofle Kaiser um die gleiche Stunde 
unselig und ratios, geziichtigt und dennoch erhaben unter den toten 
Resten seiner letzten Armee umherirrte. Es war die Stunde, in der Pa- 
ris iiber den Sieg jubelte. Auf dem Schlachtfeld von Waterloo aber 
jammerten die Sterbenden, es heulten die Verwundeten, und es flohen 
die Geschlagenen. 



DRITTES BUCH 
DER UNTERGANG 



I 



In dieser Stunde erkannte der Kaiser, daft er die Schlacht von Waterloo 
verloren hatte. Hinter einer bosen violetten Wolkenwand verbarg sich 
die Sonne, kurz bevor sie untergehen wollte. Eiliger als sonst hatte sie 
es an diesem Abend unterzugehen. Aber ohnedies achtete kein Mensch 
auf die Sonne. Alle Manner, die sich auf dem Schlachtfeld befanden, 
die Freunde wie auch die Feinde, achteten lediglich auf die Garde des 
Kaisers. Stetig und festlich und in einem erhabenen Rhythmus schrit- 
ten die Gardisten des Kaisers vorwarts, durch den Boden, den der Re- 
gen aufgeweicht hatte und der sich bei jedem Schritt an ihre Stiefel 
heftete, zah und glucksend. Von der Anhohe aus, gegen die des Kaisers 
Gardisten also anriickten, schossen die Feinde ohne Unterlafl. Und es 
fielen die Grenadiere des Kaisers, die Schrecken der Feinde, die Auser- 
wahlten des Volkes von Frankreich, die Bruder des Kaisers und seine 
Sohne. 

Sie glichen einander wie Bruder. 

Wer sie so vorriicken sah, glaubte, zwanzigtausend Bruder sehe er vor- 
wartsmarschieren, zwanzigtausend von einem einzigen Vater gezeugte 
Bruder. Sie waren einander ahnlich wie zwanzigtausend Schwerter, in 
der gleichen Werkstatt gezeugt. Groft geworden waren sie alle auf den 
gleichen Schlachtfeldern, im goldenen, im blutigen und auch im todli- 
chen Schatten des Kaisers. Der machtigste ihrer Bruder aber, einer, der 
jeden einzelnen dieser zwanzigtausend zu Fufl und berittenen viertau- 
send hundertmal benihrt oder gekufk oder angehaucht hatte, war nicht 
der Kaiser, sondern ein weit starkerer Kaiser noch als der Kaiser Na- 
poleon: namlich der Kaiser Tod. Nicht seine hohlen Augen furchteten 
sie. Dem Druck seiner stets empfangsbereiten knochernen Arme gin- 
gen sie mit dem festen Vertrauen entgegen, mit dem Bruder zum Bru- 
der kommen. Sie liebten den Tod genauso, wie er sie liebte. Die Liebe 
zum Tode machte sie alle einander ahnlich. Und da sie einander so 
ahnlich waren, war es, sobald einer fiel, als stunde er sofort wieder auf, 
wahrend in Wahrheit nur ein gleicher Bruder an seine Stelle getreten 
war. Es schien also, als sahe man immer zuerst nur die gleichen Man- 



790 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ner vorriicken. Die feindlichen Soldaten schossen nur um des seligen 
Entsetzens willen, das in ihnen immer wieder erwachte, nach jedem 
Schufi, sobald sich der Rauch verzogen hatte und sie den unverwandel- 
ten Schritt der gleichen Manner erblickten. Bald aber bemerkte man, 
dafi ihr Karree immer enger wurde, Und nun erfafite die Feinde einen 
Augenblick lang ein noch starkeres Entsetzen: Denn also vollbrachten 
die Grenadiere des Kaisers ein grofieres Wunder als jenes billige aus 
den Marchen, das darin besteht, gegen den Tod gefeit zu sein. Nicht 
gefeit waren die Grenadiere des Kaisers gegen den Tod, sondern ge- 
weiht selbst waren sie dem Tode. Und seitdem sie erkannt hatten, dafi 
sie ohnmachtig waren gegen den iiberzahligen Feind, gingen sie auch 
gar nicht mehr dem Feinde entgegen, sondern ihrem vertrauten Bru- 
der, dem Tod. Um aber ihrem anderen, ihrem irdischen, grofien Bru- 
der zu beweisen, dafi sie ihn in der letzten Stunde noch liebten, riefen 
sie mit drohnenden Stimmen, aus gewaltigen Kehlen, die mehr Kraft 
hatten als die Schliinde der Kanonen, weil die Treue selbst aus diesen 
ihren Kehlen schrie: »Es lebe der Kaiser !« - Und so gewaltig war die- 
ser Ruf, dafi er den lappischen und sinnlosen Groll der Kanonen iiber- 
tonte. Am lautesten aber riefen jene, die soeben getroffen worden wa- 
ren. Aus ihnen schrie nicht nur die Treue, sondern auch der Tod: »Es 
lebe der Kaiser !« 

Der Tod selbst war es also, der die Kanonen iibertonte. 
Als der Kaiser diese Rufe horte und da er sah, dafi alle seine zwanzig- 
tausend Briider zu Fufi und seine viertausend Briider zu Pferde - und 
selbst diese Pferde noch waren ihm in diesem Augenblick Geschwi- 
ster- verloren waren, ergriff auch ihn ein unwiderstehliches Heimweh 
nach dem Tode, und er mengte sich unter seine Briider, war jetzt an 
ihrer Spitze, gleich darauf an der und jener ihrer Flanken, hierauf in 
ihrem Riicken, dann wiederum an ihrer Spitze und schliefilich wieder 
in ihrer Mitte. Sein Kreuz schmerzte ihn, fahlgelb war sein Angesicht, 
sein Atem keuchte, und wie er so vernahm, dafi seine Gardisten riefen: 
»Es lebe der Kaiser !«, zog er den Degen, streckte ihn dem Himmel 
entgegen, einen stahlernen, beschworenden, gleichsam sechsten Fin- 
ger, und schrie durch den Tumult aus heiserer Kehle: »Es sterbe der 
Kaiser! Es sterbe der Kaiser !« Aber der Tod achtete weder auf seinen 
beschworenden Degen noch auf seinen Ruf. Zum erstenmal in seinem 
stolzen Leben begann der Kaiser zu beten, atemlos, mit weit geoffne- 
tem Mund, immer hin und her galoppierend, aus tonloser Kehle. Er 



DIE HUNDERT TAGE 791 

betete nicht zu Gott, den er nicht kannte, sondern zum Tode, seinem 
Bruder: denn von alien uberirdischen Machten hatte er nur diesen ge- 
sehn und oftmals gefuhlt: »0 Tod, siifter guter Tod!« - so betete er 
atemlos und tonlos, »ich erwarte dich, komm! Mein Tag ist erfullt wie 
der Tag meiner Bruder. Komm bald, solange noch die Sonne am Him- 
mel steht! Auch ich war einst eine Sonne. Ich will nicht, daft sie vor mir 
untergehe! Vergib mir diese torichte Eitelkeit! Ich hatte ihrer viele; 
auch hatte ich Weisheit und Tugenden; alles hab' ich genossen: die 
Macht und die Ubermacht, die Tugend, die Giite, die Siinde, den 
Ubermut und den Irrtum! Ich habe gelebt, Bruder Tod! Ich habe alles 
genug gelebt! Komm und hoi mich, bevor unsere Schwester, die 
Sonne, untergeht!« 

Der Tod aber holte den Kaiser nicht. Der Kaiser sah die Sonne unter- 
gehn. Er horte seine verwundeten Soldaten rocheln. Die Feinde ge- 
wahrten ihm eine kurze Rast, Zeit genug, damit er ratios, krank und 
mit dem treulosen Tode hadernd, zwischen den Toten und Verwunde- 
ten umherwandle. Ein Soldat fuhrte sein Pferd am Zaum, sein Adju- 
tant hinkte hinter ihm einher. Noch begriff er nicht, daft alles unterge- 
gangen und verloren war und daft er allein noch lebte. Vorgestern noch 
hatte ihn einer seiner Generate verraten. Toricht war ein anderer gewe- 
sen, leichtsinnig ein dritter. Der Kaiser aber haderte nur mit dem groft- 
ten aller Generale und mit dem groftten seiner Bruder: mit dem Tode. 
Zugleich rief er mit einer fremden Stimme, die er einmal - lang war es 
her! - besessen haben mochte und die ihm heute nicht mehr zu geho- 
ren schien, den Soldaten zu, die rings um ihn und an ihm vorbei fluch- 
teten wie zerstiebende Gespenster: »Aufhalten! Aufhalten! Bleiben! 
Bleiben!« Sie horten ihn nicht. Sie gingen weiter und zerstoben in der 
Nacht. Vielleicht hatten sie ihn gar nicht gehort. Vielleicht hatte er nur 
gedacht, er riefe etwas - und er hatte in Wirklichkeit gar nichts geru- 
fen. 

Ein Soldat begleitete ihn mit einem Windlicht, der Kaiser winkte es 
immer wieder herbei. Denn immer wieder schien es ihm, er miisse just 
diesen Toten oder jenen Verwundeten zu seinen Fiiften erkennen. Ach, 
er kannte sie ja alle besser als ihn selber die lebenden und fliehenden 
Soldaten in dieser Stunde! Noch einmal winkte er den Mann mit dem 
Windlicht herbei. Er beugte sich iiber einen winzigen, merkwiirdig 
winzigen, toten Soldaten. Es war einer der kleinen Tamboure der kai- 
serlichen Armee. Das Blut sickerte noch sachte aus seinen kindlichen 



792 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mundwinkeln und verkrustete sich zusehends. Der Kaiser biickte sich 
und kniete nieder. Der Soldat senkte das Windlicht, um dem Kaiser zu 
leuchten. Auf dem schmalen, armseligen Bauch des kleinen Toten lag 
sein Instrument, die Trommel. Einen Kloppel hielt er noch krampfhaft 
in der rechten Hand, der andere war ihm entfallen, der kleine Tote lag 
halb versunken im schwarzen, fetten Kot. Seine Uniform war von dem 
langst vertrockneten Kot bespritzt. Sein Tschako war vom Kopf ge- 
rollt. Der kleine Tote hatte ein blasses, mageres Angesicht, von Som- 
mersprossen iibersat. Rotlich, ein kleines, loderndes Feuerchen, stan- 
den seine Haare iiber der niederen Knabenstirn. Seine hellen, blauen, 
kleinen Augen waren offen und verglast. Er hatte keine sichtbare 
Wunde am Korper. Nur aus seinem Munde sickerte das Blut, immer 
neues Blut, immer neues Blut. Der Hufschlag eines Pferdes mochte ihn 
umgestofien und getotet haben. Der Kaiser betrachtete den kleinen 
Leichnam aufierst sorgfaltig. Er zog ein Taschentuch aus dem Rock 
und trocknete das rinnende Blut an den Mundwinkeln der Leiche. Er 
offnete die Weste des Jungen. Ein rotblaues Taschentuch lag, vierfach 
gefaltet, an der Brust des Kleinen. Der Kaiser entfaltete es. Ach, er 
erkannte es wohl! Es war eines jener hunderttausend Taschentiicher, 
die er einst, als er noch der General Bonaparte gewesen war, fiir seine 
Soldaten hatte herstellen lassen, zugleich mit den Taschenmessern und 
den Trinkbechern! Ach, er kannte es wohl, dieses Taschentuch! Es 
enthielt auf blauem Grund, zwischen roten Randern, eine Landkarte, 
und blau-weift-rote Kreise bezeichneten die Stellen, an denen er seine 
Schlachten geschlagen hatte. Dieser Junge - er mochte kaum vierzehn 
Jahre alt gewesen sein - war also wahrscheinlich der Sohn eines seiner 
altesten Soldaten. Er breitete das Taschentuch auf seinen Knien aus. 
Das halbe Europa, das Mittelmeer und auch Agypten waren auf die- 
sem Tuch aufgezeichnet. Wie viele Schlachten fehlten noch! Niemals 
mehr, dachte der Kaiser, werden franzosische Soldaten derlei Taschen- 
tiicher bekommen! Niemals mehr werde ich neue Schlachten einzeich- 
nen konnen! So moge denn die letzte hier stehn! Er befahl Schreib- 
zeug. Man reichte es ihm. Und er tauchte die Kielfeder in das silberne 
Tintenfafi, und er spannte das Tuch iiber seine Knie, zog einen festen 
Strich nach Norden, bis zu der Stelle, wo der rote Rand bereits anfing. 
An dieser Stelle zeichnete er ein grofles, schwarzes Kreuz hin. Hierauf 
legte er sorgsam das Tuch iiber die Trommel des Kleinen, sah noch 
einmal in sein Angesicht, erinnerte sich plotzlich an einen sonnigen, 



DIE HUNDERT TAGE 793 

strahlenden Vormittag, an dem er diesen Jungen angesprochen hatte, 
glaubte, noch den hellen Klang der Knabenstimme in den Ohren zu 
haben, und befahl, die Taschen des kleinen Toten zu durchsuchen. 
Man fand einen zerknitterten Zettel mit der Unterschrift: »Deine Mut- 
ter Angelinas Auf diesem Zettel hatte ihm die Mutter mitgeteilt, daft 
er sie bestimmt am nachsten Sonntag in seiner Kaserne um vier Uhr 
nachmittags erwarten solle. Der Kaiser faltete den Zettel sorgfaltig zu- 
sammen und gab ihn dem Adjutanten. »Erkundigen Sie sich!« sagte er, 
»und geben Sie mir gelegentlich Bescheid!« Dann erhob er sich. 
»Schnell!« befahl er. »Begraben Sie den Kleinen!« 
Zwei Soldaten schaufelten fliichtig ein f laches Grab. Man legte den 
Knaben hinein, hastig, schon horte man wieder verlorene, unregelma- 
fiige Schiisse. Das Windlicht flackerte, der Wind erhob sich heftig von 
Zeit zu Zeit. Die Wolken verzogen sich, der Mond stieg auf, klar war 
die Nacht, grausam und kalt. So klein der Leichnam auch war, das 
hastig bereitete Grab konnte ihn nicht fassen. Der Kaiser stand da, 
stumm und fahlgelb, und hinter seinem Riicken wieherte trostlos der 
Schimmel. Es war wie ein heftiger Seufzer, auch klang es ein wenig wie 
eine menschliche Klage und wie ein menschlicher Fluch. Der Kaiser 
riihrte sich nicht. Man schiittete die winzige Leiche wieder zu. Der 
Soldat erhob sein Windlicht. Er prasentierte es wie ein Gewehr. 
Der Kaiser zog seinen Degen und senkte ihn iiber dem frischen, fla- 
chen Grabe. »Fiir alle! Fur alle!« horte man ihn murmeln. Sein Adju- 
tant, der General, der hinter dem Kaiser stand, hatte keine Waffe. Er 
zog nur den Hut. Auf einmal waren auch die anderen Generale des 
Kaisers da, Gouraud, Labedoyere, Drouot. Sie hatten ihn von feme 
beobachtet: Sie naherten sich jetzt, betroffen, verworren und ehr- 
furchtig. 

»Das Pferd!« befahl der Kaiser. 

Sie ritten schweigsam, der Kaiser voran. Um fiinf Uhr morgens, es war 
schon ganz hell, und die zartlichen, blaulichen Nebel stiegen sachte 
von den dunkelgriinen, fetten Wiesen auf, machte er halt. Ihn fro- 
stelte. - »Feuer!« befahl er - und man entziindete ein kiimmerliches 
Feuerchen. Es brannte gelblich, schwachlich im silberblauen Glanz des 
erwachenden Morgens. Der Kaiser umwandelte unermiidlich das gelb- 
liche, schwachliche Feuerchen. Er sah die Soldaten, seine Soldaten. Sie 
fliichteten von alien Seiten her, am Feuerchen vorbei, die Infanteristen, 
die Artilleristen, die Kavalleristen. Von Zeit zu Zeit hob der Kaiser den 



794 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kopf. Manche der vorbeiziehenden Soldaten erkannten ihn. Sie griifi- 
ten ihn schweigend, sie riefen nicht mehr: »Es lebe der Kaiser!« - Im- 
mer schwacher brannte das Feuerchen, immer starker und siegreicher 
wurde der Morgen. Ein grofies Schweigen war rings urn den Kaiser. Es 
schien zu brennen, weit starker als das Feuer. Es schien dem Kaiser, 
dafi die fliehenden Soldaten seiner Armee immer weitere Kreise um ihn 
zogen. Eine ganze grofie Stille war rings um den Kaiser. Und die Sol- 
daten, die voriiberzogen und ihn so stumm griifiten - die Offiziere mit 
den Sabeln, die Mannschaften mit starrem Blick— , schienen ihm nicht 
mehr lebendige Soldaten zu sein. Gefallene und Tote waren es viel- 
mehr. Deshalb schwiegen sie eben. Deshalb hatten sie keine Stimme 
mehr. 

Das Feuerchen erlosch. Siegreich erhob sich der Tag. Der Kaiser setzte 
sich auf einen Stein am Wegrand. Man brachte ihm Schinken und Zie- 
genkase. Er afi hastig und achtlos, wie es seine Art war. Immer mehr 
fliichtende Soldaten zogen an ihm vorbei. Der Kaiser erhob sich. - 
»Weiter!« befahl er. 

Er bestieg sein Pferd. Er horte den Galopp der Generale im Riicken 
und von fern her manchmal das Rollen der Rader seines Wagens, der 
weit hinten fuhr. Und er schlofi die Augen. 
Er schlief im Sattel ein. 



II 

Nach Paris! Es war der einzige klare Entschlufi des Kaisers. Einer der 
Generale ritt hart neben ihm. Obwohl alle in seinem Gefolge schon 
wufiten, dafi er beschlossen hatte, nach Paris zuruckzukehren, sagte 
der Kaiser noch einmal: »Nach Paris, General !« »Zu Befehl, Maje- 
stat!« sagte der Offizier. 

Der Kaiser schwieg eine Weile. Der junge Tag kiindigte sich als ein 
strahlender an, ein triumphierender Tag. Man horte aus der blauen 
Hohe den sorglosen Jubel der unsichtbaren Lerchen, aus der Feme den 
gedampften, schwachen Widerhall dahinziehender Soldaten. Man 
horte ein wehmutiges Klirren der Waffen, ein sehnsuchtiges und mii- 
des Wiehern der Pferde, das bald ersterbende und bald wieder erstar- 
kende Gemurmel der Menschenstimmen und hie und da einen lauten 
und schnell verhallenden Ruf, viel eher einen Fluch. Links und rechts, 



DIE HUNDERT TAGE 795 

mitten durch Wiesen und Felder, stampften die regellosen Truppen 
dahin. Der Kaiser senkte den Kopf. Er zwang sich, nichts anderes zu 
sehen als die wehende, silberne Mahne seines Tiers und das gelblich- 
graue Band der Strafte, auf der er dahinritt. Er vertiefte sich geradezu 
in ihren Anblick. Aber gegen seinen Willen drangen alle die traurigen 
Gerausche zu beiden Seiten auf ihn ein, und es war ihm, als wimmerten 
die Waff en seiner Armee jammerlich, als weinten sie, die guten, star- 
ken, geschlagenen, die beschamten, die erniedrigten Waffen. Er wufite 
auch, dafi er niemals mehr, und hatte er noch hundert Jahre zu leben, 
dieses Weinen der Waffen und der Pferde und das Achzen und Stoh- 
nen der Wagen vergessen wiirde. Von den dahinwandernden Soldaten 
konnte er wohl den Blick abwenden. Das klirrende Wimmern der 
Waffen aber vernahm sein Herz. Um sich selbst und auch den andern 
vorzutauschen, dafi er dennoch irgend etwas zu unternehmen gedenke, 
befahl er, man solle Posten aufstellen, auf Deserteure achtgeben, Flie- 
hende und vom Weg Abweichende packen und bestrafen. Er dachte 
aber gar nicht an seine iiberflussigen Befehle, wahrend er sie so ge- 
schaftig ausstreute. Er dachte an Paris, an seinen Polizeiminister, an die 
Abgeordneten, an alle seine wahren Feinde, die ihm in diesen Stunden 
noch gefahrlicher erschienen als die Preufien und die Englander. Zwei- 
mal liefi er halten, er hatte beschlossen, in der Nacht anzukommen. In 
Laon, vor der winzigen Poststation, standen die Menschen, Beamte 
und Offiziere der Nationalgarde und die neugierigen Kleinstadter mit 
den gutmiitigen, bauerlichen Gesichtern. Es war ganz still, der Him- 
mel verdunkelte sich zusehends, vor der Post wieherten die Pferde an 
den Pflocken, erfreut iiber den Hafer, den man ihnen darbot, eine 
Ganseschar zog schnatternd und emsig dem heimischen Stalle zu, aus 
der Feme kam das friedliche Wiehern der Kiihe, das frohliche Knallen 
einer Hirtenpeitsche, ein siifier Duft von Flieder und Kastanien, ver- 
mischt mit dem beizenden von Diinger, Heu und Mist. In dem niede- 
ren Zimmer der Poststation dammerte es schon dunkelgrau. Man ent- 
ziindete die einzige, dreikerzige Laterne. Es war dem Kaiser, als wiirde 
es dadurch noch dunkler im Zimmer. Man brachte noch vier Wind- 
lichter mit Schutzglasern. Vier Soldaten stellten sich in den vier Ecken 
des Zimmers auf und hielten reglos die Lichten Die zweifliigelige, 
breite Tur der Poststation stand weit offen, ihr gegenuber safi der Kai- 
ser auf der glattgehobelten Bank, die fur Reisende und auf den nach- 
sten Postwagen Wartende bestimmt war. Also safi er da, mit gespreiz- 



J$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ten Beinen, in den vielfach geschwarzten, fleckigen, weifien Hosen, in 
kotbespritzten Stiefeln; die Hande stiitzte er auf die prallen Schenkel, 
und den Kopf hielt er gesenkt. Das Licht fiel auf ihn von alien vier 
Seiten und von der Laterne in der Mitte. Er safi genau gegenuber der 
offenen Tiir, und alle Einwohner von Laon standen draufien und sahen 
den Kaiser unverwandt an. Es war ihm, als hielten sie ein fiirchterli- 
ches, stummes Gericht uber ihn und als safie er auf der Bank der Ange- 
klagten. Es war ihm, als miifiten sie bald ein Urteil uber ihn fallen, ein 
furchterlich stummes Urteil, und als berieten sie schon tonlos, kudos, 
dieses taube und stumme und schreckliche Urteil. Er sah lange auf das 
Stiickchen Boden zwischen seinen Stiefeln, auf die zwei schmalen, 
schmutzigen Planken. Er dachte an Paris und an seinen Polizeimini- 
ster, und auf einmal erinnerte er sich an das zerbrochene Kruzifix, das 
er in seinem Schlofi hinuntergeworfen hatte, und die zwei grauen, 
schmutzigen Planken verwandelten sich plotzlich in die schmalen, 
goldbraunen Parkettbretter in seinem Zimmer, und man meldete den 
Minister Fouche, und ein Stiefei verbarg die Triimmer des elfenbeiner- 
nen Kreuzes. Der Kaiser erhob sich, er konnte nicht mehr sitzen blei- 
ben. Er begann, auf und ab zu gehn, auf und ab, auf und ab, durch das 
kleine, niedrige Zimmer der Poststation, er horte keinen Laut von den 
vielen Menschen, die sich draufien vor der offenen Tiir drangten, und 
er wartete dennoch auf irgendeine menschliche Stimme. Dieses 
Schweigen war furchterlich, ein einziges Wort erwartete der Kaiser, 
keinen Ruf, keinen Jubel, nur ein Wort erwartete er, nur ein einziges 
menschliches Wort. Aber gar nichts kam. Er ging auf und ab, er tat, als 
wiifite er gar nicht, dafi die Menschen vor der Tiir ihn sahen, aber es tat 
ihm sehr weh, dafi er gesehen wurde. Und das todliche Schweigen, das 
die Menschen ausstromten, ihre Reglosigkeit, ihre unermudlich star- 
rende Geduld, ihre ruhigen Augen und ihre unermefiliche Trauer be- 
reitete ihm einen nie gekannten Schrecken. Mit ihm hatte sich auch der 
schweigsame, hinkende General erhoben, sein Adjutant, sein Schatten. 
Genau drei Schritte hinter dem Kaiser hinkte er einher. Plotzlich 
wandte sich der Kaiser zur offenen Tiir. Er blieb einen kurzen Augen- 
blick stehn, als erwartete er den gewohnten Ruf: »Es lebe der Kai- 
ser!«- den Ruf, den sein Ohr so liebte, den Ruf, der sein Herz so 
zartlich streichelte. Der Kaiser trat an die Schwelle. Die Lichter des 
Zimmers beleuchteten seinen Rucken, sein Angesicht aber sahen die 
Leute nicht, die draufien warteten. Die Menschen draufien sahen nur 



DIE HUNDERT TAGE 797 

das Licht im Riicken des Kaisers. Sein Angesicht, ihnen zugewandt, 
vermischte sich mit dem blauen Schwarz der stark einbrechenden 
Sommernacht. Es war, als wiirden die Menschen noch schweigsamer, 
die schon so still gewesen waren. Die nachtlichen Grillen zirpten 
ringsum ganz laut in den Feldern. Schon glitzerten die Sterne am Him- 
mel, silbern und giitig. Der Kaiser stand an der offenen, zweifliigeligen 
Tur: Er wartete. Er wartete auf irgendein Wort. Er war an Rufe ge- 
wohnt, an die Rufe: »Es lebe der Kaiser!« Jetzt aber stromte ihm die 
schwarze Stummheit der Menschen und der Nacht entgegen, und 
selbst die silbernen, giitigen Sterne schienen ihm verdrossen und feind- 
lich. Knapp vor ihm sagte einer der Bauern in der ersten Reihe, bar- 
hauptig, mit einfachem Gesicht, das die helle Nacht deutlich sichtbar 
machte, laut zu seinem Nachbarn: »Das ist der Kaiser Napoleon nicht! 
Der Hiob ist er! Der Kaiser ist es nicht!« Sofort wandte sich der Kaiser 
um. »Weiter! Vorwarts!« sagte er zum General Gouraud. 
Und er bestieg den Wagen. »Hiob ist er! Hiob ist er!« klang es in den 
Ohren des Kaisers. 

»Der Kaiser Hiob ist er!« antworteten die Rader. 
Der Kaiser Hiob fuhr nach Paris. 



Ill 



Er saft allein im Wagen. Sein Riicken schmerzte entsetzlich. Der Wa- 
gen jagte die glatte StraEe dahin. Der Wagen durchschnitt die Nacht, 
die ihren silberblauen Glanz, ihre siiften, sommerlichen Geruche von 
Tau und Gras immer wieder zu beiden Seiten, durch die offenen Cou- 
pefenster hereinschickte. Langst hatte der Kaiser seine fliehenden Sol- 
daten iiberholt. Man horte weit und breit nicht mehr den wimmernden 
Klang der geschlagenen Waffen, Man horte nur den gleichmaftigen, 
raschen Hufschlag der Pferde auf Kiesel, Erde, holzerne Briicken und 
das dunkle Rollen der Rader. Von Zeit zu Zeit schienen sie zu spre- 
chen. Sie wiederholten ofters: »Hiob ist er, Hiob ist er, Hiob ist er!« 
Dann verstummten sie wieder, als hatten sie sich darauf besonnen, dafi 
sie nur Wagenrader seien und kein Recht hatten, menschliche Reden 
zu fiihren. Da ihm der Riicken so weh tat, lehnte sich der Kaiser zu- 
rtick. Aber wie er, fast gerade ausgestreckt, in den Polstern lag, er- 
wachte plotzlich ein anderer, ein neuer Schmerz, fuhr wie ein Dolch 



79% ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

durchs Herz, dauerte nur eine Sekunde, glitt plotzlich wieder aus der 
Brust, schien sich in erne zierliche Sage zu verwandeln und begann, 
fein und sachte die Eingeweide zu durchschneiden. Der Kaiser setzte 
sich wieder aufrecht hin. Er blickte durch die Fenster seines Wagens, 
rechts und links. Diese Sommernacht war unendlich. Weiter als je 
schien ihm heute die Stadt Paris. So schnell sie auch fuhren: Dem Kai- 
ser schien es, die Pferde verringerten allmahlich den Lauf, und er 
beugte sich zum Fenster hinaus und befahl: »Schneller! Schneller!« 
Schon knallte die Peitsche, ein f linker Schufi, und weckte ein langer 
knallendes feierliches Echo in der stillen Nacht. Da begannen die Ra- 
der mit ihrem alten, grollenden Lied: »Hiob ist er!« Und der getreue 
Schmerz kehrte wieder heim, in den Riicken des Kaisers. 
Er dachte an den alten Hiob. Er hatte keine genaue Vorstellung mehr 
von den Geschichten, die in den gottlichen Buchern standen. Niemals 
hatte er den Wunsch gefiihlt, sich einen der geschlagenen Knechte 
Gottes vorzustellen. Wenn er sich iiberhaupt jemals ein fliichtiges Bild 
von einem unter ihnen machte, so sah er ihn etwa in der Gestalt und in 
den weibischen Kleidern eines Priesters. Ja ! eines Priesters ! - In diesem 
Augenblick aber sah er zum erstenmal den alten Hiob ganz genau, er 
erinnerte sich sogar, dafi er ihm einmal begegnet war, es war sehr lange 
her, unermefiliche Jahre lagen dazwischen. Jahre, die grofi waren wie 
Ozeane. Und rot waren sie wie Ozeane aus Blut. Der Kaiser hatte 
einmal den alten Hiob selbst gesehn. Es war der schwachliche, gute, 
arme Greis, den man den »Heiligen Vater« nannte und den er, der 
Kaiser, einmal aus der heiligen Stadt geholt hatte, damit er ihn salbe. 
Den alten, traurigen Mann sah jetzt der Kaiser wieder: Es war, als safie 
er ihm gegeniiber, deimitig auf dem Rucksitz, wie er einst demiitig auf 
dem Sessel im kaiserlichen Palast gesessen hatte. Mit den alten, gedul- 
digen Augen sah er in die kiihnen und ungeduldigen des Kaisers. Und 
so scharf und hellsichtig die Augen des Kaisers auch waren, so wufite 
er doch, dafi der demiitige und ohnmachtige Greis noch mehr sehen 
konnte als er selbst, der Kaiser. Ja, dieser Alte war Hiob gewesen, 
dachte Napoleon. Und einen Augenblick trostete ihn dieser Gedanke. 
Gleich darauf aber schien es ihm, dafi der Alte irgend etwas flustere, 
sich vorneige, gleichsam, um besser verstanden zu werden, und dafi er 
wiederhole: »Auch du bist Hiob! Wir alle sind eines Tages Hiob!« - 
Ja, so ist es, nickte der Kaiser. 
Diese schnellen Hufe trommelten in diesem Augenblick hart auf eine 



DIE HUNDERT TAGE 799 

holzerne Briicke, und der Kaiser erwachte. Er sah zum Fenster hinaus. 
Es schien ihm, dafi der Horizont schon erhellt sei von den Lichtern der 
nahen, grofien Stadt, seiner Stadt Paris, in der sein Thron stand; und er 
dachte nicht mehr an den alten Hiob; und die Rader schienen ihn auch 
vergessen zu haben, denn sie sangen jetzt einen andern Text: »Nach 
Paris! nach Paris! nach Paris !« -Jetzt wird alles wieder gut, dachte der 
Kaiser. -Jetzt werde ich die Betriiger entlarven und bestrafen und die 
Advokaten zuchtigen und die Soldaten sammeln und die Feinde schla- 
gen. Noch bin ich der Kaiser Napoleon! Noch steht mein Thron! 
Noch kreist mein Adler! - Aber einige Minuten spater, je naher er die 
Hauptstadt fuhlte, befielen ihn wieder die Kiimmernisse. Und es war, 
als sahe er zwar seinen Adler noch schweben, aber schon gefolgt und 
gleich darauf umgeben von vielen schwarzen Raben, die noch schneller 
flogen als er: Umkreist von Raben schwebte der kaiserliche Adler. Was 
war ein Thron? - Ach, er, der Kaiser, der so viele zerbrochen und so 
viele geschaffen hatte, wufite wohl, dafi es ein Gerat war, verganglich 
und durch einen Zufall zersplittert. Was war ein leerer Thron, ein 
Thron ohne Nachfolger? Was war ein Kaiser ohne Sohn? Ja, wenn sein 
Sohn noch in dieser Stadt lebte! - Fur wen sonst als fur diesen Sohn 
wiirde man die Betriiger entlarven, die Advokaten zuchtigen, die Sol- 
daten sammeln, die Feinde schlagen? Fur die torichten und eitlen Brii- 
der? Fur das kleine Geschlecht, dem er entstammte und das in Wahr- 
heit von ihm stammte, als hatte er es gezeugt und als ware er nicht von 
ihm gezeugt worden? Fur die schwachen und treulosen Freunde? Fiir 
die Weiber, die ihm anheimgefallen waren, wie es in ihrer Natur lag, 
und die genauso einem seiner braven, guten Grenadiere zugefallen wa- 
ren? Fiir die Kinder, die er mit achtloser Leidenschaft vielleicht ge- 
zeugt hatte? Fiir die Armee? Ja, vielleicht fiir sie allein! Aber er selbst 
hatte sie ja vor ein paar Stunden erst vernichten lassen. Es gab keine 
Armee! Der Sohn und Erbe war weit und ohnmachtig! Nur der Thron 
stand in der Stadt Paris, ein leerer Thron, ein Sessel aus Holz und Samt 
und Gold! Im Holz nagten schon die Wurmer. Im Samt fraften schon 
die Motten. Nur das Gold harrte noch aus, der standigste und der 
triigerischste aller Stoffe, die Treue des Teufels! Auf einmal erschien 
dem Kaiser der Lauf der Pferde zu schnell, das Rollen der Rader zu 
hastig, er wollte befehlen, man solle langsamer fahren. Plotzlich erfaft- 
ten ihn auch Furcht vor der Stadt Paris und vor dem leeren Thron und 
vor den Verratern und vor den Advokaten. Er wollte noch eine Weile 



800 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

iiberlegen diirfen. Die Stadt aber naherte sich eiliger, immer schneller, 
als liefe sie ihm entgegen, um ihn auf halbem Wege noch zu erreichen, 
mit ihrem verweinten Angesicht und mit dem gespenstischen Thron. 
Er wollte eben rufen: Langsamer! Langsam! Aber da erreichten sie die 
ersten Gassen, schon ahnte er die Nahe der Rue du Faubourg Saint- 
Honore. Er wollte fragen, wieviel die Uhr sei; denn er war bestiirzt 
iiber die Dunkelheit in den Strafien. Es sah aus, als sei es spat nach 
Mitternacht. Nach seiner Berechnung aber konnte es kaum eine so 
vorgenickte Stunde sein. Alle Laden waren schon geschlossen. Alle 
Hauser waren starr. Aus den Fenstern grinste die hohle Finsternis. Er 
beugte sich einmal zum Fenster seines Wagens hinaus, er sah gar nicht, 
wer jetzt neben dem Wagen dahinritt. Er hatte fragen wollen, wieviel 
die Uhr sei. Aber er vergafi sich und fragte: »Was ist heute fur ein 
Tag?« »Der zwanzigste Juni, Majestat!« schrie der Offizier neben dem 
Wagen. 

Der Kaiser lehnte sich zuriick, der alte Schmerz im Kreuz wurde viel 
heftiger. Er wufite nicht mehr, ob er falsch gefragt oder ob ihn der 
Mann drauEen nicht richtig verstanden hatte. Der zwanzigste Juni! 
Genau am zwanzigsten Marz erst war er in seine Hauptstadt gekom- 
men. Genau wie sein Schmerz und diesem ahnlich wie ein Bruder 
kehrte sein alter Aberglaube wieder in ihn ein und schreckte ihn. Am 
Zwanzigsten! Welch ein Datum! Am Zwanzigsten hatte er seinen Sohn 
bekommen, am Zwanzigsten hatte man einst, in seinem Namen, den 
Prinzen d'Enghien getotet, am Zwanzigsten war er zum erstenmal 
heimgekehrt! Ja, es war heute der zwanzigste Juni! Drei Monate waren 
es, im ganzen drei Monate! Damals - oh, er erinnerte sich genau, es 
war ein boser Abend, es rieselte kalt und tiickisch vom Himmel - aber 
das Volk von Frankreich, das Volk des Kaisers, warmte mit seinem 
Atem die Stadt. Es rief : »Es lebe der Kaiser !« Fackeln und Windlichter 
schienen ewig und stark zu sein wie die Sterne, die der Himmel hart- 
nackig verweigerte, und das Lied der Marseillaise, das zu ihm empor- 
stieg, schien machtig genug, um selbst die Wolken des Himmels zu 
vertreiben. Tausend nackte, weifte Hande streckten sich dem Kaiser 
entgegen, und jede Hand war wie ein Gesicht, und er mufke die Augen 
schliefien, vor soviel Sieg, Licht und Glaubigkeit. Jetzt aber waren so- 
gar die Fenster schwarz in der Stadt Paris. Die Sommernacht war gii- 
tig, blausilbern und gelinde. Stark und betaubend dufteten die Aka- 
zien. Die Sterne glitzerten doppelt hell, weil die Lichter in den Straften 



DIE HUNDERT TAGE 8oi 

fehlten. Giitig war heute die Nacht, da er geschlagen war, der Kaiser! 
Grimmig war sie damals gewesen, als er triumphiert hatte! Grausam 
war der unbegreifliche Gott, und mit welch hamischem Hohn be- 
dachte er den Kaiser Napoleon! 

Als der Wagen hielt, gab es keine jubelnden Rufe, nur eine furchterlich 
friedliche, eine gehassig friedliche Sommernacht. Der Kaiser vernahm 
den achzenden Ruf eines Kauzchens im tiefen Park des Schlosses. Es 
war ihm, dem der Riicken so weh tat, als hatte er selber gestohnt, 
wahrend man das Trittbrett herunterlieft und er sich bereit machte, den 
Wagen zu verlassen. Er erblickte seinen alten Freund, den Minister 
Caulaincourt. Der gute Mann wartete allein auf der weifien, steinernen 
Treppe, unter dem silberblauen Glanz des nachtlichen Himmels, im 
Riicken den goldenen Widerschein des Lichts, das aus den Fenstern 
des Elysees stromte. Der Kaiser erkannte ihn sofort. Er umarmte ihn. 
Es war, als hatte der Minister seit Ewigkeiten hier auf dieser Treppe 
auf den Kaiser gewartet, allein auf den ungliicklichen und jammerli- 
chen geschlagenen Kaiser gewartet. Der Minister hatte bei sich be- 
schlossen, den heimkehrenden Kaiser mit einem ganz bestimmten, 
trostlichen Satz zu empfangen. Majestat! - hatte er sagen wollen, es ist 
noch nichts verloren! Als der Kaiser aber vom Wagen stieg, erstarb 
dieser oft im stillen wiederholte Satz auf der Zunge des Ministers. Und 
da ihn der Kaiser umarmte, begann Caulaincourt zu weinen, und seine 
Tranen tropften auf den dicken Staub, der sich auf den Schultern des 
kaiserlichen Mantels seit vielen Tagen angesammelt hatte, horbar, hart, 
deutlich; es war, wie wenn Kerzen tropften auf die Schultern des Kai- 
sers. Der Kaiser loste sich schnell aus der Umarmung und ging rasch 
durch das Tor die Stiege hinauf. Und als wollte er die Treue dieses 
Ministers, den er in diesem Augenblick mehr liebte als einen seiner 
Schlachtengefahrten, belohnen, berichtete er schnell und demutig, 
warum die Schlacht verloren ware. Zugleich aber fiihlte der Kaiser, 
welch eine jammerliche und unselige Auszeichnung er seinem Freund 
erteile - und er schwieg plotzlkh. 
»Was sagen Sie?« fragte er, als sie im Zimmer waren. 
»Ich sage, Majestat «, erwiderte der Minister, und er bemiihte sich, die 
Stimme fest und klar zu machen und die Tranen nicht merken zu las- 
sen, die seine Kehle wiirgten und die schon in seine Augen stiegen, 
»daft es besser gewesen ware, wenn Sie nicht zunickgekommen wa- 
ren. « 



802 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich habe keine Soldaten«, sagte der Kaiser. »Ich habe keine Gewehre! 
Ich habe den Tod gesucht. Er hat mich verschmaht.« Er lag auf dem 
Sofa. Er erhob sich plotzlich, setzte sich auf, in einer torichten, triigeri- 
schen Hoffnung, die ihm eine Rettung zu bedeuten schien. - »Ein 
Bad!« befahl er. »Ein heifies Bad!« Er reckte die Arme. »Ein Bad so- 
fort!« wiederholte er. Wasser, heifies, briihendes Wasser! dachte er- er 
hatte keinen andern Gedanken mehr. Heifies, siedendes Wasser schien 
ihm auf einmal die Fahigkeit zu haben, alle Ratsel, alle Ratsel zu losen, 
das Gehirn zu lautern und das Herz zu klaren. 

Als er das Badezimmer betrat, gefolgt von seinem Minister Caulain- 
court, erblickte er zuerst seinen Diener, der treu und starr neb en der 
dampfenden Wanne stand, als bewachte er das triigerische Element des 
Wassers, das den Kaiser vielleicht verraten konnte, wie ihn ein General 
und seine Frau verraten hatten. Durch die zweite Tiir, die aus dem 
Badezimmer des Kaisers zu dem Korridor der Bediensteten fiihrte, sah 
er im gleichen Augenblick eine seiner Dienerinnen hinausgehn. Es 
schien ihm plotzlich, dafi er die Pflicht habe, auch dieser noch, wahr- 
scheinlich einer der letzten an seinem Hof, ein gutes Wort zu sagen, 
ein Wort des Abschieds vielleicht, und er gab seinem Diener einen 
Wink, sie zuriickzuholen. Sie kehrte um, nun stand sie vor ihm. Nun 
fiel sie nieder und begann, laut zu schluchzen. Sie verbarg ihr Ange- 
sicht auch gar nicht. Sie lag auf den Knien und hob es zu ihm empor. 
Die Tranen iiberstromten es, ein heifier, nasser Schleier. Der Kaiser 
neigte sich ein wenig zu ihr nieder. Er erkannte sie. Er sah ihr mageres, 
sommersprossiges Antlitz, erinnerte sich an sie, an den Abend im 
Park, und zugleich sah er auch das Angesicht ihres Sohnes, des kleinen 
Tambours, wieder. »Steh auf!« befahl er. Sie erhob sich gehorsam. Er 
fuhr fluchtig und sachte mit der Hand iiber ihre Haube. »Du hast 
einen kleinen Sohn, nicht wahr, wo ist er?« fragte der Kaiser. »Er war 
mit Ihnen im Feld!« sagte Angelina. Durch den warmen, nassen 
Schleier ihrer Tranen sah sie ihn mit furchtlosen, klaren Augen an, und 
auch ihre Stimme war klar und klingend. - »Nun geh, mein Kind!« 
sagte der Kaiser. Und da sie noch eine Weile wartete, wiederholte er: 
»Geh nur, geh!« - Er fafite sie sanft an den Schultern und drehte sie 
sachte um. Sie ging. - »Man wird ihr sagen «, befahl der Kaiser, »dafi 
ihr Sohn gefallen ist und dafi ich selbst ihn begraben habe! Man wird 
ihr morgen fiinftausend auszahlen. Du tust es!« fiigte der Kaiser hinzu 
und wandte sich an seinen Diener. Er liefi sich auskleiden und stieg ins 



DIE HUNDERT TAGE 803 

Bad. Er hatte gedacht, er wiirde hier allein bleiben konnen, allein in 
dem heifien Wasser, das er liebte und in dem er heimisch war. Aber es 
kamen sein Bruder Joseph und der Kriegsminister. Er Hefi sie nahe an 
die Wanne treten, erzahlte ihnen den Hergang der Schlacht, geriet in 
eine torichte Aufregung, die ihm selbst sinnlos erschien, die er aber 
nicht bezahmen konnte, klagte den Marschall Ney an. Hochmut er- 
fiillte ihn und Scham, nackt safi er da im Wasser: Durch den Dampf 
sah er die Gesichter verschwimmen, er fuchtelte mit den nackten Ar- 
men, schlug mit der Hand auf das Wasser, es spritzte iiber die Wanne, 
hoch und weit, auf die Uniformen der Manner neben ihm und be- 
fleckte sie. Die Manner riihrten sich nicht. Plotzlich schien es ihm wie- 
der, alles sei verloren, und seine Munterkeit erlosch, und er horte auf 
zu sprechen, und er lehnte sich zuriick, und er verspiirte mitten im 
heifien Wasser ein starkes Frosteln, und er fragte, nur um nicht merken 
zu lassen, dafi er plotzlich schwach und hilflos geworden sei, und um 
es dennoch zu gestehen: was er tun solle? 

Er wufite in diesem Augenblick aber, dafi er nur das wiirde tun miis- 
sen, was nicht mehr von ihm noch von andern Menschen abhing, son- 
dern was ihm ein fiirchterlich unbekanntes, ein ubermachtiges Gesetz 
langst vorgeschrieben hatte. - Ach! Er hatte gedacht, das gewohnte, 
hilfreiche Bad wiirde ihm Trost und Kraft bringen. Zum erstenmal 
aber fand er sich darin hilflos. Miide, wie er war, vom Ungliick und 
von vielen durchwachten Nachten, erblickte er mit seinen grofien Au- 
gen, die lediglich seine mafilose Trauer noch offen und wach erhielt, 
und trotz dem Dunst, den sein heifies Wasser im Zimmer ausstromte, 
ganz deutlich und zum erstenmal derart deutlich die Zeichen der 
Schwachheit in den Gesichtern seines Bruders und seiner Freunde. - 
Was sie mir sagen, dachte er, wird unsinnig sein, und raten konnen sie 
nur einem Menschen, der ihresgleichen ist. Andern Gesetzen habe ich 
gehorcht, als ich grofi und stark war; andern Gesetzen auch mufi ich 
gehorchen, da ich hilflos und geschlagen bin. Was wissen sie von 
mir?- Sie kennen mich nicht! - Sie kennen mich nicht, ebensowenig 
kennen sie mich, wie die Sterne von der Sonne wissen, von der sie 
leben und um die sie kreisen! - Zum erstenmal in seinem Leben hatte 
der grofie, immer wache Kaiser miide Augen; und zum erstenmal 
fiihlte er, dafi man mit miiden und ungliicklichen Augen deutlicher 
und weiter sehen konnte als mit frischen und scharfen. Noch einmal 
dachte er an den alten Hiob und an den alten Heiligen Vater und an die 



804 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Freunde, die gekommen waren, den Geschlagenen zu trosten. Und er 
erhob sich und trat nackt wie Hiob vor seine Freunde. Einen Augen- 
blick nur sahen sie so den Kaiser, seinen gelblichen, faltigen Bauch, die 
fettigen Schenkel, die sonst in den schneeweifien kaiserlichen Hosen so 
kraftig und muskulos erschienen, den kurzen, starken Nacken, den 
rundlichen Riicken, die kleinen Fufie und die zarten Zehen. Dies dau- 
erte nur einen Augenblick. Sofort kam der Diener und hullte den klei- 
nen Korper in den breiten, weifien Flanell. Die nackten Fufie des Kaisers 
hinterliefien auf dem Boden deutliche nasse Spuren nach jedem Schritt. 
Ein paar Minuten spater kam Angelina wieder, wie es ihr Dienst vor- 
schrieb. Sie sah die Spuren der kaiserlichen Fiifle, und wahrend sie sich 
daranmachte, den Boden zu saubern, dachte sie, sie schande und belei- 
dige die Spuren des Kaisers, weil sie gezwungen war, sie auszuldschen. 
Der Diener, der noch die Flaschen, die Seifen und die Tiicher ordnete, 
kam an sie heran und sagte ganz leise: »Ich muE dir was Schlimmes 
sagen. Horst du? Etwas ganz Schlimmes!« - »Sag , s!« antwortete sie. 
»Dein Sohn-«, begann er. - »Er ist gestorben«, sagte sie ganz ruhig. - 
»Ja. Und der Kaiser selbst hat ihn begraben.« - Angelina lehnte sich 
gegen die Wand. Sie schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie: »Er 
war mein Sohn. Er hat den Kaiser geliebt. - So, wie ich ihn liebe— « 
»Du bekommst funftausend Golds tii eke «, sagte der Diener. 
»Ich brauche sie nicht. Kannst sie behalten«, erwiderte Angelina. 
»Geh«, sagte sie, »stor mich nicht! Ich muE arbeiten!« 
Als sie ailein war, fiel sie nieder auf die Knie, schlug das Kreuz, wollte 
beten und vermochte es nicht. Sie blieb lange Zeit so, eine Burste in der 
Hand und auf den Knien. Es sah aus, als ob sie dem Boden diente, 
dieweil sie dem Himmel zugewandt war, ihrem toten Kind und dem 
Kaiser. 

Ihr Herz war schwer, ihre Augen blieben trocken. Sie beweinte ihren 
Sohn, und sie beneidete ihn auch. Tot war er, tot! Aber begraben hatte 
ihn die Hand des Kaisers. 



IV 

Am nachsten Vormittag um zehn Uhr versammelten sich die Minister 
im Schlofi des Kaisers. Die Generate und die groften Herren des Rei- 
ches erwarteten ihn, reglos im Korridor aufgestellt in zwei Reihen, 



DIE HUNDERT TAGE 80$ 

andachtig und angstlich und traurig und ehrfiirchtig sahen sie aus: In 
Wirklichkeit aber waren die meisten eher von der Furcht um das 
eigene Schicksal betroffen als von der Furcht um das Schicksal des 
Landes und des Kaisers; und einige waren sogar mehr von der Neugier 
bewegt als vom Schmerz. Andere wieder waren noch um die Wirkung 
besorgt, der sie ihren Ruf zu verdanken glaubten, von dem sie seit der 
Riickkehr des Kaisers gelebt hatten: Sie standen feierlich da und mein- 
ten, gerade sie seien die wichtigsten Bereiter der wichtigsten Ge- 
schicke. Fouche wartete schon im Saal. Sein Angesicht war noch blas- 
ser und gelber als gewohnlich. Er neigte sehr tief seinen schmalen, lan- 
gen Kopf, als der Kaiser eintrat. Der Kaiser aber sah keinen an. Er 
fuhlte dennoch den verschleierten Blick seines Polizeiministers und 
gleichzeitig den unerbittlichen und aufrichtigen des alten Carnot. Er 
hatte es nicht notig, der Kaiser, alle anzusehn: Jeden einzelnen kannte 
er langst. Im voraus wuflte er, was sie dachten und was sie sagen wur- 
den. Er setzte sich. »Die Sitzung ist eroffnetU begann er mit ruhiger 
Stimme. - »Ich bin zuruckgekommen«, fuhr er fort, »um das Unheil 
aufzuhalten, das uns betroffen hat. Aber ich brauche eine Zeitlang ab- 
solute Gewalt.« 

Alle senkten die Blicke. Fouche allein sah den Kaiser unverwandt mit 
seinen hellen Augen an. Inzwischen schrieb er unaufhorlich kleine 
Zettelchen, Gott weifi an wen; und der Kaiser sah es wohl. Der Poli- 
zeiminister schrieb, ohne auf die Blatter zu schauen. Er hielt seinen 
Blick standig auf den Kaiser gerichtet, es war, als hatte seine unermud- 
lich kritzelnde Hand eigene Augen. Nun erhob sich der Kaiser: »Ihr 
wollt, ich spiire es, dafi ich abdanke«, sagte er. »So ist es, Majestat!« 
antwortete einer der Minister. Der Kaiser hatte es gewufit. Er stellte 
jede Frage nur, um die Antworten zu bekommen, die er langst erwar- 
tet hatte. Dennoch sagte er - und es war ihm selbst, als sprache ein 
Fremder aus ihm: »Der Feind ist im Lande. Ich bin, was immer auch 
kommen moge, der Mann des Volkes und der Soldaten. Ein Wort von 
mir - und alle Abgeordneten sind erledigt. Hundertunddreifiigtausend 
Mann bringe ich auch heute noch auf die Beine. Die Englander und die 
Preufien sind ermattet. Sie haben gesiegt, aber sie sind erschopft. Und 
die Osterreicher und die Russen sind weit!« Alle Minister schwiegen. 
Noch einmal, zum letztenmal, fiihlten sie alle die Erhabenheit der kai- 
serlichen Stimme. Sie lauschten ihr, aber der Stimme nur, dem Klang 
der Worte, und nicht ihrem Sinn. Der Kaiser selbst wufke wohl, dafi er 



806 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vergeblich sprach. Er hielt plotzlich inne. Jedes Wort war umsonst. Er 
wollte gar nicht mehr urn seinen Thron kampfen. Zum erstenmal in 
seinem Leben, seitdem er machtig geworden war, fiihlte er die Selig- 
keit, die der Verzicht gewahrt. Mitten in seiner Rede uberkam ihn die 
Gnade der Demut. Er fiihlte plotzlich den Segen der Niederlage und 
eine ganz, ganz heimliche Genugtuung dariiber, dafi er jeden Augen- 
blick, wenn er nur wollte, diese Minister, zu denen er jetzt sprach, jene 
Parlamentarier, die darauf warteten, ihn zu stiirzen, abschaffen lassen 
konnte, gefangensetzen, ja sogar kopfen oder erschiefien. Wenn er nur 
wollte! . . . Er wollte eben nicht. Es war ein wonniges Gefuhl - er 
erlebte es zum erstenmal-, zu konnen und dennoch nicht zu wollen! 
Sein ganzes unendlich reiches und sattes Leben lang hatte er viel mehr 
gewollt und gewunscht, als einem Irdischen zu konnen gegeben war. 
Jetzt zum erstenmal und just in der Stunde seiner Schmach und seiner 
Niederlage fiihlte er, dafi er sehr viel Macht besafi, aber dafi er sie gar 
nicht wiinschte. Es war ein wonniges Gefuhl. Es war, als hielte er in 
der Hand ein scharf geschliffenes Schwert, das ihn selig machte, und 
gerade deshalb, weil er es nicht gebrauchte. Er, der immer gedacht 
hatte, man miisse schlagen und auch treffen, erlebte die erste Ahnung 
von dem Gliick, das die Schwache bereitet, das die Ergebenheit be- 
schert. Zum erstenmal in seinem stolzen und starken Leben ahnte er 
die edle Seligkeit der Schwachen, der Geschlagenen und der Verzich- 
tenden. Zum erstenmal in seinem Leben fiihlte er die Sehnsucht, ein 
Knecht zu sein und nicht ein Herr. Zum erstenmal in seinem Leben 
empfand er auch, dafi er viel zu biifien hatte, weil er so viel gesiindigt 
hatte. Und es war ihm, als mufite er um das Heil seiner Seele willen die 
Hand offnen, in der er das geschliffene Schwert hielt, auf dafi es hin- 
falle, ohnmachtig und demiitig, wie er selbst in dieser Stunde war. 
Dennoch lebte immer noch ein anderer in ihm, namlich der alte Kaiser 
Napoleon, und dieser war es, der jetzt zu den Ministern aufs neue zu 
sprechen begann: Er konne in zwei Wochen eine neue Armee haben, 
er konne bestimmt die Feinde schlagen, so sagte er. - Aber schon 
wufke er, dafi er die Abgeordneten nicht iiberzeugen konnte wie die 
Minister. Die Advokaten hafke er, wohl konnte er ihnen den Garaus 
machen, aber er verachtete sie zu sehr, um ihnen Gewalt anzutun, und 
auEerdem liebte er, der allzeit Gewaltsame, in dieser Stunde nicht 
mehr die Gewalt. Genug der Gewalt hatte er ausgeiibt! Abdanken 
wollte er. Er wollte nicht der Kaiser mehr sein. - Von Zeit zu Zeit, aus 



DIE HUNDERT TAGE 807 

weiter Feme, aber immer deutlicher, glaubte er, einen Ruf zu verneh- 
men, die lockende Stimme des Ungliicks. Diese Stimme wurde allmah- 
lich lauter und deutlicher noch als die Rufe der Menschen vor dem 
Schlofi: »Es lebe der Kaiser !« Denn immer noch riefen sie vor seinen 
Fenstern: »Es lebe der Kaiser !« - Arme Freunde, dachte er: Sie lieben 
mich, und auch ich liebe sie, und fur mich starben sie, und fur mich 
leben sie, ich aber konnte nicht fur sie sterben. Sie wollen mich mach- 
tig sehn, so sehr lieben sie mich! Ich aber, ich liebe jetzt die Ohnmacht. 
Die Ohnmacht liebe ich! Ich war so lange unselig grofi: Ich will einmal 
klein und selig sein!... 

Aber immer wieder riefen die Menschen: »Es lebe der Kaiser !« - als 
ahnten sie, was in ihm vorging, und als wollten sie ihm weniger huldi- 
gen als ihn daran erinnern, dafi er ihr Kaiser sei und dafi er ihr Kaiser 
bleiben miisse. Es gab Augenblicke, in denen diese Rufe mitten in sein 
Herz drangen; und dann erkannte er, dafi sein alter Hochmut noch 
darin lebte, in seinem Herzen,* und dieser alte kaiserliche Hochmut 
antwortete auch auf die Rufe, unhorbar den Rufern, aber stark in der 
Brust des Kaisers. Sie ruf en mir zu, also bin ich noch ihr Kaiser! sprach 
der alte Hochmut in seiner Brust. Aber bald darauf sagte eine andere 
Stimme: Ich bin mehr als ein Kaiser, ich bin ein Kaiser, der verzichtet. 
Ich halte ein Schwert in der Hand, und ich lasse es fallen. Ich sitze auf 
einem Thron, und ich hore schon die Holzwurmer in ihm klopfen. Ich 
sitze auf dem Thron, und ich sehe mich schon im Sarg liegen. Ich halte 
ein Zepter, und ich wiinsche mir ein Kreuz - ja, ich wiinsche mir ein 
Kreuz ! . . . 



In dieser Nacht schlief er nicht. Sie war schwul und trachtig. 2 war 
standen alle Millionen Sterne am silberblauen Himmel: Dem Kaiser 
aber war es, wenn er zu ihm emporsah, als seien es nicht die wirklichen 
Sterne, sondern nur die blassen, fernen Bilder von wirklichen Sternen. 
In dieser Nacht war es ihm wieder, als durchschaute er die falsch erha- 
benen Absichten des Lenkers der Welt. Noch hatte er Gott nicht er- 
kannt, und schon glaubte er, ihn zu durchschauen. Er glaubte zu wis- 
sen, der Kaiser, Gott sei auch ein Kaiser, genauso wie er, kluger und 
vorsichtiger und infolgedessen bestandiger. Er aber, der Kaiser Napo- 



508 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

leon, war aus Grofimut toricht gewesen, aus Grofimut hatte er die 
Macht verloren. Ohne seine Grofimut hatte auch er Gott sein konnen, 
das blaue Gewolbe des Himmels schaffen, den Glanz und den Lauf der 
Sterne regeln, das Geschick der Menschen und die Richtung der Winde 
regieren, den Zug der Wolken und den Flug der Vogel. Er aber, der 
Kaiser Napoleon, war bescheidener als Gott, aus Edelmut nachlassig 
und aus Grofimut leichtfertig. Er offnete die Fenster. Er horte den 
freudigen, eintonigen Gesang der Grillen im Park. Er roch den satten, 
friedlichen Duft der sommerlichen Nacht, den betaubenden Flieder 
und die allzu siifien Akazien. All das machte ihn grimmig. 
Er wollte keinen Thron und keine Krone und keinen Palast und kein 
Zepter mehr. Er wollte so einfach sein wie einer der vieltausend seiner 
Soldaten, die gestorben waren, fur ihn und fur das franzosische Land. 
Er verachtete die Leute, die ihn morgen oder ubermorgen zwingen 
wiirden abzudanken; aber er war ihnen auch dankbar, dafi sie ihn 
zwangen abzudanken. Er hafite seine Macht und zugleich auch seine 
Ohnmacht. Er wollte kein Kaiser mehr sein, und er wollte dennoch ein 
Kaiser bleiben. Heute um diese Stunde berieten sie im Haus der Abge- 
ordneten, ob er Kaiser bleiben solle oder nicht. 

Ratios und rastlos ging er auf und ab, blieb einen Augenblick am offe- 
nen Fenster, machte wieder kehrt, setzte sich an den Tisch, offnete die 
geheime Schublade, versuchte, seine Papiere zu ordnen, in drei Hau- 
fen. Die einen waren gleichgultig: Sie konnten bleiben; andere waren 
gefahrlich: Sie mufiten vernichtet werden; wieder andere wollte er be- 
halten, auch mitnehmen. Ein paar Brief schaf ten hielt er an die golde- 
nen Flammen der Wachskerzen. Die Asche verstreute er achtlos auf 
dem Tisch und auf dem Teppich. Auf einmal hielt er inne, legte die 
verurteilten Papiere wieder sachte hin und begann von neuem seine 
Wanderung. Es war ihm eingefallen, dafi es vielleicht zu friih war, die 
Briefschaften zu vernichten — und die Furcht, seine alte, aberglau- 
bische Furcht, erfafite ihn, dafi er vielleicht soeben leichtfertig dem 
Schicksal einen Wink, eine Richtung gegeben hatte. Dieser Gedanke 
machte ihn auch miide, und er versuchte, sich auf dem Sofa auszu- 
strecken. Sobald er aber lag, war es ihm, als sei er noch hilfloser und als 
stiefien die schwarzen Kummernisse auf ihn hernieder wie finstere Ra- 
ben auf einen Leichnam. Er mufite sich erheben. Er sah wieder nach 
dem Himmel, dann auf die Uhr: Diese Nacht nahm kein Ende. Wirre 
Bilder zogen an ihm vorbei, Bilder ohne zeitlichen und sinnvollen Zu- 



DIE HUNDERT TAGE 809 

sammenhang stiegen auf, gleichsam aus ganz verschiedenen, plotzlich 
aufgeschlossenen Schubfachern der Erinnerung. Kraftlos ergab er sich 
ihnen, setzte sich, stiitzte den Kopf in die Hande und schlief im Sit- 
zen ein. 

Der erste zage Ruf eines erwachenden Vogels weckte ihn. Der Tag 
graute, sacht bewegte ein guter Wind die Kronen der Baume und die 
hohen Fensterfliigel. Sie krachzten ein wenig in den Angeln, und sie 
erschreckten den Kaiser. Er verlieft das Zimmer. Sein Diener, der 
draufien vor der Tiir auf seinem Stuhl kauerte, sprang auf und machte 
sich bereit, ihm zu folgen. Der Wachtposten aber, vor dem Tor, 
schlief steif und starr, im Stehen, mit geschultertem Gewehr. Der 
Kaiser blieb vor ihm stehen. Es war ein ganz junger Bursche, iiber 
seinen Lippen, die sich bei jedem Atemzug offneten und wieder 
schlossen, sprofi das zarte, schwarze, flaumige Bartchen, und die 
rundlichen, bauerlichen Wangen waren ebenso gerotet, als hatte der 
Mann nicht im Stehen und mit dem Gewehr im Arm geschlafen, son- 
dern im Bett daheim an der Seite seines Madchens. - Einmal wird 
vielleicht mein Sohn so aussehn, dachte der Kaiser. Und ich werde es 
nicht sehen. Solch ein Bartchen wird auf seiner Oberlippe sprieften, 
schlafen wird auch er im Stehen konnen, ich aber werde es nicht erle- 
ben. - Er streckte die Hand aus und zupfte am Ohrlappchen des jun- 
gen Mannes. Der Soldat erwachte und erschrak, er rift seine runden, 
goldbraunen Augen weit auf, er erinnerte an ein uniformiertes und 
erstarrtes Reh. Erst ein paar Sekunden spater erkannte er den Kaiser, 
prasentierte mechanisch das Gewehr, halb noch im Schlaf und den- 
noch bereits in Furcht und Bangnis. Der Kaiser lieft ihn stehn und 
ging weiter. 

Alle Vogel jubelten dem siegreichen Morgen zu. Der Wind war ver- 
stummt, in einem hellblauen, stillen Glanz standen die Baume unbe- 
weglich und wie fur alle Ewigkeit gewachsen. Das ist der letzte Tag, 
an dem ich noch der Kaiser von Frankreich bin, dachte der Kaiser. Ja, 
es war schon gewift. Der Morgen selbst schien es ihm zu sagen, die 
Vogel jubelten heute allzu boshaft und allzu schrill, die Sonne sogar, 
die sich schon hinter dem dichten, satten Griin ankiindigte, hatte ein 
boses, gelblichrotes Angesicht. Den sommerlichen Frieden dieses 
Morgens flihlte der Kaiser nicht, er wollte ihn auch nicht fiihlen. 
Dennoch empfand er, sekundenlang, wahrend er im Gehen die Au- 
gen schloft, daft Gott und Seine Welt gut zu ihm sein wollten und daft 



8 10 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

andere Menschen, an seiner Stelle, in diesem Garten, zu dieser Stunde, 
im griin-blau-goldenen Schimmer des auferstehenden Tages dankbar, 
demutig und selig gewesen waren. Ihn aber verhohnte der Morgen ge- 
radezu. Ja, die ewige Sonne Gottes ging auf, sie ging auf wie seit un- 
denklichen Zeiten: als ware nichts geschehen, als ginge seine, des Kai- 
sers, Sonne nicht gerade heute unter, Nacht, Nacht hatte heute sein 
miissen! Und urn den Tag nicht noch starker werden zu sehen, kehrte 
der Kaiser plotzlich urn. Er befahl, die Vorhange zu schliefien. Noch 
ein paar Stunden wollte er Nacht haben. 

Er schlief ein, in Stiefeln, im Anzug. Er hatte verboten, dafi man ihn 
wecke, und dennoch getraute man sich, es zu tun, und sein erster Ge- 
danke beim Erwachen war, dafi nicht einmal seine Lakaien mehr seine 
Befehle befolgten: Aber es war sein Bruder Lucien, der jiingste und 
liebste seiner Bruder. Er stand vor ihm, vor dem Sofa, durch die ge- 
schlossenen Gardinen sickerte schon kraftig, golden und voller Saft das 
Sonnenlicht, der Bruder Lucien aber stand noch da, blafi und fahl und 
iibernachtigt, ein Stuck der vergangenen Nacht. 
»Sie wollen nicht!« sagte er nur. 
»Ich wufite es!« erwiderte der Kaiser und erhob sich. 
Schon erschollen vor dem Schlofi die taglichen Rufe, die er kannte: »Es 
lebe der Kaiser! « Er setzte sich und sagte zu seinem Bruder: »H6rst 
du? Das Volk will, ich solle leben, die Vertreter des Volkes aber wollen 
meinen Tod. Ich glaube dem Volk nicht, und ich glaube auch den Ver- 
tretern nicht. Ich habe nur meinem Stern geglaubt. Und der ist unter- 
gegangen.« 

Der Bruder schwieg. Er senkte den Kopf. Er war jung, und ihm war, 
als ware er noch junger und torichter durch das Ungluck geworden, 
und zugleich auch, als hatte er die Pflicht, den Kaiser, seinen Bruder, 
der ihm wie ein Vater schien, auch jetzt noch zu kraftigen und zu 
retten. Und deshalb sagte er zaghaft: »Noch bist du der Kaiser! Noch 
bist du der Kaiser! Du darfst nicht abdanken!« 

»Ich werde abdanken«, antwortete Napoleon. »Ich bin nicht mude, 
aber ich bin, mein lieber Bruder, liebster meiner Bruder: Ich bin ver- 
wandelt. Siehst du: Ich glaube nicht mehr an all das, woran ich immer 
geglaubt hatte: an die Gewalt, an die Macht und an den Erfolg. Des- 
halb, siehst du, werde ich abdanken. Noch kann ich zwar nicht an das 
andere glauben, an die Macht, die wir nicht kennen. Aber dazwischen 
stehe ich eben heute, siehst du, mein Bruder! An die Menschen glaube 



DIE HUNDERT TAGE 8ll 

ich nicht mehr, und an Gott glaube ich noch nicht. Ich fiihle ihn aber 

schon, ich beginne schon, ihn zu fiihlen.« 

Er sprach fur sich hin, und er wufke wohl, dafi ihn sein Bruder nicht 

verstand. Und in der Tat, sein Bruder Lucien verstand ihn nicht und 

meinte, der Kaiser sei rnude und rede irre. 

Er war gut und brav und treu, und er hatte keine Ahnung von den 

Wirrnissen des Kaisers, von seinen Reden und von seiner Trauer. Der 

Kaiser wufite es wohl. Aber er sprach dennoch, weil er eine ganze, 

unendlich lange Nacht geschwiegen hatte, und deshalb auch, weil er 

wufite, dafi Lucien, der liebste und einfaltigste seiner Bruder, ihn nicht 

verstand. 

Lucien hielt den Kopf gesenkt. Er begriff in der Tat gar nichts. Nur ein 

Gedanke erfullte ihn mit Schrecken: Bald werden sie kommen! Bald 

werden sie kommen! 



VI 

Sie kamen auch, um zehn Uhr vormittags. Sie hatten feierliche, trau- 
rige und verzweifelte Gesichter. Der Kaiser betrachtete sie, wach und 
aufmerksam, einen nach dem andern: den alten Caulaincourt, seinen 
Bruder Joseph, den lieben Regnault. Andere warteten nebenan, im Saal 
des Ministerrats. Man meldete Fouche, den Minister der Polizei. »Er 
soil kommen «, sagte der Kaiser, »und sofort!« 

Er trat ein. Er verneigte sich tief und blieb in dieser Haltung so lange, 
da£ es scheinen konnte, er hatte ehrliche Muhe, seinen Riicken wieder 
geradezustrecken und seinen Kopf wieder zu erheben. Er trug in der 
Rechten eine schmale Mappe aus dunkelgriinem Saffian, in der Linken 
den Ministerhut. Aufmerksamer noch und genauer als vorher die an- 
deren betrachtete der Kaiser den hafilichsten seiner Feinde. Es war, als 
wollte er sich fur die Zeit seines iibrigen Lebens die Gestalt dieses 
Mannes genau, mit alien ihren Einzeiheiten, einpragen; als hatte er ihn 
lediglich zu diesem Zweck bestellt. Es war, als weidete er sich mit der 
Wonne eines Kiinstlers, der ein vollkommenes Objekt gefunden hat, 
an dem haElichsten seiner Minister. Noch fiirchtet er mich, dachte der 
Kaiser. - Noch konnte ich ihn storen, storen zuerst, dann vielleicht 
vernichten. In seiner griinen Mappe dort tragt er mein Todesurteil, 
aber ich allein bin imstande, es zu unterzeichnen, und er hat Angst, ich 



8l2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wollte noch immer nicht. Er kennt mich nicht, und wie sollte er auch! 
So wenig kennt der Teufel den Herrn! Ich werde ihn noch eine Weile 
warten lassen! Welch ein vollendetes Exemplar! Welche Harmonie 
zwischen Gesicht, Handen, Haltung und Seele! Ich habe ihn leben und 
gewahren lassen, wie Gott den Teufel leben und gewahren lafit. Jetzt 
aber, da ich kein Gott mehr bin, lebt er von seinen eigenen Gnaden; 
morgen aber schon von der Gnade der Englander, der Osterreicher, 
der Preufien und des Konigs. 
»Sehen Sie mich an!« sagte der Kaiser. 

Fouche hob den Kopf. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nichts 
hervorbringen, als er dem Blick des Kaisers begegnete. Vor diesem 
Blick hatte er oft nur gezittert. Jetzt aber, zum erstenmal, lahmte ihn 
dieser Blick auch. Er hatte plotzlich trockene, sprode Lippen, durch 
die kein Wort schliipfen konnte, er benetzte sie unwillkiirlich mit der 
schmalen, blassen Zungenspitze. Welche Harmonie! dachte der Kai- 
ser.- Er lafit nicht die geringsten Bewegungen aus, die man an der 
Schlange kennt. 

Wie wahr ist sie, die banale Symbolik! 

»Schreiben Sie den Herren, die darauf warten, ein Wort, dafi ich bald 
soweit bin. Sie konnen zufrieden sein!« 

Fouche naherte sich dem Tisch des Kaisers. Er legte den Hut auf einen 
Sessel, behielt aber die Mappe, nahm ein leeres Blatt mit behutsamen 
Fingern vom Tisch, legte es auf die Mappe und schrieb so, im Stehen. 
Der Kaiser sah ihn nicht mehr an. Er wandte sich seinem Bruder zu 
und befahl: »Schreiben Sie ! « - Und er begann zu diktieren: »...Ich 
biete mich dar als ein Opfer des Hasses, den die Feinde Frankreichs 
gegen mich hegen. Mochten ihre Erklarungen aufrichtig sein und sie 
nur meine Person verfolgt haben . . . Einiget Euch alle fur das allge- 
meine Wohl, auf dafi Ihr eine unabhangige Nation bleibet! . . .« 
Soweit kam er. Rings um ihn standen seine alten Freunde und Diener. 
Durch die offenen Fenster drang die blendende, sommerliche Hitze ins 
Zimmer, in heftigen, betaubenden, wuchtigen Wogen. Nichts riihrte 
sich. Die Menschen und die Dinge waren erstarrt, selbst die zarten 
Vorhange aus gelblichem Musselin vor den Fenstern hingen da in reg- 
losen, gleichsam versteinerten Falten. Man hatte glauben konnen, auch 
draufien sei die Welt erstarrt, Paris atmete nicht mehr unter der Last 
der Hitze, deren Gold schwerer war als Blei; und ganz Frankreich 
dammerte mitten im strahlenden Glanz, es dammerte dahin und war- 



DIE HUNDERT TAGE 813 

tete; die Dorfer und die Stadte schliefen, indessen sich ihnen die Feinde 
schon vom Norden naherten; das Gras auf den Wiesen dammerte und 
wartete darauf, zertreten zu werden; und die Ahren auf den Feldern 
wufiten schon, daft sie umsonst gewachsen waren; kein Korn wiirde in 
diesem Jahr mehr gemahlen und gebacken werden; und man fiihlte die 
reglosen, tot en Muhlen, verstreut im ganzen Lande. Die toten Steine 
allein in den Straften und Gassen atmeten noch: Aber auch ihr Atem 
war nur tote Hitze . . . 

Da auf einmal drang der schrille Schrei einer Frau von der Strafte her 
durch die Fenster: »Es lebe der Kaiser!« Dieser Schrei fuhr in das brii- 
tende Schweigen des Sommers wie ein greller Funke in diirren, stum- 
men Zunder. Die Menschen im Zimmer des Kaisers begannen, horbar 
zu atmen. Ihre Augen offneten sich weit und lebendig und richteten 
sich auf den Kaiser. Jemand bewegte sich leise, als prufte er, ob seine 
Starre wirklich schon gewichen sei, andere wiederholten diese Bewe- 
gung. Noch war der gellende Schrei der Frau nicht verklungen, und 
schon folgte ihm der dumpfe Donner aus tausend mannlichen Kehlen 
von der Strafte her: »Es lebe der Kaiser!« Einer der Manner im Zimmer 
offnete die Lippen, als wollte auch er in den Ruf einstimmen; der Kai- 
ser sah es, und seine Augen geboten ihm dermaften bedrohlich zu 
schweigen, daft der Mund des Freundes eine Weile offen blieb und alle 
fast zu sehen glaubten, wie seine Huldigung zwischen Zunge und Zah- 
nen erstarb. Noch einmal, ein drittes, ein zehntes Mai donnerte es 
drauften: »Es lebe der Kaiser!« - Der Kaiser diktierte nicht mehr. Er 
wandte sich nicht um. Er saft mit dem Riicken zu den Fenstern, durch 
welche die Rufe kamen, es war, als wandte er mit Absicht und Unwil- 
len diesen Rufen den Riicken. Sie machten ihn aber in Wirklichkeit 
traurig und zugleich auch stolz. Er dachte noch an den letzten Satz, 
den er eben diktiert hatte: »Einiget Euch alle fur das allgemeine Wohl, 
auf daft Ihr eine unabhangige Nation bleibet!« - Diesen Satz hatte er 
gestern und vorgestern schon gedacht, er hatte schon lange, dieser 
Satz, in seinem Herzen gelebt. Nun, da er ihn ausgesprochen und le- 
bendig gemacht hatte, war es, als hatte die Frau aus dem Volke drau- 
ften den Satz bereits gehort und das ganze Volk ebenfalls. Ja, es war 
sein Volk, es waren seine Franzosen! So sprach er zu ihnen immer das 
rechte Wort in der rechten Zeit, und hatte er es selbst nicht gespro- 
chen, sie hatten es erahnt und gewufit, wie eben jetzt. Er kannte all die 
Menschen drauften, das Volk aus den Vorstadten, die Unteroffiziere 



814 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und die Offiziere, die Frauen mit den roten Tuchern, viele mit Veilchen 
geschmuckt, all die Kinder des Vaterlandes, und die siifien Trommeln 
der Marseillaise zitterten durch den grofien Paukendonner, den sie 
draufien ertonen liefien. Es war plotzlich auch ein alter, lieber, vertrau- 
ter Geruch im kaiserlichen Zimmer, wie ein lieber Gast kam er durch die 
Fenster: der Geruch der Soldaten, der Geruch des Volkes, des Pulvers, 
der dampfenden Suppe im Biwak, des knisternden angeziindeten Rei- 
sigs, und auch der Geruch des warmen menschlichen Blutes: ja, auch er, 
der Dunst des warmen menschlichen Blutes. 

Der Kaiser fiihlte einen ungekannten Stolz in sich aufsteigen, einen ganz 
andern als jenen, den er am Abend nach den siegreichen Schlachten 
empfunden hatte, nach einer Begegnung mit hochmiitigen und geschla- 
genen Feinden, die ihn um Frieden baten: Es war ein neuer Stolz, ein 
ferner und sehr adliger B ruder jenes Stolzes, den er so gut gekannt hatte. 
In der Stunde, in der er sich selbst ausloschte und gering machte, erhob 
ihn und erhielt ihn das Volk von Frankreich selbst. Die Krone, die er 
sich selbst aufgesetzt hatte, legte er jetzt nieder; da setzte ihm das Volk 
eine neue auf, eine unsichtbare, aber eine echte, eben jene, die er immer 
ersehnt und nie zu erreichen verstanden hatte. Solange er dieses Volk 
von Frankreich beherrscht hatte, war es ihm unsicher und wankelmiitig 
erschienen. Nun aber, da er sein Zepter zerbrach, wurde er der wirkli- 
che Kaiser von Frankreich. Immer noch rief man draufien: »Es lebe der 
Kaiser !« Im Zimmer verrieten die Versammelten eine noch grofiere 
Unruhe. »Schliefit die Fenster !« befahl der Kaiser. Man schlofi sie, und 
die Rufe kamen dennoch immer noch fern und gedampft herein. 
In diesem Augenblick schluchzte einer der Manner laut auf, es war ein 
heftiger Ton, schnell wieder gebandigt, wie in der Mitte zerschnitten, 
aber stark und erschiitternd genug, so dafi den andern die Tranen in die 
Augen stiegen. »Ich kann nicht weiterschreiben«, sagte der Bruder des 
Kaisers ganz leise. Er flusterte fast, aber in der Stille horten es alle 
deutlich. Sie kennen mich nicht, auch jetzt noch nicht, dachte der Kai- 
ser. Ich bin stolz und gleichgiiltig, die Trauer habe ich eben kennenge- 
lernt, die Wehmut tut mir wohl, ich konnte sagen, ich sei gliicklich. Und 
sie weinen, meine Freunde! Jeder Grenadier hatte mich verstanden . . . 
Und unwillig befahl er: »Fleury de Chaboulon, setzen Sie sich hin, und 
schreiben Sie weiter: 

Mein politisches Leben ist zu Ende. Ich ernenne meinen Sohn, unter 
dem Namen Napoleon der Zweite, zum Kaiser der Franzosen.« 



DIE HUNDERT TAGE 815 

Alle schwiegen. Die Feder kratzte hurtig und unwirsch. PlotzKch 
horte man einen star ken Tropfen auf das Papier fallen. In dieser Stille 
klang es hart, wie wenn ein Tropfen Wachs von einer Kerze aufs Pa- 
pier gefallen ware. Aber es war kein totes Wachs, es war eine lebendige 
Trane. Sie fiel aus dem Auge des Schreibers aufs Papier, die nachste 
hielt er schnell mit dem linken Armel auf, ohne mit dem Schreiben 
aufzuhoren. 

Der Kaiser rift ihm das Papier aus der Hand. Er unterschrieb, mit f lie- 
gender Schrift, wie es seine Art war. Und wahrend des kurzen Augen- 
blicks, den seine Unterschrift brauchte, lag ein grofier, starker und 
hehrer Glanz in seinen gesenkten Augen, die niemand sah, und seine 
Lippen krummten sich ein wenig. Seinen Mund sahen alle, und sie 
hielten dafiir, daft der Kaiser leide. Er aber litt nicht: Er verachtete nur. 
Er stand auf, umarmte den Schreiber und verabschiedete alle. Er hatte 
abgedankt. Und ihm war, als hatte man ihn jetzt erst zum erstenmal 
gekront. 



VII 

Er blieb allein bis zum Abend. Nur sein Diener kam, der junge Mann, 
den er liebte. Er brachte ein Essen, wie es der Kaiser mochte, wenn er 
allein war: ein schnell verzehrbares, ein mit Ungeduld zu verzehren- 
des. Die sanften Augen des jungen Mannes waren verschleiert, auch 
hielt er die Lider halb geschlossen, sein sonst gesund gebrauntes und 
straffes Angesicht war gelblich und plotzlich von vielen Falten ge- 
zeichnet. Er sah aus, als kame er aus einem groften Schrecken oder von 
einer weiten, harten Wanderung oder aus einem wiisten Traum. »Bleib 
hier!« sagte der Kaiser. »Setz dich hin, nimm jenes Buch dort«, er wies 
auf das kleine Tischchen, auf dem Biicher und Karten aufgehauft lagen. 
»Lies mir vor, Anfang oder Mitte, es ist gleich!« 
Der Diener gehorchte. Er setzte sich und begann zu lesen. Es war ein 
Buch uber Amerika, und er begann von der ersten Seite an zu lesen, 
aus Hochachtung vor dem Buch und auch vor dem Kaiser. Er las flei- 
ftig, aufmerksam, eintonig, wie er einst als Knabe in der Schule gelesen 
hatte, er pragte sich alles ein, die Art des Bodens, der Pflanzen, der 
Menschen, er las viele Seiten, wagte nicht, die Augen von den Seiten zu 
erheben, fuhlte nur, daft der Kaiser nicht immer zuhorte, bald aufstand 



8l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und zum Fenster trat, dann wieder an den Tisch zuriickkehrte, ahnte, 
dafi der Kaiser bald anfangen wiirde zu sprechen, wurde unruhig und 
las immer schneller. »Genug!« sagte der Kaiser. »Sieh mich an!« - Mit- 
ten in einem Satz unterbrach sich der Diener. Er sah den Kaiser an. 
»Hast du auch geweint, mein Sohn?« fragte der Kaiser. 
»Jawohl, Majestat!«, und schon fiihlte er, dafi er wieder weinen 
miisse. »Siehst du«, begann der Kaiser, »du bist jung, du bist noch 
nicht in Ordnung gekommen mit der Welt und den Gesetzen des Le- 
bens. Merk dir, was ich jetzt sage, aber wiederhoPs nicht vor aller 
Welt - und vor allem schreib's niemals auf. Denn eines Tages, ich 
weifi es, wirst auch du deine Erinnerungen aufschreiben wollen, das 
wollen wir alle, die wir etwas erlebt haben. Also behalt es fur dich, 
was ich dir sage: Alles gehorcht unbegreiflichenj aber ganz bestimm- 
ten Gesetzen: die Sterne, die Winde, die Zugvogel, die Kaiser, die 
Soldaten, alle Menschen, alle Pflanzen. Das Gesetz, nach dem ich ge- 
handelt habe, ist erfulit. Jetzt will ich endlich versuchen zu leben. 
Verstehst du?« - Der Diener nickte. »Sag«, fragte der Kaiser, »weinst 
du iiber mein Ungliick? Haltst du mich fur einen Unglucklichen?« 
Der Diener erhob sich, er konnte nicht antworten. Er offnete den 
Mund, zogerte, senkte die Augen und sagte: »Majestat, ich weifi nur, 
dafi ich selbst sehr ungliicklich bin!« »Also, geh!« befahl der Kaiser. 
»Ich will allein sein!« 

Jetzt, da kein Laut mehr im Zimmer zu horen war, vernahm er wieder 
die unermiidlichen Rufe des Volkes vor dem Schlofi. Der Abend na- 
herte sich schon, nur das Volk, sein Volk, nur das Volk von Frankreich 
war so beharrlich in der Liebe. Sie wufiten schon, dafi er kein Kaiser 
mehr war, aber sie kiimmerten sich nicht um seine Abdankung, sie 
riefen, sehnsiichtig, wie damals an jenem Abend, als er wieder heimge- 
kommen war: »Es lebe der Kaiser!« - als hatte er nicht die grofite aller 
Schlachten und das Leben aller Soldaten verloren. Nicht aller, dachte 
er plotzlich. Sein soldatisches Gehirn begann auf einmal, gleichsam 
gegen seinen Willen, noch einmal - ach, zum wievieltenmal schon - zu 
rechnen, dafi er noch 5300 Gardisten hatte, 6000 Infanteristen, 700 
Gendarmen, acht Kompanien Veteranen, die Armee des Generals 
Crouchy war noch vorhanden - und im Nu vergafi der Kaiser den 
ganzen verflossenen Tag, seine Abdankung, seine Plane; er horte nur 
noch die Rufe: »Es lebe der Kaiser!« - die beharrliche Werbung des 
Volkes, und er war wiederum der Kaiser Napoleon, ging schnell an 



DIE HUNDERT TAGE 817 

den Tisch, schlug hastig die Karten auf, nie - so schien es ihm - hatte 
sein Kopf so schnell und sicher gearbeitet, Fehler, die er begangen 
hatte, schienen ihm kindisch, lacherliche Verirrungen, er begriff nicht 
mehr, warum er so blind gewesen war, auf einmal fiihlte er, daft er 
geradezu erleuchtet sei, wie eine Gnade kam es iiber ihn, zu erraten, ja, 
besser noch.* zu wissen glaubte er die Plane seiner Feinde, er iiberli- 
stete, lockte, verriet, verstrickte, schlug und verdarb sie, befreit war 
endlich das Land, er schlug sie noch weiter, die Feinde, weit iiber die 
Grenzen, schon erreichte er die Kuste, England floh auf seinen Schif- 
fen den sichern Ufern der Insel zu - wie lange war sie selbst noch vor 
dem Kaiser sicher? Eines Tages iiberquert man auch das Meer, das 
ewig feindliche, manchmal aber auch gnadige Element und nahm Ra- 
che, Rache! Oh, siifie Rache! 

Es wurde schon dunkel, der Kaiser aber las so eifrig in den Karten, daft 
er es kaum bemerkte - ja, er las gar nicht in der Karte, er sah die 
lebendigen Dorfer, die Weiler, die Wege, die Hiigel, das Schlachtfeld, 
alle moglichen, alle kiinftigen Schlachtfelder, viele Schlachtfelder, tau- 
send Schlachtfelder, und auf einmal auferstanden sie auch alle, die ge- 
liebten Kampfgenossen seiner Jugend, die gefallenen Briider, die Ge- 
nerate und die Grenadiere, der Tod gab sie ihm wieder, keinen, keinen 
brauchte er mehr, mit den zuriickgekehrten Toten allein siegte er. Es 
war die groftte Schlacht seines Lebens, die wunderbarste, die kunst- 
reichste, der Sieg war ein Spiel, anmutig beinahe in seiner ganzen 
Furchtbarkeit. 

Es klopfte, er wachte auf. Man meldete ihm den Minister Carnot. Man 
brachte zwei Armleuchter mit brennenden Kerzen. Man entziindete 
den Kronleuchter. Man lieft den Minister ein. 
»Sie haben mich gestort!« sagte der Kaiser. 
»Ich bitte um Verzeihung, Majestat!« 

»Ich verzeihe. Aber Sie haben mir die schonste Schlacht zerstort. Ich 
kann siegen. Ich kann sie bis zu den Grenzen jagen. Ich brauche nicht 
mehr Soldaten, als mir zur Verfugung stehen. Ich kann siegen !« 
»Es ist zu spat, Majestat. Man wird Ihnen den Aufenthalt hier verbie- 
ten. Sie sind gefahrdet, wenn die Feinde kommen. Die Minister kon- 
nen nicht fur Ihr Leben haften. Sie miissen fort!« 
Es wurde plotzlich sehr heift im Zimmer, der Kaiser offnete selbst 
eines der Fenster, und mit unendlicher Wucht donnerte ihm der Ruf 
der Menschen entgegen: »Es lebe der Kaiser!« 



8l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er wandte sich nicht um, er sagte laut (den Riicken wandte er dem 
Minister zu, seine Ohren atmeten den liebenden, gehebten, tosenden 
Ruf der Menge ein): »Ich mufi also fort! Ich mufi also dennoch fort!« 

VIII 

Es war ein warmer, goldener Sommer. Er sah aus wie die letzte, strah- 
lende Huldigung des Landes, der Erde Frankreichs, des franzosischen 
Himmels. Es schien, als sprachen der franzosische Himmel und die 
franzosische Erde: »Du wirst niemals mehr einen franzosischen Som- 
mer sehen, Kaiser Napoleon! Nimm hier die Erinnerung an den 
schonsten mit, den wir dir geben konnen!« 

Er war kein Kaiser mehr, er war ein Gefangener, im Schlofl Malmai- 
son, im Schlofi seiner ersten Frau, der toten Kaiserin Josephine. Ihre 
Tochter Hortense wohnte hier. Manchmal erinnerte sie ihn an die tote, 
geliebte, jetzt doppelt geliebte Mutter. Die Art, wie sie den Nacken 
beugte, die Speisen zerschnitt, wie sie sich zuriicklehnte, ein ganz be- 
stimmtes Lacheln zeigte, wenn man etwas sagte, was sie nicht begrei- 
fen konnte und auch nicht zu begreifen wiinschte: dies hatte sie von 
der Mutter, und deswegen war sie dem Kaiser teuer. Zugleich fiihlte er 
auch eine kleine, eine ganz winzige Eifersucht gegen sich selbst: Seine 
Frau, die Kaiserin Josephine, sollte die einzige Frau bleiben, die er 
geliebt hatte, ebenso wie er der einzige Kaiser des Volkes von Frank- 
reich gewesen war. 

Ach, es gab nichts mehr zu tun, als sich den Erinnerungen an diese 
Frau hinzugeben. »Hier bin ich mit ihr gegangen«, sagte er in der und 
jener Allee, als ware es gerade nur diese Allee, in der er mit ihr gewesen 
war. - »Sehen Sie«, sagte er zum Minister Carnot - und er merkte gar 
nicht, dafi er, mitten im Erzahlen, in einen anderen Weg eingebogen 
war- »hier, ich wollte es Ihnen langst sagen, hat sie mein Sohn be- 
sucht. Sie hat ihn gekiifk. Welch eine Frau. Sie hat das Kind geliebkost, 
das Kind der anderen, und eigentlich dieses Kindes wegen hatte sie 
doch aufgehort, Kaiserin zu sein. Hbren Sie, Carnot !« 
»Jawohl, Majestat!« sagte der Minister. 

Dieser Minister war, solange er lebte, ein Feind des Kaisers, einen Ver- 
rater an der Freiheit nannte er ihn; oh, ein hartes und eindeutiges Herz 
zeichnete diesen Minister aus. Jetzt aber, im goldenen Abend, wahrend 



DIE HUNDERT TAGE 819 

sie so dahingingen, wahrend er dem Kaiser zuhorte, seinen Erzahlun- 
gen, die die Wahrheit liebevoll entstellten, seinen Irrtiimern, seinen 
Kummernissen, die er preisgab, begann er, zum erstenmal, sachte nur, 
aber ganz deutlich zu erkennen, dafi es noch andere Gesetze in der Welt 
gab als jene, nach denen er selbst lebte, andere Gesetze als die der starren 
Uberzeugung und des Gewissens, der Treue und des Verrats. »Maje- 
stat«, sagte er, mit der groben Offenheit eines alten Jakobiners, »ich 
frage mich, wenn ich Sie so sprechen hore, weshalb ich so lange geglaubt 
habe, ich miisse Sie fur einen Verrater halten. Heute - aber es ist leider 
zu spat - halte ich Sie fiir den treuesten Mann auf dieser Welt!« 
»Dafiir ist es nie zu spat«, sagte leise der Kaiser. 
Der Diener kam ihnen entgegen. Er meldete die Grafin Walewska. 
Lange, so schien es dem Kaiser, hatte er sic nicht mehr gesehen. Sie stand 
da, ihr Kind, sein Kind, an der Hand, das Angesicht halb verschleiert 
und im schwarzen Kleid, er erschrak eine Sekunde lang und stockte, er 
hatte die Empfindung, sie sei zu seinem Begrabnis gekommen, er sei 
schon eine Leiche. Vielleicht bemerkte sie sein Erschrecken, sie kam 
ihm entgegen, beugte sich iiber seine Hand. Er nahm ihren Arm und 
fiihrte sie in das Zimmer, das er einst fiir sich hatte herstellen lassen, nur 
um die Kaiserin Josephine zu trosten und um sie glauben zu machen, er 
wolle sich haufig hier aufhalten. Er gab dem Knaben die Hand, lachelte 
und stand lange stumm da vor der Frau. Er zeigte ein paarmal mit der 
Hand auf das Sofa. Aber sie blieb stehen. »Ich wollte Sie noch sehen«, 
sagte sie. Vor kurzem noch war ihr Angesicht schmal und fein gewesen, 
wie vor Jahren, als er sie kennengelernt hatte. Jetzt erschien es hager, 
wiist und abgeharmt. Wie schnell verwandelten sich die Frauen, und 
besonders die liebenden und die leidenden! Ein zarter, silberblonder 
Flaum hatte einst ihre weiften, schmalen Wangen bedeckt, ein sufies 
Moos, sein Mund hatte einst darauf geruht. Jetzt waren die Wangen 
nackt, kahl und eingefallen. Die Lippen bildeten einen schmalen, stren- 
gen Spalt. 

»Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, Majestat«, sagte dieser sparsame 
Mund, 

»Keineswegs, keineswegs, wofiir, wozu?« rief der Kaiser. 
»Doch«, sagte die Grafin, »deswegen bin ich gekommen, ich mufi es 
Ihnen sagen. Ich mufi es Ihnen sagen«, wiederholte sie. 
»Ja, bitte!« sagte der Kaiser, fast ungeduldig. Er wufke alles, was sie ihm 
sagen wollte. 



820 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie schwieg, erschreckt durch seine Ungeduld. Alles hatte sie sich ge- 
nau zurechtgelegt, jetzt waren alle Worte verschwunden und ausge- 
loscht. Nicht einmal weinen konnte sie. 

Der Kaiser trat an sie heran, legte sachte beide Hande an ihre Arme, 
die grofien, hellen Augen naherte er ihrem Angesicht und sagte: »Sie 
wollten mir gestehen, dafi Sie mich nicht immer geliebt haben. Ich 
weifi es langst. Sie haben nur Polen geliebt, Ihr Vaterland. Sie haben 
meine Liebe angenommen, um Polen frei zu machen. Hierauf erst 
lernten Sie ein klein wenig den Kaiser lieben. Nicht wahr? Dies woll- 
ten Sie mir sagen?« 
»Es ist nicht alles !« sagte sie. 
»Was sonst?« 

»Ich liebe Sie heute, Majestat!« erwiderte sie und hob das Angesicht, 
trotzig beinahe. »Ich liebe Sie heute, Sie allein, nicht mehr mein Vater- 
land, nicht mehr den Kaiser. Wohin Sie auch gehen, ich will Ihnen 
folgen.« 

Der Kaiser trat zuriick. Er schwieg eine Weile, dann sagte er hart und 
klar, mit jener Stimme, mit der er gewohnt war, zu Soldaten zu spre- 
chen: » Gehen Sie, Grafin! Es ist wenig Platz neben mir. Gehen Sie, 
bitte. Ich liebe Sie immer. Ich werde Sie nie vergessen. Ich liebe Sie 
immer. « 

Er sah ihr zu, wie sie hinausging, stolz und fest, auf den schlanken, 
starken Beinen, die er liebte, mit dem kiihnen Schritt, der den ganzen 
Korper bewegte und noch die zarten, schwachen Schultern straff, stark 
und koniglich machte. 

Er dachte daran, dafi er hart gewesen war. Aber es war die einzige 
Frau, von der er wufite, dafi sie ihn begriff, seine Harte liebte sie. Und 
sie verstand wohl auch, dafi er mit ihr nicht langer hatte bleiben kon- 
nen. Er lauschte eine Weile. Er hone ihr Schluchzen draufien hinter 
der Tiir und die trostende Stimme seiner Tochter Hortense. 
Eine grofie Ungeduld erfafite ihn, er wollte keine Stunde mehr bleiben. 
Er hatte sein Gesetz erfiillt, schon eilte er neuen Horizonten entgegen. 
Er liefi seinen Bruder kommen, seine Freunde Bassano, Flahaut, Lava- 
lette. »Ich will fort!« rief er. »Wo wartet das Schiff? Wo sind die Passe? 
Wohin darf ich endlich? Ich will fort, ich will fort!« 
»Die Feinde sind da«, erwiderte ganz ruhig der General Lavalette. 
»Die Preufien sind in Bourget.« 
»Und die Englander?« 



DIE HUNDERT TAGE 821 

»Man hat noch keinen gesehn!« erwiderte der General. 
Der Kaiser verliefi plotzlich das Zimmer. Stumm und bestiirzt sahen 
sich die vier Manner an. Ehe noch einer etwas sagen konnte, trat er 
wieder ein, mit dem Degen, gestiefelt und gespornt, in der Uniform 
der Gardejager. 

»Ich werde sie aufhalten!« schrie er, so laut, dafi der Kronleuchter 
klirrte. »Laftt die Pferde satteln! Ich werde sie aufhalten! Alles kann 
ich, alles konnen die franzosischen Soldaten! Geht hin und sagt den 
Herren, ich wiinsche Vollmacht, die Preuften aufzuhalten. Ich brauche 
keine Krone mehr. Ich bin kein Kaiser mehr. Ich brauche eine Divi- 
sion! Ich bin ein Divisional !« 

Jetzt schwieg er. Alle waren stumm und starr, nur der Kronleuchter 
zitterte und klirrte. Da ertonte drauften der Gesang der vorbeiziehen- 
den Soldaten. Man horte deutlich das Halt-Kommando des Offiziers 
und den jahen Aufschlag der Stiefel. Die Soldaten machten Front zum 
Schlofi: »Es lebe der Kaiser!« riefen sie. 
»Also, morgen reiten wir!« befahl der Kaiser. 



IX 



Nein! Sie ritten morgen nicht. Kaum hatten die Manner das Zimmer 
verlassen, so wuftte der Kaiser auch schon, daft man ihm nicht einmal 
gestatten wiirde, ein Divisional zu werden. Er schnallte seinen Degen 
ab und schleuderte ihn auf den Tisch. Er rief nach seinem Diener. Er 
lieft sich die Stiefel und die Uniform ausziehen. Er kam sich selbst sehr 
lacherlich vor, knabenhaft war sein Elan gewesen, ach, es war wie ein 
alter Traum gewesen, ein eitler Traum; wer eine grofie Schlacht als 
Kaiser verloren hatte, gewann keine kleine mehr als Oberst oder als 
General. Er sah es ein, er schwieg, als man ihm berichtete, daft es ihm 
verboten sei, die Stadt zu verteidigen. Paris erwartete schon die Feinde, 
er wuftte es langst, obwohl sie drauften immer wieder riefen: »Es lebe 
der Kaiser !« Paris erwartete sie schon, die Feinde und den Konig, und 
die Rufe drauften hatten keinen wirklichen Klang mehr, sondern einen 
historischen. Sie waren wie Rufe im Theater. Sie galten gar nicht mehr 
ihm, dem lebendigen Napoleon, sondern bereits dem toten, dem ver- 
ewigten. 
Er hatte nur noch Abschied zu nehmen und dann zu gehen, weit weg, 



822 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

irgendwohin sollte ihn irgendein Wind verwehn, ein gnadiger oder ein 
gehassiger. Er war bereit, sich dahintragen zu lassen, er wartete sogar 
sehnsuchtig darauf. Nur schnell Abschied nehmen, vom Bruder, von 
der Tochter, von den Freunden. Nun blieb der schwerste Abschied, 
der Abschied von der Mutter. 

Er bestimmte fur diesen Abschied das dunkelste Zimmer im Hause, 
die Bibliothek. Schwach und lichtscheu wurden seit langem schon die 
Augen seiner Mutter. Sie kam am Vorabend, gestiitzt von zwei Hofda- 
men, gefolgt vom Diener des Kaisers, im schwarzen Kleid, ohne 
Schmuck. Als sie eintrat, war es, als verdunkelte sich der Raum noch 
mehr. So grofi erschien sie, so stark, obwohl sie sich stiitzen liefi, so 
gewaltig, obwohl ihr Angesicht schmal war, blafi und abgeharmt, dafi 
sie sofort den ganzen Raum erfullte mit dem diistern Atem ihrer be- 
trubten Wiirde. Schatten verbreitete sie. Es sah aus, als kame sie nicht, 
vom lebenden Sohn Abschied zu nehmen, sondern bereits, einen toten 
zu bestatten. Das zartbraune Gold der Biicherrucken ringsum an den 
Wanden erlosch, das ohnehin verdunkelte Zimmer, vor dessen Fen- 
stern die dunkelgninen Portieren zugezogen waren, verfinsterte sich 
zusehends. Nur das blasse Angesicht der Mutter schimmerte, nur ihre 
dunklen, grofien, schwachsichtigen Augen leuchteten. Sie machte eine 
Bewegung, der Diener verschwand, die Frauen folgten ihm. Der Kai- 
ser selbst stiitzte die Mutter. Er hatte sie kaum fiinf Schritte zu fiihren, 
bis zum breiten, dunkelgriinen Lehnstuhl, aber er wiinschte, dieser 
Weg wiirde immer weiter und weiter werden, bei jedem Schritt blieb er 
stehen, schwacher noch war er als die Mutter, seine Knie wankten, und 
sein Arm zitterte. An seinem rechten Arm ging sie, mit der Linken 
fafite er nach ihrer linken Hand und kufite sie bei jedem Schritt. Es war 
eine grofie, kraftige Hand, mit langen, starken Fingern, mit winzigen 
Runzeln an den Kuppen und erschreckend weifien Nageln, entsprin- 
gend einem knochigen und muskulosen Handgelenk, mit dicken, 
blauen Adern am Rucken. Wie oft hatte ihn diese Hand gezuchtigt und 
auch geliebkost und auch in der Ziichtigung noch geliebkost. Ein klei- 
nes Kind war er wieder, ausgeloscht waren die sturmischen und bluti- 
gen Jahre seines Ruhms und seiner Furchtbarkeit, der Anblick der 
miitterlichen Hand allein machte ihn klein und jung, jetzt erst dankte 
er ab, jeden Augenblick, jeden Augenblick, in dem er die Hand seiner 
Mutter aufs neue an die Lippen fiihrte. Als er sie sachte in den Lehn- 
stuhl bettete, riihrte sein Ellenbogen einen kurzen Augenblick an ihre 



DIE HUNDERT TAGE 823 

voile Brust, em guter Schauer durchrann semen Arm, gelangte von hier 
in sein Herz, er zitterte leicht, es war ein wonniges Zittern, wie einst, 
das wonnige Zittern des Kindes an der Brust der Mutter. Sie iiberragte 
ihn, er kam sich ganz klein vor, er schob einen Sessel nahe an den 
Lehnstuhl, aber ihm war, als miifite er auf einem Schemel Platz neh- 
men, zu ihren guten FuEen. Jetzt saE er ihr ganz nahe gegenuber, ihre 
Knie beriihrten sich fast, immer grofier, stolzer, erhabener schien sie in 
ihrem Lehnstuhl zu werden, immer kleiner machte sich der Kaiser, er 
duckte sich geradezu, und sein Kopf sank auf die Brust. »Sieh mich 
an«, sagte die Mutter mit ihrer tiefen, starken Stimme, und sie streckte 
die Hand aus und hielt die Finger unter das Kinn ihres Sohnes, um es 
emporzuheben. Er gehorchte, hob einen Augenblick den Kopf, liefi 
ihn aber sofort wieder sinken, seine Schultern bebten. Die Mutter brei- 
tete die Arme aus, da fiel er vorniiber mit dem Kopf in ihren Schofi. 
Ihre Finger begannen, sein glattes Haar zu streicheln, langsam zuerst, 
dann immer heftiger und schneller, sie kammte die Haare mit den Fin- 
gern, fiihlte mit mutterlicher Wollust, wie sie sich straubten, und glat- 
tete sie wieder, streichelte den Scheitel, beugte sich nieder und kiiftte 
den Kopf ihres Sohnes. Dabei hielt sie ihn an den Schultern fest, als 
fiirchtete sie, er konnte ihr entweichen. Er wollte es gar nicht, er wollte 
ewig so liegen, im guten Schofi der Mutter, auf dem schwarzen, 
schwarzen Kleid. Ihre Hande wanderten iiber seinen Kopf, zehn gute, 
miitterliche Finger, hoch oben sagte ihr Mund etwas, in der alten Spra- 
che seiner Heimat, er horte nicht genau den Sinn, er wollte es auch 
nicht, ihm geniigte der altvertraute Klang der Stimme, der Sprache sei- 
ner Mutter, der Muttersprache. Oft, sehr oft, dachte er, hatte man so 
daliegen miissen, den Kopf im Schoft der Mutter! Wozu hatte man in 
alien Satteln gesessen, wozu war man durch alle Lander gegangen, gut, 
gut war der Schofi der Mutter, bose, bos sind die Sattel und die 
Schlachtfelder, die Throne auch, und die Kronen tun weh, in den 
Schofi der Mutter gehort der Kopf des Sohnes. Aus diesem Schofi war 
er gekommen, wie lange war es her, sechsundvierzig Jahre, uber die 
Welt hatte er geherrscht, konnte er doch jetzt sofort sterben, so, wie er 
dalag, gleichsam in den SchoE der Mutter zuriickkehren. Seinetwegen, 
des Kaisers wegen, waren Vieltausende gestorben, vieltausend Sonne 
hatten jetzt, wie er, sich betten konnen im Schoft ihrer Mutter. Er 
ruhrte sich nicht, er lag ganz still da, seine Mutter erschrak einen Au- 
genblick, sie sagte: »Steh auf, steh auf, Nabulio!« »Nabulio«, sagte sie, 



824 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wie sie ihn als Knaben genannt hatte. Er erhob sich rasch, gehorsam, 
seine Augen waren ganz trocken und glanzten stark und blank, wie 
erfiillt waren sie von gefrorenen Tranen. 

»Ich gehe«, sagte die Mutter. »Ich werde dich nicht verlassen, mein 
Kind! Ich folge dir uberallhin, schonstes, liebstes meiner Kinder !« 
»Ich gehe allein, Mutter «, sagte der Kaiser, stark und laut. Und da er 
schon furchtete, er sei zu hart gewesen, sagte er: »Sei gewifi, Mutter, 
ich kehre zuriick, wir sehen uns wieder!« Er log, sie wufiten es beide, 
die Mutter und der Sohn. 

Sie erhob sich, ging zur Tiir, sah sich noch einmal um, umfafite den 
Nacken des Kaisers, kufite ihn auf die Stirn. Die Tiir offnete sich, sie 
ging hinaus, der Kaiser folgte ihr bis zur Treppe, aber sie wandte sich 
nicht mehr um, von dem Augenblick an, in dem die Hofdamen heran- 
getreten waren. Wie er sie so die Treppe hinuntersteigen sah, mit star- 
kern Riicken, aufrecht, mit herrschaftlichen Schultern und sicherem 
Schritt, rief er laut: » Adieu, Mutter !« 

Sie blieb stehn, wandte sich auf der vorletzten Stufe um und sagte: 
»Adieu, mein Sohn!« 

Er kehrte schnell um, ging ins Zimmer der toten Kaiserin, ins Zimmer 
mit dem himmelblauen Plafond, vor dem breiten Bett stand er eine 
geraume Weile. Es war fast so giitig wie der Schofi der Mutter; nur 
diese beiden Seligkeiten gab es, den Schofi der Mutter, das Bett der 
Geliebten - und noch eine dritte vielleicht, die kannte man noch nicht, 
die wird man schon kennenlernen, die Umarmung des Todes, des al- 
ten, guten Bruders. Es war spate Nacht, der Morgen graute schon, da 
ging er in sein Zimmer, legte seine Uniform ab, zog einen braunen 
Rock an, einen runden Hut, eine blaue Hose, giirtete den Degen um 
und verliefi das Schlofi durch eine Hintertiir. Draufien vor dem Portal 
wartete das Volk und schrie unermiidlich, unerbittlich: »Es lebe der 
Kaiser !« Er blieb noch einen Augenblick stehen. Die Rufe donnerten, 
die beharrlichen Rufe des beharrlichen Volkes. Eine leere Kalesche 
wartete vor dem Hauptportal, damit das Volk glaube, dort wolle der 
Kaiser einsteigen. Die nachtlichen Grillen zirpten noch schwach und 
immer schwacher, der Morgen brach wuchtig und siegreich an. Die 
ersten Vogel zwitscherten schon. Als flohe er vor der Sonne, stieg der 
Kaiser hastig in den Wagen. Jetzt sah er sich nicht mehr um. Er zog 
selbst die Vorhange vor die Fenster des Coupes. »Vorwarts!« rief er 
mit fester Stimme. Und sie fuhren. 



DIE HUNDERT TAGE 825 

Die Rader knirschten zart und wehmutig, und die Achsen stohnten 
wie menschliche Stimmen. 



Er schlief ein in der Kalesche. Die Sonne erhob sich, wie an alien vor- 
hergehenden Tagen, wuchtig und golden. Schon der Morgen war heifi 
wie ein Mittag. Die Rader der Kalesche knirschten, und die Achsen 
stohnten. Die drei Begleiter des Kaisers schwiegen. Sie sahen auf das 
schlafende Antlitz des Kaisers. Es war blaftgelb, manchmal offneten 
sich die Lippen, liefien die blanken, gleichmafiigen, blitzenden Zahne 
frei, stiefien einen leisen Seufzer aus, schlossen sich wieder. Man liefi 
sachte die Fenster herunter, die Hitze im Wagen war unertraglich. 
Vom frischen Windzug erwachte der Kaiser. Er schlug seine grofien, 
hellen Augen auf, fuhr mit der Hand iiber seine Stirn, sah einen Au- 
genblick fremd und ratios seine Begleiter an, als erkenne er sie nicht 
wieder. Hierauf lachelte er ihnen zu, wie um sie zu versohnen, fragte, 
ob er lange geschlafen habe und wo sie sich befanden. »Bei Poitiers«, 
sagte der General Bekker. - Poitiers - es war noch weit von der Kiiste! 
Der Kaiser war sehr ungeduldig, er wollte schnell die Kiiste erreichen. 
»Beeilen wir uns, meine Herren!« sagte er, »ich habe Sehnsucht nach 
dem Meer. Ich will das Meer sehn, ich will das Meer sehn! . . .« 
Sie blieben stumm, erstaunt und auch ein wenig erschrocken. Sonder- 
bar erschien ihnen die Rede des Kaisers, sie tauschten untereinander 
ein paar unruhige Blicke. Der Kaiser bemerkte die Unruhe seiner Be- 
gleiter. Er lachelte. »Wundert euch nicht «, begann er, »daft ich mich 
nach dem Meer sehne. Ich habe genug von der Erde. Das Schicksal hat 
wahrhaftig billige Einfalle, wie ein billiger Dichter. Ich bin mitten im 
Meer geboren, ich mochte es wiedersehn. Ich mochte auch Korsika 
wiedersehn, aber dazu wird es nicht kommen. Das Meer aber, meine 
Herren, jedes Meer erinnert mich an Korsika. « 

Keiner von seinen Begleitern begriff deutlich, was er sprach, aber sie 
hatten alle feierliche, lauschende Gesichter. Er sah wohl, dafl sie ihn 
keineswegs verstanden. Wie weit bin ich schon von den Menschen ent- 
fernt! dachte er. - Vor einer Woche noch verstanden sie einen Wink 
meines Fingers, einen Blick, jede Bewegung meiner Lippen, nun aber 
verstehen sie nicht mehr meine deutlichen Worte. Man mufi ihnen, 



826 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dachte er weiter, ganz einfache Sachen sagen. Und obwohl ihn im Au- 
genblick gar nicht danach geliistete, sagte er aus Gefalligkeit: »Bitte 
Schnupftabak!« 

Man reichte ihm eine offene Dose, er nahm eine Prise, zog sie langsam 
ein und mit gespieltem Genufi und schlug den Deckel zu. Er wollte 
schon das Kastchen zuriickgeben, da fiel sein Blick auf den Deckel. Er 
enthielt das Miniaturportrat der Kaiserin Josephine, das lachelnde, liebe 
Angesicht, die braunlichen, breiten Wangen, den grofien, edlen, roten 
Bogen des Mundes. Schlank und kraftig leuchtete der Hals, lockend, 
zierlich und neugierig lugten die Briiste aus dem Ausschnitt. Der Kaiser 
betrachtete die Dose genau, fuhr mit der Hand iiber den Deckel, fiihrte 
ihn ganz nahe an die Augen, hierauf an die Lippen und sagte: » General, 
darf ich sie behalten?« Der General verneigte sich stumm. Der Kaiser 
behielt die Dose in den gefalteten Handen. Er schlofi die Augen. Er 
schlief wieder ein. 

Am friihen Abend erreichten sie Niort. Er stieg im Hotel »Zur goldenen 
Kugel« ab. Man erkannte ihn nicht. Der Wirt kam, dick, rundlich, 
kudos auf ihn zu, er selbst eine Kugel, eine sanfte Kugel aus rotem 
Gummi, er bewegte sich so, als hatte ihm irgendein unsichtbarer Spieler 
einen Stofi gegeben, damit er seinen jeweiligen Zielen zurolle. Er rollte 
sogar auch die Treppe empor, offnete das Zimmer, versuchte eine Ver- 
beugung, die vollkommen mifllang, und sagte, aus verzweifeltem Re- 
spekt und verwirrt von dem Glanz der Kalesche und der vornehmen 
Herren: »Euer Hochwiirden, hier ist das Zimmer!« - zum Kaiser. »Die- 
sen Titel hatten Sie Herrn Talleyrand sagen konnen!« murmelte der 
Kaiser. Als der Wirt Anstalten machte, die Treppe wieder hinunterzu- 
rollen, hielt ihn der Kaiser am Rock fest und befahl: »Bleiben Sie!« 
Der Kaiser warf den runden Hut auf das Bett, der Wirt erblickte seine 
Stirn, die schwarze Haarstrahne, das helle Aug' - und er erschrak gewal- 
tig. Unten in seiner Gaststube hing das Bild des barhauptigen Kaisers. 
Auf alle Teller gemalt, auf alle Messergriffe graviert war dieses Ange- 
sicht, unvergefilich eingepragt auch dem Hirn der Menschen. Dieser 
Herr sah aus wie der Kaiser - und der Wirt rollte einen Schritt zuriick 
zur Tiir. Zwischen dem Drang, auf die Knie zu fallen, und der Furcht, 
die ihm riet, das Zimmer so schnell wie moglich zu verlassen, schwankte 
er noch eine Weile; und der Kaiser, der den Jammer des Mannes er- 
kannte, lachelte und sagte noch einmal: »Bleiben Sie! Haben Sie keine 
Angst !« 



DIE HUNDERT TAGE 827 

Ja, jetzt wufite der Wirt genau, vor wem er hier stand. Er wollte nie- 
derknien, aber seine fette Gestalt erlaubte ihm nur niederzufallen, und 
also lag er nun vor den Fiifien des Kaisers und stammelte unverstandli- 
che Satze. »Stehn Sie auf!« befahl der Kaiser, und uberraschend schnell 
erhob sich der Mann, schon stand er nahe an der Tiir, sein fetter, rund- 
licher Riicken beriihrte sie, und seine schwarzen, groften, hervorste- 
henden Augen rollten (auch sie wie Kugeln) nach alien Richtungen, 
jammervoll und ratios. 

Durch das Fenster drangen in diesem Augenblick die frohlichen und 
wehmutigen Stimmen wiehernder Pferde, das laute Sprechen und das 
rauhe Lachen der Manner. - Sofort trat der Kaiser ans Fenster. Unten 
auf dem Platz vor der Herberge sah er Soldaten, seine Soldaten, seine 
Pferde. In einem Augenblick vergafi er alles: seine Abdankung und das 
Meer, nach dem er sich soeben gesehnt hatte, nur die Soldaten sah er 
noch. Er vergafi sogar den Wirt, der noch an der Tiir lehnte, jetzt 
gleichsam eine gelahmte Kugel. Auf einmal hob einer der Soldaten den 
Kopf zum Fenster, erblickte und erkannte den Kaiser, und im nachsten 
Augenblick standen alle Soldaten in einem Haufen da, hart unter dem 
Fenster, mit sehnsuchtig emporgestreckten Gesichtern, und aus ihren 
weitgeoffneten Mundern kam der alte Ruf : »Es lebe der Kaiser! Es lebe 
der Kaiser !« 

Er wandte sich um, da stand der Wirt an der Tiir, und auch er schrie: 
»Es lebe der Kaiser !« - so laut und schallend, als schrie er unter freiem 
Himmel und als stiinde der Kaiser nicht ein paar Schritte vor ihm. Da 
klopfte es, und man brachte dem Kaiser die Nachricht, daft die Feinde 
vor Paris seien und daft ein Artilleriefeuer begonnen habe. »Schreiben 
Sie sofort nach Paris !« befahl der Kaiser. Der General setzte sich, der 
Kaiser diktierte: »Wir hoffen, daft Paris sich verteidigen wird und daft 
die Feinde Euch inzwischen Zeit genug lassen werden, den Ausgang 
der Verhandlungen zu iibersehen, die Eure Gesandten eingeleitet ha- 
ben . . . Uber Euren Kaiser konnt Ihr verfugen als uber Euren General, 
der einzig von dem Wunsch beseelt ist, dem Vaterland niitzlich zu 
sein . . .« 

Kaum aber hatte der General mit der Botschaft das Zimmer verlassen, 
da iiberfielen den Kaiser wieder das bereits vertraute Ungliick, der 
Jammer, die Unglaubigkeit und die Reue uber den Brief, den er soeben 
hatte abschicken lassen. Er war kein Kaiser mehr. Er hatte abgedankt. 
Wie hatte er einen Augenblick glauben konnen, er konnte noch ein 



828 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

General sein? Das Land brauchte ihn nicht! Es schickte ihn fort. Von 
der Kiiste aus hatte er es gewonnen. Es schickte ihn wieder an die 
Kiiste zuriick! Er wufke es. »Weiter, weiter«, befahl er, und: »Das 
Meer! Das Meer!« 



XI 



Jetzt war das Meer da, nach dem er sich so gesehnt hatte, das ewige 
Meer. Jetzt safi er in einer engen Stube, im ersten Stock eines kleinen 
Hauses auf der lie d'Aix. Das Bett, der Tisch und der Schrank waren 
schwarz wie Sarge aus Ebenholz. In der Nacht erwachte der Kaiser oft, 
das Meer liefi ihn nicht schlafen. Es war lange her, seit der Zeit, in der 
er hatte selig schlafen konnen, beim Gesang des Meeres. Jung war er 
damals gewesen; es war auch ein heimatliches Meer gewesen, das Meer 
rings um Korsika. Selbst wenn es sich emporte, zeigten seine schau- 
menden Wogen noch eine Art liebender Wollust mitten im Zorn, und 
mit ihren gischtigen Kammen stiirmten sie nicht die Kiiste an, sondern 
liebkosten sie vielmehr stiirmisch. So schien es dem Kaiser heute in der 
Nacht, da er nicht schlafen konnte, das Fenster offnete und den gleich- 
mafiigen, iiber Gebiihr tosenden Anschlag der Wellen an die Kiiste 
hone. Ach, wie gutig war das heimatliche, das korsische Meer einst 
gewesen ! Dies hier aber war kein franzosisches Meer, es war, als spra- 
chen seine Wogen Englisch, die Sprache des Feindes, des ewigen Fein- 
des. Ein paar Meilen weiter konnte man vom Fenster aus die Lichter 
sehn. Es wartete schon das englische Schiff, »Bellerophon« hiefi es, 
Maitland hiefi sein Kapitan. Diese Namen, dachte der Kaiser, werden 
durch mich ewig werden, sie verdienen es nicht! »Bellerophon« und 
»Maitland«! Nach Jahrhunderten wird man von ihnen sprechen - das 
Schiff wird versunken sein, oder man wird seine Bestandteile zu einem 
neuen gebraucht haben; dieser Kapitan wird auf dem Grunde des Was- 
sers liegen oder auf einem der englischen Friedhofe. Ich selbst werde 
tot sein und in einem solideren Sarg liegen wahrscheinlich! Aber auch 
den werden die Wiirmer eines Tages zernagen. Solch ein Sarg wird es 
sein, wie dieser schwarze Schrank aus Ebenholz hier im Zimmer, wie 
dieses schwarze Bett, in das ich mich lege und das jetzt schon aussieht 
wie ein Katafalk. Ihre Namen aber wird man kennen, »Maitland« und 
»Bellerophon«, »Bellerophon« und »Maitland« . . . 



DIE HUNDERT TAGE 829 

Es kam der Bruder des Kaisers, Joseph. Der Kaiser hatte ihn langst 
erwartet. Als er eintrat, dachte Napoleon: Du hattest friiher kommen 
konnen. Aber er sagte: »Gut, dafi du da bist!« Sie umarmten sich, 
kurz und kalt. »Nun?« fragte der Bruder. Es war, als forderte er Re- 
chenschaft. »Ich weifi, was du meinst«, sagte der Kaiser. »Du meinst, 
ob ich mich entschlossen habe, vor den Englandern zu fliehen. Nein! 
Ich habe mich entschlossen, mich den Englandern zu ergeben!« 
»Du hast alles genau bedacht?« 

»Nein. Nicht bedacht. Ich iiberlege langst nicht mehr, seitdem ich er- 
fahren habe, dafi mein armer Kopf versagt. Ich uberlasse mich mei- 
nem Herzen. Ich weifi, ich weifi, so erscheint man undankbar, un- 
dankbar, ich weifi. Ein paar edle Menschen haben genaue Plane, sie 
wollen mich entfuhren, sie konnen es wahrscheinlich. Ich will aber 
nicht, horst du? Ich will nicht! Manchmal, wenn ich nicht schlafe - 
ich kann nur selten schlafen-, sehe ich Leichen, Leichen; all die Lei- 
chen, die auf meinem langen Wege liegen. Haufte man sie iibereinan- 
der, es ware ein Berg, mein Bruder; breitete man sie aus, sie waren 
wie das Meer. Ich kann nicht! Wieviel Kanonen hat man meinetwe- 
gen abgeschossen? Kannst du die Schiisse zahlen, nur die Geschiitze? 
Ich will nicht mehr, dafi meinetwegen ein einziger Schufi noch abge- 
feuert wird. Verstehst du?« 

»Dir droht Gefahr«, sagte der Bruder. »Sie konnen dich to ten. « 
»Dann werde ich noch ein Leben verlieren«, erwiderte der Kaiser. 
»Ich habe schon so viele verloren!« 

Er legte sich auf das schwarze, hochgepolsterte Bett, neben dem auf 
einem Tischchen aus Ebenholz ein dreiarmiger Leuchter stand, er 
schlofi die Augen, die flackernden Kerzen warfen bose, unstete Licht- 
flecke uber sein Gesicht. Dem Bruder schien es, der Kaiser sei schon 
tot und liege hier aufgebahrt. 

Mein Bruder sollte wegfahren, dachte der Kaiser, allein, mit dem 
Geld, das er erworben und gerettet hat. Was will man noch von mir? 
»Lafk mich endlich, alle!« sagte der Kaiser. »Kiimmert euch nicht um 
mich, mein Schicksal erfullt sich selbst. Geh hin, in die neue Welt, 
fang ein anderes Leben an!« Den leisen Verdacht, der ihn selbst be- 
kiimmerte, spiirte der Kaiser wieder: Sie wollten ihn alle retten, und 
sie liebten ihn auch, aber auch an sein Ungliick noch hefteten sie ihre 
Namen, genauso, wie sie sich friiher an sein Gliick geklammert hat- 
ten. 



830 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Lafit mich endlich!« wiederholte er. »Ich habe das Schicksal des The- 

mistokles. Auch er war allein. Ich gehe zu den Feinden. Ich habe dem 

englischen Prinzregenten geschrieben. Ich gebe mich in seine Hande.« 

»Ich mufi dich noch einmal warnen«, sagte der Bruder. »Sie werden 

dich gefangennehmen. Sie werden dich in einem Kafig halten wie ein 

gefahrliches Tier. Ich habe vertrauliche Berichte. Der Kapitan Mait- 

land hat den geheimen Befehl vom Admiral, dich auf sein Schiff zu 

bringen, auf jede Weise, mit List oder Gewalt.« 

»Er wird weder diese noch jene brauchen. Morgen oder iibermorgen 

gehe ich freiwillig zu ihm.« 

»Also nehmen wir Abschied!« sagte der Bruder kalt, feindlich fast, und 

er erhob sich. Der Kaiser sprang auf. Er breitete die Arme aus. Sie 

kiifiten sich zweimal, auf die Wange und auf die Stirn. 

»Wir sehn uns niemals wieder!« sagte der Kaiser. Er wartete. Er hoffte, 

dafi der Bruder jetzt, jetzt sagen wiirde: Nimm mich mit dir! Ich ver- 

lasse dich nicht! 

Aber der Bruder sagte nur: »Du wirst wiederkommen. Wir werden 

dafiir kampfen und arbeiten.« 

»Armer Kampfer!« murmelte der Kaiser. Und »Leb wohl!« sagte er 

laut und hart. Er wandte sich um, dem Fenster zu, und cr lauschte dem 

grollenden, gleichmafiigen Anschlag der Wogen, denen er sich morgen 

oder iibermorgen ergeben wollte; einem feindlichen Schiff und den 

feindlichen Wogen. 



XII 

Er legte sich zeitig aufs Bett, in den Kleidern. Die sommerliche Sonne 
sank eben langsam, grofi und wuchtig ins Meer, warf ihren roten, lo- 
dernden Widerschein gegen die Fenster und spiegelte sich in den 
schwarzen Mobeln. Die weiften Kissen, auf denen der Kaiser ruhte, 
waren wie getaucht in eine Art goldenen Blutes. Auf dem schlafenden 
Angesicht des Kaisers schwebte lange Zeit der rote Schimmer und ver- 
wandelte es in ein bronzenes Angesicht. Ein paar Schritte weit vom 
Bett, steif auf einem der steifen, schwarzen Stiihle, safi der Diener des 
Kaisers. Piinktlich zur Mitternacht wollte der Kaiser geweckt werden. 



DIE HUNDERT TAGE 831 

Der rote Widerschein verblafite, es wurde silbergraues Licht im Raum, 
der Leuchtturm blinkte in der Feme und schickte einen flinken, verhu- 
schenden Schimmer durchs Fenster, man horte nichts, nur den stillen 
Atem des schlafenden Kaisers und den grollenden des ewig wachen 
Meeres. Der Diener riihrte sich nicht. Es wurde dunkel, und er machte 
kein Licht. Von Zeit zu Zeit blickte er auf die kleine Standuhr am 
Kaminsims. Die Zeit ging langsam, die Stunden flossen nicht dahin wie 
sonst, obwohl die Uhr fleifiig und gleichmafiig tickte wie alle Tage. 
Auch horte man vom Kirchturm her die tiefe Glocke. Aber zwischen 
einem Glockenschlag und dem nachsten lagen Ewigkeiten, erfullt von 
diisterer Stille, tiefschwarze Ewigkeiten. 

Der Diener safi steif da, er furchtete, er konnte einschlafen, er stand 
endlich vorsichtig auf, ging auf den Zehenspitzen durchs Zimmer, aber 
so sacht er auch war, der Kaiser erwachte doch sofort, richtete sich auf 
und fragte: »Wie spat?« - »Noch nicht Mitternacht, Majestat«, erwi- 
derte der Diener. - »Wird alles bereit sein?« fragte der Kaiser. - »Ge- 
gen elf Uhr wird alles verladen sein, MajestatU - »Es ist gut!« sagte der 
Kaiser. Er blieb noch lange liegen, mit offenen Augen. 
Auf einmal schien es ihm, daft die Tiir aufgehe. Er wollte rufen, aber er 
konnte nicht einen einzigen Laut hervorbringen. Er wuftte wohl, daft 
er dalag, ausgestreckt und ohnmachtig, aber zugleich sah er sich auf- 
recht, gestiefelt und gespornt durch das grofie, rote Zimmer im Schlofi 
der Tuilerien herumgehen. Die Tiir schlofi sich wieder, es war nicht 
mehr die Tiir des kleinen, armseligen Zimmers, in dem er dalag, ausge- 
streckt und ohnmachtig, sondern die zweifliigelige, grofie, mit golde- 
nen Leisten verzierte im Schlofi der Tuilerien. Herein trat mit zaghaf- 
ten Schritten unter unaufhorlichen Verbeugungen ein Greis, angetan 
mit einer langen, roten Soutane, unter der seine glatten Schnallen- 
schuhe schamhaft sichtbar wurden. Der Kaiser stand vom Bett auf, auf 
einmal war er wach und jung, gestiefelt und gespornt, er ging durch 
das Zimmer, dem Greis entgegen, und bei jedem Schritt klirrten seine 
Sporen stark, allzu stark, obwohl sie der dichte Teppich hatte dampfen 
miissen, und der Degen schlug mit ungeziemlichem Laut an den harten 
Lack der Stiefel. 

»Setz dich, Heiliger Vater!« sagte der Kaiser, und er wies dem Greis 
einen breiten Sessel aus rotem Pliisch an, und er wunderte sich dar- 
iiber, daft er dem Greise du sagen konnte. 



832 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Greis setzte sich und ordnete sorgfaltig die Falten seiner Soutane 
iiber den Knien. Geschamig versuchte er, seine Schnallenschuhe zu 
verbergen. Er faltete die Hande im Schoft, und der Kaiser sah, daft es 
weifie, magere, von tausend blauen Aderchen durchzogene Greisen- 
hande waren. 

»Majestat«, sagte der Greis - und seine blaulichen Lippen zitterten-, 
»wozu haben Sie mich kommen lassen?« 

Der Kaiser blieb hart vor dem Alten stehen und erwiderte: »Weil ich 
der Kaiser Napoleon bin! Ich brauche die Krone und den Segen des 
Himmels. Mir steht es nicht an, nach Rom zu pilgern. Ich habe den 
Himmel selbst bezwungen. Ich habe den Himmel auf die Erde ge- 
bracht. Mir steht es nicht an, nach Rom zu pilgern! Was ist Rom gegen 
den Himmel? Die Sterne sind meine Freunde! Was ist der Stuhl Petri 
gegen die Sterne? Ich will die kaiserliche Krone. Ich will, dafi sie ge- 
salbt sei. Die Sterne selbst haben mich gesegnet, die gottlichen Sterne. 
Damit die Menschen es mir auch glauben, habe ich dich kommen las- 
sen, Heiliger Vater!« 

»Du bist nur ein Kaiser«, sagte der Greis. »Nichts verstehst du von den 
Sternen! Gewalt hast du mir angetan. Gewalt tust du alien an! Alle 
gehorchen dir, aber der Gehorsam der Gewaltsamen ist anders als der 
meine. Denn ich bin kein Gewaltsamer! Ich bin der einzige Gewalt- 
lose, der dir gehorcht - und daran wirst du untergehen. Nur Gewalt- 
same hast du bis jetzt bezwungen. Ich allein, ich habe keine Waffen, 
keine Soldaten, und ich gehorche dir, weil ich ohnmachtig bin. Und 
nichts ist einem Gewaltigen gefahrlich, so gefahrlich wie der Gehor- 
sam der Ohnmachtigen. Der Schwache wird den Starken besiegen!« 
»Ich werde«, sagte der Kaiser, »die Kirche Chris ti grofi und machtig 
machen!« 

»Die Grofie und die Macht der Kirche kann der Kaiser Napoleon nicht 
sichern«, erwiderte der Greis. »Die Kirche braucht keine gewaltsamen 
Kaiser. Du hast mich kommen lassen, nicht umgekehrt! Die Kirche ist 
ewig, der Kaiser ist verganglich.« 
»Ich bin ewig!« rief der Kaiser. 

»Du bist verganglich«, sagte der Greis, »wie ein Komet. Du leuchtest 
allzu stark! Dein Licht verzehrt sich selbst, indem es leuchtet, wahrend 
es leuchtet. Aus dem Schoft einer irdischen Mutter bist du geboren!« 
In diesem Augenblick war es dem Kaiser, als verwandelte sich die Ge- 
stalt des Greises in die Gestalt seiner Mutter. Er sank auf die Knie und 



DIE HUNDERT TAGE 833 

verbarg seinen Kopf in ihrem Schofi.»Nabulio!« sagte sie zu ihm. Sie 

trug das rote, wallende Gewand des Heiligen Vaters, und sie sagte: 

»Ich vergebe dir alles! Ich vergebe dir alles! Nabulio, liebstes meiner 

Kinder !« 

Er erhob sich, da schlug es Mitternacht von den Tlirmen der stillen 

Stadt. 

Es schlug Mitternacht vom Turm, mit schweren, drohnenden Schla- 
gen. Ihnen erwiderte mit zartem, silbernem Glockchen die kleine 
Standuhr auf dem Kamin. »Licht!« befahl der Kaiser. Er erhob sich 
schnell. Er trat vor den Spiegel, ordnete die Haare und rief: »Meine 
Uniform! Meinen Degen! Meinen Hut!« 

Der Diener kleidete ihn um. Er stand da, vor dem Spiegel, betrachtete 
unentwegt sein Gesicht, hob willenlos den FuE und das Bein, sah zu, 
wie man ihn verwandelte. Die weifien Hosen, frisch mit Kreide einge- 
rieben, leuchteten ihm fast schallend entgegen, die Stiefel blinkten, sie 
selbst schwarze Spiegel. Die Scharpe schimmerte. Der Griff des De- 
gens funkelte. »Ist der Rock eigentlich blau?« fragte er. Er hatte nie- 
mals die Farben genau unterschieden, er dachte in diesem Augenblick 
eigentlich gar nicht an den Rock und an dessen Farbe, sondern daran, 
dafi ihm manchmal diinkte, Rot sei nicht vom Griin verschieden. An 
einem Tage, er wufke nicht mehr genau, wann und wo, hatte er das 
Blut aus der Wunde eines Toten uber das griine Gras der Wiese flieften 
sehen, und es hatte ihm geschienen, das Blut des Menschen hatte die 
Farbe des Grases angenommen. Und er war erschrocken gewesen. Er 
hatte dieses lacherliche Ereignis langst vergessen, jetzt fiel es ihm wie- 
der ein, da er den Rock anzog. »Blau?« fragte er. »Der Rock Eurer 
Majestat ist griin«, sagte der Diener. Der Kaiser sah genauer in den 
Spiegel. Ein paar Sekunden lang, wahrend er sich grundlich im Spiegel 
betrachtete, kam es ihm vor, als lebte er gar nicht wirklich, als ware 
alles gespielt, heute und immer. So, er hatte es oft beobachtet, pflegte 
sein Freund, der Schauspieler Talma, in den Spiegel zu sehen, vor einer 
seiner grofien Szenen. Der wirkliche Kaiser Napoleon war verborgen, 
tief drinnen, im letzten Winkel seines Herzens, der wirkliche Kaiser 
kam niemals zum Vorschein. Alles auf Erden war Spiel und sinnloser 
Schauplatz, und er selbst, der Kaiser Napoleon, spielte jetzt die Rolle 
des Kaisers Napoleon, der sich in die Hande der Feinde begibt. Des- 
halb hat er die zivilen Kleider abgelegt und die Uniform angezogen; 



834 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

genauso, wie er auf den vielhunderttausend Bildern gezeigt ist, die 
ihn in der ganzen Welt darstellen, will er sich zum Feind begeben. 
»2wischen Griin und Blau«, sagte der Kaiser, als sprache er zu sei- 
nem Spiegelbild, »habe ich niemals genau unterscheiden konnen.« - 
Dem Diener schauderte. Er hatte niemals den Kaiser so sprechen 
horen. »Und einmal«, fuhr der Kaiser fort, »habe ich auch gedacht, 
das Blut der Menschen sei gar nicht rot.« »Jawohl, Majestat!« sagte 
der Diener verlegen und schaudernd. 

Stimmen wurden drauften laut, unter dem Fenster. Man verlud un- 
ten das Gepack des Kaisers und das des Gefolges. Er ging zum Fen- 
ster, sah hinaus, riihrte sich nicht. »Mein Freund«, sagte er nach lan- 
ger Zeit und wandte sich urn, »dies ist meine letzte Nacht in Frank- 
reich.« 

»Dann soil es auch meine letzte Nacht sein - wenn es so ist«, stam- 
melte der Diener. 

»Komm her!« sagte der Kaiser. »Sieh sie dir gut an!« Der Diener 
trat zu ihm. Sie standen beide lange so, stumm und reglos, neben- 
einander am Fenster. 

Der Himmel lichtete sich, ein silberner Schleier wogte iiber dem 
Meer, ein Wind erhob sich, und leise und zartlich klirrten die Fen- 
ster. 

»Es ist Zeit!« sagte der Kaiser. »Wir gehen!« 

Sie gingen. Der Kaiser voran, mit starkem Schritt, den Kopf auf- 
recht, in den blendenden weifien Hosen, in den blitzenden, blanken 
Stiefeln, bei jedem Schritt klirrten wimmernd seine Sporen. Die frii- 
hen Fischer der Insel standen vor ihren Hiitten, barhauptig und reg- 
los. Der Kies knirschte unter den Schritten des Kaisers und seiner 
Gefolgschaft. Man horte die Fufie der Menschen, die Antwort des 
Kiesels und manchmal den Schrei einer Mowe. Es wartete schon das 
Boot, mit geblahten Segeln. Der Kaiser betrat es. Er sah sich nicht 
um. 

Die Brise war schwach. Man sah das Schiff »Bellerophon«. 
Als die Schaluppe ankam, um den Kaiser zu holen, tauchte zur 
Rechten die Sonne aus dem Meer, rot und gewaltig rollte sie lang- 
sam am klaren Horizont empor. Ein dichter Schwarm weifter Mo- 
wen erhob sich von den Molen und flatterte mit Gekreisch iiber 
dem Boot in unermudlichen Schwarmen. 
Nichts mehr war zu horen als das Kreischen der Mowen und das 



DIE HUNDERT TAGE 835 

zartliche Anschlagen des Wassers an das Boot. Auf einmal riefen die 
Matrosen: »Es lebe der Kaiser !« Sie warfen die Miitzen in die Luft und 
schrien: »Es lebe der Kaiser!« Die Mowen flogen erschreckt in die 
Weite. 

Dies ist das letzte Mai, dachte der Kaiser, dafi ich diesen Ruf hore. Bis 
zu diesem Augenblick hatte er noch gehofft, er spiele, wie in der 
Nacht, vor dem Spiegel; er sei nicht der Kaiser Napoleon selbst, son- 
dern ein Komodiant, der ihn dars telle. Aber die Matrosen, die da geru- 
fen hatten: »Es lebe der Kaiser!« - sie hatten nicht gespielt. Ach, es war 
keine Szene! Er war der Kaiser, der wirklich dahinging, um zu sterben, 
und die Matrosen riefen aus voller Brust: »Es lebe der Kaiser !« 
Da er nun an Bord der »Bellerophon« trat, fuhlte er, dafi ihm die Tra- 
nen kamen. Er durfte sie aber nicht sehen lassen. Der Kaiser Napoleon 
durfte nicht weinen. »Die Lorgnette !« rief er. Man reichte sie ihm. Er 
kannte sie gut! Durch diese Glaser hier hatte er viele Schlachtf elder 
betrachtet, Feinde erspaht, ihre Plane errechnet. Jetzt fuhrte er sie 
schnell an die Augen. Seine heifien Tranen rannen in die schwarzen 
Hohlungen, triibten im Nu die Glaser, und er tat so, als blickte er 
angestrengt aufs Meer. Er wandte sich rechts und links, und alle, die 
ihn damals ansahen, glaubten, er blicke auf die See oder auf die Kiiste. 
Er aber sah gar nichts durch das Glas, nichts sah er, er fuhlte nur die 
heiften Tranen, und jede einzelne Trane schien ihm so grofi zu sein wie 
das ganze Meer. Er prefke die Glaser fest gegen die Augenhohlen, 
senkte den Kopf, der Hut beschattete sein Angesicht. Er strengte sich 
gewaltig an, um die Tranen zu ersticken. Er setzte das Glas ab. Nun 
sah er die Kiiste Frankreichs, stark und heiter schien sie ihm, anmutig 
und voller Wonnen. »2uriick!« sagte er ganz leise - und wufke dabei, 
dafi er niemandem mehr befehlen'diirfe. Auf der stillen Flache des 
Meeres spielte in Millionen winzigen Wellen der silberne Glanz der 
Sonne. Weit war das Meer, weiter als alle Schlachtf elder gewesen wa- 
ren. Weiter war es auch als das Schlachtfeld von Waterloo. All die 
weiten Schlachtfelder des Kaisers reihten sich jetzt aneinander, iiber 
dem grenzenlosen Spiegel des Meeres. Es war dem Kaiser, als erblickte 
er alle seine Schlachtfelder auf der weiten, schimmernden Oberflache 
des Meeres hingelagert, und viele Tote auch, aus deren offenen Wun- 
den das Blut rann. Das Meer war griin wie eine Wiese, Tote lagen auf 
den Wiesen, ganz vorne unter ihnen ein kleiner Tambour, ein Knabe 
noch, das Gesicht zugedeckt mit dem rot-blauen Tuch, das der Kaiser 



836 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

einst alien Soldaten seiner Armee geschenkt hatte und auf dem alle 

seine Schlachtf elder verzeichnet waren. 

Der Kapitan des Schiffes kam heran. Er griifite, drei Schritte vor dem 

Kaiser blieb er stehen. 

»Ich begebe mich unter den Schutz Ihres Fiirsten und Ihrer Gesetze«, 

sagte Napoleon. Und wahrend er diesen Satz sagte, dachte er einen 

andern, der lautete: 

Ich begebe mich in Ihre Gefangenschaft! 



XIII 



Die Matrosen prasentierten die Gewehre. Ach! - Anders prasentierten 
sie die Gewehre als die franzosischen Soldaten, als die Manner von 
Frankreich! Englische Soldaten waren es, besiegt hatten sie den Kaiser, 
aber exerzieren konnten sie nicht! Und in dem Kaiser erwachte plotz- 
lich die alte, die einfache, die kindliche Lust des Soldaten, den Man- 
nern zu zeigen, wie man ein Gewehr prasentiert. In diesem Augenblick 
vergafi er, dafi er ein grofier und geschlagener, dafi er der grofite ge- 
schlagene Kaiser war; ein kleiner Instruktionsoffizier war er, der die 
Leute franzosisches Exerzieren lehrt, und er nahm einem der Matrosen 
aus der tadellos ausgerichteten Reihe das Gewehr aus der Hand und 
zeigte ihm, wie man in der franzosischen Armee die Waffen prasen- 
tierte, und sagte: »So, mein Sohn! So prasentiert man bei uns das Ge- 
wehr!« Er dachte, wahrend er diese einfache Bewegung ausfiihrte, an 
einen, an irgendeinen namenlosen Soldaten seiner grofien Armee, und 
er horte dabei das grofie, unsterbliche Lied der Marseillaise, das seine 
Militarkapellen zu spielen pflegten, wahrend man die Gewehre prasen- 
tierte. 

Er gab dem Matrosen das Gewehr zuriick und liefi sich vom Kapitan in 
die Kabine fiihren, die man fur ihn vorbereitet hatte. Als er sie betrat, 
sagte er: »Lafit mich allein!« - so heftig und so laut, daft sie alle er- 
staunt und erstarrt einen Augenblick stehenblieben - und sich dann 
erst bis zur Tur zuruckzogen. Der Kaiser blieb allein und betrachtete 
seine Kabine. Sie war geraumig und hatte zwei runde Fenster, ein Zim- 
mer mit zwei Augen, zwei Augen eines Wachters. Durch diese Augen, 
dachte der Kaiser, wird mich tagelang, wochenlang, das Meer bewa- 
chen, das feindliche Meer. Immer war es mein Feind gewesen! Welch 



DIE HUNDERT TAGE 837 

ein Feind! - Es wird mich nicht begraben, es wird mich nicht ver- 
schlingen ! Hintragen wird es mich zu einer Kiiste, die noch feindlicher 
ist als es selbst! 

In diesem Augenblick begann die kleine Standuhr auf dem Tisch, die 
achte Stunde zu schlagen, und kaum waren ihre acht wehmutigen 
Schlage verklungen, so ertonte aus ihrem Innern das Lied der Marseil- 
laise, eine sehr diinne, sehr zarte, beinahe zitternde Marseillaise. Es 
war, als weinte die kleine Uhr die machtigste und mannlichste aller 
Melodien der Welt. Dunn und zaghaft kam das Lied aus dem Innern 
des Instruments, es klang so, als beweinte die Melodie sich selbst, es 
klang, als tonte die Melodie aus dem Jenseits wider, eine tote Marseil- 
laise, die noch immer singt. Dennoch vernahm der Kaiser, wahrend er 
ihr zuhorte, den allmachtigen Gesang aus vielhunderttausend Kehlen, 
dazwischen die Rufe: »Es lebe der Kaiser!«, die allmachtigen Rufe aus 
vielhunderttausend lebendigen Herzen, das Lied des Volkes von 
Frankreich, das Lied der Schlachten und das Lied der Freiheit: Wer es 
allein, fur sich singt, wird der Genosse der Millionen, und wer es ge- 
meinsam mit den andern singt, wird ihnen alien gleich und der gebo- 
rene Bruder der Millionen. Es ist das Lied der Einfachen, und es ist das 
Lied der Stolzen. Es ist das Lied des Lebens, und es ist das Lied des 
Todes. Das Volk von Frankreich, das Volk des Kaisers, sang es, wenn 
es in die Schlachten ging, in seine Schlachten, und wenn es aus seinen 
Schlachten heimkehrte. Auch die Niederlagen noch verwandelte dieses 
Lied in Siege. Es besiegte auch die Toten noch, und es belebte die 
Lebendigen. Es war das Lied des Kaisers, wie das Veilchen seine 
Blume war, wie die Biene sein Tier war. - Als er die zaghafte, diinne 
Stimme aus der Uhr tonen horte, erschrak er zuerst, blieb stehen, 
schlug endlich die Hande vor das Angesicht, wunschte sich, weinen zu 
konnen, und konnte es nicht. Lange noch, nachdem die Spieluhr auf- 
gehort hatte, blieb er so, mitten in der Kabine, angeglotzt von den zwei 
toten, runden Fenstern. Mit einer erstickten Stimme rief er nach sei- 
nem Diener, den er drauften, vor der Tiir, wufke. »Marchand«, rief er, 
»stell die Uhr ab! - Ich kann die Marseillaise nicht mehr horen.« - 
»Majestat«, sagte der Diener, »ich hore keine Marseillaise. « - »Ich aber 
hore sie«, sagte der Kaiser leise. »Ich hore sie. Sei still, Marchand! 
Horch zu! - Dann horst du sie!« 

Und obwohl die Uhr schon lange schwieg und obwohl man nichts 
anderes horen konnte als den zartlichen, platschernden Anschlag der 



838 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wellen an die Wande der »Bellerophon«, tat der Diener Marchand so, 

als ob er lauschte, und nach einer Weile sagte er: 

»Jawohl, Majestat, man hort die Marseillaise. « 

Und er ging an die kleine Standuhr heran, machte sich an ihr zu schaf- 

fen und meldete hierauf : 

»Majestat! Sie spielt nicht mehr!« 

Eine Mowe schlug in diesem Moment ans Fenster. 

»Offnen!« befahl der Kaiser. 

Der Diener machte eines der runden Fenster auf. Der Kaiser stellte 

sich davor und sah hinaus. Er sah nur noch einen schmalen, silbernen 

Streifen von der Kiiste Frankreichs. 



VIERTES BUCH 
DAS ENDE DER KLEINEN ANGELINA 



I 



In diesen Tagen kamen viele Menschen zu Jan Wokurka. Seine alten 
Kameraden, die polnischen Legionare, brachten immer wieder neue 
Menschen mit, heimatlose Freunde, Soldaten der kaiserlichen Armee, 
die das neue grofie Unheil des Kaisers noch ratloser gemacht hatte, als 
sie vorher schon gewesen waren. Friiher waren sie nur ungliicklich 
gewesen; jetzt aber waren sie bereits verloren. Der Bo den wankte un- 
ter ihren Fiifien, sie begriffen es nicht; war es doch ihr heimatlicher 
Boden. Es war ja Paris, die Hauptstadt ihres Landes! Dennoch wankte 
die heimatliche Erde unter den Fiifien ihrer eigenen Sonne. Die Solda- 
ten der feindlichen Armee marschierten bewaffnet durch die Straften 
von Paris. Man horte die feindlichen Marsche, gespielt und getrommelt 
von feindlichen Militarkapellen. Alle Armeen von Europa, so schien es 
den alten Soldaten der kaiserlichen Armee, hatten sich in Paris verabre- 
det. Jeden Morgen exerzierten sie. Jeden Vorrriittag marschierten sie, 
gut gefuttert, in tadellosen Kleidern, durch die Straften der Stadt. Am 
Rande der Burgersteige schlichen die Soldaten der kaiserlichen Armee 
einher, zerlumpt und verhungert. Herrenlosen Hunden glichen sie. 
Der Kaiser war weit! Auf unbekannten Meeren segelte er herum, ir- 
gendwo, einem unbekannten, aber gewifi schrecklichen Schicksal ent- 
gegen! Ein neuer, ein alter Herr safi auf dem Throne Frankreichs, ein 
dicker, gutmiitiger Konig. Sie hafiten ihn nicht; aber mit ihm waren die 
Feinde gekommen, die wohlgenahrten Truppen mit der feindlichen 
Marschmusik. Vor der Kalesche, in der er seine Residenz und seinen 
Thron zum zweitenmal erreicht hatte, waren - so erzahlte man sich 
unter den Soldaten - englische Kanonen gefahren, preufiische Reiter 
und osterreichische Husaren geritten. Ebenso dachten die Menschen 
aus dem Volke. Da die Feinde den Konig gebracht hatten, war auch 
der Konig ein Feind. War es uberhaupt noch der Herr von Frankreich, 
durch dessen Hauptstadt die fremden Soldaten marschierten? Hatte 
Frankreich noch einen Herrn? War es nicht schon die Beute der Welt? 
Einst war die ganze Welt die Beute des grofien Kaisers gewesen. In 
jedem Lande der ganzen grofien, bunten Welt war jeder Soldat der 



84O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kaiserlichen Armee heimisch gewesen. Jetzt aber schlichen sie alle 
durch die Strafien der heimatlichen Hauptstadt wie Fremde und Land- 
streicher. Deshalb versammelten sie sich, wenn der Abend kam und 
die Dammerung sie noch heimatloser zu machen schien, bei alten 
Freunden. Auch hungrig waren sie; eine Pfeife Tabak und ein Glas 
Wein wiinschten sie sehnsiichtig. Und Leute wie der Schuster Wo- 
kurka waren gastfreundlich. 

Es waren klare, wolkenlose Sommertage. Es war den alten Soldaten, 
als hohnte sie dieser Sommer; als zeigte ihnen der Himmel deutlich, 
dafi er sich um das Ungliick Frankreichs und des Kaisers nicht kiim- 
merte. In einem bestandigen, heiteren Blau wolbte er sich iiber der 
Trauer dieser Erde. Fern und unbekiimmert strahlte die Sonne iiber 
den verhafiten Fahnen der Feinde. Der Sommer selbst feierte den Sieg 
der Feinde. 



II 



An einem dieser heiKen Tage ging der Schuster wieder nach dem 
Schlofi, um Angelina zu suchen. Er war bereits ein paarmal dort gewe- 
sen. Er liebte sie mit alien Kraften seiner einfachen Seele. Er zitterte 
auch um sie in diesen Tagen. Sie konnte etwas Unbedachtes sagen und 
sich Gefahren bereiten, den Tod sogar heraufbeschworen. Sie kam 
nicht selbst zu ihm, obwohl er ihr doch gesagt hatte, dafi er sie erwarte, 
wenn sie in Not gerate. Nun war sie gewifi in Not geraten, und sie kam 
dennoch nicht. Er machte sich auf den Weg, um sie wiederzugewin- 
nen. 

Er schritt munter aus unter der gluhenden Sonne. Der Schweifi rann 
iiber sein Angesicht, machte seinen buschigen Schnurrbart klebrig, 
nafite sein Hemd, und sein armer Beinstumpf, eingebettet in ledernes 
Polster, gliihte wie ein offener Brand. Es war kurz nach Mittag, als er 
das Elysee erreichte. Er verlangte, Veronika Casimir zu sprechen. 
Einer von den Soldaten der Wache ging, sie zu suchen . . . es dauerte 
lange, ehe sie kam. Unerbittlich brannte die Sonne, und man lieft Wo- 
kurka nicht einmal in den schmalen Schatten durch das Tor. Veronika 
kam endlich, umarmte ihn vor Running und Trauer und auch mit ein 
wenig vorgetauschter Herzlichkeit. Sie brauchte ihn jetzt, welch ein 
Wunder, dafi er gerade gekommen war! Sie hatte einen Handwagen, 



DIE HUNDERT TAGE 841 

sie packten gerade, sie und Angelina. Alle Dienerschaft des Schlosses 
hatte einen neuen Eid dem Konig zu leisten - und wer ihn verweigerte, 
mufite es verlassen. Selbstverstandlich ging sie mit Angelina. Wie wohl 
tat ihr da eine mannliche Hilfe, sagte sie und blickte dabei auf das 
Holzbein Wokurkas. Er sah es wohl, klopfte darauf mit dem Knochel 
des Zeigefingers und sagte: »Es halt gut, Fraulein Casimir! Besser als 
mein altes!« 

Sie verliefi ihn. Er mufite warten, einen halben Nachmittag, aber er war 
gar nicht miide, trotz der Hitze. Er humpelte auf und ab, auf und ab, 
auf und ab, schon weckte er das Mifitrauen der geheimen Polizisten, 
die rings um das Schlofi patrouillierten. Er bemerkte sie wohl, und er 
hatte keine Angst vor ihnen. Er machte sich auf eine Antwort bereit, 
fur den Fall, dafi ihn einer fragen sollte. Er arbeitete an dieser Antwort 
redlich, er gedachte, etwa zu sagen: Fragen Sie Ihren Minister, den 
Minister Fouche, was er beim Konig zu suchen hat! Eine geistreiche 
Antwort, so schien es ihm, vieldeutig, sinnreich, und sie liefi keinen 
Widerspruch zu. 

Endlich, die Schatten waren schon langer, man loste gerade den 
Wachtposten ab, kamen sie, Veronika Casimir und Angelina. Sie roll- 
ten einen mafiigen, zweiradrigen Karren vor sich her. Auf dem lag, 
aufgeturmt und mit Stricken festgehalten, ihre Habe. Jede der beiden 
Frauen hielt je einen der beiden Griffe. Beim Ausgang hielt sie der 
Posten auf, hierauf ein Polizist in Zivil, Veronika sprach viel und wies 
Papierchen vor. In einer Stunde komme sie zuriick, sagte sie. 
Wokurka hatte Angelina lange nicht mehr gesehen. Da er sie jetzt wie- 
der erblickte, war es ihm, als sei kaum ein Tag seit dem letztenmal 
vergangen. So vertraut und nahe kam seinem verliebten Auge das ge- 
liebte Angesicht vor. Der Kaiser war gekommen und geflohen, der 
Konig war heimgekehrt, vieltausend Menschen waren gef alien, auch 
der Sohn Angelinas war tot . . . dem Schuster Wokurka aber schien es, 
gestern erst oder vorgestern habe ihn Angelina verlassen. Die ganze 
Zeit, in der er sie nicht gesehen hatte, war grofi und ewig gewesen, auf 
einmal aber, in dieser Sekunde, war die ganze Zeit ausgeloscht. Er gab 
Angelina die Hand und sagte gar nichts. Dann nahm er die beiden 
Griffstangen des Karrens in seine harten Fauste und fragte: »Wohin 
also?« mit angstlichem Herzen. »Zur Pocci, natiirlich!« sagte Veronika 
Casimir. 
Er humpelte dahin zwischen den beiden Frauen, den schweren Karren 



842 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

rollte er dahin wie ein Spielzeug. Er war aufgeraumt, und er redete 
laut, um das Stampfen seiner Kriicke und das Rollen des Karrens auf 
den holprigen Steinen zu iibertonen. Was ging ihn, Jan Wokurka, in 
dieser Stunde das ganze Unheil der Welt, des Landes und dieser Stadt 
an? Mochten hundert grofie Kaiser gehen, hundert alte, wohlbeleibte 
Konige wiederkommen - meinetwegen, meinetwegen, dachte er- und 
er aufierte auch seine Meinung: »Siehst du, Angelina, ich hab' es dir 
gesagt! Was geht uns Kleine das Schicksal der Grofien an? Waren wir 
damals in meine Heimat nach Polen gefahren! Heute schon warst du 
heimisch dort und hattest alles vergessen!« Darunter stellte er sich 
nichts Genaues vor, unter dem alien, was Angelina vergessen haben 
konnte; aber er wurde geriihrt in dem Augenblick, in dem er die bei- 
den Worte »alles vergessen« aussprach, und ein gewaltiges Mkleid mit 
Angelina erfullte ihn. »Man soll«, fuhr er fort, »sein Herz nicht an die 
Grofien und Machtigen hangen, wenn man unsereins ist, klein und 
gering. Ich habe es langst gesagt, seit vielen Tagen wiederhole ich es 
meinen unglucklichen Freunden. Siehst du, Angelina, sehen Sie, Frau- 
lein Casimir! Was habe ich davon gehabt? Ich habe mein Herz an eine 
grofie Sache gehangt und an den grofien Kaiser. Ich habe das Vaterland 
befreien wollen. - Ich bin ein Schuster geblieben, ich habe ein Bein 
verloren, mein Vaterland ist nicht befreit, der Kaiser ist geschlagen! 
Mir soil noch einer sagen, ich soil mich um die grofie Geschichte kiim- 
mern! Die kleinen, die kleinen Geschichtchen sind es, die ich Hebe. Du 
allein kiimmerst mich, Angelina! Sag, jetzt, nach all dem: Willst du 
fahren? mit mir?« 

»Ich danke dir!« sagte sie nur. »Spater, wir sprechen noch davon. « Sie 
hatte nicht erklaren konnen, was in ihr vorging, denn es fehlte ihr 
ebenso an dem Mut, ihre Gedanken auszudriicken, wie auch an den 
Worten, die dazu notig waren, und an der Fertigkeit, sie gehorig zu 
setzen. Sie dachte, es sei nicht falsch, was der Wokurka sage, aber ihre 
grofie Sache, an die sie das Herz verloren hatte, sei eben ihre kleine 
Sache und es sei gleichgiiltig, ob man von Anfang an, auf Gottes Ge- 
heifi gewissermafien, einen grofien Kaiser liebhaben miisse oder ir- 
gendeinen beliebigen andern. Die Sachen waren eben grofi und klein 
zugleich, so dachte sie. Aber konnte sie es ausdriicken? Und, wenn sie 
es konnte, wiirde man sie begreifen? Soviel Verwirrung, Qual und 
Schande sie auch schon erlebt hatte seit ihrer Ankunft in dieser Stadt, 
sie wufite es, nichts war machtiger gewesen als ihre jahe Liebe, in der 



DIE HUNDERT TAGE 843 

alles enthalten war: Sehnsucht und Heimweh, Stolz und Scham, Be- 
gierde und Trauer, Leben und Tod. Jetzt, da der Kaiser fur alle Zeiten 
verloren war (oh, wie gut wufite sie es!), fiihlte sie deutlich, dafi sie nur 
von ihm gelebt hatte; weit von ihm; abseits von ihm; aber von seinem 
kaiserlichen Dasein. Ihr Sohn war tot, und der Kaiser war gefangen! 
Was konnte sie noch fiihlen? Gut zu ihr war der Wokurka. Aber war 
die Giite grofi und stark genug, um ein Herz zu beleben, ein totes, 
kleines Herz? - Wenn ich ein Mann ware! dachte sie. Sie sagte es laut, 
gegen ihren Willen. »Wenn ich ein Mann ware!« - »Was tatest du?« - 
»Ich hatte ihn nicht gehen lassen. Auch ware ich mitgegangen!« - 
»Auch von Mannern hangt nichts ab«, sagte Wokurka, »was in der 
Welt Grofies vorgeht. Man miifite schon ein so grofier Mann sein, wie 
er selbst einer gewesen ist, um etwas zu andern. Wenn man klein ist, ist 
es gleich, ob Mann oder Frau!« 

Es war schon voli in der Werkstatt Wokurkas, als sie ankamen, wie alle 
Tage um diese Zeit. Er liefi seine Stube unverschlossen, seine Freunde 
konnten gehen und kommen nach Belieben. Einige standen vor dem 
Tor und sprachen mit den Nachbarn. Die Dammerung nahte schon, 
die gefurchtete Dammerung nahte den Einsamen und den Geschlage- 
nen. Man half das Gepack zur Hebamme Pocci hinaufbringen. Man 
fragte Veronika Casimir, wie es im Schloft aussehe und ob sie den Ko- 
nig gesehen habe. Einer fragte, ob die Frauen wiifken, wo der Kaiser 
jetzt hingebracht wiirde. Ein anderer antwortete, er selbst wisse es ge- 
nau: nach London, und dort wiirde man ihn sicher kopfen. Angelina 
zitterte. Es war, als hatte man ihr selbst das Todesurteil verkundet. 
»Wer sagt es? Wer sagt es?« schrie sie mitten durch das Gewirr der 
Stimmen. - »Es ist doch nichts zu machen!« sagte ein Mann. »Sie ha- 
ben es so beschlossen, die Grofien.« - Die kleine Stube war voll. Da sie 
so nahe beieinander standen und auch auf herbeigeholten Kisten, Stiih- 
len, Schemeln hockten und auf dem Bett Wokurkas, dichte, graue 
Wolken aus ihren Pfeifen aufwallten und das Licht verdunkelten, sah 
es aus, als waren ihrer noch viel mehr im Zimmer und als waren alle 
ihre Gesichter gleich. Einer, ein alter polnischer Legionar mit der Eh- 
renlegion an der zerschlissenen und arg befleckten Uniform, mit grau- 
schwarzem Bart und stark geroteten Wangen, zog eine Flasche aus der 
Rocktasche, setzte an, tat einen tiefen Schluck, sagte: »Ah!« - so laut 
und so grimmig, als ware es nicht ein Laut der Zufriedenheit, sondern 
des Grolls und des Unmuts - und so war es auch: Unmut und Groll, 



844 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die langst in ihm geschlummert hatten, lockte jetzt dieser Schluck aus 
seinem Herzen. Er tat noch einen, denn er fuhlte, dafi er jetzt, bald, 
irgend etwas Aufierordentliches werde tun miissen. Seine Ehre ver- 
langte es einfach. Er war ein alter, gutherziger und leicht erregter Pol- 
terer. Wokurka kannte ihn gut, zusammen waren sie marschiert, zu- 
sammen hatten sie geschossen, zusammen hatten sie getrunken, aus 
einer Schiissel gegessen, aus einer Pfeife geraucht. Obwohl in dem 
dichten Rauch die Gesichter aller vernebelt und entstellt waren, er- 
kannte Wokurka in den Augen seines Freundes - Jan Zyzurak hiefi er, 
und er war einmal Schmied gewesen - das alte, flackernde Flammchen, 
das den hochsten Grad der Aufregung Zyzuraks verkiindete, Er fiirch- 
tete ihn, der Frauen wegen. Die Hebamme Pocci, Angelina und Ve- 
ronika Casimir saften still da, auf dem Bett, das man ihnen eingeraumt 
hatte. Sie furchteten sich sehr, sie wufiten nicht genau, wovor. Aber die 
Manner, der Schnaps, den sie tranken - jeder hatte eine Flasche in 
seiner zerschlissenen Tasche-, ihre verzweifelten Gesichter, ihre trost- 
losen Reden jagten den Frauen einen grofien Schrecken ein. Dennoch 
wagten sie nicht aufzustehn. Was den Schmied Zyzurak anbetraf, so 
sah er schon nach dem zweiten tiefen Schluck die Versammelten nicht 
doppelt, sondern zehnfach. Ihm schien es, er stunde unter freiem Him- 
mel, vor vielem, vielem Volk, und der Geist kam iiber ihn, der Geist 
seines unseligen polnischen Vaterlandes und auch der Geist des Kai- 
sers, und diese beiden Geister geboten ihm zu reden, und es schien 
ihm, dafi er viel und Bedeutendes zu sagen habe. Er hob beide Hande, 
wie zu einer Beschworung, verlangte mit lauter Stimme Ruhe und 
Licht (»denn es ist schon Abend«, sagte er, »und ich mufi euch sehen 
konnen, wenn ich euch etwas zu sagen habe«). Man entziindete die 
drei Kerzen in der Laterne. Die Lichter verloren sich elendiglich in 
dem graublauen Rauch und verbreiteten durchaus nicht Helligkeit ge- 
nug, als dafi der Schmied seine Freunde hatte sehen konnen. Er aber 
glaubte, er sehe sie jetzt genau, die vielen Tausende seiner Zuhorer. 
Unter freiem Himmel stand er, in der warmen Sommernacht, und acht 
Windlichter leuchteten wie acht Monde. »Volk von Paris !« begann er- 
»ja, Volk von Frankreich! Man schleppt den Kaiser Napoleon - ich 
habe geheime Kunde erhalten - in dieser Stunde nach England, auf die 
Festung des Prinzregenten, nach London also. Man schleift schon das 
Beil, das ihn kopfen wird. Hort ihr, wie man es schleift? Sind wir 
Weiber oder Manner? Der Kaiser hat nicht freiwillig das Land verlas- 



DIE HUNDERT TAGE 845 

sen, wie die Zeitungen erzahlen. Verraten und auf ein Schiff ge- 
schleppt haben ihn die Leute, die er fur seine liebsten Freunde hielt. 
Ein General- ihr kennt ihn alle - ich schame mich, seinen Namen 
vor euch auszusprechen - hat drei Stun den vor der Schlacht dem 
Feind seine Plane verraten. Verrat, Verrat, iiberall Verrat!« - Er hielt 
ein und streckte die Hand aus. » Verrat, Verrat !« riefen die andern. 
»Recht hat er, recht hat er!« Der Schmied Zyzurak sprach noch lange 
weiter, aber die Leute horten ihm nicht mehr zu. Sie waren ein klei- 
nes Hauflein von zwolf Mannern, aber jeder von ihnen hatte viel ge- 
trunken und wenig gegessen, und jeder von ihnen sah seinen Nach- 
sten doppelt und auch vielfach, und in jedem von ihnen klang die An- 
rede nach: »Volk von Paris !«, und jeder einzelne fiihlte sich allein 
schon als das Volk von Frankreich. Sie bemerkten nicht einmal, dafi 
ihr Kamerad zu sprechen aufgehort hatte. Er hatte mitten in der Rede 
abgebrochen. Alle fiihlten sie nur, dafi unbedingt, um jeden Preis, ir- 
gend etwas getan werden musse. Einer aber, ein Unteroffizier von 
den Dreizehner-Jagern, glaubte zu wissen, das einzige, was geschehen 
musse, sei ein Ruf, der alte Ruf, den er so oft schon ausgestofien 
hatte. »Es lebe der Kaiser !« schrie er. Alle antworteten mit dem glei- 
chen Schrei. Sie nahmen die Pfeifen aus den Miindern und setzten 
noch einmal die Flaschen an. Plotzlich begann einer zu singen, das 
alte Lied, bei dessen Klang sie aufgewachsen und Manner und Solda- 
ten geworden waren. Sie sangen mit heiseren Stimmen, aus trunkenen 
Herzen, das Lied der Marseillaise, den Gesang des franzosischen Vol- 
kes, das Lied des Kaisers und seiner Schlachten. Stark schaukelte die 
Laterne iiber dem Kopf Zyzuraks, die Scheiben klirrten. Die gesessen 
waren, erhoben sich und sangen mit. Sie traten den Takt mit den Fii- 
fien. Sie traten immerzu auf der Stelle, aber ihnen alien war, als mar- 
schierten sie weit, iiber die grofien Straften der Erde, iiber die sie der 
Kaiser einst gefiihrt hatte. Erst als das Lied zu Ende war, sahen sie 
einander ratios und toricht an. Der Zauber war von ihnen gefallen, sie 
erkannten, dafi sie in der Stube Wokurkas geblieben waren, ver- 
schwunden waren die breiten Strafien, iiber die sie der Kaiser gefiihrt 
hatte. 

Es war lange still. Sie standen alle da, mit kraftlosen Armen, die 
Frauen mit heiflen, roten, verlegenen Gesichtern. »Auf, gehen wir!« 
rief plotzlich einer in die Stille. - »Gehn wir!« sagten andere. »Wohin 
wollt ihr?« fragte Wokurka. - »Wohin? - hort nicht auf ihn«, rief der 



846 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Jager, »ich fiihre euch. Was ist unser Leben? Wer von euch furchtet, es 
zu verlieren?!« 

Sie waren begeistert vom Lied, von ihren eigenen Stimmen, betaubt 
vom Hunger, der seit vielen Tagen in ihnen wiitete, berauscht vom 
Schnaps, der alleih sie noch erhielt, und benebelt vom Rauch und er- 
schlagen vom Ungliick. Das Sinnlose erschien ihnen einfach, das T6- 
richte nutzlich. Dennoch zogerten sie noch, unentschlossen und 
furchtsam. Plotzlich rief Angelina - aber sie rief nicht selbst und nicht 
mit eigenem Willen, irgendeine unbekannte Kraft schrie aus ihr-: 
»Gehn wir!« Sie schrie es mit gellender Stimme, erschrak selbst, 
lauschte eine Weile, sah sich urn, als wollte sie erkennen, wer eigentlich 
gerufen habe. Sie trat vor, hin zur Tur, erschrocken machte man ihr 
Platz, es war, als ginge ihr scharfer Schrei vor ihr her und machte ihr 
den Weg frei. Sie war barhauptig, ihre roten Haare brannten, ihr klei- 
nes, armseliges, sommersprossiges Angesicht war hart, gehassig, gram- 
voll und auf einmal ganz alt. Sie wufke nicht mehr, was mit ihr ge- 
schah, sie stand an der Tur, sie ging hinaus, die Manner folgten ihr. 
Auf der Strafie gingen sie einher, eine arme, dunkle Gruppe, unter dem 
silberblauen, abendlichen Himmel dahin, stumm zuerst, man horte 
nur das Holzbein Wokurkas auf den Stein schlagen. Plotzlich begann 
der Jager, die Marseillaise zu singen. Sie sangen mit. Sie erfullten die 
Gasse mit heiserem Gesang. Die Fenster gingen auf. Menschen sahen 
hinunter. Einige winkten. Andere riefen: »Es lebe der Kaiser !« Sie hat- 
ten nicht weit zum koniglichen Schlofi, und in alien Kopfen erwachte 
gleichzeitig der sinnlose, heifie Wunsch, vor das Schlofi zu ziehn. Eine 
winzige, eine lacherlich winzige Schar! Aber, da sie so gewaltig johl- 
ten, Rufe ihnen von vielen Fenstern zuflogen, schien es ihnen, sie seien 
Hunderte, Tausende, das Volk von Frankreich. Im nachsten Augen- 
blick aber vernahmen sie von den Ufern der Seine her, denen sie entge- 
genschritten, das feindliche Lied und den ubermachtigen Schrei aus 
wirklich tausend Kehlen: »Es lebe der K6nig!« - Sie stiefien so, das 
armliche Haufchen, mitten in den grofien Zug der Koniglichen, blie- 
ben zuerst stehen, wandten sich um und zerstreuten sich. Wokurka 
nur, der als letzter ging, versuchte Angelina zu erreichen. Er sah, wie 
auch sie zuerst stehengeblieben war. Im nachsten Augenblick eilte sie 
vorwarts, der Menge entgegen, mitten in die Flanke der Menge. Er 
glaubte, ihre roten Haare loderten jetzt wie ein wirkliches Feuer. Ihr 
Kleid flatterte, die Arme hatte sie erhoben, es sah aus, als floge sie, von 



DIE HUNDERT TAGE 847 

dem Brand ihres roten Haares uberflackert. Mit einem grellen Schrei, 
der Wokurka wie ein unmenschlicher, tierischer, wilder und zugleich 
himmlisch-machtiger vorkam, stiirzte sie sich in die dunkle, dichte 
Schar. »Es lebe der Kaiser !« schrie sie. Und noch einmal: »Es lebe der 
Kaiser !« Wokurka sah, wie man sie fafite. Ein Teil der schreitenden 
Menge hielt einen Augenblick still, langer dauerte es nicht. Da wirbelte 
schon iiber den Kopfen Angelina durch die Luft. Ihr dunkles Kleid 
blahte sich weit, Hande hoben sich, urn sie aufzufangen. Noch einmal 
warf man sie hoch, dann fiel sie irgendwo nieder, und unendlich mar- 
schierte die Menge weiter. 

In der Mitte dieser konigstreuen Menge, hoch iiber alien Kopfen, 
schwankte eine lacherliche Puppe, aus Fetzen zusammengeflickt, aus 
bunten, armen, lacherlichen Fetzen. Sie stellte den Kaiser Napoleon 
dar, den Kaiser in der Uniform, in der ihn das Volk von Frankreich 
kannte und verehrte, den Kaiser im grauen Rock, mit dem schwarzen, 
kleinen Hut auf dem Haupte. 

An der Brust dieser Puppe hing, an einem groben Strick aufgehangt, 
ein schwerer, weifter Karton, auf dem mit groben, schwarzen Buchsta- 
ben, die weithin leserlich sein mufken, die ersten Verse der Marseil- 
laise, des Liedes der Franzosen, aufgezeichnet waren: »AUons, enfants 
de la patrie!« Der armselige, aus armseligem Stoff hergestellte Kopf des 
Kaisers hing an einem aufierst nachgiebigen Lappen und wackelte jam- 
merlich rechts und links, fiel bald vorniiber und hierauf nach hinten; es 
war gleichsam ein bereits gekopfter Kaiser, obwohl sein Kopf noch 
immer an dem schandlichen Lappen hing. Die Puppe, die den Kaiser 
Napoleon darstellte, schwebte und schwankte zwischen den zahllosen 
Fahnen des Konigs, zwischen den weifien bourbonischen Fahnen, die 
Puppe selbst ein Spott und dennoch noch einmal verspottet, sie selbst 
ein Hohn und noch hundertmal verhohnt. 

Als die Konigstreuen Angelina, die Kleine, sahen, die immer, auch 
wahrend man sie hoch warf wie einen Ball, die Marseillaise zu singen 
versuchte, aus geprefiter Kehle und aus einem Herzen, das seinen Tod 
schon nahe fiihlte, gefiel es einem der Konigstreuen, ihr die Puppe, die 
den Kaiser Napoleon darstellen sollte, nachzuwerfen. Wie man also 
die kleine Angelina in der Luft herumwirbelte und schliefllich an das 
steinige Ufer der Seine warf, geschah es, daft die jammerliche Puppe 
knapp iiber ihren hingeschmetterten Korper fiel Sie aber sah in diesem 
Augenblick nicht, dafi es eine Puppe war, ein Hohn auf den Kaiser, ein 



848 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Hohn aus armen Lappen. Sie sah nicht den also verspotteten, sondern 
sie sah den wirklichen Kaiser neben sich, hart neben ihrem zerschmet- 
terten Korper. Und sie las noch ganz deutlich die ersten Worte der 
Marseillaise, des Liedes der Franzosen: »Allons, enfants de la pa- 
trie! . . .« Als sie diese ersten Worte des grofien Liedes las, begann sie 
auch, das Lied zu singen, das oft gehorte, niemals gemig gehorte Lied. 
Mit dem Lied auf den Lippen schlief sie ein, hart neben der Figur des 
Kaisers, eines Kaisers aus Fetzen und Lumpen, und vor ihren brechen- 
den Augen die ersten Verse der Marseillaise und den schwarzen, klei- 
nen Hut Napoleons, den lacherlich gemachten, zerfetzten kaiserlichen 
Hut. 

Als der Zug vorbei war (es dauerte eine Ewigkeit), humpelte Wokurka 
hiniiber. Er fand Angelina an der Uferboschung. Ihr Blut rotete das 
Steingeroll. Es sickerte langsam und stetig aus dem Munde. 
Er safi neben ihr die ganze Nacht. Er wagte nicht, sie anzusehen. Er 
streichelte unermudlich ihr Haar, es knisterte noch. Eifrig gurgelte die 
Seine an ihm vorbei, er sah hartnackig, gedankenlos, betaubt in das 
hurtig dahinfliefiende Wasser. Es trug den Himmel, der sich darin 
spiegelte, mit sich fort und alle seine silbernen Sterne. 



ANHANG 

EDITORISCHE ANMERKUNGEN 

Ahkiirzungen 



LBI 

AKL 

Werke (1956), Mil 

Werke (1975/76), MV 

Perlefter 

Briefe 
Katalog 

Bronsen 
Hackert 

Willerich-Tocha 



Archiv des Leo-Baeck-Institute, New York 
Archiv des Gustav Kiepenheuer Verlags, Leipzig 
Joseph Roth, Werke in drei Banden, herausgege- 
ben und eingeleitet von Hermann Kesten, Am- 
sterdam/Koln-Berlin 1956 

-, Werke, herausgegeben und eingeleitet von 
Hermann Kesten, 4 Bande, Amsterdam/Koln 
1975-76 

-, Perlefter. Fragmente und Feuilletons aus dem 
Berliner Nachlaft, herausgegeben von Friede- 
mann Berger, Gustav Kiepenheuer Verlag, Leip- 
zig und Weimar, 2. Aufl. 19 81 
-, Briefe 1911-1939, herausgegeben und eingelei- 
tet von Hermann Kesten, Koln/Berlin 1970 
Joseph Roth 1894-1939, Eine Ausstellung der 
Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main, Kata- 
log: Hrsg. von Brita Eckert und Werner Ber- 
thold, Buchhandler-Vereinigung, Frankfurt 
a.M., 2. Aufl. 1979 

David Bronsen, Joseph Roth. Eine Biographie, 
Koln 1974 

Fritz Hackert, »Joseph Roths Nachlafi im Leo- 
Baeck-Institute in New York«, in: David Bronsen 
(Hrsg.)) Joseph Roth und die Tradition, Darm- 
stadt 1975, S. 3 74-3 99 

Margarete Willerich-Tocha, Rezeption ah Ge- 
dachtnis. Studien zur Wirkung Joseph Roths, 
Frankfurt a.M. u.a. 1984 



85O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

WASSERTRAGER MENDEL 

Manuskript 
M/i: AKL (Mappe 218): vermutlich ein »von Roth verworfener An- 
fang zum Roman >Hiob<« (Berger, in: Perlefter, S. 258). 7 mit Tinte 
beschriebene, karierte Blatter, ungefahr im A-4-Format; wenig korri- 
giert. Unterteilung in Kap. I -III.; auf Blatt 7 nach Ende von Kap. III. 
die Kapitelzahl IV. eingetragen, der jedoch kein Text mehr folgt. 

Druck 
D/i : in: Perlefter, S. 91— 113. - Uberschrift von Berger. 

Hier abgedruckt: D/i. 

Wassertrager Mendel 

Fragment eines Romans 

I 

Mendel war ein jiidischer Wassertrager. Er lebte in einer kleinen galizi- 
schen Stadt, an der russischen Grenze. Von den sieben Kindern, die 
ihm seine Frau geboren hatte, starben vier. Es waren zum Gliick nur 
Madchen gewesen. Die Jungen blieben am Leben. Sie lernten das 
Drechslerhandwerk und wanderten aus. Der Alteste liefi sich in Wien 
nieder. Der Zweite ging nach Berlin. Der Dritte floh aus Angst vor den 
Soldaten - er war der starkste - in seinem einundzwanzigsten Lebens- 
jahr nach Amerika. Mendels Frau starb an der Cholera. Mendel suchte 
nach einer neuen Frau, fand aber keine. Er blieb einsam und begann alt 
zu werden. 

Jeden Tag von sieben Uhr friih bis drei Uhr nachmittags, Sommer und 
Winter, brachte Mendel Wasser in die Hauser der Wohlhabenden. 
Zwei holzerne Kannen hingen, wie Waagschalen, an Schnuren von 
einem flachen Brett herab, das, ein anliegendes Joch, den Nacken Men- 
dels driickte. Er fuhlte die Last nicht mehr. Sein Vater war Wassertra- 
ger gewesen. Sein Grofivater auch. Mendel war mit seinem Beruf zu- 
frieden. Er hatte zwolf Kunden. In jedem Hause stand ein grofies Fafl. 
Jedes Faft mufke man dreimal bedienen. Dann war es voll. Sechsund- 



ANHANG 851 

dreifiig Mai ging Mendel taglich zum Brunnen. Die Hausfrauen sahen 
immer nach, ob das Fafi auch voll war. Mendel hegte aber auch nicht 
die Absicht zu betriigen. Leider hatten manche Fasser die Eigenschaft, 
das Wasser durchzulassen. So wurden sie niemals voll. 
Im Winter trug Mendel pelzgefiitterte Faustlinge. Der Brunnen- 
schwengel war mit einer Eisglasur bedeckt. Rings um den Brunnen 
wurde der Boden schliipfrig, eine kreisrunde Scheibe aus Eis. Es war 
nicht leicht, sich auf eisenbeschlagenen Sohlen aufrecht zu halten. Die 
armen Leute, die sich keine Wassertrager leisten konnten und selbst 
zum Brunnen gingen, rutschten regelmafiig aus. Schon daraus mufite 
man folgern, daft eines Wassertragers Handwerk nicht leicht war, wie 
manche glauben mochten. Auch zum Wassertragen gehorte Ubung, 
wenn nicht Studium. Es war ein ehrlicher Beruf, und man konnte auf 
ihn stolz sein. 

Leider beriet man gerade im Magistrat iiber den Bau einer Wasserlei- 
tung. Es war zu hoffen, dafi die Stadt nicht genug Geld haben wurde. 
Die Gemeinderate hatten kein Herz fiir die armen Menschen. Mendel 
war sechzig Jahre alt. Er hatte die Wahl, entweder brotlos zu werden, 
oder zu einem seiner Sonne zu wandern. 

Es waren gute Sonne. Sie schrieben ihrem Vater und schickten Geld. 
Die Briefe las Mendel sehr muhsam. Das Geld legte er in die Bett- 
schublade. Er begann, an den Tod zu denken, er sammelte fiir ein 
Grab, ein anstandiges Begrabnis und die vorschriftsmafiigen Leichen- 
gewander. Er hatte keine Furcht vor dem Jenseits. Er war immer ehr- 
lich gewesen, er hatte immer Gottes Gebote erfiillt. Er betete jeden 
Tag morgens und abends. Am Sabbat arbeitete er nicht. Er stand in 
einer bescheidenen Ecke des Bethauses, wie es einem Wassertrager ge- 
ziemt. Er gruftte -die reichen Juden. Er war freundlich mit seinesglei- 
chen. Er beneidete niemanden. Er achtete niemanden gering. Den To- 
destag seiner Frau, seiner Eltern und seiner Kinder feierte er nach den 
Gesetzen der Religion. Vor den Christen, den Pferden, den Hunden 
und den Gendarmen hatte er Angst. Den Brieftrager respektierte er. 
Von der Politik, dem Kaiser, dem Zaren, den Ministern horte er gerne 
sprechen. Die Offiziere der kleinen Garnison griifke er. Den Drago- 
nern, die in dieser Stadt lagen, ging er aus dem Weg. Wenn ihm jemand 
eine alte Zeitung schenkte, las er sie zwei Wochen lang. Denn er hatte 
keine regelmaftige Schulbildung genossen. 
Er hoffte, daft man die Wasserleitung erst nach seinem Tode einfuhren 



852 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wiirde, - wenn es Gott iiberhaupt gefiel, dieser Stadt eine Wasserlei- 
tung zu schenken. Denn alles hing von Gott ab. Gott war der Kaiser 
uber den Kaisern. Es war nicht gut, zu viel nachzudenken. Gott lenkte 
doch alles anders. 

Eines Tages erklarten die Herren der Welt einander den Weltkrieg. 
Mendel machte sich keine Sorgen. Seine beiden Sonne waren niemals 
Soldaten gewesen. Der jiingste Sohn lebte sicher in Amerika. Mendel 
selbst war zu alt. Auch arm war er. Einem Wassertrager konnte der 
Krieg nichts anhaben. 

Dennoch erwies es sich, dafi auch einem Wassertrager ein Weltkrieg 
nicht gut tut. Die wohlhabenden Leute verliefien, einer nach dem an- 
dern, die Stadt und fuhren westwarts. Bald hatte Mendel nur noch drei 
Fasser zu bedienen. Zum Gluck lag das Geld seiner Kinder noch in der 
Bettlade. Mendel kaufte Brot und Zwiebeln fur ein Vierteljahr. Er war 
vor dem Hunger geschiitzt. Das Brot konnte er rosten, wenn es alt 
war. Die Zwiebeln hing er ins Fenster. So blieben sie frisch. 
Eines Tages fand man mitten auf der Strafie, die zum Bahnhof fiihrte, 
ein totes Pferd. Das Geriicht erzahlte zwar von einem toten Dragoner. 
Aber auch ein totes Pferd war schlimm genug. - Am Abend desselben 
Tages sprengte eine Kavalleriepatrouille aus der Stadt. Zwei Stunden 
spater horte man schiefien. Nach Mitternacht kamen Kosaken. Die 
Feinde besetzten den Ort. 

Mendel hoffte dennoch auf den Sieg der Osterreicher. Denn erstens 
war der russische Zar ein Antisemit, und Gott strafte die Antisemiten. 
Zweitens war der osterreichische Kaiser ein guter, alter Herr, den Gott 
liebte. Drittens war Mendel ein Patriot und ein Verehrer der Deut- 
schen. 

Die Deutschen waren lauter feine und gebildete Manner, in alien 
Wissenschaften voran und mindestens so stark an Korper und Mus- 
keln wie die Russen. Die Kosaken dagegen waren besoffen. In 
Deutschland gab es keine Pogrome. In Rufiland totete man die Juden. 
Mendels Sohn schrieb wunderschone Dinge aus Berlin. Der erste 
Sohn schrieb gluckliche Brief e aus Wien. Das waren Beweise. In 
Moskau oder in Petersburg dagegen hatte sich kein judischer Drechs- 
ler niederlassen diirfen. 

Deshalb war Mendel des deutschen und osterreichischen Sieges sicher. 
Dennoch blieben die Russen in der Stadt. In den ersten Tagen schossen 
sie. Dann horten sie auf zu schiefien. Sie begniigten sich damit, Juden 



ANHANG 853 

in der Nacht zu priigeln. Eines Abends fiel Mendel einer Patrouille 

auf. Er hatte keinen Passierschein bekommen. Die Soldaten fiihrten 

ihn in die Kaserne. Er mufite sich auf eine Bank legen und erhielt 

zwanzig Stocks treiche. Er nahm die Schlage hin wie Schlage Gottes. 

Vor jedem neuen Stockschlag erzitterte er. Er fliisterte ein Gebet, wah- 

rend er geschlagen wurde. Dann begab er sich eilig nach Hause. Er lag 

drei Tage im Ben. Die Schmerzen horten auf. Blaue Striemen blieben 

langere Zeit. Er sprach mit jedem von den Schlagen, die er erhalten 

hatte. Es war selbstverstandlich, dafi man in einem Weltkrieg wenig- 

stens zwanzig Prugel bekam. 

Er war trotz seiner sechzig Jahre noch kraftig genug, und er beschlofi, 

Rache zu nehmen. Einmal traf er einen betrunkenen Kosaken in einer 

stillen Strafie. Mendel griff den Russen an, beraubte ihn des Sabels und 

schlug ihn so lange, bis der Soldat liegen blieb. Sehr zufrieden lief 

Mendel heim. Niemand erfuhr etwas von seinem Heldentum. Als man 

den Kosaken fand, konnte er sich an nichts mehr erinnern. 

Vierzehn Monate blieben die Russen in der Stadt. Fast gleichzeitig mit 

den ersten Patrouillen der Osterreicher kam ein Brief von Mendels 

Sohn aus Wien. Der Vater sollte sofort nach Wien kommen, schrieb 

der gute Sohn. 

Da erschrak der Wassertrager Mendel sehr. Denn weder er, noch sein 

Vater, noch sein Urgrofivater waren jemals irgendwohin gefahren, es 

sei denn, zu einer Hochzeit in ein nahes Dorf. 

Wien aber war kein Dorf. Wien war die Stadt, durch deren tausend, 

was sag ich? - zehntausend Strafien der Kaiser fuhr oder hoch zu 

Rosse ritt. In der Mitte der Stadt Wien stand der Palast des Kaisers. 

Er war aus Gold, Marmor und Brillanten. Vor dem Palast stand die 

Leibwache, in Rot, Gold und Eisen gekleidet. Die Leibwache war 

tausendmal grofier als die Gendarmerie. Der Kaiser ritt oder fuhr in 

der Mitte der Minister. Die Minister waren tausendmal kliiger als alle 

Biirgermeister. 

Wien war eine andere Welt. Ein Drechsler in Wien war mehr als ein 

Doktor in einer kleinen Stadt an der russischen Grenze. 

Ich glaube, sagen zu konnen, dafi es ein freudiger Schrecken war, der 

Mendel erf aft t hatte. 

Er zahlte das Geld in seiner Bettlade, ging zur Bahn und fragte nach, 

was eine Karte nach Wien koste. Dann kehrte er wieder heim, ver- 

packte seine Kannen, verkaufte das Bettzeug und ein Fleischmesser mit 



854 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

silbernem Griff einer Nachbarin. Hierauf nahm er von den wenigen 
Freunden, die er hatte, Abschied. Das Geld kniipfte er in ein gelbes 
Taschentuch. Das band er sich um den Hals. In einen holzernen Koffer 
packte er einige Hemden. In eine Hutschachtel legte er seinen Zylin- 
der. Dann setzte er sich in ein Coupe dritter Klasse. 
Nach einer halben Stunde warf ihn ein Feldgendarm hinaus. Der Zug 
hielt auf einer sehr kleinen Station. Mendel mufite aussteigen. Er war 
in ein Soldatenabteil geraten. Noch ehe Mendel den Waggon fur das 
Zivil gefunden hatte, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Mendel 
wartete einen Tag und eine Nacht auf einen andern Zug. 
Er safi im Wartesaal, Soldaten kamen, Soldaten gingen, jeder zweite 
fragte ihn nach dem Ziel seiner Fahrt. Und jedem Fragenden an two r- 
tete Mendel: 

»Ich fahre zu meinem Sohn nach Wien!« 

»Was ist denn Ihr Sohn in Wien?« fragte einer und ein anderer. »Mein 
Sohn ist ein DrechslerU antwortete Mendel. 

Gegen Mitternacht des nachsten Tages kam ein Zug, von dem alle sag- 
ten, er fahre wenigstens in jene Richtung, in der Wien aller Voraussicht 
nach liegen miisse. In diesen Zug stieg Mendel, der Wassertrager. 
Er kam nach achtundvierzig Stunden am Wiener Nordbahnhof an. Ein 
Zollwachter untersuchte sein Gepack. Der Beamte entnahm dem 
Pappkarton Mendels Zylinder. Der Beamte fragte: »Was machen Sie 
mit dem Zylinderhut?« 

Darauf wufite Mendel keine Antwort. Er hatte diesen Zylinder von 
seinem Schwiegervater, der ein Fleischer war, geerbt, niemals getragen, 
aber immer fur einen aufierordentlichen Schatz gehalten. 
»Tragt man hier in Wien keine Zylinder?« fragte Mendel. 
»Ja«, sagte der Beamte, »wenn Sie in Audienz, zum Kaiser, gehn!« 
»Vielleicht werde ich zum Kaiser gehn«, erwiderte Mendel; und der 
Beamte packte den Zylinder wieder ein. 

Als Mendel den Bahnhof verliefi, erblickte er seinen Sohn, Anselm 
geheifien. 

Anselm war grofi und mager, er sah aus wie ein Hungerkiinstler, oder 
so, wie man sich einen Hungerkiinstler vorstellt. Anselm hatte braune, 
eingefallene Augen, einen struppigen Schnurrbart und einen griinen 
Lodenhut mit einer Feder. Er kiifke seinen Vater, nahm beide Gepack- 
stiicke und lief zu einer Strafienbahn. 
»Sind wir noch nicht in Wien?« fragte Mendel seinen Sohn. 



ANHANG 855 

»Natiirlich, das ist Wien!« sagte Anselm. 

»Wozu fahren wir denn mit der Bahn?« fragte Mendel. 

»Weil Wien eine so grofie Stadt ist.« 

Mendel schwieg und sah durch die grofie Fensterscheibe die zuriick- 

fliegenden Hauser der Stadt Wien. Es waren freilich grofie Hauser. 

Aber sie waren alt, gelb, und Risse zogen sich durch die Mauern, ge- 

zackt und in Wellen. Manchmal sah Mendel in einen Hof. Rotes und 

weiftkariertes Bettzeug lag auf Balkonen, Federn schwammen durch 

die Luft. 

Da nahm sich Mendel ein Herz und sagte, ein bifichen bitter, zu sei- 

nem Sohn Anselm: »Wien ist keine schone Stadt !« 

»Du wirst schon sehn!« - sagte Anselm. 

Sie stiegen aus und gingen durch eine dunkle, alte und gekrummte 

Strafie. Mendel hatte nie geglaubt, dafi es in Wien solche Strafien gebe. 

Dennoch war er nicht enttauscht. Der Sohn Anselm schien ihm sehr 

vornehm. Mendel hatte sein Kind nicht wiedererkannt. Anselm kam 

ihm vor, wie ein vornehmer Forster. Hauptsachlich wegen des Loden- 

huts. 

Sie krochen vier steile Stockwerke empor und standen vor einer 

schmutzigen gelben Tur. Da wohnte Anselm. Seine Frau trug einen 

Schlafrock mit grofien gelben Blumen. Sie war dick, dunkelhautig, ihr 

aufgedunsener Leib hatte die Form einer groftbauchigen Flasche. Ihre 

runden groften Augen waren kalt, stumpf und dennoch feuchtglan- 

zend wie die Fischaugen. 

Mendel, der Wassertrager, kiifite sie und ein Kind nach dem andern. Es 

waren sieben Enkel. Jeden einzelnen hob er hoch. Er war geriihrt, und 

Tranen stiegen ihm in die Augen. Er hatte sich niemals vorgestellt, daft 

sein Stamm eine solche Verbreitung finden wiirde. Gleichzeitig dachte 

er daran, dafi ein Wassertrager in dieser Stadt nichts zu suchen hatte. 

Er sah zum ersten Mai in seinem Leben das Becken und den Hahn 

einer Wasserleitung; jener Wasserleitung, vor der er sich fiinf Jahre 

lang gefiirchtet hatte. Der Hahn safl nicht fest, wenn die Kinder einige 

Augenblicke schwiegen, horte man das Tropfen des Wassers, hell, gla- 

sern und hart, im unerbittlichen Gleichmafi, wie eine hartnackige 

Mahnung. 

Und es war Mendel, als sangen die Wassertropfen nur fur ihn und zu 

ihm. Zum ersten Mai fiihlte er ein wenig Zugehorigkeit zum Wasser, 

zum Element, von dem er mehr als fiinfzig Jahre gelebt hatte, und er 



856 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dachte an seine Kannen zu Hause. Wiirde er sie wiedersehn? Ganz 
deutlich sah er seine Kannen aus hartem Eichenholz mit den eisernen 
Reifen, und in den hohlen Handen, die er langsam schlofi, fuhlte er die 
gute Warme der holzernen Henkel. Er hatte niemals etwas von Was- 
sergeistern gehort, und dennoch fiel es ihm in diesem Augenblick ein, 
dafi er mit dem Wasser zusammenhing, wie ein Fisch, ein Frosch, eine 
Pflanze. In dem silbernen zogernden Tropfenfall horte er das Rau- 
schen, das dunkle, samtene Murmeln der Brunnengewasser, und noch 
einmal und eigentlich zum ersten Mai erlebte er das tausendfach er- 
lebte Wunder: wie aus dem finstergrunen Grunde kristallene Fliissig- 
keit sich heben liefi, und wie das Wasser an der Oberflache der Erde so 
ganz anders wurde, so hell und lebendig, wie man es ihm nie zugetraut 
hatte, wenn man es von oben her betrachtete. Es war, als hebe man 
einen modernen Leichnam aus der Gruft, und er verwandelte sich so- 
fort in einen lebendigen Menschen. 

Vor einer Schussel, die man ihm hinstellte, damit er sich saubere, blieb 
Mendel schweigend stehn, und er sah in die Fliissigkeit, wie man auf 
bunte und merkwiirdige Vorgange und Bilder sieht. Er hielt das gelbe, 
rauhe, vierkantige Stuck Seife in der Hand und wufite nicht, was damit 
anzufangen. 

Schliefilich buckte er sich tief, hob die Schussel etwas hoch und nahm 
aus ihr einen Mundvoll Wasser, wahrend seine Enkel, erfreut und 
jauchzend iiber diese neue Art der Reinigung ihn umstanden. Er 
spritzte mit blasenden Lauten aus dem Mund Wasser auf seine Hande, 
wie er es seit seiner Kindheit gewohnt war, und wusch das Gesicht, 
und schallend wurde der Jubel seiner Enkelkinder. Mendel war verle- 
gen. Er wufite nicht, woriiber sich die Kleinen so freuten. Dann 
schickte ihn der Sohn ins Bett, ein hartes und achzendes Bett. Mendel 
schlief ein und traumte von seinen Wasserkannen. Sie bewegten sich 
selbst, wankten und schwankten durch die Gassen seiner Heimat, 
tauchten selbstandig unter und kamen gefullt wieder an die Oberfla- 
che. 

Mendel erwachte erst in der Friihe des nachsten Tages. Der Morgen 
graute, und der Larm der grofien Stadt stiirmte, wie ein hastiger Frem- 
der, an das Lager Mendels. Er konnte nicht mehr schlafen, er horte das 
Klingeln der Strafienbahnen und das gleichmafiige Tropfen aus der 
Wasserleitung, erinnerte sich an seinen Traum von den selbstandig 
schwankenden Kannen und begann sich erst jetzt dariiber zu wundern, 



ANHANG 857 

dafi er da war; dafi er sechzig Jahre gelebt hatte in einer kleinen Stadt, 
jenseits der Welt, und daE er nun auszog, sie kennenzulernen, wie ein 
junger Mann. 

Die Kinder erwachten, das jungste schrie, Tliren gingen und wurden 
zugeschlagen, Anselms Frau stand auf, Anselm ging in die Arbeit. 
Mendel kleidete sich an. Er wollte eine Miitze anlegen, wie es seine 
Religion vorschrieb, iiberlegte es sich aber und blieb barhauptig, denn 
er dachte, dafi man in Wien nicht mit einer Miitze bekleidet zu Hause 
herumgehen durfe. 

Er sah im Spiegel seinen grauen Kopf, das rote Gesicht, die zusammen- 
gekniffenen Augen, die hinter den Lidern halb verborgen waren, wie 
Lauschende hinter Vorhangen. Er beschlofi, seinen runden Vollbart 
wieder einmal schneiden zu lassen. Dann betete er, wie immer, wie er, 
durch etwa sechzig Jahre, jeden Tag gebetet hatte. Aber seine Gedan- 
ken waren nicht bei Gott, sie schweiften herum, wie freie Fliegen, setz- 
ten sich da und dort, erhoben sich und flogen weiter. 
Mendel, der Wassertrager, der zweiundsechzig Jahre zahlte, war auf- 
geregt wie ein Jungling. 

II 
Man sagte ihm, daE er einen Meldezettel ausfullen miisse. Er schrieb 
mit harten Fingern, langer als eine Stunde, den Sohn Anselm an der 
Seite, auf ein blaues, verwirrend bedrucktes und poroses Papier Vor- 
und Zunamen. Er zeichnete klobige, viel zu grofie und viel zu kleine 
Buchstaben nebeneinander, er setzte jedes Mai die Feder ab, tauchte sie 
wieder ins Tintenfafi, bekam schmutzige Hande, liefl einen schwarzen 
Tropfen auf das gelbe Tischtuch fallen, und Anselm trocknete ihn mit 
Loschblatt und flacher Messerklinge. Dann stand Mendel auf, seine 
Hande schmerzten ihn, und sogar im Oberarm fuhlte er einen un- 
barmherzigen, immer wiederkehrenden Stich. 

Er sollte um die Ecke gehn, in das Polizei-Amt. Er hatte ein wenig 
Angst vor der StraEe. Aber als er unten war, fuhlte er sich wieder 
heimisch. Er sah mehrere polnische Juden. Es war das judische Viertel 
der Stadt. Ein Jude begruftte Mendel: »Woher kommen Sie?« Und 
Mendel erzahlte, dafi er gestern gekommen war. »Eine bittere Stadt 
hier!« klagte der Jude. »Wohin gehn Sie?« »Zur Polizei!« sagte Men- 
del. »Da werden Sie schon sehn!« rief ihm der Fremde nach. 
Wie? Was sollte er denn sehn? Was konnte man auf der Polizei von 



858 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ihm verlangen? Er sah einen Polizisten in der Strafienmitte. Dieser 
Mann trug einen Helm, weifie Handschuhe und einen langen Sabel. 
Mendel trat nahe an den Polizisten heran. Den Polizeileuten seiner 
Heimat war er immer aus dem Weg gegangen. Hier fiihlte Mendel, dafi 
es notwendig sein wiirde, sich an Polizei und Staatsgewalt zu gewoh- 
nen. Er tat es lieber sofort. Er sagte: »Guten Tag, Herr Polizeimann!« 
»Was wunschen Sie?« fragte der Polizist. 
»Ich will zur Polizei gehn!« sagte Mendel. 
»Hier um die Ecke!« sagte der Mann. 

Nun, es war gut abgelaufen. Der Polizist hatte grob sein konnen, er 
hatte schreien konnen, dennoch war er fast freundlich gewesen. Men- 
del hatte sein Gesicht deutlich gesehn und in der Erinnerung behalten. 
Er vergafi diesen ersten Polizisten Europas niemals. Es war ein Mann 
mit blondem Schnurrbart, einem breiten runden und in der Mitte ge- 
buchteten Kinn, einer sehr schonen, geraden und schmalen Nase und 
mit kalten blaublitzenden Augen, - ein Gesicht, wie aus einer Fabrik 
fiir Polizeigesichter. 

Leider safi im Polizeibiiro an diesem Tage der Inspektor Blunk. Er war 
nicht einer der schlimmsten, Er war sogar ein guter Mensch. Er hatte 
manchmal auch Strafiendienst. Dann liefi er die kleinen Strafienhandler 
mit kandierten Friichten ungeschoren. Um die Strafienmadchen kum- 
merte er sich wenig. Ein gutes Herz schlug in seiner Brust. 
Er safi hinter einem holzernen Gitter an einem Tisch und schrieb einen 
Brief an seinen Sohn ins Feld. Da ging die Tiir auf. Mendel trat ein. 
Wieder ein Jud! - dachte der Kriminalinspektor. Je mehr Juden kamen, 
desto schlimmer wurde es im Land. Die Juden aflen viel. Sie handelten 
viel. Sie zeugten viele Kinder. Sie machten die Stadt schmutzig. Sie 
gingen nicht in den Krieg. 

Mendel, der Wassertrager, nahm die Mutze ab und verbeugte sich ein 
bifichen. Er blieb an der Tiir stehn. Auf seinem kleinen runden Schadel 
krauselten sich ein paar graue lange Haare und lieften die gelbe, etwas 
rissige Kopfhaut durchschimmern. Mendel sah den Polizeiinspektor 
an, den rothaarigen, das Profil der klobigen und dennoch flachen 
Nase. Der Beamte erhob sich. Er war so grofi, dafi er mit einer ausge- 
streckten Hand die Decke des Zimmers hatte beriihren konnen. 
Mendel sah das braune Holzgelander, hinter dem der Beamte stand. 
Wozu das Gelander? fragte sich Mendel. Es war wie in einer Art Got- 
teshaus. In dem gelben Aktenschrank wohnte das Allerheiligste. Der 



ANHANG 859 

Beamte stand wie em hiitender Priester davor. Mendel hatte eine unbe- 
stimmte Vorstellung, dafi es so in den Kirchen aussehen miisse. Hinter 
sich fiihlte er die Tiir, durch die er gekommen war, und hinter der Tiir 
die freie Welt mit Luft, Licht und Sonne. Wie merkwiirdig ist das Le- 
ben! dachte der Wassertrager Mendel. Ein freier, wenn auch alter und 
ungebildeter Mensch geht iiber die Strafie, spricht, atmet, konnte sin- 
gen, wenn er wollte. Dann tritt er in ein Haus, offnet eine Tiir und ist 
in der Falle, wie eine Maus. Es war unmoglich, sich zu wenden, wieder 
hinauszugehn. Wie aber, wenn man sagen wiirde, es sei ein Irrtum 
gewesen, nur ein kleiner Irrtum? 

»Entschuldigen Sie«, sagte Mendel, »ich bin falsch gegangen!« 
»Sie sind schon richtig gegangen«, sagte der Beamte und bemuhte sich, 
die heisere, undisziplinierte, zitternde Stimme Mendels nachzuahmen. 
Denn er sah in Mendels Hand den blauen Meldezettel. 
Die Stimme des Beamten schlug tausend Tiiren zu. Mendel trat, be- 
taubt, naher an den holzernen Zaun. Der Beamte nahm den Meldezet- 
tel. Die Schrift gefiel ihm nicht. Er suchte nach den Rubriken. Er fand 
eine, die nicht ausgefullt war. Es war die Rubrik »Beschaftigung«. 
»Womit beschaftigen Sie sich?« fragte en 
»Ich habe nichts, Herr, ich bin zu meinem Sohn gekommen. « 
»Ich meine, was waren Sie? Zu Hause? Wovon haben Sie da gelebt?« 
»Ich war ein Wassertrager!« 

»Was waren Sie? Ein Wassertrager? Das ist mir noch nicht vorgekom- 
men! Davon leben Sie?« 

»Ja, ich habe zwolf Hauser gehabt. Gute Hauser. Da hab ich Wasser 
getragen.« 

»Wozu haben Sie da Wasser getragen?« 

»Die Menschen brauchen doch Wasser! Reiche Leute gehn nicht selbst 
zum Brunnen!« 

»Wo sind Ihre Papiere? Geburtsschein, Paft oder sonstwas?« 
»Was fiir Papiere ?« 
»Dokumente, zum Teufel!« 

Mendel schwieg. Die Stimme des Beamten stand, wie eine Wand. Die 
Stimme verklang nicht, ging nicht iiber in Luft und Nichts. Sie stand, 
die Frage, und wartete. Dokumente?! Wozu Dokumente? War er ein 
Dieb? 

»Ich bin noch nie eingesperrt gewesen!« sagte Mendel leise. Und: »Ich 
bin schon zweiundsechzig Jahre!« 



860 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Wirklich nicht eingesperrt?« fragte der Kriminalinspektor. 
»Nein, so wahr ich lebe, ich bin ein ehrlicher Mann!« 
»Warum haben Sie keine Papiere?« 
»Man hat mir nichts gesagt.« 
»Haben Sie Steuern gezahlt?« 

»Ja« - rief Mendel. Er hatte einmal Steuer bezahlt und eine Quittung 
erhalten. Sie lag, eingenaht im Futter seiner Miitze. Er rifi mit furcht- 
samen Fingern das Innere der Miitze auf. Alte gelbe Watteknauel fielen 
heraus. Der Beamte lachelte. Mendel gab ihm die Steuerquittung. Sie 
war in acht Teile zerfallen und nicht mehr zu lesen. 
Der Beamte schiittelte sich vor Grauen. Er sah Lause. Er fiihlte am 
ganzen Korper gleichzeitig ein Jucken. »Ich glaub Ihnen! Bleiben Sie 
nur!« sagte er. »Ich werde schreiben: Fliichtling! Verstehen Sie mich? 
Ein Fliichtling sind Sie!« 

»Ja, ja«, sagte Mendel und faltete den Steuerzettel und barg ihn im 
Futter der Miitze. 

Er stand wieder draufien, sah Spatzen in der Straftenmitte, Menschen, 
Wagen und Pferde und lehnte sich gegen die Mauer. Er zitterte. Die 
Strafie drehte sich. Er streckte beide Arme aus. Er fiihlte ein blechernes 
Ladenschild im Rucken. Er griff nach beiden Seiten, um sich irgendwo 
festzuhalten. Er sah den Polizisten langsam und feierlich naherkom- 
men. Je naher er kam, desto grofier wurde er. Die Helmspitze beriihrte 
den Dachrand des unermefilich hohen Hauses. 

Der Polizist setzte Mendel auf eine Tiirschwelle. »Fehlt Ihnen was?« 
fragte er und zog die Handschuhe, die weifien, langsam von den Han- 
den. Mendel atmete tief: »Nein«, sagte er, »es ist mir schon gut!« 
Der Polizist holte Wasser aus einem Laden. Er rieb Mendels Schlafen, 
richtete den Alten auf. 

Mendel ging langsam nach Hause. Niemand fragte ihn. Er erzahlte 
nichts. Er hatte gerne gefragt, weshalb die Polizei in dieser Stadt so gut 
und so bose war und beides zugleich. Er griibelte lange dariiber. Aber 
er sagte nichts. 

Er lag die ganze Nacht wach in seinem knarrenden Bett. Er horte 
Schreie in den Strafien, Pfeifen und Gesang, Klingeln der Bahnen, den 
Schrei eines erwachenden Kindes, das halblaute Reden des Sohns, das 
Kreischen ferner Tiiren, er setzte sich und sah einen kleinen Ausschnitt 
des nachtlichen Himmels, der iiber den Dachern klebte mit silbernen 
Sternen, und Gott fiel ihm ein, der oben safi und alles lenkte. Mendel 



ANHANG 86l 

hatte niemals an den Tod gedacht. Jetzt horte er den Todesengel ga- 
loppieren, Mandolinen klimperten unten, Menschen gingen larmend, 
und die Nacht widerhallte von ihren Schritten. 

Ill 
Am nachsten Morgen sagte Mendel zu seinem Sohn: »Ich werde 
nach Hause fahren, Anselm!« 

Anselm ging in die Arbeit. Er sagte schnell: »Spater reden wir dar- 
iiber, Vater!« Er wischte noch einmal mit der Serviette iiber den 
Mund und lief die Stiegen hinunter. 

Mendel fuhr nicht nach Hause. Es gingen keine Ziige. Die Stadt war 
abwechselnd von Russen besetzt und wieder befreit, und aufierdem 
hatte Mendel kein Geld fur die Eisenbahn. Mendel blieb in der Ei- 
sengasse, bei seinem Sohn, bei seiner Schwiegertochter, bei seinen 
sieben Enkelkindern. 

Im Laufe der Wochen gewohnte er sich an die Welt. Ja, er fand so- 
gar Bekannte und Freunde in der Eisengasse. Es war nicht schwer, 
Bekannte und Freunde in der Eisengasse zu finden. Es lebten hier 
viele Schicksalsgenossen Mendels. Die Fluchtlinge lebten und star- 
ben in dieser Gegend. 

Mendel befreundete sich mit dem hinkenden Backer Naphtali. Es ist 
merkwiirdig - und ich habe es schon oft erfahren -, da£ judische 
Backer hinken. Vielleicht kommt dieses Gebrechen von der schwe- 
ren Nachtarbeit im Osten, wahrend der man auf einem geknickten 
und einem geraden Bein stehn mufi, um die Starke des Feuers zu 
beobachten und den geformten Teig auf langstieligen und flachen 
Schaufeln in den Ofen zu schieben. Jedenfalls hinkte dieser Backer 
Naphtali. Seitdem er hier lebte, ein Fluchtling war und keine Arbeit 
hatte, war er unzufrieden und ein Pessimist und mit der Politik be- 
schaftigt. Er prophezeite die Niederlage der Mittelmachte. Er war 
ein Kriippel, und niemand in der Welt wird ihm den Pessimismus 
ubelnehmen. 

Mendel lernte auch den Schneidermeister Korhus kennen, einen rot- 
haarigen Juden in mittleren Jahren, der diinn und lang war, wie ein 
sehr grofier Bleistift; ferner den Schuster Benjamin, einen kleinen 
stammigen Juden mit slawischen Ziigen und einem breiten Mund 
mit schmalen Lippen. 
Aber so viele Juden auch da waren, es gab weit und breit keinen 



862 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wassertrager. Und wie sollte man sich mit Backern, Schneidern und 
Handlern verstehn? 

Ja, Handler waren auch da. Und auch diejenigen, die in der Heimat 
nicht gehandelt hatten, taten es hier. Man handelte mit Mehl und Leb- 
zelten, mit Brotkarten auch. Die Polizei pafite auf, sperrte ein, 
beschlagnahmte und wies die Handler aus. Sie kamen zuriick und han- 
delten wieder. Denn sie waren hungrige und fremde Juden, denen man 
keine Arbeit gibt, wenn sie arbeiten wollen; und die man nicht gut 
bezahlt, weil man sie ohnehin fiir reich halt. Es war Krieg in der Welt, 
ringsum starben die Leute, aber die Lebendigen mufiten leben. 
Mendel verstand nicht zu handeln. Er war ein Wassertrager; der Sohn 
eines Wassertragers und der Enkel eines Wassertragers. Er war ge- 
wohnt, selbst jene Fasser zu fiillen, die Wasser durchliefien. Er bekam 
jeden Freitag seinen festen Lohn. Er war nur ein Wassertrager. 
Er erhielt die staatliche Unterstiitzung fiir Fliichtlinge aus dem Osten. 
Sein Zahltag war Montag. Er steckte ein Stuck Brot in die Rocktasche 
und eine Zwiebel und ging um sieben Uhr friih in den Prater. 
Es war Herbst und kalt. Junge Rekruten marschierten vorbei, um auf 
den Wiesen den Krieg zu erlernen. Die Rekruten sangen. Viele hundert 
Juden standen und warteten, und ein Polizist bewachte sie, ein unwilli- 
ger Hirte. Um acht Uhr morgens offnete man eine holzerne Baracke. 
Drinnen wehte modrige Kalte. Die Kassierer klappten Schalterfenster 
hoch. Das Gemurmel der Wartenden schwebte an der Decke, wie ge- 
flusterte Wolken. Durch ein Fenster sah man im Osten rot und grofi 
die Sonne heraufsteigen. Sie stieg, sie verschwand, es wurde Mittag, 
und man bekam langsam das Geld. 
Mendel brachte es seinem Sohn Anselm. 

Es ging ihm schlecht, dem Sohn Anselm. Sieben Kinder hatte er zu 
ernahren. Das Geschaft schlief ein. Die Gehiifen gingen in den Krieg. 
Die Kunden blieben aus. Anselms Frau konnte nicht sparen. Sie war 
ein KoloE, sie mufke ihr Fett erhalten. Sie ging jeden Tag zum Friseur. 
Sie trug ganz kunstvolle Locken, die sie selbst nicht herstellen konnte. 
Die gelben Blumen ihres Schlafrocks wurden dunkel, immer dunkler. 
Aber ihr Haar wuchs und wuchs und wurde immer prachtiger. 
Sie ging, im Schlafrock und mit dem prachtigen Haar, ins Kino. Es 
befand sich im selben Hause. Man spielte hier von vier Uhr nachmit- 
tags bis elf Uhr nachts dreimal dasselbe Programm. Anselms Frau ging 
um vier Uhr nachmittag hinein und kam um elf Uhr nachts nach 



ANHANG 863 

Hause. Sie begriff nicht leicht, sie mufite ein Drama dreimal serin. In 
ihrer Kuche hingen die Ansichtskarten, auf denen die Beriihmten die- 
ser Welt zu sehn sind; die schonen Schauspieler mit den Augen, die in 
weiten Fernen weilen. 

Die Kinder fielen in die gefullten Waschtrbge. Sie lagen unter herabge- 
stiirzten Wandbildern. Sie spielten Schnee mit den Bettfedern. 
Anselm kam nur einmal am Tag nach Haus. Er a£ zu Mittag und zu 
Abend auf einmal und legte sich schlafen und warmte das Bett fur seine 
Frau. Seinen Vater sah er nur am Sonntag. 

Mendel, der Wassertrager, bekam Essen in der Armenkiiche. Er ging 
eine Stunde in die Kuche und wartete zwei auf die Marke. Dann ging 
er eine Stunde wieder zuriick. Er afi jeden Tag Graupensuppe und 
Dorrgemiise. Dennoch blieb er gesund. Er hatte rote Backchen. Er sah 
aus wie ein altes Kind. Er lernte die Stadt kennen und hone auf, sich zu 
wundern. Er sprach mit Bekannten iiber die Weltpolitik und las Zei- 
tungen. Am Anfang buchstabierte er noch. Spater las er immer flieften- 
der. Als er eine billige Bibliothek sah, abonnierte er. Er begann, Kin- 
derbucher zu lesen, die Marchen von Andersen und Robinson Crusoe. 
Dieser beschaftigte ihn sehr lange. Er traumte vom Meer, von Sturmen 
und von wilden Volkern, wie ein Knabe. Er las auch populare Bro- 
schiiren, die vom Sozialismus und andere, die von den Juden handel- 
ten. Er las in Warmehallen, in kleinen Volkskaffeehausern, und wenn 
er auf die Unterstiitzung oder auf die Speisenmarken wartete. Er war 
nur ein Wassertrager, aber auch ein Jude. Sein Groftvater war noch ein 
Wassertrager gewesen, aber seine Ahnen waren vielleicht Gelehrte, 
Dichter und Fursten. Mendel hatte einen offenen Sinn. Er sah die Tor- 
heiten der Welt und suchte zu ergriinden, ob hinter ihnen nicht doch 
eine Weisheit sich verbarg. Es ging ihm sehr schlecht, aber er war Gott 
dankbar, dafi er ihn hierher gefiihrt hatte, damit er nicht so dumm und 
ahnungslos sterbe, wie es einem Wassertrager geziemte. 
Er lernte einmal den Philosophen Gabriel Tucher kennen, den man fiir 
irrsinnig hielt, weil er sich geweigert hatte, zu schieften und schiefien 
zu lernen. Man entliefi ihn auf unbestimmte Zeit aus dem Heeres- 
dienst. Gabriel Tucher aft auch in der Armenkiiche. Er war Student der 
Mathematik. Er hieft iiberall »der Philosoph«. Mendel, der Wassertra- 
ger, verkehrte mit ihm, weil man von ihm etwas lernen konnte. Er war 
nicht so verriickt, wie er aussah. 
»Sie sind ein Proletarier!« sagte einmal Gabriel Tucher zu Mendel. 



866 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

herabgelassenen Lidern lauerten die Frauen aus Stein, jede hatte ein 
Bein vorgestreckt, als wollte sie ihre stille Ecke verlassen und Mendel, 
dem Hausierer, den Weg verstellen. 

Mendel kaufte einen grauen Strafknanzug. Am nachsten Tag begab er 
sich in die Kleiderborse. Aron Rufer und der hinkende Osias standen 
am Eingang. Sie sahen den grauen Strafienanzug und fragten Mendel, 
was er gezahlt hatte. Er nannte den Preis. Aron Rufer sagte: »Warten 
Sie nicht, bis die Borse beginnt! Es lohnt sich nicht! Ein schlechter 
Stoff!« Der hinkende Osias legte seine Finger auf den Anzug. Er be- 
riihrte den Stoff, als wollte er ihn segnen, mit den Fingerspitzen beider 
Hande. »Ein schlechter Stoff!« wiederholte der hinkende Osias. »Es 
hat keinen Zweck zu warten«, fiigte er hinzu. 

Mendel ging hinein. Die Borse war noch nicht eroffnet. Zehn Handler 
warteten. Alle befuhlten den Stoff des Anzugs, den Mendel auf dem 
Arm trug. »Ein schlechter Stoff !« sagten alle Handler. 
Mendel hatte seine ganze Barschaft dem Offizier gezahlt. Jetzt konnte 
er den Anzug nicht loswerden. Da naherte sich ihm der hinkende 
Osias. »Mendel«, sagte er, »Sie sind unerfahren im Geschaft! Wir ha- 
ben Mitleid mit Ihnen, Aron Rufer und ich. Wir haben uns das so 
iiberlegt: Wir zahlen Ihnen zehn Prozent mehr zum Einkaufspreis. Sie 
uberlassen uns den Anzug. Gehn Sie sofort wieder zuriick zu Ihrem 
Geschaft. Sie sind noch nicht eingearbeitet. Jetzt sind alle Handler 
hier. Vielleicht finden Sie noch einen jungen Mann mit guten Kleidern. 
Heme sind Sie allein auf dem Platz!« 
»Gut«, sagte Mendel, »nehmen Sie den Anzug !« 
Das war Mendels erstes Geschaft. Erst zwei Tage spater erfuhr er, wie 
schlecht er den Anzug verkauft hatte. Rafael Bruck, der den Aron Ru- 
fer nicht leiden mochte, erzahlte Mendel, wie schwer man ihn betrogen 
hatte. Es war der einzige Anzug aus Friedensstoff, der nach drei Jahren 
zum ersten Mai auf der Borse gesehen worden war. 
Mendels ohnehin schwacher Glauben an seine Geschaftstiichtigkeit 
schwand. Dennoch stand er immer noch auf seinem Posten. Er ge- 
wohnte sich an die Strafie. Er wollte sie nicht verlassen. Er stand auf 
einem der belebtesten Platze, im Innern der Stadt, und sah und horte 
mancherlei. Allmahlich befreundete er sich mit den Droschkenkut- 
schern, die in der Nahe ihren Halteplatz hatten. Es dauerte lange, bis 
er ihre Dialektsprache verstehen lernte. Sie baten ihn urn verschiedene 
Gefalligkeiten. Sie gingen jedesmal in die kleine Schenke, um sich zu 



ANHANG 867 

erwarmen. Dann gab Mendel auf die Pferde acht, und, wenn ein Fahr- 
gast kam, lief er in die Schenke und klatschte in die Hande. Man lud 
Mendel ein, etwas zu trinken. Er hatte sich gern einmal betrunken, 
aber er wagte es nicht. Dies, so sagte er, ist die letzte Grenze, die den 
jiidischen Greis von seinen christlichen Altersgenossen trennt. Der 
Jude kann nicht trinken. Und als er einmal gezwungen wurde, zwei 
Flaschen Wein zu leeren, erfuhr er, dafi er sich gar nicht betrinken 
konnte. Er blieb niichtern, wahrend die andern larmten. Er verlor 
nicht fur einen Moment die Besinnung, ja, nicht einmal seine Sorgen 
vergafi er. 

Der Kutscher Wenzel Sirpa hatte zwei Sonne im Feld verloren. Den- 
noch lachte der Alte und war lustig. Es mangelte an Futter fxir die 
Pferde. Die Tiere gingen ein. Die schonen und gesunden Pferde requi- 
rierte der Staat. Aber die Kutscher lachten und larmten und sangen. 
Ihre Lieder verstand Mendel nicht ganz, aber sie gefielen ihm. Wenn er 
in der Nacht nicht schlafen konnte, erwachten die Melodien in ihm, sie 
schlummerten in seinem Kopf, wie Walzer in einem Leierkasten. 
Auch den Leierkastenmann Florian lernte Mendel in der Schenke ken- 
nen. Florian spielte Militarlieder und die Nationalhymne. Diese Melo- 
dien trugen viel ein. »Ich niitze die Konjunktur aus!« sagte Florian. Er 
ging mit seinem Enkel in die Hofe. Im Nebenberuf war Florian ein 
Dieb. Er stahl die Messingkugeln von den Treppengelandern. Er 
wurde eingesperrt und wieder freigelassen. Er kannte den Polizeiarrest 
wie seine Tasche, und er winkte den Polizisten auf den Straiten, wie 
guten Freunden. 

Mendel war, wie gesagt, gerne auf der Strafie. Am Abend stand er 
neben dem ungarischen Maronibrater. Der schenkte ihm ein paar ge- 
bratene Kastanien, eine Kartoffel und einen faulen Apfel. Die klare 
Luft machte Mendels Hunger grower, erhielt ihn aber gesund und 
jung. Es gab kleine graue eiserne Pumpen auf den Strafien, zum Tran- 
ken der Droschkenpferde. Diese Arbeit ubernahm Mendel gerne. Es 
schlug in sein Fach. Er driickte den Schwengel, und das Wasser schofi 
klar, kristallen hervor und rauschte machtig in den Eimer. Es war 
Mendel, als fiillte er noch die Fasser in den Hausern wohlhabender 
Juden. 

Er fragte die Passanten langst nicht mehr nach alten Kleidern. Was 
gingen ihn die alten Kleider an? Er war ein Wassertrager. Er horte 
lieber, was in der Welt vorging, las die Zeitungen in der kleinen 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Schenke und dachte iiber den Kneg nach und die Polkik der Welt- 
machte. Sehr oft vergafi er zu beten. Er erinnerte sich spat, in der 
Nacht, dafi er das Abendgebet vergessen hatte. So wurde der Mensch, 
wenn man ihn aus seinem Boden ausgrub und irgendwohin, in den 
Asphalt der grofien Stadt pflanzte. Ob Gott ihn strafen wurde, fragte 
sich Mendel. Er zweifelte schon lange an der Gultigkeit der Gesetze. 
Der und jener betete nicht, aber verschiedene fromme Juden seiner 
Heimat fielen im Krieg. Es gab keinen sicheren Erfolg der Gebete und 
der Frommigkek. Worin aber bewies Gott seine Existenz? 
Gott hatte sich eigentlich niemals deutlich bewiesen, er belehrte 
nicht, er bestrafte nicht, er hielt Strafen und Belehrungen in den Han- 
den, machte die Augen zu, offnete die grofien gottlichen Hande, und 
ein Regen von Fluch und Segen ging iiber die Erde nieder, und blind 
traf es den einen und den andern. Warum ist mir das friiher niemals 
eingef alien? - fragte sich Mendel. Weil ich gearbeket habe - war die 
Antwort. Die Arbeit verhinderte das Denken. Deshalb sind die arbei- 
tenden Menschen dummer und die nicht zu arbeken brauchen ge- 
scheiter. Deshalb konnte der reiche Naphtali Bloch in meiner Heimat 
Kultusvorsteher sein und schone Reden halten. Denn wahrend ich 
sein Fafi fullte, las er in heiligen und profanen Buchern, unterhielt er 
sich mit gescheiten Menschen und durfte iiber verschiedene Dinge 
nachdenken. 

Also ist die Welt ungerecht, folgerte Mendel, und, wenn Gott sie re- 
giert, ist Gott ungerecht. Es ist eine Siinde so zu denken, aber weshalb 
gibt Gott dem Menschen die Moglichkek, Gedanken zu haben? Die 
unmittelbarste Folge des Denkens ist der Zweifel, und wer zweifelt, 
der leugnet, wer leugnet, der glaubt nicht mehr. Es gab freilich noch 
die Moglichkek, Gottes Existenz uberhaupt zu leugnen. Niemand war 
iiber der Welt, ja, seitdem er wufite, dafi der Himmel nicht aus Por- 
zellan oder Glas war, gab es ja auch keinen Platz fur einen Gott! Wo 
war Gott? 

Uber diese Frage unterhielt sich Mendel in der Armenkuche mit dem 
»Philosophen« und erfuhr, dafi es verschiedene philosophische An- 
schauungen iiber Gott gebe und dafi es durchaus keines glasernen 
Himmels bediirfe, fur eine Macht, welche die Geschicke der Welt 
lenkte. Man konnte auch annehmen, dafi die Menschen zu gering 
seien, als dafi sich Gott mit ihnen beschaftigte. Vom Standpunkt Got- 
tes war die Welt zu klein, das, was ein Kornchen Staub fur den Men- 



ANHANG %6$ 

schen war. Durfte man von einem Menschen verlangen, dafi er sich mit 
einem Staubkornchen abgebe? 

Das war freilich noch nicht die letzte Erklarung. Denn, wenn man 
annahm, dafi Gott sich um die Welt ebensowenig kiimmern konnte 
wie ein Mensch um den Staub, so schrieb man ihm eigentlich menschli- 
che Eigenschaften, ja sogar menschliche Fehler zu. Gerade von einem 
Gott mufite man annehmen, dafi er sich sogar um ein Staubchen kiim- 
mern konne. Wenn der Mensch das Staubchen nicht begriff, so war das 
eben ein menschlicher Fehler. Was war das fiir ein Gott, der menschli- 
che Fehler hatte? 

Auf diese Frage konnte auch der »Philosoph« keine Antwort geben. Er 
konnte nur sagen: »Der Verstand des Menschen reicht nicht aus, Gott 
zu begreifen. Denn Gott ist aufierhalb unseres Verstandes.« 
»Wenn es so ist«, erwiderte Mendel, »warum legen die heiligen Schrif- 
ten einen Sinn in die Gebote Gottes und in seine Existenz?« 
»Das ist eben falsch in den heiligen Schriften«, erwiderte der Philo- 
soph. 

»Es steht aber doch auch sehr viel Kluges darin?« 
»Ja, ohne Zweifel!« 

»Glauben Sie nun, dafi die Verfasser nicht so klug waren wie ich, Men- 
del, der Wassertrager?« 

»Gewifi, aber in einem Punkte eben wollten sic nicht klug sein. Sie 
wollten nur glauben!« 

»Aber sie versuchten gleichzeitig, ihren Glauben durch verniinftige 
Erklarungen zu entschuldigenU 
»Ja, allerdings!« 
»Dann haben sie gelogen!« 
»Vielleicht!« 
»Nein, ganz bestimmt!« 

In die hellen Augen des Wassertragers Mendel kam ein fremder Schim- 
mer, und die Lider, hinter denen seine Blicke immer gelauert hatten, 
wie Lauschende hinter Vorhangen, offneten sich. Es schien Mendel, 
dafi er jeden Tag neue Hiillen wegziehe, und er ging, den Blick zum 
Himmel erhoben, als hatte er die Absicht, ihn von alien Wolken zu 
reinigen. Nachdem er ein paar Mai vergessen hatte zu beten, horte er 
iiberhaupt zu beten auf. Aber zwei Tage spater blieben die regelmafii- 
gen Brief e und Karten seines Sohnes aus. Da beschlofi Mendel, Gott 
noch einmal auf die Probe zu stellen. Sein altes Herz erzitterte, wenn 



87O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

er sich an den Sohn erinnerte. Er dachte an die Tage seiner Kindheit, an 
den kleinen Anselm, den er oft gepriigelt, dem er aber auch dann und 
wann ein Eierplatzchen geschenkt hatte und einen runden Mohnkrin- 
gel und einen grofien kupfernen Dreier. 

Mendel ging in ein kleines Bethaus und betete, schlug sich an die Brust, 
weinte, erhob die Anne, wie um Gott bei seinen erhabenen Kleidern 
zu fas sen, und ging mit verweinten Augen, aber getrostet nach Hause. 
Trotzdem kam kein Brief. Nun bereitete sich Mendel auf die Todes- 
nachricht vor. Aber sie kam nicht. Eine Woche spater kam eine Post- 
karte. Anselm lebte noch. Also lebte auch Gott? Mendel wufite nicht 
mehr, was er denken sollte. Er wurde wieder glaubig. Da traf seinen 
Sohn Anselm eine Granate. Ein Bein mufite man ihm amputieren. Und 
Mendel war uberzeugt von der Nutzlosigkeit aller Gebete. 
Eines Tages erklarte sich Herr Bruck bereit, Mendel ein kleines Be- 
triebskapital gegen angemessene Zinsen vorzuschiefien. 
»Niemals«, sagte Bruck, »werden Sie mit Anziigen Geschafte machen. 
Ich habe gehort vom Ungliick Ihres Sohnes. Ich werde Ihnen einen 
kleinen Koffer zusammenstellen, damit werden Sie auf die Tour gehn.« 
Da fing Mendel an, auf die Tour zu gehn. 



HIOB. ROMAN EINES EINFACHEN MANNES 

Manuskripte 
M/i: Deutsches Literaturarchiv, Marbach a. N. - 124 Blatter von un- 
terschiedlichem Format zwischen Notizbuchgrofte (Ringbuch!) und 
A-4-Format; zum Teil Benutzung von Hotelformularen und -briefpa- 
pier. Schrift in Tinte oder Bleistift. Text mit Korrekturen und Einschii- 
ben versehen. - Vermerk des Archivs: »BL 1 des Manuskripts fehlt. 
Bei der Reproduktion im Kiepenheuer-Verlag verschollen.« Die Re- 
produktion bzw. das Faksimile ist abgedruckt in: Bronsen, S. 383. - 
Dem letzten Satz dieses Eingangstextes (» [. . .] ging sie schwanger.«) 
schliefk sich wie in der Druckfassung der erste Satz von Seite 2 als 
Beginn der Handschrift an: »Gott hatte seinen Lenden [. . .]«. - Manu- 
skript-Ende: »[. . .] Er schlief ein. Er ruhte aus von der Schwere des 
Glucks und der Grofle der Wunder.« 

M/2: AKL (Mappe 218): »Handschrift der Kapitel IV und V der letz- 
ten Fassung des >Hiob<« (Berger, in: Perlefter, S. 258). - Insgesamt 9 



ANHANG 87I 

Blatter. - 3 Blatter davon ungefahr im A-4-Format und tintenbeschrie- 
ben; numeriert mit den Seitenzahlen 2., 3., 4.; Textanfang auf Seite 2.: 
»gewesen sein konnte, vielleicht war es auch an jenem Morgen gesche- 
hen, an dem er selbst geschlafen und nur eines seiner Augen Deborah 
vor dem Spiegel iiberrascht hatte [. . .]«; Textende auf Seite 4.: » [. . .] 
ein Vater, der nicht aufhorte zu staunen, daft dieser Sohn seinen eige- 
nen Lenden entsprossen war.« - 6 Blatter mit der Numerierung: 
V. Kapitel, 2., 3., 4., 5., 6.; Blatter 1 und 2 ungefahr im A- 5 -Format, 
Blatter 3-6 der Lange nach halbiertes A-4-Format; Blatter 1-3 tinten-, 
Blatter 4-6 bleistiftbeschrieben; Textanfang: »Am zwanzigsten Au- 
gust erschien bei Mendel Singer ein Bote Kapturaks [. . .].« 
Textende: » [. . .] und hatte keine Schwierigkeiten mit den Vorgesetz- 
ten. 

Also verrannen die Jahre.« 

M/3: AKL (Mappe 214): erste Seite der Handschrift von Kapitel IV 
(vgl. M/2). - 1 Blatt ungefahr im A-4-Format, tintenbeschrieben und 
mit der Uberschrift »IV. Kapitel«; Textanfang: »Nicht weit von den 
Kluczysker Verwandten Mendel Singers lebte Kapturak [. . .]«; Text- 
ende: »[. . .] Eines Tages, er erinnert sich nicht, wann es«. 

Typoskripte 
T/i : AKL (Mappe 218): Kapitel II. bis V.; die ersten 7 Blatter mit Kap. 
II. sind unpaginiert; Kapitel III. umfafk die Seiten 7-18; Kapitel IV. 
die Seiten 19-25; Kapitel V die Seiten 26-31. 

T/2: AKL (Mappe 218): Durchschlage von T/i: Kap. II. mit den 7 
unpaginierten Blattern; aus Kap. III. die Seiten 13-18; Kap. IV voll- 
standig mit den Seiten 19-25. 

Drucke 
D/i: Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung vom 14. September 1930 
bis 21. Oktober 1930. 

D/2: Joseph Roth, Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Berlin: Gu- 
stav Kiepenheuer 1930. 300 S. 8°. 
D/3: Werke (1956), II, S. 5-137. 
D/4: Werke (1975/76), I, S. 847-980. 



872 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Zur Textkritik 
Die mit dem Hiob vollzogene Verabschiedung Roths vom Zeitroman 
skizziert Berger (in: Perlefter, S. 250-251); zur Entstehungsgeschichte 
des Romans vgl. Bronsen, S. 381-391. - Vom Erscheinungsbeginn an 
fuhlten sich bildende Kiinstler vom Szenarium des Hiob zu dessen vi- 
sueller Umsetzung herausgefordert. »Illustrationen zu Roths Roman 
>Hiob<« fanden die Leser am Sonntag, dem 31. Marz 1931, im Litera- 
turblatt der Frankfurter Zeitung, das seinen Kommentar zum Portrat 
des »Rabbi« und den Genre-Situationen »Deborah fegt die Stube«, 
»Der Saugling Menuchim« und »Fahrt zum Rabbi « folgendermaften 
eroffnete: »Der Roman >Hiob< von Joseph Roth, den unsere Leser 
kennen, die ergreifende Klage iiber das Schicksal eines galizischen Ju- 
den, miindend in den Lobgesang dieses Hiob, der den Weg zu Gott 
zuriickfand und unter den Schauern des Gluckes steht, hat die Zeich- 
nerin Rosy Lilienfeld zu einer Bilderfolge angeregt.« Aus dem Buch- 
druck ein jiingeres Beispiel hervorragender graphischer Gestaltung ist 
die Ausgabe: Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes. Mit 
32 Kreidezeichnungen von Hans Fronius. Berlin und Weimar: Auf- 
bau-Verlag 1986. - Bis zum 20. Tausend wurde das Buch im Berliner 
Kiepenheuer-Verlag veroffentlicht; dann ging es in die Exilproduktion 
iiber: Joseph Roth, Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 21.-25. 
Tausend, Amsterdam: de Lange 1933. - Die Dramatisierung des Ro- 
mans dagegen bot noch der deutsche Verlag an: Joseph Roth, Hiob. 
Die Geschichte eines armen Mannes. Schauspiel in der Bearbeitung 
von Victor Clement. (Biihnen-Manuskript) Berlin-Charlottenburg: 
Gustav Kiepenheuer 1937. 60 S. 8° (Exemplar im Deutschen Literatur- 
archiv, Marbach a.N.). Vgl. dazu wie auch zur ersten Verfilmung des 
Romans: Hackert, S. 378; Katalog, S. 447-451. Naher auf den Film 
»The Sins of Man«, zu dem Roths Hiob umgearbeitet worden war, 
geht ein: Gerhard G. Mack, Frederick Kohner, in: John M. Spalek und 
Joseph Strelka, Deutsche Exilliteratur seit 1933, 1. Kalifornien, Teil i, 
Bern und Miinchen 1976, S. 764-765. Das aus wortlichen Romanzita- 
ten entwickelte Fernseh- Spiel von Michael Kehlmann behandelt aus- 
fiihrlich: Willerich-Tocha, S. 301-320. Ein in den 5oer Jahren verfalkes 
Opernlibretto blieb Fragment: vgl. Harry Zohn, John Kafka, in: John 
M. Spalek (s. oben), S. 426. 
Hier abgedruckt: D/4. 



ANHANG 873 

RADETZKYMARSCH 

Manuskript 
LBI: Joseph-Roth-Collection, AR-C.661/1837. IL7. - 6 Blatter, teils 
mit Tinte, teils mit Bleistift beschrieben, ungefahr im A-4-Format (das 
Archiv gibt den Bestand mit 11 Blattern an); die Seitenzahlung beginnt 
auf dem ersten Blatt mit 10., wo auch von fremder Hand die Uber- 
schrift »Joseph Roth/Radetzkymarsch/I. KapiteU eingetragen ist, 
Textbeginn: »Die Trottas waren ein junges Geschlecht. Erst der Grofi- 
vater Carl Josephs hatte [. . .]« (Reproduktion des Blattes in: Katalog, 
S. 458); die Seiten 11. und 12. setzen den Text luckenlos fort; das Blatt 
der Seite 13 . ist in der Mitte durchgerissen, am Beginn der ersten Zeile 
ist das Wort »Gegenstand« vom Ende der Seite 12. wiederholt, das 
Textende lautet: »Ein paar Wochen spater erhielt er die Mitteilung, 
dafi der Kaiser geruht«; auf Seite 14. geht der Text ohne Unterbre- 
chung weiter: »habe, dem Sohn seines Lebensretters fur Studien- 
zwecke aus der Privatschatulle [. . .]«, von dem Blatt ist nur die obere 
Halfte vorhanden mit dem Textende: »[. . .] schob am Mittagstisch den 
Teller mit kiihnem Schwung von sich [folgen schwer leserliche Wor- 
ter] und«; das sechste Blatt ist als Seite 18. numeriert, hat ungefahr 
A- 5 -Format, ist mit Tinte beschrieben und tragt Bleistiftkorrekturen, 
Textbeginn: »politische Behorde, und die fiinftausend Gulden [. . .]«, 
Textende: »[...] in dem von >unvergessenen Diensten< des selig Ver- 
storbenen zweimal die Rede war.« - Wo der Grofiteil der Romanhand- 
schrift verblieben ist, war auch nach der Sichtung des AKL nicht zu 
ermitteln: »Vom Roman Radetzkymarsch, der 1932 bei Kiepenheuer 
erschien, findet sich im Berliner Nachlaft keine Spur.« (Berger, in: Per- 
Ze/ter, S.258). 



Drucke 
D/i: Joseph Roth, Der Radetzky-Marsch, in: Frankfurter Zeitung, 
17. April 1932 (Sonntag, Zweites Morgenblatt) bis 9-Juli 1932 (71. 
Fortsetzung). - Am 17. April schickte Roth folgende Einleitung vor- 
aus: 



874 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Vorwort zu meinem Roman: »Der Radetzkymarsch«. 

Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die 
osterreichisch-ungarische Monarchic, zertriimmert. Ich habe es ge- 
liebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbiir- 
ger zugleich zu sein, ein Osterreicher und ein Deutscher unter alien 
osterreichischen Volkern. Ich habe die Tugenden und die Vorziige die- 
ses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verlo- 
ren ist, auch noch seine Fehler und seine Schwachen. Deren hatte es 
viele. Es hat sie durch seinen Tod gebiifit. Es ist fast unmittelbar aus 
der Operettenvorstellung in das schaurige Theater des Weltkriegs ge- 
gangen. Die Militarkapelle, die meine Marschkompanie zum Wiener 
Nordbahnhof begleitete, spielte ein Potpourri aus den Melodien von 
Lehar und Straufi, und der Pfiff der Lokomotive, die uns zum 
Schlachtfeld fuhren sollte, verlor sich in den verwehenden Klangen der 
zuriickgebliebenen Trommeln und Trompeten, wahrend unser 2ug 
dem Tod entgegenglitt. Es war eine Woche nach dem Tode des alten 
Kaisers. In der funkelnagelneuen Felduniform, die wir bei der Abfahrt 
trugen, hatten wir bei seinem Begrabnis vor der Kapuzinergruft Spalier 
gebildet. Und es war, als schickte uns noch der tote Kaiser in den Tod. 
Und wahrend er mit dem gedampften Pomp begraben wurde, den das 
ewige Schweigen der Gefallenen und die lauten Wehrufe der Verkriip- 
pelten dem Zeremonienmeister diktiert hatten, wufiten wir alle, seine 
Soldaten, dafi unser letzter Kaiser dahingegangen war und mit ihm 
unsere Heimat, unsere Jugend und unsere Welt. Sein Nachfolger war 
lediglich der ohnmachtige und vorlaufige Verwalter und Zusammen- 
halter eines Erbes, dessen neue Besitzer schon warteten, das verbriefte 
Recht der Weltgeschichte in Handen. Den Willen der Weltgeschichte 
erkannte ich wohl, ihren Sinn verstehe ich nicht immer. Wenn sie 
wirklich das Weltgericht ist, so erscheint sie mir zuweilen nicht weni- 
ger frei von Rechtsirrtumern und -fehlern als ein gewohnliches Be- 
zirks- oder Landesgericht. Denn auf eine aufterst sorglose Weise iiber- 
lafit sie gelegentlich das Urteil iiber die alte osterreichisch-ungarische 
Monarchic dem Kino, der Tonfilmoperette und den lacherlichen Ver- 
kiindern der landlaufigen Schablonenweisheiten. Und man mag daran 
erkennen, dafi die bitter- ernste Klio ihre Aufgaben manchmal ihren 
leichteren Schwestern iibergibt. 



ANHANG 875 

Mir und vielen anderen meiner internationalen Landsleute, die gleich 
mir ein Vaterland und damit eine Welt verloren haben, ist ein ganz 
anderes Osterreich bekannt und vertraut als jenes, das sich in seinen 
Export-Operetten zu Lebzeiten offenbart hat und das sich nach dem 
Tode nur noch in seinem billigsten Export bewahrt. Ich habe die 
merkwurdige Familie der Trottas, von denen ich in meinem Buch »Ra- 
detzkymarsch« berichten will, gekannt und geliebt, die Spartaner unter 
den Osterreichern. An ihrem Aufstieg, an ihrem Untergang glaube ich 
den Willen jener unheimlichen Macht erkennen zu diirfen, die am 
Schicksal eines Geschlechts das einer historischen Gewalt deutet. 
Die Volker vergehn, die Reiche verwehn. (Aus den vergehenden be- 
steht die Geschichte.) Aus dem Vergehenden, dem Verwehenden das 
Merkwurdige und zugleich das Menschlich-Bezeichnende festzuhalten 
ist die Pflicht des Schriftstellers. Er hat die erhabene und bescheidene 
Aufgabe, die privaten Schicksale aufzuklauben, welche die Geschichte 
fallen lafit, blind und leichtfertig, wie es scheint. 

D/2: Joseph Roth, »Der Held von Solferino« (Fragment), in: Arbeiter- 

Zeitung (Wien), 4. Oktober 1932. 

D/3: Joseph Roth, Radetzkymarsch. Roman. Berlin; Gustav Kiepen- 

heuer 1932. 582 S. 8°. 

D/4: Werke(i 95 6), I,S.i- 3 ii. 

D/5: Werke (1975/76), II, S. 9-323. 

Zur Textkritik 
Zur Entstehung des Romans vgl. Brief e> S. 187-223 ; Bronsen, 
S. 391-418; Katalog, S. 457-462. - Die Zeitungsversion (D/i), an der 
Roth wahrend des Erscheinens noch schrieb, wurde von ihm fur die 
Buchfassung (D/3) iiberarbeitet, neu aufgeteilt und erweitert. Eine 
vorlaufige Untersuchung der Fassungsdifferenzen lieferte Barbara 
Schlagenhauf 1975 mit ihrer Tiibinger Examensarbeit. Sie zeigte darin 
unter anderem, dafi Roth besonders den Romanschluft vollig neu ge- 
staltet hat. - Nach wie vor zeichnete Georg Salter fur die Graphik von 
Einband und Schutzumschlag des Buchs verantwortlich. Bereits im 
November 1932 wird vom Radetzkymarsch das 21.-25. Tausend auf- 
gelegt, nachdem die Erstausgabe im September erschienen war. Die 
den Ausgaben beigefiigten Verlagsanzeigen werben fur: Anna Seghers, 
Die Gefahrten; Hermann Kesten, Der Scharlatan; Josef Breitbach, Die 



876 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wandlung der Susanne Dasseldorf; Arnold Zweig, De Vriendt kehrt 
heim. - Die deutschen Ausgaben bis 1965 sind aufgezahlt bei: Hans- 
jiirgen Boning, Joseph Roths >Radetzkymarsch< y Miinchen 1968, S. 11. 
»Die Texte unterscheiden sich in Kleinigkeiten. Besonders die Absatze 
sind verschieden. Die Ausgabe von 1932 teilt z.B. groftere Absatze 
durch Sternchen ab. Orthographie und Interpunktion divergieren in 
einigen Fallen. « (ebd.) - Ebenfalls bei Boning aufgefiihrt sind die 
Funkbearbeitung des Radetzkymarsch (Gert Westphal), die Schwarz- 
Weifi-Verhlmung von Michael Kehlmann und eine Biihnenfassung 
von Caspar Neher und Egon Monk (ebd., S. 12/13). Seine Verpflich- 
tung auf den literarischen Text beweist Kehlmann schon in dieser er- 
sten seiner Roth-Verfilmungen, was ihm prompt die Riigen der Film- 
kritik eintragt. Eine »Fragwiirdigkeit des Kehlmann-Prinzips« nannte 
es Walter Jens, »den redenden Personen Rothsche Kommentare in die 
Miinder zu legen« (Momos, in: DIE ZEIT, 30.4. 1965, S. 16). - Erneut 
dramatisiert und im Gegensatz zur Neher/Monk-Fassung auch insze- 
niert wurde der Radetzkymarsch von Heinz Gerstinger und Erich 
Margo in Wien (vgl. Piero Rismondo, Beides probiert - kein Ver- 
gleich. Dramatisierung von Joseph Roths Radetzkymarsch im Volks- 
theater, in: DIE PRESSE, Wien, 25. 10. 1976). - Als Oper des franzo- 
sischen Komponisten Rene Koering erlebte >La Marche de Radetzky< 
am 4. Oktober 1988 in der Opera du Rhin von Strasbourg seine Urauf- 
fuhrung. Das Libretto verfafite Daniel Besnehard. 
Hier abgedruckt: D/5. 



STATIONSCHEF FALLMERAYER 

Typoskript 
LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-A.557/1838. IIL7.6.: 29 Seiten ma- 
schinenschriftliche Durchschlage mit dem vollstandigen Text (13 Ka- 
pitel, wobei Kap. XIII wie im Druck aus dem einzigen Satz besteht: 
»Hierauf [ . . .] gehort.«) 

Drucke 
D/i: Joseph Roth, »Stationschef Fallmerayer«, in: Hermann Kesten 
(Hrsg.), Novellen deutscher Dichter der Gegenwart, Amsterdam: 
Allert de Lange 1933, S. 279-309. 



ANHANG 877 



D/2: Werke (1956), III, S. 67-90. 
D/3: Werke (1975/76), III, S. 123-145. 

Zwr Textkritik 
Vgl. zur Entstehung: Bronsen, S. 431/32. 
Hier abgedruckt: D/3. 



TARABAS. EIN GAST AUF DIESER ERDE 

Manuskript 
(Nach Bronsen, S. 569/70: »Quelle der Romanhandlung«) Deutsche 
Bibliothek, Frankfurt a. M.: »Das Haus des Herrn Kristianpoller«. - 
3 Blatter mit der Paginierung von Seite 2. und 3. 

Das Haus des Herrn Kristianpoller 

Ich mochte Ihnen gerne die Geschichte dieses Hauses erzahlen, 
ohne viel Umstande zu machen, aber ich fiirchte, dafi Sie der Ge- 
schichte nicht gewachsen sind, solange Sie das Milieu nicht kennen, 
in dem sie sich zugetragen hat. Es sind anderthalb Jahre her, seitdem 
sic sich zugetragen hat, aber das macht nichts. Die Geschichte bleibt 
immer aktuell, und wenn man sie genauer betrachtet, dauert sie 
heute noch an, hat sie heme noch nicht aufgehort, und, wie die 
Dinge liegen, hat sie keine Aussichten, jemals aufzuhoren. 
Das Haus des Herrn Joel Kristianpoller steht auf dem Ringplatz der 
kleinen Stadt Brody, die achtzehntausend Einwohner zahlt, von de- 
nen mindestens funfundzwanzigtausend Juden sind. Die Juden sind 
sehr fromm. Aber noch frommer sind die Katholiken dieser Stadt, 
von denen man nicht weifi, wieso und zu welchem Zweck sie iiber- 
haupt in Stadten vorhanden sind, in denen schon so viele Juden le- 
ben. 

Herr Joel Kristianpoller gehort nicht nur zu den frommsten, son- 
dern auch zu den wohlhabendsten Mannern seines Standes und sei- 
nes Glaubens. Besitz und Glauben hat er von seinen Vatern redlich 
geerbt, unter anderem auch das Haus, das schon seinem GroEvater 
gehort hatte. Aber dieses Haus war durchaus kein gewohnliches. Es 
sieht sehr alt aus, hat unglaublich dicke Mauern, und an den Wan- 



878 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den seiner Wohnzimmer befinden sich alte Heiligenbilder, die natiir- 
lich iibertiincht sind. Sehr tiefe und geheimnisvolle Keller liegen unter 
den Wohnzimmern. Manche Leute, die aber sehr verschwiegen sind, 
wollen gefunden haben, daft von den. Kellern des Herrn Kristianpoller 
ein unterirdischer Gang fiihrt. Wohin? - Zu keinem geringeren Ort, 
als zum alten Schlofi, das aufierhalb der Stadt stent und in dem der 
Konig Johann Sobieski einmal gewohnt haben soil. 
Aus diesen und ahnlichen Anzeichen merkt man, dafi des Herrn Kri- 
stianpollers grofies Haus einmal ein Kloster war. Vielleicht hatte Josef 
der Zweite dieses Kloster aufgehoben und das Haus in den Besitz eines 
Juden gelangen lassen. Jedenfalls war der Herr Kristianpoller ohne 
Zweifel der rechtmafiige Besitzer, lange Jahre hindurch, bis eines Tages 
ein Wunder geschah. 

Es geschah ungefahr funf Jahre nach der Griindung der polnischen 
Republik. Ein einfacher polnischer [Bauer] - er soil den Vornamen: 
Nikolaj tragen - betrat eines Abends den grofien Hof, - ich weiE nicht, 
zu welchem Zweck. Plotzlich erblickte er durch die dunklen Fenster 
eines Zimmers im ersten Stock einen silbernen Lichtschimmer. Neu- 
gierig wagte er sich die Treppe hinauf. Er betrat einen grofien Saal, den 
Herr Joel Kristianpoller als Tanzsaal zu vermieten pflegte. An einer 
Wand dieses Saales stand - die Mutter Gottes. 
Der Bauer bekreuzigte sich, betete und floh. 

Den Bauern seines Dorfes erzahlte er das Erlebnis. Die Bauern erzahl- 
ten es in der Stadt. Ein antisemitischer Verein liefi die Bauern kommen, 
nahm ein Protokoll auf und am nachsten Tag berichteten die Zeitun- 
gen, dafi sich im Tanzsaal des Hauses Kristianpoller die Mutter Gottes 
gezeigt habe. 

Das hatte etwas zu bedeuten. Die Mutter Gottes war bestimmt ge- 
krankt. Hier, an dieser Stelle, war einmal ihr Altar gestanden. Jetzt 
gehorte das Haus einem Juden. Aufierdem tanzte man in diesem Saal. 
Es gait, dem Juden das Haus wegzunehmen und es wieder fur jene 
heiligen Zwecke zu bestimmen, denen es von Anfang an gedient 
hatte. 

An einem Sonntag morgen zog eine tausendkopfige Prozession ro- 
misch-katholischer Bauern zu dem Haus des Herrn Kristianpoller, 
blieb in dem geraumigen Hof, befestigte an einer Wand das Kreuz mit 
dem Heiland und begann zu beten. Von nun an blieb der Hof nicht 
mehr leer. Er wurde ein Wallfahrtsort. Tag und Nacht beteten fromme 



ANHANG 879 

Frauen und Manner aus der nachsten und weiteren Umgebung. Die 
Juden in der Stadt lebten in der Furcht vor einem Pogrom. 
Der fromme jiidische Herr Kristianpoller lief zu den Behorden, die 
beim besten Willen nichts machen konnten. Sie furchteten die glaubige 
Menge. Die polnischen Zeitungen schickten Berichterstatter. Sie be- 
richteten iiber die Wunder in einem ganz selbstverstandlichen Ton, so, 
wie man iiber Butterpreise berichtet und eine Messe und eine Friih- 
jahrsausstellung. Das glaubige Volk wurde noch aberglaubischer. Die 
Antisemiten wurden noch antisemitischer. 

Der Herr Kristianpoller fuhr nach Warschau. Man schlug ihm einen 
Kompromifi vor. Ein Verein erklarte sich bereit, ihm das Haus abzu- 
kaufen. Aber der Verein bot zu wenig. Es begannen langwierige Ver- 
handlungen bei den hochsten Instanzen des Reiches. Sie kosteten viel 
Geld und dauerten langer, als ein Jahr. Bis eines Tages die Entschei- 
dung kam: selbst, wenn sich die heilige Mutter Gottes gezeigt haben 
sollte, so konnte nach den geltenden Gesetzen dem Juden, als dem 
rechtmafiigen Besitzer das Haus nicht genommen werden. Es hatte in 
seinem Besitz zu verbleiben. Er hatte das Recht, den Hof zu sperren 
und Prozessionen nicht mehr einzulassen. 

So lautete die Entscheidung des hochsten Gerichts, die nicht ohne den 
Druck des Parlaments zustande gekommen war. Der Herr Kristian- 
poller hatte nun seines Hauses froh sein konnen, wenn nicht seine jii- 
dische Frommigkeit seiner Freude im Wege stehen wiirde . 
Denn im Hof des Hauses steht heute noch das Kreuz mit dem Hei- 
land. Es hinausschaffen oder vernichten, ware eine Gotteslasterung. 
Hier und da geht ein Bauer in den Hof, kniet nieder und betet. Darf 
man ihn storen? - Ein kleiner Pogrom ware die grofie Folge. 
Die Geschichte hat vor ahnlichen den Vorzug, wahr zu sein. Die Ak- 
ten der polnischen Gerichte zeugen dafiir und die Parlamentsberichte 
des polnischen Sejms. 

Und man lebt im Jahre 1924 nach der Geburt jenes Heilands, der, ohne 
es gewollt zu haben, in der Gestalt seiner Stammesgenossen immer 
wieder gekreuzigt wird. 

Drucke 
D/i: Pariser Tageblatt; II. Jg., Nr. 46 vom 26. 1. 1934 bis Nr. 94 vom 
16. 3. 1934 (Ankiindigung des Fortsetzungsabdrucks in der Sonntags- 
beilage: Nr. 41 vom 21. 1. 1934). 



880 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

D/2: Die Sammlung. Literarische Monatsschrift. Hrsg. von Klaus 
Mann; I. Jg. 1934, S. 26-33: Tarabas. Von Joseph Roth (dazu die Fufi- 
note auf S. 26: »Aus dem demnachst im Verlag Querido erscheinenden 
neuen Roman >Der rote Bart<.«) - Abdruck des ersten Romankapitels. 
D/3: Die neue Weltbiihne. Jg. 1934, Nr. 19, S. 584-585: »Vater und 
Sohn«. Von Joseph Roth (Textanfang: »Unter diesen klaglichen Ju- 
den [...]«; Textschlufi: »[...] An Frommigkeit und Gesetzestreue 
iibertraf er alle andern.« - Vermerk der Redaktion: »Aus: >Tarabas, ein 
Gast auf dieser Erde.< Querido-Verlag, Amsterdam. «) 
D/4: Unterhaltungsbeilage »Jiidische Bibiliothek« zum Israelitischen 
Familienblatt, 22. n. 1934 ff. : »Das Wunder von Koropta« (vgl. Wille- 
rich-Tocha, S. 224/225 und S.412, Anm. 7). - Abdruck des Romans in 
Fortsetzungen unter verandertem Titel. 

D/ 5: Joseph Roth, Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde, Roman, Amster- 
-7#J7 dam: Querido-Verlag(g43> 288 S. kl.8°. (S. 3 f f . : Erster Teil. Die Prii- 
fung; S. \6jit.\ Zweiter Teil. Die Erfiillung) 
D/6: Werke (1956), II, S. 139-285. 
D/7: Werke (1975/76), II, S. 325-472. 

Zur Textkritik 
Die von Bronsen als eigener Besitz angezeigte Handschrift »Das Haus 
des Herrn Kristianpoller« (vgl. Bronsen, S. 664, Anm. 194) gelangte 
iiber das Auktionshaus Stargardt, Marburg (vgl. Katalog 622 zur Auk- 
tion vom 24. und 25-Februar 1981, S. 86, Nr. 243) zusammen mit 6 
Portratskizzen von Willy Freier (vgl. ebd. Nr. 245) an die Deutsche 
Bibliothek, Frankfurt a. M. - Eine Spur des Roman-Manuskripts fin- 
det sich im Briefnachlaft von Friederike Zweig (LBI: Joseph-Roth- 
Collection; AR-C.1595/4011.VIII.). Ihr iibergab mit einem Schreiben 
vom 8. 12. 1939 Andrea Manga Bell gegen 500 Francs »le manuscript 
de Joseph Roth >Tarabas<«, wobei sie sich das Ruckkaufsrecht vorbe- 
hielt, denn »ce manuscript fait partie des > Archives Joseph Roth<«. 
(ebd., No. 3). Ob es tatsachlich wieder in ihre Hande gelangte oder sie 
es durch einen Dritten auslosen liefi, steht mit zwei weiteren Hand- 
schreiben von ihr zur Debatte: Am 6.Januar 1952 (86, rue Olivier de 
terres, Paris) gibt sie eine Eigentums- und Ubereignungserklarung ab" 
(ebd., No. 21 : »Hiermit mochte ich bestatigen, daE das Originalmanu- 
skript >Tarabas< von Joseph Roth mir personlich vom Autor als Ge- 
schenk gegeben worden ist, und daft dieses Manuskript vom heutigen 



ANHANG 851 

Tage an das Eigentum des Herrn Josef Riwkin ist.«) Am 5. November 
1957 fordert sie Friederike Zweig zur Ubermittlung des Skripts an Riw- 
kin auf (No. 25 : »Liebe Frau Zweig, zu Beginn des Krieges iibergab ich 
Ihnen das Manuskript Joseph Roths >Tarabas<. Wiirden Sie die Liebens- 
wiirdigkeit haben [...], dieses Manuskript an Herrn Josef Riwkin, 65, 
rue de Provence, Paris, ubersenden zu lassen?«). Riwkin war »Vertreter 
eines schwedischen Verlags in den dreifiiger Jahren, bei dem er spater 
Verlagsleiter wurde« (Bronsen, S. 679). Nach einem Brief von Ester 
Riwkin an Roth (Stockholm, den 28. Oktober 1936), die Die Beichte 
eines Mbrders ins Schwedische ubersetzt hatte, handelte es sich um den 
»Skoglunds Verlag« (LBI: Roth, Joseph; Bornstein-Collection; AR-B. 
394/4152. V. Geschaftskorrespondenz A.-Z. No. 47). - Die Titelfrage 
fur den Roman war wahrend seiner Entstehungszeit lange ungeklart. So 
schrieb Fritz Landshoff (Amsterdam, 24.JUU 1933) aus dem Querido- 
Verlag Roth zu diesem Thema nach Paris : »Das Kapitel fur die Zeit- 
schrift habe ich gelesen, es ist wunderschon. Ich wunschte, der Roman 
lage erst vor./Unbedingt mu(S die Titelfrage geklart werden - einmal fur 
das Kapitel, dann aber hauptsachlich fur den Roman selbst - da angef an- 
gen werden mufi, zu arbeiten. Der Titel >Der Bart des Juden Manasse< ist 
schlecht. Seien Sie iiberzeugt, in diesem Fall hat Sie Zweig schlecht 
beraten.« (s. o.: Bornstein-Collection; No. 44). Moglicherweise stammt 
der hier noch verwendete Name aus Roths als Quelle benutzter »ukrai- 
nischer Zeitung« (Briefe, S.265: 22. 5. 1933 an Stefan Zweig). - Zum 
Erscheinen des Romans schrieb Landshoff unter dem 25. Mai 1934 an 
Roth: »Wie der >Tarabas< geht, lafk sich noch schlecht beurteilen. Es 
sind etwa 3000 Exemplare bei der ersten Auslieferung herausgegangen.« 
(s.o.: Bornstein-Collection; No. 44). Mit dem Umschlag einer Reihe, 
»Das gute billige Buch«, wurde der Roman 1936 vom Querido-Verlag 
angeboten. Jeder Band kostete 1.75 Gulden. Neben dem Tarabas erhalt- 
lich waren u. a. : Vicki Baum, Der Eingang zur Biihne; Lion Feuchtwan- 
ger, Die Geschwister Oppenheim; Bruno Frank, Cervantes; Leonhard 
Frank, Das Ochsenfurter Mannerquartett; Ernst Toller, Einejugend in 
Deutschland, - Zur Entstehungsgeschichte des Tarabas vgl. Bronsen, 
S. 78/79 und S. 568-570; Hackert, S. 383/384; Katalog, S. 475-480; Fritz 
Hackert, Nachwort, in: Joseph Roth, Tarabas. Ein Gast auf dieser 
Erde, Frankfurt a. M.: Biichergilde Gutenberg 1987, S. 229-284 (Zur 
Figur des Moses Montefiore hegte Roth noch spezielle Publikations- 
Absichten, an die ihn unter dem 31. Oktober 1935 Gina Kaus mit ihrem 



082 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Brief aus London erinnerte: »[ . . .] erinnern Sie sich, dafi Sie mir einmal 
in Wien - wahrscheinlich in der Bristolbar - sagten, Sie wiifiten einen 
besonders interessanten englischen Juden iiber den zu schreiben ein 
grofies Geschaft ware und ich solle dieses Geschaft hier in die Wege 
leiten?/Nun, jetzt bin ich hier und habe alles in die Wege geleitet. Ein 
neuer Verlag mit sehr viel Geld interessiert sich sowohl fiir Ihre wie fiir 
meine Person, er ist bereit, einen grofieren Vorschufi zu zahlen - jetzt 
miissen Sie blofi sagen, um welche Personiichkeit es sich handelt und 
wir konnen den Vertrag machen. [...]«. Roth antwortete am 4. No- 
vember 1935 aus Paris: »[. ..]Es handelt sich darum, die Biographie 
des Moses Montefiore zu schreiben, von dem seine Nachkommen 
selbst wahrscheinlich nicht wissen werden, welche legendarische Be- 
deutung er unter den Millionen Ostjuden hat. Es ware also wichtig, die 
Familie Montefiore in London zuerst dafiir zu interessieren; hierauf 
samtliche erreichbaren Dokumente zu bekommen; drittens fiir den 
Rest, das heifit die legendarische Darstellung wiirde ich garantie- 
ren. [...]« (LBI: Roth, Joseph; Bornstein-Collection; AR-B.394/ 
4152. V. Geschaftskorrespondenz K-Z, No. 23) - Von der Beschafti- 
gung Roths mit Lessing und der Aufklarungsthematik zeugt sein Arti- 
kel »Lessing, ein deutsches Genie« (in: Joseph Roth, Berliner Saison- 
bericht, hrsg. von Klaus Westermann, Koln: Kiepenheuer & Witsch 
1984, S. 449-454. - Vgl. dazu: Katalog, S. 390/391). 
Hier abgedruckt: D/j. 



TRIUMPH DER SCHONHEIT 

Typoskript 
LBI: Joseph-Roth-Collection; AR.-A.557/1838.IILN0.7: 34 Seiten 
Maschinenschrift mit eigenhandigen Korrekturen; Textbeginn auf dem 
unpaginierten ersten Blatt: »Ich hake viel von [...]«; Textschlufl auf 
Blatt 34: »[ . . .] Lachelt nur, lachelt nur! . . .«. 

Drucke 
D/i: Pariser Tageblatt, III. Jg., von Nr. 510 (6.5.1935) bis Nr. 518 
(14. 5. 1935). - In einem Kasten weist die Redaktion auf den Beginn 
des Abdrucks vom »Erlebnis eines Frauenarztes« hin (vgl. Nr. 510). 
D/2 : Joseph Roth, Die Erzdhlungen. Mit einem Nachwort von Her- 



ANHANG 883 

mann Kesten, Amsterdam und Koln; Allert de Lange und Verlag Kie- 
penheuer & Witsch 1973, S. 131-165. 
D/3: Werke (1975/76), S. 146-171. 

Zur Textkritik 
Fur die erste Werkausgabe stand die deutsche Fassung noch nicht zur 
Verfugung; die Erzahlung wurde dort in der franzosischen Uberset- 
zung von Blanche Gidon aus der Zeitschrift Nouvelles litteraires (1., 
8., 15. und 22.9. 1934) iibernommen: Werke (1956), III, S. 201-227. - 
Blanche Gidon gegemiber aufierte sich Roth in Briefen vom 7. und 
14. 6. 1934 liber die Fertigstellung und die Intention des Textes (vgl. 
Briefe, S. 336/337). - Zur Entstehung und Verbreitung vgl. Bronsen, 
S. 433/434; Hackert, S. 384/385; Katalog, S. 467/468. 
Hier abgedruckt: D/3. 



DIE BUSTE DES KAISERS 

Manuskript 
LBI; Joseph-Roth-Co Ilection; AR-C.661/1837.II.1.: 13 Blatter ^hand- 
written pages (H)«; Johnston, S.450; s. unten); enthalten in einem 
Kuvert mit der Aufschrift: »Handschrift der >Bxiste des Kaisers<« (tin- 
tengeschrieben) und dem Bleistiftzusatz »Eroffnet n/7/62 in An- 
wesenheit Hermann Kesten Caroline Birmann«. - 9 der Manu- 
skriptblatter haben Notizbuchformat, sind liniert, kariert oder blank 
und mit Tinte beschrieben; 4 Blatter haben Schreibheftformat, sind 
liniert und mit Bleistift beschrieben. - Die 9 Blatter tragen folgende 
Seitenzahlung: 2. (im Text Ubergang zu Kap. »II.«), 3., 4., 5. (im Text 
Ubergang von Kap. »III.« zu »IV.«), unpaginiert (Textanfang: »Ne- 
benbei gesagt: es war nicht eine Giite [...]«; Textscbluft: »[...] dem 
Volk, wie den Kindern stabile Werkzeuge und gerechte Machtige.«), 
15. 1., 2. 16. , 17. (im Text Ubergang zu Kap. »V.«), 18 .- Die Seitenzah- 
lung der 4 Blatter lautet: 18., 19. (Textanfang: »Dem Grafen Morstin 
aber, der das Dorf einmal mehr verliefi, bedeutete dieses Denkmal 
mehr [...]«; Textschlufi: »[...] Ach! Es hatte keinen Sinn mehr, die 
Augen vor der neuen Welt der neuen Republiken«), 20. (im Text 
Ubergang zu Kap. »VI.«), 21. (mit Kap. »VII.«). - Die Hauptfigur 
heifit durchgehend Graf Morstin. 



884 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Typoskripte 
T/i: LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-A.557/1838.III.N0.7. Novel- 
len A-Z. 2.: 33 Seiten Durchschlage einer Maschinenschrift (Fassung 
(Tai-3) bei Johnston, S.450; s. unten). - Uberschrift: »Die Biiste des 
Kaisers. Von Joseph Roth«. - Textbeginn: »Im friiheren Ostgalizien, 
im heutigen Polen, sehr feme der einzigen Eisenbahnlinie, die Przemsl 
und Brody verbindet [. . .]«. (S. 1) Textscblufi: »[. . .] gelingen ihm zu- 
weilen ein paar denkwiirdige Satze, wie, zum Beispiel, die folgenden, 
die ich mit seiner Erlaubnis hierher setze:« (S. 33). Es fehlen also die 
zwei Schlufiabsatze. - Auch hier heifit die Hauptfigur Graf Morstin. 
T/2: LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-C.661/1837II.2.: 31 Blatter 
Maschinenschrift mit eigenhandigen Korrekturen (zweites der unter 
dieser Position aufbewahrten beiden Exemplare; Fassung (Tbi-2) bei 
Johnston, S. 450, s. unten). - Die Blatter haben A-4-Format und tragen 
folgende Seitenzahlung: 5 Bl. numeriert mit 1-5; 8 Bl. numeriert mit 
5-12 (also doppelte Zahlung von S. 5) und 1 oberes Viertelsblatt von 
S. 13 (auf diesen 9 Bl. wechselt die Maschinentype; es handelt sich 
wahrscheinlich um Durchschlage von T/i, die mit Kopierstift korri- 
giert sind); 16 Bl. numeriert mit 15-30 (Bl. 29 und 30 bestehen aus 
blauem Papier, auf dem wieder die grofiere Maschinentype wie zu Be- 
ginn erscheint); 1 Bl. nochmals von S. 30 (weiEes Papier mit demsel- 
ben, jedoch korrigierten Text wie auf dem blauen Blatt). - Die Na- 
mensschreibung fiir die Hauptfigur schwankt zwischen »Rej« und 
»Rey«; auf den S. 5-13 ist die Schreibung »Graf Morstin« zu »Rey« 
korrigiert. 

T/3: LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-C.661/1837.II.2.: 29 Blatter 
Maschinenschrift im Zweizeilenabstand (erstes der unter dieser Posi- 
tion aufbewahrten beiden Exemplare; Fassung (Tci-2) bei Johnston, 
S. 450, s. unten). - Die Blatter haben A-4-Format und sind durchge- 
zahlt. Auf S. 1 sind die Nennung von Autor und Titel am Kopf des 
Blattes abgeschnitten. - Textbeginn: »Im friiheren Ostgalizien, sehr 
feme der Eisenbahnlinie [.-.]« (S. 1); Textscblufi: »[...] sie suchen 
vergeblich nach sogenannten nationalen Tugenden, die noch fraglicher 
sind als die individuellen. Deshalb mag ich Nationen« (S. 29), also Ab- 
bruch im vorletzten Abschnitt von Kap. VII- Die Hauptfigur heifk 
hier »Graf Franz Xaver Rey«. 



ANHANG 885 

Drucke 
D/i: Pariser Tageblatt, III. Jg., von Nr. 592 (27.7. 1935) bis Nr. 597 
(1. 8. 1935). - Name der Hauptfigur: »Graf Franz Xaver Morstin«. 
D/2: »Die Biiste des Kaisers«, in: Joseph Roth, Romane. Erzahlungen. 
Aufsdtze, Koln: Kiepenheuer & Witsch 1964, S. 343-361. 
D/3: »Die Biiste des Kaisers «, in: Joseph Roth, Die Erzahlungen. Mit 
einem Nachwort von Hermann Kesten, Amsterdam und Koln: Allert 
de Lange und Kiepenheuer & Witsch 1973, S. 166-194 ~ I m Nachwort 
(S. 282) wird auf den Abdruck D/i im Jg. 1935 vom Pariser Tageblatt 
hingewiesen. 
D/4: Werke (1975/76), III, S. 172-192. 

Zur Textkritik 
Bei der Vorbereitung von D/3 schrieb Frau Alexandra von Miquel, die 
im Verlag Kiepenheuer & Witsch Joseph Roths Werk als Lektorin be- 
treute, zur Druckfassung der Novelle unter dem i2.Februar 1973 an 
Fritz Hackert: »>Die Biiste des Kaisers<, erstmalig abgedruckt in >Ro- 
mane-Erzahlungen-Aufsatze<, ist abgeschrieben worden bei uns nach 
einer Vorlage, die uns Richard Friedenthal aus dem Nachlafi Zweig 
19 61 schickte. Ich kann mich jetzt nur nicht mehr erinnern, ob wir 
abgeschrieben haben von einem handschriftlichen Manuskript, oder, 
was ich mehr in Erinnerung habe, von einem Schreibmaschinen-Ma- 
nuskript. [ . . .] Im iibrigen stimmt diese Fassung von uns aber doch mit 
einem von den Schreibmaschinen-Manuskripten aus dem Baeck-Insti- 
tut uberein und aufterdem mit dem Abdruck in der >Pariser Tageszei- 
tung< (sic!) von 193 5. « Aus dem Typoskript, das im Verlag Kiepen- 
heuer & Witsch erstellt worden war, notierte sich Hackert am 
18.4. 1962 eine Reihe von Textpassagen. - Textkritisch untersuchte 
die im Leo Baeck Institut befindlichen Skripten eingehend: Otto W 
Johnston, »Joseph Roth's >Biiste des Kaisers< - the quest for an authen- 
tic text«, in: Modern Language Notes, 89 (1974), S. 448-458. Plausibel 
wurde von ihmdabei die Textabfolge innerhalb des Korpus (Manu- 
skript, T/i, T/2, T/3) rekonstruiert. Hauptsachlich sucht er aber durch 
stilistische Vergleiche und Erwagungen die Behauptung Walther Killys 
zu stiitzen, bei D/2, woraus Killy die Kap. IV-VII in einer Anthologie 
abdruckte, handle es sich um eine »Ruckiibersetzung« aus dem 
Franzosischen (vgl. Walther Killy, Hrsg., Die Deutsche Liter atur. 
Texte und Zeugnisse. 20. Jahrhundert: 1880- 1933, Miinchen 1967, 



506 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

S. 832-844 und S. 1189). Ausgehen kann Johnston von dem Sachver- 
halt, daft Blanche Gidons franzosische Version, die in der ersten Werk- 
ausgabe noch zu lesen ist (1956, III, S. 179-200), mehr als ein halbes 
Jahr vor dem deutschen Erstdruck (D/i) erschienen war, namlich am 
5. und 12. Dezember 1934 in der Pariser Zeitschrift »i934- Le maga- 
zine d'aujourd'hui«. Von den Fassungen des Korpus im Leo Baeck 
Institute sieht er T/i ungefahr mit der deutschen Druckfassung und 
der franzosischen Ubersetzung iibereinstimmen, jedoch den deutschen 
wie den franzosischen Drucktext um identische Einschiibe erweitert, 
die im Typoskript fehlen. Von den Druckfassungen ganzlich verschie- 
den sind das Manuskript sowie T/2 und T/3. Die Authentizitat des 
vom Verlag aus dem Zweig-Nachlafi abgeschriebenen Typoskripts be- 
zweifelt er mit der Vermutung: »the typescript may simply have been 
made from the newspaper installments since the versions are identi- 
cal. « (Johnston, S. 448) Die zentrale These ist nicht, dafi der deutschen 
Zeitungsfassung die Rothsche Autorisierung fehle, sondern sie lautet: 
»the printed German text must be based on the French translation or 
have been constructed after the French version appeared. « (ebd., 
S.452) - Roths Versuch, die >Morstin-Fassung< (T/i) in eine >Rey-Fas- 
sung< (T/2, T/3) umzuarbeiten, geht vielleicht auf die Bestellung eines 
Abdrucks durch den Wiener Telegraf zuriick. Von dieser Zeitung er- 
halt er unter dem 16. 12. 1936 bei einem Aufenthalt in Wien im Hotel 
Bristol die schriftliche Bestatigung der »mundlichen Uberein- 
kunft [ . . .] dafi wir Ihnen eine Novelle >Die Biiste des Kaisers< im Aus- 
masse von 30 Maschinenschreibseiten, mehr oder weniger, zum Preise 
von franz. Francs 1500,- den Wert in Schillingen zum Tageskurs an- 
kaufen. Sie liefern die Novelle in. der ungefahren Zeit von drei Wochen, 
und wir bezahlen bei Ablieferung an die von Ihnen angegebene Ordre 
in Wien. Fur den Vorabdruck kommt innerhalb Osterreichs aufier 
uns niemand in Betracht.« In einem zweiten Brief mit demselben 
Datum und an dieselbe Adresse wird Roth fiir seine angebotenen 
Feuilletons versichert, daft sich redaktionelle Streichungen »keinesfalls 
auf die legitimistische Moral des Artikels beziehen diirfen.« (LBI: 
Joseph-Roth-Collection; AR-C.663/1841.VI. Geschaftspapiere u. a. 
No. 3,1936-1939 A.-Z. [2 Originalbriefe der Telegraf-Zeitungs-Ges. 
m. b. H., Wien]). - Zur Entstehung und Einschatzung der Novelle vgl. 
Bronsen, S. 432/433. 
Hier abgedruckt: D/4. 



ANHANG 887 

DIEHUNDERTTAGE 

Manuskript 
LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-C.660/1836. I. No. 1: 206 Blatter 
mit Handschrift abwechselnd in Tinte und Bleistift; Formatgrofien 
zwischen Notizbuchblattern und A-4 (von der im Archiv genannten 
Blattzahl 220 ist eine Lage von 14 durchgezahlten Blattern abzuziehen, 
die den Artikel iiber den »Kulturbolschewismus« enthalten: vgl. 
Werke (1975/76), IV, S. 589-597.) - Die Manuskriptblatter sind bis 
S. 61 fortlaufend numeriert, dann wiederholt sich diese Seitenzahl auf 
dem nachsten Blatt. Nach den ersten 65 Blattern wird die Paginierung 
kleinteiliger, umfafit zunachst eine Lage von 23 Blattern und dann je- 
weils die Blattzahl der einzelnen Kapitel, die - soweit es ihre Beziffe- 
rung erlaubte - der Reihe nach angeordnet sind. Gelegentlich finden 
sich doppelte Seitenzahlungen sowie eingeschobene unpaginierte Blat- 
ter. - Wie im Typoskript ist hier auch das Konzept der Rahmenerzah- 
lung erhalten: nach dem 169. Blatt folgen 4 Seiten mit der Paginierung 
1., 2., 3., 3. a.; Textbeginn: »Diese Geschichte von den hundert Tagen, 
die ich auf den folgenden Blattern aufgeschrieben habe, hat mir der 
gottselige Anton Wokurka erzahlt, der Freund meines Grofiva- 
ters. [...]« (S.i.) Textschlufl: »[...] Aber in seinem Sinne und nach 
meinen schwachen Kraften, will ich versuchen, sie in den folgenden 
Blattern wiederzu« (S. 3. a.). 

Typoskript 
LBI: Joseph-Roth-Collection; AR-C.660/1836. I. No. 2: 88 Blatter 
Maschinenschrift mit eigenhandigen Korrekturen. - Die ersten 7 Blat- 
ter sind durchpaginiert und enthalten den oben aus dem Manuskript 
zitierten Rahmentext mit dem vervollstandigten letzten Wort (»wie- 
derzugeben«). - Es folgen 81 Blatter, deren Zahlung erneut mit S. 1 
beginnt; Textanfang: »Die Sonne tauchte blutrot, winzig [ . . .]« (S. 1); 
Textschlufl: »[ . . .] Unter den Dienerinnen im Park befand sich auch 
die Magd Angelina Pietri.« (S. 81) 

Drucke 
D/i: Vorabdruck der Kapitel IV und V aus dem Ersten Buch des Ro- 
mans, in: Das Neue Tage-Buch, 3. Jg., Heft 34 vom 24. August 1935. 



038 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

D/2: Abdruck des Kapitels II aus dem Dritten Buch des Romans, in: 
Pariser Tageblatt, III. Jg., Nr. 666 vom 9. Oktober 1935. 
D/3: Joseph Roth, Die Hundert Tage. Roman, Amsterdam: Allert de 
Lange 1936. 296 S. kl. 8°. - Das Impressum nennt als Datum des Co- 
pyrights 1935. 

D/4: Werke (1956), II, S. 641-806. 
D/5: Werke (1975/76), II, S. 473-641. 

Zur Textkritik 
Vgl. Bronsen, S. 570-572; Hackert, S. 379; Katalog, S. 480-483. - Auf- 
fallig ist die Ausstattung des Erstdrucks (D/3) mit weifien Einband- 
deckeln, blauem Riicken und Autorenname wie Titel in Goldpra- 
gung. - Wahrscheinlich um Restbogen, die mit neuem Einband und 
Umschlag versehen wurden, handelt es sich bei der Ausgabe des Ro- 
mans von 1948, wo mit dieser Datumsangabe das urspriingliche 
Erscheinungsjahr auf dem Titelblatt uberklebt ist (Exemplar in der 
Deutschen Bibliothek, Frankfurt a. M.). Auf der hinteren Innenklappe 
des Umschlags sind das 4.-6. Tausend des »Antichrist« und das 21.-25. 
Tausend des Hiob angezeigt. 



NACHWORT 



»Joseph Roth ist nicht von geniigender Bedeutung, um den Ankauf 
von handschriftlichen Fassungen seiner Werke zu rechtfertigen.« Aus 
dem Department of Germanic Languages and Literatures der Harvard 
University erhielt Friederike Zweig im August 1945 diesen Bescheid 
(Brief 22. 8. 1945 von Taylor Starck, Original im LBI), den der Germa- 
nistikprofessor Karl Vietor - Barock- und Goetheforscher, Interpret 
von Holderlin und Buchner und 1937 knapp noch in die USA emi- 
griert - mit seiner Autoritat ausgestattet hatte. Wie vor dem Krieg im 
Fall der Tarabas-Handschrift, hatte die in Paris lebende Manga Bell 
sich an Friederike Zweig gewandt, um in bedrangter finanzieller Lage 
ein Skriptum Roths aus ihrem Besitz zu Geld zu machen. Fur 200 US- 
Dollar bot Frau Zweig aus New York die Handschrift des »Anti- 
christ« der Harvard-Autographensammlung an. Heute wird sie neben 
dem Hiob-Manuskript im Deutschen Literaturarchiv, Marbach a. N., 
aufbewahrt. 

Interesse habe man »nicht, wie bei einem der grofieren Dichter, an 
allem, was aus seiner Werkstatt ging, sondern hauptsachlich an den 
Aufzeichnungen, Briefen und dergleichen, die wirklich Licht auf die 
ganze Periode, in der er lebte, werfen konnten.« Der Zeitzeuge also 
war in Erinnerung geblieben und der Dichter in Vergessenheit gera- 
ten, der seine grofien Publikumserfolge fatalerweise zu erringen an- 
ting, als die Weimarer Republik am Ende war. Was anders sind je- 
doch die zum religiosen Traktat verarbeiteten Feuilletons des »Anti- 
christ« als ein zeitgeschichtlicher Bannfluch auf die ganze Periode, in 
der Roth lebte? 

Die Abwendung des Erzahlers von seiner Epoche bahnt sich nicht nur 
in der politischen Kritik und Sozialpsychologie seiner Gegenwartsro- 
mane an. Roth hat nicht iiber Nacht den Stoff gewechselt, sondern den 
Schritt zu Hiob und Radetzkymarsch in seiner Prosa lange vorher re- 
flektiert. Mitte der zwanziger Jahre hatte er unter dem Eindruck des 
aktuellen Antisemitismus und der Anfeindung ostjiidischer Einwande- 
rer durch ihre assimilierten Glaubensgenossen das Pladoyer seiner »Ju- 
den auf Wanderschaft« (1926) verfaik und mit ihm den Gang in die 
Kindheit angetreten. Den zweiten groften Erinnerungsbereich zitierte 



890 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

er »Fiir Stefan Zweig« mit dem Feuilleton »Seine k. und k. Apostoh- 
sche Majestat« herbei (Frankfurter Zeitung, 6. 3. 1928), nicht von un- 
gefahr im Marchenton: »Es war einmal ein Kaiser. Ein grofier Teil 
meiner Kindheit und Jugend vollzog sich in dem oft unbarmherzigen 
Glanz seiner Majestat, von der ich heute zu erzahlen das Recht habe, 
weil ich mich damals gegen sie so heftig emporte.« Zwar stempeln 
Marchen- und Legendenformeln das Erzahlte deutlich zur Fiktion, 
doch sind mit ihnen Unbarmherzigkeit und Grausamkeit so wenig aus 
der Erinnerung getilgt wie aus Marchenstoffen selbst. Keine heile Le- 
benswelt wird in Roths erzahltem jiidischen Shtetl oder in der Monar- 
chic seiner Trottas beschworen, sondern - mit Claudio Magris gespro- 
chen - eine »Okumene von Bindungen und Beziehungen, in der Af- 
fekte und Gefuhle geteilt und mitgeteilt werden konnten und die 
Ubertragung von Werten moglich war, eine Okumene also, die Epik 
im Sinne einer Hierarchie von Bedeutungen zulieft, als Ordnung von 
Ereignissen und Vermittlung eines solchen Vermogens in der Harmo- 
nie der Erzahlung.« (Weit von wo, 1974, S. 15) Die Ermoglichung von 
geordnetem Erzahlen also, nicht aber das Erzahlen einer geordneten, 
heilen Welt. Vielmehr erleben die kleinen Helden, ob aus dem fernen 
Galizien oder der fernen Kaiserzeit, jeweils eine recht heillose Ge- 
schichte. 

Von Ludwig Renns Roman Krieg (1928) - Erfahrungsnotizen, die in 
zahem literarischen Experiment auf die Optik einer soldatischen 
Durchschnittsfigur ausgerichtet wurden - meinte Carl von Ossietzky 
in seiner Rezension, der simple Erzahlstil deute auf das dokumentari- 
sche Zeugnis etwa eines Friseurs oder Verfassers mit ahnlichem Beruf 
und Bildungsstand. Diesem Konzept von Dokumentarismus, das eine 
Schlichtheits-Asthetik unvermittelt aus schlichter Klasse und Seele ab- 
leiten wollte, war Roth energisch entgegengetreten. Im jiidischen Stoff 
seines Hiob verwirklichte er gleichwohl wie Ludwig Renn oder auch 
Hans Fallada einen Programmpunkt der »Neuen Sachlichkeit«, nam- 
lich die Schilderung von Alltagsleben aus der Perspektive einer passi- 
ven Zentralfigur, die den Kulturmustern und -normen ihrer Umwelt 
gleichermafien angepaEt wie ausgeliefert ist. »Was nun?« fragt sich 
auch Mendel Singer, als seine Lebensordnung stiickweise zu Bruch ge- 
gangen ist. Und mit ihm, dessen Name typisch fur jemand und nie- 
mand unter seinem Volk ist, kennen auch Tausende anderer nichts 
Besseres als die Flucht. Einem breiten Leserinteresse und -verstandnis 



NACHWORT 891 

arbeitet nicht nur der sprichwortlich populare Bibelmythos vor, son- 
dern auch eine literarische Tradition, in der »The Story of a Simple 
Soul« (H. G. Wells, Kipps., 1905) die Romanfabel bestimmt. Den viel- 
kritisierten Schluft von Roths Opus schlieftlich bestreitet metaphorisch 
der Diskurs vom >Wunderkind< Menuchim, die im kindlichen Kriippel 
verkannte musikalische Begabung, aus der fiir den Vater in seiner tief- 
sten Verlassenheit wunderbar Trost und Geborgenheit hervorgehen. 
Handlungsbestimmende Funktion mochte die Kritik der Sprache 
Roths nicht zugestehen, so sehr ihr im iibrigen Lob gezollt wurde. 
Dafi »aus einem in jeder Hinsicht verkriippelten Jungen schliefilich ein 
beriihmter Musiker und schoner Mensch wird«, sei eine Schwache des 
Buchs, mit dem dennoch »einer der wirklichsten Romane der Gegen- 
wart« vorliege. Und der Rezensent hebt gerade die Stil- und Gestal- 
tungskriterien der zeitgenossischen Literaturprogrammatik hervor: 
»Man mochte seine Sprache als eine solche des magischen Realismus 
bezeichnen: statt psychologisierender Auflosung und breiter Erkla- 
rung Festigkeit und aufierste Knappheit, fern dem unmystischen Na- 
turalismus wie dem wirklichkeitsfremden Expressionismus, ruhige 
und scheinbar alltagliche Satze, die leuchten vor Geheimnis.« (Hein- 
rich Liitzeler, »Neue Romane «, in: Hochland, 29, Jg. 1931/32, Bd. 1, 
S.2« 7 ). 

»Ein gutes Buch. Ein Buch von einem Juden fiir Juden geschrieben, 
aber dariiber hinaus denen zuganglich, die hinter religiosen Formen 
das Mysterium des Gottlichen erkennen.« So stand es in der Bespre- 
chung der Leipziger Hefte fiir Buchereiwesen (XVI. Band 1932, Leip- 
zig 1933, S. 45), mit der die Aufnahme des Buchs in die Offentlichen 
Bibliotheken empfohlen wurde und uber das Kauferpublikum hinaus 
dem Roman eine grofte Leserschaft in Aussicht stand. Die jtidische 
Literaturkritik allerdings entwickelte dem Werk gegeniiber Vorbe- 
halte, wie sie auch in den wissenschaftlichen Interpretationen von 
Roths Hiob nicht verstummten. Sie wurden speziell in der J udisch en 
Rundschau formuliert und reichten von dem Vorwurf, das mit dem 
Titel angekiindigte Handlungsschema zu verfehlen, liber den Nach- 
weis von falscher Terminologie bis zur Behauptung, die Diffamie- 
rungsgrenze zu iiberschreiten: »daft Mendel [.. .] seine Gebetriemen, 
die er aus Protest nicht mehr gebraucht, fiir ein kleines Entgelt ver- 
leiht, das ist lebensunwahr und mufi als unverstandliche Geschmacklo- 
sigkeit bezeichnet werden.« (Sch. Gorelik, in: Judische Rundschau, 



892 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Nr. 93 vom 25. 11. 1930, S. 627) Noch weiter in seiner Ablehnung ging 
bei aller Anerkennung von Roths dichterischem Konnen der Jiddi- 
schist, der »diesen >Hiob< . . . im Grunde nur eine Ubersetzung aus 
dem Jiddischen« nannte und ihn als schwaches Echo auf die ostjiidi- 
schen Klassiker empfand. (A. Suhl, in: ebd., Nr. 25/26 vom 1. 4. 1931, 
S. 162) 

Sein Bekenntnis zur osterreichisch-ungarischen Monarchie, die dem 
Willen der Geschichte zum Opfer gefallen sei, eroffnet Roths Vorwort 
zum Zeitungsabdruck des Radetzkymarsch. »Ich habe es geliebt, die- 
ses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbiirger zu- 
gleich zu sein, ein Osterreicher und ein Deutscher unter alien oster- 
reichischen V6lkern.« Man mufi sich die politische Entwicklung vor 
Augen halten, die in den beiden jungen Republiken Deutschland und 
Osterreich nach 1930 auf faschistische Diktaturen zulief, um die Be- 
schworung eines solchen Vaterlands durch Roth zu verstehen. »Seine 
Fehler und seine Schwachen« leugnet er nicht. »Deren hatte es viele. Es 
hat sie durch seinen Tod gebiifk.« Eine nostalgische Verklarung der 
k.u.k. -Monarchie in dem Roman zu erblicken konnte keinem Zeitge- 
nossen gelingen. Vielmehr fand er nachweisbar auf der politischen Lin- 
ken Zustimmung, wie er auf Bedenken gerade konservativ-monarchi- 
stisch orientierter Leser stiefi. Als die Wiener Arbeiter-Zeitung am 
4. 10. 1932 eine langere Passage abdruckte, nahm von der Redaktion 
Otto Koenig zur Struktur und Tendenz der Geschichtsdarstellung das 
Wort und brachte deren Konzept exakt auf den Nenner: »Nichts an- 
dres und nichts mehr als eine Art militarischer Reflexbewegung hatte 
den Grofivater und mit ihm seine Nachkommen in den Ruhmesglanz 
kaiserlicher Gunst geriickt, aber dieser Ruhmesglanz hat das ganze 
Geschlecht in den Schatten einer Tradition gestellt.« Einer Tradition, 
die in ihrem hochsten Reprasentanten sichtbar zum Untergang verur- 
teilt war: »Die Gestalt des greisen Franz Josef, eine dichterische Ver- 
klarung seniler Vergeftlichkeit und Verstandesschwache, ist von Josef 
Roth durch manchen unschuldig schlichten Satz ganz sardonisch cha- 
rakterisiert.« (ebd.) Was Wunder, wenn der Hofrat von Wiesner, der 
zwischen Standestaat-Regime und dem Thronpratendenten Otto von 
Habsburg agierte (vgl. Briefe, S. 282), dem Osterreich-Patriotismus im 
Radetzkymarsch mifkraute: »Als Kunstwerk habe ich das Buch sehr 
bewundert.«, schrieb er am 25. September 1933 an Roth (Brief im 
LBI). »Uber seinen propagandistischen Wert fur die osterr. Idee miis- 



NACHWORT 893 

sen wir sprechen, da ich in diesem Punkt Vorbehalte habe.« Worum es 
sich bei diesen unter anderem handelte, vertraute Roth ein Jahr spater 
Ernst Krenek in einer Charakteristik des Herrn von Wiesner an: »Er 
halt meinen >Radetzkymarsch< z. B. fiir eine Beleidigung des Franz Jo- 
seph!« (Briefe, S. 391) 

Ob im depremierenden Niedergangstenor des Radetzkymarsch nicht 
auch der Widerhall republikanischen Verfalls zu erkennen ist, diirfte 
als Frage nicht umgangen werden. Zunehmend hatte Roth im Lauf der 
zwanziger Jahre seine Aufenthalte in Deutschland verkurzt und sich 
wie andere deutsche Schriftsteller zu dieser Zeit in Frankreich ein poli- 
tisch-zivilisatorisches Gegenbild errichtet. Dort auch waren in Gesell- 
schaft von Stefan Zweig grofie Teile des Radetzkymarsch entstanden, 
zehn Jahre vor dessen Riickblick auf die »Weit von gestern« (1942). In 
der deutschen Situation entdeckten ihre intellektuellen Diagnostiker 
kaum noch einen Hoffnungsschimmer: »Auf die Frage, was denn 
heute noch sei,« gab Karl Jaspers 1931 die Antwort: »das Bewufksein 
von Gefahr und Verlust als das Bewufksein der radikalen Krise.« (Die 
geistige Situation der Zeit) Aufgefangen wurde der geschichtliche Sinn- 
und Wertverlust durch Regressionsmythen, welche in diesen Jahren 
auch das Rothsche Erzahlwerk zu durchziehen beginnen. Nach dem 
Muster von Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes, dieser von 
Roth angeblich geschatzten und nach dem Ersten Weltkrieg uberaus 
popularen Geschichtstheorie, ist es der naturverhaftete Bauernstand, 
an dem die historischen Entwicklungen voriibergehen und der somit 
auch ihren Katastrophen entkommt. Von Sipolje und ihrem landlichen 
Ursprung gelost, werden die Geschlechter der Trottas in den Unter- 
gang der Monarchie gerissen, dem sie immer wieder in landliche Idylle 
und Naturverbundenheit zu entfliehen versuchen; vergeblich, wie sich 
am letzten von ihnen erweist, der vom Militar seinen Abschied nimmt 
und auf dem Gutshof seines polnischen Adelsfreunds Bauer spielt, um 
dann doch an die Front eingezogen zu werden, aber noch im Sterben 
den Ruf seiner Truppe aus ukrainischen Bauern zu vernehmen: »Ge- 
lobt sei Jesus Christus!« Im Epilog, den Roth aus dem 21. Kapitel der 
Zeitungsfassung fiir die Buchausgabe entwickelte, wartet dann der Be- 
zirkshauptmann in einer Gruppe von »niederem Gesinde« vor dem 
Schloft von Schonbrunn auf den Tod des Kaisers. Ein Gartner ist es, 
der sich nach dem Befinden des Herrschers erkundigt und die Antwort 
erhalt: »>Nichts Neues! Er stirbt!< Der Gartner entfernte sich, mit dem 



894 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Spaten ging er dahin, die Beete umgraben, die ewige Erde.« Und sie 
schickt in seinen Tod schliefilich dem Bezirkshauptmann der einzige 
Freund nach, den er besessen hatte: Doktor Skowronnek »brach eine 
Scholle aus der nassen Erde und zerkriimelte sie in der Linken und 
warf mit der Rechten die einzelnen Krumen auf den Sarg.« 
Dafi in der Sterbeszene des Kaisers ein Kapuzinermonch die Beichte 
abnimmt, ist ein weiteres Indiz fiir den weltanschaulichen Standort, 
auf den sich Roth zubewegte. Nach Hitlers Machtergreifung ebenso 
wie davor ein kompromifiloser Gegner der Nationalsozialisten, enga- 
gierte er sich - von Deutschland ausgeschlossen - fiir die politischen 
Separatlosungen, die Osterreich seine Selbstandigkeit zwischen Mus- 
solinis Italien und dem Deutschen Reich erhalten sollten. Dem Sozia- 
lismus und seiner revolutionaren Variante, von welcher in den zwanzi- 
ger Jahren viele seiner Schriftsteller-Kollegen so enthusiastisch berich- 
teten, hatte er schon vor der Rufiland-Reise abgeschworen. »Ich 
glaube... an die furchtbare Existenz einer Art von >Spiefiproleten<«, 
hiefi es in einem Brief vom 2. 6. 1926 an die Frankfurter Zeitung, 
» . . . einer Spezies, die mir die Freiheit, die ich meine, noch weniger 
gestattet, als ihre biirgerliche Verwandtschaft.« (Briefe, S.91) Im Fall 
der osterreichischen Sozialisten blieb fiir Roth auch in der bedrohten 
Lage der Republik unvergessen, dafi ihre Partei innerhalb einer massi- 
ven deutschnationalen Tradition den Anschlufi an das Deutsche Reich 
vertreten hatte. Nun fand er sich in jenem biirgerlichen Lager Oster- 
reichs vor, das die Schollenmystik, von deren volkischer Version er 
sich distanziert hatte, in ihrer katholischen Version pflegte und ein 
politisches System erzwang, das sich nur durch seine standisch-kleri- 
kale Struktur vom Faschismus mit Massenbasis in den Nachbarstaaten 
unterschied. Joseph Roth lafit sich auf Klerikalfaschismus und Christ- 
lichen Standestaat ein in der Hoffnung, Osterreich damit fiir das Haus 
Habsburg zu konservieren: »Aber in Osterreich ist die Geschichte so, 
dafi Herr Dollfufi innerlich bereit ist, die Monarchic anzuerkennen.« 
{Brief e, S. 282: an Stefan Zweig, 2. 10. 1933). 

Den Grund fiir Roths Legitimismus, fiir seine Unterstiitzung einer Re- 
stauration des Hauses Habsburg, hat man mit Recht seiner judischen 
Herkunft zugeschrieben. Der Kaiser selbst hatte die Juden, welche vor 
zaristischen Pogromen nach Westen und damit in die osterreichischen 
Gebiete der Ukraine und Polens flohen, unter seinen Schutz gestellt. 
Jetzt konnten sie nach Roths Auffassung seinem Nachfolger wieder 



NACHWORT 895 

zum Thron verhelfen. Mit dem Plan, eine »Broschiire iiber die Habs- 
burger« zu verfassen, vertraut er Stefan Zweig in einem Brief vom 
9. Mai 1933 an: »jetzt braucht man auch die Juden. In aller Diskretion: 
die Christlichsozialen (Vaugoin-Richtung) sind im Augenblick mit 
uns.« (Brief e, S. 264) Katholiken vereinigt mit Juden: das politische 
Wunschziel konstituiert den nachsten Roman, iiber den es kaum zwei 
Wochen spater wiederum brieflich heiftt: »PAR DISCRETION: St. 
Julien l'hospitalier auf modern, statt Tiere: Juden, und zum Schlufi die 
Entfuhrung. Sehr katholisch.« (22. 5. 1933 an Stefan Zweig; Brief e, 

s.z6 5 ). 

Die Tatsache, dafi nach dem Radetzkymarsch Roths weitere Erzahl- 
werke kontinuierlich in Exilverlagen und der Exilpresse erschienen, 
bezeugt ebenso wie seine ununterbrochene politische Polemik, dafi er 
sich zur antifaschistischen Emigration zahlte. Keineswegs ist damit 
aber gesagt, dafi jeder Roman und jede Novelle von ihm politisch eine 
Botschaft oder ein Programm transportierte. Brauchen Fliichtlinge 
manchmal nicht auch Erholung von Kampf und Verfolgung? Vor dem 
problemgeladenen Tarabas, dessen Entwurf eben zitiert wurde, steu- 
erte Roth zu Hermann Kestens Novellen Deutscher Dichter der Ge- 
genwarty einer durchaus unterhaltsamen Exil-Anthologie, die schwer- 
miitige Liebesgeschichte vom Stationscbef Fallmerayer bei. 
Und selbst fur den Tarabas vertrat er die Ansicht, er konne der jiidi- 
schen Zeitung, die ihn innerhalb des Dritten Reichs unter einem an- 
dern Titel veroffentlichte, keinen Schaden eintragen. »Ich glaube 
nicbty« schrieb er unter dem 12, 9. 1934 aus Nizza an die Redaktion des 
Israelitischen Familienblattes in Hamburg, »dafi staatspolitische Be- 
denken in Deutschland gegen eine Veroffentlichung dieses Romans be- 
stehen.« (Brief im LB I) Wenn die »ukrainische Zeitung«, der Roth sei- 
nen Stoff entnommen haben will (vgl. Brief e, S. 265), auch die Vorlage 
zu dem Fragment »Das Haus des Herrn Kristianpoller« lieferte, dann 
ist ihr Jahrgang vielleicht durch dessen letzten Satz zu datieren: »Und 
man lebt im Jahre 1924 nach der Geburt jenes Heilands, der, ohne es 
gewollt zu haben, in der Gestalt seiner Stammesgenossen immer wie- 
der gekreuzigt wird.« Von einem Pogrom im ukrainischen Teil des 
nach dem Ersten Weltkrieg neugegnindeten Polen handelt der Roman, 
und seine zu dem zitierten Fragmentschlufi analoge Textstelle geht auf 
die Furcht der Juden vor den katholischen Monchen ein, an denen sie 
»das starke, metallene Kreuz (erschreckte), das wie eine Waffe an der 



896 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Hiifte der Briider hing, das Kreuz, das einst zu grauenhaftem Zweck 
errichtet zu haben man ihren Vorvatern vorwarf, das alien Volkern der 
Erde Segen zu bringen verhiefj und ihnen allein nur Fluch und Jammer 
brachte.« 

Bei einer ausfuhrlichen Besprechung von » Roth's Hiob« im Literatur- 
blatt der Frankfurter Zeitung vom 4. 1. 193 1 hatte der Kunstkritiker 
Julius Meier-Graefe die neueren Klassiker legendarischen Erzahlens 
herangezogen und Roths biblisierendes Verfahren, den Rekurs auf die 
vorgegebenen Formeln und Bilder, mit der Erzahlweise Flauberts ver- 
glichen: »So loste einst Flaubert, der Literal im Elfenbeinturm, der 
alles Formulieren verdammte, den Vorhang von dem alten Glasbild 
einer Kirche und dichtete den Julian, sein Meisterwerk — Flaubert 
wies dem alten Glasfenster, dem er die Geschichte zu entnehmen vor- 
gab, die Verantwortung fiir die Formulierung zu, Daher hielt er es fur 
angebracht, im Bereich der alten Legende zu bleiben und die Begeben- 
heit glasfensterhaft zu malen. Er verbramte sie mit archaischer Akribie. 
Am Schlufi aber, wo Julian mit dem Aussatzigen zum Himmel fahrt, 
geht die Stimme Gottes mit ihm durch, und die Gemeinde erlebt das 
Wunder. Hinterher mag uns der ungeheuerliche Aufwand dieser Regie 
lohnend erscheinen. Roth besitzt nicht das funkelnde Geschmeide des 
Julian-Dichters, der seinen Stramin mit Edelsteinen stickte, und er be- 
darf nicht dieser Akribie. Die Geschichte des Mendel Singer aus Polen 
ist gestern passiert und wird morgen wieder passieren, und trotzdem 
erreicht sie die gleiche Hohe des Sinnbilds. Hinterher mag uns der 
Aufwand an Menschenliebe klar werden und lohnend erscheinen. « 
Einer legendarischen Geschichte aus Polen wie seinem Tarabas das 
Exempel Flauberts zu unterlegen, dazu durfte sich Roth also angeregt 
und ermutigt fuhlen. Und tatsachlich sind Aufstieg und Fall des solda- 
tischen Pseudohelden in den Bildern erzahlt, die er andern von sich 
vermittelt oder von seiner Umgebung wahrnimmt. Seine Passion deu- 
tet sich in ihnen an und vollzieht sich in ihnen, die angefangen vom 
Kino bis zur Ikone die Verheiflung ausdriicken und schliefllich be- 
wahrheiten. 

Wie der Tarabas, so wurden auch die beiden Novellen »Triumph der 
Schonheit« und »Die Buste des Kaisers « in Fortsetzungen des Pariser 
Tageblatts abgedruckt. Auf ein Unterhaltungs- Genre zielt die redak- 
tionelle Ankiindigung der ersten Geschichte, die das »Erlebnis eines 
Frauenarztes« schildere. Von Blanche Gidon iibersetzt, erschienen die 



NACHWORT $97 

zwei Erzahlungen zuerst in franzosischen Blattern, ehe die deutschen 
Fassungen in der Pariser Emigrantenzeitung zu lesen waren. Roth kam 
nun urn die Literaturszene nicht mehr herum, die er im Herbst 1932 
noch seiner Ubersetzerin voll Abscheu charakterisiert hatte: »Was 
mich argert, ist, . . . dafi man, besonders in Frankreich, die fremde Lite- 
ratur schlecht bezahlt, schlecht ubersetzt und schlecht verkauft. Mir ist 
das Wort zu teuer, als dafi ich zusehen konnte, wie eines meiner Worte 
nach dem anderen verfalscht und verdreht wird - und nur, weil die 
Verleger weder den falschen Ehrgeiz aufgeben wollen, fremde Litera- 
tur herauszugeben, noch zugeben, dafi sie nicht Geld genug haben, es 
wiirdig zu tun. Wenn ich mir diesen wider lichen Betrieb der Literatur: 
une heure avec, die kommunistisch kokettierende Nouvelle Revue 
Francaise, die stupiden >konservativen< Zeitschriften in Paris ansehe, 
diese Freundschafts-Cliquen, diesen Snobismus, der vor jeder >Neu- 
heit< auf den Knien liegt, vor dem verworrenen Joyce, vor jedem 
Nachkriegstrottel Deutschlands, vor jeder >Nouveaute<, kurz gesagt: 
faflt mich das Grauen! Die Literatur- Wirtschaft ist ganz eine Mode- 
und Konfektions-Angelegenheit geworden — «. (Brief e, S. 233/234) In 
ihr hiefi es nun jedoch, sich zu behaupten. Und dabei war es mit der 
Verfechtung einer politischen Position nicht getan. Eindeutig spiegelt 
»Die Biiste des Kaisers« Roths legitimistische Uberzeugung, doch 
franzosischen Lesern war das merkwiirdige und entlegene Ereignis 
wohl schwer nahezubringen. 

Anders der historische Stoff, den Roth danach in Angriff nimmt, 
selbstverstandlich in legendarischer Manier, denn darauf hatte er sich 
inzwischen spezialisiert, wie sein Plan einer Montefiore-Biographie 
uns verrat (vgl. Anhang zum Tarabas). Dem Untergang des kaiserli- 
chen Osterreich stellt er nun den Untergang des franzosischen Kaisers 
zur Seite, und zwar als Hiob-Schicksal und in einem Soldatengott, der 
ahnlich dem Tarabas seiner Macht beraubt wird und zu christlicher 
Demut gelangt. »Die Hundert Tage« wurden mit Leseproben nicht 
nur in Exilzeitschriften bekanntgemacht, sondern auch in deutschspra- 
chigen Blattern wie der Prager-Presse (5. 11. 1935). Und Roths Ver- 
such, den zeitgenossischen Diktatoren eine alternative Fuhrerfigur ge- 
geniiberzustellen, fand in der Ausstattung des Buchs eine Wurdigung 
fast iiber Gebuhr. Der Roman nimmt sich in der Nahe des Traktats 
vom »Antichrist« wie eine weitere Schrift zu religiosem Gebrauch aus, 
ein historisches Exemplum mit dem Aufruf zur Nachfolge des Chri- 



898 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

stus-Napoleon. Im Neuen Tage-Buch vom 11. 7. 1937 kam Roth bei 
der polemischen Kommentierung des Besuchs, den der italienische 
Chef des Geheimdienstes vor der Reise Mussolinis Berlin abstattete, 
auf den Unterschied zwischen dem historischen Typ des Gewalthabers 
und dem zeitgenossischen zuriick: »Ein kultivierter Usurpator - Na- 
poleon - der seinen Fouche voranreiten lafit, ist undenkbar. Er war 
zynisch, wie jeder Gewaltige auf Erden. Aber der Parvenu von heute 
demonstriert seinen Zynismus.« 

Und das Volk? » . . . will einfach einen >guten Herrn< sehn«, wie Roth 
in der »Biiste des Kaiser« konstatiert hatte. Verkorpert in der Wasche- 
rin Angelina Pietri, folgt es in den »Hundert Tagen« ergeben seinem 
Idol; als Masse auftretend, macht es johlend jeden Machtwechsel mit 
und trampelt nieder, wer sich ihm in den Weg stellt. Wieder einmal 
waren die Bourbonen am Zug, deren Anhangern die kaisertreue Ange- 
lina mit Hochrufen auf Napoleon entgegensturzte. Man fafite sie und 
warf sie hoch, »dann fiel sie irgendwo nieder, und unendlich mar- 
schierte die Menge weiter,« Roths Monarchismus wird durch seine 
Absage an die Massengesellschaft erganzt, die im Europa der dreifiiger 
Jahre entweder zu militanten Gewaltposen iiberging oder vor diesen 
eine angstliche Gaffer-Rolle einnahm. Dafi in diesen Jahren deutsche 
Exilanten in Frankreich ihren Antifaschismus zu einer Volksfront for- 
mieren wollten, konnte bei ihm kaum auf Verstandnis stofien. 

Fritz Hackert Tubingen, im Oktober 1989